November

Griesgrämig zupft der Wind die letzten Blätter von den Ästen, zerrt sie lustlos durch die Luft und schubst sie schließlich in die Pfützen auf den Bürgersteigen. Selbst der Wind ist schlecht gelaunt im November. In den Straßenbahnen riecht es nach feuchter Wolle und Kamillentee, und die Menschen stapfen mit eingezogenen Köpfen über regendunkles Pflaster.

Wie ein gräulicher, ausgetretener Teppich hängt der Himmel über den Häusern, Nebel- und Regenschwaden lösen sich aus ihm, und die Drogerieketten steigern ihren Umsatz an Taschentüchern und Ersatzschirmen. Der blaugoldene Oktober verblasst langsam im Gedächtnis, Weihnachten ist noch weit entfernt. Nein, niemand mag den November.

Fast niemand. Angesichts all der miesepetrigen Laune um mich herum habe ich fast ein schlechtes Gewissen, es zuzugeben: Ich kuschele mich in diesen Monat ein wie in eine warme Decke. Niemals ist es so schön, nach Hause zu kommen, sich einen Tee aufzubrühen und überall warmes Licht einzuschalten. Die Zugfahrten wirken wie eine Entspannungskur. Draussen beherrschen Grautöne die Welt, keine einzige Farbe verlangt Beachtung, kein strahlend blauer Himmel fordert mich auf, etwas zu unternehmen. In den Parks ist es still, ein paar Unentwegte führen ihre Hunde aus, ansonsten habe ich die Sandwege für mich. Kein Fahrrad fährt mich von hinten fast um. Unter dem glatten Wasser des Wallgrabens träumen die Karpfen, und ab und zu legt sich ein weiteres, gelbrotes Blatt leise auf die Wasseroberfläche. Die Luft ist feucht, es riecht nach Laub und Erde. Wasserstaub schwebt in der Luft und hängt kleine Gewichte an meine Wimpern. Diese Jahreszeit legt sich dämpfend auf das Gemüt, beruhigt die Nerven und lässt der Vorfreude auf den Dezember großzügigen Spielraum.

Der November ist ein Künstler, er zelebriert die Tristesse mit großer Grandezza, und er genießt seine Auftritte. Egal, ob es dramatische Inszenierungen in Grau sind, sanfte Nebelgesänge oder tränenreiche, schwarze Tage – er gibt alles, und manchmal drückt er sich nach einem dieser Tage vor dem Fenster meines Zuges herum, linst mit einem Auge durch das schlierige Fenster und fragt erwartungsvoll: Na? Wie war ich? Ich lächle dann, lehne mich zurück und betrachte träge die erdigen Felder, die an mir vorbeifliegen.

Wie alles andere hat auch der November seine Zeit, und er nutzt sie mit Hingabe. Ob ich seine Kunst mag oder nicht, ist Geschmackssache, aber man kann ihm nicht vorwerfen, dass er nicht alles geben würde. Im Rahmen seiner Möglichkeiten tut er große Dinge, und es liegt an mir, ob ich sie würdige. Oder eben nicht.

Experimentelles Kochen

Und dann war da noch die Rote-Beete-Tomaten-Suppe.

Wenn man auf einem Jugend-Zeltlager für fünfundachtzig Teenager und vierundzwanzig Mitarbeiter kocht, geht man eher weniger Risiken ein. Nudeln mit Bolognese-Sauce, Currygeschnetzeltes, dazu eine vegetarische Variante und Früchtequark, das geht immer, und es gucken dann höchstens fünfzehn Teenies kritisch, der Rest isst es klaglos, vermutlich auch, weil die Tage anstrengend, wundervoll und lang sind und nur Schokoriegel und Coca-Cola irgendwann doch langweilig werden. Unser Küchenteam gibt sich da keinen Illusionen hin, aber wir kochen gern und auch gut, wenn ich die verputzten Mengen hochrechne.

