Über stachelbeermond

Ich mag Geschichten, die spannend sind und irgendwo hin wollen, sammle seltene Worte und lasse sie wie Drachen steigen... mein Blogzuhause: stachelbeeermond.com

Wie immer

Die Köchin legte wie jeden Tag liebevoll Dekorationen auf die Käseplatten und Salate, arrangierte Melonenstücke und zu Sonnen geschnittene Radieschen auf Buttertellern. Dann, aus einen Impuls heraus, füllte sie Zucker in alle Salzstreuer und Buttermilch in die Kaffeesahnekännchen. Sie nahm ihre Schürze ab, rückte ein Radieschen gerade und verließ für immer die Küche. Sie schloß die Türen sanft.

Dein Schweinehund und die Bücher

„Neiiin!“ schreit dein Schweinehund, pflückt dir das Buch aus der Hand und presst es an sich. Was schwierig ist, denn er hält schon vier andere Bücher in den Pfoten. Du seufzt und greifst nach dem nächsten Buch. Dein Schweinehund beobachtet dich mißtrauisch. Er umklammert die fünf Bücher, als ob sie seine Kuscheldecke wären. Du betrachtest das Buch. Darf es mit oder geht es zum Bücherschrank? Du hast es lange nicht gelesen, was für das Mitnehmen spricht, aber es ist kein Lieblingsbuch, noch nicht einmal ein Hab-ich-gern-Buch, also wandert es auf den Bücherschrankstapel. Dein Schweinehund schreit auf und reisst das Buch an sich. Langsam gerät er in Schwierigkeiten, so lang sind seine Arme nicht.
„Hör mal“, sagst du, „ich verstehe dich ja. Aber wir können wirklich nicht alle Bücher mitnehmen. Wir haben weniger Regalplatz in der neuen Wohnung. Und wir müssen alles zwei Stockwerke hochtragen.“
Dein Schweinehund schnauft abfällig. „Ja, weil du umziehen willst! Ich will hierbleiben! Und es war deine Idee, den Fernseher ins Bücherregal zu stellen! Es heißt Bücherregal! Nicht Fernsehregal!“ Er starrt dich an.
Du versuchst zu vermitteln. „Das da, ganz oben auf deinem Stapel, das war langweilig, du erinnerst dich? Es durfte nur bleiben, weil wir auch alle anderen Bücher aus der Reihe haben.“
Dein Schweinehund guckt entrüstet. „Na und? Du hast auch langweilige Jahre in deinem Leben, aber wirfst du sie deswegen raus? Was ist mit mir?“ Er schnieft theatralisch. „Wirfst du mich auch raus, wenn ich langweilig werde?“ Er zerdrückt eine winzige Träne.
Du guckst ihn an und du kannst nicht anders, du musst grinsen. Dann drückst du ihn mit allen Büchern in den Pfoten kurz an dich. „Mein Lieber, wir trennen uns nie, und das weisst du auch.“
Dein Schweinehund zieht die Nase kraus, aber die Bücher lässt er nicht los. „Glaub ja nicht, dass du mich einwickeln kannst! Ich bin der Verteidiger der Bücher!“ ruft er und reckt eine Pfote in die Luft. Seine Bücher poltern zu Boden. Er bückt sich, um sie einzusammeln und in der Zeit legst du zwei weitere Bücher auf den Bücherschrankstapel.
„Was machst du da?“ fragt er alarmiert und schielt zu dir hinüber, drei Bücher in den Pfoten, drei auf dem Boden.
Du seufzt. Das wird ein harter Kampf.

Judiths‘ Was-Fragen

Die Fragen habe ich bei Judith entdeckt und mir ausgeliehen. Vielen Dank! 🙂

  • Was siehst Du, wenn Du nach rechts schaust?

Die kahlen Köpfe einiger großer, alter Bäume und zwei Ordner, die ich leider noch bearbeiten muss.

  • Was stärkt Deinen Mut?

Schöne Texte. Die sind wie Brot und Wasser und Manna.

  • Was hat Dich gestern gefreut?

Der Lachanfall beim zoom-Treffen. Und die Unzufriedenheit mit meinen Texten. Sehr schön.

  • Was hilft Dir am besten beim entspannen?

Stille. Planlos sinnieren. Vorfreude. Schrecklich dumme Handyspiele (Austin, ich liebe dich!)

