Fräulein Honigohr und Frau Meier

Fräulein Honigohr und Frau Meier

Fräulein Honigohr schiebt den Kopf aus der Tür. Niemand zu sehen. Schnell schlüpft sie hinaus und schliesst die Tür.
„Was tun Sie da?“
Fräulein Honigohr fährt zusammen. Vor ihr steht Frau Meier aus dem ersten Stock. Sie strahlt Mißbilligung aus.
„Nichts!“
„Nichts? Sie waren ewig da drin, und ich habe komische Geräusche gehört!“ Sie pocht mit ihrem Gehstock auf den Boden. „Wenn Sie mir Kratzer an mein Auto gemacht haben, kriegen Sie Ärger!“ Sie geht auf den Geräteschuppen zu.
„Bestimmt nicht“, sagt Fräulein Honigohr hastig, „äh… da drin ist es schmutzig. Und dunkel!“
Frau Meier mustert sie. „Dann mache ich Licht an.“
„Sie sollten da wirklich nicht reingehen!“
Frau Meier schüttelt den Kopf und öffnet die Tür. Kupferfarbenes Licht fällt auf ihr Gesicht. „Was zum…?“
Fräulein Honigohr macht drei schnelle Schritte, aber sie ist zu spät. Die Tür fällt zu. Von oben kommt leises Lachen. Herr Brummeck lehnt auf dem Fensterbrett und grinst.
„Jetzt bin ich gespannt, wie du da wieder rauskommst“, sagt er.
Fräulein Honigohr schnauft entrüstet. Das sieht ihm ähnlich, sie auszulachen anstatt ihr zu helfen! Sie sieht auf die Tür. Dreissig Sekunden sind vergangen, es wird höchste Zeit. Sie drückt die Klinke herunter. „Hallo?“ fragt sie vorsichtig und hält den Atem an.
Frau Meier steht vor ihrem Auto, dann dreht sie sich um und lächelt. „Mein liebes Kind! Was für ein ausgesprochen schöner Tag heute ist!“
„Ja!“, sagt Fräulein Honigohr erleichtert.
„Wann haben wir das letzte Mal ein Hausfest gefeiert?“
„N-noch nie?“
„Das muss sich ändern! Wir müssen unbedingt eines feiern!“ Frau Meier tritt nach draussen. „Sie besorgen die Luftschlangen, ich backe Kuchen!“
Fräulein Honigohr wirft einen Blick nach oben. Herr Brummeck lehnt immer noch auf dem Fensterbrett und grinst. Blöder Kerl. So übel ist ein Hausfest gar nicht. Solange sie den Kuchen nicht selber backen muss.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden, wie immer organisiert von Christiane und ihrem Blog Irgendwas ist immer. Die Regeln: Maximal 300 Worte, und im Text unterzubringen waren dieses Mal die Wörter Geräteschuppen, kupferfarben und feiern. Wortspenderin war Susanne vom Blog books2cats  – vielen Dank fürs Organisieren und spenden! 🙂

