Experten

Wir sind erfahren. Wir haben alles schon zigmal gemacht. Wir wissen im Dunkeln, wo der Lichtschalter ist. Wieviel Butter man braucht, um eine Brötchenhälfte zu bestreichen. Wir fangen die Tür im Vorbeigehen auf, damit sie nicht an die Wand knallt, und unsere Hände wissen genau, was sie beim Schleifenbinden zu tun haben. Wir kennen die kürzesten Wege, wir sind sie alle schon gegangen. Wir kennen uns aus. Wir sind Experten unseres Lebens.
Wenn wir in unserem sicheren Bereich doch etwas Neues entdecken, sind wir begeistert: Wir geben Tipps zum besseren Kartoffelschälen weiter, beschreiben den Weg zum perfekten Picknickplatz oder wie wir das erste Apfelbäumchen gepflanzt haben. Experte sein ist schön. Es gibt Sicherheit.
Und Anfänger sein?
Wenn wir etwas nicht können und es trotzdem tun müssen, sind wir wach. Präsent. Wir lernen. Unser Gehirn läuft und brummt und knüpft neue Synapsen. Wir scheitern und versuchen es nochmal. Wir sind langsam. Langsam. Langsam zu sein ist selten erlaubt in unserer Welt. Wir freuen uns, wenn wir schneller werden. Aber war es nicht auch schön, als wir langsam und vorsichtig das erste Mal Auto gefahren sind? Dieses überwältigende Gefühl! Oder als wir zum ersten Mal ein Loch in die Wand gebohrt haben?
Kinder sind überall Anfänger. Sie wissen es nicht, aber wir wissen das. Wir könnten öfter Umwege machen und Wege gehen, die wir noch nie gegangen sind. Wir sind erwachsen, wir dürfen das.
Vielleicht sollten wir den Kalligraphie-Kursus anfangen. Oder japanisch lernen.
Anfänger sein ist schön.
Und unser Gehirn freut sich.

Die Liebe ist wie eine Ananas

Die Liebe ist wie eine Ananas. Du siehst sie im Supermarkt zwischen den Äpfeln und Weintrauben und bist berauscht: Du möchtest sie haben! Unbedingt! Sie duftet so süß und verlockend, sie ist so anders als die anderen langweiligen Obstsorten und du stellst dir vor, wie du mit ihr auf dem Balkon sitzt, den lauschigen Sommerabend geniesst und reine Süße über deine Lippen zieht. Was du nicht bedacht hast, ist die ganze Arbeit, die sie macht: Scharfkantige Rinde überall, die grünen, spitzen Blätter, die so exotisch aussehen, können stechen, und wenn du zuviel von ihr isst, bekommst du Ausschlag. Aber trotzdem. Trotzdem würdest du sie immer wieder kaufen, denn ihr Geschmack ist berauschend.

Sommer

Wenn draußen das Bienengesumm wieder losgeht, ist der Sommer schon fast um die Ecke. Ich muß nur um eine Mauer herum gucken und da ist er, in kurzen Hosen und mit Grinsegesicht. Er winkt mir zu und ich weiß, jetzt kann ich das Fenster nachts ganz offenlassen und Sterne zählen.
Morgens wird der Rasen nass sein, und Blumen und Zäune werden glitzern im Morgentaumantel, der Wind wird mir durchs Haar streichen und die Sonne wird weißgelb aufgehen.
Und es wird Eiskaffeezeit sein! Mit Vanilleeis und Schokolade! Ich werde in jemandes Garten sitzen, und wir werden reden oder schweigen, die Amseln werden ihr Abendlied singen und die Blätter der Bäume werden rauschen. Und alles wird gut sein. Zumindest an diesem Abend.

