Fräulein Honigohr und der Sonnenuntergang

Fräulein Honigohr und Herr Brummeck gehen schweigend nebeneinander her. Die Stimmung ist frostig wie ein Dezembertag am Südpol. Fräulein Honigohr brodelt vor sich hin. Wieso muss Herr Brummeck immer alles planen? Warum ist es so wichtig, alles und jedes zu durchdenken? Wo bleibt da die Spontanität? Der kleine Irrsinn? Die Freude, lebendig zu sein? Sie hätte so gern den trübseligen Park zum Blühen gebracht! Immerhin ist es schon März! Und niemand kann doch wohl gegen Narzissen etwas haben, oder? Fräulein Honigohr schnauft laut durch die Nase. Herr Brummeck wirft ihr einen Blick zu.
Andererseits waren da ziemlich viele Leute im Park. Fräulein Honigohr schüttelt den Kopf. Warum mussten die ausgerechnet heute alle da sein? Vielleicht wäre es doch jemandem aufgefallen, wenn überall Blumen aus der Erde geschossen wären. Trotzdem. Herr Brummeck kann nicht immer alles bestimmen. Wenigstens ein oder zwei Tulpen hätte er ihr lassen können! Oder Perlhyazinthen! Eine hätte schon gereicht. Stattdessen hat er sie praktisch aus dem Park herausgeschubst. Nein. Fräulein Honigohr ist sauer, Punkt.
Vor ihnen öffnet sich der Blick über den Fluß. Die Sonne leuchtet tulpenrot knapp über dem Horizont. Orangerote Schlieren schwimmen um sie herum und spiegeln sich im Wasser, die Wolken leuchten goldgelb und rosa. Fräulein Honigohr bleibt auf der Brücke stehen und saugt die Farben auf. Wie schön wäre es jetzt… nein.
Herr Brummeck lehnt sich ans Geländer. „Na los“, sagt er und nickt mit dem Kopf in Richtung Sonnenuntergang.
Fräulein Honigohr hebt die Augenbrauen.
„Jetzt guck nicht so. Mach schon. Ich stehe Schmiere.“ Er grinst.
Eigentlich ist Fräulein Honigohr noch sauer. Sie sollte das wirklich nicht tun. Ganz ernsthaft nicht. Aber wer kann einer Kombination aus Sonnenuntergang und Herrn Brummecks Grinsen schon widerstehen? Sie küsst ihn auf die Nase, hüpft über das Geländer und springt kopfüber in die Farben. Sie sind warm, und es fühlt sich an wie fliegen, nur viel besser.
Herr Brummeck mag ja manchmal rechthaberisch sein. Und pedantisch. Und ein Planungsfanatiker. Aber er hat auch seine guten Seiten. Doch, zweifellos, die hat er.

Ja, es ist kein Fluss, ich weiß, aber einen anderen Sonnenuntergang hatte ich gerade nicht da…

