Ich sehe was, was du nicht siehst

Hamburg, 13. Mai 2017, Altonaer Balkon

Dunstig hängt das Licht über dem Hafen, eine Ahnung von Blau zwischen den Wolken. Schafgarbenwellen duften, und tief unten schieben sich zwei Holzmasten an der Mole vorbei. Ein Brummen liegt über allem, ein leises Tosen; Hamburgs Hafen atmet. Dutzende Kranarme ragen wie ein erstarrtes Ballett in die weiche Luft, ab und zu glänzt ein Stück Stahl im Licht und sendet ein kleines Signal: Hier wird gearbeitet.

Über die Köhlbrandbrücke fahren winzige LKW, dahinter schieben drei Schornsteine Wasserdampf in den Himmel. Barkassen, ein Raddampfer und Segelschiffe ziehen vorbei, ab und zu wird ein Containerschiff behutsam geleitet. Das Wasser bewegt sich unablässig.

Hinter meiner Bank wird gejoggt, gegrillt und diskutiert, der Sandboden knirscht, wenn jemand vorbeigeht.

Es ist schön hier.

Spaziergänge

Am Ostermontag habe ich gegammelt. Nachdem der Ostersonntag voll mit Familie war, hatte ich am Montag das Kontrastprogramm mit überhaupt gar keiner Familie und habe das schamlos ausgenutzt, um eine schrecklich romantische Serie zu gucken und dann einen schrecklich romantischen Film, und als der vorüber war, hatte ich ein ziemliches Völlegefühl. Mir war nach frischer Luft, und, das kann ich mit Bestimmtheit sagen, das kommt nicht so häufig vor. Ich persönlich finde, frische Luft wird überschätzt, drinnen ist es auch ganz schön, und überhaupt, gefühlt war da draußen an diesem Ostern sowieso Winter.

Und trotzdem: Seltsamerweise war mir an diesem Tag also nach Frischluft. Und so bin ich losmarschiert, hab noch versucht, eine Freundin anzuklingeln, die dann aber nicht da war (vermutlich hatte sie Familie an diesem Tag) und bin dann alleine durch die Gegend gelaufen. Und wie schön war das! Kennen Sie das, wenn einfach alles stimmt? Die Sonne, die Menge und Häufigkeit der Wolken, die Art und Weise, wie der Wind weht, selbst die dreiundzwanzig Regentropfen haben gepasst an diesem Tag. Die Vögel haben genau an den richtigen Stellen des Weges gesungen, es war die perfekte Menge an unbekannten und vertrauten Wegen, die Vorgärten sahen hinreichend nach Bilderbuch aus (aber nicht zu sehr), die Steigungen hatten den idealen Winkel und die Bänke standen da, als hätte sie jemand für mich aufgestellt. Kennen Sie den Film „Die Truman Show“? Wo immer alle vor Truman herlaufen und alles für ihn vorbereiten und wenn er vorbei ist, hinter ihm aufräumen? So fühlte ich mich an diesem Tag.

Und so bin ich anderthalb Stunden voller guter Laune durch Feld und Wald und Vorstadt spaziert und hätte mir nichts schöneres vorstellen können. Es ist doch schön, wenn man sich selbst tatsächlich noch überraschen kann, obwohl man sich mittlerweile doch schon recht lange kennt.

Große Erwartungen

In diesen Tagen liegen überall hohe Erwartungen in der Luft, und wir werden mit großen Hoffnungen konfrontiert. Nun trifft man ja leider oft mit einem Knall auf die Realität, wenn man sich traut, die hohen Erwartungen tatsächlich einzufordern: Das neue Auto, das selber fahren kann. Die Puppe, deren Haare wirklich nachwachsen. Das Handy, dessen Akku tagelang hält. Schokoladeneis, das schlank macht. Ein besseres Leben dank der alles umfassenden Lebensversicherungspolice.

Tja. War wohl nichts. Aber wir sind ja erprobt, was große Versprechungen angeht, sie sind verlockend, aber nicht das Papier wert, auf dem sie stehen, auch, wenn es noch so schön bunt bedruckt ist.

In diesen Tagen aber liegen WIRKLICH große Erwartungen in der Luft, und dieses eine Mal bin ich ganz sicher, dass sie wirklich erfüllt werden, jede einzelne von ihnen. Es gibt im Moment jede Menge Gründe, sich zu freuen, seht selbst:

Im März könnte man

das Erwachen & Aufblühen der Natur bewusst wahrnehmen
Fenster putzen & Licht hereinlassen in Wohnung & Leben
Frühlingsdeko rauskramen
wandern gehen
die Zeit vor Ostern bewusst gestalten, zB jeden Tag Gutes suchen, 7 Wochen lang
Kleiderschrank ausmisten
eine Saison nicht getragene Sachen verschenken, zB an eine Kleiderbörse für finanziell Schwächere
zu eigenen Fehlern stehn und um Entschuldigung bitten
sich in die wärmende Sonne setzen
und wahlweise ein Buch lesen oder die Augen schließen – und genießen
jemanden treffen, den man lang nicht gesehn hat
sich selbst einen Strauß Tulpen schenken
ans Meer fahren – und sei’s nur für einen Tag
am Morgen oder in der Abenddämmerung einem Freiluftgratiskonzert lauschen

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Der Tag danach

Der Tag danach
Es gibt ihn
den Tag danach
wo das Erstarrte
langsam auftaut
die Sonne hinter den Wolken hervorlugt
ganz vorsichtig zwar
aber nicht ohne Wirkung
gewiss, noch sind die Pfade
mehr Pfütze und mehr Modder
als gangbarer Weg
aber es geht
noch unsicher zwar
und mit Wegrutschen
aber ich fange mich
halte mich
und Schritt für Schritt
vorsichtig tastend
geht es voran
gewiss, noch kein Grün an den Bäumen
nur schwarz-braun-graues
scheinbar totes Geäst
gewiss, noch ist Eis und Kälte
nicht gebannt
gewiss, noch ist das Gras mehr gelb-grau-braun
als grün
gewiss, die nächsten Wolken
ziehn herauf
und ich weiß nicht, was sie bringen
Regen? Schnee? Eisregen?
Oder werden sie vom Wind weggepustet?
Oder setzt die Sonne sich durch
trotz der dunklen Jahreszeit?
was sie auch bringen
die Starre löst sich
langsam, ganz langsam nur
aber es gibt ihn:
den Tag,
den Frühling danach

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