Da bin ich!

„Da bin ich!“ piepst das dünne, graue Haar, nachdem es gewachsen ist und sieht sich neugierig um.
„Ich weiß“, brummst du und schreibst weiter.
„Das ist ja so aufregend!“ erklärt das graue Haar und kräuselt sich leicht vor lauter Vorfreude.
„Was ist das?“ fragst du abwesend und setzt ein paar wichtige Satzzeichen.
„Aufregend! Hier zu sein! Endlich! Ich hab so lange darauf gewartet!“ Das graue Haar reckt sich zur Sonne. „Und es ist so hell hier!“
„Du bist hell, meinst du wohl, was?“ fragst du säuerlich.
„Ja klar! Nach all deinen dunklen und braunen Jahren wird es doch wohl Zeit für etwas mehr Helligkeit, oder?“ Das graue Haar gluckst. „Und was machen wir nun?“
„Ich korrigiere den Text“, antwortest du, „was du machst, weiß ich nicht.“
„Du bist aber sehr schlecht gelaunt“, erklärt das graue Haar, „liegt das an mir?“ Es klingt beleidigt.
Du seufzt. „Naja. Es ist nicht so, dass ich auf dich gewartet hätte, weißt du. Du bist ein Zeichen für Veränderung, Umbruch, neue Wege. Du beendest etwas. Das macht dich nicht gerade beliebt.“
Das graue Haar kräuselt sich. „Das ist dein Problem. Ich hab solange darauf gewartet, ans Licht zu kommen, ich will Veränderung! Ich will Aufbruch! Ich will etwas erleben! Du bist vielleicht schon lange hier, aber ich bin neu! Also, was machen wir nun?“
Du zupfst an dem Haar herum.
„He! Lass das! Du willst mich doch nicht etwa ausreißen? Tu das nicht!“ Das graue Haar klingt panisch.
Du lässt die Hand sinken. „Würde ich doch nie tun.“ Du klingst nicht ganz überzeugend. „Na gut. Dann lass uns fürs erste einfach leben, ok?“
Das graue Haar entspannt sich. „Ja! Das klingt gut!“ Und nach einer kleinen Pause fragt es: „Wie geht das?“
Du lächelst. Darin hast du Erfahrung.


Bauarbeiterkumpel

Bauarbeiterkumpel

Manni drückte den Schalter des Rüttlers fester nach unten und das schwere Gerät zog den Rhythmus an. Die Maschine dröhnte auf dem Kies, den sie plattstampfen sollte. Gut. So konnte er Horst nicht mehr hören. Manchmal ging sein Kollege ihm so gewaltig auf die Nerven, dass er sich heimlich vorstellte, wie er unter den Rüttler geriet und für immer schweigend in den Bodenbelag eingearbeitet wurde.
Seit Jahren arbeiteten sie zusammen, aber immer noch bewertete Horst seine Arbeit, als ob er der Lehrer, und er, Manni, sein Schüler wäre. Horst vergab allen Ernstes Noten am Ende jeden Tages für ihre Arbeit, wobei die meiste Arbeit auf Mannis Schultern liegenblieb und Horst gute Ratschläge gab. Und Horst redete! Er hörte nie auf damit. Manni wusste alles über Horst, seinen Rücken, seinen Schrebergarten und über seine immer meckernde Frau. Dabei wollte er das alles gar nicht wissen, aber Horst entkam man nicht. Und so ertrug er ihn, mit seinem Mundgeruch, seinem ständigen Gerede, seiner Drückebergerei und den Noten am Ende jeden Tages.
Bald war Feierabend, er musste nur noch das Gerät verstauen, die Baustelle schließen und mit Horst nach Hause fahren. Kurz träumte er von kühlem Bier und Salamipizza, während der Rüttler die letzten Unebenheiten beseitigte. Dann schaltete er ihn aus und herrliche Stille umgab ihn. Er sah sich um. Wo war Horst? Er blickte in alle Richtungen, aber Horst blieb verschwunden. Als er sich ein letztes Mal ratlos um sich selbst drehte, fiel sein Blick auf den Rüttler und ihm wurde kalt. Unten am Stampfer hing der Rest einer roten Kappe, so wie Horst sie immer trug.

