Fräulein Honigohr und die Ausreise

Fräulein Honigohr und die Ausreise

Herr Brummeck schnauft und setzt seine Kaffeetasse mit einem unsanften Klirren zurück auf den Unterteller. „Hast du schon mal daran gedacht, wie es wäre, wenn wir ausreisen würden?“ fragt er Fräulein Honigohr.
„Jetzt gerade? Nein.“ Sie schüttelt den Kopf. „Warum?“
„Weil da draußen gerade der gesamte Planet verheizt wird und hier trotzdem immer noch Idioten mit Plastikkaffeebechern herumlaufen, darum!“
Fräulein Honigohr betrachtet Herrn Brummeck nachdenklich. „Das war gestern auch schon so. Und vorgestern auch.“
„Ich weiß! Aber heute geht es mir auf die Nerven! Wenn es wenigstens recycelbare Becher wären, aber nicht mal das bekommen sie hin!“
„Mein Lieber. Du weißt doch, wie es ist. Willst du die ganze Welt mit einem Handkantenschlag retten?“
„Ach, ich weiß auch nicht. Manchmal scheint mir die Ausreise einfach leichter als alles andere zu sein.“ Herr Brummeck verschränkt mürrisch die Arme und blickt auf sein noch ungegessenes Frühstücksei.
„Du hast das Himmelsleuchten gesehen, gib´s zu.“ Fräulein Honigohr lächelt.
Herr Brummeck scharrt mit den Füßen unter dem Tisch. „Vielleicht.“
„Ich auch.“ Sie seufzt. „Es ist schon verlockend, ich geb´s zu. Aber es war noch nie die Lösung.“
„Manchmal bist du schrecklich realistisch, weißt du das?“
„Na klar.“ Sie lächelt, halb zufrieden, halb bedauernd.
„Na dann. Bleiben wir halt hier.“ Herr Brummeck trinkt den letzten Schluck Kaffee und stellt die Tasse vorsichtig ab. „Aber der nächste, der hier mit einem Plastikbecher vorbeiläuft, sollte sich warm anziehen!“
Fräulein Honigohr lächelt nachsichtig. Dann nimmt sie sich das Feuilleton der Zeitung und schlägt es raschelnd auf. Vielleicht steht etwas über das Himmelsleuchten darin.
Man weiß ja nie.

Das war ein Beitrag zu den Etüden: Drei Begriffe in maximal 300 Worten! Vielen Dank, Christiane, für das Organisieren und so viele schöne Geschichten! Die Wortspende  kommt von Anna-Lena mit ihrem Blog „Meine literarische Visitenkarte„.

