Mein Regenschirm

Mein Regenschirm ist ein echter Regenschirm.
Nicht wie all die anderen, die nur so tun als ob. Wenn ich meinen Regenschirm aufspanne, tut er das, was ein echter Regenschirm tun soll: Er beginnt zu regnen. Er lässt sanften, gleichmäßigen Sommerregen auf mich heruntertropfen, so, wie es sein soll.
Keine Ahnung, wie all die anderen es im Sommer mit diesen unechten Regenschirmen aushalten. Was tun sie nur, wenn es richtig warm wird? Wenn ich mit meinem Regenschirm lange genug auf einer Stelle stehe, wachsen dort ein paar Tage später Löwenzähne oder Tomaten. Manchmal auch Disteln, aber so ist das eben.
Ich liebe meinen Regenschirm. Um nichts in der Welt würde ich ihn hergeben.

Zweifel für den Schweinehund

„Du“, sagt dein Schweinehund und betrachtet sein umgekehrtes Spiegelbild im saubergeleckten Löffel. „Bin ich eigentlich großspurig?“ Vorsichtig betupft er seine auf golfballgröße angeschwollene Nase. Sie schimmert lila.
„Du?“ Um Zeit zu gewinnen, nimmst du einen extralöffel Erdbeermarmelade und verstreichst sie sorgfältig auf deinem Toast. „Tja. Wo soll ich da anfangen? Bei deiner legendären Bescheidenheit? Deiner Uneitelkeit? Deinem einfühlsamen Wesen?“ Du nimmst einen Bissen Erdbeermarmeladetoast.
Dein Schweinehund nickt nachdrücklich. „Siehst du? Das habe ich ihr auch gesagt, und dann hat sie mir dieses Zeug zu trinken gegeben!“ Er dreht den Löffel um und studiert sein Gesicht. Über Nacht sind weitere lila Punkte dazugekommen. Zusammen mit der Nase bietet das einen beeindruckenden Anblick, wie eine Symphonie in lila.
„Ich habe dich gewarnt.“
„Quatsch! Wer konnte denn sowas ahnen?“
„Ich?“
„Pfff.“ Dein Schweinehund legt den Löffel weg und lehnt sich mit verschränkten Armen auf den Tisch. „Großspurig… ich bin nicht großspurig! Ich kann doch nichts dafür, dass ich vieles kann und gut aussehe und begabt bin!“
„Ach. Bist du?“
„Bin ich!“ Dein Schweinehund sieht dich an. Liegt da etwa eine Spur Unsicherheit in seinem Blick? Diese Fee ist unglaublich. Du solltest sie jeden Abend zum Essen einladen.
„Erinnerst du dich an Sardinien? An den Katamaran?“
„Oh.“ Ein Schatten gleitet über das Gesicht deines Schweinehunds.
„Genau. Oh.“ Du lehnst dich zurück. „Wegen dir mussten wir auf diesen Katamaran steigen und haben die schlimmste Stunde unseres Lebens durchlitten. Wieviele Fische wir gefüttert haben, wollen wir mal lieber totschweigen. Ich erinnere mich, dass du kurz davor warst, über Bord zu springen, um dem Elend ein Ende zu machen. Da hättest du zum Beispiel einfach mal deine Klappe halten können und uns wäre vieles erspart geblieben.“
Dein Schweinehund macht einen Schmollmund.
„Gestern abend hättest du vielleicht eine Kleinigkeit weniger über die Größe von Feen sagen sollen. Und über die immensen Vorteile von starker Fellbehaarung im Gegensatz zu unbehaarten Menschen und Feen hättest du eventuell auch noch mal nachdenken können, bevor du den Mund aufmachst.“
„Mmfffh.“ Dein Schweinehund schmollt jetzt mit allem, was er hat. Selbst seine lila Nase glänzt beleidigt.
Du nimmst einen Schluck Tee. „Mach dir nichts draus. Lila ist deine Farbe. Stell dir vor, es wäre gelb gewesen!“
Dein Schweinehund atmet tief aus. Du hast so eine Ahnung, dass das heute ein ausserordentlich interessanter Tag werden könnte.

