Erkenntnisse einer Pilgerin

Fliegen verscheuchen. Eine Bremse erschlagen. Spitze Steine aus den Schuhen schütteln. Meine Erkenntnisse gerade jetzt im Moment sind eher aggressiver Natur. Der Weg ist das Ziel? Aha. Aktuell ist der Weg von mannshohen Maisfeldern gesäumt und das Ziel etwas öde.

Positiv denken, ermahne ich mich streng und stolpere prompt mit meinen pilgerungeeigneten Schuhen in eine tiefe Spurrille. Schon wieder stehe ich mit schlackernden Fußbewegungen zwischen zwei Maisfeldern und sehe aus wie eine Volkshochschulteilnehmerin im Kurs „Achtsames Tanzen“, Teil 1.

Die Sonne brennt. Schweiß läuft in meinen Nacken. Die Fliegen freut´s, ich finde es eher suboptimal. Tapfer laufe ich weiter. Da! Ein Fluß! Wie schön! Es gibt leider nur Bodensitzgelegenheiten, also lasse ich mich nieder und mache die Bekanntschaft der Bewohner dieses Ortes, zahllosen kleinen Raupen.

Etwas später kommt eine forsche Spaziergängerin mit Hund vorbei, die mich fragt, was um Himmelswillen ich da machen würde? Da hinten hätte auch schon eine mitten im Stoppelfeld gesessen? Ich erkläre ihr stolz „schreiben!“, sie schnauft, rennt mit ihrem Hund weiter und ruft mir über die Schulter zu: „Und ich dachte, ich hätte mir jetzt ein schönes, selbstgemaltes Bild ansehen können!“

Der Rest des Tages war dann doch noch ganz nett. Abgesehen von Insekten gab es noch einen Graureiher, Schwalben und einen Eisvogel. Und zwei Paddler, die fast in den Seerosen gekentert wären. Selbstverständlich wäre ich ihnen sofort zu Hilfe geeilt, nachdem ich die kleine Begebenheit aufgeschrieben hätte. Eine Pilgerin tut so etwas, selbst dann, wenn sie gerade von Stechfliegen fast umgebracht wird.

Eine sogenannte fiese Stechfliege – sieht harmlos aus, piekst einen aber andauernd.

Heiß.

Es ist so heiß.

So heiß. Heiß, heiß, heiß.

22.30 Uhr, draußen 29,5 Grad, drinnen leider auch.
Naja, immerhin etwas: Es ist egal, ob ich draußen oder drinnen bin.
Normalerweise rasten alle sofort aus, wenn auch nur ein einziger Sonnenstrahl draußen den Bürgersteig küsst und befinden sich am Rande der Hysterie, wenn sie nicht sofort rausgehen und sich diesen Sonnenstrahl ins Gesicht scheinen lassen können. Ich bin da ja eher zurückhaltend. Sonne ist schön, durchaus, aber Regen finde ich auch ganz nett. Und Wolken können so hübsch sein. Ich persönlich schätze es ja auch, wenn es draußen grün ist. Dieses bräunlich-beige Etwas, was im Moment anstelle des Rasens den Boden bedeckt, ist eher nicht so meins.

Auffällig heute: Große Zurückhaltung beim Flanieren über die Bürgersteige. Selten war es so unbelebt wie heute. Und so heiß wie heute auch nicht. Ich habe freiwillig dreimal die Wohnung verlassen (wie schon gesagt – drinnen ist es ähnlich heiß wie draußen), und hab es überlebt. Knapp überlebt, aber immerhin. Nun sitze ich hier und hoffe auf Abkühlung, die Luft draußen lacht hämisch und weht heiß durch alle Zimmer.

Es ist so heiß. Mein Hirn weicht auf. Schneller als ich schwitzt hier niemand.

Bis es wieder kühler wird, habe ich beschlossen, dass das hier mein neues Grundnahrungsmittel ist. Ein kühler Lichtblick!

Zeitreise

Neulich habe ich einen Ausflug in eine andere Zeit gemacht. Zusammen mit Freunden war ich bei einem Rudelsingen in einem Dorf hier in der Nachbarschaft. Das Dorf hat ein paar hübsche Lädchen, einen Edeka, eine Ampel und das alte Gasthaus, dessen großer Saal gut restauriert ist, mit mächtigen alten Holzbalken, Stäbchenparkett und weißen Wänden. Dort findet in regelmässigen Abständen das Rudelsingen statt, und weil ich Singen liebe, dachte ich, das könnte man doch mal ausprobieren.

