Das Wasserschwein hofft (I)

Das Wasserschwein war erleichtert. Es hatte schon viel zu viel von seiner kostbaren Zeit im Regal des Spielzeugladens verplempert und auf die richtige Käuferin gewartet. Als sie endlich kam, schob es sich auf dem Regal unauffällig ein paar Zentimeter nach vorn und presste einen treuherzigen, leicht melancholischen Ausdruck auf sein Gesicht, was schwierig war mit so viel Plüsch und so wenig Muskeln unter dem Fell. Aber was sein musste, musste sein. Wer wusste schon, wann sich die nächste Gelegenheit bieten würde? Überhaupt. Es würde sich Mühe geben und das perfekte Geschenk imitieren.
Der Pinguin neben ihm im Regal dagegen dachte gar nicht daran, sich anzubiedern. Er stand steif wie eine Statue da und schnarrte abfällig durch den geschlossenen Schnabel in seine Richtung. Das Wasserschwein ignorierte ihn. Es stand zuviel auf dem Spiel, da konnte man durchaus mal ein wenig Würde abgeben. Es richtete die Ohren mit den zarten Haarpinseln auf und wartete ruhig ab.

Die Käuferin blieb stehen. Sie sah ihm neugierig in die Augen, dann nahm sie ihn aus dem Regal und drehte und wendete ihn, bis ihm fast übel wurde. Sie lächelte und schob ihn sich unter den Arm, während sie weiter an den Regalen entlang ging. Das Wasserschwein vibrierte vor unterdrücktem Triumph. Ja! Es hatte es geschafft! Endlich raus aus diesem Laden! Jetzt durfte sie sich nur nicht mehr umentscheiden. Gerade blieb sie vor einem schlappohrigen Labrador stehen, der platt auf seinem Regalboden lag und anscheinend nicht mehr daran glaubte, aus diesem Spielzeugladen jemals herauszukommen. Alles an ihm hing traurig herunter, die dicken Pfoten, die goldbraunen Ohren und auch der langhaarige Hundeschwanz. Sie würde sich doch nicht umentscheiden und an seiner Stelle den Labrador mitnehmen?
Dem Wasserschwein wurde heiß und kalt, und das aus gutem Grund: Es hatte einiges mitangesehen, seitdem es hier zum Verkauf stand. Es gab Käufer, die sich nicht entscheiden konnten und wieder gingen, ohne jemanden mitzunehmen. Andere verwarfen alle zehn Sekunden ihre Auswahl, was regelmässig zu Nervenzusammenbrüchen unter den Bewohnern des Plüschtierrregals führte. Am schlimmsten waren die, die schon mit der Kreditkarte in der Hand vor der Kasse standen, den Kopf schief legten und sagten: „Ach, entschuldigen Sie bitte, ich glaube, ich nehme doch lieber den Hasen / den Teddy / die Eule“. Dann gingen sie wieder zum Regal und legten den glücklosen Kandidaten zurück, der sich schon in Freiheit gewähnt hatte. Nach Ansicht der Regaltiere war dieses Verhalten unnötig brutal, und es konnte zu schwerwiegenden psychischen Problemen führen.
Ihm würde das nicht passieren! Das Wasserschwein kniff die Augen zusammen und bereitete sich darauf vor, so süß auszusehen, wie es ihm nur möglich war. Seine Käuferin griff nach dem Labrador und sah ihm tief in die Augen. Das Wasserschwein hätte schwören können, das der Labrador ihr zuzwinkerte. So ein unverschämter, kleiner Halunke! Das verstieß gegen jede Regel! Und es zeigte Wirkung. Sie klemmte den Labrador ebenfalls unter ihren Arm.
Als sie ihren Blick wieder auf das Plüschtierregal richtete, streckte ihm der Labrador die Zunge heraus und grinste dabei. Das Wasserschwein grunzte nur und beobachtete weiter das seltsame Verhalten der Käuferin. Was sollte das werden? Niemand hatte in diesem Laden jemals mehr als ein Plüschtier gekauft, aber sie ließ den Blick schon wieder über das Regal wandern. Vielleicht traf sie nur eine Vorauswahl und würde sich erst ganz zum Schluss entscheiden?
Jetzt griff die Käuferin nach einem langhalsigen Lama mit wirrem Blick und Irokesenhaarschnitt. Nicht im Ernst, dachte das Wasserschwein, wer kaufte denn diesen Irren? Nachts sang das Lama Lieder aus seiner peruanischen Heimat und tanzte dabei Tango, was mit vier schlacksigen Beinen nicht einfach war und sehr seltsam aussah. Außerdem hatte es dauernd sonderbare Vorahnungen, die es jedem erzählte, ob der es hören wollte oder nicht. Bisher war keine einzige davon eingetroffen, wenn man von dem kleinen Mädchen absah, das dem Affen einen Arm abgerissen hatte. Das Lama hatte am Abend vorher etwas von einarmigen Akrobaten gesungen, aber nach Ansicht des Wasserschweins hatte es nur zu lange unter der Lüftungsanlage gelegen und sich dabei das Hirn verkühlt.
Das Wasserschwein stöhnte leise. Auch das verrückte Lama wanderte unter den Arm der Käuferin. Dort war es ziemlich eng mittlerweile, die Nase des Labradors steckte unter dem Hals des Lamas, und die Füße des Wasserschweins waren zwischen dem Bauch des Labradors und dem des Lamas eingeklemmt. Das Wasserschwein bewegte unbehaglich seine langen Zehen. So viel Nähe war ihm unheimlich, das war es nicht gewohnt.

