Ein britisches Frühstück

Sir Robert blätterte in seiner Zeitung und versuchte, sich auf die Cricketergebnisse zu konzentrieren. Das war nicht einfach, denn auf der anderen Seite des Frühstückstisches saß seine schlecht gelaunte Frau und hatte nicht die Absicht, ihn in Ruhe zu lassen. Die Sonne schien durch die hohen Bleiglasfenster des Wintergartens direkt auf sein Frühstücksei, das bereits geköpft in seinem silbernen Halter steckte. Während er die Net-Run-Rate seiner Lieblings-Cricketmannschaft studierte, streckte er geistesabwesend die Hand nach dem Salz aus, wurde aber jäh unterbrochen.
„Robert! Du weißt doch, dass du das jodhaltige Salz nehmen sollst! Dr. Smith hat extra gesagt, wenn du deinen Haarausfall noch irgendwie stoppen willst, sollst du Jod essen! Wann lernst du es endlich!“ Seine Frau starrte ihn gereizt an, ihre Hand drückte seine auf das gestärkte Tischtuch. Unangenehm berührt zog er seine Hand weg und griff nach dem anderen Salzbehälter.
„Siehst du! Es geht doch!“ Seine Frau schnaubte und griff nach einem Toast.
Sir Robert seufzte innerlich. Diese Heirat war der Fehler seines Lebens gewesen. Seine Frau hatte alle Bereiche seines Daseins unter ihre Kontrolle gebracht und sein Konto gleich mit. Es gab nichts, das sie nicht entschied: Was sie aßen, wohin sie in Urlaub fuhren, wie das Herrenhaus geführt wurde, das eigentlich sein Erbe gewesen war. Als letzten Rückzugsort hatte er nur noch sein Gewächshaus, das sich fast unsichtbar hinter einer Hecke verbarg. Seine Frau hatte eine einzige Schwäche: Sie war allergisch gegen Erdnüsse und hatte sie weiträumig aus ihrem Leben verbannt.
Sir Robert nahm einen Schluck Tee und warf einen vorsichtigen Blick über die Zeitung. Seine Frau bestrich ihren Toast mit der Haselnußcreme, die sie jeden Morgen aß. Sie bemerkte nicht, dass er sie gefälscht hatte, mit gemahlenen, selbst angepflanzten Erdnüssen aus seinem geliebten Gewächshaus.
Und so würde letztendlich doch noch alles zu einem guten Ende gelangen.

Das war ein Beitrag zu den Etüden mit dreihundert (hart umkämpften) Worten. Sie werden organisiert von Christiane (vielen Dank, das ist eine ganz schön aufwendige Sache, die du da für uns machst!), die Wortspende kam dieses Mal von fraggle und bestand aus den Wörtern Gewächshaus, jodhaltig, fälschen und hat eine Menge Leute zu höchst kriminellen Texten inspiriert! 🙂

