Dialog-Engel

Dialog-Engel

„Entschuldigung, darf ich mich Ihnen vorstellen?“
„Äh… was?“
„Ich bin Nr. 723 und Ihnen heute als Dialog-Engel zugeteilt. Sagen Sie nichts – ich weiß, Ihnen kommt das sicherlich genauso seltsam und überflüssig vor wie mir.“
„Ein… Dialog-Engel?“
„Richtig. Ich weiß nicht, wer da oben gerade die Aufträge verteilt, aber glauben Sie mir, ich falle momentan von einem schwarzen Loch ins andere.“
„Oh. Tut mir leid.“
„Ach, muss es nicht. Obwohl, wenn ich mir meine letzten Aufträge ansehe, sollte ich mir doch leid tun… Ich meine, ein Hühneraugen-Engel? Ernsthaft? Oder ein Autokorrektur-Vermeidungs-Engel? Ich bitte Sie! Und das bei meinen Qualifikationen!“
„Hühneraugen…?“
„So ist es. Sie haben richtig gehört. Und nun also Sie. Gut. Ich bin hier, ich bin Profi, legen wir los. Sie haben Probleme beim Dialog-Schreiben, habe ich gehört?“
„Äh… ja, richtig. Aber Sie müssen mir nicht helfen, Sie haben doch bestimmt wichtigeres zu tun, so als Engel, oder?“
„Nein! Das ist es ja! Ich bin nur für Sie da, auch wenn Ihnen das völlig sinnlos erscheinen mag! Und mir auch. Trotzdem. Dialog also. Wo liegt denn Ihr Problem?“
„Naja, also… mir fällt nichts ein.“
„Ihnen fällt nichts ein. Das ist ja weltbewegend. Herzzerreissend. Und warum fällt Ihnen nichts ein?“
„Wir haben als Hausaufgabe auf, einen Dialog zu schreiben, ohne große Erklärungen im Nebentext, am besten wäre es, gar keinen Nebentext zu schreiben, und mir fällt einfach keine Situation ein! Ich schwimme hier schon seit Ewigkeiten in der Runde, es ist zum Haareraufen!“
„Richtig. Schwimmen. Das hätte ich sowieso noch angesprochen. Wie kommen Sie bloß auf die absurde Idee, dass Ihnen ausgerechnet hier etwas sinnvolles einfallen würde? Warum geht man mit so einem Problem ins Schwimmbad? Dieser Ort hier ist doch nun wirklich das genaue Gegenteil von Würde, Anstand, Zurückhaltung!“
„Äh… echt?“
„Natürlich! Sehen Sie sich doch um! Badehosen und Badeanzüge und drumherum und drunter die raue Wirklichkeit, wie soll einem da überhaupt noch ein kreativer Gedanke kommen! Was haben Sie sich dabei gedacht!“
„Ich find´s eigentlich ganz schön hier…“
„Ach, papperlapapp! Wenn man etwas schreiben will, geht man in die Bibliothek! Aber doch nicht ins Schwimmbad, also wirklich… mein Gott, womit habe ich das verdient!“
„Dürfen Sie das?“
„Was?“
„‚Mein Gott‘ sagen?“
„Oh! Habe ich?“
„Jepp.“
„Ach du liebe Güte… sind Sie sicher? Sowas rutscht mir sonst nie raus, das müssen die Umstände sein, Dialog-Engel, Hühneraugen, Autokorrektur, da kann man schon mal danebengreifen…“
„Naja…“
„Mal ehrlich, sehen Sie mich doch an! Sehe ich aus wie ein einfacher Unterengel? Wissen Sie, wievielen armen Seelen ich schon geholfen habe? Ich bin die personifizierte Erfahrung! Licht, Liebe, Leben! Nichts, was mir nicht gelingt! Gebt mir Überschwemmungen, Ehekrisen oder Blogger mit Identitätskrise, ich werde mit allem fertig, aber das hier? Mein Gott!“
„Sie haben es schon wieder…“
„Jaja, ich weiß. Tut mir leid. Geben Sie mir einen Moment, ich muss mich kurz beruhigen… wo waren wir… Dialog. Gut. Dialog. Also. Sie wollen einen Dialog im Schwimmbad schreiben, warum auch immer, egal. Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, reale Personen aus Ihrem Umfeld zu verwenden?“
„Hmm… “
„Was, hmm? Was kritzeln Sie da eigentlich die ganze Zeit in Ihr Heft?“
„Ach, nichts, ganz unwichtig.“
„Wieso schreiben Sie irgendwas unwichtiges, wenn ich hier all meine Kapazitäten ausschöpfe, um Ihnen zu helfen? Respekt ist doch wohl das mindeste, was ich erwarten kann, oder?“
„Wissen Sie, Sie haben mir schon geholfen. Vielen Dank! Sie waren super, wirklich!“
„Ehrlich?“
„Absolut.“
„Einfach so? Wir haben doch noch gar nicht richtig angefangen!“
„Sehen Sie, das ist eben Ihr Genie!“
„Ach… ja… dann, äh, dann gehe ich wohl mal wieder. Ein schönes Leben noch…“
„Wünsche ich Ihnen auch.“
„Ein seltsamer Mensch, sehr seltsam… aber gut. Was haben wir als nächstes… nein! Tintenklecks-Verhinderungs-Engel? Nein! Womit habe ich das verdient!“