Fräulein Honigohr hat Fragen

Fräulein Honigohr hat Fragen

„Du, sag mal“, sagt Fräulein Honigohr zu Herrn Brummeck. „Ich hab da manchmal so ein komisches Gefühl.“
„Ach? Warum?“ Herr Brummeck nimmt einen Schluck Kaffee und lehnt sich zurück.
Fräulein Honigohr dreht eine Haarsträhne um ihren Finger. „Ich weiß auch nicht. Als ob wir Mittel zum Zweck wären. Ganz seltsam.“
„Mittel zum Zweck? Wie meinst du das?“
„Als ob wir für ein paar Minuten plötzlich fremdbestimmt wären und einem Zeitplan folgen müssten. Ich habe manchmal sogar das Gefühl, ich müsste jetzt unbedingt ganz bestimmte Wörter sagen!“
„Aha.“ Herr Brummeck mustert Fräulein Honigohr nachdenklich. „Nein, so ein Gefühl habe ich nicht.“
Fräulein Honigohr guckt enttäuscht. „Oh.“
„Aber“, Herr Brummeck lehnt sich vor und flüstert leise, „ich habe öfter das Gefühl, wir müssten etwas in einem streng vorgegebenen Rahmen erledigen. Das mag ich gar nicht.“
Fräulein Honigohr guckt ihn entzückt an. „Ja! So geht es mir auch!“
Beide sehen sich an und lächeln ernst. Dann fragt Fräulein Honigohr: „Findest du das schlimm?“
„Eher unheimlich, wenn ich ehrlich bin.“
„Ich auch.“ Fräulein Honigohr nimmt einen Teelöffel in die Hand. „Jetzt zum Beispiel habe ich das dringende Bedürfnis, diesen Löffel fallen zu lassen, obwohl das absolut sinnlos ist. Warum sollte ich ihn fallen lassen? Was hat das für einen Sinn?“ Fräulein Honigohrs Hand zittert. Sie wehrt sich mit aller Kraft dagegen, den Löffel fallen zu lassen.
Herr Brummeck steht auf und sieht sich um. „Ich glaube, wir werden beobachtet, genau jetzt!“
„Steh da nicht so großspurig herum, hilf mir!“ Fräulein Honigohr hält jetzt mit der linken Hand die rechte fest. Herr Brummeck läuft um den Tisch und umschließt mit beiden Händen Fräulein Honigohrs Löffelhand. So stehen sie eine kleine Weile lang eng zusammen. Schließlich flüstert Fräulein Honigohr: „Ich glaube, du kannst loslassen.“ Vorsichtig tritt Herr Brummeck zurück. Sie öffnet die Hand und sieht stumm auf den Löffel, der täuschend ruhig da liegt. Dann blickt sie auf und sieht bohrend in die Luft. „Wir werden das nicht länger totschweigen, hört ihr? Wer immer dafür verantwortlich ist!“ Herr Brummeck nickt entschlossen.
Stille. Niemand antwortet. Herr Brummeck setzt sich und umschließt die Kaffeetasse mit einer Hand. Fräulein Honigohr legt den Löffel auf den Tisch. Alles ist wie immer. „Ich glaube, es ist vorbei.“
„Ja, für den Moment. Aber das wird wieder passieren.“
„Wir müssen uns vorbereiten.“
„Hast du eine Idee?“
Fräulein Honigohr überlegt. Ihr Gesicht hellt sich auf. „Ein Codewort! Wir brauchen ein Codewort für den Notfall!“
„Das muss aber gut erkennbar sein. Und unverfänglich.“
Fräulein Honigohr stösst einen kleinen Schrei aus. „Ich hab´s!“
„Ja, und? Sag schon!“ Herr Brummeck sieht sie gespannt an.
„Katamaran!“
„Nicht schlecht.“
Fräulein Honigohr kraust die Nase und sieht sich misstrauisch um. „Ich habe schon wieder so ein komisches Gefühl.“
Herr Brummeck steht auf. „Weisst du was? Lass uns einen Spaziergang machen. Wir stehen erst am Anfang. Wir werden besser werden. Und wir haben jetzt die Nicht-Totschweig-Vereinbarung.“
„Na gut. Wenn du meinst.“ Fräulein Honigohr steht auf. „Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen! Hört ihr?“
Dann klappt die Wohnungstür hinter ihnen zu.

Das war ein Beitrag zu den Extra-Etüden, die von Christiane organisiert werden – vielen Dank!! Die Regel lauten maximal 500 Worte, und im Text unterzubringen sind fünf aus sechs möglichen Worten: Katamaran, großspurig, totschweigen, Zeitplan, schlimm, fallen. Ob Fräulein Honigohr wohl hinter das fiese Komplott kommen wird? Die Zukunft wird es zeigen! 🙂

Fräulein Honigohr fällt

Fräulein Honigohr fällt

Fräulein Honigohr ist ernsthaft sauer. „Wir müssen über deinen Zeitplan reden! So geht das nicht! Das passiert mir jetzt schon das dritte Mal mit dir! Wenn du so dringend mit mir reden willst, dann musst du die Zeit einplanen, aber mich jedes Mal einfach beiseite zu schubsen, weil du dich um Kopf und Kragen verspätet hast, ist nicht die feine Art! Und du weisst ganz genau, wie ich es hasse, zu fallen!“
Die letzten Worte brüllt sie nach unten, aber sie ist sich sicher, dass das weiße Kaninchen ihr gar nicht zuhört. Das ist wieder typisch: Erst wird sie von ihm zum Loch beordert, wartet eine Ewigkeit, und als es dann endlich auftaucht, jammert es: „Keine Zeit, keine Zeit, oh, das wird mich meinen Kopf kosten!“, schubst sie voran und springt hinterher.
Und das, wo Fräulein Honigohr es überhaupt nicht leiden kann, zu fallen! Da helfen auch keine gut gemeinten Himbeertörtchen auf dem Weg nach unten, so köstlich sie auch sein mögen. Außerdem hat sie überhaupt keine Lust, der Roten Königin zu begegnen. Beim letzten Mal endete ihre Unterhaltung äusserst unerfreulich, als sie sie wissen ließ, was sie vom Croquetspiel mit Igeln und Flamingos hält, nämlich rein gar nichts.
Und mit der Grinsekatz hat sie auch noch ein Hühnchen zu rupfen – sie grinsend allein mit dem Hutmacher zu lassen! Fräulein Honigohr ist der Meinung, das Wort „Hutmacher“ sei lediglich ein anderes Wort für „völliger, wahnsinniger Irrsinn“, ganz abgesehen von den katastrophalen hygienischen Zuständen an seiner Teetafel. Von der armen Haselmaus ganz zu schweigen.
Das einzig erfreuliche an diesem ganzen Desaster ist die Aussicht auf einen Spaziergang im Pilzwald. Ob es schlimm wäre, wenn sie Herrn Brummeck ein Stückchen „Machmichkleiner-Pilz“ mitbringt? Bei dem Gedanken muss sie grinsen. Aber so leicht kommt ihr das weiße Kaninchen nicht davon.
„Kaninchen!!!“ brüllt sie.

