Wackelpuddingleben

Manchmal ist das Leben wie ein Wackelpudding. Es ist viel zu grün, durchschaubar und verspricht mehr, als es hält, und wenn du mit einem Löffel draufhaust, geht ein Zittern durch es hindurch, das noch lange anhält. Auf der anderen Seite ist es aber auch süß, hat ein intensives Aroma und die meisten Leute lächeln, wenn sie versuchen, einen Löffel voll davon auf ihren Teller zu bekommen, denn der Löffelvoll hat sehr ausgeprägte Fluchtendenzen. Wenn du dem Wackelpuddingleben dann noch Vanillesauce hinzufügst, kann es sehr überzeugend wirken. Und was bleibt dir auch anderes übrig? Wenn das Leben ein Wackelpudding ist, hast du ja nicht wirklich eine Wahl. Du kannst dich für ein leicht gelangweiltes Abwinken von oben herab entscheiden, alles schon gesehen, alles schon erlebt, du stehst weit über dem gewöhnlichen Wackelpudding. Oder du entscheidest dich dafür, Grün zu mögen, das allgegenwärtige Zittern als Zeichen für Lebendigkeit zu nehmen, unverdrossen auf die Vanillesauce zu warten, und wenn sie nicht kommt, selbst welche zu kochen. Nicht alle Wackelpuddingtage sind schön, natürlich nicht. Manche enden als zerfledderter grüner Rest auf dem Boden der Schüssel. Wie schön ist dann das Knistern der neuen Packung, wenn du sie aufreißt, du atmest den Waldmeisterdampf ein, der aus der heißen Schüssel aufsteigt und dann heißt es warten. Regenerieren. Beim Wackelpudding musst du geduldig sein, er wird nicht schneller fest, wenn du ihn anstarrst oder mit dem Finger hineinstippst. Er braucht seine Zeit, wie du. Wenn dein Leben also manchmal wie ein Wackelpudding ist, dann denk dran: Das Beste ist immer der Nachtisch.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden, und ich hatte dieses Mal die große Ehre, die Wortspenderin zu sein! Ich habe mit Vergnügen und Vorfreude Wackelpudding, unverdrossen und knistern gewählt und bin gespannt auf die Beiträge. Organisiert werden die Etüden von Christiane, und weil das viel Arbeit ist, ein großes Dankeschön von Blog zu Blog. 😊

Krieg und Frieden

Die Vögel auf dem Rasen streiten um jeden Käfer, um jeden Wurm, mit großem Geschrei wird angegriffen und verteidigt, ein Drama jagt das andere. Am Abend sitzen sie einträchtig beisammen und leisten sich Gesellschaft und Wärme. So müssten wir es machen.

Liebe Unbekannte

Liebe Unbekannte,

lebst du auch in einem Haus, in dem du alle Türen und Fenster kennst? Jeden Eingang und Ausgang? Und eigentlich ist das meiste gut, du kennst dich aus und weisst, wo du hin willst. Und trotzdem, manchmal fehlt dir etwas, andere Ausgänge, ungewohnte Durchgänge, Luken an einen einsamen Ort, der Tunnel zur Schatzhöhle. An solchen Tagen schließt du die Türen etwas lauter als sonst und öffnest die Fenster, obwohl es draußen regnet und windig ist.
Träume sind Schäume, sagt man, aber das stimmt nicht. Träume erzählen, strecken ihre Hände aus und flüstern: „Komm!“ Sie sind ausdauernd, geduldig und flexibel. Sie gehen mit dir Kaffee trinken, wenn du das willst. Willst du?
Wenn in deinem Haus keine Luken sind, bau welche. Die Welt dahinter bestimmst du. Träume, trink Kaffee und baue. Das Leben ist schön.

