In diesem Leben

Bei gefundenen Einkaufszetteln überlege ich ja immer, was dahinter liegt. Ein Deutungsversuch. 😊

In diesem Leben werden sie keine Freunde mehr werden, die Haarnetze und sie. Schon das dritte kaputte diese Woche, der Vorarbeiter war stinksauer. Was soll´s, dann kauft sie eben selber welche. Obwohl sie es eigentlich nicht einsieht, was kann sie für ihre Haare? Die waren immer schon wild und mächtig, ganz anders als sie. Als ob aus ihrem Inneren etwas versucht, herauszukommen.
Heute muss es auf jeden Fall noch drinbleiben, sie hat nachher Schicht. Aber den Lippenstift, der sie rot anlächelt, nimmt sie trotzdem mit. Für später, wenn ihr von all der Schokolade wieder übel ist und der Geruch nach Zucker wie Kaugummi in ihren Haaren hängt, trotz Haarnetz. Seitdem sie in der Pralinenfabrik arbeitet, mag sie nichts Süßes mehr. Selbst bei den sauren Gurken müssen es jetzt die ganz sauren sein, dazu nüchternes Brot und Tomaten, das reicht ihr. Für Ini nimmt sie den Hühnersalat mit, den sie so mag, und nach kurzem Zögern auch eine Packung Schokocrossies. Die Pralinen, die sie den ganzen Tag verpackt, findet Ini eklig, aber Schokocrossies sind mega!
Sie lächelt. Ihre Tochter hatte eben schon immer einen guten Geschmack.

Ich sag dir

„Ich sag dir, Andreas, du hast wirklich was verpasst heute, stell dir vor, ich war auf dem Weg zum Markt, um Öl zu kaufen, du weisst ja, wir hatten keines mehr, weil Abigail es vorgestern umgekippt hat, ungeschickt, wie sie ist, ich war also auf dem Weg zum Markt. Und wen sehe ich da? Rebekka! Mit fünf oder sechs Männern, wütend waren die, geschubst haben sie sie, ihr Mann war auch dabei, und soll ich dir was sagen? Sie war fast nackt! Ich wusste doch die ganze Zeit, dass da was läuft mit Ismael, und sie hatten sie wohl auf frischer Tat ertappt, vielleicht hatte ihr Mann ihr eine Falle gestellt, auf jeden Fall waren sie auf dem Weg zum Markt, und dann saß da dieser neue Rabbi, weißt du, dieser Mann, der so seltsame Dinge sagt, und sie haben sie vor ihm zu Boden geworfen und gefragt, was auf Ehebruch steht! Ehebruch! ich wusste es doch, hab ich´s nicht gesagt? Und weisst du was? Er hat gar nichts getan, irgendwas hat er gesagt, ich hab´s nicht verstanden, und dann hat er auf der Erde herum gemalt, ich meine, wer macht denn sowas, auf der Erde rummalen? Und dann sind sie alle gegangen, einer nach dem anderen, und zum Schluss saß nur noch Rebekka da, dann haben sie irgendwas gesprochen und dann ist sie auch gegangen! Wo gibt´s denn sowas? Ehebruch und nichts passiert? Was ist denn das für ein Rabbi? Da schicken wir unseren Sohn aber nicht hin, hörst du? Ich möchte wissen, wo Rebekka jetzt ist, zurück konnte sie ja wohl nicht mehr. Oder? Andreas? Hörst du mir überhaupt zu? Das Öl? Das habe ich vergessen.“

