Mit Schweinehund im Stau

Auf einmal blinken die Warnleuchten des Autos vor dir auf. Du trittst auf die Bremse. Innerhalb von Sekunden erstrecken sich drei endlose Schlangen aus roten Rückleuchten nach vorn in die Nacht. Nicht jetzt! In einer halben Stunde hast du einen wichtigen Termin, und den kannst du vergessen, wenn das hier ein echter Stau wird. Du schickst ein Stoßgebet nach oben.
Dein Schweinehund auf dem Beifahrersitz hebt träge ein Auge. „Sprechen wir wieder mit dem unsichtbaren Wesen, das keiner ausser dir sehen kann?“
„Ja, genau das tun wir“, sagst du und trommelst nervös mit den Fingern auf dem Lenkrad herum. Bitte kein Stau! Bitte nicht!
„Ich hab ja immer noch nicht begriffen, was das eigentlich bewirken soll“, sagt dein Schweinehund. „Ich meine, soll dein Unsichtbarer jetzt die Autos vor dir wegschieben? Wie Hulk?“
Du bist genervt. „Keine Ahnung, wie er das machen soll – Hauptsache, dieser Stau hier verschwindet! Wir müssen in einer halben Stunde im Büro sein!“
„Ach, das Büro, das Büro“, dein Schweinehund wedelt lässig mit einer Pfote durch die Luft, „das läuft schon nicht weg. Außerdem ist das gar nicht schlecht, da haben wir mal ein bißchen Zeit, uns zu unterhalten!“
Du atmest tief ein. Nur nicht aufregen.
Dein Schweinehund setzt sich auf. „Mal ernsthaft: Warum bist du dir so sicher, dass jemand deine Hilferufe hört? Ich kann hier außer uns beiden niemanden sehen!“
„Mann. Das haben wir doch schon hundertausendmal durchgekaut. Nur, weil du nichts siehst, heißt das nicht, dass da nichts ist!“
„Aber Beweise hast du nicht!“
„Du alter Zweifler! Nein, hab ich nicht. Aber ich glaube, da ist etwas. Tut mir leid, mehr kann ich dazu nicht sagen.“ Dir kommt eine Idee. „Übrigens – hast du schon mal drüber nachgedacht, dass du auch eine ziemlich zweifelhafte Existenz bist?“
„Ich? Wieso?“ Dein Schweinehund klingt erstaunt.
„Na-jaa“, sagst du gedehnt, „überleg mal: Für mich bist du real. Aber für alle anderen? Sehr zweifelhaft. Bedeutet das also, dass du nicht existierst?“
„Ach, schnickschnack“, winkt dein Schweinehund ab, „das sind Spitzfindigkeiten. Ich hab halt keine Lust, mich mit anderen Leuten zu unterhalten, die sind mir alle viel zu anstrengend.“ Er legt sich wieder hin und schliesst die Augen. „Ich merke schon, du bist schlecht drauf heute. Wir unterhalten uns ein andernmal.“
Du lehnst dich zurück. Das war fast zu einfach. Ohne den Kopf zu bewegen schielst du zu deinem Schweinehund hinüber. Aha! Seine Ohren zucken. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass ihn irgendetwas intensiv beschäftigt. Dann hupt jemand hinter dir. Der Stau hat sich aufgelöst. Na bitte! Natürlich ist das kein Beweis für irgendetwas, soviel ist dir klar. Aber schlecht ist es auch nicht. Du murmelst leise „danke“, und dann gibst du Gas.