Es kamen gut siebzig Leute, überwiegend grau- und weißhaarig, teils geübte Sänger aus einem untergegangenen Chor, teils ungeübte aber eifrige Gernsinger. Siebzig Leute in einem Dorf am Montagabend – das ist wirklich nicht schlecht. Es gab fotokopierte Liedblättchen für 50 Cent, dazu selbstgebackenen Marmorkuchen, weil sie beim letzten Mal „Marmor, Stein und Eisen bricht“ gesungen hatten. Als es losging, warf ich vorsichtige Blicke auf meine Begleiterinnen, denn das Programm im 50 Cent Heftchen sah etwas andere Lieder vor, als ich gehofft hatte, eine Mischung aus populären Liedern aus den fünfziger und sechziger Jahren und Volksliedern, dazu einige neuere Stücke im selben Stil. Die Texte – eieiei. Sag Dankeschön mit roten Rosen, ja, durchaus, aber das Frauenbild in dem Lied ist dann doch ein klein wenig gestrig. Aber: Es herrschte durchweg gute Laune im Saal, niemand störte sich an Liedauswahl oder Texten, und so nach und nach wurde mir klar, dass wir gerade eine Zeitreisemaschine betreten hatten. Die Anwesenden bewegten sich in einer Parallelwelt, in der es völlig normal war, dass die Frauen zuhause blieben und sich um die Kinder kümmerten, in der man selbstverständlich textsicher deutsches Liedgut sang, in der die Mundorgel jedem ein Begriff war. In dieser Zeit ist es auch normal, dass es keinen Beamer oder PC gibt, sondern kopierte Textblätter und das der Abend weit von Perfektion und Fernsehwirklichkeit entfernt ist. Man kennt sich, kauft Schuhe und Kleidung im selben Laden, die Frisuren ähneln sich. Zusammen ist man alt geworden, hat die Vorlieben aus der Jugendzeit bewahrt und macht mit Begeisterung das, was man schon seit Jahren tut: Singen. Und moderieren, Soli singen und noch einmal in der Menge baden und Applaus bekommen, und zumindest das scheint dann in beiden Welten gleich gut zu funktionieren.

Trotz allem Unperfekten kann ich nichts finden, was an dem Abend verkehrt war. Wir haben die Lieder mitgesungen, soweit wir sie kannten, das Gehirn ausgeschaltet, und so war es ein besonderer Abend. Es fehlten nur die hübschen Kleider aus den Fünfzigern, und eine Milchbar wäre auch nicht übel gewesen. Aber dafür gab es Marmorkuchen und Einblicke in eine Parallelwelt. Ich frage mich, wie wir wohl in dreißig Jahren auf Jüngere wirken werden – und was werden wir singen? Adele? Roger Cicero? Udo Jürgens? Ich für meinen Teil hätte nichts dagegen, wenn „Sah ein Knab ein Röslein stehen“ dann auch wieder mit dabei wäre.

Nichts weiß ich

Wenn man erst mal ein fortgeschrittenes Alter erreicht hat (so wie ich), dann meint man ja, man kennt die Menschen. Warum sie Dinge tun. Oder lassen. Vom Standpunkt der weisen Alten herab lächelt man milde und blickt entspannt hinter die Kulissen, denn die eigene Lebenserfahrung erlaubt einem tiefe Einblicke in das Leben anderer Menschen. So weit, so gut.

Heute Abend fuhr ich gemächlich mit dem Fahrrad durch die Stadt, um am Fluss zu verweilen und mich meiner Altersweisheit zu erfreuen, als mich plötzlich von der einen Seite ein Polizist anpfiff, während sich auf der anderen Seite zwei schwitzende, keuchende Jogger vor mein Rad warfen. Zumindest schien es einen Moment lang so, wobei ich das durchaus verstanden hätte, ich meine: Joggen? Wer macht denn so was freiwillig? Aber egal, so war es natürlich nicht, die Jogger verschwanden nach links, nachdem sie mir böse Blicke zugeworfen hatten, und während der Polizist mich aus der Bahn scheuchte, begriff ich endlich, dass ich mitten in der Laufstrecke des Stadtmarathons stehengeblieben war. Interessant! Mögliche Feldstudien! Zwei Minuten (und acht kreuzende Jogger) später saß ich auf einer Bank an der Laufstrecke. Eine halbe Stunde später saß ich immer noch da, fasziniert und mit der Erkenntnis, dass ich überhaupt nichts weiß über andere Menschen.

