Abendlese

Abends mit dem Tag hadern, weil man nicht im Ansatz das erledigt hat, was erledigt werden sollte. Und der Tag sich schwer wie Blei angefühlt hat, kein Flow, nirgends.

Dann überrascht feststellen, dass man es trotz Nicht-Flow geschafft hat, über den Tag verteilt ein Dreiviertelbuch zu lesen.

Kurz überlegt, wann zum Geier man all die Seiten verschlungen hat und sich erinnert, es gab da diverse Sesselzeiten in der Sonne.

Leicht widerwillig die Ansicht zum Tag revidiert. Ganz so übel kann er wohl doch nicht gewesen sein.

Eine ganz wunderbare Illustration aus dem Buch „Das Buch“ von Burkhard Spinnen, die hier perfekt passt.

Über die Angst, aus der Reihe zu tanzen

Über die Angst, aus der Reihe zu tanzen

Was, wenn du den Takt verlierst?
Wenn du den Rhythmus nicht hältst?
Wenn du sichtbar wirst?
Alle auf dich schauen?
Was, wenn du kein Teil des Ganzen bleibst?
Wenn du zum Einzelstück wirst?
Nicht wie alle bist?
Was, wenn du dich anders bewegst?
Dich linksherum drehst statt geradeaus?
Du andere störst?
Langsamer bist?
Still stehst?
Dich umsiehst?
Was, wenn du zuviel denkst?
Tanz!

Der Dienstag dichtet! 🙂  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch Wortgeflumselkritzelkram, Mutigerleben, Werner KastensFindevogel und die Wortverzauberte sind mit von der Partie. Schaut doch mal bei ihnen vorbei!

November

Griesgrämig zupft der Wind die letzten Blätter von den Ästen, zerrt sie lustlos durch die Luft und schubst sie schließlich in die Pfützen auf den Bürgersteigen. Selbst der Wind ist schlecht gelaunt im November. In den Straßenbahnen riecht es nach feuchter Wolle und Kamillentee, und die Menschen stapfen mit eingezogenen Köpfen über regendunkles Pflaster.
Wie ein gräulicher, ausgetretener Teppich hängt der Himmel über den Häusern, Nebel- und Regenschwaden lösen sich aus ihm, und die Drogerieketten steigern ihren Umsatz an Taschentüchern und Ersatzschirmen. Der blaugoldene Oktober verblasst langsam im Gedächtnis, Weihnachten ist noch weit entfernt. Nein, niemand mag den November.

Fast niemand. Angesichts all der miesepetrigen Laune um mich herum habe ich fast ein schlechtes Gewissen, es zuzugeben: Ich kuschele mich in diesen Monat ein wie in eine warme Decke. Niemals ist es so schön, nach Hause zu kommen, sich einen Tee aufzubrühen und überall warmes Licht einzuschalten. Die Zugfahrten wirken wie eine Entspannungskur. Draußen beherrschen Grautöne die Welt, keine einzige Farbe verlangt Beachtung, kein strahlend blauer Himmel fordert mich auf, etwas zu unternehmen. In den Parks ist es still, ein paar Unentwegte führen ihre Hunde aus, ansonsten habe ich die Sandwege für mich. Kein Fahrrad fährt mich von hinten fast um. Unter dem glatten Wasser des Wallgrabens träumen die Karpfen, und ab und zu legt sich ein weiteres, gelbrotes Blatt leise auf die Wasseroberfläche. Die Luft ist feucht, es riecht nach Laub und Erde. Wasserstaub schwebt in der Luft und hängt kleine Gewichte an meine Wimpern. Diese Jahreszeit legt sich dämpfend auf das Gemüt, beruhigt die Nerven und lässt der Vorfreude auf den Dezember großzügigen Spielraum.
Der November ist ein Künstler, er zelebriert die Tristesse mit großer Grandezza, und er genießt seine Auftritte. Egal, ob es dramatische Inszenierungen in Grau sind, sanfte Nebelgesänge oder tränenreiche, schwarze Tage – er gibt alles, und manchmal drückt er sich nach einem dieser Tage vor dem Fenster meines Zuges herum, linst mit einem Auge durch das schlierige Fenster und fragt erwartungsvoll: Na? Wie war ich? Ich lächle dann, lehne mich zurück und betrachte träge die erdigen Felder, die an mir vorbeifliegen.
Wie alles andere hat auch der November seine Zeit, und er nutzt sie mit Hingabe. Ob ich seine Kunst mag oder nicht, ist Geschmackssache, aber man kann ihm nicht vorwerfen, dass er nicht alles geben würde. Im Rahmen seiner Möglichkeiten tut er große Dinge, und es liegt an mir, ob ich sie würdige. Oder eben nicht.

