Als ich die Phantasie traf

Heute Abend habe ich die Phantasie getroffen. Natürlich sah sie ganz anders aus als beim letzten Mal, als sie Lollys im Haar trug und kichernd auf bunten Socken durch meine Küche tanzte.
Heute dagegen ging sie geistesabwesend immer zwei Meter vor mir her, ihr Haar schimmerte silbergrau und hing schwer herunter. Sie war nur halb bei mir, die andere Hälfte war sehr weit weg und befasste sich mit ernsten Angelegenheiten.
Von Zeit zu Zeit drehte sie sich zu mir um, ging rückwärts und sagte Dinge wie: „Wusstest du, dass Tränen eine silberne Innenhaut haben und Welten enthalten können?“ Oder: „Gerade habe ich mir vorgestellt, es wäre noch Tag, die Sonne schiene und ich wäre so leicht wie ein Rotkehlchen.“ Oder: „Schwarz ist gar nicht immer einfach nur Schwarz. Es kann bleiernes Schwarz sein, oder dumpfes Schwarz. Es gibt sogar strahlendes Schwarz, wusstest du das?“
Nach jeder Frage drehte sie sich wieder um und sah nach vorn. Sie erwartete keine Antworten.
Es war ein bisschen seltsam, wo sie doch sonst immer vor Farbe, Musik und Ideen übersprudelte. Wie oft hatte ich schon kleine Fische um ihren Kopf herumschwimmen sehen, ohne dass auch nur eine Spur Wasser in der Nähe gewesen wäre! Und nie konnte ich mich sonst entscheiden, welche Augenfarbe sie gerade hatte, mal waren sie Ozeanblau, mal Sonnenuntergangsgolden, mal grün wie Waldmeisterwackelpudding. Heute dagegen war ich mir sicher: Sie konnten nur silbergrau sein.
Nachdem wir alles ein paarmal wiederholt hatten – umdrehen, rückwärts gehen, Frage stellen, keine Antworten – ging ich ein wenig schneller, bis ich auf einer Höhe mit ihr war. Sie sah mich nicht an. Ganz vorsichtig nahm ich ihre Hand. Sie war kühl und sie zog sie nicht weg. So gingen wir schweigend zusammen nach Hause.
Ich bin mir nicht sicher, aber mir war, als ob wir beide ein wenig heller wurden auf dem Weg.

Mitten im Gold

manchmal
mitten im Gold
hinter dem Licht
zittert papierne Haut
klirren gläserne Knochen
mein Pappmachée-Herz
schlägt knisternd
hinter dem Licht
wandere ich
über Straßen aus dünnem Papier
der Regen fällt salzig
tropft kleine Löcher
ins Licht
mit letztem Atem
spanne ich Regenschirmhaut
über
mein knisterndes Herz

Der Dienstag dichtet! 🙂  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch Wortgeflumselkritzelkram, Mutigerleben, Werner KastensFindevogel und die Wortverzauberte sind mit von der Partie. Schaut doch mal bei ihnen vorbei, der Dienstag fängt besser an mit ein bisschen Wortzauberei!

Mein Elternhaus

Mein Elternhaus

Das Knarzen der Treppenstufen. Der saubere Geruch nach frischgebügelter Wäsche. Nimmst du´s mit hoch? Nähmaschinensurren. Blauanzüge auf der Wäscheleine. Die Holzpaletten hinter dem Zaun mit den Verstecken darin.

Raue Waschbetonplatten unter nackten Füßen. Die verzogene Waschküchentür. Die Gemüsebeete beim Nachbarn. Erbsen von der Hand in den Mund, neue Kartoffeln. Saure Kirschen vom Sauerkirschbaum. Rosen, riesige duftende Blüten in weiß, gelb und rosa.

Der Geruch des Benzinrasenmähers. Die Kreissäge um zehn Uhr am Samstagmorgen. Lichtpünktchen durch Rolladenschlitze. Die orangene Blumentapete in meinem Zimmer. Die rote Teppichbodenfalte. Kiki. Das weiche Treppengeländer. Nachheizen. Die Holzrutsche in den Keller.

Das grüne Telefon mit Wählscheibe. Meine Mutter beim Wäscheaufhängen auf dem Dachboden, das Geräusch ihrer Schritte über mir. Die blauen Arbeitsplatten in der alten Küche. Die Sitzplatzbretter an der Wand und die blauen Flecken, die sie verursachten.

Unterm Dach. Prasselnder, lauter Regen auf den Wellplastikplatten. Die Hängematte. Der nach Anis riechende Vogelkäfig in der Küche. Die Flurschrankwand meiner Schwester. Kohlrabi in Sahnesoße.

Warme Terrassenstufen im Sommer. Rasensprenger am Abend. Barfuß laufen. Halb heruntergelassene Rolladen. Topfkuchen. Kaffee kochen am samstagnachmittag. Nasse Handtücher auf der Leine, nach dem Baden im See. Die Fußballwiese mit der Tribüne. Fußballspielen bis halb elf abends.

Die Hitparade. Musikaufnahmen am Fernseher. Benji. Ein Colt für alle Fälle. Ostereiersuchen im Garten. Schuhe ausziehen! Das Pfeifen meines Vaters am Morgen. Geschmierte Brote für die Arbeit. Das Garagendach, auf das ich einmal hinaufkletterte.

Die Lampenputzertapete. Surrende Klappzahlen im alten Wecker meiner Mutter. Schwarzweißfernsehn im Elternbett. Stachelige Lockenwickler in der Kommode.

Mein Elternhaus.