Ich möchte …

Ich möchte mich schreibend verlieren, mich an den zarten, grauen Buchstabenfäden entlanghangeln, mich auf drei Worte reduzieren und hinter den drei Worten alle Welten gleichzeitig ahnen.
Die Werteskala meiner Wichtigkeit möge auseinander fließen wie schmelzendes Eis, aber wenn es denn sein muss: Im Moment und jetzt und hier bin ich maximal eine Drei.
Bin ich müde? Vielleicht. Ein Teil von mir möchte träge dösen mit Wellenrauschen im Ohr, aber ein anderer Teil ist wach! Sehr wach.
Zeit für Abenteuerleben, wie die Helden in den Lieblingsbüchern meiner Kindheit, die ich vom ersten eigenen Gehalt nachgekauft habe, komplett, mit den Originalillustrationen.
Früher habe ich Briefe geschrieben, mit kleinen Bildern und mit fliederduftenden Stiften auf schönem Papier. Heute schreibe ich whatsapps. Ich weiß nicht warum, aber dieser Text schreit nach den Briefen von damals.
Zeit, Papier kaufen zu gehen.

Angriff

nach so viel Geschnurre
geteilten Eiernudeln
ein blutiger Angriff
mit Zähnen und Krallen
ich frage mich:
wer hat hier vergessen
wer was ist?

 

Der Garten wird größer

Der Garten wird größer

Der Garten ist eine trostlose Öde, immer schon. Er gehört ein bisschen den Erdgeschossmietern, zum größten Teil aber niemandem, wenn man von den Amseln absieht. Die Erdgeschossmieter feiern und spielen ab und zu darin, pflanzen oder gießen tun sie nicht. Der Rasen ist trocken und sonnenverbrannt, die ehemalige Hecke besteht aus einem wurzeligen Erdwall. Ein einsamer, namenloser Busch wächst zwischen Zaun und Hauswand. Ein namenloser Busch vor einer kahlen Hauswand hinter einem Metallzaun, der einen trockenen Erdwall begrenzt. Geht es trostloser?
Vor ein paar Tagen, an einem warmen Abend, ist irgendetwas in mich gefahren. Es hat mich in den Keller gehen lassen, mir dort den Liegestuhl in den Arm gedrückt und hat mich neben den Busch auf das trockene Gras gesetzt. Etwas seltsames geschah. Der Garten wurde größer. Der Himmel höher. Der namenlose Busch wurde zum grünen Lebewesen. Kleine, graue Schmetterlinge flatterten über das Gras. Amseln erschraken sich beim Staubbaden, als sie sich umdrehten und mich sahen.
Es gibt mehr Radfahrer in unserer Straße, als ich vermutet hatte. Ich kenne jetzt die Schatten. Ich weiß, wann sie wo sind. Es stört kein bisschen, dass mich jeder sehen kann. Ich kann ja auch alle sehen. Neulich hat der Nachbar gelächelt und gegrüßt. Mein linker Arm hat einen kleinen Sonnenbrand, weil der Schatten nicht so wollte wie ich.
Ich werde den Busch Harry nennen. Harry, fahr schon mal den Schatten vor, ich komme gleich. Der Garten hat sich verändert, obwohl sich nichts verändert hat. Er ist groß geworden. Ein kleines Stück davon gehört jetzt mir. Und den Amseln natürlich.

Wenn …

Wenn…

… ich morgens um zehn schon wieder müde bin
… meine Lieblingsband nervt
… der verschwundene Autoschlüssel mich in Tränen ausbrechen lässt
… ich gereizt bin weil der Wind falsch weht
… Autofahrten mich melancholisch an verschwundene Kindheitsstätten erinnern
… Freunde all ihre schlechten Seiten zeigen
… der Alltag ein langes, graues Band ist
… niemand mich mehr mag
… es nur noch regnet
… dann weiß mein Herz, die Welt ist eine trostlose Einöde mit gelegentlichem Stechmückenbefall. Und das wird sich nie, nie wieder ändern.

Aber zum Glück gibt es auch meinen Kopf. Und der weiß, mein letzter richtiger Urlaub ist lange her.

Es wird Zeit. Noch fünf Wochen.

