Das Huhn, der Dieb und die Frau (Stadtmusikanten alternativ)

Das Huhn, der Dieb und die Frau (Stadtmusikanten alternativ)

Es war einmal ein Huhn, das nur jeden zweiten Tag ein Ei legte, nicht in die Norm passte und ein böses Ende als Suppenhuhn nehmen sollte. Da beschloss es, fortzulaufen, denn etwas besseres als den Tod würde es überall finden. Es nahm Anlauf, flog über den Zaun und machte sich auf den Weg.
Tief im Wald traf es einen Dieb. Der Dieb hatte Brot gestohlen, denn er war hungrig gewesen. Er versteckte sich vor den Dorfbewohnern, die mit spitzen Forken und scharfen Sensen nach ihm suchten. Da sagte das Huhn: „Komm mit mir, etwas besseres als den Tod findest du überall, und gemeinsam sind wir stark!“ Der Dieb willigte ein, schnürte sein Bündel mit dem Brot und sie machten sich auf den Weg.
Hinter dem Wald blieben sie an einer Kreuzung stehen und sahen auf den Wegweiser. Links ging es nach Bremen, rechts zur Räuberhütte und geradeaus schlängelte sich der Weg zur Farm des Osterhasen. Unter dem Wegweiser saß eine Frau. Sie sah traurig aus, denn ihre gesamte Karottenernte war von den Arbeitern des Osterhasen gefressen worden. Da sagte das Huhn: „Komm mit uns, etwas besseres als Schuldnerberatung und Gelächter der Arbeitshasen findest du überall, und gemeinsam sind wir stark!“ Die Frau willigte ein, nahm den Sack mit den letzten Karotten und sie machten sich auf den Weg.
Zwei Meter weiter blieben sie stehen. „Wohin wollen wir?“ fragte das Huhn.
„Nicht zurück zur Hühnerfarm!“, sagte der Dieb. „Dort werde ich gesucht.“
„Nicht zur Räuberhütte!“, sagte die Frau. „Dort verstecken sich die Karottendiebe.“
„Gut“, sagte das Huhn, „dann gehen wir geradeaus zum Osterhasen. Mit dem habe ich sowieso noch ein Hähnchen zu rupfen. Schließlich legen wir die Eier, für die er den ganzen Beifall kassiert.“ Und so gingen sie geradeaus zur Farm des Osterhasen.
Der Tag ging zur Neige, es wurde dunkel und kühl. Die Frau fror, und der Dieb borgte ihr seinen Schal. Das Huhn musste eine Pause machen, um ein Ei zu legen, das die Frau und der Dieb sich teilten. Sie aßen es zusammen mit dem gestohlenen Brot und den restlichen Karotten, und die Frau streute ein paar Krümel für das Huhn aus. Als sie weitergingen, war es Nacht.
Da sahen sie in der Ferne ein Licht leuchten. „Was ist das?“ fragte die Frau.
„Ein Himmelsfenster?“ fragte das Huhn mit schwankender Stimme, denn es war nicht daran gewöhnt, in der Nacht draußen zu sein.
„Ich sehe nach“, sagte der Dieb und verschwand wie ein Schatten in der Dunkelheit. „Es ist das Sommerhaus des Osterhasen“, berichtete er, als er zurück kam. „Er malt goldene Eier an und singt dabei, und auf dem Tisch stehen Wein und Käse, Schinken und Bier.“
Das Huhn und die Frau starrten ihn an. „Was können wir tun?“ fragte das Huhn.
„Nun“, sagte die Frau, „das ist einfach. Ich sage euch, was ihr tun müsst. Folgt mir.“ Das taten sie, und als sie am Sommerhaus des Osterhasen ankamen, schien das Licht warm und behaglich aus den Fenstern. Das Huhn flog auf und flatterte gegen die Fensterscheiben, bis sie aufsprangen, und schrie, so laut es konnte: „Pass auf, pass auf, die Menschen kommen, die Menschen kommen!“
Der Osterhase sprang auf und sah sich hektisch um. Das goldene Ei, das er in der Pfote hielt, fiel mit einem dumpfen Geräusch auf seinen langen Fuß, und er heulte auf. Da erschien die Frau vorm Fenster, schwang ihren leeren Karottensack um den Kopf und schrie: „Du bist es! Du bist es! Ich hab es gewusst! Betrug! Betrug! Du bist der Eierdieb! Du stielst die Eier!“
Der Osterhase jaulte auf und sprang durch das offene Fenster. Mit humpelnden Sprüngen machte er sich davon, so schnell ihn seine Pfoten trugen.
Das Huhn, die Frau und der Dieb sahen sich an und lachten. Dann sammelte der Dieb mit geschmeidigen Bewegungen alle goldenen Eier auf, die er finden konnte und tat sie in sein Bündel. Obendrauf packte er Wein und Käse, Schinken und Bier, und als sie sich alle ein wenig aufgewärmt und ausgeruht hatten, verließen sie das Sommerhaus und verschwanden in der Dunkelheit.
Als sie wieder an der Kreuzung ankamen, schien der Mond auf sie herunter.
„Was wollen wir nun tun?“ fragte die Frau.
„Wir könnten uns trennen“, sagte der Dieb. „Die Räuberhütte scheint interessant zu sein.“
„Hm“, sagte die Frau. „Ich wollte immer schon mal die Hühnerfarm sehen.“
„Ach, ihr Langweiler“, sagte das Huhn. „Das kennt ihr doch alles schon! Lasst uns gemeinsam nach Bremen gehen und dort die goldenen Eier verkaufen. Dann machen wir ein kleines Theater auf und spielen unsere Geschichte vor Publikum, und wir bekommen eine Statue auf dem Marktplatz. Na? Was ist?“
„Hm“, sagte der Dieb. „Darf ich ab und zu Geldbörsen stehlen?“
„Hm“, sagte die Frau. „Darf ich Karotten im Garten anpflanzen?“
Das Huhn seufzte. „Na klar. Los jetzt, auf geht´s!“
Und so zogen sie weiter nach Bremen, und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie glücklich und in Frieden bis heute in einer alternativen WG im Viertel.