 

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden, die dankenswerterweise von Christiane organisiert werden – vielen Dank! Die Regeln kann man im Foto nachlesen, und jedes Mal liefere ich mir einen Kampf mit den vorgegebenen 300 Wörtern, so auch dieses Mal wieder. Zum Schluss hatte ich 299 und konnte tatsächlich noch ein „grinsend“ unterbringen, das vorher raus gefallen war. Die drei Wörter lieferte Gerhard mit seinem Blog Kopf und Gestalt.

Fräulein Honigohr und die Sockenfrage

Fräulein Honigohr und die Sockenfrage

Fräulein Honigohr sitzt auf einer Parkbank und seufzt leise. Heute ist ein Grau-in-Grau-Morgen. Alles fühlt sich nach viel zu früh an, auch, wenn es gar nicht mehr so früh ist. Ein gelbes Blumenblatt segelt neben ihr zu Boden. Sie seufzt noch einmal und starrt es gedankenverloren an. Es ist so wunderschön strahlend gelb und doch: Etwas geht zu Ende.
„Warum hast du deine Socken nicht an?“ fragt eine Kinderstimme mitten in ihre Gedanken hinein. Fräulein Honigohr blickt auf und sieht in zwei braune Augen. Vor ihr steht ein riesiger Schulranzen mit einem winzigen Kind darunter.
„Woher weißt du das?“ fragt sie zurück.
„Du hast nackte Füße. Guck!“ sagt das Kind und zeigt auf Fräulein Honigohrs Beine, die ohne Strümpfe aus ihren Schuhen herausgucken.
„Stimmt. Du hast Recht.“
„Und warum hast du sie nicht an?“ fragt das Kind ungeduldig. „Sie liegen doch neben dir.“
„Ach,“ sagt Fräulein Honigohr, „es gibt Tage für graue Socken und Tage für Ringelsocken. Und heute konnte ich mich einfach nicht entscheiden.“ Sie streicht mit den Fingern über die rotblau geringelten Socken, sieht aber die grauen an.
„Und dann ziehst du gar keine an?“ fragt das Kind. „Das ist doch dumm!“
„Ja, ist es. Aber ich konnte mich trotzdem nicht entscheiden,“ sagt Fräulein Honigohr. „Kennst du das nicht? Wenn man sich nicht entscheiden kann?“
„Doch, schon. Aber manchmal muss ich mich gar nicht entscheiden, da mache ich einfach beides!“ Das Kind lacht. „Zieh doch einfach einen grauen und einen geringelten an! Dann hast du es schön bunt!“
Fräulein Honigohr sieht das Kind an und dann die Socken. Langsam breitet sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus. Dann streift sie ihre Schuhe ab und zieht über den rechten Fuß eine graue Socke und über den linken Fuß eine blaurot geringelte. Sie streckt die Beine aus und wackelt mit den Zehen. „Du hast ab-so-lut Recht!“ sagt sie zu dem Kind, das sie beobachtet. „Vielen Dank!“
„Ich habe immer Recht!“ sagt das Kind.
„Das dachte ich mir,“ sagt Fräulein Honigohr und steht auf. Prüfend betrachtet sie ihre zwei verschiedenen Füße. „Das gefällt mir sehr gut so.“
„Mir auch!“ sagt das Kind. „Ich muss weiter, ich bin schon zu spät.“
„Ich auch,“ sagt Fräulein Honigohr. „Tschüß und machs gut!“
„Tschü-hüß!“ ruft das Kind und hüpft mit seinem riesigen Schulranzen leichtfüßig davon.
Fräulein Honigohr hebt das gelbe Blatt auf und steckt es an ihre Jacke. Dann strafft sie die Schultern und macht sich auf ihren eigenen Weg.

