Über stachelbeermond

Ich mag Geschichten, die spannend sind und irgendwo hin wollen, sammle seltene Worte und lasse sie wie Drachen steigen... mein Blogzuhause: stachelbeeermond.com

Wenn die Nächte windig sind

Wenn die Nächte windig und kalt sind und leise nach Zimt duften, dann ist es Zeit für die weiße Sehnsucht. Sie lässt uns die Fenster öffnen und nach Schnee Ausschau halten oder nach den ersten Schneeglöckchen. Wir ertappen uns dabei, wie wir in die kahlen Äste des Baumes draußen starren. Eine Taube guckt zurück, aber wir bemerken sie nicht.
Wir sehnen uns nach weißen Kerzen und einem Feuer im Garten mit klarem Traubenpunsch und danach, sinnlos Zeit vergehen zu lassen. Wir möchten sie als silbernen Nebel in den Himmel aufsteigen sehen, während wir leise Lieder summen. Dabei verzehren wir uns nach Stille und Schweigen, Hand in Hand wollen wir nach oben sehen und darauf warten, dass der Himmel sich endlich öffnet.
Wenn die Nächte windig und kalt sind und leise nach Zimt duften, dann ist es Zeit für die weiße Sehnsucht. Sie leuchtet unwiderstehlich, so wie damals der Stern geleuchtet haben muß.

unkomplizierte Klassiker

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Veränderung von uns für Sie
und alle
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In diesem Jahr nehme ich wieder an einem Schreibexperiment zur Fastenzeit von Susanne Niemeyer teil, und bislang ist es definitiv inspirierend! Es wird also in den nächsten Wochen öfter seltsame Wortexperimente hier geben 😊.

25. Februar

„Warum sagt er nichts? Ist er stumm?“ fragt Oink besorgt.
„Er kann nichts sagen. Er lebt nicht“, sage ich.
„Aber… warum nicht? Er sieht doch lebendig aus!“
„Tja“, sage ich, „das heißt noch lange nichts.“
Oink sieht dem Schneemann ins Gesicht. „Komisch… er ist ein bisschen wie ich, aber dann wieder überhaupt nicht wie ich. Bist du sicher, das ich lebe?“
„Du? Du kamst aus dem Briefumschlag und das erste, was du gesagt hast, war ‚Oink!‘ und ‚wo bin ich?‘ Du bist sehr lebendig.“
„Ich kam aus einem Briefumschlag?“ fragt Oink zweifelnd.
„Ja“, sage ich, „und es gibt Gerüchte, dass du von noch sehr viel weiter weg bist.“
„Echt?“ Von wo denn?“
„Nepal“, sage ich.
Oink wackelt mit den Ohren. „Daran kann ich mich nicht erinnern. Das allererste, an das ich mich erinnere, ist mein erstes Frühstücksei bei dir.“
„Tja“, sage ich, „trotzdem, stell dir vor, deine Ohren haben vielleicht schon in nepalesischem Wind geflattert! So weit weg war ich noch nie.“
„Hm“, sagt Oink. Er sieht nicht überzeugt aus. „Und der Schneemann? Warum lebt der nicht?“
„Ich habe keine Ahnung“, sage ich.
Oink stupst den Schneemann ein letztes Mal an, dann seufzt er. „Das Lebendigsein ist manchmal komisch verteilt, findest du nicht?“

der Stadt Bestes

im Straßenlabyrinth
haben sich neue Häuser ausgesät
sind aufgeschossen im Gartengrün
mit gelben und weißen kantigen Knospen
heilige Worte schweben aus ihren Schornsteinen
wie Pappelsamen im Licht
flüstern Sommergedanken und helle Wünsche
hüllen alte Stadtviertel ein
in Erdbeerträume und sanften Regen
durchweben die samtblauen Nächte
mit Glühwürmchengedanken
suchen der Stadt Bestes
jetzt und immerdar

Der Dienstag dichtet!  
Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch WortgeflumselkritzelkramMutigerlebenWerner KastensFindevogel, die Nachtwandlerin, Lindasxstories, Myriade, Gedankenweberei, 
Emma Escamilla, Wortverdreher und Lebensbetrunken, der BerlinAutor, Vienna BliaBlaBlub, Heidimarias kleine Welt, Traumspruch, Red Skies over Paradies und Your mind is your only limit sind mit von der Partie. Viel Freude an so viel geballter Kreativität!

unerwartet

nie wieder werde ich Licht sehen
klagte sie
und sank der Sonne entgegen

21. Februar

Oink sieht nachdenklich aus heute morgen. Ich trinke meinen Tee und warte.