Fräulein Honigohr und der Schabernack

Fräulein Honigohr ist auf dem Weg zu ihrer nigelnagelneuen Guerillapflanzgruppe, als jemand von hinten gegen ihre Schulter boxt. Ärgerlich dreht sie sich um, wird von einem wirbelnden Chaos umarmt und dabei in den schlammigen Rinnstein geschubst.
„Fräulein Honigohr! Dich hab ich ja schon ewig nicht mehr gesehen! Wie lang ist das jetzt her?“
Fräulein Honigohr wartet mit ihrer Antwort, bis der Umarmer sie loslässt und sagt dann säuerlich: „Ach. Der Schabernack. Wie interessant, dich zu sehen. Ich kann dir ganz genau sagen, wie lang es her ist: Exakt ein Jahr.“ Sie tritt zurück auf den Gehsteig, schüttelt den Schlamm von den Schuhen und starrt ihm bohrend in die Augen.
Der Schabernack leuchtet bunt auf, als er ihr ins Gesicht grinst. „Ach komm! Du bist doch nicht nachtragend, oder? Es war doch nett beim letzten Mal!“ Er kichert. Gelbe Lichtwellen versickern um ihn herum im Straßenpflaster. Die kleinen Löwenzähne zwischen den Steinen biegen ihre gelben Mähnen nach links und rechts weg.
„So? Meinst du?“ Fräulein Honigohr verschränkt ihre Arme vor der Brust und trommelt mit den Fingern kleine Märsche auf ihre Oberarme.
Der Schabernack grinst immer noch, weicht aber vorsichtshalber ein oder zwei Zentimeter zurück. „Ich weiß gar nicht, was du hast. Wir hatten doch viel Spaß!“
„DU hattest viel Spaß, wolltest du wohl sagen!“ Fräulein Honigohr kneift die Augen zusammen und tritt angriffslustig einen Schritt nach vorn, woraufhin der Schabernack sich elastisch wie Schnurlakritze von ihr weg bewegt. Sie bleibt stehen. Sie weiß es doch besser, oder? Jedes Mal, wenn der Schabernack und sie sich treffen, tragen sie einen Wettkampf aus, und immer gewinnt er, haushoch und mit weitem Abstand. Und er geniesst es. Er war noch nie zu fassen. Jedenfalls nicht von ihr. Die Röte steigt ihr ins Gesicht, wenn sie an ihr letztes Treffen denkt. Selbst Herr Brummeck musste wochenlang breit grinsen, wenn dieser Tag zur Sprache kam, egal, welche Konsequenzen das für ihn hatte. Aber dieses Jahr wird sich das ändern, das ist sie sich schuldig, gerade nach dem letzten Mal. Sie muss ihre Taktik ändern.
Mit einer langsamen Handbewegung streicht sie ihr Haar zurück und zaubert ein sparsames Lächeln auf ihr Gesicht. „Weisst du was? Jetzt kann ich es ja zugeben. Du hast Recht. Es war lustig.“
„Sag ich doch! Erinnerst du dich daran, wie deine Haare ausgesehen haben?“
Er gluckst und strahlt so grell, dass Fräulein Honigohr die Augen zukneift. Sie steigert die Intensität ihres Lächelns um einige Grade. „Ja, klar“, sagt sie. „Doch, doch, das war schon sehr lustig. Eine deiner besten Aktionen, würde ich sagen.“
„Danke“, sagt der Schabernack stolz, „das hat mich auch eine Menge Planung gekostet.“
„Ich weiß“, sagt Fräulein Honigohr. „Du hast es halt voll drauf. Einer der Besten.“
Der Schabernack legt den Kopf schief. Grüne Lichttropfen laufen über seine Ohren. Hat sie es übertrieben?
„Danke, danke. Das von dir zu hören, das ehrt mich.“ Er neigt huldvoll den Kopf. Die grünen Tropfen fallen zu Boden und verscheuchen ein paar Ameisen. Fräulein Honigohr lächelt.
„Ehre, wem Ehre gebührt. Aber jetzt mal was anderes. Warum treffe ich dich hier? Hast du nicht was Besseres zu tun, gerade jetzt?“
„Wieso?“ fragt der Schabernack erstaunt. Über seinem Scheitel steigt ein blaues Fragezeichen auf und zerplatzt. „Heute Nachmittag geht´s los, bis dahin hab ich noch jede Menge Zeit.“
„Heute Nachmittag? Aber der Karneval ist doch schon seit gestern!“
„Quatsch. Natürlich nicht.“ Der Schabernack grinst wieder. Er leuchtet jetzt rot und weiß. „Das sind meine Tage, da werde ich doch wohl wissen, wann sie losgehen. Ich bin sogar immer schon ein bisschen eher hier, obwohl dieses frühe Aufstehen mich echt fertig macht.“
„Tja.“ Fräulein Honigohr zuckt skeptisch mit den Mundwinkeln. „Wie du meinst. Fakt ist aber, dass der Karneval seit gestern läuft. Vielleicht hast du die letzte Tagverschiebung nicht mitbekommen? Den November verschläfst du doch immer, oder?“
„Tagverschiebung? Du nimmst mich auf den Arm, oder?“ Er starrt sie an.
„Was meinst du, warum ich hier mit Blumenzwiebeln und Gärtnerschürze durch die Gegend laufe? Wie lange kennst du mich? Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich gärtnere, oder? Das ist mein Kostüm.“ Sie lässt den Schabernack in ihre Tasche sehen. Er starrt die Netze mit Blumenzwiebeln, ihre Schürze, die bunten Gummistiefel und die Handschuhe an. Dann nimmt er mit spitzen Fingern ihr geblümtes Kopftuch heraus und schnuppert daran. Er furcht die Stirn. Kleine rote Wellen laufen über sein Gesicht.
„Ein Kopftuch. Du würdest doch nie…“ Er starrt erst sie und dann das wirklich sehr unmodische Kopftuch an.
„Wie lange kennen wir uns?“ fragt sie ihn. „Habe ich dich je auf den Arm genommen? Und habe ich je freiwillig irgendwo in der Erde gebuddelt?“
„Nein. Aber auf den Arm hast du mich nur deswegen nicht genommen, weil du es nicht konntest.“
„Mag sein. Nun ja. Wie du meinst.“ Sie nimmt ihm das Kopftuch mit dem lila Blumenmuster aus den Händen, streicht es demonstrativ glatt, wirft es in die Tasche zurück und zieht den Reißverschluss zu. „Ich muss jetzt los, meine Gartenparty wartet. Wir sehen uns ja bestimmt später noch. Und…“, sie streicht ihm sanft über die Schulter, „mach dir nichts draus, ok? Soviel Zeit hast du noch nicht verloren, die holst du wieder rein. Wenn du das nächste Mal dran bist, frag als erstes nach, ob es größere Änderungen gegeben hat. Ich musste mich auch erstmal an die Tagverschiebung gewöhnen.“
Der Schabernack starrt sie an. In seinem Gesicht streiten sich Skepsis und das übliche halbe Grinsen, seine Ohren flackern misstrauisch wie trübe Petroleumlampen mit zu kurzem Docht.
„Tschü-üß!“ ruft Fräulein Honigohr, nickt ihm zu und geht die Straße hinunter. Sie spürt seinen Blick im Rücken.
„He!“, ruft ihr der Schabernack hinterher, „nur für den Fall, dass du Recht hast: Danke für den Tipp! Und wenn nicht… dann war das nicht schlecht! Respekt!“
Fräulein Honigohr hebt die Hand, ohne sich umzudrehen. Sie grinst. Respekt. Kein kompletter Sieg, aber zumindest Respekt. Und sie ist nicht mit nassem Haar, verfärbt oder miauend aus der Begegnung mit ihm hervorgekommen.
Das ist ausbaufähig. Und sie ist ja schließlich lernfähig, oder?

