beim Spazierengehen

beim Spazierengehen

Die beiden Plastikbagger stehen unternehmungslustig blaugelbrot im Nordseestrand, vor sich das größte Bauprojekt ihres Lebens.

Im Watt und am Strand lösen sich die Kleidervorschriften schneller auf als fadenscheinige Jeans.

Der nackte Bauch des Mannes bläht sich rund wie ein Walfisch. Allerdings ist er nicht grau, sondern glänzend rosarot.

Zwei kleine Mädchen spielen Pferd und Longenführerin im niedrigen Wasser und alles ist schön: Das Laufen. Das Stehenbleiben. Das Wiehern. Das außer-Atem-sein. Das Hinfallen und nass werden.

Eine lebendige Krabbe mit allen sechs Beinen löst eine Energieexplosion bei drei Jungs aus.

Die Beine des karierten Shortsträgers sind bis unter die Knie gebräunt. Der Abschnitt zwischen Knie und Shortsbeginn hat die Farbe von Honigmilch.

Die Insel Neuwerk schwimmt zwischen Himmel und Wasser. Der weiße Leuchtturm in der Mitte pinnt sie wie eine Riesenstecknadel am Meeresgrund fest, damit sie nicht davonfliegt.

Das auflaufende Wasser pirscht sich an wie ein Stachelschwein mit aufgestellten, raschelnden Stacheln. Die letzten Senken nimmt es in einem Sprung.

Mit jedem Schritt im Wasser schüttelt die mittelalte Frau mehr Jahre ab. Bevor sie zu jung wird, flüchtet sie zum Strandkorb zurück.

Mit konzentriertem Ernst sammelt der Mann mit Spaten und winzig kleinem Eimerchen Muscheln im Wassergraben.

Die leuchtensten Farben trägt eine Familie mit strahlend dunkelbrauner Haut. Sie schillern im Wasser wie Orchideen.

Die Entfernung des Filme fürs Familienalbum drehenden Vaters zu Frau und Tochter ist größer als die höchste Zoomstufe seiner Kamera.

Weit draußen schwimmen Möwen wie weiße Augen auf dem Wasser. Sie behalten uns im Blick.

Angriff

nach so viel Geschnurre
geteilten Eiernudeln
ein blutiger Angriff
mit Zähnen und Krallen
ich frage mich:
wer hat hier vergessen
wer was ist?

 

Der Garten wird größer

Der Garten wird größer

Der Garten ist eine trostlose Öde, immer schon. Er gehört ein bisschen den Erdgeschossmietern, zum größten Teil aber niemandem, wenn man von den Amseln absieht. Die Erdgeschossmieter feiern und spielen ab und zu darin, pflanzen oder gießen tun sie nicht. Der Rasen ist trocken und sonnenverbrannt, die ehemalige Hecke besteht aus einem wurzeligen Erdwall. Ein einsamer, namenloser Busch wächst zwischen Zaun und Hauswand. Ein namenloser Busch vor einer kahlen Hauswand hinter einem Metallzaun, der einen trockenen Erdwall begrenzt. Geht es trostloser?
Vor ein paar Tagen, an einem warmen Abend, ist irgendetwas in mich gefahren. Es hat mich in den Keller gehen lassen, mir dort den Liegestuhl in den Arm gedrückt und hat mich neben den Busch auf das trockene Gras gesetzt. Etwas seltsames geschah. Der Garten wurde größer. Der Himmel höher. Der namenlose Busch wurde zum grünen Lebewesen. Kleine, graue Schmetterlinge flatterten über das Gras. Amseln erschraken sich beim Staubbaden, als sie sich umdrehten und mich sahen.
Es gibt mehr Radfahrer in unserer Straße, als ich vermutet hatte. Ich kenne jetzt die Schatten. Ich weiß, wann sie wo sind. Es stört kein bisschen, dass mich jeder sehen kann. Ich kann ja auch alle sehen. Neulich hat der Nachbar gelächelt und gegrüßt. Mein linker Arm hat einen kleinen Sonnenbrand, weil der Schatten nicht so wollte wie ich.
Ich werde den Busch Harry nennen. Harry, fahr schon mal den Schatten vor, ich komme gleich. Der Garten hat sich verändert, obwohl sich nichts verändert hat. Er ist groß geworden. Ein kleines Stück davon gehört jetzt mir. Und den Amseln natürlich.

Was lockt dich?