Deine Stachelbeermond

Nähen

Sie saß an der Nähmaschine wie immer und fügte zusammen, was vorher allein gewesen war, nähte gegen alles an, was unverzeihlich erschien, glättete Kanten, rettete Ausgefranstes und füllte Löcher, wo keine sein durften. Ihr ganzes Leben lang hatte sie das getan, und mittlerweile spielte es keine Rolle mehr, ob sie mit oder ohne Faden nähte, die Dinge hielten von sich aus zusammen, sobald sie den Motor antrieb, als ob ihre mühelose Leichtigkeit der unsichtbare Faden war, der alles zusammenhielt. Im Laufe der Jahre hatte sie angefangen, Hoffnungsschimmer als Zweitfaden mit zu vernähen, er strich über die nicht zusammenpassenden Stoffe wie elastischer Klebstoff und hielt besser als jeder andere ihrer Fäden. Als sie eines Tages beschloss, aufzuhören, glänzten ihre Hände, und als sie ohne Bedauern noch einmal zurücksah, saß schon jemand anderes an ihrer Nähmaschine. So sollte es sein.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden, organisiert von Christiane. Die Wortspende kam dieses Mal von Ludwig Zeidler. Sie lauten Hoffnungsschimmer, unverzeihlich und nähen. Ansonsten: Maximal 300 Wörter (ich bin weit drunter!) und vielen Dank an Christiane für das Organisieren!

Die Angst ist vergesslich

Die Angst ist vergesslich. Ihr entgleitet so viel, nichts scheint kontrollierbar, und es ist von allem entweder viel zuviel da oder viel zuwenig. Die Angst ist nie im Gleichgewicht. Sie sehnt sich nach Gleichgewicht, sie möchte in der Balance sein, aber sie fällt ständig links oder rechts in den Abgrund. Dabei ist die Angst davon überzeugt, die wichtigste von allen Zuständen zu sein. Bewahrt sie allein die Menschen nicht vor unüberlegten Schritten und Wagnissen? Was würde passieren, wenn es sie nicht gäbe?
Aber gedankt wird ihr nicht. Im Gegenteil: Jeder scheint sich zu wünschen, dass es sie nicht gäbe. Manchmal fühlt die Angst sich sehr allein und beginnt sich zu fürchten, dann denkt sie an alles, was es heute noch zu tun gibt, und das ist viel zuviel und dann gerät sie wieder aus dem Gleichgewicht und vergisst alles. Ach. Das Leben ist schwer für die Angst. Sie hat es nicht leicht. Irgendwas wollte sie noch tun, aber sie hat es vergessen.

Algensushi

Ganz ehrlich, wer braucht dieses Zeug? Wenn ich kalten, klebrigen Reis mit saurer Gurke essen wollte (was ich nicht will), kann ich ihn auch so essen, ohne mühsam noch ein grünes Blatt drumherum wickeln zu müssen. Es hilft auch nicht, das Ganze in Sojasauce zu tunken. Dann schmeckt es nach kaltem, klebrigem Reis und saurer Gurke in Sojasauce.

Wo wohnt die Freiheit?

Meistens bin ich nicht voll und ganz in der Welt, sondern in Teilen. Die abwesenden Teile beschäftigen sich mit den grauweißen Wolken am Himmel, der Form der Regentropfen oder der Maus unter der Holzbank. Mein Leben schmeckt nach einer Mischung aus Erdbeer und Lakritz, mit einer Spur Spinnwebe. Manchmal sehe ich zwischen den Spinnweben den grauweißen Himmel, der über die Felder streichelt. Sie summen leise. Die Freiheit in all dem wohnt im Dazwischen, in den Spalten der Lakritzschnecken, unter den Erdbeerblättern und in den endlosen Pflanzreihen der Kartoffeln. Doch, wirklich. Wenn ich die Freiheit nicht finden kann, suche ich nach ihr, da bin ich ausdauernd. Die Freiheit ist schnell und wendig, aber ich habe Geduld und einen Käscher aus Spinnweben.

Anderswelten

Ich mag es, die Welt ein ganz klein wenig nach links oder rechts zu verrücken. Sie wird dann ein bisschen lauter, bunter oder anders. Wer hat festgelegt, dass man als Erwachsene ausschließlich rational sein darf? Wenn die rationalen Eckpfeiler ein wenig schräg stehen, wird das Leben interessant. Muss eine Schwalbe immer nur eine Schwalbe sein, oder darf sie auch aus dem Flug heraus brüllen: „Ey, du Landei, verschwinde da unten, sonst kack ich dir auf den Kopf!“? Ich finde, sie darf das. 😁

Wie schmeckt dein Leben?