Unter dem Tisch

Unter dem Tisch

Als unter dem Tisch plötzlich alle ungesagten Wörter liegen, wird es einen Moment lang ganz still im Raum. Das Kind hat sie als erstes entdeckt, weil es gerne unter das Tischtuch abtaucht. Die Wörter vibrieren unruhig, ab und zu leuchtet eines auf. Der Hund hat sie gewittert und sitzt mittlerweile auch unter dem Tisch. Er wartet lauernd, und sobald eines aufflammt, packt er es mit einem Knurren und schüttelt es. „Versager!“ gellt durch den Raum, die Erwachsenen ducken sich erschrocken und gucken nirgendwohin. Einer ruckt dabei versehentlich mit den Füßen und trifft einen ganzen Trupp von Worten. „Mir ist langweilig!“ „Schreckliches Jackett!“ „Das Essen ist völlig versalzen!“ wabert unter dem Tisch hervor. Das Kind piekst ein buntes Wort an, „Papageienhintern“ fliegt auf. Als dem Hund ein paar der ungesagten Buchstaben in die Nase geraten, muss er niesen und alles fliegt in die Luft: „Ich will nach Hause!“ „Die andere Seite wär mir lieber!“ „Es juckt!“ „Blödmann!“ „Kleingeist!“ „Ich liebe dich!“
Überrascht guckt die Tischgesellschaft sich an. Wem galt das? Auf einmal raken alle mit den Füßen unter dem Tisch herum, das Kind lacht, der Hund bellt aufgeregt. Hemmungslos fliegen explodierende, ungesagte Wörter durch die Luft, und als es still wird, schwebt Klarheit über dem Tisch.
Alle sehen sich an, als ob sie sich noch nie gesehen hätten. Dann fangen sie an zu reden.

Herr Miesling und die Veränderung

Herr Miesling und die Veränderung

Herr Miesling sitzt auf seinem Küchenstuhl und sieht entmutigt aus. „Und du meinst wirklich, ich muss das machen?“, fragt er seinen Engel.
Der nickt energisch.
„Ich mag keine Veränderungen“, murmelt Herr Miesling, „immer, wenn sich was verändert hat, wars hinterher schlechter.“
Sein Engel stemmt die Hände in die Hüften.
„Na gut, vielleicht nich jedes Mal“, räumt Herr Miesling ein. „Als ich beschlossen hab, zur See zu fahrn, das war gut. Aber abgesehn davon, ich mags nich, wenn ich mich nich auskenn. Ich will wissen, wo was ist und wie es sich anfühlt, morgens im selben Zimmer im selben Bett wie immer aufzuwachen. Jaja, schon gut“, schiebt er schnell ein, als sein Engel leise schnaubt, „ich zieh ja nich um. Aber wenn ich jetzt anfang, hier was zu verändern, dann fang ich an, mich auf was zu freun, und ich weiß nich, was das ist, also freu ich mich grundlos, und dann stell ich irgendwann fest, ich hab gar keinen Grund, mich zu freun, also hör ich auf damit und dann ist es schlechter als vorher, als ich mich auch nich gefreut hab. Also kann ichs doch gleich lassen, oder?“ Er sieht seinen Engel an.
Der sieht aus, als ob ihm sein Job manchmal zu schwer wäre. Dann setzt er sich zu Herrn Miesling an den Tisch, obwohl da eigentlich kein zweiter Stuhl ist und sieht mit ihm aus dem Fenster.
Eine kleine Weile später räuspert Herr Miesling sich. „Naja“, sagt er, „aber jetzt haben wir den Eimer ja schon mal da. Und nen Pinsel auch.“ Er sieht sich kritisch um. „Und die Wand könnte nen Anstrich vertragen, das stimmt schon. Meinste, sie würds mögen?“
Sein Engel nickt vorsichtig.
„Ach Gott, dann. Meinetwegen.“ Herr Miesling seufzt. „Ich hoffe, ich mags auch. Kannste´n paar Zeitungen holen zum auslegen?“
Sein Engel zeigt auf einen Stapel Papier neben der Tür.
Herr Miesling guckt auf den Stapel und schüttelt den Kopf. „Du denkst echt immer positiv, was?“
Sein Engel zuckt mit den Schultern. Dann zieht er von irgendwo zwei gefaltete Papierhüte hervor und hält sie hoch.
Herr Miesling grinst. „Na dann los“, sagt er.

