Kämpfe

Kämpfe

Du liegst am Boden, mit der linken Hand wehrst du deinen Schweinehund ab. Er versucht, dir in die Rippen zu boxen, mit der anderen Hand zehrst du wild an seinem Ohr, bis er aufheult und deine Haare loslässt. Blitzschnell wirfst du dich auf ihn und drückst ihn zu Boden. Ein Schweißtropfen läuft an deiner Nase herunter, als du ihn keuchend fragst: „Friede?“
Er versucht dich abzuschütteln, aber du machst dich extraschwer. „Grschrntrrr!“ kommt es gedämpft aus dem Teppich. Vorsichtig gibst du seinen Kopf frei. „Geh schon runter! Ich gebe auf.“
„Ehrenwort?“
„Traust du mir etwa nicht?“
„Ich kann auch einfach liegen bleiben, schön weich und warm…“ Du hoppst ein bißchen auf und ab, um deinen Standpunkt zu verdeutlichen.
Dein Schweinehund ächzt und ergibt sich. „Ehrenwort.“
Du wälzt dich zur Seite und guckst erschöpft an die Decke.
Dein Schweinehund setzt sich unter Jammern und Stöhnen auf. „Mein Fell! Sieh dir das nur an! Ein Desaster! Du hast mir Haare ausgerissen, guck mal, wieviele da auf dem Boden liegen! Und blaue Flecke kriege ich auch überall!“ Er betastet vorsichtig seine Arme und Beine.
„Na und? Mein Lieblingspulli hat ein Loch! Und hier, die Schramme, die ist auch von dir, und ich habe bestimmt einen Bluterguß im Rücken!“ Schmerzverzerrt rollst du deine Schultern auf und ab.
„Du hättest ja schließlich auch nicht an meinem Schwanz ziehen müssen!“
„Ach! Und warum hast du auf meine Nase geboxt?“
Ihr starrt euch an. Euer Waffenstillstand bröckelt.
Dann atmet dein Schweinehund aus, tief und lange. „So machen wir das jetzt aber nicht jedes Mal, oder? Das wäre mir viel zu anstrengend.“
„Das kommt ganz auf dich an,“ sagst du.
„Wieso das denn?“ fragt er entrüstet. „Ich hab nicht angefangen!“
„Ach, komm“, winkst du ab, „du hast wieder alle Register gezogen. Wenn du am Ende nicht so gnadenlos übertrieben hättest mit „deine Gesundheit ist mir heiliger als mein Leben!“, wäre ich nicht so sauer geworden und du hättest deinen Willen gekriegt.“
Dein Schweinehund guckt nachdenklich auf seine Pfoten. „Ja, vielleicht hab ich da wirklich ein klitzekleines bisschen zuviel Engagement gezeigt.“
Du nickst nachdrücklich.
„Aber du könntest auch ruhig zugeben, dass du in letzter Zeit ganz schön oft kaputt bist und ein bißchen weniger Tun und Machen vielleicht gar nicht so schlecht wäre.“ Er sieht dich herausfordernd an.
Du windest dich unbehaglich. Er kennt dich einfach so verdammt gut. „Jaaa, könnte sein. Aber nur zu Hause hocken kann doch nicht die Lösung sein!“ entgegnest du unwirsch.
„Nur unterwegs sein aber auch nicht!“
Wieder starrt ihr euch an. Dieses Mal lenkst du ein. „Meinetwegen. Dann bleibe ich heute eben zu Haus. Aber morgen, damit das schon mal klar ist, da gehen wir aus, verstanden?“
Dein Schweinehund nickt langsam. „Einverstanden.“ Dann betastet er vorsichtig seine Nase. „Alter! Du hast einen ganz schönen Schlag, weisst du das?“
„Du aber auch“, sagst du und fährst mit den Fingerspitzen über die Schramme in deinem Gesicht.
„Ich brauche Eis“, sagt dein Schweinehund, steht ächzend auf und hält dir die Pfote hin.
Du guckst ihn an, ergreifst sie und lässt dich hochziehen, dann hakst du ihn unter. „Wir haben Vanille und Kirsch-Marzipan. Welches willst du?“
„Eigentlich wollte ich einen Eisbeutel für meine Nase“, antwortet er, „aber Vanille und Kirsch-Marzipan nehme ich natürlich auch!“
Du grinst, während du dir vorstellst, wie dein Schweinehund mit einer Kugel Kirsch-Marzipan Eis auf der Nase herumläuft, und dann wankt ihr gemeinsam langsam in die Küche.