Wenn…
… fünf Wochen länger als die Ewigkeit dauern
… alle, alle schon vor mir Urlaub haben
… der letzte Keks an jemand anderes ging
… seufz

Mai-Fürchtezeit

Jedes Jahr Mitte April beginnt meine Mai-Fürchtezeit. Jetzt sagen Sie sich bestimmt, nanu, der Mai ist der schönste aller Monate, was soll es da zu fürchten geben? Nun ja. Ich bin ein Maikind, und ich fürchte mich vor meinem Geburtstag. So, jetzt ist es raus. Eigentlich liebe ich Geburtstage und trotzdem: So sicher wie das Amen in der Kirche habe ich bereits Anfang April erste düstere Vorahnungen. Dieses Jahr fällt mein Tag auf einen Werktag? Niemand wird kommen. Alle werden sehr beschäftigt sein. Mein Tag fällt auf das Wochenende? Alle werden woanders eingeladen sein. Niemand wird kommen. Es wird regnen. Und kalt sein. Heroisch schiebe ich diese Gedanken beiseite und freue mich über Flieder und Bienengesumm, aber unter all dem frischen Grün lauert unablässig die Frage: Was wird an meinem Geburtstag passieren?
Je näher der Tag kommt, desto tiefer versinke ich in trüben Gedanken. Vielleicht sollte ich ihn einfach ausfallen lassen. Wenn ich tief einatme und erst einen Tag später aus, ob er dann vorbei ist? Irgendwann sitze ich als Häufchen Trübsal da und frage den Chef, ob er den Geburtstagskelch nicht wenigstens dieses eine Mal an mir vorüberziehen lassen könnte?
Der Chef verdreht dann die Augen, stellt seine Kaffeetasse ab und schaltet die anderen Gebetsanforderungen auf stumm. Du wieder, sagt er, haben wir das nicht letztes Jahr schon besprochen? Und vorletztes? Und das Jahr davor auch?
Ja, schon, jammere ich, aber dieses Jahr, da ist es ganz anders, viel, viel schlimmer!
Ach. Noch schlimmer als in den Jahren davor?
Ja!
Tiefes Durchatmen. Nun. Du machst es wie jedes Jahr, du machst einen Plan. Überleg dir was. Und dann setz ihn um. Lade Freunde ein. Nimm dir frei. Mach einen Ausflug. Oder feiere auf der Arbeit, das hast du auch schon gemacht, du erinnerst dich?
Ach, die Arbeit… da ist doch gar keiner in diesen Zeiten… und zuhause? Wen kann ich schon einladen… die haben bestimmt alle schon was anderes vor…
Wenn du sie nicht fragst, wirst du es nie erfahren. Los jetzt, jammere nicht, schreib ein paar mails. Oder whatsapps oder wie ihr das gerade nennt… (und halblaut zu sich selbst: Und davon hab ich aktuell acht Milliarden, meine Probleme solltest du mal haben…)
Der Chef wendet sich ab, trinkt einen Schluck Kaffee (extra schwarz, ohne Zucker) und schaltet die anderen Gebetsanforderungen wieder auf laut.
Und ich? Ich bin immer noch jammerig. Andererseits, ein bisschen Planung kann ja nicht schaden. Vielleicht fange ich einfach mal mit einem Freund an und dann gucke ich, ob er zusagt, und wenn er zusagt, könnte ich ja noch einen zweiten einladen, und wenn der auch zusagt, ist alles schon gar nicht mehr so schlimm, und plötzlich ist der Tag viel heller.
Am Ende waren fast alle meine Geburtstage schön. Manchmal auch seltsam, aber nie so schrecklich, wie ich es jedes Jahr spätestens Mitte April befürchte. Beim nächsten Jahr allerdings bin ich mir da gar nicht so sicher, wer weiß, wie das werden wird…
Der Chef seufzt. Ich kann es bis hierher hören.

