Fräulein Honigohr und die Geschichte

Fräulein Honigohr ist müde. Gerade hat sie sich mit drei jungen Männern gestritten, und vielleicht war sie ein bisschen zu autoritär. Ach was, wem macht sie was vor, sie war genauso schrecklich wie die drei vorher zu ihr. Die Zeiten sind übel.
Sanft streicht sie über ihr Lieblingsbuch. Der Erzählstoff ist ihr ausgegangen, sie hatte gehofft, der Park würde ihn zurückbringen, aber da ist nichts.
Ein Schatten fällt auf ihr Gesicht. Vor ihr steht einer der jungen Männer, die sie hinausgeworfen hat. Er sieht unbehaglich aus. Fräulein Honigohr lehnt sich zurück.
„Also… äh… “ Der Mann windet sich. „Ich… tut mir leid.“
Fräulein Honigohr klopft mit der Hand auf die Parkbank. „Setz dich.“
Der junge Mann zuckt, als ob er lieber weglaufen würde, dann lässt er sich fallen und guckt auf seine Schuhspitzen. Irgendwann entspannt er sich. Ein kleiner Wind spaziert vorbei. Das Buch in Fräulein Honigohrs Händen vibriert. Sie richtet sich auf. „Hier, halt mal“, sagt sie, „ich glaube, du hast eine Geschichte für mich.“
Der Mann wirft ihr einen irritierten Blick zu, und da springt das Buch auf. Seine Seiten sind leer. Verständnislos guckt er auf die weißen Blätter.
Fräulein Honigohr hebt den Zeigefinger. „Warte“, sagt sie. Eine sehr kleine Hand taucht aus den Seiten auf, ein Kopf folgt und in Nullkommanichts hat sich eine weibliche Gestalt aus dem Buch gezwängt. Sie zieht einen Jungen hinter sich her. Zusammen spazieren sie über den Parkweg.
Der Mann starrt mit offenem Mund. „Das ist… das… “ stottert er.
„Pssst“, flüstert Fräulein Honigohr, „nur zugucken. Wenn dir was nicht gefällt, kannst du es später ändern. Ist ja deine Geschichte. Ok?“
Der junge Mann zittert und nickt. Er lässt die beiden winzigen Gestalten nicht aus dem Blick. Das Buch in seinen Händen seufzt vibrierend. Es sieht aus, als ob es lächeln würde.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden! Organisiert werden sie von Christiane mit ihrem Blog Irgendwas ist immer, vielen Dank dafür! Die Wortspende kam von Katharina und ihrem Blog Katha kritzelt, und sie lauteten: Erzählstoff, sanft und vibrieren, zu verwenden in maximal 300 Wörtern, was wie immer eine Herausforderung war. Soviele gestrichene Wörter, die jetzt weinend irgendwo herumirren! Das Leben ist hart. 😊

27 Gedanken zu „Fräulein Honigohr und die Geschichte

  1. Immer wieder bewundere ich Fräulein Honigohr, wie sie zum Katalysator wird und Geschichten sie umringen. Wie schön für den jungen Mann, möge es ihm etwas bedeuten. 🧡👍
    Ich wünschte mir, wir würden mehr erfahren 😎
    Herzliche Sonntagmittagkaffeegrüße 😀🌦️🌼☕🍪👍

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  2. Hach, mal wieder Fräulein Honigohr …
    So poetisch, so einfühlsam, so magisch. Würde ich auch gern mehr erfahren, wie Christiane? Ich glaube nicht. Es ist für gerade ein schöner Aspekt dieser Geschichte, dass so vieles nur angedeutet wird und sich trotzdem alles in magischer Weise miteinander verbindet.
    Es ist schön, mit so einer tollen Geschichte nach dem Mittagsschlaf wieder in den Tag zurückzukehren. Ich glaube ich muss sie gleich noch meinen jungen Männern und meinen Eltern vorlesen, die gerade alle beieinander sind…

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      • Junger Mann 1: Also ich hab eigentlich gar nichts verstanden.
        2: nachdenkliches Schweigen
        Vater: Das ist jetzt doch ziemlich weit weg für mich. Da komm ich nicht Recht mit
        Mutter: Ich glaube, da muss man gar nicht viel verstehen, es geht eher um die Gefühle.
        Insofern spannende „Vorlesung“, aber anscheinend nicht Jedermanns Sache. Muss ja aber auch nicht.
        Dir ne gute Woche!
        Stefan

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      • Oh-oh, ich hoffe, es war für dich nicht zu frustrierend! Für mich ist es sehr lehrreich, echt jetzt! Fräulein Honigohr ist eine bekannte Persönlichkeit für meine Leser, vielleicht setze ich zuviel voraus und neue Leser (Hörer) verstehen nur Bahnhof… damit werde ich mich beschäftigen müssen. Vielen Dank für das Feedback! 😍
        Liebe Grüße von Tanja 😊

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      • Liebe Tanja,
        ich finde, deine Geschichten mit Frl. Honigohr sind genau richtig so wie sie sind. Und so ging es mir von Anfang an, also auch als mir die Figur noch nicht vertraut war.
        Gerade die Tatsache, dass manches in poetischer Art nur angedeutet wird, statt alles zu erklären, macht deine Geschichten doch so zauberhaft.
        Und ich finde, meine Mutter hat es schon gut erfasst: Ich brauche weder zu verstehen, was zwischen Frl. Honigohr und den jungen Männern vorgefallen ist, noch wieso das Buch leer ist und ihr der Erzählstoff fehlt. Und trotzdem berührt mich die Geschichte auf der emotionalen Ebene tief. Gerade durch die poetischen Bilder, die noch der persönlichen Interpretation bedürfen.
        Kurz: Bitte opfere nicht die Poesie und den Zauber dieser Figur (und auch vieler anderer Geschichten) einem zweifelhaften Bedürfnis nach profaner Verständlichkeit!

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      • Nein, das werde ich nicht, das würde Fräulein Honigohr auch gar nicht zulassen. 😊 Aber vielleicht setze ich zukünfig einen Link auf die Fräulein Honigohr Seite, dann kann nachlesen, wer will und Zeit hat. Übrigens schult mich die 300-Wörter-Regel sehr, ich würde vermutlich etwas weniger andeuten, wenn ich mehr Worte zur Verfügung hätte. 😄

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  3. Ach, auch Fräulein Honigohr ist manchmal schrecklich?
    Wie tröstlichE.
    Und wie einmalig die Lösung des Ganzen.
    Ach Fräulein Honigohr, hier ist der erzählsoff nicht aus, in riesigen Ballen liegt er herum, man stolpert drüber und niemand findet Zeit die Geschichten zu nähen.
    Haben Sie davfür vielleicht auch eine Lösung?

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    • Oh ja, sie kann ganz schön schrecklich sein, sie weiß das und mag es nicht, und man (also ich) sollte das besser nur flüsternd erwähnen… ein wunder Punkt. Und nähen und Fräulein Honigohr sind zwei Dinge, die nur auf verschiedenen Kontinenten existieren können. Beide leiden, wenn sie in der Nähe des anderen sind… 😁 aber ich hatte da mal eine Näherin in einer Geschichte, die jetzt in Rente ist. Vielleicht würde die… ? 😊

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  4. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 16.17.22 | Wortspende von Ludwig Zeidler | Irgendwas ist immer

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