„Wusstest du, dass Wildlederschuhe besonders anfällig für Schneeränder sind?“ fragt er schließlich nach einer langen Pause. Ich schüttele den Kopf. „Und das Stiefel meistens zuerst am Reissverschluss kaputt gehen?“ Ich nicke. Oink seufzt. „Ich trage nicht mal Schuhe,“ sagt er, „und sie hat nur über Schuhe geredet.“ Er blickt hoch zu mir. „Ich höre mir gern was über Schuhe an, echt, aber den ganzen Abend?“ Ich nicke. „Nicht einfach, das, was?“ frage ich. Oink wackelt mit den Ohren und beugt sich in meine Richtung. „Es war… langweilig!“ Das letzte Wort flüstert er. „Dabei hat sie so schöne Borsten!“ „Vielleicht solltest du berücksichtigen, dass sie meine Schuhbürste ist,“ sage ich, „da liegt das Thema Schuhe nicht weit.“ „Hm,“ macht Oink. Dann grinst er. „Ich weiß jetzt, dass dein Schuhgeschmack in den letzten Jahren nachgelassen hat, und das du früher experimentierfreudiger warst. Stimmt das?“ „Was?“ frage ich entrüstet, „hat sie das echt gesagt?“ Oink nickt. „Hm. Naja,“ sage ich, „möglicherweise war ich früher öfter in der Stadt… da sieht man mehr…“ ich gucke hoch. Oink sieht mich mit großen Augen an. „Ok, ok,“ sage ich, „beim nächsten Mal nehme ich dich mit.“ Oink grinst und hüpft auf das Frühstücksei.

„Also,“ sage ich und schneide mein Brötchen auf, „das mit dir und deiner Verabredung wird also nichts ernstes?“ „Doch!“ sagt Oink mit Nachdruck, „wir sind jetzt befreundet, und ich kann sie immer fragen, wenn ich etwas über Schuhe wissen muss. Meine erste Freundin!“ sagt er andächtig. „Nur abends Sterne gucken, das machen wir nicht mehr, das passt irgendwie nicht.“ Ich nicke. „Meine Wohnung ist groß“, sage ich, „wer weiß, wer sich hier noch alles herumtreibt.“ Und dann frühstücken wir.

Rosa geht eigene Wege

Letztes Jahr im Oktober ist Rosa bei mir eingezogen, das Schaf mit der Vorliebe für rosa Locken und Zwerge mit geringelten Mützen. Ich bin noch einen Bericht schuldig, wie die weitere Entwicklung unseres Zusammenwohnens verlaufen ist. Bitteschön!
Rosa hat sich als äußerst selbständig erwiesen, um nicht zu sagen, freiheitsliebend bis zur Aufgabe des ständigen Wohnortes. Ihr kleines Tete-a-tete mit dem Herrn mit der geringelten Zipfelmütze hat sich als zu überwältigend für ihn herausgestellt. Er mag es lieber ruhig und hat am liebsten einen dauerhaften Standplatz, von dem er sich nur sehr selten wegbewegt. Rosa dagegen… tja, ihr fehlten die Querfeldeinrennen mit den Hütehunden, die Aufregung, das Abenteuer und die frische Luft um die Nase.

Und so hat sie sehr schnell Mittel und Wege (vor allem Wege!) gefunden, meine schöne, warme Wohnung so oft wie möglich zu verlassen. Ich war zuerst ein bisschen geknickt, ich meine, wer findet es schon toll, wenn eine neue Mitbewohnerin dauernd fluchtartig die gemeinsamen Wohnräume verlässt? Aber sie kam immer zurück, war dann gut gelaunt und ausgeglichen, brachte Waldgeruch mit sich, und sie und der geringelte Herr zogen sich für ein Stündchen zurück. Rosa erzählte von ihren Abenteuern, der Zipfenmützenberingelte hörte gebannt zu und war froh, nicht da raus ins Ungewisse zu müssen und Rosa sonnte sich in seiner Aufmerksamkeit.

