Da bin ich!

„Da bin ich!“ piepst das dünne, graue Haar, nachdem es gewachsen ist und sieht sich neugierig um.
„Ich weiß“, brummst du und schreibst weiter.
„Das ist ja so aufregend!“ erklärt das graue Haar und kräuselt sich leicht vor lauter Vorfreude.
„Was ist das?“ fragst du abwesend und setzt ein paar wichtige Satzzeichen.
„Aufregend! Hier zu sein! Endlich! Ich hab so lange darauf gewartet!“ Das graue Haar reckt sich zur Sonne. „Und es ist so hell hier!“
„Du bist hell, meinst du wohl, was?“ fragst du säuerlich.
„Ja klar! Nach all deinen dunklen und braunen Jahren wird es doch wohl Zeit für etwas mehr Helligkeit, oder?“ Das graue Haar gluckst. „Und was machen wir nun?“
„Ich korrigiere den Text“, antwortest du, „was du machst, weiß ich nicht.“
„Du bist aber sehr schlecht gelaunt“, erklärt das graue Haar, „liegt das an mir?“ Es klingt beleidigt.
Du seufzt. „Naja. Es ist nicht so, dass ich auf dich gewartet hätte, weißt du. Du bist ein Zeichen für Veränderung, Umbruch, neue Wege. Du beendest etwas. Das macht dich nicht gerade beliebt.“
Das graue Haar kräuselt sich. „Das ist dein Problem. Ich hab solange darauf gewartet, ans Licht zu kommen, ich will Veränderung! Ich will Aufbruch! Ich will etwas erleben! Du bist vielleicht schon lange hier, aber ich bin neu! Also, was machen wir nun?“
Du zupfst an dem Haar herum.
„He! Lass das! Du willst mich doch nicht etwa ausreißen? Tu das nicht!“ Das graue Haar klingt panisch.
Du lässt die Hand sinken. „Würde ich doch nie tun.“ Du klingst nicht ganz überzeugend. „Na gut. Dann lass uns fürs erste einfach leben, ok?“
Das graue Haar entspannt sich. „Ja! Das klingt gut!“ Und nach einer kleinen Pause fragt es: „Wie geht das?“
Du lächelst. Darin hast du Erfahrung.


Herr Miesling und die Veränderung

Herr Miesling und die Veränderung

Herr Miesling sitzt auf seinem Küchenstuhl und sieht entmutigt aus. „Und du meinst wirklich, ich muss das machen?“, fragt er seinen Engel.
Der nickt energisch.
„Ich mag keine Veränderungen“, murmelt Herr Miesling, „immer, wenn sich was verändert hat, wars hinterher schlechter.“
Sein Engel stemmt die Hände in die Hüften.
„Na gut, vielleicht nich jedes Mal“, räumt Herr Miesling ein. „Als ich beschlossen hab, zur See zu fahrn, das war gut. Aber abgesehn davon, ich mags nich, wenn ich mich nich auskenn. Ich will wissen, wo was ist und wie es sich anfühlt, morgens im selben Zimmer im selben Bett wie immer aufzuwachen. Jaja, schon gut“, schiebt er schnell ein, als sein Engel leise schnaubt, „ich zieh ja nich um. Aber wenn ich jetzt anfang, hier was zu verändern, dann fang ich an, mich auf was zu freun, und ich weiß nich, was das ist, also freu ich mich grundlos, und dann stell ich irgendwann fest, ich hab gar keinen Grund, mich zu freun, also hör ich auf damit und dann ist es schlechter als vorher, als ich mich auch nich gefreut hab. Also kann ichs doch gleich lassen, oder?“ Er sieht seinen Engel an.
Der sieht aus, als ob ihm sein Job manchmal zu schwer wäre. Dann setzt er sich zu Herrn Miesling an den Tisch, obwohl da eigentlich kein zweiter Stuhl ist und sieht mit ihm aus dem Fenster.
Eine kleine Weile später räuspert Herr Miesling sich. „Naja“, sagt er, „aber jetzt haben wir den Eimer ja schon mal da. Und nen Pinsel auch.“ Er sieht sich kritisch um. „Und die Wand könnte nen Anstrich vertragen, das stimmt schon. Meinste, sie würds mögen?“
Sein Engel nickt vorsichtig.
„Ach Gott, dann. Meinetwegen.“ Herr Miesling seufzt. „Ich hoffe, ich mags auch. Kannste´n paar Zeitungen holen zum auslegen?“
Sein Engel zeigt auf einen Stapel Papier neben der Tür.
Herr Miesling guckt auf den Stapel und schüttelt den Kopf. „Du denkst echt immer positiv, was?“
Sein Engel zuckt mit den Schultern. Dann zieht er von irgendwo zwei gefaltete Papierhüte hervor und hält sie hoch.
Herr Miesling grinst. „Na dann los“, sagt er.

