Schiffbruch

Schiffbruch

Du hast Schiffbruch erlitten. Gerade war das Wetter noch schön gewesen und die Sonne hatte geschienen, als plötzlich Wolken aufkamen und es anfing zu regnen. Es wurde stürmisch. Die Wellen zerbrachen dein Schiff, du konntest dich gerade noch ins Beiboot retten, und da sitzt du nun. Es ist kalt. Und naß. Dir ist übel, und der Wind hört nicht auf, dir Gischt ins Gesicht zu blasen. Du hältst dich links und rechts an der Bordwand fest, die Ruder sind dir abhanden gekommen. Du schließt die Augen. Ob das Wasser unter dir sehr kalt ist? Obwohl: Viel kälter kann dir nicht mehr werden. Du öffnest die Augen. Vor dir auf der Ruderbank sitzt ein dünner Mann mit gelben Gummistiefeln. Er hält mit beiden Händen einen Regenschirm fest und sitzt sehr aufrecht in deinem schaukelnden Boot.
„Hallo“, sagt er.
Du fantasierst. Das ist vermutlich der Anfang vom Ende. Aber egal, alles ist besser, als allein in deinem Boot zu sitzen, selbst ein dünner Fantasiemann mit Gummistiefeln.
„Hallo“, sagst du also.
„Darf ich mich vorstellen“, sagt der dünne Mann, „ich bin ihr Seenotrettungsengel.“ Energisch klappt er seinen umgestülpten Regenschirm zurück in die richtige Position.
„Oh“, sagst du. „Das ist… schön.“ Eindeutig. Du hast Untergangsvisionen.
„Nein-nein“, sagt der dünne Mann, „ich bin real. Ich kann natürlich auch wieder gehen, wenn Sie das wünschen.“
„Nein!“ sagst du hastig.
„Gut.“ Der dünne Mann sieht in den Regen, seufzt, klappt den Regenschirm zu und legt ihn sorgfältig neben sich auf die Ruderbank. Er kramt in den Innentaschen seines grauen Anzugs und holt eine Thermoskanne hervor, dazu zwei Becher. „Sie sehen aus, als ob Sie etwas Kakao vertragen könnten“, sagt er und hält dir einen vollen Becher hin.
Du müsstest eine Hand von der Reeling lösen, um ihn in die Hand nehmen zu können. Der Kakao dampft. Du spürst, wie kalt dir ist. Sicherheit gegen Wärme. Der dünne Mann wartet geduldig. Es duftet nach Schokolade und plötzlich ist dir nicht mehr übel. Vorsichtig löst du einen Finger nach dem anderen von der Reeling und greifst nach dem Becher. Er ist warm. Du nimmst einen Schluck.
„Gut“, sagt der dünne Mann. Ein Regentropfen hängt an seiner Nase. „Sie sind weit draußen. Der Sturm war heftig, was?“
Du nickst.
„Wollen Sie an Land?“
Du nickst wieder. „Ich hab die Ruder verloren“, sagst du.
„Ich würde eher sagen, Sie haben sie aus den Augen verloren“, sagt der dünne Mann und tippt außen an die Bordwand.
Mit äußerster Vorsicht lehnst du dich erst nach links, dann nach rechts. Du setzt dich aufrecht hin und starrst den dünnen Mann an. Deine Ruder hängen außen an den Bordwänden. Du hast sie nicht gesehen.
„Dafür bin ja ich da“, sagt der Mann und wippt mit den Gummistiefeln. „Wollen Sie dahin oder dorthin?“
Du guckst ratlos. Du siehst überall Wellen und nichts anderes. Aber wenn er es vorschlägt… aufs geradewohl zeigst du nach links.
„Gut“, sagt der Mann. „Dann wollen wir mal.“ Er greift sich das Ruder auf der rechten Seite und sieht dich auffordernd an.
Es dauert einen Moment, bevor du kapierst. Schnell trinkst du den letzten Schluck Kakao und nimmst das linke Ruder.
„Hilfe zur Selbsthilfe nennen wir das“, sagt der dünne Mann. „Sonst wäre es ja zu einfach.“
Ihr legt euch in die Ruder. Der Wind kommt jetzt von hinten.
„Von wo sind Sie denn gestartet?“ fragt der dünne Mann.
Und du fängst an zu erzählen.