Joggen ist super, das kann man überall nachlesen, gut für die Gesundheit, die Fitness und so weiter, und bei einigen Läufern sah das tatsächlich auch so aus, federnd und athletisch rannten sie mit raumgreifenden Schritten an mir vorbei, und ich fühlte mich unweigerlich an Gazellen im Sprung erinnert. Die sehr viel größere Mehrheit allerdings keuchte schwitzend unter Schmerzen am Rande der Verzweiflung an mir vorbei, und wenn Blicke töten könnten, wären alle Schlachtenbummler am Rand der Strecke mit ihren aufmunternden Rufen vermutlich geradewegs in der Hölle gelandet. In der Joggerhölle, ohne Wasser und barfuß. Bei einigen hatte ich das dringende Bedürfnis, kühlen Saft und warme Handtücher zu reichen und tröstend über den Rücken zu streichen. Andere hätte ich am liebsten direkt in den Rettungswagen verfrachtet. Eine Frau mittleren Alters rief den Begleitfahrradfahrern verzweifelt zu: „Bin ich die letzte? Ich will nicht die letzte sein!“, während sie von einem der Gazellenläufer graziös überrundet wurde. Einer der Läufer stieß alle zehn Sekunden eine Art Schrei aus, der an alte King Kong-Filme erinnerte, und zwar in der Szene, wenn er auf der Spitze des Wolkenkratzers sitzt und auf seine Brust trommelt.

Um es zusammenzufassen: Es war ein Erlebnis. Und ich weiß jetzt, dass ich nichts weiß. Ich habe absolut keine Ahnung, warum Menschen joggen, wenn sie keine Gazellengene besitzen. Andere Menschen sind unbekanntes Gelände. Aber (und ich hob meinen altersweisen Zeigefinger): Da kann man schöne Ausflüge zusammen machen, in das unbekannte Gelände. Aber nur gehend, und niemals, unter keinen Umständen, joggend!

Glücklich sein

Und dann war es wieder da, dieses Gefühl von Glücklichsein, und das, obwohl der Tag nicht perfekt verlaufen war, nicht, wie er eigentlich nach meiner Vorstellung davon sein sollte, mit viel Zeit, Gelassenheit, einem Buch und genug Zeit, um gemütlich zu frühstücken. Stattdessen hatte der Tag viel zu früh angefangen, artete schon vor sieben Uhr morgens in Hektik aus, weil ich zu viele Dinge in zu wenig Zeit stopfen wollte, was natürlich nicht gelang, und während ich meine Tasche packte, zu heißen Tee trank und noch überlegte, welche Schuhe ich anziehe, klingelte es auch schon an der Tür. Überhaupt war ich ganz und gar im Zweifel, was die Pläne dieses Tages anging: Wollte ich das wirklich? Hatte ich nicht viel zu schnell zugesagt, im ersten Eifer nicht nachgedacht? Immerhin musste ich am nächsten Tag schon wieder arbeiten, sollte man da wirklich den ganzen freien Tag für andere verplanen?

Und dann passierte das, was mir häufiger passiert: Im Tun wurde alles immer besser. Und besser! Vielleicht ist das so, wenn man das macht, was einem wirklich gefällt: Singen. Schreiben. Zuhören. Gemeinsam arbeiten. Vögel belauschen. Eis essen mit Freunden ohne Sinn und Zweck. Das Tun steigt auf wie ein Vogel in die Luft, schwebt und fliegt und über allem liegt ein Glanz und man ist glücklich. Und der Schöpfer lächelt. Vielleicht sollte man viel öfter einfach tun ohne groß zu fragen, ob das denn auch sinnvoll, maßvoll und passend sei. Und dann sitzt man da, nach getanen Dingen, und guckt zu, wie das Glück aufsteigt, leicht wie eine Feder, geboren aus dem, was einen den Tag über erfüllt hat. Und draußen, gegenüber auf dem Dachgiebel, singt eine Amsel ihr Abendlied, das auch aufsteigt und sich mischt mit dem Glück. Braucht man mehr?