Fräulein Honigohr sitzt im Schrank

Fräulein Honigohr sitzt im Schrank. Es ist ein bisschen dunkel da drin, aber das macht nichts. Wenn sie den Kopf dreht, um zu lauschen, streicht das grüne Sommerkleid über ihre Wangen. Langsam wird es draußen ruhiger. Das ist gut. Sie legt den Kopf auf die angezogenen Knie. Wie ärgerlich, dass es schon wieder passiert ist. Dabei hat sie so aufgepasst!
Immerhin hat sie an den Schrank gedacht, und darauf ist sie ein kleines bisschen stolz. Gut, dass sie Herrn Brummeck um Rat gebeten hat. Der Schrank war eine ausgezeichnete Idee, das muss sie ihm später unbedingt sagen. In Gedanken macht sie einen dreifachen, violetten Knoten in ihre Haare, um es ja nicht zu vergessen. Vergesslichkeit. Sie seufzt leise. Warum ist sie nur so schrecklich vergesslich? Damit fängt immer alles an. Abends vergisst sie, den Wecker zu stellen, obwohl sie das nicht wirklich schlimm findet. Trotzdem. Sie sollte es nicht vergessen, das ist ein Prinzip und Prinzipien muß man einhalten. Oder? Und außerdem ist es ja nicht nur der Wecker: Sie vergisst, dass sie den Teebeutel schon in die Tasse getan hat, dann, die zweite Socke anzuziehen, der Regenschirm ist unauffindbar, ihr Geldbeutel ist verschwunden. Sie ist auch schon mit ungekämmten Haaren zur Arbeit gegangen, von vergessenen Taschen ganz zu schweigen. Und so hat sie auch ihre Krone verloren. Ihre schöne, goldene Krone. Die hätte sie heute dringend gebraucht, das Wetter ist übel, der Morgen grau, die Aussichten novembermässig schlecht, und mit Krone wäre einfach alles besser gewesen. Aber sie hat sie nicht gefunden.
Fräulein Honigohr seufzt noch einmal leise und erinnert sich, wie sie gesucht hat: Unter dem Bett. Im Küchenschrank. Zwischen den Kissen im Wohnzimmer. Hinter den Büchern. Sogar in den Büchern hat sie nachgesehen, manchmal versteckt ihre Krone sich überraschend hinterhältig. Aber dieses Mal war sie nirgendwo. Und dann kam die Wut. Fräulein Honigohrs Wut will toben, schreien und rennen, und zwar alles auf einmal. Sie kann ziemlich beängstigend sein. Sie macht sogar Fräulein Honigohr selber Angst. Wenn man gleichzeitig Angst hat und wütend ist, neigt die Wut dazu, sich selbständig zu machen und das ist der Zeitpunkt, an dem der Schrank ins Spiel kam. Herr Brummeck hat Fräulein Honigohr geraten, im Schrank in Deckung zu gehen und ihre Wut sich selbst zu überlassen. Meistens wird der Wut schnell langweilig, wenn Fräulein Honigohr sie ignoriert. Und genau das hat sie heute getan. Sie ist stolz auf sich.