Fahrradfahren mit dem Schweinehund

Du trittst wütend in die Pedale, während dir der Gegenwind das Leben schwer macht. Dein Schweinehund sitzt im Fahrradkorb vor dir und pfeift ein Liedchen, seine Ohren flattern im Fahrtwind. Du bist genervt. Kann er nicht mal die Klappe halten?
„Kannst du nicht mal die Klappe halten?“ raunzt du ihn an.
Das Pfeifen verstummt. Du guckst grimmig und trittst schneller, der Fahrtwind zischt dir ins Gesicht.
„Sind wir schlecht gelaunt, oder was?“ kommt es von vorn aus dem Fahrradkorb.
„Mmmrrphh!“ machst du nur. Du hast überhaupt keine Lust, dich zu unterhalten.
Dein Schweinehund windet sich graziös, bis er dir ins Gesicht sehen kann. Dein Fahrradlenker schlackert, während er sich bewegt. „He, pass doch auf!“ rufst du entrüstet und versuchst, das Gleichgewicht zu halten.
„Ach, Schnickschnack, das kriegst du schon hin“, winkt dein Schweinehund lässig ab, lehnt sich mit beiden Armen nach hinten und starrt dich an. „Also. Was ist los?“
„Mann! Du warst doch dabei! Geärgert hab ich mich, das ist los!“
„Ja, und?“
„Was, ja, und? Hab ich etwa nicht Recht?“ fauchst du ihn an.
„Klar hast du Recht. Aber du wusstest doch schon vorher, dass das passieren würde.“
„Wieso? Was soll das denn heißen?“
„Herrje. Das passiert jedes Mal, wenn du zu diesen Treffen gehst. Ich sage dir, geh nicht hin, und du gehst doch hin und ärgerst dich. Je-des Ma-hal!“
„Quatsch! Das stimmt überhaupt nicht!“
„Doch. Stimmt wohl.“
„Nein!“
„Doch!“
„Nein!“
„Wenn du meinst…“ Gelangweilt guckt dein Schweinehund auf eine seiner Pfoten und versucht, einen verfilzten Haarknoten mit seinen Zähnen aufzudröseln.
Du schnaubst. So kommt er dir nicht davon. „Erklär mir das!“
Er lässt die Pfote sinken. „Ist doch ganz einfach. Die Treffen tun dir nicht gut. Aber aus Gründen, die ich einfaches Gemüt nicht nachvollziehen kann, gehst du trotzdem hin. Immer und immer wieder.“ Er guckt jetzt haarscharf an dir vorbei. „Dabei bist du doch eigentlich nicht dumm, du könntest ja einfach wegbleiben. Ist ja nicht so, als ob wir sonst nichts vorhätten! Bei anderen Gelegenheiten ist es viel netter, und du gehst gut gelaunt nach Haus. Ich persönlich finde ja eigentlich alles anstrengend, aber ich weiß: Meine Meinung zählt nicht!“ Bei den letzten Worten schwankt seine Stimme dramatisch und er schnieft laut.
„Aha“, knirscht du, „soll das heißen, ich bin dumm?“
Dein Schweinehund erholte sich in Sekundenschnelle und winkt großzügig ab. „Nur manchmal. In diesem Fall zum Beispiel. Du könntest ja einfach mal auf mich hören. Wir hätten diesen spannenden Film gucken können, den dir dein Kollege ausgeliehen hat. Stattdessen sitzen wir jetzt hier und müssen dahinten noch den Berg rauf!“
„ICH muss den Berg rauf, DU sitzt hier nur rum!“
„ICH wollte ja auch nicht rausgehen, DU aber schon!“
Du stöhnst und lehnst dich fester in die Pedale, langsam wird es steiler. Während dir der Schweiß auf die Stirn tritt, überlegst du. Nur mal angenommen, dein Schweinehund hätte tatsächlich und irrationalerweise recht – was würde das bedeuten? Ist dir etwas entgangen, was er sehen kann? Tun dir diese Abende wirklich nicht gut? Was wäre die Konsequenz? Nie wieder das Haus verlassen kann es ja wohl nicht sein. Du musst dringend mit jemandem reden. Mit jemand Unparteiischem.
„He!“ ruft dein Schweinehund. „Das ist nicht der Weg nach Haus! Was soll das?“
„Wir machen noch einen kleinen Besuch“, antwortest du ihm.
„Och nee! Nicht ernsthaft, oder? Können wir nach diesem ätzenden Abend nicht einfach ein Glas Wein auf der Couch trinken? Es ist schon fast Zeit, ins Bett zu gehen! Herrje, du bist SO anstrengend!“
„Genau. Bin ich.“, antwortest du ihm und freust dich auf einmal auf den Rest des Abends. Manchmal ist es doch ganz hilfreich, den Schweinehund bei sich zu haben.