Fräulein Honigohr am Meer

Fräulein Honigohr am Meer

Fräulein Honigohr schüttelt den Sand von den Stiefeln und streicht sich die Haare aus dem Gesicht. Ihre Manteltaschen sind muschelschwer und auf Herrn Brummecks linker Schulter liegt ein riesiges Stück Treibholz. Zufrieden hakt sie sich bei ihm ein, es ist Zeit nach Hause zu gehen. Kurz vorm Ziel bleiben sie vor einem kleinen, alten Haus stehen, in dessen Vorgarten Dahlien blühen. Ein Mann, der mindestens genauso alt wie das Haus ist, harkt den Sandweg zur Gartenpforte.
„Was für einen wunderschönen Garten Sie haben!“ ruft sie begeistert. „Und diese Dahlien!“
Der Mann blickt auf, stützt sich auf seine Harke und blickt voller Stolz auf die riesigen Blütenköpfe. „Ja, nicht? Ich züchte sie selbst.“
„Wirklich? Toll. Die rotweißen finde ich am schönsten!“
„Ach guck. Meine Frau mag die auch am liebsten.“ Er lächelt. „Sie sind wohl im Urlaub hier, was? Da haben Sie ja gutes Wetter erwischt.“
„Oh ja, die Sonne scheint, und das Meer ist ganz kabbelig, ein bisschen rastlos. Ich glaube, der Wind ärgert es heute zuviel.“
Der alte Mann sieht Fräulein Honigohr überrascht an, dann überzieht ein Grinsen sein Gesicht. „Genau so ist es! Ich hätte das nicht besser sagen können!“
Die beiden sehen sich an, unausgesprochenes Einverständnis im Blick. Herr Brummeck schiebt sein Stück Treibholz geduldig von der einen auf die andere Schulter.
Fräulein Honigohr erwärmt sich für das Thema. „Die Wellen flüstern heute, sie ratschen richtig. Sie müssen unbedingt mit Ihrer Frau an den Strand gehen und zuhören!“
Ein kleiner Schatten zieht über das Gesicht des Mannes. „Ach… wissen Sie, das geht nicht. Meine Frau hat schlimme Beine, Spaziergänge sind da leider nicht drin. Früher, ja, da konnten wir von hier aus das Meer sehen, nur ein Stückchen, aber das hat gereicht. Jetzt… naja, Sie sehen ja selbst.“ Er weist mit der Hand auf die andere Straßenseite.
Fräulein Honigohr blickt hinüber. Da steht ihr Hotel. Ein hübsches Hotel, nicht zu groß, in einem sonnigen Gelb gestrichen und mit Blumen vor den Fenstern. Aber es steht leider auch ziemlich breit drei Stockwerke hoch da und versperrt dem kleinen, alten Haus den Blick aufs Meer.
Der Mann reicht Fräulein Honigohr drei rotweiße Dahlienblüten über den Zaun. „Hier, bitteschön. Für Sie.“
Fräulein Honigohr blickt auf die Dahlien und dann zu Herrn Brummeck. Er hebt die Augenbrauen. Fräulein Honigohr atmet ein, Dinge verschieben sich, der Wind kräuselt seine Schwingen und das Meer hält die Luft an. Dann setzt das Rauschen wieder ein und Fräulein Honigohr nimmt dem Mann die Dahlien aus der Hand. „Das ist ja so lieb von Ihnen! Ich werde sie gleich in die Vase stellen. Vielen Dank!“ Sie blickt zum Hotel. „Ach, übrigens: Ich weiß ja nicht, wo Sie hingucken, aber ich kann das Meer sehen. Da ist es!“
Der alte Mann folgt ihrem Blick und stutzt. Er sieht vom jetzt nicht mehr so breiten Hotel zu Fräulein Honigohr und guckt dann auf den kleinen Streifen blau, der neben dem Hotel leuchtet. Wie Fräulein Honigohr gesagt hat: Das Meer ist heute kabbelig, nervöse weiße Schaumkrönchen hüpfen auf und ab.
Der Mann fährt mit der Hand zum Kopf und streicht über seine Haare, während er das Meer anstarrt. Langsam breitet sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. „Irmgard“! ruft er dann und eilt auf seine Haustür zu. „Irmgard!“
Herr Brummeck hakt sich bei Fräulein Honigohr ein. „Komm“, sagt er, „das Abendessen wartet. Ich bin übrigens sehr gespannt. Ich wollte immer schon mal in einem dreieckigen Hotel wohnen. Mal sehen, wie sich das anfühlt.“

(Liebe Katja, vielen lieben Dank, dass du deine wunderbare Zeichnung online gestellt hast und ich sie nun sogar hier veröffentlichen darf!!! Wer mehr von Katjas Zeichnungen sehen möchte, klicke bitte hier. Oder folge ihr auf Facebook! Ihre Bilder machen gute Laune, garantiert. Ich persönlich möchte andauernd in ihre Häuser und Wohnungen einziehen. Bislang ist es mir noch nicht gelungen, aber ich arbeite dran 🙂 .

