Fräulein Honigohr und die Geschichte

Fräulein Honigohr ist müde. Gerade hat sie sich mit drei jungen Männern gestritten, und vielleicht war sie ein bisschen zu autoritär. Ach was, wem macht sie was vor, sie war genauso schrecklich wie die drei vorher zu ihr. Die Zeiten sind übel.
Sanft streicht sie über ihr Lieblingsbuch. Der Erzählstoff ist ihr ausgegangen, sie hatte gehofft, der Park würde ihn zurückbringen, aber da ist nichts.
Ein Schatten fällt auf ihr Gesicht. Vor ihr steht einer der jungen Männer, die sie hinausgeworfen hat. Er sieht unbehaglich aus. Fräulein Honigohr lehnt sich zurück.
„Also… äh… “ Der Mann windet sich. „Ich… tut mir leid.“
Fräulein Honigohr klopft mit der Hand auf die Parkbank. „Setz dich.“
Der junge Mann zuckt, als ob er lieber weglaufen würde, dann lässt er sich fallen und guckt auf seine Schuhspitzen. Irgendwann entspannt er sich. Ein kleiner Wind spaziert vorbei. Das Buch in Fräulein Honigohrs Händen vibriert. Sie richtet sich auf. „Hier, halt mal“, sagt sie, „ich glaube, du hast eine Geschichte für mich.“
Der Mann wirft ihr einen irritierten Blick zu, und da springt das Buch auf. Seine Seiten sind leer. Verständnislos guckt er auf die weißen Blätter.
Fräulein Honigohr hebt den Zeigefinger. „Warte“, sagt sie. Eine sehr kleine Hand taucht aus den Seiten auf, ein Kopf folgt und in Nullkommanichts hat sich eine weibliche Gestalt aus dem Buch gezwängt. Sie zieht einen Jungen hinter sich her. Zusammen spazieren sie über den Parkweg.
Der Mann starrt mit offenem Mund. „Das ist… das… “ stottert er.
„Pssst“, flüstert Fräulein Honigohr, „nur zugucken. Wenn dir was nicht gefällt, kannst du es später ändern. Ist ja deine Geschichte. Ok?“
Der junge Mann zittert und nickt. Er lässt die beiden winzigen Gestalten nicht aus dem Blick. Das Buch in seinen Händen seufzt vibrierend. Es sieht aus, als ob es lächeln würde.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden! Organisiert werden sie von Christiane mit ihrem Blog Irgendwas ist immer, vielen Dank dafür! Die Wortspende kam von Katharina und ihrem Blog Katha kritzelt, und sie lauteten: Erzählstoff, sanft und vibrieren, zu verwenden in maximal 300 Wörtern, was wie immer eine Herausforderung war. Soviele gestrichene Wörter, die jetzt weinend irgendwo herumirren! Das Leben ist hart. 😊

Fräulein Honigohr und der Schneemann

Bevor man den folgenden Text liest, könnte man zuerst diesen hier lesen. Und diesen hier. Man muss natürlich nicht, aber es macht dann mehr Spaß. Und Sinn auch.