Der Schweinehund schreibt mit links

Der Schweinehund schreibt mit links

„Guck mal!“, rufst du, „ich kann mit links schreiben!“ Du betrachtest voller Begeisterung die unförmigen Buchstaben, die du mit links vollbracht hast. ‚Mit links schreiben ist toll‘ steht da, und mit etwas Fantasie kann man es auch lesen. Du bewegst die Finger deiner linken Hand hin und her. Erstaunlich, was die alles können. „Du solltest das auch mal probieren!“ rufst du deinem Schweinehund zu.
„Nö“, antwortet er aus der Küche.
„Aber es ist toll! Echt! Das fühlt sich total anders an als sonst, so… so… neu!“
Dein Schweinehund kommt mit einer Tasse Kakao in der Pfote ins Schreibzimmer. „Schön für dich“, murmelt er und balanciert die übervolle Tasse vorsichtig auf den Tisch.
„Voller hättest du´s nicht machen können?“ fragst du spöttisch.
„Doch, aber dann wäre es übergeschwappt.“ Dein Schweinehund pustet auf die sahnige Haube.
Du seufzt innerlich, aber dann kommst du wieder aufs Wesentliche zurück. „Probiers doch mal aus! Ich sag dir, das ist, als ob man wieder neu schreiben lernt! Guck mal, so sieht es bei mir aus.“ Du hältst ihm das Papier unter die Nase.
Dein Schweinehund wirft einen kurzen Blick drauf. „Eine echte Meisterleistung. Wahnsinn.“
„Nicht?“ Du nickst eifrig und betrachtest verliebt deine links geschriebenen Worte.
„Was soll das da heissen?“ Dein Schweinehund tippt auf das Wort ’schreiben‘.
„Schreiben!“ erklärst du eifrig.
Dein Schweinhund grinst.
Du spitzt die Lippen. „Du nimmst mich nicht ernst.“
„Ich nehme dich immer ernst“, erklärt dein Schweinehund ernst, „aber kann es sein, dass du in letzter Zeit zu viel zuhause warst?“
„Wieso?“ fragst du.
„Naja, vorhin hast du den Herd geschrubbt und mir erklärt, dass man mit Zahnbürsten erstaunliche Putzergebnisse hinbekommt. Dann hast du eine gelbe Birne in die Lampe gedreht und irgendwas von ‚am Strand und gleichzeitig zu Hause‘ gerufen. Und jetzt das hier.“ Er hält dein Papier in der Pfote.
Du schniefst beleidigt. „Ach Quatsch“, sagst du herablassend, „du solltest es einfach mal ausprobieren, ehrlich.“
„Gib her“, sagt dein Schweinehund, nimmt deinen Stift und schreibt mit der linken Pfote etwas aufs Papier. „Bitteschön.“
„Geht doch!“ rufst du und greifst nach dem Papier. ‚Wir sollten einen Ausflug machen. Der Metzgerladen ist noch geöffnet.‘ steht da. Die Schrift sieht sauber und flüssig aus, im Gegensatz zu deinen krakeligen Versuchen. Du guckst verdutzt hoch.
„Ich bin Linkspfoter“, sagt dein Schweinehund grinsend. „Wollen wir? Die Würstchen vom Metzger sind die besten.“