Rosa erzählte von Weinlaublabyrinthen, in denen sie sich zuerst immer verirrt hätte, aber mittlerweile würde sie immer ihren Weg finden und wie eine Seiltänzerin über die dünnsten Äste vor den Hütehunden des Viertels fliehen können. Noch nie hätte einer auch nur eine Locke ihres Haares zwischen den Zähnen gehabt!

In einer abgelegenen Ecke des Viertels gäbe es paradiesische Senfflechtenwiesen, und am Rand der Wiesen wüchsen die leckersten Rote-Flechten-Beeten, die man sich vorstellen könne! Nichts sei besser für die Augen, gesunde Klauen und natürlich das Fell! Man könne ja nicht dauernd nachfärben, wer hätte denn dafür Zeit!

Für die orangenen Zuckernüsse müsse sie schon ganz schön hoch klettern, aber nichts wäre besser für den kleinen Nachmittagsrausch als diese Nüsse. Rosa! habe ich entsetzt gerufen, aber Rosa hat nur milde gelächelt.

Einer der spannendsten Orte überhaupt sei der große Blätterrausch an einem geheimen Ort am Waldrand. Ein Blätterhaufen, so groß wie die Welt! Wenn man nicht aufpasse, würde man nie wieder herausfinden und müsse ein elendes Dasein darin fristen, nur mit der Gesellschaft von Käfern, Spinnen und Regenwürmern, und dass die nicht die begnadesten Unterhalter seien, wüsste ich ja wohl!

Ein weiterer Lieblingsort sei ein alter, verlassener Container, der im wahnsinnigsten Rot leuchten würde, das man sich vorstellen könne! Nicht nur Rosa wäre regelmässig dort, auch Igel, Rehe und Füchse würden den Container verehren, weil er das einzige verlässliche Rot der Umgebung bieten würde. Manchmal gäbe es dort geheime Treffen der Waldbewohner, an denen sie, Rosa, mittlerweile als gleichwertiges Mitglied teilnehmen dürfe! Ich habe natürlich sofort gefragt, worum es bei diesen Treffen ginge, aber Rosa starrte mich nur an und erwiderte kühl, dass sie selbstverständlich kein Tratschschaf wäre.

Auch dieser Pfahl sei sehr beliebt im Wald, aber im Gegensatz zum Container stünde er an einer zu öffentlichen Stelle, so dass er weniger besucht sei. Was für sie, Rosa, natürlich nicht gelte. Und ob ich gesehen hätte, wie das Orange mit ihrer Fellfarbe sprechen würde? Ich habe genickt.

Und so ist Rosa kein normales Hausschaf geworden. Sie ist oft auf Abwegen, selten zu Hause, und wenn ich sie mal treffe (was nicht oft der Fall ist), duftet sie nach Moos, Kiefernnadeln und Waldboden und hat ein grünes Funkeln in den Augen. Sie ist kein Einstein-Schaf, aber sie kann höher klettern, findet bessere Futterstellen und ist abenteuerlustiger als alle anderen Schafe, die ich bisher getroffen habe. Eindeutig: Mein Leben wäre ärmer ohne sie.

Morgengebet

Morgengebet

ein utopischer Traumfänger
ist durch meine Nacht gehüpft
hat Bruchstücke des Tages gesammelt
erste Corona-Impfung in den USA
Karamellkekse, Telefonate und Tränen
gestapelt zu einem großen Kartenhaus
Werken ist in der Wichtelschule das Hauptfach
lass die Lehrer dort Meister sein
im Kleben von Bruchstücken
im Bauen von Kartenhäusern

Der Dienstag dichtet!  
Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch WortgeflumselkritzelkramMutigerlebenWerner KastensFindevogel, die Nachtwandlerin, Lindasxstories, Myriade, Gedankenweberei, 
Emma Escamilla, Wortverdreher und Lebensbetrunken, der BerlinAutor, Vienna BliaBlaBlub, Heidimarias kleine Welt, Traumspruch, Red Skies over Paradies und Your mind is your only limit sind mit von der Partie. Viel Freude an so viel geballter Kreativität!