Himmlischer Käse

Himmlischer Käse

Du bist deprimiert. Ganz und gar deprimiert. Es ist Sonntag, und in deinem Kühlschrank befindet sich eine Ecke Käse. Sonst nichts. In deiner gesamten Küche herrscht gähnende Leere. Du fühlst dich schrecklich ungeliebt und verlassen. Und kalt ist es auch. Naja, vielleicht ist das auch nur das Loch in deinem Magen. Als du dich gerade gemütlich in deinem Elend einrichtest und überlegst, wer alles an dieser Situation schuld ist, tippt dir von hinten jemand auf die Schulter. Du machst erschrocken einen Satz nach vorn und fällst dabei beinahe über einen Stuhl.
„Entschuldigung! Tut mir wirklich entsetzlich leid! Ich hätte anklopfen sollen!“ Dein Besucher ringt die Hände und versucht, zerknirscht auszusehen, aber es gelingt ihm nicht. Der Frohsinn strahlt ihm aus allen Poren. Du bist verwirrt.
„Wer sind Sie?“ fragst du und überlegst, wie er in deine Wohnung gekommen ist.
„Ich bin dein Sonntagsengel!“ ruft dein Besucher voller Enthusiasmus. „Mein Name ist Camembert. Und bitte, können wir uns duzen? Ich kriege das einfach nicht hin mit dem Siezen.“
„Mein Sonntags… “ stotterst du und guckst hilflos.
„Genau! Vor zwei Minuten wurde mir mitgeteilt, dass es hier eine häusliche Krise gibt und ein Eingreifen notwendig ist. Und da bin ich! Du hast also nichts zu essen?“
„N–nein…“
„Na, dann wollen wir mal nachsehen!“ Er dreht sich zweimal um sich selbst und scannt deine Küche, dann hüpft er zum Kühlschrank und reißt die Tür auf. „Ah! Käse! Das ist nicht Nichts!“ ruft er freudig überrascht.
„Naja“, sagst du weit weniger freudig, „an einem Sonntagmorgen kann man doch wohl etwas mehr als eine alte Käseecke erwarten, oder?“
„Meinst du das ernst? Ach Gott. Er meint es wirklich ernst.“ Camembert guckt an die Zimmerdecke und schüttelt den Kopf. Er nimmt den Käse aus dem Kühlschrank und hält ihn dir unter die Nase. „Schau mal. Und wie er duftet!“
Du bist skeptisch. „Wie Käse halt riecht. Nach Käse eben.“
„Neinnein, schau genauer hin. Konzentrier dich. Vor dem Käse gab es eine Wiese, die gemäht wurde. Aus dem frischen Gras wurde Futter für die Kuh, die die Milch für den Käse gegeben hat. Hörst du sie? Ihre sanften Kaugeräusche? Es war eine schwarzbunte, mit kleinen Sommersprossen auf der Nase. Und sie hatte ein Kälbchen bei sich. Die Milch für deinen Käse wurde an einem sonnigen Tag gemolken, sie ist durch viele Hände gegangen, bevor sie zu diesem Stück hier wurde. Jeden Tag wurde der Käselaib gewendet und mit Salzwasser bestrichen, monatelang hat das jemand für dich gemacht, dann hat ihn jemand verladen und zu deinem Händler gebracht, wo du ihn schließlich gekauft hast. Ist das nicht sogar ein Bergkäse? Ich weiß ja nicht, wie es dir geht, aber ich höre die Glocken beim Almauftrieb…“ Camembert lächelt versonnen.
Du guckst erst ihn an, dann das Stück Käse in seiner Hand. „Ok. Meinetwegen. Aber…“