Der Schweinehund schreibt mit links

Der Schweinehund schreibt mit links

„Guck mal!“, rufst du, „ich kann mit links schreiben!“ Du betrachtest voller Begeisterung die unförmigen Buchstaben, die du mit links vollbracht hast. ‚Mit links schreiben ist toll‘ steht da, und mit etwas Fantasie kann man es auch lesen. Du bewegst die Finger deiner linken Hand hin und her. Erstaunlich, was die alles können. „Du solltest das auch mal probieren!“ rufst du deinem Schweinehund zu.
„Nö“, antwortet er aus der Küche.
„Aber es ist toll! Echt! Das fühlt sich total anders an als sonst, so… so… neu!“
Dein Schweinehund kommt mit einer Tasse Kakao in der Pfote ins Schreibzimmer. „Schön für dich“, murmelt er und balanciert die übervolle Tasse vorsichtig auf den Tisch.
„Voller hättest du´s nicht machen können?“ fragst du spöttisch.
„Doch, aber dann wäre es übergeschwappt.“ Dein Schweinehund pustet auf die sahnige Haube.
Du seufzt innerlich, aber dann kommst du wieder aufs Wesentliche zurück. „Probiers doch mal aus! Ich sag dir, das ist, als ob man wieder neu schreiben lernt! Guck mal, so sieht es bei mir aus.“ Du hältst ihm das Papier unter die Nase.
Dein Schweinehund wirft einen kurzen Blick drauf. „Eine echte Meisterleistung. Wahnsinn.“
„Nicht?“ Du nickst eifrig und betrachtest verliebt deine links geschriebenen Worte.
„Was soll das da heissen?“ Dein Schweinehund tippt auf das Wort ’schreiben‘.
„Schreiben!“ erklärst du eifrig.
Dein Schweinhund grinst.
Du spitzt die Lippen. „Du nimmst mich nicht ernst.“
„Ich nehme dich immer ernst“, erklärt dein Schweinehund ernst, „aber kann es sein, dass du in letzter Zeit zu viel zuhause warst?“
„Wieso?“ fragst du.
„Naja, vorhin hast du den Herd geschrubbt und mir erklärt, dass man mit Zahnbürsten erstaunliche Putzergebnisse hinbekommt. Dann hast du eine gelbe Birne in die Lampe gedreht und irgendwas von ‚am Strand und gleichzeitig zu Hause‘ gerufen. Und jetzt das hier.“ Er hält dein Papier in der Pfote.
Du schniefst beleidigt. „Ach Quatsch“, sagst du herablassend, „du solltest es einfach mal ausprobieren, ehrlich.“
„Gib her“, sagt dein Schweinehund, nimmt deinen Stift und schreibt mit der linken Pfote etwas aufs Papier. „Bitteschön.“
„Geht doch!“ rufst du und greifst nach dem Papier. ‚Wir sollten einen Ausflug machen. Der Metzgerladen ist noch geöffnet.‘ steht da. Die Schrift sieht sauber und flüssig aus, im Gegensatz zu deinen krakeligen Versuchen. Du guckst verdutzt hoch.
„Ich bin Linkspfoter“, sagt dein Schweinehund grinsend. „Wollen wir? Die Würstchen vom Metzger sind die besten.“

