Der weiße Faden

Als ich morgens aufwache, liegt ein weißer Faden am Fuß des Bettes. Ich behalte ihn im Auge, während ich mich anziehe. Draußen ist es dunkel. Ich stecke zwei Mandarinen ein, nehme den Faden auf und folge ihm. Er führt in meine Schreibhefte und zieht mich hinter sich her. Ich werde zu Buchstaben, es piekst und kitzelt, dann bin ich hinter den Seiten.
Es ist dunkel, nur ein paar Fenster leuchten. Ich gucke in eins hinein und da schläft Herr Miesling. Er schnarcht leise, sein Engel liegt wach und unentspannt neben ihm. Als er mich sieht, winkt er und lächelt. Ich lächle zurück. Hinter dem nächsten Fenster läuft mein Schweinehund auf und ab und diskutiert mit mir. Oder ist es mein Spiegelbild? Ich klopfe ans Fenster. Mein zweites Ich sieht auf und lacht, mein Schweinehund wirft mir eine Kusshand zu.
Der Faden leuchtet weiß in der Dunkelheit, ich lasse ihn über meine Buchstabenfinger gleiten. Aus der Finsternis kommt der Goldfisch geschwommen und fragt, ob ich wüsste, wo der Weg sei? Er hätte sich verirrt. Ich deute vage mit einer Hand irgendwohin, der Goldfisch bedankt sich und schwimmt davon.
Der Faden führt mich durch ein Labyrinth von Gedichtzeilen, vorbei an der Halde der verworfenen und unvollendeten Geschichten. Sie leuchten grünblau und schweigen vorwurfsvoll. Ich komme an ein weiteres, erleuchtetes Fenster. Wellenbrink und Gnorm sitzen am Küchentisch, trinken schwarzen, süßen Kaffee und Likör. Sie sehen mich nicht.
Der Faden zieht mich weiter. Aus der Dunkelheit schält sich ein Cafétisch mit zwei zierlichen Eisenstühlen. Auf einem von ihnen sitzt Fräulein Honigohr. „Da bist du ja“, sagt sie, „ich warte schon endlos. Du hast zwei Mandarinen. Gibst du mir eine ab?“
Ich nicke, dann sitzen wir auf den Stühlen und schälen unsere Mandarinen.
„Und nun?“ fragt sie.
Ich zucke mit den Achseln.
„Herr Riebesiel ist da hinten auch noch irgendwo“, sagt sie. „Und Lucius. Janne auch. Du weißt doch wohl, was du zu tun hast, oder? Das Wasserschwein wartet seit letztem Jahr. Du kannst uns nicht im Stich lassen!“
Ich esse meine Mandarinenschnitze einen nach dem anderen. Fräulein Honigohr verschränkt die Arme. Sie guckt streng. Der Faden leuchtet weiß in der Dunkelheit und kringelt sich wie Seetang in der Strömung. Dann nicke ich langsam.
Fräulein Honigohr lehnt sich zurück. „Sehr schön“, sagt sie und schnippt mit den Fingern. Der Faden wickelt sich um meine Hand und zieht mich nach vorn, Neun stürzt an mir vorbei, ein paar Engel flattern aufgescheucht durch die Dunkelheit, dann finde ich mich in meinem Bett wieder.
Was für ein Traum! Ich reibe mir über die Augen. Oh! denke ich und schnuppere an meinen Fingern. Sie duften nach Mandarinen.

