Herr Miesling spielt kein Billard

„Weisst du“, sagt Herr Miesling, „das is schon komisch. Da ärgere ich mich dauernd über diesen Park, und jetzt, wo er wech soll, da tut´s mir leid.“ Er blickt sich um. Zwei kahle Bäume, ein paar Büsche, in denen nicht mal Spatzen wohnen wollen und ein unentschlossenes Stück Rasen gruppieren sich um die Bank, auf der Herr Miesling sitzt. Neben der Bank steht ein überquellender Mülleimer. „Ne, schön isses nich, aber weisste, was hier hin soll? Parkplätze!“ Herr Miesling schnauft. „Als ob´s davon nich wirklich schon genuch gibt!“
Sein Engel nickt, fischt einen leeren Coffee-to-go-Becher aus einem der Büsche und stopft ihn in den widerstrebenden Mülleimer.
„Das is wie damals im Spezi. Da gab´s ´nen Billardtisch, weisste, und ich wollt immer richtig gut spielen können. Aber irgendwie bin ich nie dazu gekommen, hatte immer anderes zu tun. Aber die Idee vom Billard, die is mir immer im Kopf rumrumort. Und irgendwann hat das Spezi zugemacht, und ich hab nie Billard gespielt. Hier isses genauso.“ Herr Miesling guckt in die Bäume. „Das hätt mein Garten sein könn, mit´n paar Blumen und´n bisschen richtigem Grün. Aber ich hab nichts gemacht und jetzt kommt er wech.“
Sein Engel hebt eine leere Zigarettenverpackung auf.
„Wie, ob das aktuell is? Die Parkplätze? Nächstes Jahr im Herbst solln die kommen. Wieso?“
Sein Engel legt die Zigarettenverpackung oben auf den vollen Mülleimer.
„Was heißt hier aufgeben oder gestalten?“ Herr Miesling blickt sich um. „Was soll ich denn hier gestalten?“
Sein Engel verschränkt die Arme und sieht auf den Müll.
„Was? Ich?“ Herr Miesling guckt empört.
Sein Engel zuckt mit den Schultern.
„Jetzt sei doch nich gleich eingeschnappt!“ Herr Miesling lehnt sich zurück. „Meinste echt, wir könn´hier was draus machen?“
Sein Engel lächelt.
Herr Miesling spitzt die Lippen. Ein leises Funkeln glitzert in seinen Augen.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden, wie immer organisiert von Christiane (vielen Dank!!!). Die Wortspende kam von von Monika mit ihrem Blog Allerlei Gedanken und lautete Billard, aktuell und gestalten und der Text darf maximal 300 Worte enthalten. Hab ich! 😊