Marktplatzeis

Marktplatzeis

Ich esse ein Eis auf dem Marktplatz. Der Eisverkäufer ist genervt, Corona verdirbt ihm das Geschäft, und dazu der ewige Regen! Ach, der Regen.
Im Halbdunkel der großen Schirme hockt eine zerknitterte Frau und wirft böse Blicke um sich. Sie äfft ein Kleinkind nach, das überrascht kurz verstummt. Die Frau grinst triumphierend. Ich esse mein Eis und versuche nicht aufzufallen. Vergeblich. Als ich zwei kleinen weißen Handtaschenhunden hinterherblicke, lacht die Frau einmal kurz auf, dann fragt sie spöttisch: „Mögen Sie die etwa? Zu meinen Lebzeiten hatte ich drei 160kg Hunde, das waren Hunde, sag ich Ihnen!“
Ich lächle höflich, aber sie lässt mich nicht vom Haken. „Immer hungrig, das waren sie, aber gut erzogen!“
Tapfer nehme ich die Konversation auf. „Da wäre so ein kleiner wohl ein netter Imbiß gewesen, was?“
Die Frau lacht meckernd wie eine Ziege. Ich zucke zusammen. Eine Frau mit Eis in der Hand sucht hastig das Weite, nachdem sie sich fast an einen der Tische gesetzt hätte.
„Gucken Sie mal dahinten, die alten Frauen da, keine Arbeit, keinen Mann, zuviel Zeit. Und was machen sie mit der Zeit? Blumentöpfe hin und her schieben!“ Sie zuckt abschätzig mit den Schultern.
Ich gucke auf den Marktplatz. Da stehen tatsächlich ein paar Frauen zwischen sehr vielen Blumentöpfen und gestikulieren aufgeregt. Eigentlich sieht es ganz nett aus.
„Zu meinen Lebzeiten gab´s sowas ja nicht. So ein unnützer Kram. Haben die nichts besseres zu tun?“ Die Frau schnauft abfällig.
Ok. Jetzt muss ich nachfragen. „Zu Ihren Lebzeiten?“
„Ja mei, Sie wollen´s aber genau wissen!“
Ich schwanke kurz zwischen Nicken und Kopfschütteln, aber bevor ich mich entschieden habe, spricht die Frau schon weiter.
„Ich bin ja eigentlich gar nicht mehr da, wissen Sie. Und ich wäre auch lieber nicht hier, das können Sie glauben! So ein Getue überall! Aber der da oben wollte es anders. Und so bin ich halt hier der Engel. Was soll´s.“
Ich gucke stumm.
„Doch, glauben Sie´s! Nicht so einer im Nachthemd und katzenfreundlich, nene, ich hab Spezialaufgaben!“ Das letzte Wort betont sie überdeutlich.
„Aha?“ Ich überlege, wie ich möglichst schnell hier wegkomme.
„Ich vergraule Gäste!“ Sie kichert und ich muss wieder an Ziegen denken. „Der Luigi hier zum Beispiel, der darf keine Gäste ohne Test hier sitzen haben, aber er hält sich nicht dran. Er soll seinen Laden aber behalten, verstehen Sie? Und da mache ich halt, was ich am besten kann.“ Sie lehnt sich zurück, schlägt zufrieden die Beine übereinander und wirft böse Blicke auf die Eistheke. Die Familie, die gerade Wundertüten gekauft hat, entschliesst sich spontan, sie doch lieber am Brunnen zu essen.
„Aha“, sage ich wieder.
„Der Luigi, der sieht mich nicht. Und Sie, Sie glauben mir auch nicht. Sie denken, ich bin verrückt.“ Sie gackert. „Ich bin wirklich gut, wissen Sie!“ Ein paar Spatzen fliegen aufgescheucht davon.
Ich nicke, lächle höflich und verabschiede mich. Im Gehen drehe ich mich um. Im Eiscafé sitzt niemand, nur die alte Frau sieht mir spöttisch hinterher.
Vielleicht ist sie wirklich gut in dem, was sie tut.