„Du denkst viel zu eng“, unterbricht dich Camembert, legt das Käsestück auf einen Teller und greift nach einem Messer. Während er den Käse in Scheiben schneidet, redet er ununterbrochen auf dich ein. „Ich habe doch vorhin Brot gesehen. Ah, da ist es. Ein bißchen trocken, aber du verfügst ja wunderbarerweise über die Segnungen der modernen Technik, wie ich bemerken durfte. Du hast einen Toaster! Nein, noch viel besser – du hast einen Herd! Und Olivenöl ist auch noch da! Steh da nicht so rum, gib mir lieber das Salz. Danke. Olivenöl, Segen der trockenen Ebenen! Hörst du, wie die kleinen grünen Früchte platzen und das Öl freigeben? Dieser Duft dabei, unbeschreiblich! Und dein Brot, ach, ich höre den Wind, der über Getreidefelder streicht, kurz, bevor es reif ist. Hast du schon mal reife Getreidekörner direkt vom Feld probiert? Solltest du mal machen, das ist sensationell! Aber nimm nicht zu viele, wir wollen ja nicht die Bauern ärgern. Du könntest Teewasser aufsetzen, da drüben habe ich Teebeutel gesehen, und im Schrank ist noch ein bißchen Zucker, nein, da nicht, dahinter. Wo ist die Pfanne? Ah!“ Während er redet und redet, lässt er dein Olivenöl in der Pfanne heiß werden und salzt kräftig, danach legt er das in Scheiben geschnittene Brot in die Pfanne und röstet es. Auf einmal duftet es nach frischem Brot und Italien in deiner Küche. Als es von beiden Seiten knusprig braun ist, legt Camembert den Käse auf eine Brotseite und lässt ihn schmelzen. Dir läuft das Wasser im Mund zusammen, und während du den Tee aufgießt, guckst du immer wieder zu ihm hinüber.
„Du mußt Zucker in den Tee tun. Mehr. Noch mehr. Gut so. Das ist Pfefferminze, den muß man süß und sehr heiß trinken, wie in den arabischen Ländern, weißt du? Du kannst schon mal den Tisch decken, Essen ist gleich fertig!“
Du gehorchst ohne Widerworte. Deine Küche duftet so gut wie schon lange nicht mehr.
„So, fertig! Überbackene Bergkäsebrote, in Olivenöl gebraten, und frischen gesüßten Pfefferminztee!“
Ihr eßt schweigend. Kurz wunderst du dich darüber, dass das Essen jetzt für zwei reicht, obwohl du vorhin gedacht hast, noch nicht mal dich allein satt zu bekommen, aber dann ist es dir egal, und du genießt einfach den köstlichen Geschmack von geschmolzenem Käse, knusprigem Brot und als Kontrast dazu den süßen, heißen Tee. Als ihr fertig seid, lehnst du dich zurück. „Danke“, sagst du und meinst es auch so.
„Ach, nichts zu danken, ich bin hier nur der Koch, der mit diesen begnadeten Zutaten zaubern darf! Was ich übrigens noch sagen wollte“, Camembert sieht auf seine Fingernägel, „heute ist Erntedank. Du könntest ja mal wieder zu einem Gottesdienst gehen, oder? Danken schützt vor wanken und loben zieht nach oben, aber das kennst du ja, oder?“
Ein Gottesdienst? Heute? Du bist dir nicht sicher, ob er es ernst meint.
„Ich mein ja nur. Du könntest hinterher essen gehen, vielleicht will ja noch jemand mit? Ich muss dann auch mal wieder, du glaubst ja nicht, wieviele häusliche Krisen es jeden Tag gibt!“ Camembert springt auf, greift nach deiner Hand und schüttelt sie heftig. „Hat mich sehr gefreut! Vielleicht sieht man sich ja mal wieder! Lass nur, ich finde hinaus!“
Und schon ist er weg. Die Eingangstür hat kein Geräusch gemacht. Du bleibst noch einen Moment sitzen. Der Abwasch müsste erledigt werden.
Ein Erntedank-Gottesdienst. Grund zum Danken hättest du ja schon mal. Vielleicht wäre es einen Versuch wert.

