Der große „C“

Hinter dem Rücken des großen „C“ in seinem schwarzen Ledermantel gibt es Menschen, die sich kümmern und dem großen „C“ heimlich den Stinkefinger zeigen. Die nicht mit aller Macht ihre Bedürfnisse verfolgen, sondern sich immer besser mit dem Verzichten anfreunden und es mittlerweile sogar manchmal duzen. Wenn man genau hinsieht, kann man sie hinter den Masken lächeln sehen. Von Zeit zu Zeit lassen sie anderen den Vortritt und fühlen sich nicht als Verlierer.
Hinter dem breiten Rücken des großen „C“ leben Menschen ihren Alltag, auch wenn der aufdringliche Rücken des großen „C“ ihnen aktuell die Aussicht versperrt. Sie haben entdeckt, dass man zumindest für eine Zeitlang in andere Richtungen schauen kann. Dort kann man viel sehen, Parkwege, Kerzenschein, kleine Hilfen, Telefone und Handys, zoom und Videotelefonie und Briefe – echte Briefe! Auch Postkarten haben sie schon gesehen.
Manche Menschen haben sich dafür entschieden, vom so-war-es-immer-Chor in den es-geht-auch-anders-Chor zu wechseln und singen nun neue Melodien. Manchmal ist das schön und aufregend, aber manchmal vermissen sie trotz allen guten Willens doch die alten Zeiten.
Irgendwann wird der große „C“ unter seinem schwarzen Ledermantel ermatten und müde werden vom Rennen gegen die Impfschutzwände, und dann wird er sich nicht mehr nach vorn drängeln und die beste Aussicht versperren. Die Sicht wird wieder frei sein. Wir werden aufatmen und vorsichtig nach vorn schauen, mit dem Wissen um andere mögliche Richtungen, und dann werden wir losgehen.
Es ist nur eine Frage der Zeit.

Sehr geehrtes, altes 2020

Sehr geehrtes, altes 2020,

heute ist es also soweit: Du wirst die Bühne verlassen und Platz machen für deinen Nachfolger, und wahrscheinlich wird es im Gegensatz zu deinen Vorgängern ein erstaunlich leiser Abschied, denn Böllern ist dieses Jahr in vielen Gegenden verboten. Dabei liebst du doch den großen Auftritt! Das war wohl ein kleines Eigentor, was?
Wie ist es dir ergangen in deinen 365 Tagen? Gab es neben Corona auch andere Themen für dich? Natürlich. Aber alles andere wirkt neben dem lila Virus klein. Er war dein großes Thema, und du hast auf ihm gespielt wie Lang Lang am Klavier. Selten hatten wir ein Thema, das so lange und immer wieder aufs Neue alle betroffen hat und nicht nach spätestens einer Woche erledigt war. Auch hatten wir sehr lange nichts, was in der Lage war, unseren Alltag so nachhaltig zu verändern. Was weder der Papst, die Achtsamkeit oder der Zwang zur Jugendlichkeit geschafft haben, das Virus hat es mit leichter Hand durcheinander gewirbelt: Wie wir unsere Zeit verbringen, mit wem, wie wir arbeiten und lernen und wie wir plötzlich und unerwartet Rücksicht auf andere nehmen müssen, ob es uns gefällt oder nicht. Nun gibt es einen Impfstoff, und schon gehen sie wieder los, die Debatten darüber, wer hat mehr, wer darf mehr, warum hat der und ich nicht? Ein bisschen wie am Familientisch bei der Verteilung des Nachtischs. Hast du manchmal insgeheim den Kopf darüber geschüttelt, 2020? Ich schon.
Für mich warst du ein Augenöffner. Das ist nicht angenehm, aber ich bin dir dankbar dafür, jetzt, im Nachhinein. Ich weiß eine Menge mehr über mich als am Anfang deiner Zeit. Im März begann mein Lernprozeß, und ich habe jeden Tag dazugelernt. Ich weiß nun, wie wichtig Menschen sind, Freundschaften, Familie, und dass ein Telefon wertvoller ist als Gold. Das Netz ist für mich groß geworden in dieser Zeit. Und ich weiß, dass Klopapier scheinbar wichtiger ist als Brot. 🙂 Ängstliche Menschen sind eine unberechenbare Größe; vor dir, 2020, war mir das theoretisch klar, aber ich hatte keine Ahnung, was das praktisch bedeutet. Mir ist auch ein bisschen klarer geworden, warum so viele Menschen flüchten. Nur ein bisschen klarer, denn dem Himmel sei Dank ist es bei uns doch immer noch recht gemütlich. Es ist so: Man muss die Dinge selber erlebt haben, um zu wissen, wie es anderen Menschen geht. Ohne es erlebt zu haben, theoretisiert man herum, mehr nicht.
Angst hatte ich dieses Jahr auch, sehr viel Angst sogar, und Corona war nicht der Grund. Das war nicht schön. Aber auch eine Erfahrung, die ich so vorher noch nicht gemacht hatte. Gejubelt habe ich, als in einem weit entfernten Land (in jederlei Hinsicht) ein neuer Präsident gewählt wurde. Das brachte die Erkenntnis, dass wir auf der Erde nicht sehr weit voneinander entfernt leben im Zeitalter des Internets, der Liveübertragungen und der zoom-Chats. Unser Planet ist zugleich groß und klein, eigentlich ist er stabil und trotzdem haben wir ihn aus dem Gleichgewicht gebracht. Was mich dazu gebracht hat, dieses Jahr weniger zu heizen, weniger Auto zu fahren und zu versuchen, allgemein weniger zu verbrauchen. Gut bin ich noch nicht darin, aber bereit, Neues zu versuchen: Zu Weihnachten habe ich ein festes Haarshampoo geschenkt bekommen und bin willens, es auszuprobieren, komme, was wolle.
Heute ist dein letzter Tag, 2020. Du scheinst mir gleichmütig im Angesicht deines Vergehens. Aber du wusstest ja schon von Beginn an, dass deine Zeit begrenzt ist, also ist das vielleicht kein Wunder. Ich werde heute Abend nicht an deinem Bett sitzen und deine Hand halten, dafür warst du zu ungnädig mit uns, zu zornig, zu unbarmherzig, zu lang. Aber es gab auch schöne Tage in dir, mit sanftem Sommerregen, laue Nächte voller Mondschein, Begegnungen, Biden hat gewonnen und letztlich hast du uns zum Virus auch den Impfstoff gebracht. Spät zwar, aber immerhin.
Machs gut, 2020. Du warst voll gestopft mit neuem Wissen, viel Angst, du hast uns Masken aller Art vorgehalten. Nun ist dein Nachfolger dran. Er steht schon in den Startlöchern und scharrt mit den Füßen. Möge er uns gewogener sein als du.