Herr Miesling und Böller-Manni

Herr Miesling und Böller-Manni

Herr Miesling sitzt auf einer Bank und guckt vor sich hin, als Böller-Manni hinter einer Hausecke hervor kommt. Er guckt sich mißtrauisch um und geht mit schlurfenden Schritten auf Herrn Miesling zu. Zahllose Tüten rascheln an seinen fadenscheinigen Jeans. Irgendwo in einer der Tüten klappert etwas, als er sich mit einem Seufzer neben Herrn Miesling niederlässt.
„Na?“, begrüßt ihn Herrn Miesling, „wie isses?“
„Muss ja, muss ja.“
Sie schweigen einvernehmlich. In Böller-Mannis Schultern und Rücken zuckt es. Herr Miesling wartet. Er hat Zeit.
„Du?“
„Ja?“
„Du hast sie auch gesehen, nich?“
Herr Miesling nickt. Er nickt immer, wenn Böller-Manni ihm diese Frage stellt.
„Gut! Gut, gut…“ Über Böller-Mannis Gesicht zuckt Erleichterung. „Wenn jemand fragt, du weisst Bescheid. Du weisst Bescheid… das ist gut, gut…“ Sanft fährt er mit nicht ganz sauberen Händen über seine Tüten. „Sach mal… haste´n paar Euro? Ich brauch neue Böller. Sind nur noch drei da.“
Herr Miesling kramt in seiner Hosentasche und zieht einen zerknitterten Fünfeuroschein hervor. „Hier. Das machste prima, Manni. Wenn du nich wärst…“
Böller-Manni stopft den Schein ganz nach unten in eine der Tüten. „Ich weiß. Sie würden uns alle holen kommen! Aber ich, ich böllere sie weg!“
„Aber immer nur einen, hörste, Manni? Nich, dass die andern was merken.“
Böller-Manni nickt und beugt sich ganz nah zu Herrn Miesling. „Nur einen, immer um Mitternacht, das schlägt sie zurück!“
Herr Miesling nickt. „Wenn wir dich nich hätten…“
Ein Blitzlichtlächeln zuckt über Böller-Mannis Gesicht. Dann flüstert er: „Ich hab noch was entdeckt, weisste?“
Herr Miesling guckt besorgt.
„Hier!“ Böller-Manni kramt in der klappernden Tüte und zieht eine leere Konservenbüchse hervor. „Die mache ich jetzt auf jeden Pfosten! Dann können sie nicht landen! Die brauchen doch die Pfosten zum Landen! Erde ist ja giftig für sie!“
Herr Miesling nickt langsam. Das erklärt die zahllosen leeren Konservendosen, die neuerdings überall im Viertel auf Zaunpfählen stecken.
„Die funktionieren besser als Böller“, flüstert Böller-Manni ihm zu. „Aber erstmal mach ich weiter, sicher is sicher.“ Mit einem leisen Ächzen steht er auf und sammelt seine Tüten zusammen. „Ich muss weiter. Sind noch soviele Pfähle… “ Er nickt Herrn Miesling zu und schlurft klappernd davon.
Herr Miesling sieht ihm hinterher. „Müssen wir was machen?“ fragt er seinen Engel, der neben ihm steht.
Der schüttelt den Kopf.
„Meinst du, die Konservendosen machen es einfacher für ihn?“
Sein Engel nickt.
„Na dann“, sagt Herr Miesling.
Und dann guckt er wieder in die Luft. Er hat Zeit.

