Glaube

Glaube ist manchmal wie eine Erdbeere.
Vollmundig, süß und saftig, voller Verheißung.
Du beißt hinein und alles ist richtig, nein, sogar besser als nur richtig, vollkommen.
Das Leben ist schön.
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Glaube ist manchmal wie eine Zitrone.
Du siehst sie an, gelb glänzend liegt sie vor dir, und du ahnst schon, pur wird das nichts.
Aber was soll´s, ein Versuch kann nicht schaden, und du beißt tapfer ins Fruchtfleisch.
Danach weißt du, hier brauchst du sehr viel Zucker und festen Willen.
Aber verzichten kannst du trotzdem nicht.
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Glaube ist manchmal wie eine Kartoffel.
Vielseitig verwendbar, ein Grundnahrungsmittel, unverzichtbar, nur von außen, da sieht sie irgendwie langweilig aus.
Obwohl – manchmal blinzelt dich überraschend das ein oder andere Auge an.
Und du fragst dich: Was war das?

November

Griesgrämig zupft der Wind die letzten Blätter von den Ästen, zerrt sie lustlos durch die Luft und schubst sie schließlich in die Pfützen auf den Bürgersteigen. Selbst der Wind ist schlecht gelaunt im November. In den Straßenbahnen riecht es nach feuchter Wolle und Kamillentee, und die Menschen stapfen mit eingezogenen Köpfen über regendunkles Pflaster.

Wie ein gräulicher, ausgetretener Teppich hängt der Himmel über den Häusern, Nebel- und Regenschwaden lösen sich aus ihm, und die Drogerieketten steigern ihren Umsatz an Taschentüchern und Ersatzschirmen. Der blaugoldene Oktober verblasst langsam im Gedächtnis, Weihnachten ist noch weit entfernt. Nein, niemand mag den November.

Fast niemand. Angesichts all der miesepetrigen Laune um mich herum habe ich fast ein schlechtes Gewissen, es zuzugeben: Ich kuschele mich in diesen Monat ein wie in eine warme Decke. Niemals ist es so schön, nach Hause zu kommen, sich einen Tee aufzubrühen und überall warmes Licht einzuschalten. Die Zugfahrten wirken wie eine Entspannungskur. Draussen beherrschen Grautöne die Welt, keine einzige Farbe verlangt Beachtung, kein strahlend blauer Himmel fordert mich auf, etwas zu unternehmen. In den Parks ist es still, ein paar Unentwegte führen ihre Hunde aus, ansonsten habe ich die Sandwege für mich. Kein Fahrrad fährt mich von hinten fast um. Unter dem glatten Wasser des Wallgrabens träumen die Karpfen, und ab und zu legt sich ein weiteres, gelbrotes Blatt leise auf die Wasseroberfläche. Die Luft ist feucht, es riecht nach Laub und Erde. Wasserstaub schwebt in der Luft und hängt kleine Gewichte an meine Wimpern. Diese Jahreszeit legt sich dämpfend auf das Gemüt, beruhigt die Nerven und lässt der Vorfreude auf den Dezember großzügigen Spielraum.

Der November ist ein Künstler, er zelebriert die Tristesse mit großer Grandezza, und er genießt seine Auftritte. Egal, ob es dramatische Inszenierungen in Grau sind, sanfte Nebelgesänge oder tränenreiche, schwarze Tage – er gibt alles, und manchmal drückt er sich nach einem dieser Tage vor dem Fenster meines Zuges herum, linst mit einem Auge durch das schlierige Fenster und fragt erwartungsvoll: Na? Wie war ich? Ich lächle dann, lehne mich zurück und betrachte träge die erdigen Felder, die an mir vorbeifliegen.

Wie alles andere hat auch der November seine Zeit, und er nutzt sie mit Hingabe. Ob ich seine Kunst mag oder nicht, ist Geschmackssache, aber man kann ihm nicht vorwerfen, dass er nicht alles geben würde. Im Rahmen seiner Möglichkeiten tut er große Dinge, und es liegt an mir, ob ich sie würdige. Oder eben nicht.

Unterwegs mit der Freiheit

Hamburg, 13. Mai 2017, Reeperbahn, Große Freiheit

Was ist denn, Schatz? Du siehst nicht glücklich aus. Geht´s dir nicht gut?

Ach… du denkst, ICH wäre nicht glücklich, weil wir hier sind, auf der Reeperbahn? Aber warum sollte ich hier unglücklich sein? Es gibt hier nicht mehr und nicht weniger von mir als – ach, sagen wir in Blankenese oder Harburg. Glaub mir, du wüsstest das, wenn du hinter die Fenster sehen könntest.