Ein kleiner Lichtstreifen fällt durch das Schlüsselloch zu ihr hinein. Fräulein Honigohr streckt ihre Finger aus und spielt mit ihm. Draussen ist es ruhig. Ihre Wut ist verschwunden. Eigentlich könnte sie jetzt die Tür aufmachen und hinausgehen. Interessanterweise hat sie gerade gar keine Lust dazu. Der Lichtstrahl kitzelt ihre Finger, es ist warm und wenn sie noch ein klein wenig überlegt, fällt ihr vielleicht sogar wieder ein, wo sie ihre Krone hingelegt hat.
Fräulein Honigohr lächelt. Vielleicht sollte sie einen wöchentlichen Schranktag einführen. Der Montag wird sowieso überbewertet.

Fräulein Honigohr schaukelt

Fräulein Honigohr betritt den Spielplatz und geht zielstrebig auf die Nestschaukel zu. Sie lässt sich nieder und holt ihr Buch heraus, während die Schaukel sanft hin und her schwingt.
„He! Die ist nicht für alte Leute!“
Fräulein Honigohr blickt auf. Zwei Jungs hängen lässig auf den Brettschaukeln neben ihr.
„So?“ sagt Fräulein Honigohr. „Wer behauptet das?“
„Ich!“ Der kleinere grinst auf eine Art, die Fräulein Honigohr überhaupt nicht gefällt. „Sie sind viel zu alt. Gehen Sie lieber zu ihrem Häkelclub!“
Fräulein Honigohr spitzt den Mund. „Du hast interessante Ansichten. Und für diesen Platz bist du auch zu alt.“
„Ist doch egal!“ ruft der größere. „Das ist unser Platz! Verziehen Sie sich!“
Fräulein Honigohr legt einen Finger zwischen die Buchseiten. „Wenn ihr unbedingt einen Spielplatz besitzen wollt, bitte. Aber in dieser Schaukel, da sitze ich. Ihr könnt ja schließlich nicht alle gleichzeitig belegen.“
„Alte! Mach dich vom Acker, aber ein bisschen plötzlich!“ Der größere steht auf und kneift die Augen zusammen, während der kleinere überlegen grinst.
Fräulein Honigohr schüttelt den Kopf. „Wisst ihr was? Ich lese gerade ein Buch über Vogelflug. Und ich brauche Übung. Ihr solltet euch festhalten.“ Sie schließt die Augen. Die Seile der Brettschaukeln lösen sich aus der Verankerung und werden zu Vogelschwingen, die Schaukelbretter schieben sich den Jungs unter die Oberschenkel. Mit kräftigem Schlag heben die Vogelschwingen die Jungs in die Luft und tragen sie davon. Fräulein Honigohr hört sie ängstlich aufschreien, aber sie blickt nicht auf und liest weiter.
Eine Viertelstunde später rauscht es über ihr. Ohne hinzusehen nickt sie. Einen Blick später sitzen zwei Jungs mit verwehten Haaren atemlos im Sandkasten.
„So. Ich bin fertig. Ihr könnt euren Spielplatz zurück haben. Macht was draus.“ Fräulein Honigohr erhebt sich und verstaut das Buch. Es ist Zeit für ihren Vormittagstee. Pfeifend macht sie sich auf den Weg.

