Der weiße Faden

Als ich morgens aufwache, liegt ein weißer Faden am Fuß des Bettes. Ich behalte ihn im Auge, während ich mich anziehe. Draußen ist es dunkel. Ich stecke zwei Mandarinen ein, nehme den Faden auf und folge ihm. Er führt in meine Schreibhefte und zieht mich hinter sich her. Ich werde zu Buchstaben, es piekst und kitzelt, dann bin ich hinter den Seiten.
Es ist dunkel, nur ein paar Fenster leuchten. Ich gucke in eins hinein und da schläft Herr Miesling. Er schnarcht leise, sein Engel liegt wach und unentspannt neben ihm. Als er mich sieht, winkt er und lächelt. Ich lächle zurück. Hinter dem nächsten Fenster läuft mein Schweinehund auf und ab und diskutiert mit mir. Oder ist es mein Spiegelbild? Ich klopfe ans Fenster. Mein zweites Ich sieht auf und lacht, mein Schweinehund wirft mir eine Kusshand zu.
Der Faden leuchtet weiß in der Dunkelheit, ich lasse ihn über meine Buchstabenfinger gleiten. Aus der Finsternis kommt der Goldfisch geschwommen und fragt, ob ich wüsste, wo der Weg sei? Er hätte sich verirrt. Ich deute vage mit einer Hand irgendwohin, der Goldfisch bedankt sich und schwimmt davon.
Der Faden führt mich durch ein Labyrinth von Gedichtzeilen, vorbei an der Halde der verworfenen und unvollendeten Geschichten. Sie leuchten grünblau und schweigen vorwurfsvoll. Ich komme an ein weiteres, erleuchtetes Fenster. Wellenbrink und Gnorm sitzen am Küchentisch, trinken schwarzen, süßen Kaffee und Likör. Sie sehen mich nicht.
Der Faden zieht mich weiter. Aus der Dunkelheit schält sich ein Cafétisch mit zwei zierlichen Eisenstühlen. Auf einem von ihnen sitzt Fräulein Honigohr. „Da bist du ja“, sagt sie, „ich warte schon endlos. Du hast zwei Mandarinen. Gibst du mir eine ab?“
Ich nicke, dann sitzen wir auf den Stühlen und schälen unsere Mandarinen.
„Und nun?“ fragt sie.
Ich zucke mit den Achseln.
„Herr Riebesiel ist da hinten auch noch irgendwo“, sagt sie. „Und Lucius. Janne auch. Du weißt doch wohl, was du zu tun hast, oder? Das Wasserschwein wartet seit letztem Jahr. Du kannst uns nicht im Stich lassen!“
Ich esse meine Mandarinenschnitze einen nach dem anderen. Fräulein Honigohr verschränkt die Arme. Sie guckt streng. Der Faden leuchtet weiß in der Dunkelheit und kringelt sich wie Seetang in der Strömung. Dann nicke ich langsam.
Fräulein Honigohr lehnt sich zurück. „Sehr schön“, sagt sie und schnippt mit den Fingern. Der Faden wickelt sich um meine Hand und zieht mich nach vorn, Neun stürzt an mir vorbei, ein paar Engel flattern aufgescheucht durch die Dunkelheit, dann finde ich mich in meinem Bett wieder.
Was für ein Traum! Ich reibe mir über die Augen. Oh! denke ich und schnuppere an meinen Fingern. Sie duften nach Mandarinen.