Ich bin jetzt in dem Alter

Ich bin jetzt in dem Alter, in dem ich in längeren Veranstaltungen hemmungslos zeichne. Oder stricke. Das hält mich bei guter Laune und ich schlafe nicht ein, falls es langweilig werden sollte.
Meine noch möglichen Jahre sind weniger als die, die hinter mir liegen, und sie werden immer kostbarer. Ich warte nicht mehr ganz so ungeduldig darauf, dass endlich der Frühling oder der Sommer kommen: Jede Zeit ist schön. Trotzdem freue ich mich auf die ersten Krokusse und Narzissen, und darauf, endlich wieder schwimmen zu gehen, und zwar draußen!
In langjährigen Freundschaften habe ich die Seltsamkeiten und komischen Ecken der Anderen liebgewonnen und möchte nicht mehr darauf verzichten. Sie bereichern mich. Sie nerven mich manchmal trotzdem, aber sie sind nicht mehr so groß wie früher.
Dinge, die ich erfahrungsgemäß nicht mag, probiere ich von Zeit zu Zeit erneut. Man kann ja nie wissen. So habe ich Rosenkohl und Walnüsse neu entdeckt. Und Geleebananen. Echte Bananen dagegen: Geh mir weg damit.
Ich habe mich mit bequemen Schuhen angefreundet, allerdings mag ich es immer noch lieber, wenn sie meine Zehen nicht zerquetschen und trotzdem schön sind!
Fliegende Blätter und Rotkehlchen rühren mich, weil sie so vergänglich sind. Wie ich. Meine Gebete werfe ich wie Vögel in den Himmel und hoffe, sie finden ihr Ziel.
Wenn ich junge Menschen sehe, piekst mich das Kind in meinem Inneren und flüstert: Guck! So waren wir auch mal! Schön war´s, oder? Und dann lächeln wir, gehen weiter und finden es jetzt auch ganz schön.
Und alles ist gut für den Moment.

Der große „C“

Hinter dem Rücken des großen „C“ in seinem schwarzen Ledermantel gibt es Menschen, die sich kümmern und dem großen „C“ heimlich den Stinkefinger zeigen. Die nicht mit aller Macht ihre Bedürfnisse verfolgen, sondern sich immer besser mit dem Verzichten anfreunden und es mittlerweile sogar manchmal duzen. Wenn man genau hinsieht, kann man sie hinter den Masken lächeln sehen. Von Zeit zu Zeit lassen sie anderen den Vortritt und fühlen sich nicht als Verlierer.
Hinter dem breiten Rücken des großen „C“ leben Menschen ihren Alltag, auch wenn der aufdringliche Rücken des großen „C“ ihnen aktuell die Aussicht versperrt. Sie haben entdeckt, dass man zumindest für eine Zeitlang in andere Richtungen schauen kann. Dort kann man viel sehen, Parkwege, Kerzenschein, kleine Hilfen, Telefone und Handys, zoom und Videotelefonie und Briefe – echte Briefe! Auch Postkarten haben sie schon gesehen.
Manche Menschen haben sich dafür entschieden, vom so-war-es-immer-Chor in den es-geht-auch-anders-Chor zu wechseln und singen nun neue Melodien. Manchmal ist das schön und aufregend, aber manchmal vermissen sie trotz allen guten Willens doch die alten Zeiten.
Irgendwann wird der große „C“ unter seinem schwarzen Ledermantel ermatten und müde werden vom Rennen gegen die Impfschutzwände, und dann wird er sich nicht mehr nach vorn drängeln und die beste Aussicht versperren. Die Sicht wird wieder frei sein. Wir werden aufatmen und vorsichtig nach vorn schauen, mit dem Wissen um andere mögliche Richtungen, und dann werden wir losgehen.
Es ist nur eine Frage der Zeit.