Das war ein Beitrag zu den Etüden, organisiert von Christiane (vielen Dank!). Unterzubringen im Text waren Vogelflug, ängstlich und schwingen, die Wortspende kam von Ulli Gau aus ihrem Café Weltenall. Und wieder habe ich hart gekämpft, um die maximal 300 Wörter einzuhalten!

Fräulein Honigohr am Meer

Fräulein Honigohr am Meer

Fräulein Honigohr schüttelt den Sand von den Stiefeln und streicht sich die Haare aus dem Gesicht. Ihre Manteltaschen sind muschelschwer und auf Herrn Brummecks linker Schulter liegt ein riesiges Stück Treibholz. Zufrieden hakt sie sich bei ihm ein, es ist Zeit nach Hause zu gehen. Kurz vorm Ziel bleiben sie vor einem kleinen, alten Haus stehen, in dessen Vorgarten Dahlien blühen. Ein Mann, der mindestens genauso alt wie das Haus ist, harkt den Sandweg zur Gartenpforte.
„Was für einen wunderschönen Garten Sie haben!“ ruft sie begeistert. „Und diese Dahlien!“
Der Mann blickt auf, stützt sich auf seine Harke und blickt voller Stolz auf die riesigen Blütenköpfe. „Ja, nicht? Ich züchte sie selbst.“
„Wirklich? Toll. Die rotweißen finde ich am schönsten!“
„Ach guck. Meine Frau mag die auch am liebsten.“ Er lächelt. „Sie sind wohl im Urlaub hier, was? Da haben Sie ja gutes Wetter erwischt.“
„Oh ja, die Sonne scheint, und das Meer ist ganz kabbelig, ein bisschen rastlos. Ich glaube, der Wind ärgert es heute zuviel.“
Der alte Mann sieht Fräulein Honigohr überrascht an, dann überzieht ein Grinsen sein Gesicht. „Genau so ist es! Ich hätte das nicht besser sagen können!“
Die beiden sehen sich an, unausgesprochenes Einverständnis im Blick. Herr Brummeck schiebt sein Stück Treibholz geduldig von der einen auf die andere Schulter.
Fräulein Honigohr erwärmt sich für das Thema. „Die Wellen flüstern heute, sie ratschen richtig. Sie müssen unbedingt mit Ihrer Frau an den Strand gehen und zuhören!“
Ein kleiner Schatten zieht über das Gesicht des Mannes. „Ach… wissen Sie, das geht nicht. Meine Frau hat schlimme Beine, Spaziergänge sind da leider nicht drin. Früher, ja, da konnten wir von hier aus das Meer sehen, nur ein Stückchen, aber das hat gereicht. Jetzt… naja, Sie sehen ja selbst.“ Er weist mit der Hand auf die andere Straßenseite.
Fräulein Honigohr blickt hinüber. Da steht ihr Hotel. Ein hübsches Hotel, nicht zu groß, in einem sonnigen Gelb gestrichen und mit Blumen vor den Fenstern. Aber es steht leider auch ziemlich breit drei Stockwerke hoch da und versperrt dem kleinen, alten Haus den Blick aufs Meer.
Der Mann reicht Fräulein Honigohr drei rotweiße Dahlienblüten über den Zaun. „Hier, bitteschön. Für Sie.“
Fräulein Honigohr blickt auf die Dahlien und dann zu Herrn Brummeck. Er hebt die Augenbrauen. Fräulein Honigohr atmet ein, Dinge verschieben sich, der Wind kräuselt seine Schwingen und das Meer hält die Luft an. Dann setzt das Rauschen wieder ein und Fräulein Honigohr nimmt dem Mann die Dahlien aus der Hand. „Das ist ja so lieb von Ihnen! Ich werde sie gleich in die Vase stellen. Vielen Dank!“ Sie blickt zum Hotel. „Ach, übrigens: Ich weiß ja nicht, wo Sie hingucken, aber ich kann das Meer sehen. Da ist es!“
Der alte Mann folgt ihrem Blick und stutzt. Er sieht vom jetzt nicht mehr so breiten Hotel zu Fräulein Honigohr und guckt dann auf den kleinen Streifen blau, der neben dem Hotel leuchtet. Wie Fräulein Honigohr gesagt hat: Das Meer ist heute kabbelig, nervöse weiße Schaumkrönchen hüpfen auf und ab.
Der Mann fährt mit der Hand zum Kopf und streicht über seine Haare, während er das Meer anstarrt. Langsam breitet sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. „Irmgard“! ruft er dann und eilt auf seine Haustür zu. „Irmgard!“
Herr Brummeck hakt sich bei Fräulein Honigohr ein. „Komm“, sagt er, „das Abendessen wartet. Ich bin übrigens sehr gespannt. Ich wollte immer schon mal in einem dreieckigen Hotel wohnen. Mal sehen, wie sich das anfühlt.“