Fräulein Honigohr und der Teppich

Fräulein Honigohr isst ein grünes Macaron, als jemand ans Fenster klopft. Im dritten Stock ist das merkwürdig, aber sie ist einiges gewohnt. Neugierig öffnet sie einen Fensterflügel. Außen an der Wand klebt ein Teppich. Seine Fransen flattern im Wind, in einer Ecke hält er etwas Unförmiges fest.
„Was, jetzt?“ fragt Fräulein Honigohr. „Ich wollte gerade zur Arbeit.““
Der Teppich guckt ungehalten. Dann entrollt er die unförmige Ecke ein Stückchen. Fräulein Honigohr starrt ihn an. „Was… wir hatten vereinbart, dass wir das nie wieder tun!“
Der Teppich zuckt mit den Fransen.
Fräulein Honigohr zupft sich am Ohrläppchen. „Eigentlich geht das nicht. Aber… naja, uns sieht ja keiner. Ach, was soll´s. Einmal ist keinmal. Warte.“ Aus der Küche holt sie einen Kochlöffel, dann schwingt sie sich aufs Fensterbrett. „Na los, schnell!“ Der Teppich schiebt sich unter ihre Füße und fliegt los. Fräulein Honigohr juchzt, als sie die Wolkenränder entlang surfen. Über einer dicken Regenwolke halten sie an und Fräulein Honigohr stellt sich in Position. Sie schwingt probeweise ihren Kochlöffelschläger, während der Teppich die unförmige Ecke öffnet. Gläsern kullern ihre unbeherrschten Momente über das orientalische Webmuster, sie schillern wutgelb, zornsilbern und sturmgrau.
„Also wirklich, du hättest sie nicht behalten sollen“, sagt Fräulein Honigohr und versucht, vorwurfsvoll zu klingen. Der Teppich lässt eine der Glaskugeln in die Höhe springen, sie schwingt den Kochlöffel und schlägt mit aller Kraft zu. Der wutgelbe Moment explodiert mit einem Knall und bläht sich schwefelgelb auf. Es riecht nach faulen Eiern. Fräulein Honigohr strahlt. „Noch einen!“ Sie schlägt Silberblitze, graue Sturmwolken und Platzregen mit Hagel in die aufgeladene Luft.
Als sie fertig sind, lässt Fräulein Honigohr sich klatschnass auf den Teppich fallen, der begeistert Achten durch die Regenwolken fliegt. „Wir sollten das wirklich nicht tun, weisst du?“ sagt sie mit geschlossenen Augen und genießt die kalte Flugluft.
Der Teppich lacht.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden, organisiert von Christiane! Vielen Dank wie jedes Mal für die Organisiererei! Drei Wörter sind unterzubringen in maximal 300 Wörtern, und wie immer war jedes davon hart umkämpft, bis es exakt 300 waren. 🙂 Die drei Wörter: Teppich, gläsern, flattern. Und weil diese Wörter eine Megasteilvorlage waren (siehe hier), konnte ich gar nicht anders, als mitzumachen 🙂 . Danke, Myriade! Zu ihrem Blog la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée geht´s hier!