„Lass das!“ flüsterte der Labrador ihm zu. „Das kitzelt!“
„Ich mags“, flüsterte das Lama von unten. „Mach weiter!“
Das Wasserschwein hielt augenblicklich seine Zehen still. Es wollte weder kitzeln noch sonst etwas tun, es wollte wissen, was gleich geschehen würde. Ihre Käuferin hatte jetzt ein Tintenfass mit lila Inhalt in der Hand und betrachtete es von allen Seiten, dann wandte sie sich um und ging in Richtung Kasse. Jetzt kam es darauf an. Wen würde sie kaufen? Und wer würde zurück ins Regal wandern, unter den mitfühlenden, gehässigen oder besorgten Blicken der anderen Plüschtiere? Das Wasserschwein zog den Kopf ein. Hoffentlich, dachte es. Hoffentlich würde sie ihn mitnehmen.

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Das war ein Beitrag zum WritingFriday, der von Elizzy organisiert wird. Aus mehreren Schreibanregungen kann man eine auswählen, Freitags wird veröffentlicht (eigentlich jeden Freitag, aber, ähem, hüstl-hüstl, ich bevorzuge die Formulierung „Freitags“ und hoffe das Beste). Ich habe mir vier vorgegebene Wörter ausgewählt, daraus diese kleine Geschichte gebastelt und bin guter Dinge, sie fortzusetzen. Mal sehen, was mir so einfällt. Die vier Wörter: Geschenk, Pinguin, Tintenfass, ruhig, zart.

Es gibt eine Menge weitere Blogs, die an dieser Aktion teilnehmen. Man kann danach googeln oder die Übersicht auf Elizzys Blog ansehen. Es lohnt sich, ein bisschen zu stöbern!

Der Blutweiderich und der Goldfisch

(Auf mehrfachen Wunsch hin. 🙂 )

