Experimentelles Kochen

Und dann war da noch die Rote-Beete-Tomaten-Suppe.

Wenn man auf einem Jugend-Zeltlager für fünfundachtzig Teenager und vierundzwanzig Mitarbeiter kocht, geht man eher weniger Risiken ein. Nudeln mit Bolognese-Sauce, Currygeschnetzeltes, dazu eine vegetarische Variante und Früchtequark, das geht immer, und es gucken dann höchstens fünfzehn Teenies kritisch, der Rest isst es klaglos, vermutlich auch, weil die Tage anstrengend, wundervoll und lang sind und nur Schokoriegel und Coca-Cola irgendwann doch langweilig werden. Unser Küchenteam gibt sich da keinen Illusionen hin, aber wir kochen gern und auch gut, wenn ich die verputzten Mengen hochrechne.

Aber ich gebe zu, es juckt mich jedes Mal, wenn ein neues Camp ansteht, und so gibt es in den morgendlichen heißen Kakao nicht nur Kakao, sondern auch eine Prise Salz und Zimt. Der Quark wird mit Sahne und Vanillesauce gemischt und das Obst darin ist frisch geschnitten. Zu den Kartoffeln gibt es einen Dip aus Sauerrahm, Kräutern und frischer Paprika und in den Lagerfeuer-Tee kommt weißer Pfeffer, damit er wärmt. Mittlerweile habe ich gelernt, diese kleinen Sonderzutaten nie zu erwähnen und einfach die Reaktionen abzuwarten. In der Regel sind sie positiv, die meisten merken nicht einmal etwas, sie freuen sich nur, dass es gut schmeckt.

Dieses Mal aber hatten wir einige Liter Gemüsesaft von einem Programmpunkt übrig. Was macht man auf so einem Zeltlager mit Tomaten-, Rote-Beete-, Karotten- und Sauerkrautsaft? Wir boten die Säfte zum Frühstück an und ernteten angeekelte Blicke. Wir versuchten es ein weiteres Mal zum Abendessen und die Teilnehmer machten einen weiten Bogen um den Tomatensaft. Vom Sauerkrautsaft ganz zu schweigen. Also wegwerfen? Oder zu den am Ende übrig gebliebenen Lebensmitteln geben und auf leiderprobte Abnehmer hoffen, die nichts wegwerfen können? Nein. Ich wollte darauf vertrauen, dass es ein paar mutige Menschen in dieser hundertköpfigen Schar gäbe, die ein ungewöhnliches Essen zumindest ausprobieren würden. Und kochte eine tief pinkrotfarbene Tomaten-Rote-Beete-Karotten-Sauerkaut-Kartoffelsuppe mit Sahne, Frischkäse, Pfeffer und Salz. Sie war wirklich lecker, fruchtig und würzig und scharf, aber eben auch so ungeeignet für ein Jugendcamp, wie man es sich nur vorstellen kann. Nichts an dieser Suppe war dafür gemacht, Teenagern zu gefallen – zu suppig, zu pink, zu rot gefärbte Kartoffelstücke, viel zu exotisch, ein Fremdkörper zwischen gebratenen Nudeln, Brot mit Käse oder Wurst und Apfelspalten.

Die ersten fünfundzwanzig Teenies schlichen an meinem Topf vorbei, guckten misstrauisch und gingen schnell weiter, bevor ich sie auffordern konnte zu probieren. Dann stockte die Schlange vor dem Frischkäse und der Butter und die nächsten zehn Teenies mussten zwangsweise vor mir stehenbleiben. Die Gelegenheit, um Werbung zu machen! Ich pries die Suppe an wie himmlisches Manna und ein paar Teenies guckten interessiert in den Topf, gingen dann aber doch lieber weiter zu Brot und Bananen. Entmutigt rührte ich in meiner schönen, dampfenden Suppe, als ich plötzlich auffordernd einen Teller unter die Nase gehalten bekam. Überrascht sah ich auf und fragte sicherheitshalber nach, und ja, sie wollte! Klar würde sie probieren! So schlimm würde es schon nicht werden! Und dann zog sie mit ihrem Teller davon. Die nächsten in der Schlange sahen verwirrt von mir zu dem Mädchen mit dem Teller und dann zum Topf und wussten nicht, was sie nun tun sollten: Probieren? Weitergehen? Vielleicht etwas verpassen? Risiko? Ein Junge hielt mir reflexartig seine Schale hin und ich nutzte die Chance: Bevor er ihn zurückziehen konnte, hatte er eine Kelle voll pinkfarbener Suppe darin. Und damit war der Bann gebrochen. Insgesamt teilte ich etwa sechs Liter Tomaten-Rote-Beete-Suppe aus, ein Liter blieb übrig, ein paar Abnehmer kamen zweimal, ein Mädchen hat sie tapfer aufgegessen, obwohl sie sie schrecklich fand, aber alle waren fasziniert von der ungewöhnlichen Farbe.