Fräulein Honigohr und der Nikolaus

Fräulein Honigohr reißt die Tür auf. Es ist stockfinster im Flur. „Guten Morgen!“ ruft sie und grinst.
Die dunkle Gestalt vor der Tür zuckt ertappt zusammen. Dann richtet sie sich zu eindrucksvoller Größe auf und lacht ein grollendes „Hahaha! Du wieder!“
Fräulein Honigohr beugt sich über ihren Stiefel. „Hast du mir was Schönes mitgebracht?“
„Du wirst doch wohl nicht vor der Zeit gucken, oder?“ Der Nikolaus schwingt die Rute, dann mustert er sie. „Wie geht´s dir? Hier unten läuft ja so einiges anders als sonst, was?“
Fräulein Honigohr nickt. „Ja, sehr anders als sonst. Aber mir geht´s gut, ich habe mich eingerichtet. Und du? Wie läuft´s bei dir? Darfst du überhaupt überall rein? Abstandsregeln und so?“
Der Nikolaus lacht wieder dröhnend. „Für mich sind das perfekte Arbeitsbedingungen! Ich komme bloß bis zur Tür, niemand darf mich sehen, die Schuhe stehen draußen und scheinbar haben die Leute viel mehr Zeit, sich über meine Geschenke zu freuen, auf jeden Fall hatte ich schon mehr Milch und Plätzchen als gut für mich ist!“ Er streicht über seinen runden Bauch. „Und guck! Ist das nicht hübsch?“ Er zeigt auf seinen Bart, der hinter einer roten Maske mit Rentieren versteckt ist. „Meine Engel haben dieselbe in grün!“
„Deine Engel tragen Maske?“ fragt Fräulein Honigohr ungläubig.
„Sie fanden es unfair, dass nur ich eine tragen darf, hahaha!“ Er lacht, dass die Flurlampe schwankt. „Hör mal, es war schön mit dir zu plaudern, aber ich muss! Viel zu tun, du weisst ja. Und dass du mir ja nicht zu früh in den Stiefel guckst! Erst am Morgen!“
Fräulein Honigohr nickt. „Versprochen! Gute Reise und grüß schön!“
Der Nikolaus lacht noch einmal grollend, hebt die Hand und ist verschwunden. Fräulein Honigohr gibt sich wirklich alle Mühe, nicht zu gucken, dann wirft sie doch einen klitzekleinen Blick in ihren Stiefel. Aus ihm ragt ein längliches Päckchen, das in braunes Papier gewickelt ist. Nicht schlecht, denkt sie, der alte Mann geht mit der Zeit. Umweltfreundlich verpackt! Und er trägt Rentiermaske! Sie schließt die Tür. Von draußen hört sie ein leises „Hahaha!“ Und wenn sie sich nicht sehr täuscht, ist da auch ein leises Glöckchengeklingel in der Luft.
Manche Dinge ändern sich nicht, denkt sie zufrieden.

29.11. – Advent im Seniorenheim | Adventüden

Der 1. Advent ist da! Und Fräulein Honigohr trifft alte Bekannte.

Irgendwas ist immer

Fräulein Honigohr schiebt den Kessel vor den Gemeinschaftsraum. Jetzt fehlt nur noch der perfekte Platz. Sie umrundet suchend einen Ohrensessel und erschrickt fast zu Tode, weil ein alter Mann darin sitzt. Er öffnet erst ein Auge, dann das zweite.
Ein Lächeln breitet sich auf seinem Graubartgesicht aus. »Du? Das freut mich aber!«
»Herrje! Du hast mich erschreckt! Was tust du hier?«
»Keine Umarmung? Kein Lächeln? Oh-oh, du bist immer noch sauer …«
Fräulein Honigohr kraust die Nase und spitzt die Lippen.
Der Graubartmann seufzt. »Na gut. Ich mache Urlaub. Diese alte Geschichte tut mir leid, aber ich bin nicht perfekt, auch, wenn das alle glauben möchten.«
Fräulein Honigohr guckt vorwurfsvoll. »Urlaub? Solltest du nicht arbeiten? Bei dir ist doch jetzt Hochsaison, oder?«
Der alte Mann winkt ab. »Ich muss nur zum Finale da sein. Hier gibt’s drei Mahlzeiten am Tag und keiner quatscht mich mit Wünschen voll. Außerdem ist es schön…

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Fräulein Honigohr im Dunkeln