Die Leute, die hier zum Feiern herkommen, sind freiwillig da. Gut, der ein oder andere wurde vielleicht von seinen Freunden gezwungen, aber die große Masse kommt, weil sie das so will. Beste Bedingungen für mich! Und die, die hier in normalen Geschäften arbeiten, sind auch überwiegend freiwillig da. Niemand zwingt sie zum Bleiben, für viele ist das hier Heimat, und sie lieben ihren Kiez.

Du hast allerdings Recht, hier gibt es auch Fälle, da bin ich wütend und möchte alle Ketten sprengen! Sofort! Da frisst mich die Ungerechtigkeit auf, aber trotzdem: Auf der Reeperbahn ist längst nicht alles unfrei.

Hm. Du siehst immer noch nicht glücklich aus. Habe ich etwas gesagt, das dir nicht gefallen hat? Weißt du, du sprichst hier nicht mit der Gerechtigkeit, oder der Gleichheit, und auch nicht mit der Moral, nein, mit der absolut nicht. Ich bin die Freiheit, mir geht es darum, dass Menschen ihre Entscheidungen, wofür auch immer, selber treffen dürfen.

Manche Menschen sagen, wenn es zu viel von mir gibt, endet alles im Chaos, aber du kannst dir denken, dass ich das anders sehe, oder? Und außerdem: Dafür gibt es ja die anderen, die Gleichheit und die Moral und die Gerechtigkeit und wie sie alle heißen.

Und jetzt komm, lass uns einen Kaffee zusammen trinken gehen, wer weiß, wie lange ich noch bei dir bin! Nimm dir die Freiheit!

(sie fasst mich am Arm und zieht mich kichernd mit sich fort)

Ich sehe was, was du nicht siehst

Hamburg, 13. Mai 2017, Altonaer Balkon

Dunstig hängt das Licht über dem Hafen, eine Ahnung von Blau zwischen den Wolken. Schafgarbenwellen duften, und tief unten schieben sich zwei Holzmasten an der Mole vorbei. Ein Brummen liegt über allem, ein leises Tosen; Hamburgs Hafen atmet. Dutzende Kranarme ragen wie ein erstarrtes Ballett in die weiche Luft, ab und zu glänzt ein Stück Stahl im Licht und sendet ein kleines Signal: Hier wird gearbeitet.

Über die Köhlbrandbrücke fahren winzige LKW, dahinter schieben drei Schornsteine Wasserdampf in den Himmel. Barkassen, ein Raddampfer und Segelschiffe ziehen vorbei, ab und zu wird ein Containerschiff behutsam geleitet. Das Wasser bewegt sich unablässig.

Hinter meiner Bank wird gejoggt, gegrillt und diskutiert, der Sandboden knirscht, wenn jemand vorbeigeht.

Es ist schön hier.

Kleine Liebeserklärung

Zu Weihnachten habe ich ein Buch geschenkt bekommen. Es sind lauter kleine Schnipsel von Astrid Lindgren, Sätze aus ihren Büchern, Interviewabschnitte, Leserbriefe, die sie geschrieben hat, Erinnerungen aus ihrem Leben.

Es gibt in dem Buch ein Kapitel über das Lesen, und darin stehen alle Gründe, aus denen ich angefangen habe zu lesen und seitdem nie wieder damit aufgehört habe. Als Kind liest man anders, und die Intensität, mit der ich damals die Geschichten verschlang, ist heute so nicht mehr da. Was bleibt, ist die Erinnerung daran, wie es sich anfühlte, gemeinsam mit den fünf Freunden bei Blitz und Donner Zuflucht in einer Felsenhöhle zu finden, naß bis auf die Haut, um dann Dosenpfirsiche zu essen. Oder zu wissen, wie ein Sommerabend riechen muß, wenn man mit Kalle Blomquist unterwegs war: Nach warmem Teer unter den Füßen und lauer Luft, in der eine Spur Heuaroma liegt.

Ich weiß auch noch ganz genau, wie neue, ungeöffnete Bücher sich mir in die Hände schmiegten, voller Verheißungen, Abenteuern und noch unbekannten Freunden, die ich bald genauso gut kannte wie mich selbst. Ein solches ungeöffnetes Buch war immer von einem leisen Zauber umgeben. Ich erinnere mich, wie ich nichtsahnend den ersten Band vom Herrn der Ringe öffnete, anfing zu lesen und verschlungen wurde vom Auenland und den Elben, verloren für alle Zeit an sagenhafte Welten, in denen alles möglich ist.