Herbstblumen

Herbstblumen

Du steigst aus dem Zug, der Bahnsteig ist voller Menschen, die alle dasselbe wollen: Möglichst schnell zur Treppe und weg hier. Dein Schweinehund läuft rückwärts vor dir her und schlängelt sich dabei elegant zwischen den Menschen hindurch. Beeindruckend. Er starrt dir mißtrauisch ins Gesicht. Beim Rückwärtslaufen, wohlgemerkt.
„Du planst doch was, oder? Los, sag schon, was ist es?“
„Ich? Wie kommst du darauf?“
„Du hast diesen Ausdruck im Gesicht. Ich kenne den! Du planst was!“
„Quatsch. Was du immer siehst!“
„Hm.“ Dein Schweinehund starrt dir so intensiv ins Gesicht, dass du das Gefühl hast, deine Augenbrauen fangen gleich Feuer. Ihr seid schon unten im Tunnel, das Gedrängel ist so dicht, dass ihr nebeneinanderher gehen müsst. Dein Schweinehund wirft dir immer wieder bohrende Seitenblicke zu und du erhöhst das Tempo. Je schneller du gehst, desto mehr Weg hast du geschafft, bevor es losgeht. In Rekordgeschwindigkeit überquerst du den Bahnhofsvorplatz und steuerst auf dein Fahrrad zu. Als du das Fahrradschloss öffnest, schreit dein Schweinehund auf. Du seufzst leise. Es geht los.
„Ha! Ich wusste es doch! Blumen! Du willst Blumen kaufen!“
„Ja, und? Und woher weisst du das schon wieder?“ Ärgerlich pfefferst du das Schloß in den Fahrradkorb.
„Du weißt doch, dass ich Gedanken lesen kann! Also, zumindest deine. Manchmal. Egal! Blumen? Ist das dein Ernst? Es ist saukalt, weisst du das? Wieso müssen wir denn gerade heute einen Umweg in dieser eisigen Kälte machen? Außerdem bist du knapp bei Kasse! Haben wir nicht gestern erst über Sparsamkeit gestrit… geredet?“ Er ist in den Fahrradkorb gesprungen, sieht dich anklagend an und ringt die Pfoten. „Und guck mal, wie spät es schon wieder ist! Wir kommen zu spät! Du wolltest heute doch pünktlich anfangen!“
„Jetzt komm mal wieder runter! Wir haben Oktober, es ist frisch, aber nicht saukalt“, erwiderst du und schiebst unauffällig die Jackenärmel über die Hände. Warm ist es auch nicht gerade, aber nicht in hundert Jahren würdest du das jetzt zugeben.
„Du hast ja auch Kleidung an! Ich darf ruhig frieren, oder was?“ ruft dein Schweinehund entrüstet, während sein dichter Pelz im Wind weht und seine Ohren wie kleine Segel flattern. „Und überhaupt! Wozu denn Blumen? Wer braucht die schon! In spätestens einer Woche sind sie sowieso hinüber, ach was, fünf Tage gebe ich ihnen maximal! Und dafür lässt du mich hier erfrieren!“ Seine Stimme schraubt sich in unerwartete Höhen und er schlingt seine pelzigen Pfoten um sich, als ob er gleich den Antarktis-Kältetod erleiden würde.
„Blumen erfreuen die Seele und meine Augen“, antwortest du in lehrerhaftem Tonfall und fährst stoisch weiter in Richtung Blumenmarkt. „Und jetzt sind die Dahlien am schönsten.“
„Dahlien! Pah! Wir fahren einen Umweg, wir kommen zu spät, du gibst Geld aus, das du nicht hast, es ist eiskalt, ich erfriere und dann verwelken deine Dahlien auch noch und du musst täglich das Blumenwasser wechseln. Ich verstehe dich einfach nicht!“ Die letzten Worte schreit er dramatisch so laut in die Luft, dass ein paar Tauben hektisch aufflattern und eilig das Weite suchen.
„Entspann dich“, sagst du gelassen und bremst. „Wir sind schon da.“
Dein Schweinehund lässt die Pfoten sinken und guckt verwirrt um sich. „Oh. Ach so. Ja dann…“ Er blinzelt, schüttelt sich einmal, dreht sich um sich selbst und rollt sich im Fahrradkorb zusammen. „Meine Güte. Na gut. Wenn du schon unbedingt welche kaufen musst, würde ich aber die bunten nehmen. Die sind hübscher als die rot-weißen.“ Er gähnt. Du siehst ihn an, schüttelst den Kopf und gehst zum Stand. Natürlich hat er Recht. Die bunten Dahliensträuße sind die schönsten, und weil dein Schweinehund gerade nicht hinguckt, kaufst du gleich zwei, einen für dich und einen für deine Kollegin.
Herbstdahlien. Was du dafür alles auf dich nimmst.