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Sommerloch

Sommerloch

Die Wasserläufer zogen stur ihre Bahnen über die Wellen, hin und her, her und hin. Das Konzert direkt an der Wasserkante schien sie nicht im Mindesten zu interessieren, dabei war das Sommerloch dieses Jahr so tief und breit wie selten, und die Tatsache, dass das Konzertgelände sich direkt über dem Loch befand, war schon für sich allein eine Sensation. Wann hatte es das zuletzt gegeben? Die Sommerlöcher der vorherigen Jahre waren entweder mühevoll zugeschüttet worden, wurden einfach ignoriert oder mit einer Abdeckung und Dachbegrünung versehen und alle hofften, nie wieder daran erinnert werden zu müssen.
Dieses Jahr dagegen hatten die Lebensgeister beschlossen, das Loch zu nutzen. Unter der Konzertbühne befand sich ein Kletterpark, der weit hinab ging, und ganz unten auf der Lochsohle befand sich ein Sommerlochrestaurant, in dem Burger und Lochkäsevariationen serviert wurden. Weil die Lebensgeister immer ein wenig willkürlich handelten, wusste niemand, wie lange die Konzertbühne dort stehen würde, und so befand sich die halbe Stadtbevölkerung an diesem schönen Spätsommerabend vor der Bühne und feierte die Fliegenklatschen, die das Konzert ihres Lebens gaben. „He-ho, sowieso!“ gröhlte der Leadsänger, der seine langen Haare im Takt vor und zurück warf, und „HE-HO, SOWIESO!!!“ schrie das Publikum zurück. Über der brüllenden Menge flogen Möwen, die nach unvorsichtig hochgereckten Popcorntüten Ausschau hielten und sich dabei hin und wieder erleichterten, was entrüstete Schreie von unten nach sich zog. Die Möwen ignorierten die Schreie hochmütig, was sein musste, musste eben sein.
Langsam zogen Wolken auf, graublau und schwarzblau. Es wetterleuchtete, Blitze zuckten über die Wasserläufer, die immer noch ihre Bahnen zogen, dann setzte der Regen ein. Die Menge zog sich Regenponchos über, nicht umsonst war man hier an der Küste, die Bewohner waren schlimmeres gewohnt. Der Leadsänger gab alles, beim Schlusslied fing er an, auf und ab zu hüpfen und sein Publikum feuerte ihn begeistert an. Dann begann der erste Zuschauer mitzuhüpfen, sein Nachbar machte es ihm nach und innerhalb kürzester Zeit hüpfte das gesamte Publikum im Takt des Liedes, ihre Regenponchos knisterten dazu eine seltsame zweite Melodie.
Die Konzertbühne bebte und schwang, erste Erdbrocken fielen vom Rand abwärts, die Lebensgeister wandten schamhaft die Köpfe ab. Die Menge brüllte enthusiastisch auf und hüpfte stärker, der Leadsänger sang lauter, seine Band stampfte mit den Füßen und dann zerbrach die Bühne in zwei Teile und öffnete sich wie ein geheimer Tunnel in einem alten James Bond Film. Alles, alles sank leise und sanft ins Sommerloch hinab. Teile des Publikums sprangen hinterher und segelten wie Vögel an den Rändern des Lochs zu Boden.
Der Restaurantbetreiber seufzte schicksalsergeben, als er die vielen neuen Gäste auf sich zu fliegen sah, soviele Portionen Burger und Lochkäsevariationen hatte er nicht vorrätig, das würde eine Schlacht ums Essen geben, aber er war Küstenbewohner, er war schlimmeres gewohnt.
Die Möwen dagegen schrien enttäuscht auf, all ihre Popcornhoffnungen zerstoben, wie ein gutes Sommerloch es eben immer tut. Da war nichts zu machen. Zornig drehten sie ab und flogen über die Wasserläufer hinweg auf das offene Meer hinaus. Wenigstens das war verlässlich.
Genau wie die Wasserläufer, die immer noch stur ihre Bahnen über die Wellen zogen, hin und her und her und hin, und ihre Wanderstöcke platschten bei jedem ihrer Schritte leise auf.

Das war ein ausgeflippter Beitrag zum Etüdensommerpausenintermezzo 2021! Ich weiß auch nicht, was da in mich gefahren ist, ich habe einfach immer weiter aufgeschrieben, was mir einfiel, und das waren, äh, interessante Dinge. 😁
Vielen Dank an Christiane, die das alles organisiert und so schöne Worte aus dem Lostopf hat ziehen lassen. Hier gibt es Links zu mehr Texten von anderen Bloggern. Viel Freude daran!