Fräulein Honigohr hat Schluckauf

Fräulein Honigohr trinkt Frühstückstee, als der Schluckauf sie hinterrücks überrumpelt. Verdammt. Nicht jetzt!
Hicksend räumt Fräulein Honigohr die Küche auf. Dann das Wohnzimmer. Sie bürstet ausgiebig ihre Haare. Sie putzt das Bad. Als sie mit dem Kopf gegen das Waschbecken rummst, weil der Schluckauf sie besonders heftig schubst, verdreht sie die Augen. „Schon gut“, murmelt sie, „du hast gewonnen. Ich geh ja schon.“ Der Schluckauf kichert und Fräulein Honigohr hickst siebenmal hintereinander. Sie nimmt den silbernen Schlüssel und steigt die Treppe zum Dachboden hinauf. Vor der Holztür bleibt sie stehen und sammelt mutvoll alles an Zuversicht ein, was sie in sich hat. Dann tritt sie ein.
Der Dachboden ist sonnendurchflutet und leer. Ein alter orientalischer Teppich liegt schimmernd auf den Holzdielen. Fräulein Honigohr setzt sich, schliesst die Augen und augenblicklich ist der Raum brechend voll. Graue Erinnerungen, Gesprächsfetzen und Wutanfälle lagern in Regalen, sinnlose Gedanken und Sorgen hängen wie alte Socken auf kreuz und quer gespannten Leinen. Kartons voller Diskussionen und Streitgesprächen stapeln sich bis zur Decke, die unbeherrschten Momente kullern gläsern herum.
Fräulein Honigohr seufzt. So voll war ihre Rumpelkammer selten. Der Schluckauf hat Recht. Sie sollte nicht von ihren schlechten Momenten zehren, das tut niemandem gut, so verlockend es auch manchmal sein mag. Es ist Zeit. Sie steht auf, öffnet das Dachfenster und macht ihrem Gerümpel Beine. Protestierend fliegt es in einer Wolke von Lärm und Gejammer auf, aber je mehr durch das Fenster verschwindet, desto schneller geht es. Fräulein Honigohr wird immer leichter ums Herz.
Schließlich ist der Dachboden leer bis auf den Teppich. „Willst du auch gehen?“ fragt Fräulein Honigohr. Eine kleine Welle geht über das orientalische Muster, dann liegt er wieder still da. „Gut.“ Fräulein Honigohr streichelt ihn mit einer Fußspitze. Dann sieht sie sich zufrieden um. Neustart. Wunderbar.
Und der Schluckauf ist auch verschwunden.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden, organisiert von Christiane! Vielen Dank für die Organisiererei, das ist ganz schön viel Arbeit für dich… drei Wörter sind unterzubringen in maximal 300 Wörtern, und wie immer war jedes davon hart umkämpft, bis es exakt 300 waren. 🙂 Ach ja, die drei Wörter: Rumpelkammer, mutvoll, zehren.

Fräulein Honigohr und der Sonnenuntergang

Fräulein Honigohr und Herr Brummeck gehen schweigend nebeneinander her. Die Stimmung ist frostig wie ein Dezembertag am Südpol. Fräulein Honigohr brodelt vor sich hin. Wieso muss Herr Brummeck immer alles planen? Warum ist es so wichtig, alles und jedes zu durchdenken? Wo bleibt da die Spontanität? Der kleine Irrsinn? Die Freude, lebendig zu sein? Sie hätte so gern den trübseligen Park zum Blühen gebracht! Immerhin ist es schon März! Und niemand kann doch wohl gegen Narzissen etwas haben, oder? Fräulein Honigohr schnauft laut durch die Nase. Herr Brummeck wirft ihr einen Blick zu.
Andererseits waren da ziemlich viele Leute im Park. Fräulein Honigohr schüttelt den Kopf. Warum mussten die ausgerechnet heute alle da sein? Vielleicht wäre es doch jemandem aufgefallen, wenn überall Blumen aus der Erde geschossen wären. Trotzdem. Herr Brummeck kann nicht immer alles bestimmen. Wenigstens ein oder zwei Tulpen hätte er ihr lassen können! Oder Perlhyazinthen! Eine hätte schon gereicht. Stattdessen hat er sie praktisch aus dem Park herausgeschubst. Nein. Fräulein Honigohr ist sauer, Punkt.
Vor ihnen öffnet sich der Blick über den Fluß. Die Sonne leuchtet tulpenrot knapp über dem Horizont. Orangerote Schlieren schwimmen um sie herum und spiegeln sich im Wasser, die Wolken leuchten goldgelb und rosa. Fräulein Honigohr bleibt auf der Brücke stehen und saugt die Farben auf. Wie schön wäre es jetzt… nein.
Herr Brummeck lehnt sich ans Geländer. „Na los“, sagt er und nickt mit dem Kopf in Richtung Sonnenuntergang.
Fräulein Honigohr hebt die Augenbrauen.
„Jetzt guck nicht so. Mach schon. Ich stehe Schmiere.“ Er grinst.
Eigentlich ist Fräulein Honigohr noch sauer. Sie sollte das wirklich nicht tun. Ganz ernsthaft nicht. Aber wer kann einer Kombination aus Sonnenuntergang und Herrn Brummecks Grinsen schon widerstehen? Sie küsst ihn auf die Nase, hüpft über das Geländer und springt kopfüber in die Farben. Sie sind warm, und es fühlt sich an wie fliegen, nur viel besser.
Herr Brummeck mag ja manchmal rechthaberisch sein. Und pedantisch. Und ein Planungsfanatiker. Aber er hat auch seine guten Seiten. Doch, zweifellos, die hat er.