Aber ich gebe zu, es juckt mich jedes Mal, wenn ein neues Camp ansteht, und so gibt es in den morgendlichen heißen Kakao nicht nur Kakao, sondern auch eine Prise Salz und Zimt. Der Quark wird mit Sahne und Vanillesauce gemischt und das Obst darin ist frisch geschnitten. Zu den Kartoffeln gibt es einen Dip aus Sauerrahm, Kräutern und frischer Paprika und in den Lagerfeuer-Tee kommt weißer Pfeffer, damit er wärmt. Mittlerweile habe ich gelernt, diese kleinen Sonderzutaten nie zu erwähnen und einfach die Reaktionen abzuwarten. In der Regel sind sie positiv, die meisten merken nicht einmal etwas, sie freuen sich nur, dass es gut schmeckt.

Dieses Mal aber hatten wir einige Liter Gemüsesaft von einem Programmpunkt übrig. Was macht man auf so einem Zeltlager mit Tomaten-, Rote-Beete-, Karotten- und Sauerkrautsaft? Wir boten die Säfte zum Frühstück an und ernteten angeekelte Blicke. Wir versuchten es ein weiteres Mal zum Abendessen und die Teilnehmer machten einen weiten Bogen um den Tomatensaft. Vom Sauerkrautsaft ganz zu schweigen. Also wegwerfen? Oder zu den am Ende übrig gebliebenen Lebensmitteln geben und auf leiderprobte Abnehmer hoffen, die nichts wegwerfen können? Nein. Ich wollte darauf vertrauen, dass es ein paar mutige Menschen in dieser hundertköpfigen Schar gäbe, die ein ungewöhnliches Essen zumindest ausprobieren würden. Und kochte eine tief pinkrotfarbene Tomaten-Rote-Beete-Karotten-Sauerkaut-Kartoffelsuppe mit Sahne, Frischkäse, Pfeffer und Salz. Sie war wirklich lecker, fruchtig und würzig und scharf, aber eben auch so ungeeignet für ein Jugendcamp, wie man es sich nur vorstellen kann. Nichts an dieser Suppe war dafür gemacht, Teenagern zu gefallen – zu suppig, zu pink, zu rot gefärbte Kartoffelstücke, viel zu exotisch, ein Fremdkörper zwischen gebratenen Nudeln, Brot mit Käse oder Wurst und Apfelspalten.

Die ersten fünfundzwanzig Teenies schlichen an meinem Topf vorbei, guckten misstrauisch und gingen schnell weiter, bevor ich sie auffordern konnte zu probieren. Dann stockte die Schlange vor dem Frischkäse und der Butter und die nächsten zehn Teenies mussten zwangsweise vor mir stehenbleiben. Die Gelegenheit, um Werbung zu machen! Ich pries die Suppe an wie himmlisches Manna und ein paar Teenies guckten interessiert in den Topf, gingen dann aber doch lieber weiter zu Brot und Bananen. Entmutigt rührte ich in meiner schönen, dampfenden Suppe, als ich plötzlich auffordernd einen Teller unter die Nase gehalten bekam. Überrascht sah ich auf und fragte sicherheitshalber nach, und ja, sie wollte! Klar würde sie probieren! So schlimm würde es schon nicht werden! Und dann zog sie mit ihrem Teller davon. Die nächsten in der Schlange sahen verwirrt von mir zu dem Mädchen mit dem Teller und dann zum Topf und wussten nicht, was sie nun tun sollten: Probieren? Weitergehen? Vielleicht etwas verpassen? Risiko? Ein Junge hielt mir reflexartig seine Schale hin und ich nutzte die Chance: Bevor er ihn zurückziehen konnte, hatte er eine Kelle voll pinkfarbener Suppe darin. Und damit war der Bann gebrochen. Insgesamt teilte ich etwa sechs Liter Tomaten-Rote-Beete-Suppe aus, ein Liter blieb übrig, ein paar Abnehmer kamen zweimal, ein Mädchen hat sie tapfer aufgegessen, obwohl sie sie schrecklich fand, aber alle waren fasziniert von der ungewöhnlichen Farbe.