Alltagsrückkehr

„Jaaaa, so liebe ich das“, sagt dein Schweinehund zufrieden und wälzt sich behaglich in deinem Alltag hin und her. „Wir brauchen doch gar nicht soviel Neues, das ist so anstrengend, nie weiß man, was auf einen zukommt. Guck mal, da ist dein Lieblingsbäcker, komm, lass uns reingehen und ein Croissant kaufen!“

Deine Füße nehmen automatisch denselben Weg wie vor dem Urlaub, du kannst gar nichts dagegen tun. Und schon kommst du mit einer Tüte wieder aus der Bäckerei heraus und weißt nicht mehr, wie du überhaupt hineingeraten bist. Dein Schweinehund ist außer sich vor Entzücken. „So schön, endlich wieder Alltag! Gleich gibt´s Tee und wir frühstücken zusammen! Lass uns den kurzen Weg nehmen, die Umwege am Fluß entlang brauchen wir heute wirklich nicht. Je früher du am Schreibtisch sitzt, desto eher kannst du nach Hause!“

Du schaust ihn an, nicht ganz sicher, was hier gerade vor sich geht. Eigentlich wolltest du doch auf jeden Fall die Umwege nehmen. Und du hattest dir fest vorgenommen, die Bäckerei zu meiden, oder? Deine Füße nehmen den kurzen Weg, während du noch darüber nachdenkst. Dein Schweinehund hüpft neben dir her, sein Fell glänzt wie frisch gewaschen. „Guck mal da, das Kaffeemaschinengeschäft, und die staubigen Ladenfenster, und die Suppenküche, gut, dass wir nicht den Umweg genommen haben, sonst hätten wir das alles ja gar nicht gesehen!“

Du bleibst stehen und starrst ihn an. Hier stimmt doch was nicht. „Spinnst du? Sonst findest du die Straße hier doch stinklangweilig!“

„Ach was“, er wedelt geringschätzig mit der Pfote hin und her, „das war gestern, heute finde ich sie super! Guck mal, die Suppenküche hat eine neue Tomatensuppe im Angebot!“ Er erstarrt, die Pfote noch in der Luft und schielt zu dir rüber. Tomatensuppe. Das war ein Fehler und er weiß es.

„Ich mag keine Tomatensuppe. Und das weißt du.“ Du bohrst deinen Blick in seine Augen.

„Äh… richtig. Ja… äh… aber das Schild für die Suppe ist doch hübsch, oder?“ Er druckst herum und windet sich. Unter deinem forschenden Blick schrumpft er zusammen, bis er in deine Hand passt. Kleinlaut rollt er sich zusammen, und während du ihn in deine Tasche steckst, hörst du ihn undeutlich murmeln: „…wollte doch nicht… nur zu deinem Besten… kleinlich… “ Dann drehst du dich um und gehst zurück, bis dahin, wo der Umweg am Fluß beginnt. Aber auf das Croissant, auf das freust du dich trotzdem.

Urlaubsende

„He“, sagst du und stupst deinen Schweinehund von der Seite an. „Ist alles in Ordnung mit dir?“ Er war sehr ruhig in den letzten Tagen, aber jetzt liegt er geradezu komatös da. Du machst dir Sorgen. Nicht zuviele, es ist ja auch ganz schön, wenn er mal still ist, aber trotzdem.

„Hmpf“, macht er und klappt ein Auge halb auf. „Iss was?“

„Nö“, sagst du, „ich wollte nur sichergehen, dass du noch atmest.“ Das halbe Auge klappt wieder zu. Ok. Einen Versuch machst du noch. „Fandest du´s denn nett die letzten Tage?“

Dein Schweinehund grunzt und dreht sich auf den Rücken, den pelzigen Bauch zur Sonne gewandt. Du wartest, lange. Schließlich lässt er sich doch noch zu einer Antwort herab.

„Nett. Nett. Was sind denn das für Kriterien. Wenn du´s genau wissen willst, langweilig war´s. Extrem langweilig. Aber jetzt sind wir ja auf dem Weg nach Hause.“ Er wendet sich von dir ab und rudert mit den Pfoten in der Luft, bis er die perfekte Position gefunden hat. Ein paar Minuten später ertönen leise Schnarchgeräusche.

Du wendest dich ab, damit er auf keinen Fall dein Grinsen sieht. Es scheint, als ob dein Urlaub doch ganz in Ordnung gewesen wäre.

Los!

Du fährst los.

Dein Schweinehund jammert und ächzt. „Was soll denn das? Wozu denn diese ganze Mühe? Hätten wir nicht einfach zu Hause bleiben können? All das Planen und Packen und Schleppen! Und jetzt regnet es auch noch! Fehlt nur noch, dass wir diese blöde Fähre verpassen, auf die du ja so unbedingt wolltest! Wenn wir schon all diese Unbequemlichkeiten auf uns nehmen müssen, hättest du doch wenigstens die normale Strecke fahren können, aber nein, es muss ja die Fähre sein! Und wozu? Guck doch! Hier sieht´s aus wie zuhause, auch nur Felder, Bäume und dieselben Regenwolken wie immer. Hab ich´s dir nicht gesagt?“

„Halt die Klappe“, antwortest du. „Es sind andere Felder, Bäume und Wolken als zuhause.“

Und dann freust du dich, weil der Wind über Silberpappeln weht, du die Straße nicht kennst, dich verfährst und dann doch noch rechtzeitig am Meer ankommst.

Dein Schweinehund schmollt. Aber du könntest schwören, dass er interessiert in der salzigen Luft herum schnuppert, wenn du gerade nicht hinguckst.