Ja, es ist kein Fluss, ich weiß, aber einen anderen Sonnenuntergang hatte ich gerade nicht da…

Fräulein Honigohr und der Schabernack

Fräulein Honigohr ist auf dem Weg zu ihrer nigelnagelneuen Guerillapflanzgruppe, als jemand von hinten gegen ihre Schulter boxt. Ärgerlich dreht sie sich um, wird von einem wirbelnden Chaos umarmt und dabei in den schlammigen Rinnstein geschubst.
„Fräulein Honigohr! Dich hab ich ja schon ewig nicht mehr gesehen! Wie lang ist das jetzt her?“
Fräulein Honigohr wartet mit ihrer Antwort, bis der Umarmer sie loslässt und sagt dann säuerlich: „Ach. Der Schabernack. Wie interessant, dich zu sehen. Ich kann dir ganz genau sagen, wie lang es her ist: Exakt ein Jahr.“ Sie tritt zurück auf den Gehsteig, schüttelt den Schlamm von den Schuhen und starrt ihm bohrend in die Augen.
Der Schabernack leuchtet bunt auf, als er ihr ins Gesicht grinst. „Ach komm! Du bist doch nicht nachtragend, oder? Es war doch nett beim letzten Mal!“ Er kichert. Gelbe Lichtwellen versickern um ihn herum im Straßenpflaster. Die kleinen Löwenzähne zwischen den Steinen biegen ihre gelben Mähnen nach links und rechts weg.
„So? Meinst du?“ Fräulein Honigohr verschränkt ihre Arme vor der Brust und trommelt mit den Fingern kleine Märsche auf ihre Oberarme.
Der Schabernack grinst immer noch, weicht aber vorsichtshalber ein oder zwei Zentimeter zurück. „Ich weiß gar nicht, was du hast. Wir hatten doch viel Spaß!“
„DU hattest viel Spaß, wolltest du wohl sagen!“ Fräulein Honigohr kneift die Augen zusammen und tritt angriffslustig einen Schritt nach vorn, woraufhin der Schabernack sich elastisch wie Schnurlakritze von ihr weg bewegt. Sie bleibt stehen. Sie weiß es doch besser, oder? Jedes Mal, wenn der Schabernack und sie sich treffen, tragen sie einen Wettkampf aus, und immer gewinnt er, haushoch und mit weitem Abstand. Und er geniesst es. Er war noch nie zu fassen. Jedenfalls nicht von ihr. Die Röte steigt ihr ins Gesicht, wenn sie an ihr letztes Treffen denkt. Selbst Herr Brummeck musste wochenlang breit grinsen, wenn dieser Tag zur Sprache kam, egal, welche Konsequenzen das für ihn hatte. Aber dieses Jahr wird sich das ändern, das ist sie sich schuldig, gerade nach dem letzten Mal. Sie muss ihre Taktik ändern.
Mit einer langsamen Handbewegung streicht sie ihr Haar zurück und zaubert ein sparsames Lächeln auf ihr Gesicht. „Weisst du was? Jetzt kann ich es ja zugeben. Du hast Recht. Es war lustig.“
„Sag ich doch! Erinnerst du dich daran, wie deine Haare ausgesehen haben?“
Er gluckst und strahlt so grell, dass Fräulein Honigohr die Augen zukneift. Sie steigert die Intensität ihres Lächelns um einige Grade. „Ja, klar“, sagt sie. „Doch, doch, das war schon sehr lustig. Eine deiner besten Aktionen, würde ich sagen.“
„Danke“, sagt der Schabernack stolz, „das hat mich auch eine Menge Planung gekostet.“
„Ich weiß“, sagt Fräulein Honigohr. „Du hast es halt voll drauf. Einer der Besten.“
Der Schabernack legt den Kopf schief. Grüne Lichttropfen laufen über seine Ohren. Hat sie es übertrieben?
„Danke, danke. Das von dir zu hören, das ehrt mich.“ Er neigt huldvoll den Kopf. Die grünen Tropfen fallen zu Boden und verscheuchen ein paar Ameisen. Fräulein Honigohr lächelt.