Fräulein Honigohr und der Schneemann

Gedankenverloren öffnet Fräulein Honigohr den Kühlschrank und schlägt die Tür sofort wieder zu, als ihr Geschrei entgegenschlägt: „Du hast es versprochen! Lass mich raus hier! Es ist stinklangweilig! Wehe, du machst die Tür wieder…“ Sie lehnt sich gegen die Kühlschranktür und atmet tief durch. Das muss unbedingt aufhören. Langsam artet dieser Zustand zu einer unfreiwilligen Diät aus, und sie kann ja nicht immer Kekse essen. Obwohl… nein. Energisch macht sie die Kühlschranktür ein zweites Mal auf.
„Ha! Ich wusste, dass du dich nicht traust! Lass mich sofort raus hier! Ist mir egal, ob es draußen zu warm ist! Du hast es versprochen!“ Der kleine Schneemann hämmert mit den Schneefäusten von innen an die blaue Glaskugelwand. Sein Gesicht schimmert besorgniserregend violett in all dem Blau, und das, obwohl der Käse aus der Nachbarschachtel sich alle Mühe gibt, für ein bisschen gelb in der Kugel zu sorgen.
Fräulein Honigohr seufzt. „Was soll ich deiner Meinung nach denn tun?“ fragt sie den Schneemann, „willst du etwa schmelzen? Als Wasserpfütze kann das Leben ziemlich seicht sein.“
Der Schneemann drischt mit seinem Besen von innen gegen die Kugelwand. „Das ist mir egal! Du hast ja keine Ahnung, wie langweilig es hier drin ist! Und dunkel! Lass wenigstens die Tür auf!“
„Nein! Weil es dann nämlich warm wird im Kühlschrank!“ Fräulein Honigohr wirft einen kurzen Blick aus dem Fenster. Keine Spur von Schnee, dafür nieselt es, und viel zu viele Schirmträger sind draußen unterwegs.
Der Schneemann wirft seinen Besen hinter sich, verschränkt die Arme und schmollt. „Du bist schuld! Wenn du dich nicht in die Kugel gewünscht hättest, hätte deine Doppelgängerin es nicht schneien lassen, ich wäre nicht gebaut worden und nicht mirnichtsdirnichts in dieser vermaledeiten Weihnachtskugel gelandet!“
„Du hast mir übrigens immer noch nicht verraten, wie du in die Kugel geraten bist. Irgendwas muss doch passiert sein, oder?“ Fräulein Honigohr sieht den Schneemann bohrend an.
„Das geht dich nichts an!“ Der Schneemann starrt bohrend zurück.
„Ach! Aber retten durfte ich dich?“ Fräulein Honigohr denkt an die hektische Rettungsaktion mit Kühltasche und Eisakkus zurück, und wie sie versucht hat, Herrn Brummeck die Existenz eines lebendigen Schneemannes in einer blauen Weihnachtsbaumkugel zu erklären. Sein Gelächter muss kilometerweit zu hören gewesen sein. Sie schnaubt.
„Natürlich! Du bist schließlich schuld!“ Der Schneemann funkelt sie aus seinen Kohleaugen an.
Was soll sie nur tun? Auf jeden Fall muss sie dieses schlecht gelaunte Eispaket aus ihrem Kühlschrank bekommen, oder sie wird in absehbarer Zeit ebenfalls sehr schlecht gelaunt sein, und dann kann sie für nichts garantieren. Und ihre Doppelgängerin läuft aller Wahrscheinlichkeit nach auch noch irgendwo da draußen herum. Auf jeden Fall gab es seltsame Nachrichten in den letzten Tagen, das Internet berichtete über Spontanpartys auf überraschend zugefrorenen Seen, die Anwohner hätten am Morgen die Überreste von Riesenbuffets entdeckt, aber kein Caterer hatte entsprechende Aufträge. Die Gerüchteküche brodelt wie ein Punschtopf, den jemand auf dem Feuer vergessen hat. Wie lange wird ihr kleines Weihnachtsfeierexperiment wohl andauern? Fräulein Honigohr hofft auf eine nicht allzu lange Lebensdauer, aber wer weiß das schon genau? Die Weihnachtstage haben ihre eigene Energie, die alles verstärkt und manchmal zu unberechenbaren Ergebnissen führt. Moment. Schuldet ihr der alte Mann nicht noch etwas? Er müsste mittlerweile wieder zuhause sein und sitzt wahrscheinlich in der Sauna, um sich von all dem Trubel zu erholen. Und bei ihm ist es kalt. Außer in der Sauna natürlich. Aber ansonsten: Endlose Schneeberge, eisige Kälte, Nordlichter, soviel das Herz begehrt. Da findet sich doch bestimmt ein Plätzchen für Herrn-ich-meckere-sobald-jemand-die-Kühlschranktür-öffnet? Fräulein Honigohrs Stimmung hellt sich auf.
„Was hast du? Du führst was im Schilde, ich seh das doch!“ Der Schneemann beobachtet sie misstrauisch, die Schneefäuste gegen die blaue Glaswand gestützt. „Sag mir sofort, was du vorhast! Du kannst nicht einfach machen, was du willst, hörst du? Du bist schließlich schuld! Was soll denn die Kühltasche? He! Wo bringst du mich hin? Lass das! Es ist schon wieder dunkel überall, laaaaas daaas!“
Fräulein Honigohr schließt die Kühltasche mit einem erleichterten Seufzer. Das wäre erledigt. Jetzt braucht sie nur noch eine Mitfahrgelegenheit. Ob der Ostwind ihr heute gewogen ist? Einen Versuch ist es wert. Sie schlingt den Schal um den Hals und steigt die Treppe zum Dachboden hinauf. Vielleicht hat ja auch der Teppich heute noch nichts vor. Und wenn doch: Die Aussicht auf Nordlichter hat ihn noch immer überzeugt.