Draußen

Nein.
Du schlägst das Buch zu. Du hast dir wirklich Mühe gegeben, geforscht, studiert und soviel gelesen, dass dir die Augen tränen, aber jetzt ist Schluß. Es ist vorbei. Du lehnst dich zurück und verschränkst die Arme hinter dem Kopf. Eine seltsame Mischung aus Erleichterung und Enttäuschung steigt in dir auf. Erleichterung, weil dieses seltsam trockene Gefühl von Hoffnung nun endgültig aufgehört hat, Enttäuschung, weil es schön gewesen wäre, einen Beweis zu finden. Aber du hast keinen Beweis gefunden, nur endlose Theorien und Mutmaßungen.
Und nun? Was machst du nun?
„Sie könnten einfach die Tür öffnen.“
Du drehst dich erschrocken um. Da sitzt ein mittelalter Mann im weißen Anzug hinter dir. Er hat die Beine übereinandergeschlagen, ein Arm liegt über der Sessellehne, in der anderen Hand hält er eine Pfeife. Seine Socken sind blau. „Was tun Sie hier?“ fragst du irritiert.
„Entschuldigung. Ich wollte Sie nicht erschrecken. Ich bin Engel Nr. 265 und Ihnen heute zugeteilt.“ Der Mann verbeugt sich im Sitzen leicht nach vorn. „Darf ich?“ Er zeigt mit dem Kopf auf die Pfeife.
Du nickst verwirrt.
„Danke.“ Der Mann zieht ein Päckchen Pfeifentabak aus seiner Tasche und fängt an, die Pfeife zu stopfen. „Wenn Sie über den Begriff „Engel“ stolpern sollten, ich bevorzuge „Hüter des himmlischen Lichts“. Klingt viel eleganter, oder? Obwohl, heutzutage muss man immer alles endlos erklären, obwohl manche Dinge ohne Erklärung viel verlockender sind. Leser von Fantasyromanen wissen in der Regel schneller, was gemeint ist. Tja. Wie auch immer, die meisten können mit „Engel“ mehr anfangen, obwohl man auch da manchmal mit längeren Diskussionen rechnen muss. Das ist heutzutage ja ein weitgefasster Begriff. Aber ich schweife ab, entschuldigen Sie bitte.“ Er hält ein Zündhölzchen an die Pfeife und zieht vorsichtig. Ein Duft nach Vanille und Lavendel steigt in deine Nase und du atmest unauffällig tief ein. Das duftet… so real.
„Und… was tun Sie hier?“ fragst du vorsichtig.
„Na, Sie haben doch gefragt, was Sie tun sollen. Ich bin hier, um Ihnen die Antwort zu geben. Öffnen Sie die Tür.“
„Welche Tür?“ fragst du irritiert.
Der Mann zieht an der Pfeife. Eine kleine blaue Wolke steigt über seinem Kopf auf. „Sie suchen doch Beweise?“
Du nickst. Die Enttäuschung von eben wabert noch um dich herum. „Ja. Alle Welt berichtet von dem Draußen, den Farben, Gerüchen, den Gefühlen, die man draußen haben soll. Aber es gibt kein Draußen. Ich habe es überprüft. Es gibt nur Gerüchte, Mutmaßungen und endlose Theorien darüber, aber niemand weiß genau, wie es sich anfühlt. Weil noch niemand jemals da war. Weil es das Draußen gar nicht gibt.“ Du fühlst dich leer, als du das sagst.
Der Mann mustert dich. „Sie könnten die Tür öffnen. Das würde die Dinge in Bewegung bringen.“
Du ärgerst dich. Dich bewegen existenzialistische Fragen und du bekommst idiotische Vorschläge. „Welche Tür?“ fragst du etwas lauter als notwendig.
„Na, die da hinten.“ Der Mann zeigt auf eine der Wände.
Du blickst dich um, obwohl du es besser weißt. Da ist nämlich keine Tür. Da war noch nie eine, genausowenig wie es Fenster in deinem Raum gibt.
Oh. Du kneifst die Augen zusammen.
Da ist eine Tür.
Du siehst den Mann an, dann wieder die Tür. Der Mann lächelt und stößt eine Lavendelrauchwolke aus.
„Was…?“ rufst du.
„Oh, das ist keine Zauberei. Sie war schon immer da. Sie haben sie bloß nicht wahrgenommen, weil Sie so beschäftigt waren mit Forschen.“
„Aber…“ sagst du hilflos.
„Das macht nichts“, sagt der Mann sanft, „alles hat seine Zeit. Wissen Sie, Sie sind ein Mensch. Da dauern die Dinge manchmal ein wenig länger.“
„Das heißt… ich könnte hinausgehen?“
„Jederzeit.“
„Und dann bin ich draußen?“
Der Mann nickt. Du bist fassungslos. „Aber… ich dachte, das Draußen gibt es nicht!“ rufst du aus.
„Das ist ja auch kein Wunder. Sie haben es noch nie gefühlt, nicht betastet, nicht gerochen. Sie haben nur darüber gelesen. Das ist ein Unterschied.“ Der Mann zieht noch einmal an seiner Pfeife, eine Wolke aus Vanille und Lavendel steigt unter die Decke. „Aufgeraucht“, sagt der Mann befriedigt, „alles geht einmal zu Ende, aber nicht heute. Wollen wir?“
Du spürst, wie du blass wirst, du hast schreckliche Angst vor dem Draußen, aber du willst es unbedingt sehen. Also nickst du zitternd.
Der Mann hält dir seine Hand hin. „Kommen Sie, wir gehen zusammen.“ Er zieht dich vom Stuhl und gemeinsam geht ihr auf die Tür zu, die du noch nie vorher gesehen hast. Der Anzug des Mannes leuchtet weiß im Halbdunkel deines Raumes. Dann drückt er die Tür auf.
Es ist hell. Warm. Es duftet nach etwas Grünem. Und nach etwas Süßem. Etwas berührt deine Haut und du erschreckst dich, aber es fühlt sich gut an. Vorsichtig machst du einen Schritt. Und dann noch einen. Und dann bist du im Draußen.
Der Mann im weißen Anzug lacht. Es ist ein dröhnendes, zufriedenes Lachen, es rinnt dir den Rücken hinunter wie zuvor nichts auf der Welt.
Und zum ersten Mal im Leben fühlst du dich vollständig.