  • Was ist Dein Lieblingseis?

Keines. Ich lass mich gerne überraschen.

  • Was steht auf Deiner To be-Liste für heute?

Mindestens drei schöne Wörter finden, die zusammengehören, aber noch allein im All herumirren. Ansonsten: Arbeiten, kochen, leben.

  • Was waren die drei schönsten Erlebnisse 2021 für Dich?

Mein Vater ist noch dabei! Alles andere fällt daneben sehr ab.

Januarwetter

der Januar trägt schwere Lasten
Säcke voller Zukunftspläne
drücken ihn zu Boden
verblasster Dezember
hängt an seinem linken Bein
zieht löchrige Schleppen
aus halben Sternen hinter sich her
die Märztage drängeln
man hätte nicht ewig Zeit
der Januar stampft auf
die grauen Tage beben
schütteln sich klirrend
überziehen Altes und Nächstes
mit blankem Eis
kritzeln Frostblumen auf halbe Sterne
schneiden Januarbotschaften
in gefrorene Seen
diese Zeit
ist mein!

Der Dienstag dichtet!  
Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht.
Auch Wortgeflumselkritzelkram
Mutigerleben
WernerKastens
die Nachtwandlerin
Myriade
Gedankenweberei
Wortverdreher
Myna Kaltschnee
Lebensbetrunken
der BerlinAutor
Vienna BliaBlaBlub
Heidimarias kleine Welt
Red Skies over Paradies
Your mind is your only limit
Dein Poet
Geschichten mit Gott
Lindasxstories
Findevogel
und Traumspruch sind mit von der Partie.
Viel Freude bei allen Besuchen!

Krieg und Frieden

Die Vögel auf dem Rasen streiten um jeden Käfer, um jeden Wurm, mit großem Geschrei wird angegriffen und verteidigt, ein Drama jagt das andere. Am Abend sitzen sie einträchtig beisammen und leisten sich Gesellschaft und Wärme. So müssten wir es machen.

Liebe Unbekannte

Liebe Unbekannte,

lebst du auch in einem Haus, in dem du alle Türen und Fenster kennst? Jeden Eingang und Ausgang? Und eigentlich ist das meiste gut, du kennst dich aus und weisst, wo du hin willst. Und trotzdem, manchmal fehlt dir etwas, andere Ausgänge, ungewohnte Durchgänge, Luken an einen einsamen Ort, der Tunnel zur Schatzhöhle. An solchen Tagen schließt du die Türen etwas lauter als sonst und öffnest die Fenster, obwohl es draußen regnet und windig ist.
Träume sind Schäume, sagt man, aber das stimmt nicht. Träume erzählen, strecken ihre Hände aus und flüstern: „Komm!“ Sie sind ausdauernd, geduldig und flexibel. Sie gehen mit dir Kaffee trinken, wenn du das willst. Willst du?
Wenn in deinem Haus keine Luken sind, bau welche. Die Welt dahinter bestimmst du. Träume, trink Kaffee und baue. Das Leben ist schön.

Deine Stachelbeermond

Durst

Sie hob die Flasche an die Lippen und füllte das Wasser mit tiefen, durstigen Schlucken in sich hinein. Dass sie danebengegriffen und die Flasche mit den Aufzuchtfischen leergetrunken hatte, bemerkte sie erst, als blaue Schuppen auf ihren Handrücken auftauchten.

Impulswerkstatt – Ficus elastica

Das ist ein Beitrag zu Myriades Impulswerkstatt. Hier kann man/frau nachlesen, was das ist.

Und hier geht es zur aktuellen Einladung.