Fräulein Honigohr und die Spiegelung

Bevor man den folgenden Text liest, sollte man zuerst diesen hier lesen. Man muss natürlich nicht, aber er macht dann mehr Sinn. 😊

Fräulein Honigohr und die Spiegelung

Fräulein Honigohr reckt und streckt sich in ihrer roten Weihnachtskugel. Zeit, um nach Hause zu gehen. Die Feier ist fast vorbei, zwei letzte Paare drehen sich punschselig langsam auf der Tanzfläche, und die Kartoffelsalatschüssel ist leer. Fräulein Honigohr hält Ausschau nach ihrer Doppelgängerin. Da steht sie, mit Lametta im Haar und an den Rändern leicht flackernd. Sie lacht und redet und unterhält eine kleine Gruppe von Partygängern, die sie hingebungsvoll anschwärmen. Fräulein Honigohr ist stolz auf sie. Aber jetzt ist es wirklich Zeit zu gehen. Sie schließt kurz die Augen. Als sie sie öffnet, ist nichts passiert. Fräulein Honigohr spitzt die Lippen. Ihre Doppelgängerin sieht zu ihr hinüber und hebt die Schultern in einer um Verzeihung bittenden Geste, dann deutet sie unauffällig auf eine große Uhr an der Wand. Aha. Fräulein Honigohr schnaubt leise. Um Mitternacht! Originell ist das nicht gerade.
Ihre Doppelgängerin lächelt. Fehlende Originalität scheint ihr nichts auszumachen. Sie greift nach Schal und Handschuhen (ihr Schal und ihre Handschuhe, denkt Fräulein Honigohr entrüstet), schiebt ihre protestierenden Verehrer sanft zurück und geht zum Ausgang. An der Tür dreht sie sich noch einmal um und winkt, sie flackert jetzt heftiger an den Rändern, dann ist sie weg.
Fräulein Honigohr lässt sich zurücksinken in ihrer Weihnachtskugel. Frechheit! Noch sieben Minuten bis Mitternacht und zur Freiheit. Eigentlich ist sie selbst schuld, selbstverständlich will ihr Spiegelbild nicht zurück in die Kugel, sie ist schließlich wie sie, nur etwas breiter um den Mund herum. Und clever ist sie, das muss Fräulein Honigohr ihr lassen. Nicht schlecht für eine Anfängerin, gar nicht schlecht. Sie wird die rote Kugel nachher unauffällig mitgehen lassen, damit niemand sie kaputt machen kann. Ohne Kugel kein Spiegelbild.
Während sie wartet, hört sie ein leises Klopfen. Es kommt von nebenan aus der blauen Kugel. Überrascht sieht Fräulein Honigohr hinüber. In der Kugel fallen jetzt Schneeflocken, und ein kleiner Schneemann klopft mit dem Besen an die Kugelwand und gestikuliert heftig. Der war vorhin aber noch nicht da! Sie zieht die Augenbrauen hoch. Was ist eigentlich alles passiert, als sie geträumt hat? War sie das? Oder ihr anderes ich? Wo treibt sich der Originalschneemann herum? Hier drinnen ist er auf jeden Fall nicht. Und die wichtigste aller Fragen: Schneit es etwa draußen?
Fräulein Honigohr legt die Hände von innen an die rote Glaswand. Das hier ist mit Abstand die interessanteste Weihnachtsfeier der letzten Zeit. Vergnügt bringt sie die Weihnachtskugel zum Schwingen. Jetzt könnte die Feier eigentlich nochmal starten: Sie wäre bereit.