(Und wer sich jetzt fragt, welche unglaubliche Fee so etwas beim Schweinehund bewirken kann: Bitteschön. Sie heißt Aethusa und taucht irgendwann in der Geschichte auf.)

Fräulein Honigohr fällt

Fräulein Honigohr fällt

Fräulein Honigohr ist ernsthaft sauer. „Wir müssen über deinen Zeitplan reden! So geht das nicht! Das passiert mir jetzt schon das dritte Mal mit dir! Wenn du so dringend mit mir reden willst, dann musst du die Zeit einplanen, aber mich jedes Mal einfach beiseite zu schubsen, weil du dich um Kopf und Kragen verspätet hast, ist nicht die feine Art! Und du weisst ganz genau, wie ich es hasse, zu fallen!“
Die letzten Worte brüllt sie nach unten, aber sie ist sich sicher, dass das weiße Kaninchen ihr gar nicht zuhört. Das ist wieder typisch: Erst wird sie von ihm zum Loch beordert, wartet eine Ewigkeit, und als es dann endlich auftaucht, jammert es: „Keine Zeit, keine Zeit, oh, das wird mich meinen Kopf kosten!“, schubst sie voran und springt hinterher.
Und das, wo Fräulein Honigohr es überhaupt nicht leiden kann, zu fallen! Da helfen auch keine gut gemeinten Himbeertörtchen auf dem Weg nach unten, so köstlich sie auch sein mögen. Außerdem hat sie überhaupt keine Lust, der Roten Königin zu begegnen. Beim letzten Mal endete ihre Unterhaltung äusserst unerfreulich, als sie sie wissen ließ, was sie vom Croquetspiel mit Igeln und Flamingos hält, nämlich rein gar nichts.
Und mit der Grinsekatz hat sie auch noch ein Hühnchen zu rupfen – sie grinsend allein mit dem Hutmacher zu lassen! Fräulein Honigohr ist der Meinung, das Wort „Hutmacher“ sei lediglich ein anderes Wort für „völliger, wahnsinniger Irrsinn“, ganz abgesehen von den katastrophalen hygienischen Zuständen an seiner Teetafel. Von der armen Haselmaus ganz zu schweigen.
Das einzig erfreuliche an diesem ganzen Desaster ist die Aussicht auf einen Spaziergang im Pilzwald. Ob es schlimm wäre, wenn sie Herrn Brummeck ein Stückchen „Machmichkleiner-Pilz“ mitbringt? Bei dem Gedanken muss sie grinsen. Aber so leicht kommt ihr das weiße Kaninchen nicht davon.
„Kaninchen!!!“ brüllt sie.

 

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden, die dankenswerterweise von Christiane organisiert werden – vielen Dank! Die Regeln kann man im Foto nachlesen, und jedes Mal liefere ich mir einen Kampf mit den vorgegebenen 300 Wörtern, so auch dieses Mal wieder. Zum Schluss hatte ich 299 und konnte tatsächlich noch ein „grinsend“ unterbringen, das vorher raus gefallen war. Die drei Wörter lieferte Gerhard mit seinem Blog Kopf und Gestalt.