Wie Fräulein Honigohr ein Buch liest

Fräulein Honigohr liest einen Roman. Der Held ist stoisch, viel zu tapfer und hat keine Ahnung von Dingen wie gepunkteten Regenstiefeln, chaotisch geplanten Ausflügen und schlechten Büchern. Lesen bedeutet, fremde Welten kennenzulernen, aber sie kann es nicht ändern: Der Held geht ihr furchtbar auf die Nerven.
Es gibt auch eine Heldin, und die findet Fräulein Honigohr noch viel schlimmer: Ständig sitzt sie irgendwo zitternd herum und wartet darauf, dass der Held die Welt für sie in Ordnung bringt.
Fräulein Honigohr schlägt das Buch zu. Ob sie mal wieder…? Eigentlich wollte sie sich zusammenreißen, schließlich hat alles Konsequenzen, aber sie kann einfach nicht widerstehen. Diese schrecklich langweilige Geschichte fordert Verzweiflungstaten ja geradezu heraus! Das Buch in ihrer Hand hat noch keine Ahnung davon, aber bei Fräulein Honigohr gibt es nur variable Geschichten. Die Welt ist ambivalent. Alles ist veränderbar.
Sie schlägt das Buch wieder auf, schließt die Augen und träumt. Das Buch zuckt, die Seiten flattern, der Einband wechselt ein paarmal die Farbe und dampft. Nach einer kleinen Weile öffnet Fräulein Honigohr die Augen und wartet gespannt. Aus ihrem Wohnzimmer kommen Stimmen, und das Buch hält den Atem an.
„Wo… wo sind wir hier?“ fragt eine tiefe Männerstimme.
„Ich weiß auch nicht“, antwortet eine helle Frauenstimme. „Aber es ist auf jeden Fall besser als der Dschungel, oder?“
„Das kann doch nicht sein…“ murmelt die Männerstimme unsicher.
„Keine Schlangen, keine Skorpione, keine Kannibalen. Mir gefällt´s!“
„Hallo-ho!“ ruft Fräulein Honigohr. „Kommt doch mal kurz her, ihr zwei!“ Es folgt eine tiefe Stille, dann dringt aufgeregtes Flüstern aus dem Wohnzimmer und schließlich schiebt sich ein blondgelockter Frauenkopf hinter der Tür hervor. Sie zieht einen Mann in Kakihose hinter sich her, der eine abgenutzte Machete in der Hand trägt.
„So. Setzt euch. Also: Ihr seid entlassen. Tut, was immer ihr möchtet. Keine engen Buchseiten mehr, keine ewiggleiche Handlung. Da vorn ist die Tür. Ich wünsche euch ein schönes Leben!“ Fräulein Honigohr wedelt mit ihrer Hand nachlässig in Richtung Flur.
Die Frau und der Mann sehen sich an, in ihren Gesichtern eine Mischung aus Fassungslosigkeit und Entzücken. Dann stehen sie auf und gehen, ohne sich noch einmal umzublicken und ohne sich zu verabschieden.
Fräulein Honigohr sieht das Buch an, und das Buch sieht sie an. Es hat Schluckauf und dampft immer noch leicht. „Tschuldigung“, sagt Fräulein Honigohr. „Du wirst ein paar Tage Verdauungsschwierigkeiten haben, aber das gibt sich, glaub mir.“ Sie legt das Buch offen auf den Tisch. Über seine Seiten tanzen Buchstaben, und Satz für Satz entsteht eine neue, andere Geschichte.

 

Das war meine allererste Etüde! Vielen Dank an Christiane, die sie organisiert, so auch diese Extraetüde für den fünften Sonntag im Monat. Im Text unterzubringen waren fünf aus sechs Wortspenden: Verzweiflungstat, ambivalent, hingeben, Roman, variabel, entlassen. Wortspender waren Alice und Ludwig Zeidler.