Diesen Text hatte ich im November 2017 veröffentlicht. Aus gegebenem Anlass darf er hier noch einmal alles geben 🙂 .

mittagsfragment

13.57
Verbotenerweise ist das Fenster geöffnet. Es regnet. Auf der Scheibe liegen verlorene Eichenstückchen. Sie werden durch den Regen nicht abgewaschen. Vielleicht werden sie für den Rest der Zeiten dort kleben.

13.58
Eine Fliege hat mein Zimmer gefunden. Ich scheuche sie weg. Sie fliegt auf mein Bein. Ich scheuche sie weg. Sie fliegt auf meine Schulter. Ich scheuche sie weg. Sie fliegt auf meine Hand. Ich scheuche sie weg.

13.59
Das Bett ist weich. Die Fliege beobachtet mich. Ich schlafe ein.

 

Nein, das hat keinen tieferen Sinn. Ich fand es trotzdem faszinierend. Das Leben ist oft fragmentarisch, ohne Höhen oder Tiefen, es gleitet dahin wie Butter in einer heißen Pfanne. Das ist gleichermaßen beunruhigend und beruhigend, und das alles im selben Moment. Was wäre, wenn diese Momente nicht weniger wichtig sind als andere und wir sie nur nicht bemerken?

Was es alles braucht zum Paradies

Was alles braucht es in meinem Paradies?

Auf jeden Fall braucht es Bücher. In Mehrzahl. Und verschiedene Arten. Eigene Gedanken können mit der Zeit so unendlich gleichförmig werden ohne äußere Einflüsse! Bücher. Ja. Andere Menschen auch, aber in Maßen. Mit Pausen und langen, einsamen Spaziergängen zwischen den Begegnungen. Ein eigenes Zimmer. Mit Ausblick. Ein Fenster, das ich öffnen kann, um die Luft zu streicheln und mich streicheln zu lassen. Zum Paradies braucht es auch gemeinsame Mahlzeiten, Frühstück und Abendbrot mindestens, und ab und zu einen gemeinsamen Tee. Oder Kaffee, da bin ich nicht dogmatisch. Ein paar Katzen wären nett, und Vögel. Viele Vögel. Überhaupt alles, was flattert und summt und brummt. Das Paradies liegt selbstverständlich in einem großen Garten mit Obstbäumen, das muss ich eigentlich gar nicht erst erwähnen. Ein kleiner Bach wäre nett, aber eine Seligkeit wäre ein See, in dem ich schwimmen kann. Mit Steg. Vielleicht ein Boot? Ach ja. Und das Meer sollte nebenan sein, gleich, wenn man aus dem Gartentor tritt. Tee und heißes Wasser muss es geben, und Schokoladenkekse. Einen bequemen Stuhl, in dem man die Beine hochlegen kann. Vermutlich sollte es wohl auch Arbeit geben, ein Paradies ganz ohne ist unvollständig. Oder? Ist Zwetschgenpflücken und Marmelade kochen Arbeit? Unkraut jäten ist auf jeden Fall Arbeit und muss wohl sein. Aber man muss ja vielleicht nicht überall jäten. Und frische Brötchen mit Honig zum Frühstück. Die sollte es auch geben.

Und deins?