Fräulein Honigohr zieht um

Fräulein Honigohr zieht um

Fräulein Honigohr nimmt die nächste Tasse aus dem Schrank, betrachtet das pinkgoldene Muster am Rand und erinnert sich. Ein kleines Lächeln zieht über ihre Mundwinkel, dann seufzt sie. Die Tasse kommt in den linken Karton.
„Hör mal, wenn du so weitermachst, sind wir nächstes Jahr noch nicht fertig!“ ruft Herr Brummeck aus dem Flur.
„Ach, schnickschnack“, murmelt Fräulein Honigohr und überlegt, welche Tasse sie als nächstes nehmen soll.
„Ich kann dich hören!“ Herr Brummeck setzt den Schrank ab, den er gerade nach oben tragen wollte und wischt sich den Schweiß von der Stirn. „Willst du jetzt jede einzelne Tasse verabschieden? Du hast doch hunderte!“
„Jede ist wenigstens eine Erinnerung wert“, sagt Fräulein Honigohr, „wo kämen wir denn da hin, wenn ich einfach alle über einen Kamm schere?“
„Schneller nach oben?“ Herr Brummeck grinst.
Fräulein Honigohr hört gar nicht hin. „Guck mal“, sagt sie, „diese hatten wir beim Picknick im Schwimmbad dabei. Wir haben Eistee getrunken und Federball mit den Kindern von der Nachbardecke gespielt.“
„Das war super, aber eigentlich wollten wir heute abend fertig sein, du erinnerst dich? Frau Eckenbrösel würde gern heute nacht hier in ihrem Bett schlafen.“
Fräulein Honigohr schnaubt.
„Du wolltest die Wohnung tauschen, also beschwer dich nicht.“ Herr Brummeck lehnt sich auf den Schrank.
Fräulein Honigohr verdreht die Augen.
„Ich könnte sie dir einfach alle nach oben bringen“, schlägt Herr Brummeck heroisch vor und versucht, nicht auf das Tassenmeer zu gucken.
„Das ist lieb von dir, aber wenn ich schon umziehe, muss ich die Gelegenheit nutzen und Dinge freilassen.“ Fräulein Honigohr sieht sich um und seufzt wieder.
„Ja, dann…“ Herr Brummeck hebt den Schrank an.
Fräulein Honigohr schließt kurz die Augen und Herr Brummeck protestiert: „Lass das! Ich kann das allein tragen! Meinst du, ich schaff das nicht?“
Männer. Fräulein Honigohr schüttelt den Kopf. Dann eben nicht. Herr Brummeck stöhnt und schnauft, als er den Schrank nach oben trägt, aber er klingt sehr zufrieden dabei. Fräulein Honigohr setzt die Tasse ab und geht mit dem Karton ins Wohnzimmer, in dem schon eine seltsame Mischung aus ihren und Frau Eckenbrösels Möbeln steht. Es sieht interessant aus, als ob die gezierten, etwas zu gut angezogenen Möbelverwandten aus der Großstadt zu Besuch wären. Nur, dass sie nicht zu Besuch sind, sondern hier einziehen. Fräulein Honigohr freut sich auf die Aussicht oben, und Frau Eckenbrösel freut sich, dass sie weniger Treppen steigen muss. Mit neunundsiebzig ist das nicht mehr so leicht wie früher. Alles ist gut, und dennoch: Es waren schöne Zeiten hier. Fräulein Honigohr öffnet ein Fenster und sieht hinaus. Dann schließt sie kurz die Augen und eine kleine Parade aus Tassen, Büchern, einem Fächer, einer Klivie und ein paar Hüten fliegt durch das Fenster nach oben.
„He!“ hört sie Herrn Brummeck rufen.
„Du musst nicht, aber ich schon!“ ruft sie durch das offene Fenster, „schließlich will Frau Eckenbrösel heute nacht hier schlafen!“ Oben klirrt etwas, Herr Brummeck flucht und Fräulein Honigohr zieht ihren Kopf wieder nach drinnen. Sie blickt den Karton mit den aussortierten Tassen an. Zeit für Abschiede. Sie schließt noch einmal kurz die Augen. „Auf, sucht euch jemand neues!“ Fräulein Honigohr wedelt die Tassen durchs Fenster hinaus, sie drehen sich um die eigene Achse, nicken ihr ein letztes Mal zu und rasen in alle Richtungen davon. Fräulein Honigohr sieht ihnen einen Augenblick nach, dann schließt sie das Fenster. Es gibt viel zu tun. In der Küche zum Beispiel, da gibt es noch einen ganzen Schrank mit Tassen.