Der Schweinehund zeltet

Neugierig guckt dein Schweinehund dir über die Schulter, während du eine Liste schreibst. „Was machst du da?“ fragt er.
„Ich schreibe eine Liste. Fürs Zelten“, sagst du.
Dein Schweinehund nickt abwesend. Auf dem Weg zur Küche hält er ruckartig an. „Wofür?“ fragt er.
„Für´s Zelten“, sagst du und wappnest dich.
„Aber… aber…“, dein Schweinehund fährt sich mit den Pfoten über das Gesicht, „ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll!“ ruft er schließlich.
„Aha“, sagst du und schreibst ‚Sturmheringe‘ auf deine Liste.
„Zelten? Weisst du, dass es dieses Wochenende Sturm geben soll?“ Die Stimme des Schweinehunds kiekst bei dem Wort ‚Sturm‘.
„Nur bis 80 kmh. Das schaffen wir“, sagst du fröhlich und schreibst ‚Fleecejacke‘ und ‚dicke Socken‘ auf deine Liste.
„Aber… neulich hatten wir noch Bodenfrost! Selbst die Hühner sind länger im Stall geblieben! Und du weisst doch, wie empfindlich meine Nase ist!“
„Ach was, die Hühner sind Memmen und dir packen wir einen Nasenwärmer ein.“ Du schreibst ‚Nasenwärmer Schweinehund‘ auf die Liste.
Dein Schweinehund jault auf. „Das ist entwürdigend! Zelten! Wie kommst du überhaupt auf so eine dumme Idee!“
„Freunde“, sagst du ausweichend.
„Was sind denn das für Freunde!“ ruft dein Schweinehund. „Da müssen wir ja wieder den halben Hausstand einpacken! Und einkaufen! Moment! Freunde? Wir fahren nicht alleine?“
„Es könnte sein, dass da noch der ein oder andere dabei sein wird“, sagst du vorsichtig.
„Neiiiiiiin!“ schreit dein Schweinehund, „Duschen teilen! Gemeinsame Toiletten! Du kaufst viel mehr ein als sonst und wir müssen alles kilometerweit schleppen!“
„Naja“, sagst du, „ich werde schleppen und du wirst meckern.“
Dein Schweinehund rauft sich die Ohren. „Wie kannst du auf solchen Lappalien herumreiten, wenn mein Leben gerade den Bach runtergeht! Ich hasse Zelten! Es wird ins Zelt regnen! Da gibt es Spinnen! Und Ohrenkneifer!“
„Beim letzten Mal hast du ein Labyrinth für die Ohrenkneifer gebaut und Wetten darauf abgeschlossen, welcher als erster herausfindet. Du erinnerst dich vielleicht?“
„Das bildest du dir bloß ein.“ Dein Schweinehund wedelt abschätzig mit einer Pfote, dann lehnt er sich an dich und sieht dir tief in die Augen. „Du meinst das nicht ernst, oder? Wir fahren doch nicht wirklich zelten, oder?“
Du wartest einen Moment. „Doch“, sagst du dann und schreibst ‚Labyrinthmaterial‘ auf deine Liste.
„Aaaaargh!!!“ schreit dein Schweinehund, sinkt in sich zusammen und steht ganz still da.
Du befürchtest das Schlimmste.
Dein Schweinehund öffnet erst ein Auge, dann das andere. „Na gut.“ Er verschränkt die Arme. „Aber dann will ich mein Kissen und zwei Extradecken und Schokoriegel und mein eigenes Wasser. Keine geteilten Flaschen, das ist e-kel-haft! Du stehst Schmiere, wenn ich dusche, du weisst, mein Fell braucht jeden Tag Biershampoo, und du föhnst mich trocken.“ Er verstummt und überlegt. „Meinen eigenen Stuhl will ich auch. Deal?“ Er hält dir die Pfote hin.
„Deal“, sagst du und schlägst ein. „Willst du auch einen eigenen Regenschirm haben?“
„Wieso?“ Dein Schweinehund sieht dich misstrauisch an.
Du guckst auf deine Liste. „Es könnte sein, dass es ein bisschen regnet“, sagst du.
„Wieviel ist ein bisschen?“ fragt dein Schweinehund. Seine Stimme kiekst schon wieder.
„Och“, sagst du, „unser Vorzelt hält einiges aus, du erinnerst dich? Vielleicht werden die Pfützen dieses Mal etwas größer.“
„Aaaaarghh!“ schreit dein Schweinehund.