(Liebe Katja, vielen lieben Dank, dass du deine wunderbare Zeichnung online gestellt hast und ich sie nun sogar hier veröffentlichen darf!!! Wer mehr von Katjas Zeichnungen sehen möchte, klicke bitte hier. Oder folge ihr auf Facebook! Ihre Bilder machen gute Laune, garantiert. Ich persönlich möchte andauernd in ihre Häuser und Wohnungen einziehen. Bislang ist es mir noch nicht gelungen, aber ich arbeite dran 🙂 .

Wie Fräulein Honigohr ein Buch liest

Fräulein Honigohr liest einen Roman. Der Held ist stoisch, viel zu tapfer und hat keine Ahnung von Dingen wie gepunkteten Regenstiefeln, chaotisch geplanten Ausflügen und schlechten Büchern. Lesen bedeutet, fremde Welten kennenzulernen, aber sie kann es nicht ändern: Der Held geht ihr furchtbar auf die Nerven.
Es gibt auch eine Heldin, und die findet Fräulein Honigohr noch viel schlimmer: Ständig sitzt sie irgendwo zitternd herum und wartet darauf, dass der Held die Welt für sie in Ordnung bringt.
Fräulein Honigohr schlägt das Buch zu. Ob sie mal wieder…? Eigentlich wollte sie sich zusammenreißen, schließlich hat alles Konsequenzen, aber sie kann einfach nicht widerstehen. Diese schrecklich langweilige Geschichte fordert Verzweiflungstaten ja geradezu heraus! Das Buch in ihrer Hand hat noch keine Ahnung davon, aber bei Fräulein Honigohr gibt es nur variable Geschichten. Die Welt ist ambivalent. Alles ist veränderbar.
Sie schlägt das Buch wieder auf, schließt die Augen und träumt. Das Buch zuckt, die Seiten flattern, der Einband wechselt ein paarmal die Farbe und dampft. Nach einer kleinen Weile öffnet Fräulein Honigohr die Augen und wartet gespannt. Aus ihrem Wohnzimmer kommen Stimmen, und das Buch hält den Atem an.
„Wo… wo sind wir hier?“ fragt eine tiefe Männerstimme.
„Ich weiß auch nicht“, antwortet eine helle Frauenstimme. „Aber es ist auf jeden Fall besser als der Dschungel, oder?“
„Das kann doch nicht sein…“ murmelt die Männerstimme unsicher.
„Keine Schlangen, keine Skorpione, keine Kannibalen. Mir gefällt´s!“
„Hallo-ho!“ ruft Fräulein Honigohr. „Kommt doch mal kurz her, ihr zwei!“ Es folgt eine tiefe Stille, dann dringt aufgeregtes Flüstern aus dem Wohnzimmer und schließlich schiebt sich ein blondgelockter Frauenkopf hinter der Tür hervor. Sie zieht einen Mann in Kakihose hinter sich her, der eine abgenutzte Machete in der Hand trägt.
„So. Setzt euch. Also: Ihr seid entlassen. Tut, was immer ihr möchtet. Keine engen Buchseiten mehr, keine ewiggleiche Handlung. Da vorn ist die Tür. Ich wünsche euch ein schönes Leben!“ Fräulein Honigohr wedelt mit ihrer Hand nachlässig in Richtung Flur.
Die Frau und der Mann sehen sich an, in ihren Gesichtern eine Mischung aus Fassungslosigkeit und Entzücken. Dann stehen sie auf und gehen, ohne sich noch einmal umzublicken und ohne sich zu verabschieden.
Fräulein Honigohr sieht das Buch an, und das Buch sieht sie an. Es hat Schluckauf und dampft immer noch leicht. „Tschuldigung“, sagt Fräulein Honigohr. „Du wirst ein paar Tage Verdauungsschwierigkeiten haben, aber das gibt sich, glaub mir.“ Sie legt das Buch offen auf den Tisch. Über seine Seiten tanzen Buchstaben, und Satz für Satz entsteht eine neue, andere Geschichte.

 

Das war meine allererste Etüde! Vielen Dank an Christiane, die sie organisiert, so auch diese Extraetüde für den fünften Sonntag im Monat. Im Text unterzubringen waren fünf aus sechs Wortspenden: Verzweiflungstat, ambivalent, hingeben, Roman, variabel, entlassen. Wortspender waren Alice und Ludwig Zeidler.

Urlaub ist, was du daraus machst

Fräulein Honigohr seufzt zufrieden. Sie sieht sich um: Meer, Möwen, Strandkorb, Latte Macchiato.
„Ist das nicht ein herrlicher Tag heute?“ fragt sie die Dame im Strandkorb nebenan. Die guckt irritiert, erst zu Fräulein Honigohr, dann in den Nieselregen und den grauen Himmel, dann auf ihre Fleecejacke. „Naja“, sagt sie zögerlich, während eine kräftige Windböe an ihren Haaren zerrt.
Fräulein Honigohr sieht andere Dinge. Die Spatzen zwischen den Tischen. Kinder in Regenjacken, die das Wetter absolut nicht interessiert. Eine Gruppe Jugendliche, alle mit Eis in der Hand. Und vor allen anderen Dingen: Zeit.
Unverplante Zeit. Verfügbare Zeit. Zeit zum verschwenden, verschlendern, verschleudern. Die Luft riecht nach Freiheit.
Fischbrötchenzeit.
Ausschlafzeit.
Such- und Findezeit.
Fräulein Honigohr legt die Füße auf den nassen Stuhl gegenüber, verschränkt die Arme hinter dem Kopf und lächelt. Vor ihr liegt ein Meer aus Zeit, und ja, sie wird ein Boot mieten und auf ihm segeln gehen.