Gartenfragmente

Gartenfragmente

  1. Es ist hochgradig erstaunlich, wie wenig Lust ich verspüre, etwas über den Garten zu schreiben.
  2. Noch erstaunlicher, dass ich es trotzdem tue.
  3. Es ist kühl und nass nach dem Regen am Morgen, und plötzlich wird mir bewusst, dass der Garten mich viel weniger braucht als ich ihn.
  4. Die Farbe Rosa ist lauwarm und unentschieden. Sie weiß nicht, was sie will: Rot sein oder weiß? Und so bleibt sie in der Mitte stecken. Trotzdem: Der rosa Oleander ist hübsch.
  5. Bei im Sommer abgefallenen Laub bin ich mir nie ganz sicher: Lebenszweck erfüllt oder verfehlt?
  6. Ich weiß die Wärme der Sonne immer erst dann zu schätzen, wenn mir vorher sehr kalt war.
  7. Wenn die Sonne auf geschlossene Augenlider scheint, kann ich die innere Farbe meiner Lider sehen: Ein sagenhaftes Rot-Orange.
  8. Ob die Ameise, die gerade das Innere meiner Hand und dann meinen Daumen auskundschaftet, auch nur die leiseste Ahnung hat, welches Risiko sie gerade eingeht? Eine Weile spiele ich mit ihr wie ein übermächtiger Gott (Göttin?), indem ich das Labyrinth meiner Finger immer wieder verändere, dann komme ich mir schäbig vor und puste sie in die Luft.
  9. Das Schweigen des Gartens ist endlos.
  10. Es gibt unendliche Formen des Lebens außerhalb des menschlichen, aber keines davon erscheint mir so erstrebenswert wie unseres.
  11. Gespräche sind wunderbar. Gartengeräusche sind sehr anders. Sehr beruhigend, aber sehr anders. Anders.
  12. Das Beobachten von Wolkenformationen im Flug ist das Netflix des Paradieses.
  13. Obwohl ich nicht die leiseste Ahnung von Gartenpflege habe, fühle ich mich im Grün immer zuhause. Sagt das etwas über mich aus?
  14. Manchmal muss man aufhören zu philosophieren und einfach nur dasein. Dankbar sein.

Das hier war der Vorläufer des Gedichtes/Rondells vom Dienstag. In der Regel tauchen die Vorläufer für Gedichte bei mir nie wieder irgendwo auf, aber dieses Mal gefielen mir die Vorläufer besser als das fertige Gedicht. Vielleicht, weil das Gefühl beim Schreiben so unglaublich war – alles hat gepasst. Als ob die Zeit kurz angehalten hätte. Eine goldene Stunde.

Wenn man nach Hause fährt

Wenn du nach Hause fährst, also richtig nach Hause, in das Kindheitszuhause, dann passiert etwas seltsames mit den Dingen. Je näher du kommst, desto mehr Licht bekommt alles, sogar die Rinnsteine der Bürgersteige haben plötzlich einen goldenen Glanz. Der uralte, verrostete Kaugummiapparat an der Außenwand des Gasthofs schimmert glänzend, vom Gasthof, in dem du deine erste Tanzstunde hattest, ganz zu schweigen. Alles, was schon immer da war, ist von diesem ganz besonderen, milden Schein umgeben, als ob der verkrümmte Baum an der Einfahrt oder das zerfallene Mäuerchen im Nachbarsgarten von innen heraus leuchten würden.

Manchmal meinst du sogar zu hören, dass die Dinge dir Sätze zuraunen, wie „schön, dich zu sehen“, oder „erinnerst du dich?“ Ja, du erinnerst dich. An wunderbare und weniger wunderbare Zeiten, und dann merkst du, wieviel Geschichte du selber schon in dir hast, und freust dich, denn selbstverständlich ist das nicht.

Und dann merkst du, dass es auch Menschen gibt, die diesen Glanz für dich haben. Sie tragen eine kleine, goldene Borte um sich herum, wann immer du sie siehst. Ob das immer so ist, wenn man das Glück hat, älter zu werden? Ob alles mit der Zeit mehr Tiefe, mehr Inhalt bekommt, vielschichtiger wird?

Natürlich kann es passieren, dass Dinge verschwinden und Menschen gehen. So ist das im Leben. Aber die Erinnerung daran, die kannst du im Herzen festhalten und bewahren. Du weißt, du solltest trotzdem immer mal wieder neue Dinge und neue Menschen in dein Herz lassen und ab und zu kräftig durchlüften. Sonst wird aus schöner Erinnerung irgendwann eine fest verschlossene, stickige Kassette, die niemandem nützt, auch dir nicht. Lass den Deckel der Kassette offen, damit der goldene Glanz hervordringen kann.

Das ist Lebenskunst.