Algensushi

Ganz ehrlich, wer braucht dieses Zeug? Wenn ich kalten, klebrigen Reis mit saurer Gurke essen wollte (was ich nicht will), kann ich ihn auch so essen, ohne mühsam noch ein grünes Blatt drumherum wickeln zu müssen. Es hilft auch nicht, das Ganze in Sojasauce zu tunken. Dann schmeckt es nach kaltem, klebrigem Reis und saurer Gurke in Sojasauce.

Wo wohnt die Freiheit?

Meistens bin ich nicht voll und ganz in der Welt, sondern in Teilen. Die abwesenden Teile beschäftigen sich mit den grauweißen Wolken am Himmel, der Form der Regentropfen oder der Maus unter der Holzbank. Mein Leben schmeckt nach einer Mischung aus Erdbeer und Lakritz, mit einer Spur Spinnwebe. Manchmal sehe ich zwischen den Spinnweben den grauweißen Himmel, der über die Felder streichelt. Sie summen leise. Die Freiheit in all dem wohnt im Dazwischen, in den Spalten der Lakritzschnecken, unter den Erdbeerblättern und in den endlosen Pflanzreihen der Kartoffeln. Doch, wirklich. Wenn ich die Freiheit nicht finden kann, suche ich nach ihr, da bin ich ausdauernd. Die Freiheit ist schnell und wendig, aber ich habe Geduld und einen Käscher aus Spinnweben.

Anderswelten

Ich mag es, die Welt ein ganz klein wenig nach links oder rechts zu verrücken. Sie wird dann ein bisschen lauter, bunter oder anders. Wer hat festgelegt, dass man als Erwachsene ausschließlich rational sein darf? Wenn die rationalen Eckpfeiler ein wenig schräg stehen, wird das Leben interessant. Muss eine Schwalbe immer nur eine Schwalbe sein, oder darf sie auch aus dem Flug heraus brüllen: „Ey, du Landei, verschwinde da unten, sonst kack ich dir auf den Kopf!“? Ich finde, sie darf das. 😁

Wie schmeckt dein Leben?

Auf Reisen hat mein Leben manchmal ein Zitronen-Gurken-Aroma, mit einem Hauch Meersalz. Dabei habe ich nie Zitronen oder Gurken dabei, mein Koffer wäre gar nicht groß genug dafür. Trotzdem schwebt dieser Duft um mich herum, und das Meersalz prickelt scharf in der Nase. Die Sehnsucht reist immer mit, und sie träumt davon, auf dem Zitronen-Gurken-Aroma davon zu fliegen wie auf einem Zauberteppich, leicht und grün mit minzigen Flügeln. Sie würde in ein Land fliegen, in dem alles hell und ohne Gewicht ist, die Sonne würde dort über dem Wasser schweben und ihre Strahlen tief eintauchen lassen, bis sie mit abertausend Reflexionen auf dem Grund ankommt und die Welt dort unten aufleuchten lässt.
Wenn ich daher ein Zitronen-Gurken-Aroma schmecke und Meersalz in der Nase prickelt, lehne ich mich zurück und warte. Man kann nie wissen.


