Tau-Gedanken

Wenn du ein Tau hast, hast du vieles.
Vielleicht ist dir das nicht bewusst? Das macht nichts.
Ein Tau ist nicht einfach nur ein Tau. Ein Tau ist viele.
Am Anfang des Taus war die erste Faser, die zum Faden wurde. Aus drei oder fünf Fäden machte ein Mann mit rauen Händen und Geduld eine Litze, lang und schön. Die Litzen wurden zum Seil geschlagen, und aus dem Seil entstand am Ende das Tau.
Ein Tau ist viele.
Alle in ihm sind unauflöslich miteinander verbunden. Sie können sich dehnen und stauchen, strecken sich unter Belastung und halten große Kräfte gemeinsam aus.
Taue sind treu. Wenn du sie gut behandelst, dienen sie dir jahrelang ohne nachzulassen.
Wenn du ein Tau hast, hast du vieles.

Darf ich?

Seit einigen Tagen schon frage ich mich: Darf ich eigentlich im Moment überhaupt etwas anderes veröffentlichen als Texte über die aktuelle Lage? Sollte ich nicht auch einen Beitrag zu all den Texten über die Krise leisten? Beruhigen, Mut machen, Aufmunterungen verteilen? Nun, immerhin habe ich schon berichtet, wie der Schweinehund sich aktuell fühlt, und dann beschlossen, das reicht (außer, mir fällt noch irgendetwas vor die Füße zum Thema, man weiß ja nie, das Leben versteckt gern ab und zu Ostereier an unerwarteten Stellen). Zwischen den zweimal Nachrichten am Tag ist viel Platz für anderes, und vielleicht freuen sich auch andere über anderes. Wenn man schon zu Hause bleibt, möchte man sich ja vielleicht nicht jede Minute des Tages nur mit einem Thema beschäftigen. Voila! Ein paar der Minuten kann man hier verbringen. 🙂

Hast du was gesagt?

Hast du was gesagt?
Entschuldigung! Ich bin gerade nicht ganz da.
Ein Viertel von mir träumt vom Meer und vergräbt seine Zehen im scharfen Muschelsand.
Ein Achtzehntel ist im letzten Buch geblieben und lebt das Ende nach.
Zweidrittel meiner Nase stecken im alten Rosenstock der Nachbarn und ein Einundfünfzigstel denkt über den Krimi von gestern Abend nach.
Zweizehntel machen sich Sorgen über die Arbeit von morgen und fünfzig Prozent ärgern sich über die juckende Stelle am Rücken unten links, an die einhundert Prozent von mir nicht herankommen.
Aber ansonsten: Da bin ich ganz bei dir!
Was kann ich für dich tun?

 

Gänseblümchenengel

… Dann gibt es die weithin völlig unbekannte Unterengelart der sogenannten Gänseblümchenengel. Sie leben weit verstreut auf Wiesen und Rasenstücken aller Art und bewohnen die Blüten des gemeinen Gänseblümchens, auch bekannt unter den Namen Tausendschön, Maßliebchen etc. (lat.: Bellis Perennis).
Die Gänseblümchenengel leben dauerhaft in den von ihnen gewählten Blüten und bleiben auch in der Nacht oder bei Regen standorttreu, vermutlich weil die Blütenblätter sich ebendann schützend schließen. Eventuell schließen die Blütenblätter sich, weil sie bewohnt sind, dies ist aber lediglich eine unwissenschaftlich begründete Annahme und noch weitgehend unerforscht.
Gänseblümchenengel gehören zu den eher unauffällig tätigen Unterengelgattungen. Ihre Wirksamkeit ist lediglich zu spüren beim direkten Beliegen einer Wiese ohne schützende Decke zwischen Rasenpflanzen und Haut. Wer sich diesem Risiko in heutigen Zeckenzeiten aussetzt, wird belohnt durch anhaltende Glückseligkeit und dem Wiederkehren glücklicher Kindheitserinnerungen. Auf diesem Gebiet liegen die ureigensten Fähigkeiten der Gänseblümchenengel. Sie werden ohne Auffälligkeiten wie Strahlenkranz, Lichterscheinung oder Gesang direkt weitergegeben. Weitere Tätigkeiten des Gänseblümchenengels sind nicht bekannt oder noch nicht hinreichend erforscht. Für sachdienliche Hinweise in dieser Richtung sind die Verfasser dieses Artikels dankbar. …

(für Karin 🙂 )

Abendlese

Abends mit dem Tag hadern, weil man nicht im Ansatz das erledigt hat, was erledigt werden sollte. Und der Tag sich schwer wie Blei angefühlt hat, kein Flow, nirgends.

Dann überrascht feststellen, dass man es trotz Nicht-Flow geschafft hat, über den Tag verteilt ein Dreiviertelbuch zu lesen.

Kurz überlegt, wann zum Geier man all die Seiten verschlungen hat und sich erinnert, es gab da diverse Sesselzeiten in der Sonne.

Leicht widerwillig die Ansicht zum Tag revidiert. Ganz so übel kann er wohl doch nicht gewesen sein.

Eine ganz wunderbare Illustration aus dem Buch „Das Buch“ von Burkhard Spinnen, die hier perfekt passt.

Über die Angst, aus der Reihe zu tanzen

Über die Angst, aus der Reihe zu tanzen

Was, wenn du den Takt verlierst?
Wenn du den Rhythmus nicht hältst?
Wenn du sichtbar wirst?
Alle auf dich schauen?
Was, wenn du kein Teil des Ganzen bleibst?
Wenn du zum Einzelstück wirst?
Nicht wie alle bist?
Was, wenn du dich anders bewegst?
Dich linksherum drehst statt geradeaus?
Du andere störst?
Langsamer bist?
Still stehst?
Dich umsiehst?
Was, wenn du zuviel denkst?
Tanz!

Der Dienstag dichtet! 🙂  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch Wortgeflumselkritzelkram, Mutigerleben, Werner KastensFindevogel und die Wortverzauberte sind mit von der Partie. Schaut doch mal bei ihnen vorbei!

Glücklichkeiten am Morgen

Wach! Ich bin wach!
Und schlafe nicht wieder ein!
Frühmorgendliches Retten einer Motte mittels Glas und Papier.
Es wird hell.
Selbst die Zeit ist heute hell.
Ein Frühstücksei völlig außer der Reihe.
Nachhallende Freude über eine vorabendliche Entscheidung.
Zwei Zwetschgen ganz ohne zwitschernde Schwalben zum Tagesstart.
Die Kerze vor der Postkarte.
Sich aller Glücklichkeiten bewusst sein.

Ich hätte das auch poetischer gestalten können, aber es war so schön echt auf diese Weise, also habe ich es (fast) in der ursprünglichen, ersten Form gelassen.

Der Dienstag dichtet!  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch Wortgeflumselkritzelkram, Mutigerleben und Werner Kastens sind mit von der Partie. Wer den Dienstag also mit Gedichten beginnen will: Herzlich willkommen!