Das war jetzt kein Beitrag zu den Etüden, sollte aber einer werden, und dann geriet er außer Kontrolle… Hier nun die ungekürzte Version von Fräulein Honigohrs Kampf mit dem Schabernack, Ausgang offen. 🙂

Fräulein Honigohr hat Grippe

Fräulein Honigohr hat Grippe

Fräulein Honigohr hat die Grippe. Sie liegt auf dem Sofa und kühlt ihre Stirn. Auf dem Boden liegen Taschentücher verteilt, das Glas Zitronentee ist leer und ihr Kopf fühlt sich wattig an. Kurzum: Die Lage ist düster. Vor dem Fenster scheint die Sonne, aber selbst die weißen Schäfchenwolken sehen heute aus wie gebleicht. Die Welt ist ungerecht.
Sie würde jetzt gern geknuddelt werden, aber das ist schwierig, wenn man gerade niemanden zum Knuddeln zur Hand hat. Obwohl… Fräulein Honigohrs Augen glänzen fiebrig, als sie den Fernseher einschaltet und mitten in eine britische Adelsserie gerät. Der Butler sorgt gerade für Ordnung in der Küchenbelegschaft. Auf dem großen Holztisch steht bergeweise Essen und die Köchin wirbelt herum, während sie in einer Schüssel Zitronencreme schlägt.
Zitronencreme… Fräulein Honigohrs Augen schließen sich halb. Mit seligem Lächeln schnipst sie mit den Fingern. „Carson!“
„Ja, Mylady?“ Carson steht in der Tür zum Wohnzimmer. Er sieht verwirrt aus.
„Sagen Sie Mrs. Patmore, ich hätte die Zitronencreme gern gut gekühlt. Sie soll sie in den Kühlschrank stellen.“
„Sehr wohl, Mylady.“
Fräulein Honigohr hört Mrs. Patmore unterdrückt aufschreien, dann klirrt etwas. Es klingt, als ob eine Glasschüssel zu Boden gefallen wäre. Sie hofft, dass es nicht die Zitronencreme war. „Carson!“
„Ja, Mylady?“
„Würden Sie mir neue Taschentücher bringen? Und ein Glas Wasser?“
„Sehr wohl, My— Mylady!“
„Carson! Wo sind wir hier? Was ist das für ein scheußlicher Teppich? Und hätten Sie wohl die Güte, mir zu sagen, was das hier ist?“ Ein Gehstock klopft mit Nachdruck auf den Boden in ihrem Flur.
„Ich denke, das ist ein… äh… Spiegel?“
Fräulein Honigohr kichert. Er hat ihr Handy gefunden. Und Mrs. Violet Crawley. Der Nachmittag verspricht besser zu werden als erwartet. Noch dreiundzwanzig Minuten, bis die Folge zu Ende ist.
Mal sehen, ob die Zitronencreme so gut ist, wie sie aussieht.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden, organisiert von Christiane (vielen Dank für alle Arbeit daran!). Die Wortspende kam dieses Mal von Alice. Die Regeln: Maximal 300 Worte, darin enthalten die drei Wortspenden, die dieses Mal Grippe, gebleicht und knuddeln lauteten.
Allen Grippe-Kranken da draußen gute Besserung und allzeit viel Zitronencreme! 🙂