Aus gegebenem Anlass erneut gepostet. 😊

Fräulein Honigohr und der Nikolaus

Fräulein Honigohr reißt die Tür auf. Es ist stockfinster im Flur. „Guten Morgen!“ ruft sie und grinst.
Die dunkle Gestalt vor der Tür zuckt ertappt zusammen. Dann richtet sie sich zu eindrucksvoller Größe auf und lacht ein grollendes „Hahaha! Du wieder!“
Fräulein Honigohr beugt sich über ihren Stiefel. „Hast du mir was Schönes mitgebracht?“
„Du wirst doch wohl nicht vor der Zeit gucken, oder?“ Der Nikolaus schwingt die Rute, dann mustert er sie. „Wie geht´s dir? Hier unten läuft ja so einiges anders als sonst, was?“
Fräulein Honigohr nickt. „Ja, sehr anders als sonst. Aber mir geht´s gut, ich habe mich eingerichtet. Und du? Wie läuft´s bei dir? Darfst du überhaupt überall rein? Abstandsregeln und so?“
Der Nikolaus lacht wieder dröhnend. „Für mich sind das perfekte Arbeitsbedingungen! Ich komme bloß bis zur Tür, niemand darf mich sehen, die Schuhe stehen draußen und scheinbar haben die Leute viel mehr Zeit, sich über meine Geschenke zu freuen, auf jeden Fall hatte ich schon mehr Milch und Plätzchen als gut für mich ist!“ Er streicht über seinen runden Bauch. „Und guck! Ist das nicht hübsch?“ Er zeigt auf seinen Bart, der hinter einer roten Maske mit Rentieren versteckt ist. „Meine Engel haben dieselbe in grün!“
„Deine Engel tragen Maske?“ fragt Fräulein Honigohr ungläubig.
„Sie fanden es unfair, dass nur ich eine tragen darf, hahaha!“ Er lacht, dass die Flurlampe schwankt. „Hör mal, es war schön mit dir zu plaudern, aber ich muss! Viel zu tun, du weisst ja. Und dass du mir ja nicht zu früh in den Stiefel guckst! Erst am Morgen!“
Fräulein Honigohr nickt. „Versprochen! Gute Reise und grüß schön!“
Der Nikolaus lacht noch einmal grollend, hebt die Hand und ist verschwunden. Fräulein Honigohr gibt sich wirklich alle Mühe, nicht zu gucken, dann wirft sie doch einen klitzekleinen Blick in ihren Stiefel. Aus ihm ragt ein längliches Päckchen, das in braunes Papier gewickelt ist. Nicht schlecht, denkt sie, der alte Mann geht mit der Zeit. Umweltfreundlich verpackt! Und er trägt Rentiermaske! Sie schließt die Tür. Von draußen hört sie ein leises „Hahaha!“ Und wenn sie sich nicht sehr täuscht, ist da auch ein leises Glöckchengeklingel in der Luft.
Manche Dinge ändern sich nicht, denkt sie zufrieden.

Fräulein Honigohr geht zum Frisör

Fräulein Honigohr geht zum Frisör

Fräulein Honigohr öffnet schwungvoll die Ladentür und sieht sich um. Alle Plätze bis auf einen sind belegt, in der Ecke fegt ein Lehrling Haare zusammen. Eine der Frauen kommt mit Färbepinsel in der Hand auf sie zu.
„Wie kann ich Ihnen helfen?“ fragt sie.
„Ich würde mir gern die Haare schneiden lassen“, sagt Fräulein Honigohr.
„Wir sind leider gerade voll, Sie sehen ja.“ Die Frau macht eine vage Handbewegung nach hinten, wo fünf Damen in Bearbeitung sitzen.
„Aber er da ist doch noch frei?“ Fräulein Honigohr zeigt auf den Lehrling, der immer noch Haare fegt.
„Das ist unser Lehrling, der hat noch nie Haare am lebenden Modell geschnitten. Aber ich könnte Ihnen für morgen einen Termin machen.“
„Och“, sagt Fräulein Honigohr, „ich würde es trotzdem gern mit ihm probieren.“
Der Lehrling blickt zu ihr hinüber. Er sieht beunruhigt aus.
„Sie wollen doch kein Massaker auf Ihrem Kopf haben, oder?“ fragt die Frau und wirft dem Lehrling ein mitleidiges Lächeln ins Gesicht, das rot wie eine vollreife Tomate wird.
„Ich glaube, er würde das gut machen“, beharrt Fräulein Honigohr mit einer Spur Schärfe in der Stimme.
Die Frau kneift die Augen zusammen. „Ich lehne jede Verantwortung ab!“ erklärt sie in gehobener Lautstärke, „die Damen hier sind meine Zeuginnen!“ Die Reihe frisch gewaschener und geschnittener Köpfe nickt eifrig. Das hier ist besser als jede Zeitschrift. Kino im Frisörsalon!
„Gut“, sagt Fräulein Honigohr und marschiert auf den freien Stuhl zu. „Du hast mitgehört, oder?“ fragt sie den Lehrling, der jetzt wie eine Tomate im Sonnenuntergang glüht. Er nickt und kommt mit winzig kleinen Schritten auf sie zu, hinter sich einen Wagen mit Scheren und Bürsten. Er sieht aus, als ob er geradewegs auf dem Weg zum Schafott wäre. Ängstlich betrachtet er Fräulein Honigohrs braunes Haar, das wie üblich wild in alle Richtungen wächst. „Waschen kann ich, aber schneiden… wie wollen Sie es denn haben?“
„Such dir was aus.“ Fräulein Honigohr grinst, als sie das entsetzte Gesicht des Lehrlings sieht.
„Oh Gott“, murmelt der Lehrling, „ich hab das noch nie gemacht, ehrlich. Ich hoffe, Sie sind hinterher nicht sauer.“
Fräulein Honigohr bekommt ein kleines bisschen Mitleid. Sie hat kurz vergessen, dass nicht alle wie sie sind. „Hör mal. Ich mag Anfänger. Du wirst nicht gelangweilt an meinen Haaren herumschnippeln, für dich wird das ein Abenteuer. Und für mich auch. Anfänge duften nach Freiheit, Aufregung und Überwindung!“ Sie strahlt den Lehrling an. „Und keine Sorge, meine Haare überleben das. Du hast ja keine Ahnung, wie schnell die nachwachsen.“
Der Lehrling starrt auf seine Hände. Dann blickt er sich um. Zehn Augenpaare huschen zurück in Zeitschriften und auf Scheren und Kämme. Nur Fräulein Honigohr sieht ihn an. Vorsichtig lächelt er zurück.
Dann stellt er das warme Wasser an.