Dein Schweinehund kuschelt

Du bist auf der Suche nach deinem Schweinehund. Er ist nirgends zu finden, obwohl du schon überall gesucht hast, unter dem Tisch, im Korb mit den Schals, im Bett. Ratlos siehst du dich um. Eigentlich wolltest du spazierengehen, aber ohne ihn ist es nicht dasselbe. Moment. Seit wann atmet deine Sofadecke? Du guckst genauer hin. Eine Pfote vom Schweinehund ist zu sehen, der komplette Rest ist in die Decke eingewickelt wie eine Mumie. Du schleichst dich vorsichtig an und lässt dich mit einem Plumps neben ihn aufs Sofa fallen. Mit einem Quieken fährt er hoch, verheddert sich in der Decke und fällt wie ein Mehlsack auf die Polster zurück. „Na?“ sagst du.
„Was soll das?“ beschwert sich dein Schweinehund und sortiert Pfoten und Decke auseinander. „Ich hab gerade so schön geträumt!“
„Ich will spazierengehen. Kommst du mit?“
„Nö“, sagt dein Schweinehund, „ist mir zu kalt.“
„Aber wir haben uns heute überhaupt noch nicht bewegt!“
„Ist mir egal.“
„Das ist nicht gesund, und das weisst du.“
Dein Schweinehund nickt und wickelt sich wieder in die Decke. Sie sieht warm aus. Und kuschelig.
„Wenn du noch nicht draußen warst, weisst du doch gar nicht, ob es wirklich so kalt ist!“ sagst du und versuchst überzeugend zu klingen.
„Ich hab vorhin eine Pfote aus dem Fenster gehalten“, sagt dein Schweinehund, „es ist sogar noch kälter.“
„Echt?“
Es sieht aus, als ob dein Schweinehund nickt, aber du kannst schon nicht mehr viel von ihm sehen, nur ein Stück Schwanz guckt noch unter der Decke hervor. Du guckst aus dem Fenster. Es ist grau da draussen. Und windig.
„Du?“ fragst du, „kann ich mit unter die Decke?“
Ein langes Seufzen ist zu hören, dann fängt der Stoff an, sich zu bewegen. „Na los“, brummt dein Schweinehund.
Du ziehst einen Zipfel der Decke über dich. Das ist schön. Manchmal braucht man Deckenzeit.
Und dass dein Schweinehund dreiviertel der Decke in Anspruch nimmt, könnt ihr in fünf Minuten auch noch ausdiskutieren.

Ja, das ist die schönste Decke der Welt. Fakt.