Fräulein Honigohr und der Januar

Fräulein Honigohr und der Januar

Fräulein Honigohr hat schlechte Laune. Sie sitzt vor dem Fenster und kommandiert Schneeflocken herum. Wenn man das überhaupt Schneeflocken nennen kann, so mickrig, verwässert und unentschlossen wie sie vom Himmel fallen. Aus einem trostlosen Himmel. Fräulein Honigohr seufzt. Es ist ein tiefer, melancholischer Seufzer vom Grunde ihres mit Schneematsch bedeckten Herzens. Sie schließt die Augen und stellt sich eine weiße Landschaft vor, die Sonne strahlt vom Himmel, unter ihren Stiefeln knartscht es, auf allen Ästen liegen Schneepolster, die wie Wolken auf ihre Haare herunterstäuben, wenn sie einen Ast streift.
„Na? Wie lange willst du die armen Schneeflocken noch herum kommandieren?“ Fräulein Honigohr öffnet die Augen. Herr Brummeck steht in der Tür. Schuldbewusst lässt sie die Hände sinken, und sofort hören die Schneeflocken auf, vor ihrem Fenster pas de deux zu tanzen und fallen wieder wie kleine nasse Säcke zu Boden.
Herr Brummeck verschränkt die Arme. „Komm schon. So schlimm ist es gar nicht.“
„Doch.“ Fräulein Honigohr starrt Herrn Brummeck mit zusammengekniffenen Augen an. Bei Schneematsch versteht sie keinen Spaß.
„Wenn du den Schnee so vermisst, sollten wir nächstes Jahr in den Skiurlaub fahren. Das machen die Leute hier so.“
„Es ist nicht der Schnee. Es ist der Januar. Dunkel, grau, naß, kalt. Und keiner weiß, ob es überhaupt jemals wieder Frühling werden wird!“ Sie stöhnt dramatisch.
Herr Brummeck lächelt. „Der kommt. Keine Sorge.“
„Aber wann? Wann??“
„Heute wohl nicht. Komm. Ich hab Kakao gemacht. Lass uns planen. Dafür ist der Januar da. Du wolltest doch immer schon diese alte Burg angucken. Wie wärs mit einem Burgwochenende? Und was ist mit der Ballonfahrt, mit der du mir seit Jahren in den Ohren liegst?“
Fräulein Honigohr hebt den Kopf. Ballonfahren? „Sind Marshmallows auf dem Kakao?“
„Selbstverständlich.“
Es duftet nach heißer Schokolade. Wer weiß? Vielleicht hat der Januar ja doch versteckte gute Seiten.

Das war ein Beitrag zu den Etüden, die Christiane organisiert. Die Wortspende kam dieses Mal von ihr selber und bestand aus den Worten Skiurlaub, mickrig und kommandieren.
Hurra! Fräulein Honigohr ist aus dem Weihnachtsurlaub zurück. Ich freu mich.