14. Februar

Oink ist hin und weg. „Hast du ihre Haare gesehen? Diese Borsten!“ Er lächelt selig und guckt mich verträumt an.
„Ähm…“ sage ich.
„Und diese Rundungen! Ohhh… sie ist perfekt!“ Oinks rosa wird noch etwas rosaner.
Ich räuspere mich.
„Und wie sie ihre Borsten trägt! So natürlich! Sie glänzen wie… wie…“ Er blickt sinnend vor sich hin.
„Wie Honig?“
„Ja! Genau!“ Er lächelt und sieht etwas, was ich nicht sehe.
„Du, also, weisst du…“ Ich verstumme. Wie sage ich es ihm? Seine Angebetete ist meine Schuhbürste, und ich glaube, sie hat keine Ahnung, dass ihre Borsten verehrt werden. Sie ist einfach nur eine Schuhbürste. Oinks sind selten auf dieser Welt.
„Weisst du was?“ Oink balanciert vor Aufregung auf den Zehenspitzen. Er hat mir nicht zugehört.
„Was denn?“ frage ich höflich nach und bin dankbar für die drei Sekunden Aufschiebezeit.
„Ich habe sie gefragt, ob sie heute abend mit mir den Schnee angucken will!“
„Oh!“ sage ich.
„Und weisst du was?“ Oink hüpft jetzt auf und ab.
Ich gucke fragend.
„Sie hat ja gesagt!“ Er strahlt über beide Backen.
„Ach!“ sage ich.
„Darf ich heute abend dein Fensterbrett haben?“ Oink guckt flehend.
„Ja, äh, klar“, sage ich überrumpelt.
„Super, danke!“ ruft Oink und hüpft davon. „Ich muss mich hübsch machen!“
Ich gucke ihm hinterher. Ich muss noch sehr viel lernen auf dieser Welt, das steht fest.

12. Februar

„Brrrr, ist mir kalt!“ schimpfe ich und bewege unbehaglich meine eisigen Zehen. Oink hüpft durch den Schnee. „Ist dir nicht kalt?“ frage ich ihn.
Er bleibt stehen und wackelt mit den Ohren. „Was ist kalt?“
„Oh“, sage ich. „Also, das ist, wenn du deine Hände und Füße nicht richtig spürst und so ein taubes, stechendes Gefühl in ihnen hast. Und wenn du zittert. Und Gänsehaut hast. Und wenn deine Haut sich gern nach innen ziehen würde, das aber nicht kann.“
Oink schüttelt den Kopf. Er sieht beunruhigt aus. „Das kenne ich nicht. Ist das schlecht, wenn ich das nicht kenne? Nur das mit der Haut, das hatte ich neulich, mit dem Rotwein. Das war nicht schön.“
Ich gucke ungläubig. „Du frierst nicht? Gar nicht?“
Oink schüttelt wieder den Kopf. „Wenn frieren dasselbe wie kalt ist, nein.“ Er guckt wieder besorgt. „Ist das schlimm?“
Ich überlege. „Naja… das Frieren an sich nicht, das musst du nicht vermissen. Aber wenn es dann warm wird und man aufhört zu frieren, und wenn die Füße prickeln, das ist schon sehr schön.“
„Aber das kenne ich!“ ruft er aufgeregt, „das ist das Gefühl, das ich habe, wenn du mich auf ein Ei setzt! Vorher ist da so eine Leere, und man möchte, dass das aufhört, aber es geht irgendwie nicht, und manchmal kriege ich so kleine Beulen innendrin, und dann kommt das Ei und alles ist wunderbar.“ Er strahlt.
Ich nicke langsam. „Doch, das ist wie frieren und warm werden“, sage ich.
Oink seufzt erleichtert. „Gut. Jetzt weiß ich, was frieren ist und ich kann das. Und jetzt lass uns weitergehen, es ist so schön weiß überall!“
Ich seufze unhörbar und wackle mit den kalten Zehen. Er hat Recht. Es ist wunderbar weiß überall. Und kalt. Sehr kalt.

Ein Schneewanderer unterwegs.