Fräulein Honigohr und der Nikolaus

Fräulein Honigohr reißt die Tür auf. Es ist stockfinster im Flur. „Guten Morgen!“ ruft sie und grinst.
Die dunkle Gestalt vor der Tür zuckt ertappt zusammen. Dann richtet sie sich zu eindrucksvoller Größe auf und lacht ein grollendes „Hahaha! Du wieder!“
Fräulein Honigohr beugt sich über ihren Stiefel. „Hast du mir was Schönes mitgebracht?“
„Du wirst doch wohl nicht vor der Zeit gucken, oder?“ Der Nikolaus schwingt die Rute, dann mustert er sie. „Wie geht´s dir? Hier unten läuft ja so einiges anders als sonst, was?“
Fräulein Honigohr nickt. „Ja, sehr anders als sonst. Aber mir geht´s gut, ich habe mich eingerichtet. Und du? Wie läuft´s bei dir? Darfst du überhaupt überall rein? Abstandsregeln und so?“
Der Nikolaus lacht wieder dröhnend. „Für mich sind das perfekte Arbeitsbedingungen! Ich komme bloß bis zur Tür, niemand darf mich sehen, die Schuhe stehen draußen und scheinbar haben die Leute viel mehr Zeit, sich über meine Geschenke zu freuen, auf jeden Fall hatte ich schon mehr Milch und Plätzchen als gut für mich ist!“ Er streicht über seinen runden Bauch. „Und guck! Ist das nicht hübsch?“ Er zeigt auf seinen Bart, der hinter einer roten Maske mit Rentieren versteckt ist. „Meine Engel haben dieselbe in grün!“
„Deine Engel tragen Maske?“ fragt Fräulein Honigohr ungläubig.
„Sie fanden es unfair, dass nur ich eine tragen darf, hahaha!“ Er lacht, dass die Flurlampe schwankt. „Hör mal, es war schön mit dir zu plaudern, aber ich muss! Viel zu tun, du weisst ja. Und dass du mir ja nicht zu früh in den Stiefel guckst! Erst am Morgen!“
Fräulein Honigohr nickt. „Versprochen! Gute Reise und grüß schön!“
Der Nikolaus lacht noch einmal grollend, hebt die Hand und ist verschwunden. Fräulein Honigohr gibt sich wirklich alle Mühe, nicht zu gucken, dann wirft sie doch einen klitzekleinen Blick in ihren Stiefel. Aus ihm ragt ein längliches Päckchen, das in braunes Papier gewickelt ist. Nicht schlecht, denkt sie, der alte Mann geht mit der Zeit. Umweltfreundlich verpackt! Und er trägt Rentiermaske! Sie schließt die Tür. Von draußen hört sie ein leises „Hahaha!“ Und wenn sie sich nicht sehr täuscht, ist da auch ein leises Glöckchengeklingel in der Luft.
Manche Dinge ändern sich nicht, denkt sie zufrieden.

Fräulein Honigohr und die Regeln

„So.“ Fräulein Honigohr verschränkt die Arme. „Dreihundert Worte. Mehr bin ich dir nicht wert?“
Du fühlst dich gar nicht wohl. „Doch, doch“, versuchst du die Situation zu retten, „natürlich bist du mehr als dreihundert Worte wert, aber naja, so sind eben die Regeln.“
Fräulein Honigohr spitzt die Lippen. „Reeeegeln“, sagt sie, und bei ihr klingt das Wort irgendwie regellos. „Du meinst also, diese Regeln sind wichtiger als ich?“ So, wie sie Regeln betont, hättest du genausogut Ketten oder Streckbank sagen können.
„Neinnein“, ruderst du zurück, „du bist selbstverständlich viel wichtiger als die Regeln.“
Fräulein Honigohr hebt die Augenbrauen.
„Das ist wie beim Spielen, da gibt es auch Regeln, und an die muss sich jeder halten, sonst bricht alles in Chaos aus.“ Verdammt. Du hast es versiebt.
„Chaos. Aha. Du bist also der Ansicht, ich bin nicht mehr als dreihundert Worte wert, weil ich sonst die Regeln breche und Chaos verbreite.“ Fräulein Honigohr kneift die Augen zusammen. „Und was ist das mit diesen Worten? Wie waren die noch gleich? Landvermesser? Aussetzen? Undankbar? Nicht nur, dass ich in dreihundert Worte gequetscht werde, ich muss mich auch noch vorgebenen Worten unterwerfen? Ha!“ Sie wirft die Arme in die Luft. „Undankbar! Genau! Soll ich dir mal zeigen, was ausgesetzt bedeutet?“ Sie zeigt mit einem Finger auf dich und du befürchtest schon das schlimmste – die Mongolei, den Mittelstreifen der Autobahn von Kassel nach Hannover, ein frischgedüngtes Feld – als Herr Brummeck sich einschaltet.
„Hör mal“, sagt er, „mich würde ja schon interessieren, was ihr zu Landvermesser einfällt.“
Fräulein Honigohr lässt den Finger sinken und lächelt grimmig. „Doch. Mich auch. Was mache ich mit dem Landvermesser?“
Du versuchst dich zu enspannen. Dir wird schon was einfallen. Fräulein Honigohr als Westerngirl in den Armen des Landvermessers?
Fräulein Honigohr schnaubt verächtlich. Du ahnst: Das wird länger dauern.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden, die mit viel Aufwand dankenswerterweise von Christiane organisiert werden – vielen Dank! Die Regeln: Maximal 300 Wörter, im Text enthalten sein müssen drei Wörter. Dieses Mal waren es Landvermesser, undankbar und aussetzen. Die Wortspende kam von Werner und seinem Blog Mit Worten Gedanken horten. Landvermesser – das war ein sehr inspirierendes Wort. 🙂