Fräulein Honigohr und der Adventskalender

Fräulein Honigohr schlägt die Bettdecke zurück, wirft ihre Strickjacke über und läuft auf nackten Sohlen zum Adventskalender. Die Dielenbretter sind eisig, aber für Socken hatte sie nun wirklich keine Zeit, der Adventskalender hat Priorität!
Voller Vorfreude sucht sie nach dem Päckchen für heute, und da ist es auch schon: Klein, rund und in weißes Papier eingewickelt. Unspektakulär. Fräulein Honigohr betrachtet es neugierig. Auf dem Papier steht mit Bleistift geschrieben: Was du nicht erwartest. Aha? Fräulein Honigohr tippt sich mit dem Finger an die Nase, dann wickelt sie das Papier auf. Zum Vorschein kommt ein rotes Bonbon, das nach Erdbeere duftet. Fräulein Honigohr probiert vorsichtig. Es schmeckt nach Kakao. Mit einem Hauch Zimt, wie früher.
Sie lutscht vor sich hin, während sie sich anzieht, in die Küche geht und Tee kocht. Ein guter Tagesbeginn, denkt sie, und hält versonnen die Teekanne über ihre Tasse. Es kommt allerdings kein Tee heraus. Zartes, weit entferntes Hundegebell fließt aus dem weißen Porzellan. Fräulein Honigohr starrt in ihre Tasse. Mit jeder vergehenden Sekunde wird das Gebell leiser und verstummt schließlich. Sie schenkt nach, lauscht den Hunden hinterher, verfolgt ihren wilden Lauf im Schneegestöber, während sie mit anderen Kindern zusammen über die frostigen Ebenen rennt, wild lachend, mit kalter, roter Nase und wippender Pudelmütze, glücklich bis in die Fingerspitzen, die Steinwüste bedeckt mit glitzerndem Eis, auf dem sie schneller als der Wind gleitet.
Fräulein Honigohr öffnet die Augen. Das Gebell ist verstummt. Versuchsweise hält sie die Teekanne noch einmal schräg, und dieses Mal schweben Schneeflocken heraus und wirbeln wie kleine nasse Küsse in ihrer Küche umher.
Fräulein Honigohr ist gerührt. Wintererinnerungen in ihrem Adventskalender. Herr Brummeck hat sich selbst übertroffen. Manchmal ist er grantiger als ein Bärenfell, aber tief drinnen, da hat er ein Herz aus Zimtkakao. Morgen ist sie dran. Sie wird sich ins Zeug legen.

Fräulein Honigohr und die Ausreise

Fräulein Honigohr und die Ausreise

Herr Brummeck schnauft und setzt seine Kaffeetasse mit einem unsanften Klirren zurück auf den Unterteller. „Hast du schon mal daran gedacht, wie es wäre, wenn wir ausreisen würden?“ fragt er Fräulein Honigohr.
„Jetzt gerade? Nein.“ Sie schüttelt den Kopf. „Warum?“
„Weil da draußen gerade der gesamte Planet verheizt wird und hier trotzdem immer noch Idioten mit Plastikkaffeebechern herumlaufen, darum!“
Fräulein Honigohr betrachtet Herrn Brummeck nachdenklich. „Das war gestern auch schon so. Und vorgestern auch.“
„Ich weiß! Aber heute geht es mir auf die Nerven! Wenn es wenigstens recycelbare Becher wären, aber nicht mal das bekommen sie hin!“
„Mein Lieber. Du weißt doch, wie es ist. Willst du die ganze Welt mit einem Handkantenschlag retten?“
„Ach, ich weiß auch nicht. Manchmal scheint mir die Ausreise einfach leichter als alles andere zu sein.“ Herr Brummeck verschränkt mürrisch die Arme und blickt auf sein noch ungegessenes Frühstücksei.
„Du hast das Himmelsleuchten gesehen, gib´s zu.“ Fräulein Honigohr lächelt.
Herr Brummeck scharrt mit den Füßen unter dem Tisch. „Vielleicht.“
„Ich auch.“ Sie seufzt. „Es ist schon verlockend, ich geb´s zu. Aber es war noch nie die Lösung.“
„Manchmal bist du schrecklich realistisch, weißt du das?“
„Na klar.“ Sie lächelt, halb zufrieden, halb bedauernd.
„Na dann. Bleiben wir halt hier.“ Herr Brummeck trinkt den letzten Schluck Kaffee und stellt die Tasse vorsichtig ab. „Aber der nächste, der hier mit einem Plastikbecher vorbeiläuft, sollte sich warm anziehen!“
Fräulein Honigohr lächelt nachsichtig. Dann nimmt sie sich das Feuilleton der Zeitung und schlägt es raschelnd auf. Vielleicht steht etwas über das Himmelsleuchten darin.
Man weiß ja nie.