Beziehungskisten

Du versuchst, dich zu konzentrieren, aber das ist schwierig. Dein Schweinehund liegt hinter dir auf dem Bett und schmollt. Er macht dabei seine typischen Schmollgeräusche: Eine Mischung aus leisem Winseln und tiefen, dramatischen Atemzügen.
Du beendest deinen letzten Satz und nimmst die Hände von der Tastatur. Dann drehst du dich zu ihm um. „Na?“ sagst du.
Dein Schweinehund knurrt leise und dreht sich von dir weg, aber die dramatischen Atemzüge werden lauter. Du wartest. Und richtig: Plötzlich springt dein Schweinehund auf, hüpft vom Bett und baut sich vor dir auf. Er stemmt die Pfoten in die Hüften, schiebt die Unterlippe vor, sieht dir ins Gesicht und ruft: „Und das nach so vielen, gemeinsamen Jahren! Bin ich dir denn gar nichts wert?!“
Du guckst verständnislos, und als du nicht sofort antwortest, wirft dein Schweinehund die Pfoten theatralisch in die Luft und beginnt vor dir auf und ab zu marschieren.
„Ich verlange doch wirklich nicht viel, nur ein klein wenig Beachtung! Ab und zu ein Gespräch, nur ein paar Worte, damit ich weiß, dass ich existiere, ach was, ein ‚Hallo du‘ würde mir ja schon ausreichen, aber du, du siehst mich ja gar nicht mehr! Als ob ich gar nicht da wäre! Kein Wort heute seit über einer Stunde, weisst du, wie ich mich da fühle? Ungeliebt!“ Beim letzten Wort heult er auf und bricht dramatisch vor dir zusammen.
Hm. Ok. Du könntest ihn jetzt darauf hinweisen, dass eine Stunde wirklich nicht lang ist, aber im Moment hat das wohl eher keinen Sinn. Also setzt du dich neben deinen Schweinehund auf den Boden und streichst ihm vorsichtig über das gesträubte Rückenfell. Er schnieft laut, dreht sich aber nicht weg. Ein gutes Zeichen.
„Hör mal“, sagst du, „ich weiß, ich hab in den letzten Tagen nicht viel Zeit mit dir verbracht.“
„Nicht viel? Das ist ja wohl die Untertreibung des Monats!“
„Ok, ok, du hast ja Recht, und es tut mir auch leid.“
„Echt?“ Er setzt sich auf, die Augen noch ganz verheult, und starrt dich an.“Es tut dir leid? Das hast du nicht mehr gesagt, seit… seit… ich glaube, das hast du noch nie gesagt!“
„Siehst du? Du bist mir wohl was wert.“ Du siehst deinem Schweinehund in die Augen. Du meinst es ernst. „Was wäre ich schon ohne dich? Du bist meine innere Stimme, meine Korrektur, mein in-den-Hintern-Treter. Ohne dich würde ich nur auf der Stelle laufen und nicht vom Fleck kommen.“
Dein Schweinehund starrt dich an. „Das meinst du ernst, oder?“
Du nickst. „Heiliges Indianerehrenwort.“
„Ohhhhhh… “ Dein Schweinehund strahlt gerührt, dann verdüstert sich seine Miene wieder. „Warum hast du dann nie Zeit für mich?“
Du lächelst. Jetzt kommt das Beste. „Naja, ich schreibe. Dabei muss ich mich konzentrieren.“
„Aber warum denn so viel? Du sitzt dauernd an diesem Computer, ich fühle mich dann so… so… einsam!“ Die Stimme deines Schweinehundes schwankt schon wieder bedrohlich.
„Du bist halt eine anspruchsvolle Persönlichkeit, die kann ich nicht einfach kurz und knapp beschreiben, da braucht man schon ein bißchen mehr Zeit als üblich.“
„Was?“ Dein Schweinehund starrt dich an. „Du schreibst über mich?“
„Na klar. Über wen denn sonst?“
Dein Schweinehund ist sprachlos. Das kommt selten vor, und du genießt den kleinen Moment der Ruhe und des Triumphs, und dann ist er auch schon wieder vorbei.
„Über mich? Wirklich? Echt jetzt? Was schreibst du denn? Doch hoffentlich nur Gutes? Wie bin ich denn, wenn du mich schreibst? Kann ich das mal lesen? Darf ich mal sehen? Los, los, hilf mir mal auf den Stuhl! Komm schon, jetzt sitz da nicht so rum!“ Er hüpft vor dem Schreibtisch auf und ab und blickt dich erwartungsvoll an.
Du stehst auf und versuchst, streng zu gucken. „Dir ist schon klar, dass niemand meine unfertigen Texte lesen darf, ja?“
„Och, bitteeeee!“ Er bleibt stehen und sieht dich mit großen, glänzenden Kinderaugen an, und du schwankst.
„Na gut. Aber nur einen! Und nur einen kurzen!“
Dein Schweinehund strahlt. „Du liest vor, ok? Und weisst du was? Dann lasse ich dich in Ruhe, mindestens eine Stunde lang. Damit du weiterschreiben kannst!“