Kämpfe

Sie öffnete die Tür und ihr Magen zog sich zusammen. Sie sollte nicht hier sein und sie wusste es. Mit schnellen Schritten ging sie zum hintersten Tisch und setzte sich, stopfte ihren Rucksack unter den kleinen Stuhl und wartete. Das Leben war nicht nett zu ihr gewesen in der letzten Zeit und neuerdings hatte sie das Gefühl, auf ihrer Schulter säße ein kleiner Gnom, der bei allem, was sie tat, aufstöhnte und seufzte und sie generell für völlig unzurechnungsfähig hielt. Sie drehte ihren Kopf vorsichtig nach links und rechts und schielte auf ihre Schultern, aber sie waren leer. Natürlich waren sie leer.
Als der Kellner kam, bestellte sie eine Tasse Schokolade, mit extra Sahne, und ihr schlechtes Gewissen wuchs zu einem Berg fast so hoch wie der Kilimandscharo. Bislang war sie stark geblieben. Sie tippte mit den Fingernägeln eine schnelle, kleine Melodie auf die Resopaloberfläche des Tisches und hörte erst damit auf, als der Kellner zurück kam. Die heiße Schokolade, die er vor sie stellte, schien sie anzulächeln. Fast konnte sie sie hören, ein dunkler Strom betörender Worte schwebte aus der Tasse direkt in ihre Ohren, und, was schlimmer war, in ihre Nase. Du willst es doch auch, komm, nimm einen Schluck, ich werde dir warm und weich die Kehle hinunterrinnen, du wirst dich sofort besser fühlen, ich weiß das und du weißt es auch, na los, MACH schon!
Die letzten zwei Worte hallten durch den Raum und wurden nur langsam leiser. Verwirrt starrte sie die Tasse an. Was war das denn? Die Schokolade schwieg, so wie sie immer schwieg, wenn sie direkt angesehen wurde. Diese verwirrenden Gespräche gab es nur, wenn sie abgelenkt war, sie kannte das schon, genau, wie sie den Gnom auf ihrer Schulter nur sah oder hörte, wenn sie nicht auf der Hut war. Was tat sie hier? Hatte sie sich nicht geschworen, mit der Schokolade aufzuhören? Das Zeug würde sie noch ins Grab bringen, wenn sie nicht endlich etwas unternahm. Meine Rede, knarzte der Gnom auf ihrer linken Schulter. Raus hier!
Sie hielt ganz still. Bist du für oder gegen mich? flüsterte sie. Du bist ich und ich bin du, knarzte der Gnom, überleg mal. Mit zittrigen Händen kramte sie ein paar Münzen hervor und legte sie neben die Schokolade auf den Tisch. Die Sahnehaube war wie ein zu lange benutztes Kopfkissen in sich zusammengesunken und wirkte klebrig matt. Neiiiin, hörte sie die Schokolade darunter kreischen, als sie aufstand, ihren Rucksack nahm und das Cafe verließ. Und jetzt? fragte sie niemand im Bestimmten. Keine Ahnung, knarzte der Gnom. Sie holte tief Luft, dann ging sie.

Das war ein Beitrag zu Myriades Impulswerkstatt, die es hier zu finden gibt. 😊 Die Idee, ein Schreibmuster durchzuhalten, finde ich sehr interessant, aber auch ganz schön schwer. Aber mit einem Tässchen Schokolade ist alles halb so schwer… 😁

Erschöpfung und Ratlosigkeit. Der Anfang.

Die Ratlosigkeit sieht sich um, aber da ist niemand. War ja klar, denkt sie, als ihr von hinten jemand auf die Schulter tippt. Sie dreht sich um.
„Hallo“, sagt die Erschöpfung mit leiser Stimme. Sie ist durchscheinend blass und trägt einen grauen Mantel, in dem sie fast verschwindet.
„Du bist das!“ ruft die Ratlosigkeit, „wir kennen uns doch!“
Die Erschöpfung lächelt ein halbes Lächeln. „Ja“, sagt sie, „stimmt, wir waren bei der Hektik zum Seminar.“
„Oh Gott“, sagt die Ratlosigkeit, „ich erinnere mich: ‚Wie hole ich alles aus dem Leben raus‘, das war der Titel. Hast du Antworten gefunden?“
Die Erschöpfung schüttelt den Kopf und sieht zu Boden.
„Ich auch nicht!“ ruft die Ratlosigkeit, „dann sind wir ja schon zu zweit!“
Sie sehen sich an und lächeln.
„Wollen wir?“ fragt die Erschöpfung.
„Gern“, sagt die Ratlosigkeit, „ich hab allerdings keine Ahnung, wo´s langgeht.“
„Es ist nicht weit“, sagt die Erschöpfung, „gleich um die Ecke.“
„Echt?“ Die Ratlosigkeit strahlt. „Meistens komme ich nirgendwo an.“
„Vertrau mir“, sagt die Erschöpfung und lächelt schon zum zweiten Mal an diesem Abend.