Das war ein Beitrag zu den Etüden: Drei Begriffe in maximal 300 Worten! Vielen Dank, Christiane, für das Organisieren und so viele schöne Geschichten! Die Wortspende  kommt von Anna-Lena mit ihrem Blog „Meine literarische Visitenkarte„.

Fräulein Honigohr sitzt im Schrank

Fräulein Honigohr sitzt im Schrank. Es ist ein bisschen dunkel da drin, aber das macht nichts. Wenn sie den Kopf dreht, um zu lauschen, streicht das grüne Sommerkleid über ihre Wangen. Langsam wird es draußen ruhiger. Das ist gut. Sie legt den Kopf auf die angezogenen Knie. Wie ärgerlich, dass es schon wieder passiert ist. Dabei hat sie so aufgepasst!
Immerhin hat sie an den Schrank gedacht, und darauf ist sie ein kleines bisschen stolz. Gut, dass sie Herrn Brummeck um Rat gebeten hat. Der Schrank war eine ausgezeichnete Idee, das muss sie ihm später unbedingt sagen. In Gedanken macht sie einen dreifachen, violetten Knoten in ihre Haare, um es ja nicht zu vergessen. Vergesslichkeit. Sie seufzt leise. Warum ist sie nur so schrecklich vergesslich? Damit fängt immer alles an. Abends vergisst sie, den Wecker zu stellen, obwohl sie das nicht wirklich schlimm findet. Trotzdem. Sie sollte es nicht vergessen, das ist ein Prinzip und Prinzipien muß man einhalten. Oder? Und außerdem ist es ja nicht nur der Wecker: Sie vergisst, dass sie den Teebeutel schon in die Tasse getan hat, dann, die zweite Socke anzuziehen, der Regenschirm ist unauffindbar, ihr Geldbeutel ist verschwunden. Sie ist auch schon mit ungekämmten Haaren zur Arbeit gegangen, von vergessenen Taschen ganz zu schweigen. Und so hat sie auch ihre Krone verloren. Ihre schöne, goldene Krone. Die hätte sie heute dringend gebraucht, das Wetter ist übel, der Morgen grau, die Aussichten novembermässig schlecht, und mit Krone wäre einfach alles besser gewesen. Aber sie hat sie nicht gefunden.
Fräulein Honigohr seufzt noch einmal leise und erinnert sich, wie sie gesucht hat: Unter dem Bett. Im Küchenschrank. Zwischen den Kissen im Wohnzimmer. Hinter den Büchern. Sogar in den Büchern hat sie nachgesehen, manchmal versteckt ihre Krone sich überraschend hinterhältig. Aber dieses Mal war sie nirgendwo. Und dann kam die Wut. Fräulein Honigohrs Wut will toben, schreien und rennen, und zwar alles auf einmal. Sie kann ziemlich beängstigend sein. Sie macht sogar Fräulein Honigohr selber Angst. Wenn man gleichzeitig Angst hat und wütend ist, neigt die Wut dazu, sich selbständig zu machen und das ist der Zeitpunkt, an dem der Schrank ins Spiel kam. Herr Brummeck hat Fräulein Honigohr geraten, im Schrank in Deckung zu gehen und ihre Wut sich selbst zu überlassen. Meistens wird der Wut schnell langweilig, wenn Fräulein Honigohr sie ignoriert. Und genau das hat sie heute getan. Sie ist stolz auf sich.
Ein kleiner Lichtstreifen fällt durch das Schlüsselloch zu ihr hinein. Fräulein Honigohr streckt ihre Finger aus und spielt mit ihm. Draussen ist es ruhig. Ihre Wut ist verschwunden. Eigentlich könnte sie jetzt die Tür aufmachen und hinausgehen. Interessanterweise hat sie gerade gar keine Lust dazu. Der Lichtstrahl kitzelt ihre Finger, es ist warm und wenn sie noch ein klein wenig überlegt, fällt ihr vielleicht sogar wieder ein, wo sie ihre Krone hingelegt hat.
Fräulein Honigohr lächelt. Vielleicht sollte sie einen wöchentlichen Schranktag einführen. Der Montag wird sowieso überbewertet.