Das ist die hübsche Tiffy, die heute dazu beiträgt, Missverständnisse über dumme Hühner aus der Welt zu schaffen. Hühner können auch ganz anders!

Fräulein Honigohr und der Sonnenuntergang

Fräulein Honigohr und Herr Brummeck gehen schweigend nebeneinander her. Die Stimmung ist frostig wie ein Dezembertag am Südpol. Fräulein Honigohr brodelt vor sich hin. Wieso muss Herr Brummeck immer alles planen? Warum ist es so wichtig, alles und jedes zu durchdenken? Wo bleibt da die Spontanität? Der kleine Irrsinn? Die Freude, lebendig zu sein? Sie hätte so gern den trübseligen Park zum Blühen gebracht! Immerhin ist es schon März! Und niemand kann doch wohl gegen Narzissen etwas haben, oder? Fräulein Honigohr schnauft laut durch die Nase. Herr Brummeck wirft ihr einen Blick zu.
Andererseits waren da ziemlich viele Leute im Park. Fräulein Honigohr schüttelt den Kopf. Warum mussten die ausgerechnet heute alle da sein? Vielleicht wäre es doch jemandem aufgefallen, wenn überall Blumen aus der Erde geschossen wären. Trotzdem. Herr Brummeck kann nicht immer alles bestimmen. Wenigstens ein oder zwei Tulpen hätte er ihr lassen können! Oder Perlhyazinthen! Eine hätte schon gereicht. Stattdessen hat er sie praktisch aus dem Park herausgeschubst. Nein. Fräulein Honigohr ist sauer, Punkt.
Vor ihnen öffnet sich der Blick über den Fluß. Die Sonne leuchtet tulpenrot knapp über dem Horizont. Orangerote Schlieren schwimmen um sie herum und spiegeln sich im Wasser, die Wolken leuchten goldgelb und rosa. Fräulein Honigohr bleibt auf der Brücke stehen und saugt die Farben auf. Wie schön wäre es jetzt… nein.
Herr Brummeck lehnt sich ans Geländer. „Na los“, sagt er und nickt mit dem Kopf in Richtung Sonnenuntergang.
Fräulein Honigohr hebt die Augenbrauen.
„Jetzt guck nicht so. Mach schon. Ich stehe Schmiere.“ Er grinst.
Eigentlich ist Fräulein Honigohr noch sauer. Sie sollte das wirklich nicht tun. Ganz ernsthaft nicht. Aber wer kann einer Kombination aus Sonnenuntergang und Herrn Brummecks Grinsen schon widerstehen? Sie küsst ihn auf die Nase, hüpft über das Geländer und springt kopfüber in die Farben. Sie sind warm, und es fühlt sich an wie fliegen, nur viel besser.
Herr Brummeck mag ja manchmal rechthaberisch sein. Und pedantisch. Und ein Planungsfanatiker. Aber er hat auch seine guten Seiten. Doch, zweifellos, die hat er.