‚Himmel hilf!‘ denkt die Verachtung, die hinter ihnen auf einer Parkbank sitzt, und nimmt einen Schluck von ihrem kalten, schwarzen Kaffee. Er schmeckt nach Pappbecher.

Fräulein Honigohr und die Geschichte

Fräulein Honigohr ist müde. Gerade hat sie sich mit drei jungen Männern gestritten, und vielleicht war sie ein bisschen zu autoritär. Ach was, wem macht sie was vor, sie war genauso schrecklich wie die drei vorher zu ihr. Die Zeiten sind übel.
Sanft streicht sie über ihr Lieblingsbuch. Der Erzählstoff ist ihr ausgegangen, sie hatte gehofft, der Park würde ihn zurückbringen, aber da ist nichts.
Ein Schatten fällt auf ihr Gesicht. Vor ihr steht einer der jungen Männer, die sie hinausgeworfen hat. Er sieht unbehaglich aus. Fräulein Honigohr lehnt sich zurück.
„Also… äh… “ Der Mann windet sich. „Ich… tut mir leid.“
Fräulein Honigohr klopft mit der Hand auf die Parkbank. „Setz dich.“
Der junge Mann zuckt, als ob er lieber weglaufen würde, dann lässt er sich fallen und guckt auf seine Schuhspitzen. Irgendwann entspannt er sich. Ein kleiner Wind spaziert vorbei. Das Buch in Fräulein Honigohrs Händen vibriert. Sie richtet sich auf. „Hier, halt mal“, sagt sie, „ich glaube, du hast eine Geschichte für mich.“
Der Mann wirft ihr einen irritierten Blick zu, und da springt das Buch auf. Seine Seiten sind leer. Verständnislos guckt er auf die weißen Blätter.
Fräulein Honigohr hebt den Zeigefinger. „Warte“, sagt sie. Eine sehr kleine Hand taucht aus den Seiten auf, ein Kopf folgt und in Nullkommanichts hat sich eine weibliche Gestalt aus dem Buch gezwängt. Sie zieht einen Jungen hinter sich her. Zusammen spazieren sie über den Parkweg.
Der Mann starrt mit offenem Mund. „Das ist… das… “ stottert er.
„Pssst“, flüstert Fräulein Honigohr, „nur zugucken. Wenn dir was nicht gefällt, kannst du es später ändern. Ist ja deine Geschichte. Ok?“
Der junge Mann zittert und nickt. Er lässt die beiden winzigen Gestalten nicht aus dem Blick. Das Buch in seinen Händen seufzt vibrierend. Es sieht aus, als ob es lächeln würde.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden! Organisiert werden sie von Christiane mit ihrem Blog Irgendwas ist immer, vielen Dank dafür! Die Wortspende kam von Katharina und ihrem Blog Katha kritzelt, und sie lauteten: Erzählstoff, sanft und vibrieren, zu verwenden in maximal 300 Wörtern, was wie immer eine Herausforderung war. Soviele gestrichene Wörter, die jetzt weinend irgendwo herumirren! Das Leben ist hart. 😊

