Reisefieber, das:

(aus gegebenem Anlass)

Reisefieber, das:

  • dreht dich kichernd ein Dutzend Mal im Kreis, bis du nicht mehr stehen kannst
  • schmeckt nach einem halben Liter Zitronensprudel auf ex (gut gekühlt)
  • setzt dich unter Druck wie einen Sektkorken nach kräftigem Schütteln
  • sprüht zischend gelborange mit einem Stich ins Grünliche
  • erfrischt wie ein Sprung ins eiskalte Wasser
  • macht hochgradig lebendig!

Mein Elternhaus

Mein Elternhaus

Das Knarzen der Treppenstufen. Der saubere Geruch nach frischgebügelter Wäsche. Nimmst du´s mit hoch? Nähmaschinensurren. Blauanzüge auf der Wäscheleine. Die Holzpaletten hinter dem Zaun mit den Verstecken darin.

Raue Waschbetonplatten unter nackten Füßen. Die verzogene Waschküchentür. Die Gemüsebeete beim Nachbarn. Erbsen von der Hand in den Mund, neue Kartoffeln. Saure Kirschen vom Sauerkirschbaum. Rosen, riesige duftende Blüten in weiß, gelb und rosa.

Der Geruch des Benzinrasenmähers. Die Kreissäge um zehn Uhr am Samstagmorgen. Lichtpünktchen durch Rolladenschlitze. Die orangene Blumentapete in meinem Zimmer. Die rote Teppichbodenfalte. Kiki. Das weiche Treppengeländer. Nachheizen. Die Holzrutsche in den Keller.

Das grüne Telefon mit Wählscheibe. Meine Mutter beim Wäscheaufhängen auf dem Dachboden, das Geräusch ihrer Schritte über mir. Die blauen Arbeitsplatten in der alten Küche. Die Sitzplatzbretter an der Wand und die blauen Flecken, die sie verursachten.

Unterm Dach. Prasselnder, lauter Regen auf den Wellplastikplatten. Die Hängematte. Der nach Anis riechende Vogelkäfig in der Küche. Die Flurschrankwand meiner Schwester. Kohlrabi in Sahnesoße.

Warme Terrassenstufen im Sommer. Rasensprenger am Abend. Barfuß laufen. Halb heruntergelassene Rolladen. Topfkuchen. Kaffee kochen am samstagnachmittag. Nasse Handtücher auf der Leine, nach dem Baden im See. Die Fußballwiese mit der Tribüne. Fußballspielen bis halb elf abends.

Die Hitparade. Musikaufnahmen am Fernseher. Benji. Ein Colt für alle Fälle. Ostereiersuchen im Garten. Schuhe ausziehen! Das Pfeifen meines Vaters am Morgen. Geschmierte Brote für die Arbeit. Das Garagendach, auf das ich einmal hinaufkletterte.

Die Lampenputzertapete. Surrende Klappzahlen im alten Wecker meiner Mutter. Schwarzweißfernsehn im Elternbett. Stachelige Lockenwickler in der Kommode.

Mein Elternhaus.

Urlaubsende

Ach!
Seliges Ausschlafen,
Frühstücksgefühle um neun,
frei sein für Bücher
und neue Freunde.
Leuchtende Pläne,
frische Gefühle,
Tagträume himmelhoch,
sich dehnende Stunden.
Eisvögel am Fluss,
Wasserlinsen im Haar,
eine kleine Weile
den Mond beim Wandern begleiten.
Vorbei, vorbei.
Ach!
Schön wars.
Gerne wieder!

November

November
der Dunkle, Sanfte
gewährt uns ruhige Stille
wir sehen nach innen
betrachten was war
und nicht sein wird
kühle Kerzen brennen
erleuchten graue Stunden
die Dezemberorangen
noch ungeschält
vor uns

Reisebeginn

früher Aufbruch
bei den Nachbarn brennt noch Licht
milde Nachtluft
leere Straßen
viel mehr Sterne als sonst am Himmel
der Koffer klappert über das Pflaster
als der Zug wirklich losfährt
freudige Aufregung

Ich bin dankbar

Ich bin dankbar
für den Kaffee am Morgen
für die Sonne, die den Herbstnebel auflöst
für eine helfende Hand, oder auch zwei
für Bücher und Geschichten, in die man abtaucht und die Zeit vergisst
für einen Plan der funktioniert
für ein weiches Bett nach einem harten Tag
Ich bin dankbar
für die Vögel, die mich mit ihrem Gesang wecken
und für meine Stimme, mit der ich Gott loben kann
für Gespräche in der Küche
für mein Handy, das mir ermöglicht in Kontakt zu bleiben, über Kilometer hinweg – und dass ich es einfach mal ausschalten kann
für tröstende Worte an dunklen Tagen
für das Gefühl, wenn der Schmerz nachlässt
Ich bin dankbar
für eiskaltes Wasser an einem heißen Tag
für die Wärmflasche, wenn ich friere
für Flammkuchen und Federweißen und für die Menschen, die sowas leckeres erfinden
für einen stillen Ort, wenn ich ein dringendes Bedürfnis habe
für ein Gesicht, dass mich anlächelt, einfach so.
für das Gefühl, gerade am richtigen Ort zu sein und das richtige zu tun
Ich bin unendlich dankbar

Ein Beitrag von himmelgraublau – vielen Dank!

 

Danke

vielen Dank für den Schatten
den gezähmten Fluß und die gestreiften Fische darin
für nackte Füße, die Schmutzränder und das Lachen
vielen Dank für das Fenster, den Himmelsblick und die Sterne weit oben
den sauren Wein und die Hitze, die ungeheure, wahnsinnige Hitze
für alle Stempel und Texte, den Ausblick und den ungehinderten Rückblick
vielen Dank für Holz und Beton und für das durchsichtige, weite Glas
danke für alles Grün im Garten, die plumpsenden Äpfel und müde Mücken im Dunkeln
und meinetwegen für alle eintausend Fliegen in der Küche und ihre zahllosen Todesarten auch

(Reminiszenz an Hans Magnus Enzensberger, Empfänger unbekannt)