Ja, es ist kein Fluss, ich weiß, aber einen anderen Sonnenuntergang hatte ich gerade nicht da…

Der Schweinehund hat Angst

Dein Schweinehund tigert unruhig in der Wohnung auf und ab. Du versuchst, ihn zu ignorieren, aber das klappt nicht. Schließlich hältst du es nicht mehr aus. „Was ist denn?“ rufst du genervt in den Flur.
Wie eine kleine, pelzige Kanonenkugel schiesst dein Schweinehund ins Arbeitszimmer. „Können wir rausgehen? Bittebitte!“ Er ringt die Pfoten und sieht dich an. Sein Fell sträubt sich in alle Richtungen. Er sieht nicht gut aus.
„DU willst rausgehen?“ Ungläubig starrst du ihn an.
„Ich halt´s nicht aus hier drin! Was, wenn das die letzte Gelegenheit für Wochen ist rauszugehen, und wir haben sie nicht genutzt? Nur, weil du dauernd arbeiten musst? Fühlst du nicht auch, wie die Wände immer näher rücken?“ Seine Augen haben einen besorgniserregenden Glanz, seine Ohren zucken unkontrolliert.
Du nickst langsam. „Ok. Dann gehen wir raus.“
„Ja! Ja! Danke!“ Dein Schweinehund hüpft wie ein Flummi auf und ab.
„Aber du kennst die Regeln! Nur um den Block, zwei Meter Abstand zu jedem und du schnüffelst an keinem einzigen Hosenbein!“
„Selbstverständlich! Jetzt komm schon, los, los, beeil dich!“ Dein Schweinehund zieht dich am Schal durch die Tür nach draußen ins Treppenhaus. Du schüttelst den Kopf und schließt die Tür ab, dann gehst du zur Treppe.
„Nein! Fass das nicht an!“
Du ziehst ertappt die Hand vom Treppengeländer zurück. Dein Schweinehund stöhnt auf, verdreht die Augen und läuft sehr viel langsamer als gerade eben noch die Treppe hinunter. Dort bleibt er stehen und guckt abwechselnd auf dich und auf die Türklinke, dann dreht er um und rennt wieder zurück zur Wohnungstür. „Ich hab´s mir anders überlegt“, ruft er, „ich will doch drinnenbleiben. Lass mich rein!“
„Oh nein, mein Lieber, das ziehen wir jetzt durch. Ich fasse die Türklinke mit meinem Ärmel an, guck, so!“ Du drückst die Tür auf. Von draußen kommt Vogelgezwitscher herein. Die Luft ist mild. Der Himmel ist graublau. Dein Schweinehund sitzt oben auf der Treppe und jammert leise vor sich hin.
„Guck doch“, sagst du, „es ist gar nicht schlimm da draußen. Wir halten die Regeln ein, gehen eine Runde um den Block und lächeln jeden freundlich an, der uns begegnet. Wir sind doch nicht die einzigen!“
„Ich weiß auch nicht“, flüstert dein Schweinehund, „ich werde noch verrückt, wenn das so weitergeht.“
„Nein, das wirst du nicht. Ich bin ja da. Und überhaupt, wann ist das denn passiert? Das du dich so verrückt machen lässt? Du bist doch sonst nicht so!“
„Nein? Bin ich nicht?“
„Auf keinen Fall.“ Du legst alle Überzeugungskraft in deine Stimme, die du hast.
„Vielleicht… vielleicht hätte ich nicht zwölf Stunden lang Nachrichten gucken sollen…“, dein Schweinehund wühlt mit seinen Pfoten in seinem Fell herum.
„Zwölf Stunden?!“ rufst du entsetzt. „Warum machst du sowas?“
„Du hattest so viel zu tun! Und mir war langweilig!“ verteidigt sich dein Schweinehund, aber seine Stimme klingt kleinlaut.
„Ok. Das werden wir ändern. Zweimal am Tag ist ok, einmal morgens, einmal abends. Dazwischen tun wir ab sofort andere Sachen. Ok?“
„Ok…“
„Und jetzt gehen wir um den Block. Los, komm!“ Dein Schweinehund rafft sich auf und tritt mit mißtrauischem Blick vor die Haustür. Schnell machst du sie hinter ihm zu. Anklagend sieht er zu dir auf.
„Du fasst nichts an?“
„Nein.“
„Und du schüttelst auch niemandem die Hand, nicht mal alten Freunden?“
„Nein!“
„Und wenn jemand niest, rennst du weg?“
Du rollst mit den Augen. „Meinetwegen“.
„Ok. Dann los.“
Und ihr geht los.