Sehr geehrtes, altes 2020

Sehr geehrtes, altes 2020,

heute ist es also soweit: Du wirst die Bühne verlassen und Platz machen für deinen Nachfolger, und wahrscheinlich wird es im Gegensatz zu deinen Vorgängern ein erstaunlich leiser Abschied, denn Böllern ist dieses Jahr in vielen Gegenden verboten. Dabei liebst du doch den großen Auftritt! Das war wohl ein kleines Eigentor, was?
Wie ist es dir ergangen in deinen 365 Tagen? Gab es neben Corona auch andere Themen für dich? Natürlich. Aber alles andere wirkt neben dem lila Virus klein. Er war dein großes Thema, und du hast auf ihm gespielt wie Lang Lang am Klavier. Selten hatten wir ein Thema, das so lange und immer wieder aufs Neue alle betroffen hat und nicht nach spätestens einer Woche erledigt war. Auch hatten wir sehr lange nichts, was in der Lage war, unseren Alltag so nachhaltig zu verändern. Was weder der Papst, die Achtsamkeit oder der Zwang zur Jugendlichkeit geschafft haben, das Virus hat es mit leichter Hand durcheinander gewirbelt: Wie wir unsere Zeit verbringen, mit wem, wie wir arbeiten und lernen und wie wir plötzlich und unerwartet Rücksicht auf andere nehmen müssen, ob es uns gefällt oder nicht. Nun gibt es einen Impfstoff, und schon gehen sie wieder los, die Debatten darüber, wer hat mehr, wer darf mehr, warum hat der und ich nicht? Ein bisschen wie am Familientisch bei der Verteilung des Nachtischs. Hast du manchmal insgeheim den Kopf darüber geschüttelt, 2020? Ich schon.
Für mich warst du ein Augenöffner. Das ist nicht angenehm, aber ich bin dir dankbar dafür, jetzt, im Nachhinein. Ich weiß eine Menge mehr über mich als am Anfang deiner Zeit. Im März begann mein Lernprozeß, und ich habe jeden Tag dazugelernt. Ich weiß nun, wie wichtig Menschen sind, Freundschaften, Familie, und dass ein Telefon wertvoller ist als Gold. Das Netz ist für mich groß geworden in dieser Zeit. Und ich weiß, dass Klopapier scheinbar wichtiger ist als Brot. 🙂 Ängstliche Menschen sind eine unberechenbare Größe; vor dir, 2020, war mir das theoretisch klar, aber ich hatte keine Ahnung, was das praktisch bedeutet. Mir ist auch ein bisschen klarer geworden, warum so viele Menschen flüchten. Nur ein bisschen klarer, denn dem Himmel sei Dank ist es bei uns doch immer noch recht gemütlich. Es ist so: Man muss die Dinge selber erlebt haben, um zu wissen, wie es anderen Menschen geht. Ohne es erlebt zu haben, theoretisiert man herum, mehr nicht.
Angst hatte ich dieses Jahr auch, sehr viel Angst sogar, und Corona war nicht der Grund. Das war nicht schön. Aber auch eine Erfahrung, die ich so vorher noch nicht gemacht hatte. Gejubelt habe ich, als in einem weit entfernten Land (in jederlei Hinsicht) ein neuer Präsident gewählt wurde. Das brachte die Erkenntnis, dass wir auf der Erde nicht sehr weit voneinander entfernt leben im Zeitalter des Internets, der Liveübertragungen und der zoom-Chats. Unser Planet ist zugleich groß und klein, eigentlich ist er stabil und trotzdem haben wir ihn aus dem Gleichgewicht gebracht. Was mich dazu gebracht hat, dieses Jahr weniger zu heizen, weniger Auto zu fahren und zu versuchen, allgemein weniger zu verbrauchen. Gut bin ich noch nicht darin, aber bereit, Neues zu versuchen: Zu Weihnachten habe ich ein festes Haarshampoo geschenkt bekommen und bin willens, es auszuprobieren, komme, was wolle.
Heute ist dein letzter Tag, 2020. Du scheinst mir gleichmütig im Angesicht deines Vergehens. Aber du wusstest ja schon von Beginn an, dass deine Zeit begrenzt ist, also ist das vielleicht kein Wunder. Ich werde heute Abend nicht an deinem Bett sitzen und deine Hand halten, dafür warst du zu ungnädig mit uns, zu zornig, zu unbarmherzig, zu lang. Aber es gab auch schöne Tage in dir, mit sanftem Sommerregen, laue Nächte voller Mondschein, Begegnungen, Biden hat gewonnen und letztlich hast du uns zum Virus auch den Impfstoff gebracht. Spät zwar, aber immerhin.
Machs gut, 2020. Du warst voll gestopft mit neuem Wissen, viel Angst, du hast uns Masken aller Art vorgehalten. Nun ist dein Nachfolger dran. Er steht schon in den Startlöchern und scharrt mit den Füßen. Möge er uns gewogener sein als du.