Letztendlich hat es einen Menschen in dieser Gruppe gebraucht, der bereit war, ein Risiko einzugehen, und dann sind ihm andere nachgefolgt. Ich bin nicht sicher, ob irgendjemand trotz all meiner gut gemeinten Werbeworte probiert hätte, wenn dieses eine Mädchen nicht gewesen wäre. Ein kleines bißchen Mut an der richtigen Stelle kann etwas auslösen, doch, das geht. Die Rote-Beete-Tomaten-Suppe hat es mir live vorgeführt. Ich werde sie in guter Erinnerung behalten.

Wenn …

Wenn…

… ich morgens um zehn schon wieder müde bin
… meine Lieblingsband nervt
… der verschwundene Autoschlüssel mich in Tränen ausbrechen lässt
… ich gereizt bin weil der Wind falsch weht
… Autofahrten mich melancholisch an verschwundene Kindheitsstätten erinnern
… Freunde all ihre schlechten Seiten zeigen
… der Alltag ein langes, graues Band ist
… niemand mich mehr mag
… es nur noch regnet
… dann weiß mein Herz, die Welt ist eine trostlose Einöde mit gelegentlichem Stechmückenbefall. Und das wird sich nie, nie wieder ändern.

 

Aber zum Glück gibt es auch meinen Kopf. Und der weiß, mein letzter richtiger Urlaub war vor dreizehn Monaten.

Es wird Zeit. Noch fünf Wochen.

 

Wenn…
… fünf Wochen länger als die Ewigkeit dauern
… alle, alle schon vor mir Urlaub haben
… der letzte Keks an jemand anderes ging
… seufz

Unterwegs mit der Freiheit

Hamburg, 13. Mai 2017, Reeperbahn, Große Freiheit

Was ist denn, Schatz? Du siehst nicht glücklich aus. Geht´s dir nicht gut?

Ach… du denkst, ICH wäre nicht glücklich, weil wir hier sind, auf der Reeperbahn? Aber warum sollte ich hier unglücklich sein? Es gibt hier nicht mehr und nicht weniger von mir als – ach, sagen wir in Blankenese oder Harburg. Glaub mir, du wüsstest das, wenn du hinter die Fenster sehen könntest.

Die Leute, die hier zum Feiern herkommen, sind freiwillig da. Gut, der ein oder andere wurde vielleicht von seinen Freunden gezwungen, aber die große Masse kommt, weil sie das so will. Beste Bedingungen für mich! Und die, die hier in normalen Geschäften arbeiten, sind auch überwiegend freiwillig da. Niemand zwingt sie zum Bleiben, für viele ist das hier Heimat, und sie lieben ihren Kiez.

Du hast allerdings Recht, hier gibt es auch Fälle, da bin ich wütend und möchte alle Ketten sprengen! Sofort! Da frisst mich die Ungerechtigkeit auf, aber trotzdem: Auf der Reeperbahn ist längst nicht alles unfrei.

Hm. Du siehst immer noch nicht glücklich aus. Habe ich etwas gesagt, das dir nicht gefallen hat? Weißt du, du sprichst hier nicht mit der Gerechtigkeit, oder der Gleichheit, und auch nicht mit der Moral, nein, mit der absolut nicht. Ich bin die Freiheit, mir geht es darum, dass Menschen ihre Entscheidungen, wofür auch immer, selber treffen dürfen.

Manche Menschen sagen, wenn es zu viel von mir gibt, endet alles im Chaos, aber du kannst dir denken, dass ich das anders sehe, oder? Und außerdem: Dafür gibt es ja die anderen, die Gleichheit und die Moral und die Gerechtigkeit und wie sie alle heißen.