Alles Gute,
deine Stachelbeermond

Zugsegeln

Zugfahrt

die langweiligste Zugfahrt
ist mit den Berliner Philharmonikern
und der schönen blauen Donau in
voller Lautstärke
ein Segeln entlang der Ränder
des Paradieses

beim Spazierengehen

beim Spazierengehen

Die beiden Plastikbagger stehen unternehmungslustig blaugelbrot im Nordseestrand, vor sich das größte Bauprojekt ihres Lebens.

Im Watt und am Strand lösen sich die Kleidervorschriften schneller auf als fadenscheinige Jeans.

Der nackte Bauch des Mannes bläht sich rund wie ein Walfisch. Allerdings ist er nicht grau, sondern glänzend rosarot.

Zwei kleine Mädchen spielen Pferd und Longenführerin im niedrigen Wasser und alles ist schön: Das Laufen. Das Stehenbleiben. Das Wiehern. Das außer-Atem-sein. Das Hinfallen und nass werden.

Eine lebendige Krabbe mit allen sechs Beinen löst eine Energieexplosion bei drei Jungs aus.

Die Beine des karierten Shortsträgers sind bis unter die Knie gebräunt. Der Abschnitt zwischen Knie und Shortsbeginn hat die Farbe von Honigmilch.

Die Insel Neuwerk schwimmt zwischen Himmel und Wasser. Der weiße Leuchtturm in der Mitte pinnt sie wie eine Riesenstecknadel am Meeresgrund fest, damit sie nicht davonfliegt.

Das auflaufende Wasser pirscht sich an wie ein Stachelschwein mit aufgestellten, raschelnden Stacheln. Die letzten Senken nimmt es in einem Sprung.

Mit jedem Schritt im Wasser schüttelt die mittelalte Frau mehr Jahre ab. Bevor sie zu jung wird, flüchtet sie zum Strandkorb zurück.

Mit konzentriertem Ernst sammelt der Mann mit Spaten und winzig kleinem Eimerchen Muscheln im Wassergraben.

Die leuchtensten Farben trägt eine Familie mit strahlend dunkelbrauner Haut. Sie schillern im Wasser wie Orchideen.

Die Entfernung des Filme fürs Familienalbum drehenden Vaters zu Frau und Tochter ist größer als die höchste Zoomstufe seiner Kamera.

Weit draußen schwimmen Möwen wie weiße Augen auf dem Wasser. Sie behalten uns im Blick.