Dem Schweinehund ist kalt

Dein Schweinehund steht am Fenster und drückt die Nase gegen die Scheibe, die du gerade frisch geputzt hast. Du unterdrückst ein Seufzen und versuchst, dich wieder auf deinen Text zu konzentrieren.
„Weisst du noch, als du mir letztes Jahr im Urlaub den Sonnenhut aufsetzen wolltest?“ fragt dein Schweinehund und seufzt kellertief.
„Allerdings“, sagst du und streichst das letzte geschriebene Wort. „Du hast dich angestellt, als hätte ich dir die Ohren abschneiden wollen.“
„Und zum Schluß ist er davongeflogen und im Watt gelandet“, sagt dein Schweinehund mit einem verklärten Lächeln. „War das schön!“ Er seufzt noch einmal kellertief.
„Ja, und ich bin im Watt versackt, du hast einen Sonnenbrand auf der Nase bekommen, wolltest nie wieder die Sonne sehen, hast an der Seniorenbar auf Mitleid gemacht und dich von unbekannten Frauen massieren lassen. Ich erinnere mich sehr gut!“ Du starrst ihn bohrend an.
„Ach!“ Dein Schweinehund wedelt abschätzig mit einer Pfote. „Haltlose Vorwürfe. Du bist bloß neidisch.“
Du schnaubst.
Dein Schweinehund drückt wieder die Nase ans Fenster. „Eigentlich sieht es ganz nett aus da draußen“, murmelt er, „aber es ist kalt! Die Ohren erfrieren einem! Niemand sollte da raus gehen müssen.“
Du schreibst den letzten Satz und bist zufrieden. „Trotzdem gehe ich da jetzt raus. Du kannst ja hierbleiben.“
Dein Schweinehund seufzt noch einmal, dann reckt er kraftlos eine Pfote in die Luft. „Niemals! Du und ich, für immer vereint!“
„Du könntest meine Mütze haben.“
Dein Schweinehund guckt entrüstet. „Ich? Eine Mütze? Ich bin ein Schweinehund! Schweinehunde tragen doch keine Mützen!“
„Dir werden die Ohren abfrieren.“
Dein Schweinehund lächelt gönnerhaft. „Im Gegensatz zu dir bin ich Fellträger!“
Du verdrehst die Augen. „Dann nicht.“ Als du die Haustür öffnest, schlägt dir ein eisiger Wind entgegen. Dein Schweinehund keucht entsetzt auf.
„Eiszeit!“ rufst du und stemmst dich dem Wind entgegen.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden! Die Regeln: Maximal 300 Wörter, darin enthalten sein müssen dieses Mal Sonnenhut, haltlos und massieren. Die Wörter stammen von Ludwig Zeidler (bloggt nicht mehr), und Irgendwas ist immer, dem Blog von Christiane, die das alles auch organisiert – vielen lieben Dank dafür! Der Schweinehund und ich sind übrigens beide der Ansicht, dass dieser Frühling wirklich schweinemässig kalt ist, und deswegen habe ich extra das karibikblaue Etüdenbild gewählt. 😊 🌴

Dein Schweinehund backt Kekse

Dein Schweinehund backt Kekse

Dein Schweinehund läuft in deiner Küche auf und ab und schimpft vor sich hin. „Nie darf man hier ausruhen! Immer muss man irgendwas machen! Dauernd wird man gestört! Da will ich nur einmal eine Sendung sehen, und was ist? Du musst backen! Jetzt! Warum denn ausgerechnet jetzt? Kann das nicht warten?“
Du schlägst das Ei in den Teig und schaltest den Mixer ein. Das Zetermordio deines Schweinehunds verschwindet halb zwischen den Rührgeräuschen.
„… unfähr ist das! … dir dabei gedacht… Streik! … wirst schon sehen…“
Der Teig ist schokoladig dunkel, als du den Mixer ausschaltest. Jetzt kommt das Beste: Kugeln rollen. Du wirfst einen Blick auf deinen Schweinehund. Er läuft kleine Kreise und sticht mit einer Pfote Löcher in die Luft.
„Hatten wir nicht genug Kekse? Hatten wir! Haben wir nicht ein Kilo zugenommen über die Feiertage? Haben wir! Wollten wir uns nicht vorsehen im neuen Jahr? Wollten wir!“ Er stemmt die Pfoten in die Hüften und wirft anklagende Blicke in deine Richtung. „Du bist schuld, wenn ich meine Idealfigur verliere!“
„Wieso?“ Du schubst die Schokokugeln auf das Blech. „Du kannst doch auch einen Apfel essen.“
„Äpfel!“ Dein Schweinehund guckt entrüstet. „Jetzt machst du mir auch noch Schuldgefühle? Es ist eine bodenlose Ungerechtigkeit…“ Er wandert wieder auf und ab und ringt die Pfoten. Schokoladenduft wabert durch die Küche. Die Kekse sind fertig, ein bisschen Karamell ist ausgelaufen. Dein Schweinehund verstummt und guckt aufs Blech. „Oh. Die sehen aber gut aus.“
„Willst du einen?“
Dein Schweinehund windet sich, aber der Schokokaramellduft ist zuviel für ihn. „Ja, bitte.“ Vorsichtig legst du ihm einen heißen Keks auf die Pfote. Er schnuppert daran und beißt hinein. „Die schind gut. Wirklisch. Der Zucker wird misch umbringen, aber egal.“
Du rollst mit den Augen. Du bist einfach zu weichmütig. Aber die Kekse, die sind wirklich gut.