Fräulein Honigohr im Dunkeln

Die Nacht ist dunkel, nur an größeren Kreuzungen leuchten noch Straßenlaternen. Fräulein Honigohr mag das. Versonnen blickt sie zum nächsten Lichtkegel, der ein gelbliches Dreieck ins Schwarz malt, als sie hinter sich Schritte hört. Es ist eine Frau, die so schnell geht, wie ihre Stöckelschuhe es zulassen. Sie wirft mißtrauische Blicke um sich.
Fräulein Honigohr grüßt freundlich.
Die Frau nickt, wird langsamer und bleibt stehen. „Entschuldigen Sie, das klingt jetzt seltsam, aber müssen Sie auch in diese Richtung?“
Fräulein Honigohr nickt.
„Würden Sie mit mir zusammen gehen? Ich hasse es, hier nachts allein zu sein.“
„Gern.“ Fräulein Honigohr lächelt und gemeinsam gehen sie weiter.
„Danke. Ich habe den letzten Bus verpasst. Zuviel lieblichen Wein getrunken. Dumm, was? Ich hätte mir ein Taxi teilen sollen. Ehrlich gesagt, sterbe ich fast vor Angst.“
„Wirklich?“ Fräulein Honigohr sieht die Frau neugierig an. „Ich mag die Nacht. Man sieht die Sterne.“
„Ich hab echt keinen Sinn für Sterne, wenn in jedem Winkel etwas lauern könnte. Haben Sie wirklich keine Angst?“
„Nein.“
„Dann haben Sie es gut.“ Die Frau stolpert über einen Pflasterstein und zischt erschrocken.
Fräulein Honigohr bleibt stehen. „Hier biege ich ab.“
„Oh, schon? Schade.“ Die Frau sieht enttäuscht aus. „Dann gute Nacht.“ Sie nickt und geht weiter.
Fräulein Honigohr sieht ihr nach. Sie blinzelt. Das Laternenlicht hinter ihr schwankt und springt ihr leuchtend vor die Füße. Fräulein Honigohr deutet auf die Frau. „Sei ein Nachtlicht. Leuchte auch die Ecken aus, bis sie zu Hause ist. Und dann hurtig zurück!“ Das Licht schmiegt sich um ihre Beine, dann breitet es sich elegant und unauffällig wie ein Teppich aus und gleitet um die Frau herum, bis die gesamte Straße schimmert wie mit Mondlicht übergossen.
Fräulein Honigohr seufzt. Schade, dass Menschen Angst haben müssen. Sie blickt nach oben. Die Sterne leuchten und zwinkern ihr zu.

Das war ein Beitrag für die abc.etüden: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Kain Schreiber mit seinem Blog Gedankenflut. Sie lauten: Nachtlicht, lieblich, teilen. Organisiert wie immer von Christiane: Vielen Dank! Und jaaa, lieblicher ist nicht lieblich, aber ich habe mich echt gequält mit dem Wort, nun steht es da mit dem er hinten dran. Et is wie et is. 🙂

Fräulein Honigohr und die Regeln

„So.“ Fräulein Honigohr verschränkt die Arme. „Dreihundert Worte. Mehr bin ich dir nicht wert?“
Du fühlst dich gar nicht wohl. „Doch, doch“, versuchst du die Situation zu retten, „natürlich bist du mehr als dreihundert Worte wert, aber naja, so sind eben die Regeln.“
Fräulein Honigohr spitzt die Lippen. „Reeeegeln“, sagt sie, und bei ihr klingt das Wort irgendwie regellos. „Du meinst also, diese Regeln sind wichtiger als ich?“ So, wie sie Regeln betont, hättest du genausogut Ketten oder Streckbank sagen können.
„Neinnein“, ruderst du zurück, „du bist selbstverständlich viel wichtiger als die Regeln.“
Fräulein Honigohr hebt die Augenbrauen.
„Das ist wie beim Spielen, da gibt es auch Regeln, und an die muss sich jeder halten, sonst bricht alles in Chaos aus.“ Verdammt. Du hast es versiebt.
„Chaos. Aha. Du bist also der Ansicht, ich bin nicht mehr als dreihundert Worte wert, weil ich sonst die Regeln breche und Chaos verbreite.“ Fräulein Honigohr kneift die Augen zusammen. „Und was ist das mit diesen Worten? Wie waren die noch gleich? Landvermesser? Aussetzen? Undankbar? Nicht nur, dass ich in dreihundert Worte gequetscht werde, ich muss mich auch noch vorgebenen Worten unterwerfen? Ha!“ Sie wirft die Arme in die Luft. „Undankbar! Genau! Soll ich dir mal zeigen, was ausgesetzt bedeutet?“ Sie zeigt mit einem Finger auf dich und du befürchtest schon das schlimmste – die Mongolei, den Mittelstreifen der Autobahn von Kassel nach Hannover, ein frischgedüngtes Feld – als Herr Brummeck sich einschaltet.
„Hör mal“, sagt er, „mich würde ja schon interessieren, was ihr zu Landvermesser einfällt.“
Fräulein Honigohr lässt den Finger sinken und lächelt grimmig. „Doch. Mich auch. Was mache ich mit dem Landvermesser?“
Du versuchst dich zu enspannen. Dir wird schon was einfallen. Fräulein Honigohr als Westerngirl in den Armen des Landvermessers?
Fräulein Honigohr schnaubt verächtlich. Du ahnst: Das wird länger dauern.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden, die mit viel Aufwand dankenswerterweise von Christiane organisiert werden – vielen Dank! Die Regeln: Maximal 300 Wörter, im Text enthalten sein müssen drei Wörter. Dieses Mal waren es Landvermesser, undankbar und aussetzen. Die Wortspende kam von Werner und seinem Blog Mit Worten Gedanken horten. Landvermesser – das war ein sehr inspirierendes Wort. 🙂