Perlhyazinthen für den Schweinehund

Perlhyazinthen für den Schweinehund

„Was guckst du so nachdenklich?“ fragt dein Schweinehund mit aufgerichteten Ohren.
„Ach, nichts“, antwortest du, aber dein Blick fällt erneut auf die blauen Perlhyazinthen in deinem Küchenfenster.
„Achduje“, stöhnt dein Schweinehund. „Ich hab dir gleich gesagt, dass wir Ärger mit diesen Dingern haben werden!“
„Ärger? Wieso?“, versuchst du das Unheil abzuwenden, aber ohne Erfolg.
Dein Schweinehund hebt eine Pfote und fängt an zu dozieren. „ICH habe gleich gesagt, kauf sie nicht, sie sind hübsch, aber nutzlos, nach ein paar Wochen sind sie hin, und du jammerst: ‚Viel zu schade zum wegwerfen, aber wohin damit?‘ Und dann sitzen wir irgendwo in einem Park auf den Knien, holen uns den Tod, erfrieren fast und machen uns lächerlich, weil wir versuchen, verblühte Blumen loszuwerden!“ Er sieht dich anklagend an. „Erinnerst du dich an die Forsythien, unter denen wir die Narzissen eingegraben haben? Am nächsten Tag hatte sie irgendjemand wieder ausgebuddelt und über den halben Park verteilt! UND du hattest es hinterher im Rücken!“
„Jaaa…“, antwortest du. Eigentlich hat er Recht. Aber andererseits… du kannst die Zwiebelchen nicht wegwerfen. Sie leben doch, oder? Lebewesen darf man nicht in den Müll tun. Vielleicht freut sich jemand nächstes Jahr über die Blaublütler. Du könntest sie unter dem Haselnussbaum zwei Straßen weiter einpflanzen. Blumen dort wären nicht verkehrt, so grau, wie es da ist.
„Los, komm“, sagst du zu deinem Schweinehund und packst Töpfchen, Handschuhe und eine Schaufel in deine Tasche.
Dein Schweinehund stöhnt dramatisch und trottet resigniert zur Haustür. „Sag hinterher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt!“ wirft er dir an den Rücken.
„Hast du“, antwortest du, „ich nehme das volle Risiko allein auf mich.“
„Na gut. Aber wenn ich schon raus muss, will ich hinterher ein Eis!“
„Ok“, sagst du.
Seltsam. Das war einfach. Vielleicht ist es der Frühling. Der stimmt selbst deinen Schweinehund milde.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden, organisiert von Christiane. Drei Wörter waren im Text unterzubringen: Forsythien, lächerlich und erfrieren. Die Wortspende stammt dieses Mal von Elke H. Speidel und ihrem Blog transsilabia.wordpress.com.