Dein Schweinehund und die Fee

Du sitzt an deinem Schreibtisch und schreibst vor dich hin, dein Schweinehund liegt neben dir und schnarcht leise. Es ist still und friedlich. Plötzlich verstummt das Schnarchen, du hörst ein Schmatzen, dann ist es wieder still. Du wunderst dich. Normalerweise läuft das anders. Wenn dein Schweinehund wach wird, ist es vorbei mit der Ruhe. Du guckst nach unten. Dein Schweinehund sitzt da und starrt ein Loch in die Luft.
„Was ist los? Hast du schlecht geträumt?“ Er antwortet nicht. „Hallo? Jemand zu Hause?“ versuchst du es nochmal. Seltsam. Wenn du es nicht besser wüsstest, würdest du sagen, er sieht ein bisschen entrückt aus.
Dann schüttelt er den Kopf und guckt dich an. „Hör mal“, sagt er, immer noch mit diesem seltsamen Ausdruck im Gesicht, „glaubst du eigentlich an Feen?“ In der rechten Pfote dreht er ein rosa Pralinenpapier zu einer kleinen, glänzenden Plastikwurst zusammen.
„Äh… was?“
„Feen. Du weisst schon, diese kleinen Dinger mit Flügeln und so.“
Jetzt bist du besorgt. Vielleicht hat er die Grippe oder Fieber oder so etwas. „Äh… also… du meinst diese Wesen aus Kinderbüchern? Naja… im metaphorischen Sinn vielleicht schon…“
„Neinnein, nicht im metaphorischen Sinn, ganz real meine ich.“ Ungeduldig sieht er dich an.
„Wenn du mich so direkt fragst: Nein. Tue ich nicht.“ Entschlossen verschränkst du die Arme. Direkte Fragen erfordern direkte Antworten. Vielleicht hat er zuviele deiner etwas seltsameren Bücher gelesen? Du wolltest schon längst mal die Regale aussortieren.
„Dachte ich mir“, murmelt dein Schweinehund, „war ja nicht anders zu erwarten.“
„Wieso?“ fragst du spitz.
„Du bist einfach zu einfallslos, deswegen. Aber das ist jetzt auch egal, hör zu, ich muss dir von meinem Traum erzählen.“
Du rollst innerlich mit den Augen. Gibt es etwas langweiligeres als endlose Erzählungen über anderer Leute Träume? Vielleicht noch ein Puzzle mit eintausend Teilen in schneeweiß.
Dein Schweinehund guckt feierlich und legt los. „Ich habe geträumt, ich wäre in der Stadt auf dem Weg zum Dönerladen, und da höre ich in einer Seitenstraße etwas in den Mülltonnen rascheln. Das könnte ja alles mögliche sein, also bin ich hin und hab nachgeguckt…“
„Nachgeguckt!“ grätscht du dazwischen, „du wolltest Dönerreste jagen, gib´s zu!“
„… nachgeguckt, was das ist. Ich hebe den Deckel von der Mülltonne und da fliegt mir so ein kleines Ding mitten ins Gesicht.“
Du grinst. „Eine Fee, was?“
Dein Schweinehund guckt dich erstaunt an. „Woher weisst du das? Egal. Auf jeden Fall hab ich jetzt eine Fee auf der Nase sitzen, und soll ich dir was sagen? Anstelle von echten Flügeln hat sie so rosafarbenes Pralinenpapier an der Stelle klemmen.“ Er betrachtet die Pralinenpapierwurst in seiner Pfote. „Sie raunzt mich an, mit einer Stimme wie diese Schauspielerin aus diesem Krimi, den du immer guckst, diese Staatsanwältin aus Münster, wie heißt sie noch?“