Fräulein Honigohr und die Geschichte

Fräulein Honigohr ist müde. Gerade hat sie sich mit drei jungen Männern gestritten, und vielleicht war sie ein bisschen zu autoritär. Ach was, wem macht sie was vor, sie war genauso schrecklich wie die drei vorher zu ihr. Die Zeiten sind übel.
Sanft streicht sie über ihr Lieblingsbuch. Der Erzählstoff ist ihr ausgegangen, sie hatte gehofft, der Park würde ihn zurückbringen, aber da ist nichts.
Ein Schatten fällt auf ihr Gesicht. Vor ihr steht einer der jungen Männer, die sie hinausgeworfen hat. Er sieht unbehaglich aus. Fräulein Honigohr lehnt sich zurück.
„Also… äh… “ Der Mann windet sich. „Ich… tut mir leid.“
Fräulein Honigohr klopft mit der Hand auf die Parkbank. „Setz dich.“
Der junge Mann zuckt, als ob er lieber weglaufen würde, dann lässt er sich fallen und guckt auf seine Schuhspitzen. Irgendwann entspannt er sich. Ein kleiner Wind spaziert vorbei. Das Buch in Fräulein Honigohrs Händen vibriert. Sie richtet sich auf. „Hier, halt mal“, sagt sie, „ich glaube, du hast eine Geschichte für mich.“
Der Mann wirft ihr einen irritierten Blick zu, und da springt das Buch auf. Seine Seiten sind leer. Verständnislos guckt er auf die weißen Blätter.
Fräulein Honigohr hebt den Zeigefinger. „Warte“, sagt sie. Eine sehr kleine Hand taucht aus den Seiten auf, ein Kopf folgt und in Nullkommanichts hat sich eine weibliche Gestalt aus dem Buch gezwängt. Sie zieht einen Jungen hinter sich her. Zusammen spazieren sie über den Parkweg.
Der Mann starrt mit offenem Mund. „Das ist… das… “ stottert er.
„Pssst“, flüstert Fräulein Honigohr, „nur zugucken. Wenn dir was nicht gefällt, kannst du es später ändern. Ist ja deine Geschichte. Ok?“
Der junge Mann zittert und nickt. Er lässt die beiden winzigen Gestalten nicht aus dem Blick. Das Buch in seinen Händen seufzt vibrierend. Es sieht aus, als ob es lächeln würde.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden! Organisiert werden sie von Christiane mit ihrem Blog Irgendwas ist immer, vielen Dank dafür! Die Wortspende kam von Katharina und ihrem Blog Katha kritzelt, und sie lauteten: Erzählstoff, sanft und vibrieren, zu verwenden in maximal 300 Wörtern, was wie immer eine Herausforderung war. Soviele gestrichene Wörter, die jetzt weinend irgendwo herumirren! Das Leben ist hart. 😊

Der Schweinehund und der Landvermesser

Der Schweinehund und der Landvermesser

Dein Schweinehund räkelt sich gemütlich auf dem Sofa und gähnt lange und ausgiebig. Dann reibt er sich die Augen, blinzelt und guckt zu dir herüber. Auf seiner Nase sind immer noch blasse lila Punkte zu erkennen. „Was machst du?“
Du starrst auf deinen Bildschirm und antwortest abwesend: „Ich versuche, mir eine Geschichte einfallen zu lassen.“
„Oh.“ Dein Schweinehund setzt sich auf. „Was für eine Geschichte?“
„Weiß ich noch nicht.“ Du stützt dein Kinn in die Hände. „Es sollen die Worte Landvermesser, undankbar und aussetzen drin vorkommen.“
„Warum?“
„Weil das die Regeln sind.“
„Pfff. Das ist ja doof. Warum schreibst du nicht über mich?“ Dein Schweinehund sieht dich mit großen, glänzenden Augen an.
Du bist ein klein wenig genervt. „Weil du keinen Landvermesser kennst. Oder?“
Dein Schweinehund ist gekränkt. „Weisst du doch gar nicht! Was, wenn ich doch einen kenne? Dann verpasst du jetzt vielleicht die beste Geschichte aller Zeiten!“
Du verdrehst die Augen. „Vielleicht. Ja.“
„Ist ja auch egal.“ Dein Schweinehund legt sich wieder hin. „Schreib du ruhig deine Geschichte. Ich mach noch ein bisschen die Augen zu.“ Er dreht dir den Rücken zu und ist in Sekundenschnelle wieder eingedöst.
Du betrachtest ihn nachdenklich. Ob so ein Landvermesser auch einen Schweinehund hat? Ob er ihn schon mal ausgesetzt hat? Und sich dabei undankbar vorgekommen ist?
Du lächelst und legst die Finger auf die Tastatur.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden, die mit viel Aufwand dankenswerterweise von Christiane organisiert werden – vielen Dank! Die Regeln: Maximal 300 Wörter, im Text enthalten sein müssen drei Wörter. Dieses Mal waren es Landvermesser, undankbar und aussetzen. Die Wortspende kam von Werner und seinem Blog Mit Worten Gedanken horten. Und der Schweinehund wäre tödlich beleidigt gewesen, wenn ich ihn ignoriert hätte. Das geht natürlich gar nicht. 🙂