Über stachelbeermond

Ich mag Geschichten, die spannend sind und irgendwo hin wollen, sammle seltene Worte und lasse sie wie Drachen steigen... mein Blogzuhause: stachelbeeermond.com

Wolken

am Himmel behäbige Ungetüme
schieben sich übereinander
wälzen sich umeinander
durch die anderen hindurch
verlieren sich ineinander
verprassen die Feuchtigkeit
erlösen sich regentropfennass
viele schwere Schleier
reiben in Zeitlupe
aneinander vorbei
langsames Schieben
lautloses Wogen
nur das Jetzt
und die anderen
ein Atem
jetzt

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden 40/41 in 2022, die von Christiane und ihrem Blog Irgendwas ist immer organisiert werden – vielen Dank dafür! Die Wortspende ist von Werner Kastens mit seinem Blog Mit Worten Gedanken horten und lautete: Zeitlupe, behäbig, verprassen. Außerdem dürfen es maximal 300 Worte sein, aber da lag ich dieses Mal sowas von drunter! 😊 Leider hat keins der drei schönen Etüdenbilder zu meinem Gedicht gepasst, deswegen habe ich dieses Mal ein eigenes Wolkenbild genommen, das auf den richtigen Text gewartet hat.

An die Menschheit

Freut euch! Ihr verpasst nichts.
Schließt Facebook und Instagram.
Gönnt euch den ganzen Filmabspann.
Nutzt den Flugmodus.
Hier und jetzt ist der beste Ort
und die beste Zeit.
Ihr verpasst nichts!

In einem Garten in der Nähe von Osnabrück gesehen. Ist sie nicht toll?

Der Dienstag dichtet!  
Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht.
Auch Wortgeflumselkritzelkram
Mutigerleben
Werner Kastens
Nachtwandlerin
Gedankenweberei
Wortverdreher
Dein Poet
Geschichten mit Gott
Suses Buchtraum
Wortmann
und Petra schreibt
sind mit von der Partie.
Viel Freude bei allen Besuchen!

Blätterboote

in der Regentonne
schwankende Blätterboote
der Wind schiebt
Wellen über den Rand
Wasserfestspiele am Plastik
im Abgrunddunkel spiegeln sich
Wolken und Lichtlöcher
die Blätterboote legen ab
unter der Haut
verneinender Herbstschauder

Eigentlich hätte das eine abc-Etüde werden sollen. Und ich habe mir wirklich Mühe gegeben, „Regentonne“ und „schwanken“ sind vorhanden, aber das Wort „sensibel“ ging einfach nicht in diesem Gedicht. Es war schon drin, aber es hat alles zunichte gemacht, was vorher und nachher war. Tja. Also ist das jetzt doch keine abc-Etüde, sondern einfach ein Herbstgedicht. 😊

Kastanienbrot

zum Frühstück
Luft wie warme Herbstmilch
aufgegossen über grünem Ahorn
geschwenkt in einer Honigwabe
bepudert mit Zimt und Salz
dazu Kastanienbrot
braun glänzend

Der Dienstag dichtet!  
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Was Gott hört

In letzter Zeit kommt mehr bei ihm an, mehr Gebete, mehr Angst, Lärm von Kanonen. Und auch das Schweigen der Ratlosigkeit klingelt in seinen Ohren wie Donner. Darunter in einem stetigen Strom die Alltagsgebete, ein bisschen wie das Rauschen der Autobahn.
Dazwischen immer wieder Musik, denn Gott singt seit ein paar Wochen sehr viel mehr als sonst, er braucht das als Aufmunterung zwischen all den dunklen Geräuschen und all den unerfüllbaren Bitten aus allen Lagern.
Manchmal möchte er sich die Ohren zuhalten, nur kurz, aber er tut es dann doch nie.