Eigentlich ganz einfach, oder?

Fräulein Honigohr badet im Sommer

Fräulein Honigohr sitzt im Schneidersitz auf dem Rasen und streichelt abwesend über die Gänseblümchen, die sich ihrer Hand entgegenstrecken. Herr Brummeck liegt neben ihr, schwitzt leise vor sich hin und stöhnt ab und zu über die Hitze, dann ist er wieder still und hört ihr zu.
Sie recherchiert Möglichkeiten. „Wir könnten draußen übernachten“, sagt sie, „oder wir machen eine Mondwanderung! Stell dir vor, wie der Mond sich silbern auf dem Fluß spiegelt! Wäre das nicht herrlich? Oder wir kochen schwedisch und picknicken auf einer Waldlichtung! Vielleicht gibt es schon Walderdbeeren…“ Sie lächelt versonnen.
„Aber nur mit Picknickdecke“, sagt Herr Brummeck träge, „die Ameisen haben mich beim letzten Mal fast aufgefressen.“
„Nur, weil du dich auf sie drauf gesetzt hast. Das war reine Notwehr.“
„Hm“, macht Herr Brummeck und wischt sich eine Schweißperle von der Nase.
„Wir könnten einen Flohmarkt besuchen oder eine Wanne mit kaltem Wasser rausstellen und die Füße reinhalten und ein Eis essen. Oder wir bauen ein Floß und fahren den Fluß hinunter. Oder wir fahren ans Meer und gehen schwimmen!“ Fräulein Honigohr kann nicht anders, sie muss dauernd lächeln. Es ist Sommer!
„Schwimmen?“ Herr Brummeck richtet sich auf und wirft einen Blick auf den See. Er guckt Fräulein Honigohr an und grinst. Es sieht verwegen aus.
„Nein! Das machst du nicht! Lass das! Iiiiieeeck!“ Fräulein Honigohr kreischt, aber es hilft ihr nichts: Herr Brummeck hat sie über die Schulter geworfen wie einen Sandsack und läuft mit ihr auf den Steg zu. Im Laufen ruft er: „Wir könnten auch ins Wasser springen!“ Und dann springt er.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden, sehr kurz vor knapp, aber eher gings nicht, ich funktioniere nämlich ab 26° nicht mehr vollständig, und die letzte Woche lag da aber sowas von drüber! Herrje. Wo war ich? abc-Etüden. Dieses Mal kam die Wortspende von Ellen mit ihrem Blog nellindreams, einzufügen waren die Worte Picknickdecke, recherchieren und verwegen und organisiert wird das Ganze von Christiane – vielen lieben Dank dafür! Und jetzt geh ich ein Eis essen. 😊