Der heftige Regenguß hatte den lehmigen Uferrand des kleinen Tümpels gerade so weit aufgeweicht, wie der Blutweiderich es mochte. Zufrieden schmatzte er mit seinen Wurzeln im Morast und dehnte und streckte seine zahllosen Füße in alle Richtungen, schüttelte seine lange, lila Mähne und wollte gerade anfangen, die letzten Sonnenstrahlen zum Abendbrot zu trinken, als er ein leises Gejammere hörte.
„Huuuuu… huuu… !“
Der Blutweiderich drehte seine lila Blütenblätter in alle Richtungen.
„Huhuuuuu!“
Das kam von oben! Direkt aus dem Baum! Der Blutweiderich zögerte. Entweder, er sah nach, was das war oder er würde neugierig in die Nacht gehen, und wenn es eines gab, das er nicht ausstehen konnte, dann war das ungestillte Neugier. Wie gern hätte er jetzt das Stimmorgan der Weinbergschnecke gehabt, die so laut wie die Nachtigall singen konnte (nur drei Oktaven tiefer)! Aber da hatte der Große da oben ihn wohl irgendwie übersehen.
Vorsichtig, aber bestimmt zog er also seine zahllosen Füße aus dem schönen, kühlen Schlamm und machte sich an den Aufstieg. Er musste gar nicht weit am Stamm der Weide emporklettern, da sah er schon, wer da so jämmerlich schluchzte. Ein sehr kleiner Goldfisch war es, der in einem fast noch kleineren mit Wasser gefüllten Astloch festsaß.
„Huuuu!“, jammerte er und schlug ab und zu mit der Schwanzflosse, aber nur sehr vorsichtig, damit er ja kein Wasser aus dem Astloch verlor.
„Na, da hast du dir ja was schönes eingebrockt“, sagte der Blutweiderich und krallte all seine Zehen fester in die Baumrinde. Der Goldfisch erschrak, aber nur vorsichtig, damit ihm ja kein Wasser verloren ging.
„Du bist der Blutweiderich!“, rief er überrascht. „Kannst du mir helfen? Ich sitze hier fest!“
„Ja, du Schlaufisch, das sehe ich. Wie hast du das angestellt? So hoch hinauf kann doch kein Fisch springen!“
„Doch, ich schon!“, rief der Goldfisch und warf sich in die Brust, dass seine goldenen Schuppen in der Abendsonne glänzten. „Aber jetzt traue ich mich nicht mehr runter…“ Seine Stimme näherte sich wieder verdächtig dem „Huhuu“-Tonfall an. „Was, wenn ich daneben springe? Was, wenn ich es nicht schaffe??“
„Tja, das wäre wohl ziemlich, äh, trocken“, sagte der Blutweiderich und kicherte. Dann wurde er ernst. „Lass mich kurz überlegen“, sagte er zum Goldfisch und überlegte kurz. „Ich hab´s!“ rief er dann. „Warte, ich komme gleich zurück.“
„Oh-keee…“, schluchzte der Goldfisch und schlug mit der Schwanzflosse, aber ganz vorsichtig, damit er ja kein Wasser verspritzte.
Der Blutweiderich machte sich an den Abstieg. Unten angekommen grub er sofort einige seiner zahllosen Füße ins Erdreich und gab das vereinbarte Klopfzeichen. Nichts. Ungeduldig wiederholte er das Klopfen und wartete. Nichts. Wo trieb er sich denn um Himmelswillen herum, wenn man ihn brauchte? Ärgerlich stampfte er mit allen Füßen gleichzeitig auf, dass die Erdklümpchen in alle Richtungen flogen. Unter ihm grollte der Boden, warf ihn mit einem gewaltigen Schwung zur Seite und formte einen mächtigen Hügel aus dunkler Erde, aus dessen Spitze der Maulwurf sein sandiges, pelziges Haupt in die Luft reckte.
„Was denn?“ grollte er, „du weißt doch, dass ich es hasse, beim Essen gehetzt zu werden!“ Und anklagend hielt er den Rest eines fetten Regenwurms hoch.
„Ja, ich weiß, aber wir haben hier einen Notfall, und wir brauchen dich! Da oben, im Baum, da sitzt ein Goldfisch fest und ihm geht das Wasser aus!“ Erwartungsvoll sah der Blutweiderich den Maulwurf an.
„Tja, das ist bedauerlich“, antwortete der und biß schmatzend ein großes Stück vom Regenwurm ab. „Und was soll ich da tun? Den Baum hochklettern?“ Er lachte schallend mit vollem Mund, was kein schöner Anblick war.
Der Blutweiderich rollte mit allen Blütenblättern, die er hatte. „Das ist doch sonnenklar! Du gräbst einen Tunnel bis zum Tümpel, durchbrichst die Tunnelwand, der Tunnel füllt sich mit Wasser, du springst raus, der Goldfisch springt in den Tunnel und schwimmt zum Tümpel. Fertig!“
Dem Maulwurf blieb das letzte Stück Regenwurm im Rachen stecken, er hustete heftig, schlug sich mit seinen Schaufeln auf die Brust und als er wieder atmen konnte, blickte er den Blutweiderich anklagend an. „Woher hast du bloß immer solche Ideen! Du weißt doch genau, wie ich es hasse, Wasser auf meinen Pelz zu bekommen!“ Er blinzelte und schüttelte den Kopf. „Aber da ist wohl nichts zu machen, oder?“
Und natürlich hatte er Recht, da war nichts zu machen, und es wurde alles genau so erledigt, wie der Blutweiderich es anordnete. Nach vielem guten Zureden wagte der Goldfisch schließlich zitternd den Sprung, landete in der weichen Erde des Maulwurfshügels, bekam vom Maulwurf einen Schubs, der ihn ins Wasser beförderte, wühlte sich dann jammernd und hustend durch den modrigen Schlammtunnel und tauchte spuckend und würgend, aber glücklich im Tümpel wieder auf.
Der Blutweiderich war zufrieden, und nach vielerlei gegenseitigem Dank, Schulterklopfen und den Jubelrufen des Goldfischs machte der Maulwurf sich mit nassem Fell davon, um sein so jäh unterbrochenes Abendessen fortzusetzen, nicht ohne vom Blutweiderich auf einige besonders ertragreiche Regenwurmansiedlungen hingewiesen worden zu sein. Schließlich hatte er seine zahllosen Füße nicht umsonst überall.
Der Blutweiderich sah dem Maulwurf hinterher, bewunderte die heute besonders regelmässige Form seiner Hügel und grub schließlich mit einem zufriedenen Ächzen all seine Zehen zurück in den morastigen Uferschlamm. Was für ein Abenteuer! Und wie grandios er dieses Problem gelöst hatte! Er versank in tiefe Bewunderung für sich, aus der ihn ein kleines Stimmchen riss. Es war der Goldfisch.
„Du, Blutweiderich?“ flüsterte er vorsichtig aus dem Tümpel.
„Was ist denn noch?“, antwortete der ein wenig gereizt.
„Ja, ähm, weißt du… hier im Wasser, da liegt ein großes Stück Draht…“
„Ja, und?“
„Ich hänge fest“, schluchzte der Goldfisch.
Der Blutweiderich seufzte.

Zukunft

ein Kind lacht mich an
ich lache zurück
und sehe:
weit offene Türen
ungezählte Möglichkeiten
Glücksmomente massenhaft
lauter erste Male
soviel ungelebte Zukunft
ich lache zurück
und schicke eine Bitte nach oben
dass es bitte
bitte so kommen möge

Der Dienstag dichtet!  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch Wortgeflumselkritzelkram und  Mutigerleben sind mit von der Partie. Wer den Dienstag also mit Gedichten beginnen will: Herzlich willkommen!