Fundbüro

Vorsichtig öffne ich die Tür. Sie quietscht, als ich sie nach innen schiebe. Drinnen ist es dämmrig, auf dem Tresen steht eine angelaufene Klingel. Ich drücke zaghaft auf den Klingelknopf und warte.
Nach einer Weile schlurft ein sehr alter Mann durch den Fliegenvorhang, der in den hinteren Bereich des Ladens führt. Sein Gesicht ist unbewegt. „Ja?“
„Ich… ähm…“ Ich ringe innerlich die Hände. „Ich suche einen abgelaufenen Neuanfang. Haben Sie sowas da?“ Erleichtert lasse ich die Hände sinken. Jetzt ist es raus.
Der alte Mann zupft an seinem faltigen Ohrläppchen. „Neuanfang, Neuanfang… wie soll er denn aussehen?“
„Oh. Nun ja. Irgendwie neu, eben.“ Ich überlege. „Nicht zu abgelaufen. Vielleicht mit ein bisschen Farbe? Kein Grau, bitte. Ja. Und… frisch! Frisch sollte er auf jeden Fall sein. Aber auch nicht zu frisch! Das fühlt sich so kalt an. Und aufregend! Ja!“ Ich bin aufgeregt. Sofort kommen mir Zweifel. „Aber normale Aufregung, nicht zu schlimm“, schiebe ich schnell noch hinterher.
Der alte Mann starrt mich ausdruckslos an. „Ich geh nachsehen“, knarzt er dann und verschwindet durch den Fliegenvorhang nach hinten.
Ich warte. Eine Fliege summt gegen die Fensterscheibe. Es ist warm hier drinnen.
Der alte Mann kommt zurück. Er trägt ein vibrierendes, gut verschnürtes Päckchen, das versucht, ihm aus den Händen zu hüpfen.
Es ist rosa. Mit Glitzer.
„Das?“ frage ich entsetzt.
„Es gibt nur das hier“, antwortet der alte Mann. „Nehmen Sie es?“
Ich zittere, aber irgendetwas lässt mich nicken.
„Hier quittieren“, knarzt der alte Mann, „kein Umtausch.“
Ich unterschreibe und bezahle, dann nehme ich den Neuanfang vorsichtig hoch. Das Päckchen fühlt sich an, als ob es gleich in meinen Händen explodieren würde. Der alte Mann verschwindet ohne ein weiteres Wort in den hinteren Teil des Ladens. Behutsam öffne ich die Tür und gehe hinaus. Das Päckchen schnurrt und räkelt sich in der Sonne. Es glitzert sehr rosa.
Ich schwitze.