Der weiße Faden

Als ich morgens aufwache, liegt ein weißer Faden am Fuß des Bettes. Ich behalte ihn im Auge, während ich mich anziehe. Draußen ist es dunkel. Ich stecke zwei Mandarinen ein, nehme den Faden auf und folge ihm. Er führt in meine Schreibhefte und zieht mich hinter sich her. Ich werde zu Buchstaben, es piekst und kitzelt, dann bin ich hinter den Seiten.
Es ist dunkel, nur ein paar Fenster leuchten. Ich gucke in eins hinein und da schläft Herr Miesling. Er schnarcht leise, sein Engel liegt wach und unentspannt neben ihm. Als er mich sieht, winkt er und lächelt. Ich lächle zurück. Hinter dem nächsten Fenster läuft mein Schweinehund auf und ab und diskutiert mit mir. Oder ist es mein Spiegelbild? Ich klopfe ans Fenster. Mein zweites Ich sieht auf und lacht, mein Schweinehund wirft mir eine Kusshand zu.
Der Faden leuchtet weiß in der Dunkelheit, ich lasse ihn über meine Buchstabenfinger gleiten. Aus der Finsternis kommt der Goldfisch geschwommen und fragt, ob ich wüsste, wo der Weg sei? Er hätte sich verirrt. Ich deute vage mit einer Hand irgendwohin, der Goldfisch bedankt sich und schwimmt davon.
Der Faden führt mich durch ein Labyrinth von Gedichtzeilen, vorbei an der Halde der verworfenen und unvollendeten Geschichten. Sie leuchten grünblau und schweigen vorwurfsvoll. Ich komme an ein weiteres, erleuchtetes Fenster. Wellenbrink und Gnorm sitzen am Küchentisch, trinken schwarzen, süßen Kaffee und Likör. Sie sehen mich nicht.
Der Faden zieht mich weiter. Aus der Dunkelheit schält sich ein Cafétisch mit zwei zierlichen Eisenstühlen. Auf einem von ihnen sitzt Fräulein Honigohr. „Da bist du ja“, sagt sie, „ich warte schon endlos. Du hast zwei Mandarinen. Gibst du mir eine ab?“
Ich nicke, dann sitzen wir auf den Stühlen und schälen unsere Mandarinen.
„Und nun?“ fragt sie.
Ich zucke mit den Achseln.
„Herr Riebesiel ist da hinten auch noch irgendwo“, sagt sie. „Und Lucius. Janne auch. Du weißt doch wohl, was du zu tun hast, oder? Das Wasserschwein wartet seit letztem Jahr. Du kannst uns nicht im Stich lassen!“
Ich esse meine Mandarinenschnitze einen nach dem anderen. Fräulein Honigohr verschränkt die Arme. Sie guckt streng. Der Faden leuchtet weiß in der Dunkelheit und kringelt sich wie Seetang in der Strömung. Dann nicke ich langsam.
Fräulein Honigohr lehnt sich zurück. „Sehr schön“, sagt sie und schnippt mit den Fingern. Der Faden wickelt sich um meine Hand und zieht mich nach vorn, Neun stürzt an mir vorbei, ein paar Engel flattern aufgescheucht durch die Dunkelheit, dann finde ich mich in meinem Bett wieder.
Was für ein Traum! Ich reibe mir über die Augen. Oh! denke ich und schnuppere an meinen Fingern. Sie duften nach Mandarinen.