Entsorgungen

Als du deinen Biomüll zum Kompost bringst, hörst du ein Rumpeln aus der großen Tonne nebenan. Ein Waschbär? Eine Katze? denkst du und öffnest vorsichtig den Deckel der grauen Tonne. Bis zur Nasenspitze eingegraben pflügt dein Schweinehund durch deinen Müll. Als das Licht auf ihn fällt, guckt er kurz hoch, sagt: „Da bist du ja“, und pflügt weiter.
„Was machst du da?“ fragst du ihn.
„Ich bade in Erinnerungen. Guck mal hier“, er hebt einen grauen Fetzen hoch, „das war damals, als uns an diesem geselligen Abend niemand beachtet hat.“ Er wirft den Fetzen hinter sich und greift nach etwas hartem, schwarzen. „Herrje. Da hat uns keiner geglaubt. Weisst du noch? Wir wussten, dass es nicht gut gehen würde, aber niemand hat auf uns gehört.“ Vorsichtig legt er das harte, schwarze in die Ecke und taucht wieder ab. Mit einer Pfote piekst er einen spitzen Stab durch allerlei seltsame Dinge nach oben. Du hörst seine Stimme gedämpft von unten: „Hier! Daran hab ich schon lange nicht mehr gedacht! Da hast du erfahren, dass deine Freunde sich ohne uns getroffen haben! Das war echt hart, damals. Und hier“, er wühlt sich wieder nach oben und hält dir eine braune Schale entgegen, „das ist noch gar nicht so lange her, wir hatten keine Lust auszugehen, und hinterher haben die anderen erzählt, dass es ein schöner Abend war.“ Er wirft die leere Schale zwischen den anderen Müll und beginnt, ein braunes Netz aufzuknibbeln, das voller Buchstaben ist. „Meine Güte, soviele Erinnerungen…“ Er seufzt selig.
Du lehnst dich auf den Rand der Tonne. Die Sonne scheint dir ins Gesicht. „Willst du da noch lange drinbleiben?“
„Wieso?“ Er guckt hoch, etwas Graues zwischen seinen Ohren. Es sieht aus wie ein alter, zerknautschter Hut. „Stört´s dich? Mir war gerade so sentimental zumute, da dachte ich, ich krame ein bißchen in alten Erinnerungen.“
„Neinnein. Mach nur. Aber du hast nur noch eine Stunde Zeit, dann stelle ich die Tonne an die Straße. Morgen ist Müllabfuhr.“
„Was?“ Dein Schweinehund ist entsetzt. „Du willst das alles wegwerfen?“
Du nickst. „Was hast du denn gedacht? Du sitzt in einer Mülltonne.“
„Ja, aber, ja, aber“, stottert er, „das sind doch alles unsere Erinnerungen! Die kannst du doch nicht wegwerfen!“
„Ach, ich hab so viele Erinnerungen, da kommt´s auf eine mehr oder weniger nicht an. Pass ein bisschen auf, wenn du weiter sentimental schwelgst: Du sitzt in den ganzen scharfen, spitzen, ansteckenden Erinnerungen, nicht, dass du dir noch was einfängst.“
Dein Schweinehund betrachtet voller Wehmut das Netz mit den Buchstaben. „Kann ich nicht wenigstens ein paar wieder mit reinnehmen? Ich hänge so an ihnen. Guck mal, hier, das ist ein ganz altes Diktat, da hatten wir keine Lust zum Üben, und du hast „daine Füse sint groz“ geschrieben. Das war schön damals…“ Versonnen blickt er in die Ferne.
Du winkst ab. „Auf keinen Fall. Bleib gern noch drin. Aber nachher kommt die Tonne raus. Komplett.“
Und, mal ehrlich: Das wird auch Zeit.