Wie jedes Mal waren die maximal 300 Worte hart umkämpft, aber es ist vollbracht: Es sind genau dreihundert! 🙂

Als die Phantasie die Weltherrschaft übernahm

Als die Phantasie für eine Stunde die Weltherrschaft übernahm, ließ sie als erstes die Farbe mausgrau verschwinden. Sie hatte immer schon eine natürliche Abneigung gegen Grau gehabt, was wohl in der Natur der Dinge liegt, aber bei Mausgrau hörte der Spaß bei ihr auf. Überall auf der Welt färbten Anzüge, Hausmäuse und U-Bahn-Unterführungen sich pink, sonnengelb oder himmelblau, was in einigen Vorstandssitzungen für erhebliche Irritationen sorgte und viele Katzen um ihr Mittagessen brachte. Die farbliche Neugestaltung der U-Bahn-Unterführungen blieb weitestgehend unbemerkt, da seit Jahrzehnten dort niemand mehr auf Wände oder Fußböden achtete.
Als nächstes beschloss die Phantasie, dass zukünftig an allen Gebäuden Außenrutschen vorhanden sein mussten, die alternativ zu den Treppenhäusern genutzt werden konnten. Sie schnippste mit dem Finger und schon wanden sich Rutschen in allen Farben und Materialien aus Fluren und Badezimmern hinunter auf Bürgersteige und Parkplätze. Überraschte Aufschreie und Juchzer waren zu hören, und wenige Minuten später wurden die ersten Rutschen von Kindern in Besitz genommen, die die panischen Rufe ihrer Mütter konsequent ignorierten. Als der erste Handwerker seine Werkzeugtasche vorschickte und dann selbst hinterherrutschte, nickte die Phantasie zufrieden. Das lief hervorragend! So konnte es weitergehen!
Mit einem Händeklatschen schickte sie Milliarden kleiner, goldener Tagträume auf die Reise, die mit einem leisen „Plopp!“ zerplatzten, wenn sie ihr Ziel erreicht hatten. Es regnete Sterne, Hängematten und rote Ferraris, glitzernde Vampire und Erdbeeren, Fußmassagen und marinierte Rippchen, und die Phantasie kicherte und pustete noch ein klein wenig mehr Farbe und Duft in die Tagträume. Und weil ihr gerade danach war, schickte sie ein paar Herden grüner Drachen und Schokoschmetterlinge hinterher.
Überall auf der Welt brach der Verkehr zusammen, die Arbeit in den Büros wurde unterbrochen und die Stahlproduktion kam vorübergehend zum Erliegen. Es wurde still in den Städten. Die Menschen stützten ihre Köpfe in die Hände, blickten aus den Fenstern und lächelten. Die Kinder jagten den Schokoschmetterlingen hinterher und überraschend viele Erwachsene standen Schlange an den Rutschen. Die Phantasie verschränkte die Arme und schaute zufrieden auf ihr Werk. So musste es sein! Und sie hatte ja gerade erst angefangen! Es waren noch sieben Minuten von ihrer Stunde übrig, und sie hatte nicht vor, der Vernunft auch nur eine davon zu überlassen.