Der Wels und der Goldfisch

Am modrigen Boden eines Tümpels lebte ein griesgrämiger Wels. Die anderen Bewohner des Tümpels waren nach und nach verschwunden, aber das war nicht seine Schuld, er musste ja leben, oder? Der Rückweg durch die kleine Quelle war ihm versperrt, etwas, das er nicht hatte kommen sehen. Nun, man konnte nicht an alles denken. Alles in allem war dieser Tümpel ein Glücksfall gewesen, er war König seines kleinen Königreichs, auch, wenn er aktuell recht wenig fressbare Untertanen hatte.
Müßig nagte er an den Angelhaken, die in seinem Unterkiefer steckten und ihm etwas Wildes, Majestätisches gaben, wie er fand, und summte dabei neue Verse. Insgeheim hatte er schon immer eine Vorliebe für Poesie gehabt. „Oh du süßes Stöbern im Schlamm, meine einz´ge Freude…“ sang er gerade, als vor ihm etwas Rotgoldenes aufblitzte, das köstlich nach jungem Fisch roch.
„Wer bist du?“ fragte das Rotgoldene.
„Die Frage ist wohl eher, wer bist du?“ knarzte der Wels. Klein war dieser Fisch, aber er war nicht wählerisch.
„Ich bin ein Goldfisch und ich bin neu hier. Ist hier noch jemand? Außer dir hab ich niemanden gesehen!“
„So?“ Der Wels war abgelenkt. Weit oben roch es würzig nach Würmern. Ihr Geruch vermischte sich mit dem des Goldfischs. „Warte hier“, sagte er, „ich bin gleich wieder da.“ Und mit weit aufgerissenem Maul schnappte er sich zuerst das eine, dann das andere Wurmbündel. Die Haken bemerkte er erst, als sie ihn unwiderstehlich nach oben zogen, hinauf ins Licht.
„Hallohoo?“ rief der Goldfisch, „wo gehst du hin?“
„Er ist ins Licht geschwommen“, wisperte eine Gruppe winziger Barben, die plötzlich neben dem Goldfisch aufgetaucht waren, „dem Haken sei Dank!“
„Oh“, sagte der Goldfisch, „und wer seid ihr?“
„Wir?“ sangen die Barben, „wir sind die Überlebenden!“
Der Goldfisch war verwirrt. Ein seltsamer Ort. Vielleicht hätte er doch beim Blutweiderich bleiben sollen.

Das war ein Beitrag für die abc.etüden, Wochen 47/48.2020, die Bedingungen: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Ulli mit ihrem Blog Cafe Weltenall. Sie lauten: Quelle, griesgrämig, stöbern, und organisiert wird das Ganze dankenswerterweise von Christiane – vielen Dank! 🙂

Der November zweifelt

Der November zweifelt

Der November war leicht verschnupft. Da hatte er noch nicht mal richtig losgelegt, und schon waren wieder alle von ihm genervt. Dabei gab er sich wirklich Mühe. Wer ausser ihm hatte so viele verschiedene Regenarten im Programm? Von leichten Schauern über wilde Stürme konnte er alles bieten, er hatte lange und ernsthaft dafür gearbeitet und wurde jedes Jahr mit dem Wetteroscar ausgezeichnet, und was war der Dank? Gemecker.
Und dann sein Windtheater! Wie lieblich er die gelben Blätter durch die Luft segeln ließ, die grauen Bürgersteige umfärbte mit Brauntönen, die er dann mit feinem Sprühregen zum Glänzen brachte! Oder wenn er das Laub wie kleine Rennwagen um die Ecken jagte und minütlich Geschwindigkeitsrekorde brach! Bekam er etwa Applaus? Nein. Gemecker. Er war ratlos. Besser ging es doch nicht.
Jedes Jahr feilte er an der perfekten Nacht, tintenschwarz, feucht und windig sollte sie sein, damit man die Dunkelheit auskosten konnte, und was taten seine Zuschauer? Sie zündeten ein Nachtlicht an. Dabei wusste doch jeder, dass schon ein kleines Licht die ganze schöne Dunkelheit ruinierte. Der November zweifelte an sich. Wenn sie schon die Dunkelheit nicht zu schätzen wussten, was war dann mit seinem Grau? Wie lange hatte er an all den Grautönen gefeilt, samtig, matt, silbrig, stumpf, durchsichtig, schwer – wusste das überhaupt jemand zu würdigen? Konnte er seine Schätze mit irgendjemandem teilen, der ihn verstand?
Der November seufzte schwer. Und zu all dem Übel nun auch noch ein Lockdown. Das hatte er wirklich nicht verdient. Vielleicht würde er sich dieses Jahr einfach mal eine Auszeit nehmen. Sollte doch der eitle Oktober übernehmen, der hatte sowieso noch was wiedergutzumachen, seine Leistung war unterirdisch gewesen dieses Jahr.
Genau. Ein schöner, langer Urlaub. Vielleicht würde er auf die Bahamas auswandern. Und vielleicht würden die Leute dort sein Grau zu schätzen wissen.