Drei-Tage-Tagebuch

Drei-Tage-Tagebuch

Sonntag: Nach endloser Autofahrt Ankunft im Hotel. Das Hotel ist schwer. Alles dort ist schwer, solide, dunkel, erdig. Die Dame an der Rezeption ist allein, eine Mischung aus Aufregung, Hilflosigkeit und Bemühen, fast schon rührend. Und so stolz auf das größere Zimmer, das sie mir im Tausch für kein Frühstück anbietet. Sie ist nett, aber ich bin froh, als sie geht und mich in dem dunklen Zimmer allein lässt.
Montag: Mühsames Erwachen. Es ist feucht draußen, durch und durch feucht. Frühstück beim Bäcker an der Ecke, die Verkäuferin ist überfordert mit meinem Coronatest, wie eigentlich alle, denen ich ihn vorlege. Erstaunt stelle ich fest, dass man weiter kommt, wenn man fest auftritt und überzeugend wirkt. Meist tut es mir schon leid, während ich spreche und ich mildere es ab, aber totzdem: Überzeugung wirkt.
Dann Frühstück mit Oink. Wie immer wird alles besser mit ihm, plötzlich sehe ich die großen Fenster, die Schönheit hier. Er wirkt wie ein Katalysator, der die schönen und komischen Dinge sichtbar macht. Später esse ich ein Eis auf dem Marktplatz. Der Eisverkäufer ist schlecht gelaunt, Corona verdirbt ihm das Geschäft, und der Regen! Ach, der Regen. Unter den großen Schirmen sitzt eine noch schlechter gelaunte alte Frau, die ein Kleinkind nachäfft, das nach seinem Papa ruft, der ein Eis und Cappuccino to go kauft. Das Kind guckt erstaunt und schweigt eine halbe Minute. Die alte Frau und ich unterhalten uns. Ich verstehe nur die Hälfte (dieser Dialekt!), aber das macht nichts: Ich entlocke ihr ein Lächeln. Und auch, wenn es so schnell wieder verlöscht wie ein Blatt, das im Feuer verkohlt: Immerhin. Abends: Fremdeln mit dem Stift. So forsche, hart an der Grenze zur Unfreundlichkeit agierende Kirchenmitarbeiter hatte ich selten.
Dienstag: Heute morgen Sandalenentscheidung trotz des Wetters. Angenehmes Frühstück. Die Bauarbeiter auf dem Gerüst vor den Fenstern arbeiten langsam, unaufgeregt, aber stetig. Ich bin müde, von der Nacht, vom Leben, von allem. Aber nicht dunkelmüde, sondern pastellig müde, mit einem leicht weißneblig übertönten Grundton. Gegenüber Balkonkaffeetrinker, locker plaudernd oder schweigend, während die Handwerker arbeiten.

Experten

Wir sind erfahren. Wir haben alles schon zigmal gemacht. Wir wissen im Dunkeln, wo der Lichtschalter ist. Wieviel Butter man braucht, um eine Brötchenhälfte zu bestreichen. Wir fangen die Tür im Vorbeigehen auf, damit sie nicht an die Wand knallt, und unsere Hände wissen genau, was sie beim Schleifenbinden zu tun haben. Wir kennen die kürzesten Wege, wir sind sie alle schon gegangen. Wir kennen uns aus. Wir sind Experten unseres Lebens.
Wenn wir in unserem sicheren Bereich doch etwas Neues entdecken, sind wir begeistert: Wir geben Tipps zum besseren Kartoffelschälen weiter, beschreiben den Weg zum perfekten Picknickplatz oder wie wir das erste Apfelbäumchen gepflanzt haben. Experte sein ist schön. Es gibt Sicherheit.
Und Anfänger sein?
Wenn wir etwas nicht können und es trotzdem tun müssen, sind wir wach. Präsent. Wir lernen. Unser Gehirn läuft und brummt und knüpft neue Synapsen. Wir scheitern und versuchen es nochmal. Wir sind langsam. Langsam. Langsam zu sein ist selten erlaubt in unserer Welt. Wir freuen uns, wenn wir schneller werden. Aber war es nicht auch schön, als wir langsam und vorsichtig das erste Mal Auto gefahren sind? Dieses überwältigende Gefühl! Oder als wir zum ersten Mal ein Loch in die Wand gebohrt haben?
Kinder sind überall Anfänger. Sie wissen es nicht, aber wir wissen das. Wir könnten öfter Umwege machen und Wege gehen, die wir noch nie gegangen sind. Wir sind erwachsen, wir dürfen das.
Vielleicht sollten wir den Kalligraphie-Kursus anfangen. Oder japanisch lernen.
Anfänger sein ist schön.
Und unser Gehirn freut sich.

Die Liebe ist wie eine Ananas

Die Liebe ist wie eine Ananas. Du siehst sie im Supermarkt zwischen den Äpfeln und Weintrauben und bist berauscht: Du möchtest sie haben! Unbedingt! Sie duftet so süß und verlockend, sie ist so anders als die anderen langweiligen Obstsorten und du stellst dir vor, wie du mit ihr auf dem Balkon sitzt, den lauschigen Sommerabend geniesst und reine Süße über deine Lippen zieht. Was du nicht bedacht hast, ist die ganze Arbeit, die sie macht: Scharfkantige Rinde überall, die grünen, spitzen Blätter, die so exotisch aussehen, können stechen, und wenn du zuviel von ihr isst, bekommst du Ausschlag. Aber trotzdem. Trotzdem würdest du sie immer wieder kaufen, denn ihr Geschmack ist berauschend.

