Papiertiger

belanglos läuft der Text
Buchstaben plätschern voran
Langeweile zerdehnt die Silben
Stille liegt auf dem Wortwald
da! Ein leises Knacken!
Vokale heben die Köpfe
Konsonanten springen auf
ein Raunen weht durch die Wortstämme
ein Papiertiger zwischen den Zeilen!
glühenden Auges pirscht er durch gestrichene Sätze
jagt rotkehlige Adjektive
und zarte Adverbien
nagt an knackigen Kommata
schlägt mit der Pfote nach einsamen Semikola
springt von Fehlsatz zu Fehlsatz
zerbricht Astsätze in Stücke
unbestimmte Artikel fliegen auf
Konjunktionen flüchten ins Unterholz
Buchstaben stürzen zu Boden
dann: Stille
der Wortwald seufzt
vorsichtig wagt sich das erste Adjektiv aus seinem Versteck
reckt den Kopf
rot glänzt seine Kehle

Das war ein Beitrag zu den Etüden, die Christiane organisiert. Die Wortspende kam dieses Mal von onlybatscanhang und bestand aus den Worten Papiertiger, belanglos und plätschern. Vielen Dank! Ich hatte große Freude beim Schreiben! 🙂

Abendlese

Abends mit dem Tag hadern, weil man nicht im Ansatz das erledigt hat, was erledigt werden sollte. Und der Tag sich schwer wie Blei angefühlt hat, kein Flow, nirgends.

Dann überrascht feststellen, dass man es trotz Nicht-Flow geschafft hat, über den Tag verteilt ein Dreiviertelbuch zu lesen.

Kurz überlegt, wann zum Geier man all die Seiten verschlungen hat und sich erinnert, es gab da diverse Sesselzeiten in der Sonne.

Leicht widerwillig die Ansicht zum Tag revidiert. Ganz so übel kann er wohl doch nicht gewesen sein.

Eine ganz wunderbare Illustration aus dem Buch „Das Buch“ von Burkhard Spinnen, die hier perfekt passt.

Das Wasserschwein hofft (I)

Das Wasserschwein war erleichtert. Es hatte schon viel zu viel von seiner kostbaren Zeit im Regal des Spielzeugladens verplempert und auf die richtige Käuferin gewartet. Als sie endlich kam, schob es sich auf dem Regal unauffällig ein paar Zentimeter nach vorn und presste einen treuherzigen, leicht melancholischen Ausdruck auf sein Gesicht, was schwierig war mit so viel Plüsch und so wenig Muskeln unter dem Fell. Aber was sein musste, musste sein. Wer wusste schon, wann sich die nächste Gelegenheit bieten würde? Überhaupt. Es würde sich Mühe geben und das perfekte Geschenk imitieren.
Der Pinguin neben ihm im Regal dagegen dachte gar nicht daran, sich anzubiedern. Er stand steif wie eine Statue da und schnarrte abfällig durch den geschlossenen Schnabel in seine Richtung. Das Wasserschwein ignorierte ihn. Es stand zuviel auf dem Spiel, da konnte man durchaus mal ein wenig Würde abgeben. Es richtete die Ohren mit den zarten Haarpinseln auf und wartete ruhig ab.