Lieben Dank an Gertrud fürs Stempeln und Basteln! 🙂

Neulich im Blumenbeet

Neulich fiel mein Fahrradschlüssel ins Blumenbeet. Es war so ein schmaler, kleiner Schlüssel, unauffällig schwarz, und das machte er sich zunutze: Er verschwand. Ich fand ihn nicht wieder, so sehr ich auch suchte. Schließlich gab ich auf, knackte das Fahrradschloß und fuhr trotzdem ins Grüne.
Es regnete ein paar Nächte nacheinander, tagsüber war es warm und schön und ich vergaß das Ganze. Bis gestern Abend. Ich kam nachts nach Hause und wunderte mich. Da hing ein Schwarm winziger Lichter im Garten, und ich meinte, da wäre ein leises Klingeln zu hören. Glühwürmchen? Hier? Vorsichtig ging ich auf die Lichter zu, das zarte Klingeln kam näher und dann sah ich es: In meinem Blumenbeet war ein Draisinenstrauch gewachsen, genau an der Stelle, an der ich meinen Fahrradschlüssel verloren hatte.
Nässe und Wärme hatten zusammengearbeitet, und so hatten sich überall Blüten geöffnet, münzengroße Fahrräder, deren Räder sich im Windhauch leise drehten und zahllose winzige Fahrradlampen zum Leuchten brachten. Ab und zu klingelte eines von ihnen, als ob es rufen würde: „Platz da, jetzt komm ich!“
Ein bisschen enttäuscht ging ich ins Haus. Glühwürmchen wären mir lieber gewesen. Oder richtige Lichter, größere! Nächstes Mal würde ich einfach meine Taschenlampe ins Beet fallen lassen. Das wäre doch gelacht.

Der Blutweiderich und der Goldfisch

(Auf mehrfachen Wunsch hin. 🙂 )