Letztendlich hat es einen Menschen in dieser Gruppe gebraucht, der bereit war, ein Risiko einzugehen, und dann sind ihm andere nachgefolgt. Ich bin nicht sicher, ob irgendjemand trotz all meiner gut gemeinten Werbeworte probiert hätte, wenn dieses eine Mädchen nicht gewesen wäre. Ein kleines bißchen Mut an der richtigen Stelle kann etwas auslösen, doch, das geht. Die Rote-Beete-Tomaten-Suppe hat es mir live vorgeführt. Ich werde sie in guter Erinnerung behalten.

Wenn …

Wenn…

… ich morgens um zehn schon wieder müde bin
… meine Lieblingsband nervt
… der verschwundene Autoschlüssel mich in Tränen ausbrechen lässt
… ich gereizt bin weil der Wind falsch weht
… Autofahrten mich melancholisch an verschwundene Kindheitsstätten erinnern
… Freunde all ihre schlechten Seiten zeigen
… der Alltag ein langes, graues Band ist
… niemand mich mehr mag
… es nur noch regnet
… dann weiß mein Herz, die Welt ist eine trostlose Einöde mit gelegentlichem Stechmückenbefall. Und das wird sich nie, nie wieder ändern.

 

Aber zum Glück gibt es auch meinen Kopf. Und der weiß, mein letzter richtiger Urlaub war vor dreizehn Monaten.

Es wird Zeit. Noch fünf Wochen.

 

Wenn…
… fünf Wochen länger als die Ewigkeit dauern
… alle, alle schon vor mir Urlaub haben
… der letzte Keks an jemand anderes ging
… seufz

Unterwegs mit der Freiheit

Hamburg, 13. Mai 2017, Reeperbahn, Große Freiheit

Was ist denn, Schatz? Du siehst nicht glücklich aus. Geht´s dir nicht gut?

Ach… du denkst, ICH wäre nicht glücklich, weil wir hier sind, auf der Reeperbahn? Aber warum sollte ich hier unglücklich sein? Es gibt hier nicht mehr und nicht weniger von mir als – ach, sagen wir in Blankenese oder Harburg. Glaub mir, du wüsstest das, wenn du hinter die Fenster sehen könntest.

Die Leute, die hier zum Feiern herkommen, sind freiwillig da. Gut, der ein oder andere wurde vielleicht von seinen Freunden gezwungen, aber die große Masse kommt, weil sie das so will. Beste Bedingungen für mich! Und die, die hier in normalen Geschäften arbeiten, sind auch überwiegend freiwillig da. Niemand zwingt sie zum Bleiben, für viele ist das hier Heimat, und sie lieben ihren Kiez.

Du hast allerdings Recht, hier gibt es auch Fälle, da bin ich wütend und möchte alle Ketten sprengen! Sofort! Da frisst mich die Ungerechtigkeit auf, aber trotzdem: Auf der Reeperbahn ist längst nicht alles unfrei.

Hm. Du siehst immer noch nicht glücklich aus. Habe ich etwas gesagt, das dir nicht gefallen hat? Weißt du, du sprichst hier nicht mit der Gerechtigkeit, oder der Gleichheit, und auch nicht mit der Moral, nein, mit der absolut nicht. Ich bin die Freiheit, mir geht es darum, dass Menschen ihre Entscheidungen, wofür auch immer, selber treffen dürfen.

Manche Menschen sagen, wenn es zu viel von mir gibt, endet alles im Chaos, aber du kannst dir denken, dass ich das anders sehe, oder? Und außerdem: Dafür gibt es ja die anderen, die Gleichheit und die Moral und die Gerechtigkeit und wie sie alle heißen.

Und jetzt komm, lass uns einen Kaffee zusammen trinken gehen, wer weiß, wie lange ich noch bei dir bin! Nimm dir die Freiheit!