Schwierige Kunden

Frau Möllendiek ist empört. Deswegen bestellt sie das größte Stück Sahnetorte aus der Theke und dazu einen doppelten Cappuccino. Wie kann die Schmidt es wagen? Ihr in ihre innersten Angelegenheiten reinzuquatschen! Wenn das jeder tun würde! Nie wieder wird sie zu dieser Kaffeerunde gehen! Wozu auch? Besseren Kuchen gibt es sowieso überall, und auf den langweiligen Filterkaffee kann sie erst recht verzichten. Etwas heftiger als notwendig sticht sie mit der Gabel in die Sahnetorte.
„Ist hier noch frei?“
Unwillig sieht sie auf. Auch das noch. Dabei hatte sie so auf etwas Frieden gehofft. Vor ihr steht eine ziemlich runde, ältere Frau mit grauen Wallehaaren. Oh Gott, denkt Frau Möllendiek, ein Öko! Das hat ihr gerade noch gefehlt.
„Danke“, sagt die Frau mit den Wallehaaren, zieht einen Stuhl vom Nachbartisch heran und setzt sich. „Sie sahen aus, als ob sie Gesellschaft brauchen können.“
„Ach ja?“ sagt Frau Möllendiek spitz. „Wie kommen Sie denn auf diese Idee? Mir geht es sehr gut hier.“ Frechheit! Was bildet diese Person sich ein? Sie stopft sich die Gabel mit der Torte in den Mund und kaut grimmig.
Die Frau hat das milde Lächeln schon auf den Lippen und holt Luft, als sie es sich anders überlegt. Sie sieht Frau Möllendiek streng an. Frau Möllendiek umfasst ihre Kuchengabel etwas fester. „Wissen Sie was, meine Liebe?“ fragt die Frau mit einem leise drohenden Unterton, „ich bin Ihre letzte Chance. Sie sind mein Auftrag, und ich beiße mir an Ihnen die Zähne aus!“
Frau Möllendiek will etwas sagen, aber die Frau redet einfach weiter. „Haben Sie eine Ahnung, was es mich gekostet hat, Sie in diese Kaffeerunde zu bringen? Ich musste alle meine Gefallen einfordern und trotzdem noch endlose Verhandlungen führen! Und das alles, damit Sie nach zwei Besuchen alles hinschmeißen? Wollen Sie einsam sein? Bitte! Nur zu! Vergraulen Sie ruhig alle um sich herum! Ich habe meinen Teil getan.“ Die Frau verschränkt die Arme und sieht sie finster an.
Frau Möllendiek ist erstarrt, die Zinken der Kuchengabel zeigen wie zufällig auf die graue Frau. „Woher wissen Sie, dass ich aus einer Kaffeerunde komme?“ fragt sie mit aufgerichteten Häärchen an den Unterarmen.
„Ach“, wedelt die grauhaarige Frau die Frage weg, „viel wichtiger ist, warum Sie auf Frau Schmidt so sauer reagieren? Sie sind doch viel schlimmer.“
„Was?“ Ungläubig lässt Frau Möllendiek die Gabel sinken.
„Ja, was?“ Die graue Frau legt die Hände auf die Armlehnen des Stuhls und beugt sich vor. „Oder haben Sie Frau Schmidt etwa nicht gefragt, ob Sie beim Tanzen mit Herrn Bollenpieper ihren Mann nicht vermissen würde?“
Frau Möllendiek läuft rot an.
„Und was war das mit der Bemerkung über Frau Schulzes Gewicht? War das etwa taktvoll? Und was Sie da über den Hund von Frau Wunderlich gesagt haben?“ Die Frau schüttelt den Kopf. Ihr graues Haar wallt bedrohlich. „Ich wette, nachher gehen Sie nach Hause und bedauern sich, weil Sie allein vorm Fernseher sitzen. Jedes Mal dasselbe: Ich baue Ihnen Brücken und Sie reißen sie ein. Wissen Sie was? Ich bin es leid. Ich kündige. Ich will jemand anderen. Soll der Chef sich doch persönlich um Sie kümmern!“ Die Frau schiebt den Stuhl zurück und steht auf. „Und übrigens: Ich bin kein Öko!“
Frau Möllendiek sieht der Frau fassungslos hinterher. Was war das denn? Eine Verrückte. Ja. Es muss eine Verrückte gewesen sein. Aber woher wusste sie das alles? Hat sie, Frau Möllendiek, etwa laut gesprochen? So muss es sein. Was bedenklich ist. Vielleicht geht es bergab mit ihr. Aber das hat sie ja schon immer gewusst, früher oder später musste das passieren. Sie rührt in ihrem lauwarmen Cappuccino herum und schiebt den schlaffen Schaum von links nach rechts. Vielleicht hätte sie das mit Frau Schmidts Mann nicht aussprechen sollen. Aber warum darf die tanzen gehen und sie nicht? Das Leben ist ungerecht.
„Ganz genau. Darf ich?“
Frau Möllendiek sieht irritiert hoch. Was ist denn heute bloß los? Was kommt jetzt, noch jemand, der ihr sagt, was sie alles falsch macht?
„Nun, ich würde mich eher als Ratgeber bezeichnen. Darf ich?“
Frau Möllendiek hält die Luft an. Dann nickt sie langsam und der schlanke, ältere Herr setzt sich.
„Ich bitte, meine Kollegin zu entschuldigen, sie ist noch neu im Geschäft und Sie waren ihr erster, schwerer Fall. Aber jetzt bin ich ja hier.“
Der Mann lehnt sich zurück und Frau Möllendiek kann nicht anders, sie fühlt sich komisch. So geborgen. „Schwerer Fall?“ fragt sie zögernd.
„Lassen Sie uns plaudern“, sagt der ältere Herr. „Ist der Cappuccino hier gut?“
„Wenn man dazu kommt, ihn zu trinken, doch, ja.“ Frau Möllendiek zieht einen spitzen Mund.
„Schön. Das ist doch ein Anfang“, sagt der ältere Herr und lächelt.