Das war ein Beitrag für die abc.etüden, für die Wochen 01/02.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Ludwig Zeidler, dem Etüdenerfinder. Sie lauten: Zetermordio, weichmütig, backen. Organisiert wird das ganze dankenswerterweise auch in diesem Jahr von Christiane! 😊

Der Schweinehund und der Nöhlbär

Der Schweinehund und der Nöhlbär

Du sitzt gerade friedlich an deinem Esstisch und trinkst Tee, dein Schweinehund schnarcht neben dir, als die Haustür mit einem Knall aufschlägt. Erschrocken prustest du in deine Tasse, dein Schweinehund springt in die Höhe und flüchtet dann hinter deine Beine.
„So! So ist das also! Ihr sitzt hier rum und habt es schön, was? Das könnte euch so passen! Wolltest du heute nicht einkaufen gehen? Und das Bad putzen? Aber nein, stattdessen sitzt ihr wieder einfach nur rum, nichts passiert, das Leben geht an euch vorbei und morgen seid ihr vielleicht schon tot, und dann?“
Du siehst ergeben zur Decke. Es ist der Nöhlbär. Und er hat sehr, sehr schlechte Laune.
„Ja, ich habe schlechte Laune, und das ja wohl zu Recht, oder? Hattest du mir nicht beim letzten Mal in die Tatze versprochen, das von nun an alles besser werden würde? Und? Und? Nichts ist passiert!“ Der Nöhlbär schnauft selbstgerecht, während er mit erhobener Tatze vor dir steht und mit einer Kralle nacheinander auf Dinge in deinem Esszimmer zeigt. „Die Fenster! Wieder nicht geputzt! Was sollen denn bloß die Nachbarn denken? Und hier!“ Er fährt mit der anderen Tatze über einen Regalboden. „Staubig! Immer noch! Willst du, dass hier irgendwann die Wollmäuse einziehen? Und wie du wieder aussiehst, un-mög-lich! Diese Hose, was war das vorher, ein Kartoffelsack? Und ich sehe, du isst immer noch die Schokoladenkekse – hatten wir nicht darüber gesprochen, wie schädlich sie für deine Linie sind? Und was sie mit deinem Stoffwechsel machen, fürchterlich!“ Er stemmt die Tatzen in die zotteligen Hüften und starrt dich vorwurfsvoll an. „Draußen wart ihr heute auch noch nicht, oder? Das ist ja wieder mal typisch. Stubenhocker und Bewegungsmuffel. Du wirst noch eine Sonnenallergie entwickeln, wenn du weiter so selten raus gehst, du wirst sehen, ich habe nämlich immer Recht!“
Du guckst ihn nur an.
„Und du?“ Der Nöhlbär starrt jetzt deinen Schweinehund an, der versucht, sich hinter deinen Beinen so klein wie möglich zu machen. „Hältst wieder alle davon ab, das zu tun, was gut wäre, was? Darin bist du ja besonders gut, hier auf der faulen Haut liegen und nichts tun, was? Ist das lebenserfüllend? Solltest du nicht mal über andere Lebenentwürfe nachdenken? Hm? Draußen Stöckchen fangen oder was immer ihr Schweinehunde sonst so tut?“ Der Nöhlbar kneift die Augen zusammen, sieht sich betont langsam in deiner Wohnung um und schnauft dann verächtlich. „Ach, was rede ich. Hoffnungslos, das seid ihr.“ Er wirft erst dir, dann deinem Schweinehund noch einen Blick zu, der voller Mitleid ist, dann dreht er sich um und verschwindet so schnell, wie er gekommen ist. Die Tür fällt hinter ihm zu.
Du atmest aus. Dein Schweinehund kommt hinter deinen Beinen hervor und schlackert mit den Ohren. „Jungejunge, der war aber miserabel gelaunt heute, oder?“
Du nickst. „Aber das ist er ja immer. Eigentlich kann ER einem leid tun. Weisst du was? Nach so einem Besuch brauche ich die doppelte Ration Schokokekse. Und Kakao. Willst du auch?“
Dein Schweinehund grinst freudig überrascht. „Na klar!“
Während du in die Küche gehst, guckst du kurz an dir herunter. Kartoffelsack. Eigentlich ist das deine Lieblingshose. Vielleicht solltest du über diesen Punkt nachdenken.
Aber nur kurz.