(sie fasst mich am Arm und zieht mich kichernd mit sich fort)

Meine Freiheit

Hamburg, 13. Mai 2017, Altonaer Strand, Sand zwischen den Zehen

Meine persönliche, kleine Freiheit setzt sich aus vielen Einzelteilen zusammen. Aufstehen und den Platz wechseln dürfen, weil es zu warm ist, ist so ein Teilchen. Den Arbeitstag selber gestalten – wann mache ich was? Allgemeine Vorschriften sind wichtig, klar, aber innerhalb dieser Regeln möchte ich mich frei bewegen dürfen. Ich mag es nicht, wenn mir jemand unbedingt seine Sicht der Dinge aufdrücken will. Ein Beispiel: Warum darf ausschließlich nach einem System abgelegt werden? Wer sagt das? Gab es da einen Volksentscheid, den ich verpasst habe? Wenn aus einem Papierstapel zweimal im Jahr etwas gebraucht wird und dann nie wieder, warum soll ich dann auch noch innerhalb der einzelnen Buchstaben nach Alphabet ablegen? Eine Kleinigkeit, ja, aber solche Dinge möchte ich selbst entscheiden dürfen.

Freiheit setzt sich zusammen aus der Summe der einzelnen Entscheidungen, die ich selber treffen darf. Je weniger, desto weniger Freiheit. Kompromisse sind nötig, ja. Zusammenleben funktioniert sonst nicht. Aber Kompromisse um jeden Preis? Ich weiß nicht. Den Preis möchte ich eigentlich selbst bestimmen dürfen.

Ich sehe was, was du nicht siehst

Hamburg, 13. Mai 2017, Altonaer Balkon

Dunstig hängt das Licht über dem Hafen, eine Ahnung von Blau zwischen den Wolken. Schafgarbenwellen duften, und tief unten schieben sich zwei Holzmasten an der Mole vorbei. Ein Brummen liegt über allem, ein leises Tosen; Hamburgs Hafen atmet. Dutzende Kranarme ragen wie ein erstarrtes Ballett in die weiche Luft, ab und zu glänzt ein Stück Stahl im Licht und sendet ein kleines Signal: Hier wird gearbeitet.

Über die Köhlbrandbrücke fahren winzige LKW, dahinter schieben drei Schornsteine Wasserdampf in den Himmel. Barkassen, ein Raddampfer und Segelschiffe ziehen vorbei, ab und zu wird ein Containerschiff behutsam geleitet. Das Wasser bewegt sich unablässig.

Hinter meiner Bank wird gejoggt, gegrillt und diskutiert, der Sandboden knirscht, wenn jemand vorbeigeht.

Es ist schön hier.

Hängematte

Stell dir vor, dein Leben wäre ein großer Baum, und deine Komfortzone, das ist die gemütliche Hängematte am Ast unten rechts, gleich neben dem Eichhörnchenbau. Da liegst du am Abend und manchmal auch am Mittag und schaukelst gemächlich vor dich hin, während der Wind leise durch die Äste weht. Es ist nett da in der Hängematte, ein kühles Getränk steht bereit und die Sonne wärmt dich von oben.

Das einzige, was dich stört, ist diese Hängebrücke. Wie ein Mahnmal hängt sie am Baum, die Bodenplanken sehen verdammt morsch aus, die Halteseile sind ausgefranst und vom Alter gebleicht. Außerdem schwankt sie beim leisesten Schritt, du hast es ausprobiert, am anderen Ende der Hängebrücke wartet nämlich dein Traum. Ja! Dein Traum! Du kannst ihn sehen, er ist ganz klein und bunt und steht schon ewig auf der anderen Seite.

Du findest, es wäre wirklich nett, deinen Traum mal zu treffen, aber: Da ist diese Hängebrücke, die alles andere als einladend aussieht. Dieses Geknarze, wenn du an den Seilen rüttelst! Und jedesmal rieselt Staub von den Holzplanken in den Abgrund (dein Baum ist hoch), wenn du probeweise einen Fuß auf die Brücke setzt. Herrje! Du müsstest wirklich deine Hängematte, deine Komfortzone verlassen und dieses Risiko eingehen! Du bist nicht bereit dafür.

Und so verbringst du einen weiteren Tag in der Hängematte, nippst an deinem Drink und schließt die Augen, um den kleinen, bunten Traum nicht sehen zu müssen, der auf der anderen Seite aufgeregt winkt.

Was könnte dich in Bewegung setzen? Wie groß müsste der Anreiz sein?

Was wirst du tun?