Fräulein Honigohr und Frau Meier

Fräulein Honigohr und Frau Meier

Fräulein Honigohr schiebt den Kopf aus der Tür. Niemand zu sehen. Schnell schlüpft sie hinaus und schliesst die Tür.
„Was tun Sie da?“
Fräulein Honigohr fährt zusammen. Vor ihr steht Frau Meier aus dem ersten Stock. Sie strahlt Mißbilligung aus.
„Nichts!“
„Nichts? Sie waren ewig da drin, und ich habe komische Geräusche gehört!“ Sie pocht mit ihrem Gehstock auf den Boden. „Wenn Sie mir Kratzer an mein Auto gemacht haben, kriegen Sie Ärger!“ Sie geht auf den Geräteschuppen zu.
„Bestimmt nicht“, sagt Fräulein Honigohr hastig, „äh… da drin ist es schmutzig. Und dunkel!“
Frau Meier mustert sie. „Dann mache ich Licht an.“
„Sie sollten da wirklich nicht reingehen!“
Frau Meier schüttelt den Kopf und öffnet die Tür. Kupferfarbenes Licht fällt auf ihr Gesicht. „Was zum…?“
Fräulein Honigohr macht drei schnelle Schritte, aber sie ist zu spät. Die Tür fällt zu. Von oben kommt leises Lachen. Herr Brummeck lehnt auf dem Fensterbrett und grinst.
„Jetzt bin ich gespannt, wie du da wieder rauskommst“, sagt er.
Fräulein Honigohr schnauft entrüstet. Das sieht ihm ähnlich, sie auszulachen anstatt ihr zu helfen! Sie sieht auf die Tür. Dreissig Sekunden sind vergangen, es wird höchste Zeit. Sie drückt die Klinke herunter. „Hallo?“ fragt sie vorsichtig und hält den Atem an.
Frau Meier steht vor ihrem Auto, dann dreht sie sich um und lächelt. „Mein liebes Kind! Was für ein ausgesprochen schöner Tag heute ist!“
„Ja!“, sagt Fräulein Honigohr erleichtert.
„Wann haben wir das letzte Mal ein Hausfest gefeiert?“
„N-noch nie?“
„Das muss sich ändern! Wir müssen unbedingt eines feiern!“ Frau Meier tritt nach draussen. „Sie besorgen die Luftschlangen, ich backe Kuchen!“
Fräulein Honigohr wirft einen Blick nach oben. Herr Brummeck lehnt immer noch auf dem Fensterbrett und grinst. Blöder Kerl. So übel ist ein Hausfest gar nicht. Solange sie den Kuchen nicht selber backen muss.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden, wie immer organisiert von Christiane und ihrem Blog Irgendwas ist immer. Die Regeln: Maximal 300 Worte, und im Text unterzubringen waren dieses Mal die Wörter Geräteschuppen, kupferfarben und feiern. Wortspenderin war Susanne vom Blog books2cats  – vielen Dank fürs Organisieren und spenden! 🙂