Sommer

Wenn draußen das Bienengesumm wieder losgeht, ist der Sommer schon fast um die Ecke. Ich muß nur um eine Mauer herum gucken und da ist er, in kurzen Hosen und mit Grinsegesicht. Er winkt mir zu und ich weiß, jetzt kann ich das Fenster nachts ganz offenlassen und Sterne zählen.
Morgens wird der Rasen nass sein, und Blumen und Zäune werden glitzern im Morgentaumantel, der Wind wird mir durchs Haar streichen und die Sonne wird weißgelb aufgehen.
Und es wird Eiskaffeezeit sein! Mit Vanilleeis und Schokolade! Ich werde in jemandes Garten sitzen, und wir werden reden oder schweigen, die Amseln werden ihr Abendlied singen und die Blätter der Bäume werden rauschen. Und alles wird gut sein. Zumindest an diesem Abend.

Ich bin jetzt in dem Alter

Ich bin jetzt in dem Alter, in dem ich in längeren Veranstaltungen hemmungslos zeichne. Oder stricke. Das hält mich bei guter Laune und ich schlafe nicht ein, falls es langweilig werden sollte.
Meine noch möglichen Jahre sind weniger als die, die hinter mir liegen, und sie werden immer kostbarer. Ich warte nicht mehr ganz so ungeduldig darauf, dass endlich der Frühling oder der Sommer kommen: Jede Zeit ist schön. Trotzdem freue ich mich auf die ersten Krokusse und Narzissen, und darauf, endlich wieder schwimmen zu gehen, und zwar draußen!
In langjährigen Freundschaften habe ich die Seltsamkeiten und komischen Ecken der Anderen liebgewonnen und möchte nicht mehr darauf verzichten. Sie bereichern mich. Sie nerven mich manchmal trotzdem, aber sie sind nicht mehr so groß wie früher.
Dinge, die ich erfahrungsgemäß nicht mag, probiere ich von Zeit zu Zeit erneut. Man kann ja nie wissen. So habe ich Rosenkohl und Walnüsse neu entdeckt. Und Geleebananen. Echte Bananen dagegen: Geh mir weg damit.
Ich habe mich mit bequemen Schuhen angefreundet, allerdings mag ich es immer noch lieber, wenn sie meine Zehen nicht zerquetschen und trotzdem schön sind!
Fliegende Blätter und Rotkehlchen rühren mich, weil sie so vergänglich sind. Wie ich. Meine Gebete werfe ich wie Vögel in den Himmel und hoffe, sie finden ihr Ziel.
Wenn ich junge Menschen sehe, piekst mich das Kind in meinem Inneren und flüstert: Guck! So waren wir auch mal! Schön war´s, oder? Und dann lächeln wir, gehen weiter und finden es jetzt auch ganz schön.
Und alles ist gut für den Moment.

Der große „C“

Hinter dem Rücken des großen „C“ in seinem schwarzen Ledermantel gibt es Menschen, die sich kümmern und dem großen „C“ heimlich den Stinkefinger zeigen. Die nicht mit aller Macht ihre Bedürfnisse verfolgen, sondern sich immer besser mit dem Verzichten anfreunden und es mittlerweile sogar manchmal duzen. Wenn man genau hinsieht, kann man sie hinter den Masken lächeln sehen. Von Zeit zu Zeit lassen sie anderen den Vortritt und fühlen sich nicht als Verlierer.
Hinter dem breiten Rücken des großen „C“ leben Menschen ihren Alltag, auch wenn der aufdringliche Rücken des großen „C“ ihnen aktuell die Aussicht versperrt. Sie haben entdeckt, dass man zumindest für eine Zeitlang in andere Richtungen schauen kann. Dort kann man viel sehen, Parkwege, Kerzenschein, kleine Hilfen, Telefone und Handys, zoom und Videotelefonie und Briefe – echte Briefe! Auch Postkarten haben sie schon gesehen.
Manche Menschen haben sich dafür entschieden, vom so-war-es-immer-Chor in den es-geht-auch-anders-Chor zu wechseln und singen nun neue Melodien. Manchmal ist das schön und aufregend, aber manchmal vermissen sie trotz allen guten Willens doch die alten Zeiten.
Irgendwann wird der große „C“ unter seinem schwarzen Ledermantel ermatten und müde werden vom Rennen gegen die Impfschutzwände, und dann wird er sich nicht mehr nach vorn drängeln und die beste Aussicht versperren. Die Sicht wird wieder frei sein. Wir werden aufatmen und vorsichtig nach vorn schauen, mit dem Wissen um andere mögliche Richtungen, und dann werden wir losgehen.
Es ist nur eine Frage der Zeit.