Fräulein Honigohr und der Schabernack

Fräulein Honigohr ist auf dem Weg zu ihrer nigelnagelneuen Guerillapflanzgruppe, als jemand von hinten gegen ihre Schulter boxt. Ärgerlich dreht sie sich um, wird von einem wirbelnden Chaos umarmt und dabei in den schlammigen Rinnstein geschubst.
„Fräulein Honigohr! Dich hab ich ja schon ewig nicht mehr gesehen! Wie lang ist das jetzt her?“
Fräulein Honigohr wartet mit ihrer Antwort, bis der Umarmer sie loslässt und sagt dann säuerlich: „Ach. Der Schabernack. Wie interessant, dich zu sehen. Ich kann dir ganz genau sagen, wie lang es her ist: Exakt ein Jahr.“ Sie tritt zurück auf den Gehsteig, schüttelt den Schlamm von den Schuhen und starrt ihm bohrend in die Augen.
Der Schabernack leuchtet bunt auf, als er ihr ins Gesicht grinst. „Ach komm! Du bist doch nicht nachtragend, oder? Es war doch nett beim letzten Mal!“ Er kichert. Gelbe Lichtwellen versickern um ihn herum im Straßenpflaster. Die kleinen Löwenzähne zwischen den Steinen biegen ihre gelben Mähnen nach links und rechts weg.
„So? Meinst du?“ Fräulein Honigohr verschränkt ihre Arme vor der Brust und trommelt mit den Fingern kleine Märsche auf ihre Oberarme.
Der Schabernack grinst immer noch, weicht aber vorsichtshalber ein oder zwei Zentimeter zurück. „Ich weiß gar nicht, was du hast. Wir hatten doch viel Spaß!“
„DU hattest viel Spaß, wolltest du wohl sagen!“ Fräulein Honigohr kneift die Augen zusammen und tritt angriffslustig einen Schritt nach vorn, woraufhin der Schabernack sich elastisch wie Schnurlakritze von ihr weg bewegt. Sie bleibt stehen. Sie weiß es doch besser, oder? Jedes Mal, wenn der Schabernack und sie sich treffen, tragen sie einen Wettkampf aus, und immer gewinnt er, haushoch und mit weitem Abstand. Und er geniesst es. Er war noch nie zu fassen. Jedenfalls nicht von ihr. Die Röte steigt ihr ins Gesicht, wenn sie an ihr letztes Treffen denkt. Selbst Herr Brummeck musste wochenlang breit grinsen, wenn dieser Tag zur Sprache kam, egal, welche Konsequenzen das für ihn hatte. Aber dieses Jahr wird sich das ändern, das ist sie sich schuldig, gerade nach dem letzten Mal. Sie muss ihre Taktik ändern.
Mit einer langsamen Handbewegung streicht sie ihr Haar zurück und zaubert ein sparsames Lächeln auf ihr Gesicht. „Weisst du was? Jetzt kann ich es ja zugeben. Du hast Recht. Es war lustig.“
„Sag ich doch! Erinnerst du dich daran, wie deine Haare ausgesehen haben?“
Er gluckst und strahlt so grell, dass Fräulein Honigohr die Augen zukneift. Sie steigert die Intensität ihres Lächelns um einige Grade. „Ja, klar“, sagt sie. „Doch, doch, das war schon sehr lustig. Eine deiner besten Aktionen, würde ich sagen.“
„Danke“, sagt der Schabernack stolz, „das hat mich auch eine Menge Planung gekostet.“
„Ich weiß“, sagt Fräulein Honigohr. „Du hast es halt voll drauf. Einer der Besten.“
Der Schabernack legt den Kopf schief. Grüne Lichttropfen laufen über seine Ohren. Hat sie es übertrieben?
„Danke, danke. Das von dir zu hören, das ehrt mich.“ Er neigt huldvoll den Kopf. Die grünen Tropfen fallen zu Boden und verscheuchen ein paar Ameisen. Fräulein Honigohr lächelt.