Fräulein Honigohr hat Fragen

Fräulein Honigohr hat Fragen

„Du, sag mal“, sagt Fräulein Honigohr zu Herrn Brummeck. „Ich hab da manchmal so ein komisches Gefühl.“
„Ach? Warum?“ Herr Brummeck nimmt einen Schluck Kaffee und lehnt sich zurück.
Fräulein Honigohr dreht eine Haarsträhne um ihren Finger. „Ich weiß auch nicht. Als ob wir Mittel zum Zweck wären. Ganz seltsam.“
„Mittel zum Zweck? Wie meinst du das?“
„Als ob wir für ein paar Minuten plötzlich fremdbestimmt wären und einem Zeitplan folgen müssten. Ich habe manchmal sogar das Gefühl, ich müsste jetzt unbedingt ganz bestimmte Wörter sagen!“
„Aha.“ Herr Brummeck mustert Fräulein Honigohr nachdenklich. „Nein, so ein Gefühl habe ich nicht.“
Fräulein Honigohr guckt enttäuscht. „Oh.“
„Aber“, Herr Brummeck lehnt sich vor und flüstert leise, „ich habe öfter das Gefühl, wir müssten etwas in einem streng vorgegebenen Rahmen erledigen. Das mag ich gar nicht.“
Fräulein Honigohr guckt ihn entzückt an. „Ja! So geht es mir auch!“
Beide sehen sich an und lächeln ernst. Dann fragt Fräulein Honigohr: „Findest du das schlimm?“
„Eher unheimlich, wenn ich ehrlich bin.“
„Ich auch.“ Fräulein Honigohr nimmt einen Teelöffel in die Hand. „Jetzt zum Beispiel habe ich das dringende Bedürfnis, diesen Löffel fallen zu lassen, obwohl das absolut sinnlos ist. Warum sollte ich ihn fallen lassen? Was hat das für einen Sinn?“ Fräulein Honigohrs Hand zittert. Sie wehrt sich mit aller Kraft dagegen, den Löffel fallen zu lassen.
Herr Brummeck steht auf und sieht sich um. „Ich glaube, wir werden beobachtet, genau jetzt!“
„Steh da nicht so großspurig herum, hilf mir!“ Fräulein Honigohr hält jetzt mit der linken Hand die rechte fest. Herr Brummeck läuft um den Tisch und umschließt mit beiden Händen Fräulein Honigohrs Löffelhand. So stehen sie eine kleine Weile lang eng zusammen. Schließlich flüstert Fräulein Honigohr: „Ich glaube, du kannst loslassen.“ Vorsichtig tritt Herr Brummeck zurück. Sie öffnet die Hand und sieht stumm auf den Löffel, der täuschend ruhig da liegt. Dann blickt sie auf und sieht bohrend in die Luft. „Wir werden das nicht länger totschweigen, hört ihr? Wer immer dafür verantwortlich ist!“ Herr Brummeck nickt entschlossen.
Stille. Niemand antwortet. Herr Brummeck setzt sich und umschließt die Kaffeetasse mit einer Hand. Fräulein Honigohr legt den Löffel auf den Tisch. Alles ist wie immer. „Ich glaube, es ist vorbei.“
„Ja, für den Moment. Aber das wird wieder passieren.“
„Wir müssen uns vorbereiten.“
„Hast du eine Idee?“
Fräulein Honigohr überlegt. Ihr Gesicht hellt sich auf. „Ein Codewort! Wir brauchen ein Codewort für den Notfall!“
„Das muss aber gut erkennbar sein. Und unverfänglich.“
Fräulein Honigohr stösst einen kleinen Schrei aus. „Ich hab´s!“
„Ja, und? Sag schon!“ Herr Brummeck sieht sie gespannt an.
„Katamaran!“
„Nicht schlecht.“
Fräulein Honigohr kraust die Nase und sieht sich misstrauisch um. „Ich habe schon wieder so ein komisches Gefühl.“
Herr Brummeck steht auf. „Weisst du was? Lass uns einen Spaziergang machen. Wir stehen erst am Anfang. Wir werden besser werden. Und wir haben jetzt die Nicht-Totschweig-Vereinbarung.“
„Na gut. Wenn du meinst.“ Fräulein Honigohr steht auf. „Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen! Hört ihr?“
Dann klappt die Wohnungstür hinter ihnen zu.

Das war ein Beitrag zu den Extra-Etüden, die von Christiane organisiert werden – vielen Dank!! Die Regel lauten maximal 500 Worte, und im Text unterzubringen sind fünf aus sechs möglichen Worten: Katamaran, großspurig, totschweigen, Zeitplan, schlimm, fallen. Ob Fräulein Honigohr wohl hinter das fiese Komplott kommen wird? Die Zukunft wird es zeigen! 🙂