Berg und Tal

Berg und Tal

Ich bin außer Atem und schwitze. „Warum muss ich nochmal hier lang?“ frage ich und schnappe nach Luft.
Gott schweigt. Er trabt so leichtfüssig neben mir her, als wäre das hier ein Spaziergang.
„Keine Antwort, war ja klar“, japse ich und ärgere mich. Es geht seit Ewigkeiten bergauf und ich hasse wandern, vor allem bergauf.
„Du hattest die Wahl“, sagt Gott, „du hättest auch im Tal bleiben können.“
„Im Tal!“ Ich bleibe kurz stehen und schnappe nach Luft. „Das war keine Option, und das weißt du!“ Herausfordernd schaue ich Gott an.
Er zuckt mit den Achseln und betrachtet die Gegend. Es ist neblig. Viel Gegend ist nicht zu sehen.
„Im Tal war es dunkel! Und kalt.“ Ich schaudere. „Und langweilig war es auch“, füge ich hinzu.
„Tja“, sagt Gott.
„Aber es hätte bestimmt auch leichtere Wege als diesen hier gegeben. Nicht ganz so steil. Und mit weniger Geröll“, sage ich mit Blick auf die trostlosen Geröllfelder links und rechts.
„Hast du einen gesehen?“ fragt Gott.
„Nein“, gebe ich zu.
„Dann weiter“, sagt Gott.
Ich folge ihm widerwillig. Wir steigen bergauf. Es ist trüb hier oben, aber immerhin nicht ganz so finster wie im Tal. Manchmal verliere ich Gott trotzdem aus den Augen, aber ich höre seine leichten Schritte vor mir. Irgendwann wird es mir zuviel, ich bin müde. „Warte!“ rufe ich, „ich brauche eine Pause!“
„Nur noch ein kleines Stück“, höre ich ihn von weit vorne.
Ich stöhne und schnaufe und schwitze, aber ich gehe weiter. Hinter der nächsten Biegung muss er sein. Dann ist aber wirklich Schluß, denke ich, das reicht für heute, und passiere die Biegung. „Oh“, sage ich überrascht, und dann sage ich nichts mehr und gucke, überallhin.
„Tja“, sagt Gott. Er klingt sehr zufrieden mit sich.

Der Schweinehund und das schlechte Gewissen

Dein Schweinehund sitzt neben dir im Auto. Er guckt starr geradeaus. Du wirfst einen vorsichtigen Blick hoch zu den Fenstern, dann guckst du schnell wieder weg. „Hast du das auch gehört?“ wagst du dich aus der Deckung.
Dein Schweinehund nickt. Er zupft mit einer Pfote am Sicherheitsgurt und ruckt ihn in eine bequemere Position. „Sie klang vorwurfsvoll“, sagt er.
Du nickst. „Fand ich auch.“ Unbehaglich schiebst du dich auf dem Fahrersitz nach hinten.
„Und verlassen“, stellt dein Schweinehund sachlich fest.
Du schluckst. „Ich hab das ja nicht mit Absicht gemacht“, versuchst du dich zu verteidigen, aber es klingt jämmerlich und du weisst es.
„So?“ sagt dein Schweinehund mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Es lag nicht an ihr! Die Umstände waren schuld!“
Einen Moment lang sieht dein Schweinehund aus, als ob er seine überlegene Position ausbauen wollte, aber dann sinkt er in sich zusammen. „Ich weiß“, sagt er und seufzt. Es ist ein langer, tiefer Seufzer, und du stimmst ein.
Dann seht ihr beide zu den dunklen Fenstern eurer leeren, verlassenen, alten Wohnung hoch, und da hilft kein noch so überzeugendes Argument: Ihr kommt euch ein klein wenig schäbig vor.