Fräulein Honigohr und Frau Meier

Fräulein Honigohr und Frau Meier

Fräulein Honigohr schiebt den Kopf aus der Tür. Niemand zu sehen. Schnell schlüpft sie hinaus und schliesst die Tür.
„Was tun Sie da?“
Fräulein Honigohr fährt zusammen. Vor ihr steht Frau Meier aus dem ersten Stock. Sie strahlt Mißbilligung aus.
„Nichts!“
„Nichts? Sie waren ewig da drin, und ich habe komische Geräusche gehört!“ Sie pocht mit ihrem Gehstock auf den Boden. „Wenn Sie mir Kratzer an mein Auto gemacht haben, kriegen Sie Ärger!“ Sie geht auf den Geräteschuppen zu.
„Bestimmt nicht“, sagt Fräulein Honigohr hastig, „äh… da drin ist es schmutzig. Und dunkel!“
Frau Meier mustert sie. „Dann mache ich Licht an.“
„Sie sollten da wirklich nicht reingehen!“
Frau Meier schüttelt den Kopf und öffnet die Tür. Kupferfarbenes Licht fällt auf ihr Gesicht. „Was zum…?“
Fräulein Honigohr macht drei schnelle Schritte, aber sie ist zu spät. Die Tür fällt zu. Von oben kommt leises Lachen. Herr Brummeck lehnt auf dem Fensterbrett und grinst.
„Jetzt bin ich gespannt, wie du da wieder rauskommst“, sagt er.
Fräulein Honigohr schnauft entrüstet. Das sieht ihm ähnlich, sie auszulachen anstatt ihr zu helfen! Sie sieht auf die Tür. Dreissig Sekunden sind vergangen, es wird höchste Zeit. Sie drückt die Klinke herunter. „Hallo?“ fragt sie vorsichtig und hält den Atem an.
Frau Meier steht vor ihrem Auto, dann dreht sie sich um und lächelt. „Mein liebes Kind! Was für ein ausgesprochen schöner Tag heute ist!“
„Ja!“, sagt Fräulein Honigohr erleichtert.
„Wann haben wir das letzte Mal ein Hausfest gefeiert?“
„N-noch nie?“
„Das muss sich ändern! Wir müssen unbedingt eines feiern!“ Frau Meier tritt nach draussen. „Sie besorgen die Luftschlangen, ich backe Kuchen!“
Fräulein Honigohr wirft einen Blick nach oben. Herr Brummeck lehnt immer noch auf dem Fensterbrett und grinst. Blöder Kerl. So übel ist ein Hausfest gar nicht. Solange sie den Kuchen nicht selber backen muss.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden, wie immer organisiert von Christiane und ihrem Blog Irgendwas ist immer. Die Regeln: Maximal 300 Worte, und im Text unterzubringen waren dieses Mal die Wörter Geräteschuppen, kupferfarben und feiern. Wortspenderin war Susanne vom Blog books2cats  – vielen Dank fürs Organisieren und spenden! 🙂