Das war ein Beitrag für die abc.etüden: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Kain Schreiber mit seinem Blog Gedankenflut. Sie lauten: Nachtlicht, lieblich, teilen. Organisiert wie immer von Christiane: Vielen Dank! 🙂

Herr Miesling wird bemopst

Herr Miesling wird bemopst

Herr Miesling sitzt auf einer Bank und starrt in das rotgelbe Laub. Seine Füße sind kalt, aber er hat noch keine Lust aufzustehen und nach Haus zu gehen. Außerdem hat er sein Brot noch nicht gegessen. Er zieht das zerdrückte Butterbrotpäckchen aus der Jackentasche, als ein kleines Energiebündel vor ihm auftaucht, die Pfoten auf die Bank stemmt und das Wurstbrot anhechelt.
„He!“ ruft Herr Miesling und hält das Brot in die Höhe, „wer bist du denn? Wo ist dein Herrchen?“ Er sieht sich um. Niemand da. Der Mops sabbert und starrt auf das Wurstbrot. „Wo haste dich rumgetrieben? Du bist´n Schmutzfink!“ Herr Miesling guckt genauer hin. Kein Halsband. „Wollteste mopsen? Ein mopsender Mops.“ Herr Miesling kichert leise. Der Hund starrt das Brot an. „Haste Hunger? Weisste was? Wir können ja teilen, was hältste davon?“
Der Mops sieht aus, als ob er eigentlich gern das komplette Brot gehabt hätte, aber wohl keine andere Wahl habe. Sie teilen gerecht. Der Mops verschlingt seinen Anteil mit drei Bissen, Herr Miesling kaut etwas langsamer. Er überlegt. Kann er jemanden durchfüttern? Auf einmal hört er Rufe hinter sich.
„Rudi! Bei Fuß!“ Eine Frau kommt auf Herrn Miesling zugelaufen. „Du ungezogener Mops! Hat er wieder gebettelt?“ fragt sie, als sie Herrn Miesling mit der leeren Butterbrottüte sieht. „Tut mir echt leid. Dauernd haut er ab und frisst sich überall durch.“
Herr Miesling guckt den Mops an, der ihm hechelnd die Zunge herausstreckt. Ganz schön abgebrüht für so einen kleinen Scheisser, das muss er zugeben. Er grinst. „Ich hab mein Wurstbrot mit ihm geteilt. War ´ne fabelhafte Wurst drauf, mit Knoblauch. Vielleicht hat er ´n bisschen Mundgeruch in der nächsten Zeit.“
Die Frau lacht. „Kann ich Sie zum Ausgleich auf einen Kaffee einladen?“
Herr Miesling freut sich. „Klar“, sagt er.
„Na dann“, sagt die Frau.

Das war ein Beitrag für die abc.etüden: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Judith mit ihrem Blog Mutiger leben. Sie lauten: Schmutzfink, fabelhaft, mopsen. Und ich bin megastolz, denn dieses Mal habe ich nur 298 Wörter verbraucht! 🙂