Und jetzt komm, lass uns einen Kaffee zusammen trinken gehen, wer weiß, wie lange ich noch bei dir bin! Nimm dir die Freiheit!

(sie fasst mich am Arm und zieht mich kichernd mit sich fort)

Meine Freiheit

Hamburg, 13. Mai 2017, Altonaer Strand, Sand zwischen den Zehen

Meine persönliche, kleine Freiheit setzt sich aus vielen Einzelteilen zusammen. Aufstehen und den Platz wechseln dürfen, weil es zu warm ist, ist so ein Teilchen. Den Arbeitstag selber gestalten – wann mache ich was? Allgemeine Vorschriften sind wichtig, klar, aber innerhalb dieser Regeln möchte ich mich frei bewegen dürfen. Ich mag es nicht, wenn mir jemand unbedingt seine Sicht der Dinge aufdrücken will. Ein Beispiel: Warum darf ausschließlich nach einem System abgelegt werden? Wer sagt das? Gab es da einen Volksentscheid, den ich verpasst habe? Wenn aus einem Papierstapel zweimal im Jahr etwas gebraucht wird und dann nie wieder, warum soll ich dann auch noch innerhalb der einzelnen Buchstaben nach Alphabet ablegen? Eine Kleinigkeit, ja, aber solche Dinge möchte ich selbst entscheiden dürfen.

Freiheit setzt sich zusammen aus der Summe der einzelnen Entscheidungen, die ich selber treffen darf. Je weniger, desto weniger Freiheit. Kompromisse sind nötig, ja. Zusammenleben funktioniert sonst nicht. Aber Kompromisse um jeden Preis? Ich weiß nicht. Den Preis möchte ich eigentlich selbst bestimmen dürfen.

Ich sehe was, was du nicht siehst

Hamburg, 13. Mai 2017, Altonaer Balkon

Dunstig hängt das Licht über dem Hafen, eine Ahnung von Blau zwischen den Wolken. Schafgarbenwellen duften, und tief unten schieben sich zwei Holzmasten an der Mole vorbei. Ein Brummen liegt über allem, ein leises Tosen; Hamburgs Hafen atmet. Dutzende Kranarme ragen wie ein erstarrtes Ballett in die weiche Luft, ab und zu glänzt ein Stück Stahl im Licht und sendet ein kleines Signal: Hier wird gearbeitet.

Über die Köhlbrandbrücke fahren winzige LKW, dahinter schieben drei Schornsteine Wasserdampf in den Himmel. Barkassen, ein Raddampfer und Segelschiffe ziehen vorbei, ab und zu wird ein Containerschiff behutsam geleitet. Das Wasser bewegt sich unablässig.

Hinter meiner Bank wird gejoggt, gegrillt und diskutiert, der Sandboden knirscht, wenn jemand vorbeigeht.

Es ist schön hier.

Hängematte

Stell dir vor, dein Leben wäre ein großer Baum, und deine Komfortzone, das ist die gemütliche Hängematte am Ast unten rechts, gleich neben dem Eichhörnchenbau. Da liegst du am Abend und manchmal auch am Mittag und schaukelst gemächlich vor dich hin, während der Wind leise durch die Äste weht. Es ist nett da in der Hängematte, ein kühles Getränk steht bereit und die Sonne wärmt dich von oben.

Das einzige, was dich stört, ist diese Hängebrücke. Wie ein Mahnmal hängt sie am Baum, die Bodenplanken sehen verdammt morsch aus, die Halteseile sind ausgefranst und vom Alter gebleicht. Außerdem schwankt sie beim leisesten Schritt, du hast es ausprobiert, am anderen Ende der Hängebrücke wartet nämlich dein Traum. Ja! Dein Traum! Du kannst ihn sehen, er ist ganz klein und bunt und steht schon ewig auf der anderen Seite.

Du findest, es wäre wirklich nett, deinen Traum mal zu treffen, aber: Da ist diese Hängebrücke, die alles andere als einladend aussieht. Dieses Geknarze, wenn du an den Seilen rüttelst! Und jedesmal rieselt Staub von den Holzplanken in den Abgrund (dein Baum ist hoch), wenn du probeweise einen Fuß auf die Brücke setzt. Herrje! Du müsstest wirklich deine Hängematte, deine Komfortzone verlassen und dieses Risiko eingehen! Du bist nicht bereit dafür.