Frau Möllendiek fährt vielleicht Fahrrad

Frau Möllendiek ist empört. Eine Wutwelle steigt ihren Hals empor. Da will sie ein Opfer bringen und Fahrrad fahren und dann sowas! Mit Wucht schubst sie das Fahrrad ins Blumenbeet. Nicht mit ihr! Die sollen sehen, was es bringt, sie, Frau Möllendiek, zu ärgern! Sie wird Auto fahren, jawohl. Als sie zur Garage geht, sieht sie wieder die Ökofrau mit den grauen Wallehaaren, die an der Regentonne lehnt. Herr im Himmel! Kann man sie denn nicht einmal in Ruhe lassen!
„Nein“, sagt die Ökofrau.
„Lassen Sie das!“ ruft Frau Möllendiek, „meine Gedanken gehören mir!“
„Ich kann mir auch was besseres vorstellen!“ gibt die Ökofrau zurück. „Ich kann es mir aber nicht aussuchen, wie Sie ja sehr wohl wissen!“
Frau Möllendiek kneift die Augen zusammen. „Ich auch nicht, wie SIE ja sehr wohl wissen!“
Sie starren sich in die Augen. Die Luft heizt sich auf. Frau Möllendiek gibt als erste nach, was sie noch beschäftigen wird. Ein Nachteil, wenn man sensibel ist.
Die Ökofrau lacht. „Sie? Sensibel? Sie haben gerade Ihre Nachbarin zur Schnecke gemacht. Sie sind so sensibel wie ein Mähdrescher.“
Frau Möllendiek läuft rot an. „Die hat ihr Fahrrad wieder vor meins gestellt, und das, wo sie ganz genau weiß, dass das nicht ihr Platz ist! Und was sie alles zu mir gesagt hat!“
„Meine Güte, man kann auch mal nachgeben! Und Sie hatten doch Größeres vor, oder? Wollen Sie Ihre Nachbarin gewinnen lassen und Auto fahren? Was ist mit dem Klima?“
Frau Möllendiek blinzelt. Richtig. Das hatte sie ganz vergessen. Sie schwankt unentschlossen.
„Ich könnte mitfahren“, bietet die Ökofrau an.
„Nein.“ Frau Möllendiek reckt das Kinn. Große Entscheidungen verlangen große Opfer. Also doch das Fahrrad. „Aber das liegt nicht an Ihnen!“ schleudert sie in Richtung der Ökofrau.
Die verdreht die Augen. Hinter ihr blitzen kurz ihre Flügel auf.

Ein Beitrag zu den abc-Etüden! Die Regeln: Maximal 300 Worte (hart umkämpft dieses Mal, sie haben regelrecht miteinander gerungen, um in den Text zu kommen), unterzubringen waren Regentonne, sensibel und schwanken (hab ich ein bisschen gebogen) und gespendet wurden sie von Ellen mit ihrem Blog nellindreams. Organisiert wurde das ganze wie immer von Christiane – vielen Dank! 😊

später September

später September trennt scharf
auf Messers Schneide die Tage
samtkühl fallende Nächte
Lichtschatten-Tango im Nebel
goldenes Fließen
an frostigen Blatträndern
Sommer und Winter
tanzen auf Eisklingen
Szenen einer Liebe
ihr Erstgeborener: September

Der Dienstag dichtet!  
Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht.
Auch Wortgeflumselkritzelkram
Mutigerleben
Werner Kastens
Nachtwandlerin
Gedankenweberei
Wortverdreher
Dein Poet
Geschichten mit Gott
Suses Buchtraum
Wortmann
und Petra schreibt
sind mit von der Partie.
Viel Freude bei allen Besuchen!

Was ich gern hören würde

Dass auch die schlimmen Dinge enden und es danach besser wird.
Nachbargeplauder und leises Rauschen im großen Baum gegenüber.
Viel mehr Klavierspiel aus den Räumen unter mir und glückliches Gelächter, wenn ein Notenlauf gelingt.
Sehr gut auf die Frage „Wie geht es dir?“
Immer und immer: All die Vögel!
Das Piepsen des Wasserkochers, wenn der Tee fast fertig ist.
Das Geräusch der Versöhnung, wenn Feinde sich die Hand reichen.
Begeisterten Applaus.

Schuhe, Träume und Chaos

Heute Nacht habe ich geträumt. Es gab ein Schuhangebot, Schuhe für ganz günstig und sogar umsonst, und plötzlich hatte ich Schuhe, viele, sehr viele, sie bedeckten den Boden, die Tische, sie lagen übereinander in mehreren Schichten, und ich? Ich fand sie alle seltsam unschön und wollte sie gar nicht haben. Bis auf ein paar Ausnahmen, aber die verhielten sich wie die Nadel im Heuhaufen, ich fand sie nicht wieder. Dann waren plötzlich Menschen zu Besuch, die ich nicht kannte oder lange nicht gesehen hatte, und die sollten sich Schuhe aussuchen und mitnehmen, aber sie hatten keine Lust dazu. Dann fingen alle an, aufzuräumen, aber das Chaos wurde nur größer, der Ausfluss verstopfte, weil sie die Suppe da hineingossen (wo kam die Suppe her? Warum Suppe?) und der Kuchen (Kuchen??) stand überall zwischen den Schuhen herum und alles war vollgekrümelt und dann bin ich wach geworden und musste mich vergewissern, dass ich keinem nächtlichen Schuhkaufwahn erlegen bin und nur meine üblichen paar Paare herumstehen und auch ansonsten kein Chaos herrscht. Bin leicht verwirrt in den Tag gegangen. Frage mich, ob ich heute Suppe essen und Schuhe kaufen gehen soll, oder was mein Unterbewusstsein mir sonst damit sagen will.