Fräulein Honigohr frühstückt

Fräulein Honigohr saß wie jeden Morgen zusammen mit Herrn Brummeck beim Bäcker und aß ein Honigbrötchen (nomen est omen!) Herr Brummeck studierte den Sportteil der Zeitung, während sie sich die Rubrik Vermischtes geangelt hatte und die neuesten Informationen über surfbordfahrende Hunde und fehlgeleitete Ameisenkolonien überflog.
Als sie gerade mit dem Finger einen verlorengegangenen Tropfen Honig vom Teller tupfte, betrat ein weiterer Gast das Café. Neugierig betrachtete Fräulein Honigohr den Neuen über den Rand ihrer Zeitung hinweg, während er sich aus der Kühltheke eine Flasche Kakao nahm und an der Theke ein Käsebrötchen bestellte. Er bezahlte und setzte sich dann grußlos an den Tisch direkt neben ihnen. Fräulein Honigohr runzelte die Stirn. Trotzdem, nicht übel: Groß, gut gewachsen, dunkles Haar, Knubbelnase. Nicht schlecht, vermerkte sie in ihrem Kopfnotizbuch.
Dann fing der Fremde an zu essen und Fräulein Honigohr zuckte zusammen. Es krachte, knusperte und malmte, Schmatzen, Schlucken und Blubbern füllte den Raum, dann sog der Knubbelnasige schlürfend Kakao durch den Strohhalm, während Fräulein Honigohr ihre Kopfnotiz von „nicht übel“ in „Katastrophe!“ und „untragbar!“ änderte.
Sie verzog das Gesicht. Herr Brummeck warf ihr einen kurzen Blick zu. Der Fremde hatte zu hastig gegessen und stieß hörbar auf, dann rülpste er zart und biß erneut krachend in sein Brötchen. Die ältere Dame mit dem lila Blumenhütchen stand ruckartig auf und wechselte den Platz. Der Fremde blubberte unbeeindruckt in seinem Kakao herum.
Fräulein Honigohr seufzte. Noch einer! Herr Brummeck blickte mahnend in ihre Richtung, aber sie ignorierte ihn. Wenn sich hier sonst niemand kümmerte, musste sie es eben selber tun. Ein heftiger Rülpser wehte durch die Bäckereiluft und brachte leisen Käsegeruch mit sich. Sie runzelte die Stirn und schloss die Augen, schüttelte leicht den Kopf und öffnete die Augen wieder.
Der Fremde war mitsamt den Resten seines Brötchens und der halbleeren Flasche Kakao fort. Er saß nun am anderen Ende des Raumes an einem einzeln stehenden Tisch neben dem Ausgang und blickte mit offenem Mund verwirrt zwischen seinem neuen Tisch, der Theke und seinem alten Tisch hin und her.
Die übrigen Gäste warfen Fräulein Honigohr dankbare Blicke zu, während Herr Brummeck sanft den Kopf schüttelte, die Augenbrauen hochzog, ihr einen vielsagenden Blick zuwarf und dann zu seinem Bericht über die Abfahrtsrennen in St. Moritz zurückkehrte. Fräulein Honigohr lächelte entschuldigend. Es war nicht ihre Schuld, oder? Der Neue hatte es ja nicht anders gewollt. Sie warf einen Blick zu ihm hinüber. Er saß mit hängenden Schultern da, ein Bild der Verwirrung, sein Frühstück stand unbeobachtet vor ihm. Fräulein Honigohr bekam Mitleid. Er konnte ja eigentlich nichts dafür, er kannte die Regeln in dieser Bäckerei einfach noch nicht. Sie tippte mit dem Finger an Herrn Brummecks Zeitung, damit er Bescheid wusste, nahm ihre Tasse Tee und stand auf. Sie würde DAS GESPRÄCH mit ihm führen. Und dann konnte er entscheiden, ob er wiederkam oder nicht. Fräulein Honigohr hoffte auf ersteres, als sie sich mit einem Lächeln am Tisch des Neuen niederließ und das Gespräch eröffnete.