„Ehre, wem Ehre gebührt. Aber jetzt mal was anderes. Warum treffe ich dich hier? Hast du nicht was Besseres zu tun, gerade jetzt?“
„Wieso?“ fragt der Schabernack erstaunt. Über seinem Scheitel steigt ein blaues Fragezeichen auf und zerplatzt. „Heute Nachmittag geht´s los, bis dahin hab ich noch jede Menge Zeit.“
„Heute Nachmittag? Aber der Karneval ist doch schon seit gestern!“
„Quatsch. Natürlich nicht.“ Der Schabernack grinst wieder. Er leuchtet jetzt rot und weiß. „Das sind meine Tage, da werde ich doch wohl wissen, wann sie losgehen. Ich bin sogar immer schon ein bisschen eher hier, obwohl dieses frühe Aufstehen mich echt fertig macht.“
„Tja.“ Fräulein Honigohr zuckt skeptisch mit den Mundwinkeln. „Wie du meinst. Fakt ist aber, dass der Karneval seit gestern läuft. Vielleicht hast du die letzte Tagverschiebung nicht mitbekommen? Den November verschläfst du doch immer, oder?“
„Tagverschiebung? Du nimmst mich auf den Arm, oder?“ Er starrt sie an.
„Was meinst du, warum ich hier mit Blumenzwiebeln und Gärtnerschürze durch die Gegend laufe? Wie lange kennst du mich? Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich gärtnere, oder? Das ist mein Kostüm.“ Sie lässt den Schabernack in ihre Tasche sehen. Er starrt die Netze mit Blumenzwiebeln, ihre Schürze, die bunten Gummistiefel und die Handschuhe an. Dann nimmt er mit spitzen Fingern ihr geblümtes Kopftuch heraus und schnuppert daran. Er furcht die Stirn. Kleine rote Wellen laufen über sein Gesicht.
„Ein Kopftuch. Du würdest doch nie…“ Er starrt erst sie und dann das wirklich sehr unmodische Kopftuch an.
„Wie lange kennen wir uns?“ fragt sie ihn. „Habe ich dich je auf den Arm genommen? Und habe ich je freiwillig irgendwo in der Erde gebuddelt?“
„Nein. Aber auf den Arm hast du mich nur deswegen nicht genommen, weil du es nicht konntest.“
„Mag sein. Nun ja. Wie du meinst.“ Sie nimmt ihm das Kopftuch mit dem lila Blumenmuster aus den Händen, streicht es demonstrativ glatt, wirft es in die Tasche zurück und zieht den Reißverschluss zu. „Ich muss jetzt los, meine Gartenparty wartet. Wir sehen uns ja bestimmt später noch. Und…“, sie streicht ihm sanft über die Schulter, „mach dir nichts draus, ok? Soviel Zeit hast du noch nicht verloren, die holst du wieder rein. Wenn du das nächste Mal dran bist, frag als erstes nach, ob es größere Änderungen gegeben hat. Ich musste mich auch erstmal an die Tagverschiebung gewöhnen.“
Der Schabernack starrt sie an. In seinem Gesicht streiten sich Skepsis und das übliche halbe Grinsen, seine Ohren flackern misstrauisch wie trübe Petroleumlampen mit zu kurzem Docht.
„Tschü-üß!“ ruft Fräulein Honigohr, nickt ihm zu und geht die Straße hinunter. Sie spürt seinen Blick im Rücken.
„He!“, ruft ihr der Schabernack hinterher, „nur für den Fall, dass du Recht hast: Danke für den Tipp! Und wenn nicht… dann war das nicht schlecht! Respekt!“
Fräulein Honigohr hebt die Hand, ohne sich umzudrehen. Sie grinst. Respekt. Kein kompletter Sieg, aber zumindest Respekt. Und sie ist nicht mit nassem Haar, verfärbt oder miauend aus der Begegnung mit ihm hervorgekommen.
Das ist ausbaufähig. Und sie ist ja schließlich lernfähig, oder?