„Wilhelmine Klemm?“
„Richtig. Genauso. Sie meckert mich also an, jaja, sie wäre eine Fee, ich bräuchte gar nicht so blöd zu gucken, und wenn ich auch nur ein Wort über ihre Flügel verlieren würde, könne sie für nichts garantieren, und, jaja, ich hätte ihr geholfen mit dem Mülltonnendeckel, und ich solle schnell machen mit den drei Wünschen, sie hätte heute noch anderes zu tun. Naja. Also hab ich mir halt was gewünscht.“ Er schielt zu dir hoch.
Du guckst misstrauisch. Diesen Ausdruck kennst du. „Und? Was hast du dir gewünscht?“
„Glänzendes Fell. Und guck: Es hat funktioniert!“ Er dreht sich hin und her, und du musst zugeben, er hat Recht – sein Fell glänzt wie frisch mit Ei gewaschen. Seltsam. Heute morgen beim Frühstück hast du noch gedacht, dass er ein Bad dringend notwendig hätte. Du guckst sein Fell an und dann die Pralinenpapierwurst in seiner Pfote. Ihr habt keine rosa Pralinen in der Wohnung. Langsam fragst du: „Und der zweite Wunsch?“
„Ein Dönerladen direkt an unserer Wohnung.“
Du siehst ihn an und er dich, dann rennt ihr beide zum nächsten Fenster. Du atmest tief ein. Auf der anderen Straßenseite steht „Achmed´s bester Döner“ über dem Laden, der seit Monaten leer steht. Genau genommen stand er bis gerade eben leer. Mit hohler Stimme fragst du: „Was war der letzte Wunsch?“
Dein Schweinehund senkt den Kopf und murmelt fast unverständlich: „Ich hab ihr neue Flügel gewünscht. Natürlich nur, wenn sie das will.“
„Du hast… neue Flügel?“ Dein Schweinehund nickt mit mikroskopisch kleinen Kopfbewegungen. Er sieht immer noch zu Boden, als ob es da ungeheuer interessante Dinge zu entdecken gäbe. Langsam breitet sich ein Grinsen in deinem Gesicht aus. „War sie hübsch?“
Dein Schweinehund blickt auf, sieht dich an und nickt. Seine Nase ist rot geworden. Seine Augen glänzen, seine Ohren zucken. Du bemühst dich, ernst zu bleiben. Verliebte soll man nicht auslachen.
„Hör mal“, fragt dein Schweinehund, „haben wir eigentlich was zu essen zuhause?“
„Hm, naja“, sagst du überrumpelt, „die Bratkartoffeln vom Mittagessen sind noch da, und Fischstäbchen haben wir auch noch. Wieso?“
„Och“, sagt dein Schweinehund und guckt schon wieder mit zuckenden Ohren zu Boden, „es könnte eventuell vielleicht sein, dass ich sie zum Abendessen eingeladen habe.“
„Zum Abendessen…“
„… und sie hat gesagt, wenn wir was Anständiges da haben, würde sie es sich überlegen.“ Dein Schweinehund blickt dich hoffnungsvoll an. „Fischstäbchen und Bratkartoffeln sind doch anständig, oder?“
Du nickst langsam. „Klar. Würde ich schon sagen. Wir können ja mal gucken, ob wir noch eine Tüte Karamellpudding haben.“
Dein Schweinehund strahlt. Du guckst an dir herunter. Vielleicht solltest du dich umziehen. Ihr habt ja schließlich nicht jeden Abend eine Fee mit einer Stimme wie Wilhelmine Klemm zu Besuch.