Familientreffen

Wütend pfefferte sie den Löffel in die Spüle. Hatten sie das nicht ganz genau abgesprochen? Kein weiteres Familientreffen mit seinen ach so lieben Cousins, den lästernden Tanten und den Onkeln, deren Blicke ihr überall hin folgten, und vor allem nicht mit seiner teuflischen Mutter? Nie wieder zwei Liter Wackelpudding kochen für seine Sippe, die diesen schecklichen Zuckerwasserglibber liebte? Und? Hatte er sich daran gehalten? Natürlich nicht. Wie immer war er schwach geworden, als seine Schwester angerufen und ihn beschwatzt hatte, er müsse doch dabeisein, das könne er Mutti nicht antun, er würde doch dazugehören. Mutti! Wenn eine Frau keine Mutti war, dann war dass diese Frau, die ihr in jedem unbeobachteten Augenblick zu verstehen gab, dass sie in keinster Weise gut genug war für ihren Sohn. Keine Ahnung, wie sie es geschafft hatte, einen so netten Mann aufzuziehen. Selbst jetzt, nach seinem Einknicken, war sie fast schon wieder bereit, ihm das zu verzeihen. Aber noch ein Familientreffen im stickigen Wohnzimmer seiner Mutter würde sie nicht überleben, und nicht hingehen war keine Option. Ohne sie würden die gierigen Klauen seiner Familie ihren Mann in der Luft zerreissen, zu oft war er geknickt und gedemütigt von solchen Veranstaltungen nach Hause gekommen. Erstaunlich, wie unverdrossen er trotzdem jedes Mal wieder zusagte. Gedankenverloren spielte sie mit der Flasche, es knisterte leise, und wie von selbst öffnete sich der Verschluss. Erst langsam, dann schneller goß sie den Wodka in den Messbecher. Als die Flasche leer war, holte sie eine zweite und leerte auch die. Dann füllte sie mit Apfelsaft auf, bis die zwei Liter voll waren. Wer sagte denn, dass Wackelpudding immer mit Wasser gekocht werden musste? Niemand. Sie sah der Flüssigkeit beim Heißwerden zu. Zumindest interessant würde dieses Familientreffen werden. Vielleicht sollte sie großzügig sein: Wer wusste schon, ob zwei Liter Wackelpudding spezial ausreichten…

Das war noch ein Beitrag zu den abc-Etüden, und nun reicht es auch. 😁 Ich hatte dieses Mal die große Ehre, die Wortspenderin zu sein! Ich habe mit Vergnügen und Vorfreude Wackelpudding, unverdrossen und knistern gewählt. Organisiert werden die Etüden von Christiane, und weil das viel Arbeit ist, ein großes Dankeschön von Blog zu Blog. Inspiriert hat mich ein anderer Beitrag zu den Etüden, da kam auch Wodka-Wackelpudding vor. Leider weiß ich nicht mehr, welcher Beitrag das war…

Fräulein Honigohr und der Schneemann

Bevor man den folgenden Text liest, könnte man zuerst diesen hier lesen. Und diesen hier. Man muss natürlich nicht, aber es macht dann mehr Spaß. Und Sinn auch.