Und so verbringst du einen weiteren Tag in der Hängematte, nippst an deinem Drink und schließt die Augen, um den kleinen, bunten Traum nicht sehen zu müssen, der auf der anderen Seite aufgeregt winkt.

Was könnte dich in Bewegung setzen? Wie groß müsste der Anreiz sein?

Was wirst du tun?

Lärmschutz

Und dann fahre ich ja auch noch jeden Tag mit der Bahn. Ich bin eine chronische Pendlerin, könnte man sagen, und ich habe sehr wenig Katastrophengeschichten zu erzählen über meine tägliche Stunde in den Zügen der DB, ich erlebe geradezu außergewöhnlich gewöhnliche Fahrten ganz ohne spektakuläre Pannen, Verspätungen oder anstrengende Zugbegleiter. Ich bin eigentlich ganz zufrieden mit meiner Pendelei und die meisten Zugbegleiter sind nette Menschen. Aber nun ist etwas passiert, über das ich wirklich entsetzt bin, das mich stark beunruhigt, ja, man könnte fast sagen, ich bin in Trauer: Es werden Lärmschutzwände gebaut an meiner Strecke. Und zwar so ziemlich überall.

Hässliche, grüne Dinger sind das, die Bahn hat es gut gemeint mit den drei Grünabstufungen, vermutlich soll das irgendwie Landschaft darstellen, die im Vorbeirauschen des Zuges verschwimmt und dem schlafenden Reisenden beim Öffnen des rechten Augenlides suggeriert, ja, alles ok, der Zug fährt noch, und zwar nicht zu langsam, bald bin ich da, wo ich hin will, im Schlaf quasi. Aber bei mir, da funktioniert das nicht. Ich mag nämlich all die zugemüllten Hinterhöfe mit den kaputten Fahrrädern, die man nur vom Zug aus sehen kann, die hübschen Gärten mit den gestutzten Hecken, die kleinen Gehege mit Hühnern, Enten und sogar Rehen, die einspurigen Kopfsteinpflasterstraßen, die noch aus den fünfziger Jahren stammen und nur noch direkt neben den Gleisen existieren. Ich mag es, morgens die Leute am Busbahnhof zu beobachten, die Wartenden, die Rauchenden und die, die schon morgens um halb acht angeregte Gespräche führen. Ich mag auch die schmuddeligen Balkone, die zum Wäscheaufhängen genutzt werden, die Straßen mit morgendlichem Verkehr und die Ponys auf der kleinen Weide mit ihren Strohhaufen, die in der morgendlichen Kälte dampfend beieinander stehen und sich gegenseitig die Kruppe benagen.

Ja. Ich mag das alles sehr, es ist mein kleines, morgendliches Panoptikum, ein Bilderbuch für Erwachsene. Und nun? Nun wachsen die Lärmschutzwände empor, unaufhaltsam kommt eine Schicht nach der anderen, und die Bahn ist wirklich konsequent, sie macht das kilometerlang mit deutscher Gründlichkeit, auf beiden Seiten der Strecke. Ach. Ich bin in Trauer. Ich gönne es den Anwohnern, zu denen ich selbst ja auch zähle, die Stille, den Lärmschutz, ich weiß ja, es ist gut so, wie es gerade kommt, das muss sein, es geht nicht anders, das sage ich mir immer wieder. Aber, ach! All das kleine, schöne, alltägliche Leben, das nun nicht mehr an mir vorbeirauschen wird! Ich werde noch eine ganze Weile in Trauer sein.

Am Sonntag war ich im Zoo

Am Sonntag war ich im Zoo.
Meine Schwester hatte Geburtstag und keinerlei Lust, für jede Menge Leute zu putzen, aufzuräumen und Kuchen zu backen (obwohl sie wirklich leckeren Kuchen kann – Schoko, sehr fluffig, ein Träumchen auf dem Teller quasi). Und da hat sie Recht, finde ich – ich meine, mal ehrlich, Geburtstag ist doch das, was man als Kind heiß und innig herbeigesehnt hat, der Tag konnte gar nicht schnell genug kommen, und wenn er dann da war, der größte Tag aller nur möglichen Tage, dann fing er schon vor dem Aufstehen mit allen möglichen Verheißungen an: Man hat Geburtstag! ICH habe Geburtstag! Heute bin ich die wichtigste Person weit und breit! Und bekomme Kerzen! Und ein Ständchen! Und natürlich Geschenke! Und so war das dann auch, man bekam tatsächlich Kerzen und ein Ständchen und Geschenke, außerdem noch Besuch und noch mehr Geschenke, man musste fast nichts selber tun an diesem Tag, die Luftschlangen flogen einem geradezu in den Mund – nein, das ist aus einem anderen Kindertraum.