Die Käuferin blieb stehen. Sie sah ihm neugierig in die Augen, dann nahm sie ihn aus dem Regal und drehte und wendete ihn, bis ihm fast übel wurde. Sie lächelte und schob ihn sich unter den Arm, während sie weiter an den Regalen entlang ging. Das Wasserschwein vibrierte vor unterdrücktem Triumph. Ja! Es hatte es geschafft! Endlich raus aus diesem Laden! Jetzt durfte sie sich nur nicht mehr umentscheiden. Gerade blieb sie vor einem schlappohrigen Labrador stehen, der platt auf seinem Regalboden lag und anscheinend nicht mehr daran glaubte, aus diesem Spielzeugladen jemals herauszukommen. Alles an ihm hing traurig herunter, die dicken Pfoten, die goldbraunen Ohren und auch der langhaarige Hundeschwanz. Sie würde sich doch nicht umentscheiden und an seiner Stelle den Labrador mitnehmen?
Dem Wasserschwein wurde heiß und kalt, und das aus gutem Grund: Es hatte einiges mitangesehen, seitdem es hier zum Verkauf stand. Es gab Käufer, die sich nicht entscheiden konnten und wieder gingen, ohne jemanden mitzunehmen. Andere verwarfen alle zehn Sekunden ihre Auswahl, was regelmässig zu Nervenzusammenbrüchen unter den Bewohnern des Plüschtierrregals führte. Am schlimmsten waren die, die schon mit der Kreditkarte in der Hand vor der Kasse standen, den Kopf schief legten und sagten: „Ach, entschuldigen Sie bitte, ich glaube, ich nehme doch lieber den Hasen / den Teddy / die Eule“. Dann gingen sie wieder zum Regal und legten den glücklosen Kandidaten zurück, der sich schon in Freiheit gewähnt hatte. Nach Ansicht der Regaltiere war dieses Verhalten unnötig brutal, und es konnte zu schwerwiegenden psychischen Problemen führen.
Ihm würde das nicht passieren! Das Wasserschwein kniff die Augen zusammen und bereitete sich darauf vor, so süß auszusehen, wie es ihm nur möglich war. Seine Käuferin griff nach dem Labrador und sah ihm tief in die Augen. Das Wasserschwein hätte schwören können, dass der Labrador ihr zuzwinkerte. So ein unverschämter, kleiner Halunke! Das verstieß gegen jede Regel! Und es zeigte Wirkung. Sie klemmte den Labrador ebenfalls unter ihren Arm.
Als sie ihren Blick wieder auf das Plüschtierregal richtete, streckte ihm der Labrador die Zunge heraus und grinste dabei. Das Wasserschwein grunzte nur und beobachtete weiter das seltsame Verhalten der Käuferin. Was sollte das werden? Niemand hatte in diesem Laden jemals mehr als ein Plüschtier gekauft, aber sie ließ den Blick schon wieder über das Regal wandern. Vielleicht traf sie nur eine Vorauswahl und würde sich erst ganz zum Schluss entscheiden?
Jetzt griff die Käuferin nach einem langhalsigen Lama mit wirrem Blick und Irokesenhaarschnitt. Nicht im Ernst, dachte das Wasserschwein, wer kaufte denn diesen Irren? Nachts sang das Lama Lieder aus seiner peruanischen Heimat und tanzte dabei Tango, was mit vier schlacksigen Beinen nicht einfach war und sehr seltsam aussah. Außerdem hatte es dauernd sonderbare Vorahnungen, die es jedem erzählte, ob der es hören wollte oder nicht. Bisher war keine einzige davon eingetroffen, wenn man von dem kleinen Mädchen absah, das dem Affen einen Arm abgerissen hatte. Das Lama hatte am Abend vorher etwas von einarmigen Akrobaten gesungen, aber nach Ansicht des Wasserschweins hatte es nur zu lange unter der Lüftungsanlage gelegen und sich dabei das Hirn verkühlt.
Das Wasserschwein stöhnte leise. Auch das verrückte Lama wanderte unter den Arm der Käuferin. Dort war es ziemlich eng mittlerweile, die Nase des Labradors steckte unter dem Hals des Lamas, und die Füße des Wasserschweins waren zwischen dem Bauch des Labradors und dem des Lamas eingeklemmt. Das Wasserschwein bewegte unbehaglich seine langen Zehen. So viel Nähe war ihm unheimlich, das war es nicht gewohnt.

„Lass das!“ flüsterte der Labrador ihm zu. „Das kitzelt!“
„Ich mags“, flüsterte das Lama von unten. „Mach weiter!“
Das Wasserschwein hielt augenblicklich seine Zehen still. Es wollte weder kitzeln noch sonst etwas tun, es wollte wissen, was gleich geschehen würde. Ihre Käuferin hatte jetzt ein Tintenfass mit lila Inhalt in der Hand und betrachtete es von allen Seiten, dann wandte sie sich um und ging in Richtung Kasse. Jetzt kam es darauf an. Wen würde sie kaufen? Und wer würde zurück ins Regal wandern, unter den mitfühlenden, gehässigen oder besorgten Blicken der anderen Plüschtiere? Das Wasserschwein zog den Kopf ein. Hoffentlich, dachte es. Hoffentlich würde sie ihn mitnehmen.

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Das war ein Beitrag zum WritingFriday, der von Elizzy organisiert wird. Aus mehreren Schreibanregungen kann man eine auswählen, Freitags wird veröffentlicht (eigentlich jeden Freitag, aber, ähem, hüstl-hüstl, ich bevorzuge die Formulierung „Freitags“ und hoffe das Beste). Ich habe mir fünf vorgegebene Wörter ausgewählt, daraus diese kleine Geschichte gebastelt und bin guter Dinge, sie fortzusetzen. Mal sehen, was mir so einfällt. Die fünf Wörter: Geschenk, Pinguin, Tintenfass, ruhig, zart.

