Fräulein Honigohr frühstückt

Fräulein Honigohr saß wie jeden Morgen zusammen mit Herrn Brummeck beim Bäcker und aß ein Honigbrötchen (nomen est omen!) Herr Brummeck studierte den Sportteil der Zeitung, während sie sich die Rubrik Vermischtes geangelt hatte und die neuesten Informationen über surfbordfahrende Hunde und fehlgeleitete Ameisenkolonien überflog.
Als sie gerade mit dem Finger einen verlorengegangenen Tropfen Honig vom Teller tupfte, betrat ein weiterer Gast das Café. Neugierig betrachtete Fräulein Honigohr den Neuen über den Rand ihrer Zeitung hinweg, während er sich aus der Kühltheke eine Flasche Kakao nahm und an der Theke ein Käsebrötchen bestellte. Er bezahlte und setzte sich dann grußlos an den Tisch direkt neben ihnen. Fräulein Honigohr runzelte die Stirn. Trotzdem, nicht übel: Groß, gut gewachsen, dunkles Haar, Knubbelnase. Nicht schlecht, vermerkte sie in ihrem Kopfnotizbuch.
Dann fing der Fremde an zu essen und Fräulein Honigohr zuckte zusammen. Es krachte, knusperte und malmte, Schmatzen, Schlucken und Blubbern füllte den Raum, dann sog der Knubbelnasige schlürfend Kakao durch den Strohhalm, während Fräulein Honigohr ihre Kopfnotiz von „nicht übel“ in „Katastrophe!“ und „untragbar!“ änderte.
Sie verzog das Gesicht. Herr Brummeck warf ihr einen kurzen Blick zu. Der Fremde hatte zu hastig gegessen und stieß hörbar auf, dann rülpste er zart und biß erneut krachend in sein Brötchen. Die ältere Dame mit dem lila Blumenhütchen stand ruckartig auf und wechselte den Platz. Der Fremde blubberte unbeeindruckt in seinem Kakao herum.
Fräulein Honigohr seufzte. Noch einer! Herr Brummeck blickte mahnend in ihre Richtung, aber sie ignorierte ihn. Wenn sich hier sonst niemand kümmerte, musste sie es eben selber tun. Ein heftiger Rülpser wehte durch die Bäckereiluft und brachte leisen Käsegeruch mit sich. Sie runzelte die Stirn und schloss die Augen, schüttelte leicht den Kopf und öffnete die Augen wieder.
Der Fremde war mitsamt den Resten seines Brötchens und der halbleeren Flasche Kakao fort. Er saß nun am anderen Ende des Raumes an einem einzeln stehenden Tisch neben dem Ausgang und blickte mit offenem Mund verwirrt zwischen seinem neuen Tisch, der Theke und seinem alten Tisch hin und her.
Die übrigen Gäste warfen Fräulein Honigohr dankbare Blicke zu, während Herr Brummeck sanft den Kopf schüttelte, die Augenbrauen hochzog, ihr einen vielsagenden Blick zuwarf und dann zu seinem Bericht über die Abfahrtsrennen in St. Moritz zurückkehrte. Fräulein Honigohr lächelte entschuldigend. Es war nicht ihre Schuld, oder? Der Neue hatte es ja nicht anders gewollt. Sie warf einen Blick zu ihm hinüber. Er saß mit hängenden Schultern da, ein Bild der Verwirrung, sein Frühstück stand unbeobachtet vor ihm. Fräulein Honigohr bekam Mitleid. Er konnte ja eigentlich nichts dafür, er kannte die Regeln in dieser Bäckerei einfach noch nicht. Sie tippte mit dem Finger an Herrn Brummecks Zeitung, damit er Bescheid wusste, nahm ihre Tasse Tee und stand auf. Sie würde DAS GESPRÄCH mit ihm führen. Und dann konnte er entscheiden, ob er wiederkam oder nicht. Fräulein Honigohr hoffte auf ersteres, als sie sich mit einem Lächeln am Tisch des Neuen niederließ und das Gespräch eröffnete.

Fräulein Honigohr stellt sich vor

Wenn Fräulein Honigohr morgens aufwacht, steigt sie als erstes in ihre kuscheligen, rosa Plüschhasenschuhe, macht sich leicht schlaftrunken eine Tasse dampfend heißen Tee und sieht im Dunkeln aus dem Fenster. Sie beobachtet die Leute, die unter ihrem Fenster vorbeigehen und freut sich über die lebendige Straße, in der sie wohnt.

Danach zieht sie sich an und schlüpft zum Schluss in die weißgepunkteten roten Regenstiefel, weil es draußen nieselig und naß ist. Auf dem Weg zum Bäcker, bei dem sie sich jeden Morgen mit Herrn Brummeck die Zeitung teilt, geht sie konsequent durch jede Pfütze – wenn schon, denn schon.

Fräulein Honigohr träumt davon, eines Tages mit dem Schaufelraddampfer den Mississippi hinunterzufahren, von der Quelle bis zur Mündung, und dabei Tom Saywer und Huckleberry Finn zu lesen. Gemeinsam mit Herrn Brummeck, wenn es geht. Wenn es nicht geht, dann ohne ihn. Sie hat schon die Hälfte des notwendigen Reisegelds zusammen und arbeitet an der zweiten Hälfte (wenn auch nicht immer hundertprozentig konsequent, aber wer kann schon an einer englischen Komplettausgabe aller Calvin und Hobbes Bände vorbeigehen? Fräulein Honigohr jedenfalls nicht).

Sie liebt französische Macarons, am liebsten sind ihr die grünen, die rosafarbenen schenkt sie meist ihren Kollegen, denen die Farbe rätselhafterweise völlig egal ist – Männer! Ihre Arbeit liebt sie auch, meistens jedenfalls. Vormittags plant sie Spielplätze für Schulen und Kindergärten, nachmittags verleiht sie Bücher in der Stadtbibliothek. Und wenn der Jahrmarkt in der Stadt ist, findet man sie entweder im Kettenkarussell oder im Mäusepanoptikum, obwohl sie auf den Geruch dort eher verzichten könnte – aber die Mäuse machen das wett. Diese zwei Leidenschaften teilt sie mit ihren Nichten, und sie teilt sie gerne und oft mit ihnen.

Und das soll fürs erste reichen.