Fräulein Honigohr hat Fragen

Fräulein Honigohr hat Fragen

„Du, sag mal“, sagt Fräulein Honigohr zu Herrn Brummeck. „Ich hab da manchmal so ein komisches Gefühl.“
„Ach? Warum?“ Herr Brummeck nimmt einen Schluck Kaffee und lehnt sich zurück.
Fräulein Honigohr dreht eine Haarsträhne um ihren Finger. „Ich weiß auch nicht. Als ob wir Mittel zum Zweck wären. Ganz seltsam.“
„Mittel zum Zweck? Wie meinst du das?“
„Als ob wir für ein paar Minuten plötzlich fremdbestimmt wären und einem Zeitplan folgen müssten. Ich habe manchmal sogar das Gefühl, ich müsste jetzt unbedingt ganz bestimmte Wörter sagen!“
„Aha.“ Herr Brummeck mustert Fräulein Honigohr nachdenklich. „Nein, so ein Gefühl habe ich nicht.“
Fräulein Honigohr guckt enttäuscht. „Oh.“
„Aber“, Herr Brummeck lehnt sich vor und flüstert leise, „ich habe öfter das Gefühl, wir müssten etwas in einem streng vorgegebenen Rahmen erledigen. Das mag ich gar nicht.“
Fräulein Honigohr guckt ihn entzückt an. „Ja! So geht es mir auch!“
Beide sehen sich an und lächeln ernst. Dann fragt Fräulein Honigohr: „Findest du das schlimm?“
„Eher unheimlich, wenn ich ehrlich bin.“
„Ich auch.“ Fräulein Honigohr nimmt einen Teelöffel in die Hand. „Jetzt zum Beispiel habe ich das dringende Bedürfnis, diesen Löffel fallen zu lassen, obwohl das absolut sinnlos ist. Warum sollte ich ihn fallen lassen? Was hat das für einen Sinn?“ Fräulein Honigohrs Hand zittert. Sie wehrt sich mit aller Kraft dagegen, den Löffel fallen zu lassen.
Herr Brummeck steht auf und sieht sich um. „Ich glaube, wir werden beobachtet, genau jetzt!“
„Steh da nicht so großspurig herum, hilf mir!“ Fräulein Honigohr hält jetzt mit der linken Hand die rechte fest. Herr Brummeck läuft um den Tisch und umschließt mit beiden Händen Fräulein Honigohrs Löffelhand. So stehen sie eine kleine Weile lang eng zusammen. Schließlich flüstert Fräulein Honigohr: „Ich glaube, du kannst loslassen.“ Vorsichtig tritt Herr Brummeck zurück. Sie öffnet die Hand und sieht stumm auf den Löffel, der täuschend ruhig da liegt. Dann blickt sie auf und sieht bohrend in die Luft. „Wir werden das nicht länger totschweigen, hört ihr? Wer immer dafür verantwortlich ist!“ Herr Brummeck nickt entschlossen.
Stille. Niemand antwortet. Herr Brummeck setzt sich und umschließt die Kaffeetasse mit einer Hand. Fräulein Honigohr legt den Löffel auf den Tisch. Alles ist wie immer. „Ich glaube, es ist vorbei.“
„Ja, für den Moment. Aber das wird wieder passieren.“
„Wir müssen uns vorbereiten.“
„Hast du eine Idee?“
Fräulein Honigohr überlegt. Ihr Gesicht hellt sich auf. „Ein Codewort! Wir brauchen ein Codewort für den Notfall!“
„Das muss aber gut erkennbar sein. Und unverfänglich.“
Fräulein Honigohr stösst einen kleinen Schrei aus. „Ich hab´s!“
„Ja, und? Sag schon!“ Herr Brummeck sieht sie gespannt an.
„Katamaran!“
„Nicht schlecht.“
Fräulein Honigohr kraust die Nase und sieht sich misstrauisch um. „Ich habe schon wieder so ein komisches Gefühl.“
Herr Brummeck steht auf. „Weisst du was? Lass uns einen Spaziergang machen. Wir stehen erst am Anfang. Wir werden besser werden. Und wir haben jetzt die Nicht-Totschweig-Vereinbarung.“
„Na gut. Wenn du meinst.“ Fräulein Honigohr steht auf. „Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen! Hört ihr?“
Dann klappt die Wohnungstür hinter ihnen zu.