Es gibt eine Menge weitere Blogs, die an dieser Aktion teilnehmen. Man kann danach googeln oder die Übersicht auf Elizzys Blog ansehen. Es lohnt sich, ein bisschen zu stöbern!

Über die Angst, aus der Reihe zu tanzen

Über die Angst, aus der Reihe zu tanzen

Was, wenn du den Takt verlierst?
Wenn du den Rhythmus nicht hältst?
Wenn du sichtbar wirst?
Alle auf dich schauen?
Was, wenn du kein Teil des Ganzen bleibst?
Wenn du zum Einzelstück wirst?
Nicht wie alle bist?
Was, wenn du dich anders bewegst?
Dich linksherum drehst statt geradeaus?
Du andere störst?
Langsamer bist?
Still stehst?
Dich umsiehst?
Was, wenn du zuviel denkst?
Tanz!

Der Dienstag dichtet! 🙂  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch Wortgeflumselkritzelkram, Mutigerleben, Werner KastensFindevogel und die Wortverzauberte sind mit von der Partie. Schaut doch mal bei ihnen vorbei!

Wie man einen Liegestuhl kauft

Wie man einen Liegestuhl kauft

  • man wünscht sich einen Liegestuhl
  • man sagt sich, man braucht keinen Liegestuhl, denn man hat schon so einen Sessel, in dem man FAST liegen kann
  • man wünscht sich trotzdem einen Liegestuhl
  • im Gartencenter des Vertrauens schleicht man siebenunddreißigmal um einen sündhaft teuren Luxus-Liegestuhl herum und nervt den Verkäufer
  • er passt nicht auf den Balkon
  • man schleicht nochmal um den Traum-Liegestuhl herum, dieses Mal aber nur fünfmal und nimmt Abschied
  • man fährt ohne Liegestuhl in den Urlaub, obwohl man sich dort schon träumend unter Bäumen in Wunschgärten hat dösen sehen
  • im Auto ist es heiß
  • sehr heiß
  • Pause im Niemandsland an einem Einkaufszentrum
  • rein aus Erkundungszwecken besucht man das nebenan gelegene Gartencenter
  • man kauft glückselig den einzigen Liegesessel, den sie haben
  • er ist gar nicht so teuer
  • etwas später liegt man in echten Gärten glücklich träumend unter rauschenden Bäumen
  • wieder zuhause testet man nach angespannten vier Abwartetagen, ob der Liegesessel auf den Balkon passt
  • ja
  • Happy End!

Ausgelesen: Nightmares. Die Schrecken der Nacht. Von Jason Segel und Kirsten Miller.

Ja. Hier haben wir ein Kinderbuch, das ich gekauft habe, weil ich irgendwo eine begeisterte Rezension gelesen hatte, mir der Einband gefiel und vor allem der knallorange Seitenschnitt rundherum. Jetzt überlege ich allerdings gerade, woher zum Geier ich eigentlich wusste, dass das Buch einen orangenen Seitenschnitt hat? Das sieht man doch eigentlich gar nicht auf Fotografien (siehe meine eigene)? Hm. Vielleicht habe ich es gar nicht gesehen, und als das Buch kam, fand ich ihn toll? Vielleicht schreibe ich auch so ausführlich über das Orange (es ist wirklich knall-knall-orange, sagenhaft!) weil mir zum Buch nicht viel einfällt?

Ja. Es ist also ein gut gemachtes und gut geschriebenes Kinderbuch mit einer Botschaft, die rüberkommt (du darfst trauern, stell dich deinen Ängsten, Freundschaft ist DAS Ding), der Kinderheld ist ein Junge, den man gern zum Freund hätte (vielleicht nicht unbedingt zu Anfang des Buches, aber zum Ende hin auf jeden Fall), die Geschichte hat einen befriedigenden Anteil an Fantasy und eine für Kinder akzeptable Menge an nicht zu schlimmem Horror (allerdings kennen alle Eltern ihre Kinder und würden es ihnen nicht zu lesen geben, wenn sie empfindsame Seelen zuhause haben – oder? Oder??). Dabei bleibt es trotzdem der Realität verpflichtet, die Geschichte dient vor allem dazu, sich in der realen Welt zurechtzufinden, seine Gefühle zu erkennen und verarbeiten zu können, ist aber nie langweilig oder kommt mit erhobenem Zeigefinger daher. Spannend ist es auch noch und gut geschrieben auch.