Aber trotzdem: Der Tag wurde einem bereitet. Und heute? Tja, da heißt es das Haus putzen und aufräumen und backen und kochen und Streit schlichten und den Abwasch selber machen. Obwohl man doch Geburtstag hat. Irgendwas ist da doch gründlich schief gelaufen, oder? Irgendwie sollte das doch eigentlich anders gehen – sollte man den Kuchen nicht geschenkt bekommen? Und eingeladen werden?

Nun ja, wir werden das heute nicht lösen, auf jeden Fall hatte meine Schwester keinerlei Lust auf Abwasch und ist mit ihrer Familie und mir in den Zoo gefahren. Das Wetter war perfekt, kalt und sonnig und gerade richtig, um in dicker Winterjacke und Mütze zügig von einem Schauplatz zum anderen zu galoppieren, um dann dort in der Sonne stehenzubleiben, sich aufs Gehegegeländer zu stützen und die Bewohner dort anzustarren, die im Prinzip genau dasselbe tun, nur von der anderen Seite her. Wenn man das mit Kindern macht, ist es nochmal schöner als ohne, denn Kinder haben so eine Art, kompromisslos zu gucken, nur zu schauen, zu blicken, sie saugen die Zoobewohner geradezu in sich auf, dass man fast Angst hat, wenn sie jetzt noch ein kleines bißchen mehr starren, ist das Tier weggeguckt.

Das ist dann aber doch nie passiert, und so sind wir durch den Zoo vagabundiert, mehr oder minder ohne Pausen, denn wer braucht schon Pausen bei Erdmännchen, Affen, Nashörnern und Elefanten? Niemand, außer einigen fußlahmen Erwachsenen vielleicht.

Einmal gab es Käsebrötchen und Holundersekt für alle aus richtigen Gläsern, denn am Geburtstag Plastikbecher, das geht einfach nicht, da waren wir uns auch alle sofort einig. Und dann sind wir zu den Eisbären, die eigentlich immer nur schlafend in der Ecke liegen, aber an diesem Tag, am Geburtstagstag, da gab es eine neue Bewohnerin in Yukon Bay, und die hatte bei dem schönen Eisbärenwetter auch keine Lust, Pausen zu machen. Sie trabte über das Gelände, witterte all die Fischbrötchen und Menschen in der Luft, rannte ins Wasser, tauchte und schwamm, als ob sie für einen Marathonlauf trainieren würde. Und es ist ja so: Ein schlafender Eisbär weit entfernt ist eher weniger aufregend. Aber ein schwimmender Eisbär, der mit einem mächtigen Schwung und tausenden Luftbläschen vor einem an der Scheibe entlangtaucht, elegant und riesengroß, rasend schnell und völlig mühelos direkt vor der eigenen Nase vorbeifegt – das ist nicht langweilig, oh nein. Da bekommen auch Erwachsene große Augen und vergessen vorübergehend das Atmen und plötzlich ist es völlig legitim, ganz uncool im Unterwasserbereich herumzurennen, mit den Kindern an der Hand, um noch einmal dieses fremde Wesen so nah an sich vorbeirauschen zu fühlen und eine Ahnung davon zu bekommen, was Wildnis eigentlich ist. Und wenn dann der Neffe mit glänzenden Augen nickt, wenn man ihn fragt, ob das toll gewesen sei, kann man gar nicht anders, als das auch toll zu finden und für einen Moment ist man auf gleicher Höhe und hat wieder dieses Geburtstagsgefühl, obwohl man selber ja gar keinen Geburtstag hat.

Für mich steht seitdem auf jeden Fall fest: Geburtstag und Zoo, das passt ganz wunderbar zusammen, im Grunde gehört das sogar zusammen, und man soll ja nicht trennen, was zusammengehört, oder?
Im Mai habe ich Geburtstag. Wir werden sehen.