Kuchenbacken

Kuchenbacken ist eine schwierige Angelegenheit. Allein die ganzen Entscheidungen, die man treffen muss! Wenn ich mir zum Beispiel überlege, was das beste am Kuchenbacken ist: Die Überlegung, ob ich einen backe und wenn ja, welchen. Schokoladenkuchen oder einen anderen? Vielleicht ist auch das beste daran die Vorfreude. Oder das erste mal probieren? Auf jeden Fall in die engere Wahl kommt das Schüssel auskratzen und die Rührlöffel ablecken. Der Duft von Schokoladenpulver, das in den Teig gerührt wird, ist auch oben auf der Liste. Ach ja, der Duft, wenn der Kuchen backt! Wie es in der Wohnung von Verheißungen plötzlich nur so wimmelt! Oder vielleicht doch der Moment, wenn der Kuchen heiß und prachtvoll aufgegangen aus dem Ofen kommt? Die meisten würden vermutlich sagen, natürlich zählt nur der Moment, wenn man ihn noch warm anschneidet, er gelungen ist und man das erste Stück auf der Zunge zergehen lässt. Ich bin mir da nicht sicher. Ganz wunderbar ist auch der nächste Tag, wenn ich weiß, da ist ein Stück Schokoladenkuchen, das auf mich wartet.
Ach ja, all diese Entscheidungen. Ich sag´s ja, Kuchenbacken ist eine schwierige Angelegenheit.

Was lockt dich?

Es ist genug, wenn alles Lachen aus mir herausgehüpft ist. Wenn die Sympathiewellen ruhig über den Sand laufen. Wenn alles Essen probiert und für gut befunden wurde. Wenn die Geselligkeitsspeicher aufgefüllt sind. Aber vor allem ist es genug, wenn jedes „noch mehr“ nichts mehr füllt, sondern überfüllt, und Menschen, Erlebnisse und Dinge beginnen, an mir abzuperlen wie Wasser auf einer von Hand polierten Motorhaube. Manchmal ist es nicht leicht, das richtige „genug“ zu erkennen.
Die Farbe meines Lebens wechselt dann von gerade noch bunt in ein gefährliches, von-allem-zuviel-fahlbraun, und diese Farbüberschrift möchte ja nun wirklich niemand über sein Leben schreiben. Oder? Das Bunte zu bewahren ist eine lebenslange Aufgabe, die niemand für mich erledigen kann. Das ist beunruhigend und beruhigend zugleich.
Heute weiß ich das. Früher nicht. Manchmal würde ich gern mit meinem jüngeren Ich an einem ruhigen Fluss im Gras sitzen und picknicken und bei Käsekuchen mit Heidelbeermarmelade ein paar Gespräche mit mir führen. Vielleicht sollte ich auch noch die Liebe, den Mut und das Vertrauen dazu einladen und eine kleine Party feiern. Das könnten interessante Stunden werden.
Vielleicht würden wir dann auch über das Schreiben sprechen, und dass ich viel früher damit anfangen sollte, weil es ein Gefühl vermittelt, auf das ich auf gar keinen Fall mehr verzichten möchte: Eine Mischung aus Frieden, Freude, Glück und ganz und gar komplett zu sein. Zu einhundert Prozent in einer Sache versunken zu sein. Die Gewissheit zu haben, dass auf dem Papier alles wahr werden kann.
Das Leben lockt mich mit seinen Aufgaben und Herausforderungen, selbst dann, wenn sie furchteinflössend sind. Ich weiß immer noch nichts, obwohl ich nicht mehr jung bin – wie wunderbar ist das? Jeden Tag öffnen sich neue Fenster, und ich linse durch sie hindurch und bewundere die Aussicht auf völlig unbekanntes Terrain. Wenn man nicht aufpasst, könnte man dem Irrtum verfallen, dass man umso klüger wird, je älter man wird, aber das stimmt nur zu einem Teil. In meinem eigenen, kleinen, begrenzten Leben werde ich vielleicht klüger, aber in allem, was außerhalb meiner Selbst liegt, bin ich so ahnungslos wie ein neugeborenes Kind. Da draußen leben Milliarden Welten nebeneinander, und ich weiß gar nichts.
Und das ich nichts weiß, das ist das Verlockendste, was ich je gehört habe.

Fräulein Honigohr steht gerade neben mir und liest die letzten Sätze. Sie sieht mich an, schüttelt leicht den Kopf und sagt: „Meine Liebe, das ist ja alles schön und gut, aber für mich ist jetzt aktuell ein Eis mit Erdbeeren, Schlagsahne und Schokostreuseln das Verlockendste, das es auf der Welt gibt, also komm jetzt, wir müssen dein Gefrierfach leerräumen! Über den Rest reden wir später.“
Und zack! zieht sie mich vom Schreibtisch weg, und jetzt kann ich leider nicht mehr weiterschreiben…

Wie klingt der Frühling?