Alles Gute,
deine Stachelbeermond

Zugsegeln

Zugfahrt

die langweiligste Zugfahrt
ist mit den Berliner Philharmonikern
und der schönen blauen Donau in
voller Lautstärke
ein Segeln entlang der Ränder
des Paradieses

beim Spazierengehen

beim Spazierengehen

Die beiden Plastikbagger stehen unternehmungslustig blaugelbrot im Nordseestrand, vor sich das größte Bauprojekt ihres Lebens.

Im Watt und am Strand lösen sich die Kleidervorschriften schneller auf als fadenscheinige Jeans.

Der nackte Bauch des Mannes bläht sich rund wie ein Walfisch. Allerdings ist er nicht grau, sondern glänzend rosarot.

Zwei kleine Mädchen spielen Pferd und Longenführerin im niedrigen Wasser und alles ist schön: Das Laufen. Das Stehenbleiben. Das Wiehern. Das außer-Atem-sein. Das Hinfallen und nass werden.

Eine lebendige Krabbe mit allen sechs Beinen löst eine Energieexplosion bei drei Jungs aus.

Die Beine des karierten Shortsträgers sind bis unter die Knie gebräunt. Der Abschnitt zwischen Knie und Shortsbeginn hat die Farbe von Honigmilch.

Die Insel Neuwerk schwimmt zwischen Himmel und Wasser. Der weiße Leuchtturm in der Mitte pinnt sie wie eine Riesenstecknadel am Meeresgrund fest, damit sie nicht davonfliegt.

Das auflaufende Wasser pirscht sich an wie ein Stachelschwein mit aufgestellten, raschelnden Stacheln. Die letzten Senken nimmt es in einem Sprung.

Mit jedem Schritt im Wasser schüttelt die mittelalte Frau mehr Jahre ab. Bevor sie zu jung wird, flüchtet sie zum Strandkorb zurück.

Mit konzentriertem Ernst sammelt der Mann mit Spaten und winzig kleinem Eimerchen Muscheln im Wassergraben.

Die leuchtensten Farben trägt eine Familie mit strahlend dunkelbrauner Haut. Sie schillern im Wasser wie Orchideen.

Die Entfernung des Filme fürs Familienalbum drehenden Vaters zu Frau und Tochter ist größer als die höchste Zoomstufe seiner Kamera.

Weit draußen schwimmen Möwen wie weiße Augen auf dem Wasser. Sie behalten uns im Blick.

Ich möchte …

Ich möchte mich schreibend verlieren, mich an den zarten, grauen Buchstabenfäden entlanghangeln, mich auf drei Worte reduzieren und hinter den drei Worten alle Welten gleichzeitig ahnen.
Die Werteskala meiner Wichtigkeit möge auseinander fließen wie schmelzendes Eis, aber wenn es denn sein muss: Im Moment und jetzt und hier bin ich maximal eine Drei.
Bin ich müde? Vielleicht. Ein Teil von mir möchte träge dösen mit Wellenrauschen im Ohr, aber ein anderer Teil ist wach! Sehr wach.
Zeit für Abenteuerleben, wie die Helden in den Lieblingsbüchern meiner Kindheit, die ich vom ersten eigenen Gehalt nachgekauft habe, komplett, mit den Originalillustrationen.
Früher habe ich Briefe geschrieben, mit kleinen Bildern und mit fliederduftenden Stiften auf schönem Papier. Heute schreibe ich whatsapps. Ich weiß nicht warum, aber dieser Text schreit nach den Briefen von damals.
Zeit, Papier kaufen zu gehen.

Angriff

nach so viel Geschnurre
geteilten Eiernudeln
ein blutiger Angriff
mit Zähnen und Krallen
ich frage mich:
wer hat hier vergessen
wer was ist?