„Ehre, wem Ehre gebührt. Aber jetzt mal was anderes. Warum treffe ich dich hier? Hast du nicht was Besseres zu tun, gerade jetzt?“
„Wieso?“ fragt der Schabernack erstaunt. Über seinem Scheitel steigt ein blaues Fragezeichen auf und zerplatzt. „Heute Nachmittag geht´s los, bis dahin hab ich noch jede Menge Zeit.“
„Heute Nachmittag? Aber der Karneval ist doch schon seit gestern!“
„Quatsch. Natürlich nicht.“ Der Schabernack grinst wieder. Er leuchtet jetzt rot und weiß. „Das sind meine Tage, da werde ich doch wohl wissen, wann sie losgehen. Ich bin sogar immer schon ein bisschen eher hier, obwohl dieses frühe Aufstehen mich echt fertig macht.“
„Tja.“ Fräulein Honigohr zuckt skeptisch mit den Mundwinkeln. „Wie du meinst. Fakt ist aber, dass der Karneval seit gestern läuft. Vielleicht hast du die letzte Tagverschiebung nicht mitbekommen? Den November verschläfst du doch immer, oder?“
„Tagverschiebung? Du nimmst mich auf den Arm, oder?“ Er starrt sie an.
„Was meinst du, warum ich hier mit Blumenzwiebeln und Gärtnerschürze durch die Gegend laufe? Wie lange kennst du mich? Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich gärtnere, oder? Das ist mein Kostüm.“ Sie lässt den Schabernack in ihre Tasche sehen. Er starrt die Netze mit Blumenzwiebeln, ihre Schürze, die bunten Gummistiefel und die Handschuhe an. Dann nimmt er mit spitzen Fingern ihr geblümtes Kopftuch heraus und schnuppert daran. Er furcht die Stirn. Kleine rote Wellen laufen über sein Gesicht.
„Ein Kopftuch. Du würdest doch nie…“ Er starrt erst sie und dann das wirklich sehr unmodische Kopftuch an.
„Wie lange kennen wir uns?“ fragt sie ihn. „Habe ich dich je auf den Arm genommen? Und habe ich je freiwillig irgendwo in der Erde gebuddelt?“
„Nein. Aber auf den Arm hast du mich nur deswegen nicht genommen, weil du es nicht konntest.“
„Mag sein. Nun ja. Wie du meinst.“ Sie nimmt ihm das Kopftuch mit dem lila Blumenmuster aus den Händen, streicht es demonstrativ glatt, wirft es in die Tasche zurück und zieht den Reißverschluss zu. „Ich muss jetzt los, meine Gartenparty wartet. Wir sehen uns ja bestimmt später noch. Und…“, sie streicht ihm sanft über die Schulter, „mach dir nichts draus, ok? Soviel Zeit hast du noch nicht verloren, die holst du wieder rein. Wenn du das nächste Mal dran bist, frag als erstes nach, ob es größere Änderungen gegeben hat. Ich musste mich auch erstmal an die Tagverschiebung gewöhnen.“
Der Schabernack starrt sie an. In seinem Gesicht streiten sich Skepsis und das übliche halbe Grinsen, seine Ohren flackern misstrauisch wie trübe Petroleumlampen mit zu kurzem Docht.
„Tschü-üß!“ ruft Fräulein Honigohr, nickt ihm zu und geht die Straße hinunter. Sie spürt seinen Blick im Rücken.
„He!“, ruft ihr der Schabernack hinterher, „nur für den Fall, dass du Recht hast: Danke für den Tipp! Und wenn nicht… dann war das nicht schlecht! Respekt!“
Fräulein Honigohr hebt die Hand, ohne sich umzudrehen. Sie grinst. Respekt. Kein kompletter Sieg, aber zumindest Respekt. Und sie ist nicht mit nassem Haar, verfärbt oder miauend aus der Begegnung mit ihm hervorgekommen.
Das ist ausbaufähig. Und sie ist ja schließlich lernfähig, oder?