Das war jetzt kein Beitrag zu den Etüden, sollte aber einer werden, und dann geriet er außer Kontrolle… Hier nun die ungekürzte Version von Fräulein Honigohrs Kampf mit dem Schabernack, Ausgang offen. 🙂

Dein Schweinehund spart

Dein Schweinehund spart

Als du mit einer Papiertüte in der Hand aus der Bäckerei kommst, steht dein Schweinehund mit verschränkten Armen vor deinem Fahrrad. Anklagend blickt er auf deine Papiertüte, während seine rechte Hinterpfote einen mißbilligenden Takt auf das Steinpflaster klopft.
„Du kannst es nicht lassen, was?“
Seine Stimme hat diesen lehrerhaften Tonfall, den du überhaupt nicht leiden kannst. „Was kann ich nicht lassen?“ fragst du gereizt zurück, obwohl du schon weißt, worauf er hinauswill.
„Sinnlos Geld auszugeben.“ Jetzt klingt er nicht nur lehrerhaft, sondern hat auch diesen unerträglichen, mild überheblichen Ausdruck im Gesicht, den er immer hat, wenn er sich dir moralisch unendlich überlegen fühlt. Dein Blutdruck steigt in zwei Sekunden von hundertzwanzig auf hundertachtzig. „Wieso sinnlos??“ fragst du weit lauter als es eigentlich notwendig wäre.
Dein Schweinehund lächelt sanft. „Ach, das muß ich dir nicht erklären. Das weißt du selber ganz genau.“
„Nein, das weiß ich nicht ganz genau! Erklär mir das bitte!“ Du versuchst, deine Lautstärke zu senken, ballst deine Hände zu Fäusten und zerknitterst dabei die Papiertüte.
Dein Schweinehund legt die Pfoten vor seinem pelzigen Bauch zusammen, ein Abbild gesitteter, beherrschter Vollkommenheit. „Wollten wir nicht sparen? Hatten wir uns nicht einen Urlaub herausgesucht, auf den wir uns schon freuen? Der ziemlich teuer ist? Und war in unserem Sparplan nicht auch ein selbst gemachtes Frühstücksbrot enthalten? Und was sehe ich nun in deinen Händen? Ein belegtes, gekauftes Käsebrötchen, richtig?“ Er ringt die Pfoten. „Ach! Wieviel Brot hätten wir davon kaufen können! Das hätte die ganze Woche gereicht!“ Er sieht dich an und versetzt dir den Todesstoß. „Und gesünder wäre es auch gewesen. All das Weißmehl! Was das wieder mit unserem Blutzuckerspiegel machen wird!“ Er schüttelt weise den Kopf und verschränkt traurig die Pfoten hinter seinem Rücken. Stille breitet sich zwischen euch aus, während eilige Passanten vorbeigehen und euch argwöhnische Blicke zuwerfen.
Du starrst ihn an. Eigentlich hat er Recht. Aber uneigentlich kannst du es nicht leiden, wenn er Recht hat. Verdammt! „Mag sein“, knurrst du, nimmst dein Fahrrad und gehst zur Ampel.
Dein Schweinehund spaziert neben dir her. Er hat immer noch diesen milden, verständnisvollen Ausdruck im Gesicht. „Ach, lass nur. Ich weiß ja, dass ich Recht habe. Es ist halt der Zeitdruck morgens. Soviel Streß, da muss ja was schiefgehen. Ich sag ja immer, schlaf morgens aus, nimm dir Zeit, dann hast du auch die Zeit, dir morgens ein Brot zu… “ Er verstummt und wirft dir einen raschen Seitenblick zu. Du siehst ihn aus zusammengekniffenen Augen an.
„Warst du es nicht heute morgen, der mir gesagt hat, ich soll das Brot Brot sein lassen? Damit wir den Zug noch bekommen?“
„Jaaa, aber doch nur, weil du so spät aufgestanden bist!“
„Und warum bin ich wohl so spät aufgestanden?“
„Weil du gestern abend unbedingt noch den Film gucken wolltest!“
„Und warum wollte ich gestern abend unbedingt diesen Film gucken? Der im übrigen auch noch echt schlecht war, wie du ja weißt!“
„Weil… weil… hab ich vergessen!“ Dein Schweinehund springt vor dir in den Fahrradkorb und wendet dir den Rücken zu.
„Aha. Vergessen.“ Um einiges zufriedener als noch vor einer Minute stemmst du dich in die Pedalen.
„Trotzdem. Ich hab Recht“, schiebt er störrisch hinterher. Er sieht dich nicht an.
„Stimmt“, antwortest du friedlich.
„Ich will nur dein Bestes!“
„Weiß ich doch.“
„Stopp!!!“ schreit er so plötzlich, dass du eine Vollbremsung hinlegst und zwei Passanten fast zu Tode erschreckst.
„Was ist denn?!“ herrscht du ihn an. „Willst du uns beide umbringen, oder was? Hier ist doch nichts!“
„Ja, guck doch!“ ruft er, hüpft im Fahrradkorb auf und ab und zeigt auf ein Schaufenster. „Da! Das Buch! Mit dem Schallplattencover! Ist das nicht toll? Das müssen wir haben! Kaufst du mir das? Bittebittebitte! Ich glaube, ich kann ohne das Buch nicht weiterleben!“ Er springt aus dem Korb ans Schaufenster, presst sich an die Scheibe und starrt in die Auslage. Seine Nase hinterlässt einen feuchten Abdruck auf dem Glas.
Du starrst ihn an und denkst: Unverbesserlich. Er ist unverbesserlich. Aber das Buch… das Buch sieht wirklich interessant aus.