Kleine Liebeserklärung

Zu Weihnachten habe ich ein Buch geschenkt bekommen. Es sind lauter kleine Schnipsel von Astrid Lindgren, Sätze aus ihren Büchern, Interviewabschnitte, Leserbriefe, die sie geschrieben hat, Erinnerungen aus ihrem Leben.

Es gibt in dem Buch ein Kapitel über das Lesen, und darin stehen alle Gründe, aus denen ich angefangen habe zu lesen und seitdem nie wieder damit aufgehört habe. Als Kind liest man anders, und die Intensität, mit der ich damals die Geschichten verschlang, ist heute so nicht mehr da. Was bleibt, ist die Erinnerung daran, wie es sich anfühlte, gemeinsam mit den fünf Freunden bei Blitz und Donner Zuflucht in einer Felsenhöhle zu finden, naß bis auf die Haut, um dann Dosenpfirsiche zu essen. Oder zu wissen, wie ein Sommerabend riechen muß, wenn man mit Kalle Blomquist unterwegs war: Nach warmem Teer unter den Füßen und lauer Luft, in der eine Spur Heuaroma liegt.

Ich weiß auch noch ganz genau, wie neue, ungeöffnete Bücher sich mir in die Hände schmiegten, voller Verheißungen, Abenteuern und noch unbekannten Freunden, die ich bald genauso gut kannte wie mich selbst. Ein solches ungeöffnetes Buch war immer von einem leisen Zauber umgeben. Ich erinnere mich, wie ich nichtsahnend den ersten Band vom Herrn der Ringe öffnete, anfing zu lesen und verschlungen wurde vom Auenland und den Elben, verloren für alle Zeit an sagenhafte Welten, in denen alles möglich ist.

Mittlerweile habe ich sehr, sehr viele Bücher gelesen. Vielleicht bin ich heute manchmal zu schnell, weigere mich, konsequent einzutauchen, aber das ist keine Katastrophe. Es gibt Bücher, die haben das Potential, und dann passiert es ganz von selbst, das Eintauchen.

Ich bin immer noch begeistert. Wie für Astrid Lindgren sind Bücher auch für mich Brot und Salz, und ich glaube nicht, dass sich das in diesem Leben noch einmal ändern wird. Und deswegen werde ich mutig, entschlossen und unbeirrt weiterlesen, Romane, Fantasy, Krimis, immer auch Jugendbücher und Kinderbücher und Gedichte, ja, Gedichte ganz unbedingt. Nichts kann einen so ins Herz treffen wie die richtigen Worte, wenn sie kompakt und auf ganz bestimmte Art und Weise aneinandergereiht sind. Am Anfang war das Wort. Und in meinem Himmel muss es eine Bibliothek geben. Es kann sonst einfach nicht der Himmel sein.

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Eisschuhe

Heute Morgen sah ich auf dem zugefrorenen Wallgraben zwei Stiefel liegen. Einer mitten auf der Eisfläche, der andere mehr am Rand, aber um ihn wiederzukommen, hätte man sich auf sehr brüchiges Eis begeben müssen.

Es waren gute Stiefel – orangenes Innenfutter, solide Laufsohle, schneetauglich, nicht zerfleddert wie die üblichen einzelnen Schuhe, die ihren Partner verloren haben und traurig an Wegesrändern vor sich hin modern.

Es war ein seltsamer Anblick. Ich meine, da stellt man sich doch Fragen! Wer war das? Und warum? Ging es um eine Wette? Musste der Stiefelwerfer danach auf bestrumpften Füßen nach Hause gehen und erstmal ein heißes Fußbad nehmen? Oder wurden die Schuhe gewaltsam entfernt und als statuiertes Exempel aufs Eis geworfen? Wollte jemand prüfen, ob das Eis schon trägt? Aber ehrlich, da gibt’s genug Papierkörbe oder Bänke, die hätten es auch getan (und ich hab das alles schon im Wallgraben gesehen, das funktioniert also).

Und dann: Können Stiefel eigentlich schwimmen? Wie lange braucht so ein Schuh, bis er biologisch abgebaut ist? Was werden die Karpfen denken? Fragen über Fragen in diesem kalten Januar. Und keine Antworten weit und breit.