Das war jetzt kein Beitrag zu den Etüden, sollte aber einer werden, und dann geriet er außer Kontrolle… Hier nun die ungekürzte Version von Fräulein Honigohrs Kampf mit dem Schabernack, Ausgang offen. 🙂

Fräulein Honigohr hat Grippe

Fräulein Honigohr hat Grippe

Fräulein Honigohr hat die Grippe. Sie liegt auf dem Sofa und kühlt ihre Stirn. Auf dem Boden liegen Taschentücher verteilt, das Glas Zitronentee ist leer und ihr Kopf fühlt sich wattig an. Kurzum: Die Lage ist düster. Vor dem Fenster scheint die Sonne, aber selbst die weißen Schäfchenwolken sehen heute aus wie gebleicht. Die Welt ist ungerecht.
Sie würde jetzt gern geknuddelt werden, aber das ist schwierig, wenn man gerade niemanden zum Knuddeln zur Hand hat. Obwohl… Fräulein Honigohrs Augen glänzen fiebrig, als sie den Fernseher einschaltet und mitten in eine britische Adelsserie gerät. Der Butler sorgt gerade für Ordnung in der Küchenbelegschaft. Auf dem großen Holztisch steht bergeweise Essen und die Köchin wirbelt herum, während sie in einer Schüssel Zitronencreme schlägt.
Zitronencreme… Fräulein Honigohrs Augen schließen sich halb. Mit seligem Lächeln schnipst sie mit den Fingern. „Carson!“
„Ja, Mylady?“ Carson steht in der Tür zum Wohnzimmer. Er sieht verwirrt aus.
„Sagen Sie Mrs. Patmore, ich hätte die Zitronencreme gern gut gekühlt. Sie soll sie in den Kühlschrank stellen.“
„Sehr wohl, Mylady.“
Fräulein Honigohr hört Mrs. Patmore unterdrückt aufschreien, dann klirrt etwas. Es klingt, als ob eine Glasschüssel zu Boden gefallen wäre. Sie hofft, dass es nicht die Zitronencreme war. „Carson!“
„Ja, Mylady?“
„Würden Sie mir neue Taschentücher bringen? Und ein Glas Wasser?“
„Sehr wohl, My— Mylady!“
„Carson! Wo sind wir hier? Was ist das für ein scheußlicher Teppich? Und hätten Sie wohl die Güte, mir zu sagen, was das hier ist?“ Ein Gehstock klopft mit Nachdruck auf den Boden in ihrem Flur.
„Ich denke, das ist ein… äh… Spiegel?“
Fräulein Honigohr kichert. Er hat ihr Handy gefunden. Und Mrs. Violet Crawley. Der Nachmittag verspricht besser zu werden als erwartet. Noch dreiundzwanzig Minuten, bis die Folge zu Ende ist.
Mal sehen, ob die Zitronencreme so gut ist, wie sie aussieht.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden, organisiert von Christiane (vielen Dank für alle Arbeit daran!). Die Wortspende kam dieses Mal von Alice. Die Regeln: Maximal 300 Worte, darin enthalten die drei Wortspenden, die dieses Mal Grippe, gebleicht und knuddeln lauteten.
Allen Grippe-Kranken da draußen gute Besserung und allzeit viel Zitronencreme! 🙂

Fräulein Honigohr und der Januar

Fräulein Honigohr und der Januar

Fräulein Honigohr hat schlechte Laune. Sie sitzt vor dem Fenster und kommandiert Schneeflocken herum. Wenn man das überhaupt Schneeflocken nennen kann, so mickrig, verwässert und unentschlossen wie sie vom Himmel fallen. Aus einem trostlosen Himmel. Fräulein Honigohr seufzt. Es ist ein tiefer, melancholischer Seufzer vom Grunde ihres mit Schneematsch bedeckten Herzens. Sie schließt die Augen und stellt sich eine weiße Landschaft vor, die Sonne strahlt vom Himmel, unter ihren Stiefeln knartscht es, auf allen Ästen liegen Schneepolster, die wie Wolken auf ihre Haare herunterstäuben, wenn sie einen Ast streift.
„Na? Wie lange willst du die armen Schneeflocken noch herum kommandieren?“ Fräulein Honigohr öffnet die Augen. Herr Brummeck steht in der Tür. Schuldbewusst lässt sie die Hände sinken, und sofort hören die Schneeflocken auf, vor ihrem Fenster pas de deux zu tanzen und fallen wieder wie kleine nasse Säcke zu Boden.
Herr Brummeck verschränkt die Arme. „Komm schon. So schlimm ist es gar nicht.“
„Doch.“ Fräulein Honigohr starrt Herrn Brummeck mit zusammengekniffenen Augen an. Bei Schneematsch versteht sie keinen Spaß.
„Wenn du den Schnee so vermisst, sollten wir nächstes Jahr in den Skiurlaub fahren. Das machen die Leute hier so.“
„Es ist nicht der Schnee. Es ist der Januar. Dunkel, grau, naß, kalt. Und keiner weiß, ob es überhaupt jemals wieder Frühling werden wird!“ Sie stöhnt dramatisch.
Herr Brummeck lächelt. „Der kommt. Keine Sorge.“
„Aber wann? Wann??“
„Heute wohl nicht. Komm. Ich hab Kakao gemacht. Lass uns planen. Dafür ist der Januar da. Du wolltest doch immer schon diese alte Burg angucken. Wie wärs mit einem Burgwochenende? Und was ist mit der Ballonfahrt, mit der du mir seit Jahren in den Ohren liegst?“
Fräulein Honigohr hebt den Kopf. Ballonfahren? „Sind Marshmallows auf dem Kakao?“
„Selbstverständlich.“
Es duftet nach heißer Schokolade. Wer weiß? Vielleicht hat der Januar ja doch versteckte gute Seiten.

Das war ein Beitrag zu den Etüden, die Christiane organisiert. Die Wortspende kam dieses Mal von ihr selber und bestand aus den Worten Skiurlaub, mickrig und kommandieren.
Hurra! Fräulein Honigohr ist aus dem Weihnachtsurlaub zurück. Ich freu mich.