Mittlerweile habe ich sehr, sehr viele Bücher gelesen. Vielleicht bin ich heute manchmal zu schnell, weigere mich, konsequent einzutauchen, aber das ist keine Katastrophe. Es gibt Bücher, die haben das Potential, und dann passiert es ganz von selbst, das Eintauchen.

Ich bin immer noch begeistert. Wie für Astrid Lindgren sind Bücher auch für mich Brot und Salz, und ich glaube nicht, dass sich das in diesem Leben noch einmal ändern wird. Und deswegen werde ich mutig, entschlossen und unbeirrt weiterlesen, Romane, Fantasy, Krimis, immer auch Jugendbücher und Kinderbücher und Gedichte, ja, Gedichte ganz unbedingt. Nichts kann einen so ins Herz treffen wie die richtigen Worte, wenn sie kompakt und auf ganz bestimmte Art und Weise aneinandergereiht sind. Am Anfang war das Wort. Und in meinem Himmel muss es eine Bibliothek geben. Es kann sonst einfach nicht der Himmel sein.

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Eisschuhe

Heute Morgen sah ich auf dem zugefrorenen Wallgraben zwei Stiefel liegen. Einer mitten auf der Eisfläche, der andere mehr am Rand, aber um ihn wiederzukommen, hätte man sich auf sehr brüchiges Eis begeben müssen.

Es waren gute Stiefel – orangenes Innenfutter, solide Laufsohle, schneetauglich, nicht zerfleddert wie die üblichen einzelnen Schuhe, die ihren Partner verloren haben und traurig an Wegesrändern vor sich hin modern.

Es war ein seltsamer Anblick. Ich meine, da stellt man sich doch Fragen! Wer war das? Und warum? Ging es um eine Wette? Musste der Stiefelwerfer danach auf bestrumpften Füßen nach Hause gehen und erstmal ein heißes Fußbad nehmen? Oder wurden die Schuhe gewaltsam entfernt und als statuiertes Exempel aufs Eis geworfen? Wollte jemand prüfen, ob das Eis schon trägt? Aber ehrlich, da gibt’s genug Papierkörbe oder Bänke, die hätten es auch getan (und ich hab das alles schon im Wallgraben gesehen, das funktioniert also).

Und dann: Können Stiefel eigentlich schwimmen? Wie lange braucht so ein Schuh, bis er biologisch abgebaut ist? Was werden die Karpfen denken? Fragen über Fragen in diesem kalten Januar. Und keine Antworten weit und breit.

Dazwischen

Ich mag es, Auto zu fahren und unterwegs zu sein. Ich weiß, von wo ich aufgebrochen bin und wo ich hin will, was ich hinter mir lasse und was mich erwartet, aber nun befinde ich mich eine kleine Weile in einem „dazwischen“. Vielleicht auch eine längere Weile, je nachdem, wie weit ich fahren werde. Ich kann unabhängig und von der Welt losgelöst alles mögliche machen: Musik hören, so laut oder so leise ich möchte. Mitsingen ohne Rücksicht auf Verluste. Schreien, wenn mir danach ist. Ein extrem intelligentes Hörspiel vom WDR hören. Oder die drei ???. Unvernünftige, komplett überteuerte Chips von der Tankstelle kaufen und sie im Auto essen und überall Krümel verstreuen. Oder schweigend durch ruhige Landschaft fahren und meinen Gedanken nachhängen, mit offenen Fenstern, egal, ob es draussen warm ist oder nicht.

Ich kann entscheiden, ob ich Autobahn fahre oder lieber Landstraße, an deren Rändern es so viele Seltsamkeiten gibt: Uralte Tankstellen, einsame Höfe im Nirgendwo, unheimliche, auseinanderfallende Schuppen, silbrigweiße Industrieanlagen von einem anderen Stern, kilometerlangen, düsteren Rotkäppchenwald. Auf der Autobahn dagegen kann ich einfach dahinschwimmen, es hat etwas meditatives, wenn ich gewillt bin, auf der rechten Seite zu bleiben.

Auf jeden Fall entsteht unterwegs so etwas wie eine Blase, in der ich dahinfahre, schon weg vom Alten, noch nicht angekommen im Neuen, und der Raum dazwischen ist Freiraum, ungebunden, losgelöst aus dem normalen Leben – mein eigener, kleiner „dazwischen“-Urlaub. Niemand ist daran interessiert zu erfahren, wie ich die Zeit verbracht habe – denn alle glauben ja, es zu wissen: Ich bin halt Auto gefahren. Was soll denn auch sonst passiert sein?

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