Fräulein Honigohr lernt ein Kleid kennen

Fräulein Honigohr marschiert mit Einkaufstasche und Regenstiefeln durch die Stadt, sie nimmt alle Abkürzungen, die sie kennt, sie hat es nämlich eilig. Sie muss noch Eier, grüne Maccarons, Gummibänder und Butterbier besorgen, und besonders die Maccarons sind schwierig zu bekommen. Als sie in eine enge Gasse einbiegt, hört sie ein Flüstern aus einem schmalen Schaufenster neben ihr. Neugierig wirft sie im Gehen einen Blick hinein und bleibt fasziniert stehen. Auf einer Ankleidepuppe hängt das schönste Kleid, das sie sich vorstellen kann, mit kurzem, weit ausgestelltem Rock, aber das beste ist das rot und silberschwarz bestickte Korsett, das aussieht, als ob es bei jeder Bewegung Silberstaub verdampfen würde.
„Na du?“ murmelt Fräulein Honigohr verliebt, und das Kleid wellt sich geschmeichelt. Die Ankleidepuppe ächzt und bewegt sich unwillig rechtsdrehend um die eigene Achse. Fräulein Honigohr holt tief Atem. Das Korsett ist hinten mit zahllosen, winzig kleinen Ösen verschlossen, der Rock bläht sich im Fahrtwind, und, tatsächlich, ein leichter Silbernebel weht durch das Schaufenster. Fräulein Honigohr lächelt und das Kleid lächelt zurück.
Neben ihr öffnet sich die Ladentür und lässt eine altmodische Türglocke läuten. „Na, haben Sie sich gefunden?“ fragt ein winziger, alter Mann und schaut durch dicke Brillengläser zu Fräulein Honigohr auf.
„Oh ja!“ antwortet sie und lässt keinen Blick von dem Kleid, das sich ihr entgegenstreckt. Maccarons und Gummibänder fallen auf der Wichtigkeitsskala weit nach unten, hier gilt es Prioritäten zu setzen.
„Dann hereinspaziert, bitte!“ Der winzige Mann lässt ihr den Vortritt, und Fräulein Honigohr schwebt in Gummistiefeln in eine neue Welt.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden. Die Regeln: Drei Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Begriffe lauteten dieses Mal Baracke, widerfahren und lau und stammen von Bernd mit seinem Blog Red Skies Over Paradise. Und organisiert wird alles von Christiane mit ihrem Blog Irgendwas ist immer! Vielen Dank! Heute sende ich mörderische Grüße in die Blogwelt… 😎

Fräulein Honigohr und die Musketiere

Fräulein Honigohr wirft eine Handvoll graue Steine in die Pfanne und dreht die Flamme höher. „Na los jetzt!“ ruft sie aufmunternd und schwenkt die Pfanne energisch hin und her. Die Steine kullern klackernd gegen den Rand. „Ihr könnt nicht ewig bei mir bleiben, so langsam wird´s Zeit!“
Die Steine weigern sich. Hitze strahlt von ihnen ab wie von Heizpilzen im Winter.
Fräulein Honigohr seufzt ungeduldig. „Was seid ihr bloß für Mimosen. Die Kirschbäume blühen, ihr wisst, was das heißt!“ Sie wartet einen Augenblick. Nichts rührt sich. „Na gut. Dann eben so.“ Sie legt einen Deckel auf die heiße Pfanne. Nach einer Minute hört sie ein lautes Gähnen. „Na also“, murmelt sie.
Geschimpfe wird laut, der Deckel scheppert zu Boden und zum Vorschein kommen fünf graue Gestalten, die sie vorwurfsvoll anstarren. „Du spinnst wohl!“ ruft der Größte, „uns so unsanft zu wecken!“ Er unterdrückt ein gewaltiges Gähnen, und wie auf Kommando gähnen alle fünf, bis ihre Kiefer knacken. „Und viel zu früh! Es ist saukalt bei dir!“
Fräulein Honigohr betrachtet die rotglühende Pfanne und zieht die Augenbrauen hoch. „Papperlapapp! Stellt euch nicht so an! Wir haben Mai und ihr müsst los!“ Sie nimmt die Pfanne am Stiel und geht zum offenen Fenster. „Seht ihr? Los, raus! Stellt Unsinn an, ärgert die Eichhörnchen, verteilt Frühlingsgefühle! Im Herbst sehen wir uns wieder.“
Die fünf Grauen schnuppern in die kühle Luft. „Sie hat Recht“, flüstert der Kleinste, „wir sind schon viel zu spät!“ „Birnenmoder und Maikäferkacke! So viel verpasst! Trennen wir uns?“ Sie legen ihre Hände kreisförmig aufeinander. „Alle für einen – einer für alle!“ Sie werfen die Hände in die Luft und stürzen sich aus der Pfanne. In Sekundenschnelle sind sie verschwunden.
Fräulein Honigohr stellt die Pfanne auf Boden und lehnt sich auf das Fensterbrett. „Hallo, Mai“, flüstert sie glücklich, „deine Musketiere kommen!“