Fräulein Honigohr und der Schneemann

Gedankenverloren öffnet Fräulein Honigohr den Kühlschrank und schlägt die Tür sofort wieder zu, als ihr Geschrei entgegenschlägt: „Du hast es versprochen! Lass mich raus hier! Es ist stinklangweilig! Wehe, du machst die Tür wieder…“ Sie lehnt sich gegen die Kühlschranktür und atmet tief durch. Das muss unbedingt aufhören. Langsam artet dieser Zustand zu einer unfreiwilligen Diät aus, und sie kann ja nicht immer Kekse essen. Obwohl… nein. Energisch macht sie die Kühlschranktür ein zweites Mal auf.
„Ha! Ich wusste, dass du dich nicht traust! Lass mich sofort raus hier! Ist mir egal, ob es draußen zu warm ist! Du hast es versprochen!“ Der kleine Schneemann hämmert mit den Schneefäusten von innen an die blaue Glaskugelwand. Sein Gesicht schimmert besorgniserregend violett in all dem Blau, und das, obwohl der Käse aus der Nachbarschachtel sich alle Mühe gibt, für ein bisschen gelb in der Kugel zu sorgen.
Fräulein Honigohr seufzt. „Was soll ich deiner Meinung nach denn tun?“ fragt sie den Schneemann, „willst du etwa schmelzen? Als Wasserpfütze kann das Leben ziemlich seicht sein.“
Der Schneemann drischt mit seinem Besen von innen gegen die Kugelwand. „Das ist mir egal! Du hast ja keine Ahnung, wie langweilig es hier drin ist! Und dunkel! Lass wenigstens die Tür auf!“
„Nein! Weil es dann nämlich warm wird im Kühlschrank!“ Fräulein Honigohr wirft einen kurzen Blick aus dem Fenster. Keine Spur von Schnee, dafür nieselt es, und viel zu viele Schirmträger sind draußen unterwegs.
Der Schneemann wirft seinen Besen hinter sich, verschränkt die Arme und schmollt. „Du bist schuld! Wenn du dich nicht in die Kugel gewünscht hättest, hätte deine Doppelgängerin es nicht schneien lassen, ich wäre nicht gebaut worden und nicht mirnichtsdirnichts in dieser vermaledeiten Weihnachtskugel gelandet!“
„Du hast mir übrigens immer noch nicht verraten, wie du in die Kugel geraten bist. Irgendwas muss doch passiert sein, oder?“ Fräulein Honigohr sieht den Schneemann bohrend an.
„Das geht dich nichts an!“ Der Schneemann starrt bohrend zurück.
„Ach! Aber retten durfte ich dich?“ Fräulein Honigohr denkt an die hektische Rettungsaktion mit Kühltasche und Eisakkus zurück, und wie sie versucht hat, Herrn Brummeck die Existenz eines lebendigen Schneemannes in einer blauen Weihnachtsbaumkugel zu erklären. Sein Gelächter muss kilometerweit zu hören gewesen sein. Sie schnaubt.
„Natürlich! Du bist schließlich schuld!“ Der Schneemann funkelt sie aus seinen Kohleaugen an.
Was soll sie nur tun? Auf jeden Fall muss sie dieses schlecht gelaunte Eispaket aus ihrem Kühlschrank bekommen, oder sie wird in absehbarer Zeit ebenfalls sehr schlecht gelaunt sein, und dann kann sie für nichts garantieren. Und ihre Doppelgängerin läuft aller Wahrscheinlichkeit nach auch noch irgendwo da draußen herum. Auf jeden Fall gab es seltsame Nachrichten in den letzten Tagen, das Internet berichtete über Spontanpartys auf überraschend zugefrorenen Seen, die Anwohner hätten am Morgen die Überreste von Riesenbuffets entdeckt, aber kein Caterer hatte entsprechende Aufträge. Die Gerüchteküche brodelt wie ein Punschtopf, den jemand auf dem Feuer vergessen hat. Wie lange wird ihr kleines Weihnachtsfeierexperiment wohl andauern? Fräulein Honigohr hofft auf eine nicht allzu lange Lebensdauer, aber wer weiß das schon genau? Die Weihnachtstage haben ihre eigene Energie, die alles verstärkt und manchmal zu unberechenbaren Ergebnissen führt. Moment. Schuldet ihr der alte Mann nicht noch etwas? Er müsste mittlerweile wieder zuhause sein und sitzt wahrscheinlich in der Sauna, um sich von all dem Trubel zu erholen. Und bei ihm ist es kalt. Außer in der Sauna natürlich. Aber ansonsten: Endlose Schneeberge, eisige Kälte, Nordlichter, soviel das Herz begehrt. Da findet sich doch bestimmt ein Plätzchen für Herrn-ich-meckere-sobald-jemand-die-Kühlschranktür-öffnet? Fräulein Honigohrs Stimmung hellt sich auf.
„Was hast du? Du führst was im Schilde, ich seh das doch!“ Der Schneemann beobachtet sie misstrauisch, die Schneefäuste gegen die blaue Glaswand gestützt. „Sag mir sofort, was du vorhast! Du kannst nicht einfach machen, was du willst, hörst du? Du bist schließlich schuld! Was soll denn die Kühltasche? He! Wo bringst du mich hin? Lass das! Es ist schon wieder dunkel überall, laaaaas daaas!“
Fräulein Honigohr schließt die Kühltasche mit einem erleichterten Seufzer. Das wäre erledigt. Jetzt braucht sie nur noch eine Mitfahrgelegenheit. Ob der Ostwind ihr heute gewogen ist? Einen Versuch ist es wert. Sie schlingt den Schal um den Hals und steigt die Treppe zum Dachboden hinauf. Vielleicht hat ja auch der Teppich heute noch nichts vor. Und wenn doch: Die Aussicht auf Nordlichter hat ihn noch immer überzeugt.