Fräulein Honigohr fällt

Fräulein Honigohr fällt

Fräulein Honigohr ist ernsthaft sauer. „Wir müssen über deinen Zeitplan reden! So geht das nicht! Das passiert mir jetzt schon das dritte Mal mit dir! Wenn du so dringend mit mir reden willst, dann musst du die Zeit einplanen, aber mich jedes Mal einfach beiseite zu schubsen, weil du dich um Kopf und Kragen verspätet hast, ist nicht die feine Art! Und du weisst ganz genau, wie ich es hasse, zu fallen!“
Die letzten Worte brüllt sie nach unten, aber sie ist sich sicher, dass das weiße Kaninchen ihr gar nicht zuhört. Das ist wieder typisch: Erst wird sie von ihm zum Loch beordert, wartet eine Ewigkeit, und als es dann endlich auftaucht, jammert es: „Keine Zeit, keine Zeit, oh, das wird mich meinen Kopf kosten!“, schubst sie voran und springt hinterher.
Und das, wo Fräulein Honigohr es überhaupt nicht leiden kann, zu fallen! Da helfen auch keine gut gemeinten Himbeertörtchen auf dem Weg nach unten, so köstlich sie auch sein mögen. Außerdem hat sie überhaupt keine Lust, der Roten Königin zu begegnen. Beim letzten Mal endete ihre Unterhaltung äusserst unerfreulich, als sie sie wissen ließ, was sie vom Croquetspiel mit Igeln und Flamingos hält, nämlich rein gar nichts.
Und mit der Grinsekatz hat sie auch noch ein Hühnchen zu rupfen – sie grinsend allein mit dem Hutmacher zu lassen! Fräulein Honigohr ist der Meinung, das Wort „Hutmacher“ sei lediglich ein anderes Wort für „völliger, wahnsinniger Irrsinn“, ganz abgesehen von den katastrophalen hygienischen Zuständen an seiner Teetafel. Von der armen Haselmaus ganz zu schweigen.
Das einzig erfreuliche an diesem ganzen Desaster ist die Aussicht auf einen Spaziergang im Pilzwald. Ob es schlimm wäre, wenn sie Herrn Brummeck ein Stückchen „Machmichkleiner-Pilz“ mitbringt? Bei dem Gedanken muss sie grinsen. Aber so leicht kommt ihr das weiße Kaninchen nicht davon.
„Kaninchen!!!“ brüllt sie.

 

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden, die dankenswerterweise von Christiane organisiert werden – vielen Dank! Die Regeln kann man im Foto nachlesen, und jedes Mal liefere ich mir einen Kampf mit den vorgegebenen 300 Wörtern, so auch dieses Mal wieder. Zum Schluss hatte ich 299 und konnte tatsächlich noch ein „grinsend“ unterbringen, das vorher raus gefallen war. Die drei Wörter lieferte Gerhard mit seinem Blog Kopf und Gestalt.

Fräulein Honigohr und die Sockenfrage

Fräulein Honigohr und die Sockenfrage

Fräulein Honigohr sitzt auf einer Parkbank und seufzt leise. Heute ist ein Grau-in-Grau-Morgen. Alles fühlt sich nach viel zu früh an, auch, wenn es gar nicht mehr so früh ist. Ein gelbes Blumenblatt segelt neben ihr zu Boden. Sie seufzt noch einmal und starrt es gedankenverloren an. Es ist so wunderschön strahlend gelb und doch: Etwas geht zu Ende.
„Warum hast du deine Socken nicht an?“ fragt eine Kinderstimme mitten in ihre Gedanken hinein. Fräulein Honigohr blickt auf und sieht in zwei braune Augen. Vor ihr steht ein riesiger Schulranzen mit einem winzigen Kind darunter.
„Woher weißt du das?“ fragt sie zurück.
„Du hast nackte Füße. Guck!“ sagt das Kind und zeigt auf Fräulein Honigohrs Beine, die ohne Strümpfe aus ihren Schuhen herausgucken.
„Stimmt. Du hast Recht.“
„Und warum hast du sie nicht an?“ fragt das Kind ungeduldig. „Sie liegen doch neben dir.“
„Ach,“ sagt Fräulein Honigohr, „es gibt Tage für graue Socken und Tage für Ringelsocken. Und heute konnte ich mich einfach nicht entscheiden.“ Sie streicht mit den Fingern über die rotblau geringelten Socken, sieht aber die grauen an.
„Und dann ziehst du gar keine an?“ fragt das Kind. „Das ist doch dumm!“
„Ja, ist es. Aber ich konnte mich trotzdem nicht entscheiden,“ sagt Fräulein Honigohr. „Kennst du das nicht? Wenn man sich nicht entscheiden kann?“
„Doch, schon. Aber manchmal muss ich mich gar nicht entscheiden, da mache ich einfach beides!“ Das Kind lacht. „Zieh doch einfach einen grauen und einen geringelten an! Dann hast du es schön bunt!“
Fräulein Honigohr sieht das Kind an und dann die Socken. Langsam breitet sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus. Dann streift sie ihre Schuhe ab und zieht über den rechten Fuß eine graue Socke und über den linken Fuß eine blaurot geringelte. Sie streckt die Beine aus und wackelt mit den Zehen. „Du hast ab-so-lut Recht!“ sagt sie zu dem Kind, das sie beobachtet. „Vielen Dank!“
„Ich habe immer Recht!“ sagt das Kind.
„Das dachte ich mir,“ sagt Fräulein Honigohr und steht auf. Prüfend betrachtet sie ihre zwei verschiedenen Füße. „Das gefällt mir sehr gut so.“
„Mir auch!“ sagt das Kind. „Ich muss weiter, ich bin schon zu spät.“
„Ich auch,“ sagt Fräulein Honigohr. „Tschüß und machs gut!“
„Tschü-hüß!“ ruft das Kind und hüpft mit seinem riesigen Schulranzen leichtfüßig davon.
Fräulein Honigohr hebt das gelbe Blatt auf und steckt es an ihre Jacke. Dann strafft sie die Schultern und macht sich auf ihren eigenen Weg.