Adventsfrühstück mit Schweinehund

„Ich will ein Schwei-heiiiiinsko-hotelett, uh-uh-uh, ich will ein Schweiiiiiinsko-hotelett, uh-uh-uh!“ Dein Schweinehund singt aus voller Kehle und mit tiefer Überzeugung, und zwar auf die Melodie „Ich will ´nen Cowboy als Mann“.
Du seufzt. „Ich hab dir schon tausendmal gesagt, zum Frühstück gibt´s keine Koteletts!“ versuchst du es in sanftem Ton, schließlich ist es noch unmenschlich früh, und andere Leute in diesem Haus schlafen noch oder versuchen es zumindest.
„Ich will ein Schweiiiiiinsko-hotelett, uh-uh-uh…!“ Zur Bekräftigung seiner Aussage legt dein Schweinehund feierlich eine Pfote auf seine Brust, während er weitersingt. Du gibst auf. „Halt die Klappe!“ brüllst du, so laut du kannst. Dein Schweinehund verstummt mitten im schönsten Tremolo und guckt dich beleidigt an.
„Was denn? Gefällt´s dir nicht? Hab ich extra für dich umgetextet!“
Du rollst mit den Augen. „Ganz wunderbar, jaja. Aber zum einen wohnen wir hier nicht alleine, und zum anderen weisst du ganz genau, dass wir zum Frühstück KEINE Koteletts essen!“
„Manno.“ Dein Schweinehund verschränkt die Arme und schmollt. „Nichts darf man. Immer muss man rücksichtsvoll sein. Und nie gibt es was Leckeres zum Frühstück! Dabei weisst du ganz genau, wie wichtig ein gutes Frühstück mit allen Mineralien und Spurenelementen für mein Fell ist! Guck, hier, und hier, lauter dünne Stellen, und hier, da bilden sich dauernd Knötchen! Und das, wo doch bald Weihnachten ist, da muss ich gut aussehen!“ Er zupft an sich herum, und du musst dich zusammenreißen. Jetzt bloß nicht lachen, sonst hast du verloren.
„Du hattest gestern abend vier Koteletts mit Kartoffelbrei und Rosenkohl, und hinterher Eis und zwei Stücke Kuchen mit Sahne und drei Vitamalz. Ich glaube, dein Mineralhaushalt ist ausreichend gedeckt.“
„Na und? Ich hab halt einen schnellen Stoffwechsel. ICH kann mich an gestern abend schon kaum noch erinnern, und du sagst doch auch dauernd, ich soll nicht immer in der Vergangenheit leben“, gibt dein Schweinehund zurück.
„Na wunderbar, dann lebst du eben in der Gegenwart, und in der gibt es keine Koteletts zum Frühstück. Außerdem ist zuviel Fleisch ungesund“, antwortest du und brühst in aller Ruhe deinen Tee auf.
„Phffrrrr… ungesund…“ macht dein Schweinehund und betrachtet kritisch deinen Teller. „So ein labbriger Toast kann doch wohl nicht alles gewesen sein, oder? Da kriegt man ja Depressionen. Und dann noch nicht mal Kaffee!“
Du stützt dich mit den Händen auf die Spüle, straffst die Schultern und atmest tief durch. Dann drehst du dich mit einem Lächeln um. „Nein, natürlich nicht, mein Lieber! Ich hab da eine Kleinigkeit vorbereitet, extra für dich!“
„Für mich? Extra für mich?“ Dein Schweinehund setzt sich auf und guckt erwartungsvoll.
„Jepp. Mein Spezial-Adventsmüsli.“
„Müsli.“ Mehr Enttäuschung kann nicht mal der Schweinehund in seine Stimme legen.
„Jetzt guck nicht so. Probiers erstmal! Ich hab extra viel Honig reingetan, und Schokorosinen, und Gewürze, damit es nicht nur süß, sondern auch würzig ist. Mit Sahnejoghurt, so…“ du schiebst ihm die Schale voller Joghurt und Müsli hin.
Dein Schweinehund guckt die Schale an, seufzt schwer und dramatisch, taucht seinen Löffel ein und kostet vorsichtig. Er kaut lange und gründlich. Dann nimmt er einen zweiten Löffel und nuschelt undeutlich: „Ja, doch. Gar nicht so übel. Kann man essen. Ist da Pfefferkuchen drin?“ Er schmatzt vor sich hin und zerbeisst krachend eine Gewürzmandel. „Doch, doch. Besser als Toast auf jeden Fall.“
Du betrachtest den schnell sinkenden Pegelstand der Müslischale, während du deinen Tee trinkst. Als die Schale fast leer ist, stützt dein Schweinehund seine Ellenbogen auf den Tisch und piekst mit dem Löffel in die Luft. „Aber heute mittag, da essen wir was Schönes, ja? Rouladen vielleicht? Oder Brathähnchen? Gulasch wäre auch nicht schlecht. Oder wir gehen zum Griechen!“
„Wir schaun mal“, sagst du und denkst an dein Käsebrot, das schon fertig in deiner Tasche liegt. „Willst du einen Nachschlag?“
„Wenn du mich so fragst…“ er hält dir seine Schale hin.
„Gerne!“ antwortest du und lächelst sanft.