An meine wunderbare Schaukel

25. Oktober 2020

Meine wunderbare, geliebte Schaukel,

Du weisst doch hoffentlich, wie ich Dich vermisse? Erinnerst Du Dich, wie wir des Abends unter dem dunklen Samthimmel zusammen langsam hin- und herschwangen? Wie die Spitzen der Tannen bei jedem Aufwärtsschwung den Mond anstachen? Der Wind streichelte sanft meine Wangen, und Deine kühlen Kettenringe lagen gespannt in meinen Händen. Alles war möglich, wir hätten selbst den Abendstern überfliegen können.
Nun bin ich hier, in fremden Lande, und, ach, alles ist anders als erwartet. Niemand kennt hier Wesen wie Dich, den kühnen Schwung Deines Sitzbrettes weiß niemand zu würdigen, und passende Äste für deine langen Ketten gibt es auch nicht. Kein Baum hier könnte Dich tragen. Welch beklagenswertes, armes Königreich!
Im Geiste sehe ich Dich schwingen, Dein entzückendes Quietschen höre ich im Traum des Nachts, und am Morgen brennt die Sehnsucht nach dem wilden Auf und Ab in mir.
Behalte mich im Sinn!
Ich komme wieder!
Sieh keinen anderen Schaukler an bis dahin, ich vergehe sonst wie Schaukelwind im Abenddämmern.
Tausend Küsse und Umarmungen, ich streichle im Geiste jedes Deiner Kettenglieder einzeln! Bleib beweglich und sag Onkel Franz, er möge Dich regelmässig ölen, ich werde es ihm begleichen, wenn ich wieder zuhause bin.

Immer, in Liebe, Dein Schaukler

 Bild von FREE-PHOTOS auf PIXABAY

Zeitstrandmaschine

Zeitstrandmaschine

Zögernd taucht die Frau einen Fuß ins Wasser. Es ist warm. Sie zieht den zweiten Fuß hinterher und bleibt stehen, als ob man sie bei etwas Verbotenem ertappt hätte. Darf sich etwas so kindisches so gut anfühlen? Mit den Füßen im Wasser plantschen wie ein fünfjähriges Kind?
Probeweise geht sie einen Schritt. Der Sand unter den Fußsohlen ist weich. Das Wasser umspielt lockend ihre Knöchel. Sie macht noch einen Schritt. Und noch einen. Es fühlt sich verboten gut an. Schnell schaut sie nach links und rechts. Niemand da, der sie kennen könnte. Wagemutig läuft sie tiefer ins Wasser, gräbt die Zehen in den Sand, spritzt mit dem Wasser, bis es gegen ihre Oberschenkel platscht.
Mit jedem Schritt wird sie jünger, die Jahre fallen von ihr ab wie Blätterteigkrümel von einem Croissant, sie lacht laut auf, bis ihr bewusst wird, dass sie gerade fünf Jahre alt ist, mit dem Wissen einer fünfzig Jahre älteren Frau im Rücken.
Erschrocken schlägt sie die Hand vor den Mund, um ihr Lachen einzufangen. Sie dreht sich um und watet so schnell zurück, wie es ihr einigermaßen würdevoll möglich ist. Mit jedem Meter zurück wird sie wieder älter. Im Strandkorb schlägt sie keuchend die Augen zu und schüttelt sich.
Aber es ist zu spät. Ihr Körper erinnert sich, wie gut die Erde sich früher angefühlt hat, die Sonne, das Gras, der Schlamm, und wie sie miteinander gesprochen haben.
Ihr Körper will zurück. Und er wird keine Ruhe geben.

 