Domweih II

Heute Abend müde aus dem Zug gestiegen. Auf dem Weg nach Hause werde ich von einem Mann überholt, der einen großen Luftballonschlumpf an einer Schnur hält. Der Schlumpf ist fast größer als er, ich übertreibe hier natürlich absolut nicht, und er leuchtet fast schon unwirklich blau-weiß. Als der Mann mich überholt hat und vor mir wieder rechts einschwenkt (fast wie ein Auto nach dem Überholen, nur ohne den Blinker zu setzen, aber das kennen wir, ist auf der Autobahn ja auch nicht anders), zieht er die Schnur ein und den Schlumpf hinter seinen Rücken. Jetzt winkt er (der Schlumpf) mir bei jedem Schritt mit seinem kleinen blauen Arm zu und wippt dabei im Takt der Schritte seines Halters. Ich habe das untrügliche Gefühl, hier flirtet ein Schlumpf mit mir, und der Abend gleitet leicht ins Surreale ab. Prüfend sehe ich nach oben – ist der Himmel noch blau oder sehe ich da schon eine Spur Violett? Der Schlumpf winkt ekstatisch, als der Mann in leichten Trab fällt. Dann biegt er nach rechts ab, der Schlumpf lässt traurig den Kopf sinken, sein Arm knickt ab und wir verlieren uns aus den Augen.

Und nun treiben mich Fragen um. Wie kam der Mann an den Schlumpf? Warum war es kein Einhorn? Wo ging er hin und wer wartete dort auf ihn? Und – vermisst er mich? Der Schlumpf, meine ich. Fragen über Fragen. Und keine davon wird je beantwortet werden. Tragödien des Alltags!

Einrad

Dienstagmorgen, ein bißchen trüb, ein bißchen nieselig, lauter hastige Menschen, die sich nach Frühling sehnen. Es ist gefühlt viel zu früh am Morgen, mein Hirn ist noch nicht wirklich wach. Dann stehe ich vor meinem Fahrrad, gucke und merke: Irgendwas ist hier anders als gestern abend. Da fehlt doch… das Vorderrad!

Ich gucke und starre, mein noch schlafendes Hirn müht sich ruckelnd, diese unerwartete neue Information zu verarbeiten: Rad kaputt – Vorderrad weg – wer war das? –  warum? – hmmm – kann ich nicht doch irgendwie damit zur Arbeit… – ne, geht nicht – Fahrrad ohne Vorderrad ist nicht fahrtüchtig, Schatz!

Auf einmal bin ich wach. Und muss grinsen, trotz fehlendem Reifen. Ich sehe mich, wie ich unter der Hochstraße zwischen brausendem Autoverkehr stehe, aus dem morgendlichen Trott gerissen. Irritiert knirscht und knackt es in sämtlichen Gehirnwindungen, als Plan B für den morgendlichen Weg zur Arbeit herausgesucht werden muss. Und nein, das Vorderrad taucht auch nicht wieder auf, als ich den Lenker einmal probeweise anhebe und nachgucke.

Grinsend mache ich mich zu Fuß auf den Weg zur Arbeit. Es ist seltsam – eigentlich müsste ich doch sauer sein, aber jetzt habe ich wesentlich bessere Laune als vorher. Und als ich das Rad am Abend zur Werkstatt trage/schiebe, wird es wieder lustig: Noch nie hatte ich die Aufmerksamkeit so vieler Menschen auf den zweihundert Metern Bahnhofsweg, soviel Interesse, Getuschel und Blicke, sogar eine Mini-Unterhaltung zwischen einem Vater, seinem kleinem, höchst interessierten Sohn und mir ergibt sich.

Allzu oft möchte ich solche Aufmerksamkeit allerdings trotzdem nicht haben. Den Einbau eines neuen Vorderrads gibt´s nämlich leider nicht umsonst, auch wenn die Werkstatt meines Vertrauens sogar noch ein gebrauchtes Rad da hatte und mein Einrad jetzt wieder ein Zweirad ist.