Nougat

Wie konnte er es wagen! Er hatte es ihr versprochen! Wütend biß sie in die Nougatpraline, die natürlich kein echter Ersatz sein konnte, aber besser war als nichts, dann wendete sie den Wagen. Niemandem konnte man trauen, dachte sie, als sie den nächsten Gang einlegte, alle waren sie gleich, kein einziger hielt seine Versprechen. Aber dieses Mal würde sie nicht lockerlassen, wenn er nicht zu ihr kam, gut, dann kam sie eben zu ihm!
Herzhaft trat sie aufs Gaspedal, der Wagen schoss nach vorn und nahm einem grauen Audi die Vorfahrt. Wandern müsse er, hatte er gesagt, er könne nicht immer bei ihr bleiben, aber er würde zurückkommen. Und war er das? Nein! Sie hupte einen Mann vom Zebrastreifen und zischte bei Orangerot über die nächste Ampel. Fast wäre er ihr entkommen. Das würde sie nicht zulassen! Sie brauchte ihn! Sie konnte sich nicht vorstellen, wie sie ohne ihn den Sommer überleben sollte.
Der große Wagen vor ihr wurde langsamer, und sie fühlte, wie ihr das Wasser im Mund zusammenlief. Da vorn war er, ganz nah und trotzdem unerreichbar. Verdammt! Frustriert schlug sie mit der Hand auf das Lenkrad. Und er fuhr natürlich nicht zu ihr nach Hause, genau, wie sie es geahnt hatte, sondern bog in eine schattige Seitenstraße ab. Einfamilienhäuser! Ihr Blut kochte. Sie sah zu, wie er den Wagen parkte und vorbereitete, dann stieg sie mit steifen Beinen aus, um ihn zur Rede zu stellen.
Als er sie sah, ging ein Lächeln über sein Gesicht, und als sie vor ihm stand, rief er: „Carrissima! Hier, für Sie, Zitrone, Sahne-Karamell und Nougat-Schokolade in der Waffel! Bitteschön, wie immer!“
Es war wie jedes Mal. Er wickelte sie ein mit seinem Eisverkäufer-Charme und sie verlor. Was sollte sie machen? Sie brauchte sein Eis wie andere die Luft zum Atmen.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden, und ich bedanke mich ausdrücklich bei Christiane für die geniale Idee, die mir hier in den Kommentaren geliefert wurde. 😁
Die Worte waren Praline, herzhaft und wandern, sie waren unterzubringen in einem maximal 300 Worte langen Text und die Wortspende kam von Monika mit ihrem Blog Allerlei Gedanken. Organisiert wird alles von Christiane (ja, die Ideengeberin für diese Geschichte). Ihr müsst zugeben, eine Eiswagen-Stalkerin hatten wir bestimmt noch nicht, oder? 😁

Dein Schweinehund kuschelt

Du bist auf der Suche nach deinem Schweinehund. Er ist nirgends zu finden, obwohl du schon überall gesucht hast, unter dem Tisch, im Korb mit den Schals, im Bett. Ratlos siehst du dich um. Eigentlich wolltest du spazierengehen, aber ohne ihn ist es nicht dasselbe. Moment. Seit wann atmet deine Sofadecke? Du guckst genauer hin. Eine Pfote vom Schweinehund ist zu sehen, der komplette Rest ist in die Decke eingewickelt wie eine Mumie. Du schleichst dich vorsichtig an und lässt dich mit einem Plumps neben ihn aufs Sofa fallen. Mit einem Quieken fährt er hoch, verheddert sich in der Decke und fällt wie ein Mehlsack auf die Polster zurück. „Na?“ sagst du.
„Was soll das?“ beschwert sich dein Schweinehund und sortiert Pfoten und Decke auseinander. „Ich hab gerade so schön geträumt!“
„Ich will spazierengehen. Kommst du mit?“
„Nö“, sagt dein Schweinehund, „ist mir zu kalt.“
„Aber wir haben uns heute überhaupt noch nicht bewegt!“
„Ist mir egal.“
„Das ist nicht gesund, und das weisst du.“
Dein Schweinehund nickt und wickelt sich wieder in die Decke. Sie sieht warm aus. Und kuschelig.
„Wenn du noch nicht draußen warst, weisst du doch gar nicht, ob es wirklich so kalt ist!“ sagst du und versuchst überzeugend zu klingen.
„Ich hab vorhin eine Pfote aus dem Fenster gehalten“, sagt dein Schweinehund, „es ist sogar noch kälter.“
„Echt?“
Es sieht aus, als ob dein Schweinehund nickt, aber du kannst schon nicht mehr viel von ihm sehen, nur ein Stück Schwanz guckt noch unter der Decke hervor. Du guckst aus dem Fenster. Es ist grau da draussen. Und windig.
„Du?“ fragst du, „kann ich mit unter die Decke?“
Ein langes Seufzen ist zu hören, dann fängt der Stoff an, sich zu bewegen. „Na los“, brummt dein Schweinehund.
Du ziehst einen Zipfel der Decke über dich. Das ist schön. Manchmal braucht man Deckenzeit.
Und dass dein Schweinehund dreiviertel der Decke in Anspruch nimmt, könnt ihr in fünf Minuten auch noch ausdiskutieren.

Ja, das ist die schönste Decke der Welt. Fakt.