Was es nicht ist: Ein Kinderbuch oder Jugendbuch, das auch Erwachsene genauso gut bedient. Nein. Das tut es nicht. Es ist ein Kinder/Jugendbuch, und in diesem Segment ist es super aufgehoben. Lesebegeisterte Jungs so etwa im Alter zwischen 9 und 13 Jahren (und auch Mädchen) werden es vermutlich sehr mögen.

Dafür, dass mir nicht viel einfiel zum Buch, habe ich jetzt doch eine Menge geschrieben. Nur eine Inhaltsangabe, die gibt es hier nicht, aber davon gibt es etwa eintausendzweihundertvierundvierzig im Netz, also muss ich keine mehr schreiben. Viel Freude beim Verschenken an eure Söhne (und Töchter!)

Ausgelesen: Die Verlobten des Winters. Von Christelle Dabos.

Dieses Buch habe ich geschenkt bekommen und gern gelesen. Es ist ein schöner Fantasyroman um eine junge Frau mit besonderen Fähigkeiten (was auch sonst?), die ihre Heimat aus familiären Gründen verlassen muss: Die Matriarchinnen ihres Clans beschließen, dass sie den Adligen Thorn auf einer anderen Welt heiraten soll – warum, wird ihr nicht gesagt. Soweit, so gut. Die gewiefte Fantasy-Leserin weiß, was nun vermutlich kommen wird: Junge Frau mit besonderen Fähigkeiten muss ihr Zuhause verlassen, gerät in Gefahr, verliebt sich, wird abgewiesen und versagt, beweist ihre Fähigkeiten dann doch und der Geliebte liebt sie, hurra!, Happy End. Tja, Überraschung, so läuft es in diesem Buch nicht. Also zumindest in Band eins noch nicht.

Ophelia, die Heldin, ist ein kleines bisschen komplizierter als die durchschnittliche Fantasy-Heldin und macht es weder sich noch Thorn noch den gut- oder schlechtgesonnenen Menschen um sie herum leicht. Was das Buch aber vor allem sehr, sehr besonders macht, sind die verschiedenen Archen, auf denen die Menschen durch den leeren Raum schweben. Sie sind höchst interessant geschrieben, überraschen einen immer wieder und machen Lust auf mehr Entdeckungen in dieser Welt.

Thorn, der männliche Held in diesem Buch, ist ein ziemlich sonderbarer Held, so ganz und gar nicht romantisch schillernd, sondern eher, äh, speziell, wenn man das so sagen darf. Spleenig ist ein Begriff, der mir spontan einfällt. Gute Eigenschaften und eine geheimnisvolle Geschichte hat er natürlich auch, wie ein Held sie eben haben muss in einem solchen Roman.

Es macht Freude, sich in diesem Universum aufzuhalten und neues zu entdecken, und so ganz nebenbei möchte man natürlich auch wissen, wie es weitergeht! Die Geschichte ist nämlich sowas von nicht abgeschlossen, aber hallo! Damit man weiß, wie es weitergeht, muss man Band 2 und vermutlich auch noch Band 3 und Band 4 kaufen. Oder ausleihen, wie es die kluge Bibliotheksnutzerin macht.

Ein Manko habe ich. Auf dem Einband steht wie auf so vielen Büchern eine dieser schnell geschriebenen Empfehlungen, die mich von Zeit zu Zeit doch sehr wundern: „Auf Anhieb ein Klassiker“, „beschwört den Humor und den Gerechtigkeitssinn von Harry Potter“ und so weiter. Hm. Da bin ich mir nicht so sicher. Das Buch ragt auf jeden Fall aus der Vielzahl der Fantasy-Veröffentlichungen heraus, keine Frage, es ist originell, gut geschrieben und nicht so vorhersehbar wie viele andere. Ob es wirklich ein Klassiker wird? Und zu vergleichen mit Harry Potter ist es auf keinen Fall, dafür sind die Bücher viel zu unterschiedlich in Stimmung, Schreibstil, Geschichte, eigentlich in allem, was mir so einfällt.

Für diese leicht skurrilen Einbandweissagungen kann das Buch aber nichts. Es steht für sich selbst, und das tut es: Ein sehr eigenes, unverwechselbares, abgedrehtes Märchen in einer verwunschenen Welt. Gern mehr davon!