Erlaubnis

Du bist müde. Eigentlich wolltest du heute noch einen Text schreiben.
Dein Schweinehund gähnt, streckt die Pfoten aus, dehnt sich, dreht sich dreimal im Kreis und legt sich wieder hin.
Während du ihm zuguckst, denkst du daran, wie anstrengend die letzten acht Monate waren. Und die sieben davor auch. Wie angespannt du warst. Nun wird es besser, und eine große Müdigkeit dringt dir durch alle Poren.
Eigentlich hat dein Schweinehund recht. Du darfst das.
Du legst deinen Stift wieder weg. Morgen ist auch noch ein Tag.
Und übermorgen auch.

Kämpfe

Kämpfe

Du liegst am Boden, mit der linken Hand wehrst du deinen Schweinehund ab. Er versucht, dir in die Rippen zu boxen, mit der anderen Hand zehrst du wild an seinem Ohr, bis er aufheult und deine Haare loslässt. Blitzschnell wirfst du dich auf ihn und drückst ihn zu Boden. Ein Schweißtropfen läuft an deiner Nase herunter, als du ihn keuchend fragst: „Friede?“
Er versucht dich abzuschütteln, aber du machst dich extraschwer. „Grschrntrrr!“ kommt es gedämpft aus dem Teppich. Vorsichtig gibst du seinen Kopf frei. „Geh schon runter! Ich gebe auf.“
„Ehrenwort?“
„Traust du mir etwa nicht?“
„Ich kann auch einfach liegen bleiben, schön weich und warm…“ Du hoppst ein bißchen auf und ab, um deinen Standpunkt zu verdeutlichen.
Dein Schweinehund ächzt und ergibt sich. „Ehrenwort.“
Du wälzt dich zur Seite und guckst erschöpft an die Decke.
Dein Schweinehund setzt sich unter Jammern und Stöhnen auf. „Mein Fell! Sieh dir das nur an! Ein Desaster! Du hast mir Haare ausgerissen, guck mal, wieviele da auf dem Boden liegen! Und blaue Flecke kriege ich auch überall!“ Er betastet vorsichtig seine Arme und Beine.
„Na und? Mein Lieblingspulli hat ein Loch! Und hier, die Schramme, die ist auch von dir, und ich habe bestimmt einen Bluterguß im Rücken!“ Schmerzverzerrt rollst du deine Schultern auf und ab.
„Du hättest ja schließlich auch nicht an meinem Schwanz ziehen müssen!“
„Ach! Und warum hast du auf meine Nase geboxt?“
Ihr starrt euch an. Euer Waffenstillstand bröckelt.
Dann atmet dein Schweinehund aus, tief und lange. „So machen wir das jetzt aber nicht jedes Mal, oder? Das wäre mir viel zu anstrengend.“
„Das kommt ganz auf dich an,“ sagst du.
„Wieso das denn?“ fragt er entrüstet. „Ich hab nicht angefangen!“
„Ach, komm“, winkst du ab, „du hast wieder alle Register gezogen. Wenn du am Ende nicht so gnadenlos übertrieben hättest mit „deine Gesundheit ist mir heiliger als mein Leben!“, wäre ich nicht so sauer geworden und du hättest deinen Willen gekriegt.“
Dein Schweinehund guckt nachdenklich auf seine Pfoten. „Ja, vielleicht hab ich da wirklich ein klitzekleines bisschen zuviel Engagement gezeigt.“
Du nickst nachdrücklich.
„Aber du könntest auch ruhig zugeben, dass du in letzter Zeit ganz schön oft kaputt bist und ein bißchen weniger Tun und Machen vielleicht gar nicht so schlecht wäre.“ Er sieht dich herausfordernd an.
Du windest dich unbehaglich. Er kennt dich einfach so verdammt gut. „Jaaa, könnte sein. Aber nur zu Hause hocken kann doch nicht die Lösung sein!“ entgegnest du unwirsch.
„Nur unterwegs sein aber auch nicht!“
Wieder starrt ihr euch an. Dieses Mal lenkst du ein. „Meinetwegen. Dann bleibe ich heute eben zu Haus. Aber morgen, damit das schon mal klar ist, da gehen wir aus, verstanden?“
Dein Schweinehund nickt langsam. „Einverstanden.“ Dann betastet er vorsichtig seine Nase. „Alter! Du hast einen ganz schönen Schlag, weisst du das?“
„Du aber auch“, sagst du und fährst mit den Fingerspitzen über die Schramme in deinem Gesicht.
„Ich brauche Eis“, sagt dein Schweinehund, steht ächzend auf und hält dir die Pfote hin.
Du guckst ihn an, ergreifst sie und lässt dich hochziehen, dann hakst du ihn unter. „Wir haben Vanille und Kirsch-Marzipan. Welches willst du?“
„Eigentlich wollte ich einen Eisbeutel für meine Nase“, antwortet er, „aber Vanille und Kirsch-Marzipan nehme ich natürlich auch!“
Du grinst, während du dir vorstellst, wie dein Schweinehund mit einer Kugel Kirsch-Marzipan Eis auf der Nase herumläuft, und dann wankt ihr gemeinsam langsam in die Küche.