Vertrauen

Du hast dich verlaufen. So richtig. Du stehst im dunklen Wald und hast keine Ahnung, wie du wieder herausfinden sollst. Die Sonne ist untergegangen und du traust dich keinen Schritt weiter. Überall könnten Löcher sein, oder ein Ast könnte dir mitten ins Gesicht schlagen, oder Wölfe könnten dich anfallen. Vielleicht gibt es hier Bären. Der Akku deines Telefons ist leer.
Gut. Dann wirst du die dunkle, dunkle Nacht eben an dieser Stelle verbringen.
Es beginnt zu nieseln.
„Äh, hallo?“
Du zuckst zusammen und drehst dich hektisch um. Wer ist das?
„Entschuldigung, ich wollte Sie nicht erschrecken! Ich dachte, Sie hätten mich gehört. Sie haben mich ja schließlich gerufen.“
„Was? Ich habe nicht gerufen! Wer sind Sie? Wo kommen Sie her?“ Du überlegst, deinen Kugelschreiber als Waffe zu zücken, lässt es dann aber. Es ist schwer zu beschreiben, aber der Mann wirkt vertrauenerweckend. Und hell. Ein leises Licht geht von ihm aus. Er trägt eine braune Strickjacke, die an den Ellenbogen dünngescheuert ist.
„Ich habe Sie ganz deutlich gehört. Egal, jetzt bin ich ja hier. Gestatten, ich bin Ihr Vertrauen.“ Er verbeugt sich vor dir.
„Mein… was?“
„Ihr Vertrauen. Ah, ich sehe, das sagt Ihnen nichts. Ab und zu werde ich auch als Engel bezeichnet, aber das klingt so verstaubt, finden Sie nicht? Vertrauen hat einen seriöseren Klang, oder?“
Du starrst ihn an. Vielleicht bist du verrückt geworden. Vielleicht taucht gleich noch ein rosa Einhorn auf.
„Nein, nein, keine Sorge, für Einhörner bin ich nicht zuständig. Sie sind nicht verrückt, Sie haben bloß Ihr Vertrauen verloren. Das ist nicht schön und macht den meisten Betroffenen schwer zu schaffen. Sehen Sie, und dann komme ich und versuche, die Dinge in Ordnung zu bringen.“ Der Mann verschränkt die Arme hinter dem Rücken und wippt auf den Fußspitzen auf und ab. Du bist verwirrt, aber du versuchst, die Sache positiv zu betrachten. Ihr steht im Wald, es ist dunkel, es nieselt, aber immerhin bist du nicht mehr mutterseelenallein. Das ist doch schon was.
„Genau! Und da es nieselt, Moment…“ Er zieht von irgendwo einen riesigen, schwarzen Stockschirm hervor und spannt ihn über euch beiden auf. „So! Viel besser! Wollen wir dann mal?“ Er bietet dir seinen Arm an.
Zögerlich legst du deine Hand an seinen Ellenbogen.
„Schön, schön. Dann sehen wir mal, wo der Weg uns hinführt. Wissen Sie, ich sage ja immer, man muss nur seinen Füßen vertrauen, die wissen, was sie tun, aber komischerweise sehe das nur ich so. Was meinen Sie?“
Er geht weiter, ohne nach vorne zu sehen. Er blickt dich an. Du würdest gerne langsamer gehen, viel langsamer, aber du traust dich nicht, ihm das zu sagen. Antworten kannst du auch nicht, du hast viel zu viel damit zu tun, in die Dunkelheit zu starren und den Weg zu suchen.
„Sie müssen den Weg nicht suchen, das mache ich für Sie. Vertrauen Sie mir einfach. Vorsicht, da ist ein Ast vor Ihnen. Und nein, das ist kein Spinnennetz, das sind nur Halme, die über den Weg wachsen. Wissen Sie, die meisten verlieren ab und zu das Vertrauen, Sie sind da nicht alleine, wirklich nicht. Schlimm wird es, wenn ich vergessen werde. Die Welt ohne mich ist ein einsamer Ort. Manchmal versuche ich es trotzdem und komme unaufgefordert, aber meistens bemerkt mich niemand, nicht mal, wenn ich wie Rumpelstilzchen herumtanze.“
Er führt dich durch das Unterholz, umgeht umgestürzte Bäume, die sich euch in den Weg legen und übertönt mit seinem Reden das Rascheln und Knistern in der Dunkelheit. Nie stösst er mit dem Schirm irgendwo an. Du verlässt dich auf ihn. Du bist froh, dass er da ist.
„Ach, wirklich? Das freut mich aber!“ Er lächelt. „Wir sind schon fast da. Sehen Sie, da vorne brennt Licht.“ Er zeigt mit dem Schirm in der Hand auf einen schwachen Schimmer im Schwarz. „Eins noch.“ Er sieht dich an. „Vor uns ist ein Graben. Nicht breit, aber tief. Und wir müssen drüberspringen. Vertrauen Sie mir?“
Du kannst den Graben nicht sehen. Du hast Angst. Der Wald hinter dir schweigt. Die Bäume knacken. Aber ihr seid weit gekommen, und ohne ihn stündest du immer noch verloren mitten im Nichts. Du nickst entschlossen.
„Gut. Ich zähle bis drei: Eins, zwei, drei!“
Ihr springt zusammen, Hand in Hand.
Ihr kommt sicher auf. Dein Vertrauen lacht und faltet den Schirm zusammen. „Wunderbar!“
Du fühlst dich leicht. Stolz.
„So soll es sein! Sehen Sie, da vorne ist der Parkplatz, auf dem Ihr Auto steht. Von hier aus schaffen Sie es allein, oder?“
Du siehst ihn an. „Danke“, sagst du und weil du nicht anders kannst, umarmst du ihn kurz.
„Ach, nichts zu danken. Immer wieder gerne. Und Sie wissen ja, solange Sie mich rufen, komme ich!“ Er verbeugt sich vor dir.
Du nickst, drehst dich um und gehst zum Auto. Als du angekommen bist, siehst du noch einmal zurück. Der Wald ist schwarz und schweigt.
Dein Vertrauen ist noch da. Es winkt dir zu.