Wenn der Frühling kommt, dann zieht ein leises Rauschen durch die Luft. Es ist süßer als der Wind und zarter als die Lieder der Vögel, und es duftet nach nasser Erde, Schneeglöckchen und frischem Frosteis auf dem Rasen. Die Amseln und Meisen versuchen zaghaft erste, kurze Melodien, aber oft verstummen sie, weil ihnen der Winter noch in den Kehlen steckt.
Die Farben kommen zurück wie der Boléro von Ravel, erst nur ein zurückhaltendes, vorsichtiges Weiß, dann gesellen sich Gelb und Blau dazu und fangen erste Frühlingsgespräche von Blüte zu Blüte an, dann brandet das Rosa in den Kirschblüten auf wie eine mächtige Woge aus Streichern, Rot und Violett und Orange setzen Tupfer auf das Farbenmeer wie die Triangle ihre Töne über das Orchester hinweg schickt, und zum Schluß kommt das Grün in allen Bläser- und Pauken-Schattierungen als Crescendo! Wenn das Farbenorchester schweigt, ist das Meer ruhig und es ist Mai.
Wenn der Frühling kommt, fliesst das Blut in den Adern schneller und wärmer, die Freude am Leben kitzelt in Augen und Nase und lässt uns manchmal niesen. Wir lachen schneller und lauter und schnuppern an Maiglöckchen, wenn gerade niemand hinsieht. Unsere Haut fühlt sich weicher an und sehnt sich nach Licht und Wärme, bis es fast wehtut und wir Hosen hochkrempeln und Sandalen anziehen, auch, wenn es eigentlich noch zu kühl ist. Der Wind fährt durch junge Blätter und altes Winterlaub und raschelt von kommenden Sonnentagen, und wenn es regnet, öffnet sich die Erde und lässt Samen und junge Triebe ans Licht. Dieser Regen ist willkommen und warm.
Wenn es Frühling wird, öffnen wir die Türen und Fenster und lehnen uns weit hinaus, direkt hinein ins Leben. Wir atmen tief ein. Wir sind lebendig.

Das war ein Beitrag zum #WritingFriday, organisiert von Elizzy. Das Thema war, beschreibe einer blinden Person den Frühlingsanfang. Gar nicht so einfach, echt jetzt.

Tau-Gedanken

Wenn du ein Tau hast, hast du vieles.
Vielleicht ist dir das nicht bewusst? Das macht nichts.
Ein Tau ist nicht einfach nur ein Tau. Ein Tau ist viele.
Am Anfang des Taus war die erste Faser, die zum Faden wurde. Aus drei oder fünf Fäden machte ein Mann mit rauen Händen und Geduld eine Litze, lang und schön. Die Litzen wurden zum Seil geschlagen, und aus dem Seil entstand am Ende das Tau.
Ein Tau ist viele.
Alle in ihm sind unauflöslich miteinander verbunden. Sie können sich dehnen und stauchen, strecken sich unter Belastung und halten große Kräfte gemeinsam aus.
Taue sind treu. Wenn du sie gut behandelst, dienen sie dir jahrelang ohne nachzulassen.
Wenn du ein Tau hast, hast du vieles.

Darf ich?

Seit einigen Tagen schon frage ich mich: Darf ich eigentlich im Moment überhaupt etwas anderes veröffentlichen als Texte über die aktuelle Lage? Sollte ich nicht auch einen Beitrag zu all den Texten über die Krise leisten? Beruhigen, Mut machen, Aufmunterungen verteilen? Nun, immerhin habe ich schon berichtet, wie der Schweinehund sich aktuell fühlt, und dann beschlossen, das reicht (außer, mir fällt noch irgendetwas vor die Füße zum Thema, man weiß ja nie, das Leben versteckt gern ab und zu Ostereier an unerwarteten Stellen). Zwischen den zweimal Nachrichten am Tag ist viel Platz für anderes, und vielleicht freuen sich auch andere über anderes. Wenn man schon zu Hause bleibt, möchte man sich ja vielleicht nicht jede Minute des Tages nur mit einem Thema beschäftigen. Voila! Ein paar der Minuten kann man hier verbringen. 🙂