Alltagsrückkehr

„Jaaaa, so liebe ich das“, sagt dein Schweinehund zufrieden und wälzt sich behaglich in deinem Alltag hin und her. „Wir brauchen doch gar nicht soviel Neues, das ist so anstrengend, nie weiß man, was auf einen zukommt. Guck mal, da ist dein Lieblingsbäcker, komm, lass uns reingehen und ein Croissant kaufen!“

Deine Füße nehmen automatisch denselben Weg wie vor dem Urlaub, du kannst gar nichts dagegen tun. Und schon kommst du mit einer Tüte wieder aus der Bäckerei heraus und weißt nicht mehr, wie du überhaupt hineingeraten bist. Dein Schweinehund ist außer sich vor Entzücken. „So schön, endlich wieder Alltag! Gleich gibt´s Tee und wir frühstücken zusammen! Lass uns den kurzen Weg nehmen, die Umwege am Fluß entlang brauchen wir heute wirklich nicht. Je früher du am Schreibtisch sitzt, desto eher kannst du nach Hause!“

Du schaust ihn an, nicht ganz sicher, was hier gerade vor sich geht. Eigentlich wolltest du doch auf jeden Fall die Umwege nehmen. Und du hattest dir fest vorgenommen, die Bäckerei zu meiden, oder? Deine Füße nehmen den kurzen Weg, während du noch darüber nachdenkst. Dein Schweinehund hüpft neben dir her, sein Fell glänzt wie frisch gewaschen. „Guck mal da, das Kaffeemaschinengeschäft, und die staubigen Ladenfenster, und die Suppenküche, gut, dass wir nicht den Umweg genommen haben, sonst hätten wir das alles ja gar nicht gesehen!“

Du bleibst stehen und starrst ihn an. Hier stimmt doch was nicht. „Spinnst du? Sonst findest du die Straße hier doch stinklangweilig!“

„Ach was“, er wedelt geringschätzig mit der Pfote hin und her, „das war gestern, heute finde ich sie super! Guck mal, die Suppenküche hat eine neue Tomatensuppe im Angebot!“ Er erstarrt, die Pfote noch in der Luft und schielt zu dir rüber. Tomatensuppe. Das war ein Fehler und er weiß es.

„Ich mag keine Tomatensuppe. Und das weißt du.“ Du bohrst deinen Blick in seine Augen.

„Äh… richtig. Ja… äh… aber das Schild für die Suppe ist doch hübsch, oder?“ Er druckst herum und windet sich. Unter deinem forschenden Blick schrumpft er zusammen, bis er in deine Hand passt. Kleinlaut rollt er sich zusammen, und während du ihn in deine Tasche steckst, hörst du ihn undeutlich murmeln: „…wollte doch nicht… nur zu deinem Besten… kleinlich… “ Dann drehst du dich um und gehst zurück, bis dahin, wo der Umweg am Fluß beginnt. Aber auf das Croissant, auf das freust du dich trotzdem.