Der heftige Regenguß hatte den lehmigen Uferrand des kleinen Tümpels gerade so weit aufgeweicht, wie der Blutweiderich es mochte. Zufrieden schmatzte er mit seinen Wurzeln im Morast und dehnte und streckte seine zahllosen Füße in alle Richtungen, schüttelte seine lange, lila Mähne und wollte gerade anfangen, die letzten Sonnenstrahlen zum Abendbrot zu trinken, als er ein leises Gejammere hörte.
„Huuuuu… huuu… !“
Der Blutweiderich drehte seine lila Blütenblätter in alle Richtungen.
„Huhuuuuu!“
Das kam von oben! Direkt aus dem Baum! Der Blutweiderich zögerte. Entweder, er sah nach, was das war oder er würde neugierig in die Nacht gehen, und wenn es eines gab, das er nicht ausstehen konnte, dann war das ungestillte Neugier. Wie gern hätte er jetzt das Stimmorgan der Weinbergschnecke gehabt, die so laut wie die Nachtigall singen konnte (nur drei Oktaven tiefer)! Aber da hatte der Große da oben ihn wohl irgendwie übersehen.
Vorsichtig, aber bestimmt zog er also seine zahllosen Füße aus dem schönen, kühlen Schlamm und machte sich an den Aufstieg. Er musste gar nicht weit am Stamm der Weide emporklettern, da sah er schon, wer da so jämmerlich schluchzte. Ein sehr kleiner Goldfisch war es, der in einem fast noch kleineren mit Wasser gefüllten Astloch festsaß.
„Huuuu!“, jammerte er und schlug ab und zu mit der Schwanzflosse, aber nur sehr vorsichtig, damit er ja kein Wasser aus dem Astloch verlor.
„Na, da hast du dir ja was schönes eingebrockt“, sagte der Blutweiderich und krallte all seine Zehen fester in die Baumrinde. Der Goldfisch erschrak, aber nur vorsichtig, damit ihm ja kein Wasser verloren ging.
„Du bist der Blutweiderich!“, rief er überrascht. „Kannst du mir helfen? Ich sitze hier fest!“
„Ja, du Schlaufisch, das sehe ich. Wie hast du das angestellt? So hoch hinauf kann doch kein Fisch springen!“
„Doch, ich schon!“, rief der Goldfisch und warf sich in die Brust, dass seine goldenen Schuppen in der Abendsonne glänzten. „Aber jetzt traue ich mich nicht mehr runter…“ Seine Stimme näherte sich wieder verdächtig dem „Huhuu“-Tonfall an. „Was, wenn ich daneben springe? Was, wenn ich es nicht schaffe??“
„Tja, das wäre wohl ziemlich, äh, trocken“, sagte der Blutweiderich und kicherte. Dann wurde er ernst. „Lass mich kurz überlegen“, sagte er zum Goldfisch und überlegte kurz. „Ich hab´s!“ rief er dann. „Warte, ich komme gleich zurück.“
„Oh-keee…“, schluchzte der Goldfisch und schlug mit der Schwanzflosse, aber ganz vorsichtig, damit er ja kein Wasser verspritzte.
Der Blutweiderich machte sich an den Abstieg. Unten angekommen grub er sofort einige seiner zahllosen Füße ins Erdreich und gab das vereinbarte Klopfzeichen. Nichts. Ungeduldig wiederholte er das Klopfen und wartete. Nichts. Wo trieb er sich denn um Himmelswillen herum, wenn man ihn brauchte? Ärgerlich stampfte er mit allen Füßen gleichzeitig auf, dass die Erdklümpchen in alle Richtungen flogen. Unter ihm grollte der Boden, warf ihn mit einem gewaltigen Schwung zur Seite und formte einen mächtigen Hügel aus dunkler Erde, aus dessen Spitze der Maulwurf sein sandiges, pelziges Haupt in die Luft reckte.
„Was denn?“ grollte er, „du weißt doch, dass ich es hasse, beim Essen gehetzt zu werden!“ Und anklagend hielt er den Rest eines fetten Regenwurms hoch.
„Ja, ich weiß, aber wir haben hier einen Notfall, und wir brauchen dich! Da oben, im Baum, da sitzt ein Goldfisch fest und ihm geht das Wasser aus!“ Erwartungsvoll sah der Blutweiderich den Maulwurf an.
„Tja, das ist bedauerlich“, antwortete der und biß schmatzend ein großes Stück vom Regenwurm ab. „Und was soll ich da tun? Den Baum hochklettern?“ Er lachte schallend mit vollem Mund, was kein schöner Anblick war.
Der Blutweiderich rollte mit allen Blütenblättern, die er hatte. „Das ist doch sonnenklar! Du gräbst einen Tunnel bis zum Tümpel, durchbrichst die Tunnelwand, der Tunnel füllt sich mit Wasser, du springst raus, der Goldfisch springt in den Tunnel und schwimmt zum Tümpel. Fertig!“
Dem Maulwurf blieb das letzte Stück Regenwurm im Rachen stecken, er hustete heftig, schlug sich mit seinen Schaufeln auf die Brust und als er wieder atmen konnte, blickte er den Blutweiderich anklagend an. „Woher hast du bloß immer solche Ideen! Du weißt doch genau, wie ich es hasse, Wasser auf meinen Pelz zu bekommen!“ Er blinzelte und schüttelte den Kopf. „Aber da ist wohl nichts zu machen, oder?“
Und natürlich hatte er Recht, da war nichts zu machen, und es wurde alles genau so erledigt, wie der Blutweiderich es anordnete. Nach vielem guten Zureden wagte der Goldfisch schließlich zitternd den Sprung, landete in der weichen Erde des Maulwurfshügels, bekam vom Maulwurf einen Schubs, der ihn ins Wasser beförderte, wühlte sich dann jammernd und hustend durch den modrigen Schlammtunnel und tauchte spuckend und würgend, aber glücklich im Tümpel wieder auf.
Der Blutweiderich war zufrieden, und nach vielerlei gegenseitigem Dank, Schulterklopfen und den Jubelrufen des Goldfischs machte der Maulwurf sich mit nassem Fell davon, um sein so jäh unterbrochenes Abendessen fortzusetzen, nicht ohne vom Blutweiderich auf einige besonders ertragreiche Regenwurmansiedlungen hingewiesen worden zu sein. Schließlich hatte er seine zahllosen Füße nicht umsonst überall.
Der Blutweiderich sah dem Maulwurf hinterher, bewunderte die heute besonders regelmässige Form seiner Hügel und grub schließlich mit einem zufriedenen Ächzen all seine Zehen zurück in den morastigen Uferschlamm. Was für ein Abenteuer! Und wie grandios er dieses Problem gelöst hatte! Er versank in tiefe Bewunderung für sich, aus der ihn ein kleines Stimmchen riss. Es war der Goldfisch.
„Du, Blutweiderich?“ flüsterte er vorsichtig aus dem Tümpel.
„Was ist denn noch?“, antwortete der ein wenig gereizt.
„Ja, ähm, weißt du… hier im Wasser, da liegt ein großes Stück Draht…“
„Ja, und?“
„Ich hänge fest“, schluchzte der Goldfisch.
Der Blutweiderich seufzte.