Fräulein Honigohr und der Teppich

Fräulein Honigohr isst ein grünes Macaron, als jemand ans Fenster klopft. Im dritten Stock ist das merkwürdig, aber sie ist einiges gewohnt. Neugierig öffnet sie einen Fensterflügel. Außen an der Wand klebt ein Teppich. Seine Fransen flattern im Wind, in einer Ecke hält er etwas Unförmiges fest.
„Was, jetzt?“ fragt Fräulein Honigohr. „Ich wollte gerade zur Arbeit.““
Der Teppich guckt ungehalten. Dann entrollt er die unförmige Ecke ein Stückchen. Fräulein Honigohr starrt ihn an. „Was… wir hatten vereinbart, dass wir das nie wieder tun!“
Der Teppich zuckt mit den Fransen.
Fräulein Honigohr zupft sich am Ohrläppchen. „Eigentlich geht das nicht. Aber… naja, uns sieht ja keiner. Ach, was soll´s. Einmal ist keinmal. Warte.“ Aus der Küche holt sie einen Kochlöffel, dann schwingt sie sich aufs Fensterbrett. „Na los, schnell!“ Der Teppich schiebt sich unter ihre Füße und fliegt los. Fräulein Honigohr juchzt, als sie die Wolkenränder entlang surfen. Über einer dicken Regenwolke halten sie an und Fräulein Honigohr stellt sich in Position. Sie schwingt probeweise ihren Kochlöffelschläger, während der Teppich die unförmige Ecke öffnet. Gläsern kullern ihre unbeherrschten Momente über das orientalische Webmuster, sie schillern wutgelb, zornsilbern und sturmgrau.
„Also wirklich, du hättest sie nicht behalten sollen“, sagt Fräulein Honigohr und versucht, vorwurfsvoll zu klingen. Der Teppich lässt eine der Glaskugeln in die Höhe springen, sie schwingt den Kochlöffel und schlägt mit aller Kraft zu. Der wutgelbe Moment explodiert mit einem Knall und bläht sich schwefelgelb auf. Es riecht nach faulen Eiern. Fräulein Honigohr strahlt. „Noch einen!“ Sie schlägt Silberblitze, graue Sturmwolken und Platzregen mit Hagel in die aufgeladene Luft.
Als sie fertig sind, lässt Fräulein Honigohr sich klatschnass auf den Teppich fallen, der begeistert Achten durch die Regenwolken fliegt. „Wir sollten das wirklich nicht tun, weisst du?“ sagt sie mit geschlossenen Augen und genießt die kalte Flugluft.
Der Teppich lacht.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden, organisiert von Christiane! Vielen Dank wie jedes Mal für die Organisiererei! Drei Wörter sind unterzubringen in maximal 300 Wörtern, und wie immer war jedes davon hart umkämpft, bis es exakt 300 waren. 🙂 Die drei Wörter: Teppich, gläsern, flattern. Und weil diese Wörter eine Megasteilvorlage waren (siehe hier), konnte ich gar nicht anders, als mitzumachen 🙂 . Danke, Myriade! Zu ihrem Blog la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée geht´s hier!