Es ist genug, wenn alles Lachen aus mir herausgehüpft ist. Wenn die Sympathiewellen ruhig über den Sand laufen. Wenn alles Essen probiert und für gut befunden wurde. Wenn die Geselligkeitsspeicher aufgefüllt sind. Aber vor allem ist es genug, wenn jedes „noch mehr“ nichts mehr füllt, sondern überfüllt, und Menschen, Erlebnisse und Dinge beginnen, an mir abzuperlen wie Wasser auf einer von Hand polierten Motorhaube. Manchmal ist es nicht leicht, das richtige „genug“ zu erkennen.
Die Farbe meines Lebens wechselt dann von gerade noch bunt in ein gefährliches, von-allem-zuviel-fahlbraun, und diese Farbüberschrift möchte ja nun wirklich niemand über sein Leben schreiben. Oder? Das Bunte zu bewahren ist eine lebenslange Aufgabe, die niemand für mich erledigen kann. Das ist beunruhigend und beruhigend zugleich.
Heute weiß ich das. Früher nicht. Manchmal würde ich gern mit meinem jüngeren Ich an einem ruhigen Fluss im Gras sitzen und picknicken und bei Käsekuchen mit Heidelbeermarmelade ein paar Gespräche mit mir führen. Vielleicht sollte ich auch noch die Liebe, den Mut und das Vertrauen dazu einladen und eine kleine Party feiern. Das könnten interessante Stunden werden.
Vielleicht würden wir dann auch über das Schreiben sprechen, und dass ich viel früher damit anfangen sollte, weil es ein Gefühl vermittelt, auf das ich auf gar keinen Fall mehr verzichten möchte: Eine Mischung aus Frieden, Freude, Glück und ganz und gar komplett zu sein. Zu einhundert Prozent in einer Sache versunken zu sein. Die Gewissheit zu haben, dass auf dem Papier alles wahr werden kann.
Das Leben lockt mich mit seinen Aufgaben und Herausforderungen, selbst dann, wenn sie furchteinflössend sind. Ich weiß immer noch nichts, obwohl ich nicht mehr jung bin – wie wunderbar ist das? Jeden Tag öffnen sich neue Fenster, und ich linse durch sie hindurch und bewundere die Aussicht auf völlig unbekanntes Terrain. Wenn man nicht aufpasst, könnte man dem Irrtum verfallen, dass man umso klüger wird, je älter man wird, aber das stimmt nur zu einem Teil. In meinem eigenen, kleinen, begrenzten Leben werde ich vielleicht klüger, aber in allem, was außerhalb meiner Selbst liegt, bin ich so ahnungslos wie ein neugeborenes Kind. Da draußen leben Milliarden Welten nebeneinander, und ich weiß gar nichts.
Und das ich nichts weiß, das ist das Verlockendste, was ich je gehört habe.

Fräulein Honigohr steht gerade neben mir und liest die letzten Sätze. Sie sieht mich an, schüttelt leicht den Kopf und sagt: „Meine Liebe, das ist ja alles schön und gut, aber für mich ist jetzt aktuell ein Eis mit Erdbeeren, Schlagsahne und Schokostreuseln das Verlockendste, das es auf der Welt gibt, also komm jetzt, wir müssen dein Gefrierfach leerräumen! Über den Rest reden wir später.“
Und zack! zieht sie mich vom Schreibtisch weg, und jetzt kann ich leider nicht mehr weiterschreiben…

Wie klingt der Frühling?

Wenn der Frühling kommt, dann zieht ein leises Rauschen durch die Luft. Es ist süßer als der Wind und zarter als die Lieder der Vögel, und es duftet nach nasser Erde, Schneeglöckchen und frischem Frosteis auf dem Rasen. Die Amseln und Meisen versuchen zaghaft erste, kurze Melodien, aber oft verstummen sie, weil ihnen der Winter noch in den Kehlen steckt.
Die Farben kommen zurück wie der Boléro von Ravel, erst nur ein zurückhaltendes, vorsichtiges Weiß, dann gesellen sich Gelb und Blau dazu und fangen erste Frühlingsgespräche von Blüte zu Blüte an, dann brandet das Rosa in den Kirschblüten auf wie eine mächtige Woge aus Streichern, Rot und Violett und Orange setzen Tupfer auf das Farbenmeer wie die Triangle ihre Töne über das Orchester hinweg schickt, und zum Schluß kommt das Grün in allen Bläser- und Pauken-Schattierungen als Crescendo! Wenn das Farbenorchester schweigt, ist das Meer ruhig und es ist Mai.
Wenn der Frühling kommt, fliesst das Blut in den Adern schneller und wärmer, die Freude am Leben kitzelt in Augen und Nase und lässt uns manchmal niesen. Wir lachen schneller und lauter und schnuppern an Maiglöckchen, wenn gerade niemand hinsieht. Unsere Haut fühlt sich weicher an und sehnt sich nach Licht und Wärme, bis es fast wehtut und wir Hosen hochkrempeln und Sandalen anziehen, auch, wenn es eigentlich noch zu kühl ist. Der Wind fährt durch junge Blätter und altes Winterlaub und raschelt von kommenden Sonnentagen, und wenn es regnet, öffnet sich die Erde und lässt Samen und junge Triebe ans Licht. Dieser Regen ist willkommen und warm.
Wenn es Frühling wird, öffnen wir die Türen und Fenster und lehnen uns weit hinaus, direkt hinein ins Leben. Wir atmen tief ein. Wir sind lebendig.