Ficus elastica

Und dann sah er manchmal, kurz nur, zwischen den Berichten, den mails, dem kalt gewordenen Kaffee, den er immer noch aus seiner alten Londoner Tasse trank, zwischen zwei hastigen Telefonaten („Hast du´s schon gehört?“ „Vergiss das Brot nicht!“) und zwei endlosen Exceltabellen, auf jeden Fall zwischen all diesen Dingen sah er dann manchmal kurz zum Fenster. Betrachtete die staubigen Scheiben, die sich vor der Dunkelheit draußen schämten und sein Büro spiegelten, es durch die Staubschicht weichzeichneten und ihn jünger aussehen ließen. Sah den Ficus elastica, den er von seinem Bürovorgänger geerbt hatte und der sich ans Licht krallte, entschlossen, und anstatt in die Breite in die Länge wuchs, immer an der Glaswand entlang, die ihm gleichermaßen entschlossen den Weg versperrte, zwei stumme Krieger, die sich bekämpfen würden, bis das Gebäude irgendwann abgerissen oder saniert würde. Er hatte es nachgelesen, der Ficus elastica war eine Würgepflanze, ein Baumwürger, und hier, hinter den Glasscheiben, gab er sein Bestes, auch, wenn es nichts zu würgen gab außer der trockenen Büroluft. Sie waren sich ähnlich, der Ficus und er. Niemals aufgeben, niemals nachlassen, seiner Natur treu bleiben, auch, wenn das Leben absonderliche Bahnen schlug. Hatte er sich selber vor dreißig Jahren so gesehen, hinter staubigen Glasscheiben, lichtlos, als Verbündeten einer Würgepflanze? In sein Überlegen hinein klingelte das Telefon, ein mittelalter Apparat, Lichtjahre entfernt von seinem Smartphone, das neben ihm wie eine summende Nabelschnur zur Außenwelt lag. Das immerhin hatte er dem Ficus voraus. Bevor er den Anruf entgegennahm, stand er auf und goß den Rest kalten Kaffees über die ausgedörrte Erde des Ficus elastica, und ihm war, als hörte er ein leises Seufzen, während die grünen Blätter sich dichter an die Glasscheibe pressten.

Ambivalenz-Listen

Was ich nicht vermissen werde:

  • das endlose Gekläff des kleinen Hundes
  • die Antworten des großen Hundes
  • das Geschrei im Nachbargarten
  • Rauchschwaden auf dem Balkon
  • die 3m² Balkon
  • die Parkettspalten
  • sonntägliche Grillpartys mit schlechtem Musikgeschmack
  • muffige Treppenhäuser
  • den Gärtner, der alle Tulpen, Narzissen, Schneeglöckchen und Krokusse abgemäht hat, immer wieder, bis nichts mehr da war
  • überquellende Mülltonnen, von Fliegen umsurrt
  • die Südlage
  • das Gefühl, keine Wahl zu haben

Was ich vermissen werde

  • die 3m² Balkon
  • die Südlage
  • den rauschenden Baum vorm Wohnzimmerfenster
  • die Nachbarn (trotz allem)
  • Ausblicke
  • das schwarz-weiß Muster des Küchenbodens
  • die Parkettspalten
  • die Lindenallee mit den unter den Füßen zerplatzenden Lindensamen
  • die Garage
  • das Gekrähe des Nachbarkindes
  • den alten Mann von gegenüber, der alle 30 Minuten auf dem Bürgersteig eine geraucht hat
  • den weißen Rosenstrauch, der selbst den Gärtner überlebt hat

Nähen

Sie saß an der Nähmaschine wie immer und fügte zusammen, was vorher allein gewesen war, nähte gegen alles an, was unverzeihlich erschien, glättete Kanten, rettete Ausgefranstes und füllte Löcher, wo keine sein durften. Ihr ganzes Leben lang hatte sie das getan, und mittlerweile spielte es keine Rolle mehr, ob sie mit oder ohne Faden nähte, die Dinge hielten von sich aus zusammen, sobald sie den Motor antrieb, als ob ihre mühelose Leichtigkeit der unsichtbare Faden war, der alles zusammenhielt. Im Laufe der Jahre hatte sie angefangen, Hoffnungsschimmer als Zweitfaden mit zu vernähen, er strich über die nicht zusammenpassenden Stoffe wie elastischer Klebstoff und hielt besser als jeder andere ihrer Fäden. Als sie eines Tages beschloss, aufzuhören, glänzten ihre Hände, und als sie ohne Bedauern noch einmal zurücksah, saß schon jemand anderes an ihrer Nähmaschine. So sollte es sein.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden, organisiert von Christiane. Die Wortspende kam dieses Mal von Ludwig Zeidler. Sie lauten Hoffnungsschimmer, unverzeihlich und nähen. Ansonsten: Maximal 300 Wörter (ich bin weit drunter!) und vielen Dank an Christiane für das Organisieren!