Jaaa, ich weiß, das ist keine Dahlie. Dahlien waren rein fototechnisch gerade aus, da musste ein Ersatz her, und so schlecht ist er nicht, der Ersatz, oder? (Und wenn man das Foto größer klickt, kann man winzige Luftbläschen in den Wassertropfen sehen – Schokolade für die Augen!)

Ausgelesen: Britt-Marie war hier. Von Fredrik Backman.

Britt-Marie ist eine ungewöhnliche Buchheldin. So ungewöhnlich, dass der Autor sie nicht als Ich-Erzählerin einsetzt, auch nicht aus der Perspektive des allwissenden Erzählers, sondern aus einer sperrigen wir-sprechen-in-der-dritten-Person-von-uns Variante. Sie schafft die notwendige Distanz, die die Geschichte in ihrer Entwicklung benötigt. Ich musste mich erst daran gewöhnen, aber Britt-Marie hat nicht lange gebraucht, bis sie mich von sich überzeugt hatte. Sie ist eine dreiundsechzigjährige Frau, die bisher vor allem durch und für andere gelebt hat, was ja an sich nichts schlechtes ist. Wenn aber die anderen nicht wissen, was sie an Britt-Marie haben und sie benutzen, um sich selbst besser und größer zu fühlen, läuft irgendetwas verkehrt, und Britt-Marie braucht lange, sehr lange, um das zu verstehen. Genauer gesagt braucht sie Borg, um das zu verstehen, ein kleines Dorf außerhalb von allem, längst abgehängt durch die Verstädterung, ohne Läden, Schulen, Ärzte, nur einen kleinen Allzweckladen gibt es noch, der gleichzeitig Post, Kneipe, Werkstatt und Treffpunkt ist. Außerdem gibt es noch ein katastrophales Jugendfußballteam, das in Auflösung begriffen ist. Und dann kommt Britt-Marie. Und vieles ändert sich, auch sie selbst.

Ich mochte die Geschichte und Britt-Marie sehr, nur zum Ende hin, da wird es für meinen Geschmack etwas zu melodramatisch. Irgendwie scheint mir das nicht zum Rest der Geschichte zu passen, obwohl das Ende wiederum sehr gut ist, trotz aller Melodramatik. Es wäre schön, wenn es mehr Dörfer wie Borg gäbe und mehr Menschen wie Britt-Marie. Die Welt wäre vermutlich ein besserer Ort.

 

Kann man mit Humor und Leichtigkeit glauben?

Was würde dazugehören?

  • mit Freude morgens aufwachen
  • nicht Funktionierendes entspannt akzeptieren
  • Andersdenkende umarmen
  • dankend leben
  • viel Gesang, pur und mehrstimmig
  • Gottvertrauen – er wird das vergeben, für das unsere Versuche nicht ausreichen
  • leicht leben, weil wir gerettet sind
  • jeden Tag ein bisschen in die Wolken schauen
  • offene Türen
  • nicht allein sein, weil wir zu einer großen Gemeinschaft gehören
  • wenn wir etwas verbockt haben, einen Ort und ein Ohr haben, wo wir es abgeben können
  • viel Liebe