Das war ein Beitrag zum #WritingFriday, organisiert von Elizzy. Das Thema war, beschreibe einer blinden Person den Frühlingsanfang. Gar nicht so einfach, echt jetzt.

Tau-Gedanken

Wenn du ein Tau hast, hast du vieles.
Vielleicht ist dir das nicht bewusst? Das macht nichts.
Ein Tau ist nicht einfach nur ein Tau. Ein Tau ist viele.
Am Anfang des Taus war die erste Faser, die zum Faden wurde. Aus drei oder fünf Fäden machte ein Mann mit rauen Händen und Geduld eine Litze, lang und schön. Die Litzen wurden zum Seil geschlagen, und aus dem Seil entstand am Ende das Tau.
Ein Tau ist viele.
Alle in ihm sind unauflöslich miteinander verbunden. Sie können sich dehnen und stauchen, strecken sich unter Belastung und halten große Kräfte gemeinsam aus.
Taue sind treu. Wenn du sie gut behandelst, dienen sie dir jahrelang ohne nachzulassen.
Wenn du ein Tau hast, hast du vieles.

Darf ich?

Seit einigen Tagen schon frage ich mich: Darf ich eigentlich im Moment überhaupt etwas anderes veröffentlichen als Texte über die aktuelle Lage? Sollte ich nicht auch einen Beitrag zu all den Texten über die Krise leisten? Beruhigen, Mut machen, Aufmunterungen verteilen? Nun, immerhin habe ich schon berichtet, wie der Schweinehund sich aktuell fühlt, und dann beschlossen, das reicht (außer, mir fällt noch irgendetwas vor die Füße zum Thema, man weiß ja nie, das Leben versteckt gern ab und zu Ostereier an unerwarteten Stellen). Zwischen den zweimal Nachrichten am Tag ist viel Platz für anderes, und vielleicht freuen sich auch andere über anderes. Wenn man schon zu Hause bleibt, möchte man sich ja vielleicht nicht jede Minute des Tages nur mit einem Thema beschäftigen. Voila! Ein paar der Minuten kann man hier verbringen. 🙂

Hast du was gesagt?

Hast du was gesagt?
Entschuldigung! Ich bin gerade nicht ganz da.
Ein Viertel von mir träumt vom Meer und vergräbt seine Zehen im scharfen Muschelsand.
Ein Achtzehntel ist im letzten Buch geblieben und lebt das Ende nach.
Zweidrittel meiner Nase stecken im alten Rosenstock der Nachbarn und ein Einundfünfzigstel denkt über den Krimi von gestern Abend nach.
Zweizehntel machen sich Sorgen über die Arbeit von morgen und fünfzig Prozent ärgern sich über die juckende Stelle am Rücken unten links, an die einhundert Prozent von mir nicht herankommen.
Aber ansonsten: Da bin ich ganz bei dir!
Was kann ich für dich tun?

 

Abendlese

Abends mit dem Tag hadern, weil man nicht im Ansatz das erledigt hat, was erledigt werden sollte. Und der Tag sich schwer wie Blei angefühlt hat, kein Flow, nirgends.

Dann überrascht feststellen, dass man es trotz Nicht-Flow geschafft hat, über den Tag verteilt ein Dreiviertelbuch zu lesen.

Kurz überlegt, wann zum Geier man all die Seiten verschlungen hat und sich erinnert, es gab da diverse Sesselzeiten in der Sonne.

Leicht widerwillig die Ansicht zum Tag revidiert. Ganz so übel kann er wohl doch nicht gewesen sein.

Eine ganz wunderbare Illustration aus dem Buch „Das Buch“ von Burkhard Spinnen, die hier perfekt passt.

Über die Angst, aus der Reihe zu tanzen

Über die Angst, aus der Reihe zu tanzen

Was, wenn du den Takt verlierst?
Wenn du den Rhythmus nicht hältst?
Wenn du sichtbar wirst?
Alle auf dich schauen?
Was, wenn du kein Teil des Ganzen bleibst?
Wenn du zum Einzelstück wirst?
Nicht wie alle bist?
Was, wenn du dich anders bewegst?
Dich linksherum drehst statt geradeaus?
Du andere störst?
Langsamer bist?
Still stehst?
Dich umsiehst?
Was, wenn du zuviel denkst?
Tanz!

Der Dienstag dichtet! 🙂  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch Wortgeflumselkritzelkram, Mutigerleben, Werner KastensFindevogel und die Wortverzauberte sind mit von der Partie. Schaut doch mal bei ihnen vorbei!