Wasserpferde

Wasserpferde

Gestern waren Marie und ihre Schwester Lea Fische, sie sind schneller als der schnellste Meeresfisch durch das Wasser getaucht, und sie haben einen Schatz gefunden, aber das war gestern.
Heute ist Marie ein Pferd. Sie streift sich das Halfter über und ihre Schwester Lea nimmt das Ende der langen Leine in die Hand. Sie schüttelt es prüfend und ruft „Hüah!“
Marie wirft ihre lange Mähne nach hinten und bäumt sich auf. Sie ist ein wunderschönes Pferd mit glänzendem braunem Fell, sie hat schwarze Hufe, mit denen sie die härtesten Muscheln zerstampfen kann und sie ist schneller als der Wind! Sie ist so schnell, dass ihre Mähne wie eine Fahne im Sturm flattert und ihrer Schwester die Leine aus der Hand gerissen wird. Lea fällt spritzend ins flache Wasser. Als sie lachend und prustend wieder auftaucht, umrundet Marie sie übermütig und stampft mit den Hufen ins Wasser, dass es nur so spritzt. Gnädig lässt sie zu, dass Lea die Leine wiederfindet und in die Hand nimmt, dann galoppieren sie beide über die Meeresbodenkoppel, und als Marie mit einem Riesensprung ins tiefere Wasser hüpft, stellt sie fest, dass sie ein Meerespferd ist.
Krabben flüchten sechsbeinig vor ihren harten Hufen und ein paar Quallen schweben geringschätzig murrend an ihr vorbei – wie man nur so einen Krach machen kann!
Lea interessiert das nicht, sie schreit so laut „Hüah!!“, dass ein paar Luftblasen aus ihrer Nase kullern und nach oben zur Wasseroberfläche tanzen. Marie galoppiert los. Sie ist ein Hai mit Pferdemähne, ein Delphin mit braunem Fell, und hinter ihr entsteht eine Spur aus winzig kleinen Luftbläschen im Wasser, die eilig nach oben trudeln und silbrig glänzen.
Vor ihr taucht ein Mann auf, der ein halber Wal ist, sein Bauch glänzt rund und rosig, er winkt ihr freundlich zu und taucht dann mit einem einzigen gemütlichen Flossenschlag ab. Marie vertreibt ein paar lästige Heringe mit ihrem Schweif und sieht neugierig nach vorn. Der Leuchtturm von Neuwerk steckt wie eine Riesenstecknadel im Meeresboden fest und verhindert, dass die Insel davon schwimmt.
Der Meeresboden ist weich und elastisch unter Maries Hufen, sie könnte ewig so weitergaloppieren. Sie dreht sich um zu Lea. Die lacht und ruft blubbernd: „Helgoland?“
Marie wiehert begeistert. Die beste Schwester der Welt! Zusammen traben sie los, das Wasser ist warm, der Boden ist weich und am Horizont warten Nessi und eine Schule Flamingofische mit glänzenden grünen Schuppen auf sie.

Treue

Treue

Der Landvermesser sah sich um. Nur rote Erde, Kakteen und Staub in weitem Umkreis. Niemand war in Sichtweite. Die Schienenstränge vor ihm glänzten stählern in der Sonne. Das war sein Werk. Nicht seines allein, natürlich, viele waren beteiligt gewesen, aber ohne ihn hätte alles länger gedauert.
Es war Zeit. Er holte die kleine Lederhülle aus seiner Tasche, wog sie in den Händen und legte sie vor sich auf den staubigen Boden. Dann nahm er Zündhölzer und Stroh aus der Tasche, öffnete die Hülle und zog das brüchige Papier hervor. Behutsam breitete er es ein letztes Mal aus, betrachtete die Linien und Zeichen, die bunten Symbole und die unbekannten Schriftzeichen. Dann legte er das Stroh darauf, zündete mit hohler Hand ein Zündholz an und hielt es an das Papier. Es fing sofort Feuer und brannte mit leisem Zischen und heller Flamme. Das Feuer fraß zuerst das Stroh, dann verkohlte es das Papier. Der Landvermesser sah ruhig zu, wie die Linien und Symbole noch einmal aufleuchteten, bevor sie zu Asche zerfielen. Der leichte Wind spielte mit den weißen Flocken, verteilte sie im blauen Himmel.
Es war gut so. Er hatte es dem Indianer versprochen. Nur der Weg war ihm geschenkt worden, nicht der Rest. Er hatte keinen Grund, undankbar zu sein. Er würde auch die Lederhülle aussetzen, direkt unter der Schiene würde sie bleiben, bis sie zerfallen war. Wie sie es vereinbart hatten. Wer brauchte schon Schätze zum Leben? Er hatte alles gefunden, was er sich gewünscht hatte.
Und es war gut so.

Das war mein dritter Beitrag zu den abc-Etüden, die mit viel Aufwand dankenswerterweise von Christiane organisiert werden – vielen Dank! Die Regeln: Maximal 300 Wörter, im Text enthalten sein müssen drei Wörter. Dieses Mal waren es Landvermesser, undankbar und aussetzen. Die Wortspende kam von Werner und seinem Blog Mit Worten Gedanken horten. Landvermesser war wirklich sehr inspirierend. 🙂