Auf Reisen hat mein Leben manchmal ein Zitronen-Gurken-Aroma, mit einem Hauch Meersalz. Dabei habe ich nie Zitronen oder Gurken dabei, mein Koffer wäre gar nicht groß genug dafür. Trotzdem schwebt dieser Duft um mich herum, und das Meersalz prickelt scharf in der Nase. Die Sehnsucht reist immer mit, und sie träumt davon, auf dem Zitronen-Gurken-Aroma davon zu fliegen wie auf einem Zauberteppich, leicht und grün mit minzigen Flügeln. Sie würde in ein Land fliegen, in dem alles hell und ohne Gewicht ist, die Sonne würde dort über dem Wasser schweben und ihre Strahlen tief eintauchen lassen, bis sie mit abertausend Reflexionen auf dem Grund ankommt und die Welt dort unten aufleuchten lässt.
Wenn ich daher ein Zitronen-Gurken-Aroma schmecke und Meersalz in der Nase prickelt, lehne ich mich zurück und warte. Man kann nie wissen.


Drei-Tage-Tagebuch

Drei-Tage-Tagebuch

Sonntag: Nach endloser Autofahrt Ankunft im Hotel. Das Hotel ist schwer. Alles dort ist schwer, solide, dunkel, erdig. Die Dame an der Rezeption ist allein, eine Mischung aus Aufregung, Hilflosigkeit und Bemühen, fast schon rührend. Und so stolz auf das größere Zimmer, das sie mir im Tausch für kein Frühstück anbietet. Sie ist nett, aber ich bin froh, als sie geht und mich in dem dunklen Zimmer allein lässt.
Montag: Mühsames Erwachen. Es ist feucht draußen, durch und durch feucht. Frühstück beim Bäcker an der Ecke, die Verkäuferin ist überfordert mit meinem Coronatest, wie eigentlich alle, denen ich ihn vorlege. Erstaunt stelle ich fest, dass man weiter kommt, wenn man fest auftritt und überzeugend wirkt. Meist tut es mir schon leid, während ich spreche und ich mildere es ab, aber totzdem: Überzeugung wirkt.
Dann Frühstück mit Oink. Wie immer wird alles besser mit ihm, plötzlich sehe ich die großen Fenster, die Schönheit hier. Er wirkt wie ein Katalysator, der die schönen und komischen Dinge sichtbar macht. Später esse ich ein Eis auf dem Marktplatz. Der Eisverkäufer ist schlecht gelaunt, Corona verdirbt ihm das Geschäft, und der Regen! Ach, der Regen. Unter den großen Schirmen sitzt eine noch schlechter gelaunte alte Frau, die ein Kleinkind nachäfft, das nach seinem Papa ruft, der ein Eis und Cappuccino to go kauft. Das Kind guckt erstaunt und schweigt eine halbe Minute. Die alte Frau und ich unterhalten uns. Ich verstehe nur die Hälfte (dieser Dialekt!), aber das macht nichts: Ich entlocke ihr ein Lächeln. Und auch, wenn es so schnell wieder verlöscht wie ein Blatt, das im Feuer verkohlt: Immerhin. Abends: Fremdeln mit dem Stift. So forsche, hart an der Grenze zur Unfreundlichkeit agierende Kirchenmitarbeiter hatte ich selten.
Dienstag: Heute morgen Sandalenentscheidung trotz des Wetters. Angenehmes Frühstück. Die Bauarbeiter auf dem Gerüst vor den Fenstern arbeiten langsam, unaufgeregt, aber stetig. Ich bin müde, von der Nacht, vom Leben, von allem. Aber nicht dunkelmüde, sondern pastellig müde, mit einem leicht weißneblig übertönten Grundton. Gegenüber Balkonkaffeetrinker, locker plaudernd oder schweigend, während die Handwerker arbeiten.