In so ein Loch möchte man manchmal kriechen, wenn der Nöhlbär zu Besuch kommt.

(für Katja)

 

An meine wunderbare Schaukel

25. Oktober 2020

Meine wunderbare, geliebte Schaukel,

Du weisst doch hoffentlich, wie ich Dich vermisse? Erinnerst Du Dich, wie wir des Abends unter dem dunklen Samthimmel zusammen langsam hin- und herschwangen? Wie die Spitzen der Tannen bei jedem Aufwärtsschwung den Mond anstachen? Der Wind streichelte sanft meine Wangen, und Deine kühlen Kettenringe lagen gespannt in meinen Händen. Alles war möglich, wir hätten selbst den Abendstern überfliegen können.
Nun bin ich hier, in fremden Lande, und, ach, alles ist anders als erwartet. Niemand kennt hier Wesen wie Dich, den kühnen Schwung Deines Sitzbrettes weiß niemand zu würdigen, und passende Äste für deine langen Ketten gibt es auch nicht. Kein Baum hier könnte Dich tragen. Welch beklagenswertes, armes Königreich!
Im Geiste sehe ich Dich schwingen, Dein entzückendes Quietschen höre ich im Traum des Nachts, und am Morgen brennt die Sehnsucht nach dem wilden Auf und Ab in mir.
Behalte mich im Sinn!
Ich komme wieder!
Sieh keinen anderen Schaukler an bis dahin, ich vergehe sonst wie Schaukelwind im Abenddämmern.
Tausend Küsse und Umarmungen, ich streichle im Geiste jedes Deiner Kettenglieder einzeln! Bleib beweglich und sag Onkel Franz, er möge Dich regelmässig ölen, ich werde es ihm begleichen, wenn ich wieder zuhause bin.

Immer, in Liebe, Dein Schaukler

 Bild von FREE-PHOTOS auf PIXABAY

Q

Ich fische ein Q aus der Buchstabensee.
Q.
Qualle.
Meine Gedanken wabern wie Quallententakel, auf und ab, hin und her, getrieben von der launischen Meeresströmung.
Quallengedankententakel.
Gedankententakelquallenarme.
Wie lang können Tentakel werden?
Wo sie wohl ankommen?
In der Quallenquelle?
Oder im Gedankententakelgraben?

🙂