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden. Die Regeln: Drei Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Begriffe lauteten dieses Mal Baracke, widerfahren und lau und stammen von Bernd mit seinem Blog Red Skies Over Paradise. Und organisiert wird alles von Christiane mit ihrem Blog Irgendwas ist immer! Vielen Dank! Heute sende ich mörderische Grüße in die Blogwelt… 😎

Der weiße Faden

Als ich morgens aufwache, liegt ein weißer Faden am Fuß des Bettes. Ich behalte ihn im Auge, während ich mich anziehe. Draußen ist es dunkel. Ich stecke zwei Mandarinen ein, nehme den Faden auf und folge ihm. Er führt in meine Schreibhefte und zieht mich hinter sich her. Ich werde zu Buchstaben, es piekst und kitzelt, dann bin ich hinter den Seiten.
Es ist dunkel, nur ein paar Fenster leuchten. Ich gucke in eins hinein und da schläft Herr Miesling. Er schnarcht leise, sein Engel liegt wach und unentspannt neben ihm. Als er mich sieht, winkt er und lächelt. Ich lächle zurück. Hinter dem nächsten Fenster läuft mein Schweinehund auf und ab und diskutiert mit mir. Oder ist es mein Spiegelbild? Ich klopfe ans Fenster. Mein zweites Ich sieht auf und lacht, mein Schweinehund wirft mir eine Kusshand zu.
Der Faden leuchtet weiß in der Dunkelheit, ich lasse ihn über meine Buchstabenfinger gleiten. Aus der Finsternis kommt der Goldfisch geschwommen und fragt, ob ich wüsste, wo der Weg sei? Er hätte sich verirrt. Ich deute vage mit einer Hand irgendwohin, der Goldfisch bedankt sich und schwimmt davon.
Der Faden führt mich durch ein Labyrinth von Gedichtzeilen, vorbei an der Halde der verworfenen und unvollendeten Geschichten. Sie leuchten grünblau und schweigen vorwurfsvoll. Ich komme an ein weiteres, erleuchtetes Fenster. Wellenbrink und Gnorm sitzen am Küchentisch, trinken schwarzen, süßen Kaffee und Likör. Sie sehen mich nicht.
Der Faden zieht mich weiter. Aus der Dunkelheit schält sich ein Cafétisch mit zwei zierlichen Eisenstühlen. Auf einem von ihnen sitzt Fräulein Honigohr. „Da bist du ja“, sagt sie, „ich warte schon endlos. Du hast zwei Mandarinen. Gibst du mir eine ab?“
Ich nicke, dann sitzen wir auf den Stühlen und schälen unsere Mandarinen.
„Und nun?“ fragt sie.
Ich zucke mit den Achseln.
„Herr Riebesiel ist da hinten auch noch irgendwo“, sagt sie. „Und Lucius. Janne auch. Du weißt doch wohl, was du zu tun hast, oder? Das Wasserschwein wartet seit letztem Jahr. Du kannst uns nicht im Stich lassen!“
Ich esse meine Mandarinenschnitze einen nach dem anderen. Fräulein Honigohr verschränkt die Arme. Sie guckt streng. Der Faden leuchtet weiß in der Dunkelheit und kringelt sich wie Seetang in der Strömung. Dann nicke ich langsam.
Fräulein Honigohr lehnt sich zurück. „Sehr schön“, sagt sie und schnippt mit den Fingern. Der Faden wickelt sich um meine Hand und zieht mich nach vorn, Neun stürzt an mir vorbei, ein paar Engel flattern aufgescheucht durch die Dunkelheit, dann finde ich mich in meinem Bett wieder.
Was für ein Traum! Ich reibe mir über die Augen. Oh! denke ich und schnuppere an meinen Fingern. Sie duften nach Mandarinen.