Ausweglose Fragen

Als die Ente durch die Tür watschelte, wusste ich, dass die Dinge sich ändern würden. Sie zog unter ihrem linken Flügel eine Schachtel Zigaretten hervor, steckte sich eine in den Schnabel und fragte mit heiserer Stimme: „He, Mensch, haste mal Feuer?“
Eilig erhob ich mich und ließ mein Feuerzeug aufflammen. In diesen Zeiten sollte man immer gerüstet sein. Die Ente inhalierte gierig, ohne mich aus den Augen zu lassen, dann ließ sie sich auf dem Boden nieder.
„So, Mensch“, sagte sie, die Stimme nun noch heiserer als zuvor, „dann sag mal: Wo sind die Eier?“
Ich zuckte zusammen. Diese Frage hatte ich befürchtet. Was sollte ich tun? Was konnte ich tun? Gab es überhaupt noch einen Ausweg?

🙂

 

Zelten

Mit verschränkten Armen stand sie auf der Terrasse und sah zu, wie er das kleine Zelt aufbaute. Es war lächerlich. Er würde erfrieren. Nachts war es kalt, heute morgen hatten sie minus -2,1 Grad gehabt und Raureif auf dem Rasen. Selbst die Forsythien sahen aus, als ob sie Schnupfen hätten, und ihr Mann wollte zelten. Im Garten. Und dabei hatten sie sich nicht mal gestritten.
Sie ging kurz hinein, holte die graue Strickjacke und ihren Kaffee, dann ging sie wieder hinaus und sah ihm weiter zu. Sie machte sich Sorgen. Was ging in ihm vor? Seit vierzehn Jahren kannte sie ihren Mann und er hatte in dieser ganzen Zeit nie gezeltet. Nicht einmal. Und auch davor hatte er nicht zu den Outdoor-Liebhabern gehört, die mit einer dünnen Plane zwischen sich und der Welt zufrieden waren. Zumindest hatte sie das bis jetzt gedacht. Vielleicht hatte er ihr nicht alles erzählt? Kannte sie ihn überhaupt?
Das Außenzelt stand. Ihr Mann kam stolz lächelnd zu ihr auf die Terrasse und ihr Herz schlug eine Kleinigkeit schneller.
„Na, was sagst du? Jetzt nur noch den Innenteil einhängen und fertig!“
„Mh-mh. Möchtest du noch einen Kaffee? Und sag mir doch nochmal, warum genau du heute Nacht zelten willst.“
„Naja, wann, wenn nicht jetzt? Ich werde nie wieder soviel Zeit haben. Ich nehme an, du hast keine große Lust, im Urlaub zu zelten, oder? Und wenn ich wieder arbeite, mache ich es auch nicht. Du, den Kaffee würde ich nehmen.“ Er sah auf seine schmutzigen Schuhe und dann auf sie, also ging sie in die Küche und holte ihm einen Becher.
Als sie zurückkam, stand er versonnen da und blickte auf das halb aufgebaute Zelt. „Weisst du, ich war nie ein Zelter. Meine Eltern hatten immer Ferienwohnungen, und als Jugendlicher bin ich mit Rainbow Tours gefahren. Wir zwei fliegen irgendwohin und wohnen im Hotel. Also hab ich es nie ausprobiert. Vielleicht gefällt es mir, und ich weiß das gar nicht. Ich kann doch nicht sechsunddreissig Jahre alt sein und nicht wissen, ob mir Camping gefällt!“
Sie stellte sich neben ihn und nahm einen Schluck Kaffee. „Es ist seltsam. Gerade habe ich gedacht, vielleicht kenne ich noch gar nicht alle Seiten von dir. Ich meine: Zelten! Du! Aber weisst du was? Es gefällt mir. Dich nicht ganz zu kennen, meine ich.“ Sie stieß ihn leicht an.
Er legte seinen Arm um sie und zog sie an sich. „Du hast nicht zufällig Lust, heute nacht mit mir draussen zu schlafen? Wir könnten den Sonnenuntergang beobachten. Und ich verspreche, ich halte dich warm.“ Er grinste, und ihr Herz schlug wieder eine Kleinigkeit schneller. Gott. Sie konnte diesem Mann einfach nichts abschlagen.

Das war ein Beitrag zu den Extraetüden, die von Christiane organisiert werden – vielen Dank dafür! Die Regeln lauten maximal 500 Wörter, darin unterzubringen sind fünf von sechs vorgegebenen (siehe Bild). Ihr dürft gerne nach meinen Worten suchen 🙂 .