Ich möchte …

Ich möchte mich schreibend verlieren, mich an den zarten, grauen Buchstabenfäden entlanghangeln, mich auf drei Worte reduzieren und hinter den drei Worten alle Welten gleichzeitig ahnen.
Die Werteskala meiner Wichtigkeit möge auseinander fließen wie schmelzendes Eis, aber wenn es denn sein muss: Im Moment und jetzt und hier bin ich maximal eine Drei.
Bin ich müde? Vielleicht. Ein Teil von mir möchte träge dösen mit Wellenrauschen im Ohr, aber ein anderer Teil ist wach! Sehr wach.
Zeit für Abenteuerleben, wie die Helden in den Lieblingsbüchern meiner Kindheit, die ich vom ersten eigenen Gehalt nachgekauft habe, komplett, mit den Originalillustrationen.
Früher habe ich Briefe geschrieben, mit kleinen Bildern und mit fliederduftenden Stiften auf schönem Papier. Heute schreibe ich whatsapps. Ich weiß nicht warum, aber dieser Text schreit nach den Briefen von damals.
Zeit, Papier kaufen zu gehen.

Angriff

nach so viel Geschnurre
geteilten Eiernudeln
ein blutiger Angriff
mit Zähnen und Krallen
ich frage mich:
wer hat hier vergessen
wer was ist?

 

Der Garten wird größer

Der Garten wird größer

Der Garten ist eine trostlose Öde, immer schon. Er gehört ein bisschen den Erdgeschossmietern, zum größten Teil aber niemandem, wenn man von den Amseln absieht. Die Erdgeschossmieter feiern und spielen ab und zu darin, pflanzen oder gießen tun sie nicht. Der Rasen ist trocken und sonnenverbrannt, die ehemalige Hecke besteht aus einem wurzeligen Erdwall. Ein einsamer, namenloser Busch wächst zwischen Zaun und Hauswand. Ein namenloser Busch vor einer kahlen Hauswand hinter einem Metallzaun, der einen trockenen Erdwall begrenzt. Geht es trostloser?
Vor ein paar Tagen, an einem warmen Abend, ist irgendetwas in mich gefahren. Es hat mich in den Keller gehen lassen, mir dort den Liegestuhl in den Arm gedrückt und hat mich neben den Busch auf das trockene Gras gesetzt. Etwas seltsames geschah. Der Garten wurde größer. Der Himmel höher. Der namenlose Busch wurde zum grünen Lebewesen. Kleine, graue Schmetterlinge flatterten über das Gras. Amseln erschraken sich beim Staubbaden, als sie sich umdrehten und mich sahen.
Es gibt mehr Radfahrer in unserer Straße, als ich vermutet hatte. Ich kenne jetzt die Schatten. Ich weiß, wann sie wo sind. Es stört kein bisschen, dass mich jeder sehen kann. Ich kann ja auch alle sehen. Neulich hat der Nachbar gelächelt und gegrüßt. Mein linker Arm hat einen kleinen Sonnenbrand, weil der Schatten nicht so wollte wie ich.
Ich werde den Busch Harry nennen. Harry, fahr schon mal den Schatten vor, ich komme gleich. Der Garten hat sich verändert, obwohl sich nichts verändert hat. Er ist groß geworden. Ein kleines Stück davon gehört jetzt mir. Und den Amseln natürlich.

Wenn …

Wenn…

… ich morgens um zehn schon wieder müde bin
… meine Lieblingsband nervt
… der verschwundene Autoschlüssel mich in Tränen ausbrechen lässt
… ich gereizt bin weil der Wind falsch weht
… Autofahrten mich melancholisch an verschwundene Kindheitsstätten erinnern
… Freunde all ihre schlechten Seiten zeigen
… der Alltag ein langes, graues Band ist
… niemand mich mehr mag
… es nur noch regnet
… dann weiß mein Herz, die Welt ist eine trostlose Einöde mit gelegentlichem Stechmückenbefall. Und das wird sich nie, nie wieder ändern.

Aber zum Glück gibt es auch meinen Kopf. Und der weiß, mein letzter richtiger Urlaub ist lange her.

Es wird Zeit. Noch fünf Wochen.

Wenn…
… fünf Wochen länger als die Ewigkeit dauern
… alle, alle schon vor mir Urlaub haben
… der letzte Keks an jemand anderes ging
… seufz

Mai-Fürchtezeit

Jedes Jahr Mitte April beginnt meine Mai-Fürchtezeit. Jetzt sagen Sie sich bestimmt, nanu, der Mai ist der schönste aller Monate, was soll es da zu fürchten geben? Nun ja. Ich bin ein Maikind, und ich fürchte mich vor meinem Geburtstag. So, jetzt ist es raus. Eigentlich liebe ich Geburtstage und trotzdem: So sicher wie das Amen in der Kirche habe ich bereits Anfang April erste düstere Vorahnungen. Dieses Jahr fällt mein Tag auf einen Werktag? Niemand wird kommen. Alle werden sehr beschäftigt sein. Mein Tag fällt auf das Wochenende? Alle werden woanders eingeladen sein. Niemand wird kommen. Es wird regnen. Und kalt sein. Heroisch schiebe ich diese Gedanken beiseite und freue mich über Flieder und Bienengesumm, aber unter all dem frischen Grün lauert unablässig die Frage: Was wird an meinem Geburtstag passieren?
Je näher der Tag kommt, desto tiefer versinke ich in trüben Gedanken. Vielleicht sollte ich ihn einfach ausfallen lassen. Wenn ich tief einatme und erst einen Tag später aus, ob er dann vorbei ist? Irgendwann sitze ich als Häufchen Trübsal da und frage den Chef, ob er den Geburtstagskelch nicht wenigstens dieses eine Mal an mir vorüberziehen lassen könnte?
Der Chef verdreht dann die Augen, stellt seine Kaffeetasse ab und schaltet die anderen Gebetsanforderungen auf stumm. Du wieder, sagt er, haben wir das nicht letztes Jahr schon besprochen? Und vorletztes? Und das Jahr davor auch?
Ja, schon, jammere ich, aber dieses Jahr, da ist es ganz anders, viel, viel schlimmer!
Ach. Noch schlimmer als in den Jahren davor?
Ja!
Tiefes Durchatmen. Nun. Du machst es wie jedes Jahr, du machst einen Plan. Überleg dir was. Und dann setz ihn um. Lade Freunde ein. Nimm dir frei. Mach einen Ausflug. Oder feiere auf der Arbeit, das hast du auch schon gemacht, du erinnerst dich?
Ach, die Arbeit… da ist doch gar keiner in diesen Zeiten… und zuhause? Wen kann ich schon einladen… die haben bestimmt alle schon was anderes vor…
Wenn du sie nicht fragst, wirst du es nie erfahren. Los jetzt, jammere nicht, schreib ein paar mails. Oder whatsapps oder wie ihr das gerade nennt… (und halblaut zu sich selbst: Und davon hab ich aktuell acht Milliarden, meine Probleme solltest du mal haben…)
Der Chef wendet sich ab, trinkt einen Schluck Kaffee (extra schwarz, ohne Zucker) und schaltet die anderen Gebetsanforderungen wieder auf laut.
Und ich? Ich bin immer noch jammerig. Andererseits, ein bisschen Planung kann ja nicht schaden. Vielleicht fange ich einfach mal mit einem Freund an und dann gucke ich, ob er zusagt, und wenn er zusagt, könnte ich ja noch einen zweiten einladen, und wenn der auch zusagt, ist alles schon gar nicht mehr so schlimm, und plötzlich ist der Tag viel heller.
Am Ende waren fast alle meine Geburtstage schön. Manchmal auch seltsam, aber nie so schrecklich, wie ich es jedes Jahr spätestens Mitte April befürchte. Beim nächsten Jahr allerdings bin ich mir da gar nicht so sicher, wer weiß, wie das werden wird…
Der Chef seufzt. Ich kann es bis hierher hören.

Kuchenbacken

Kuchenbacken ist eine schwierige Angelegenheit. Allein die ganzen Entscheidungen, die man treffen muss! Wenn ich mir zum Beispiel überlege, was das beste am Kuchenbacken ist: Die Überlegung, ob ich einen backe und wenn ja, welchen. Schokoladenkuchen oder einen anderen? Vielleicht ist auch das beste daran die Vorfreude. Oder das erste mal probieren? Auf jeden Fall in die engere Wahl kommt das Schüssel auskratzen und die Rührlöffel ablecken. Der Duft von Schokoladenpulver, das in den Teig gerührt wird, ist auch oben auf der Liste. Ach ja, der Duft, wenn der Kuchen backt! Wie es in der Wohnung von Verheißungen plötzlich nur so wimmelt! Oder vielleicht doch der Moment, wenn der Kuchen heiß und prachtvoll aufgegangen aus dem Ofen kommt? Die meisten würden vermutlich sagen, natürlich zählt nur der Moment, wenn man ihn noch warm anschneidet, er gelungen ist und man das erste Stück auf der Zunge zergehen lässt. Ich bin mir da nicht sicher. Ganz wunderbar ist auch der nächste Tag, wenn ich weiß, da ist ein Stück Schokoladenkuchen, das auf mich wartet.
Ach ja, all diese Entscheidungen. Ich sag´s ja, Kuchenbacken ist eine schwierige Angelegenheit.