Das war ein Beitrag zu den Extra-Etüden, die von Christiane organisiert werden – vielen Dank!! Die Regel lauten maximal 500 Worte, und im Text unterzubringen sind fünf aus sechs möglichen Worten: Katamaran, großspurig, totschweigen, Zeitplan, schlimm, fallen. Ob Fräulein Honigohr wohl hinter das fiese Komplott kommen wird? Die Zukunft wird es zeigen! 🙂

Fräulein Honigohr und der Schabernack

Fräulein Honigohr ist auf dem Weg zu ihrer nigelnagelneuen Guerillapflanzgruppe, als jemand von hinten gegen ihre Schulter boxt. Ärgerlich dreht sie sich um, wird von einem wirbelnden Chaos umarmt und dabei in den schlammigen Rinnstein geschubst.
„Fräulein Honigohr! Dich hab ich ja schon ewig nicht mehr gesehen! Wie lang ist das jetzt her?“
Fräulein Honigohr wartet mit ihrer Antwort, bis der Umarmer sie loslässt und sagt dann säuerlich: „Ach. Der Schabernack. Wie interessant, dich zu sehen. Ich kann dir ganz genau sagen, wie lang es her ist: Exakt ein Jahr.“ Sie tritt zurück auf den Gehsteig, schüttelt den Schlamm von den Schuhen und starrt ihm bohrend in die Augen.
Der Schabernack leuchtet bunt auf, als er ihr ins Gesicht grinst. „Ach komm! Du bist doch nicht nachtragend, oder? Es war doch nett beim letzten Mal!“ Er kichert. Gelbe Lichtwellen versickern um ihn herum im Straßenpflaster. Die kleinen Löwenzähne zwischen den Steinen biegen ihre gelben Mähnen nach links und rechts weg.
„So? Meinst du?“ Fräulein Honigohr verschränkt ihre Arme vor der Brust und trommelt mit den Fingern kleine Märsche auf ihre Oberarme.
Der Schabernack grinst immer noch, weicht aber vorsichtshalber ein oder zwei Zentimeter zurück. „Ich weiß gar nicht, was du hast. Wir hatten doch viel Spaß!“
„DU hattest viel Spaß, wolltest du wohl sagen!“ Fräulein Honigohr kneift die Augen zusammen und tritt angriffslustig einen Schritt nach vorn, woraufhin der Schabernack sich elastisch wie Schnurlakritze von ihr weg bewegt. Sie bleibt stehen. Sie weiß es doch besser, oder? Jedes Mal, wenn der Schabernack und sie sich treffen, tragen sie einen Wettkampf aus, und immer gewinnt er, haushoch und mit weitem Abstand. Und er geniesst es. Er war noch nie zu fassen. Jedenfalls nicht von ihr. Die Röte steigt ihr ins Gesicht, wenn sie an ihr letztes Treffen denkt. Selbst Herr Brummeck musste wochenlang breit grinsen, wenn dieser Tag zur Sprache kam, egal, welche Konsequenzen das für ihn hatte. Aber dieses Jahr wird sich das ändern, das ist sie sich schuldig, gerade nach dem letzten Mal. Sie muss ihre Taktik ändern.
Mit einer langsamen Handbewegung streicht sie ihr Haar zurück und zaubert ein sparsames Lächeln auf ihr Gesicht. „Weisst du was? Jetzt kann ich es ja zugeben. Du hast Recht. Es war lustig.“
„Sag ich doch! Erinnerst du dich daran, wie deine Haare ausgesehen haben?“
Er gluckst und strahlt so grell, dass Fräulein Honigohr die Augen zukneift. Sie steigert die Intensität ihres Lächelns um einige Grade. „Ja, klar“, sagt sie. „Doch, doch, das war schon sehr lustig. Eine deiner besten Aktionen, würde ich sagen.“
„Danke“, sagt der Schabernack stolz, „das hat mich auch eine Menge Planung gekostet.“
„Ich weiß“, sagt Fräulein Honigohr. „Du hast es halt voll drauf. Einer der Besten.“
Der Schabernack legt den Kopf schief. Grüne Lichttropfen laufen über seine Ohren. Hat sie es übertrieben?
„Danke, danke. Das von dir zu hören, das ehrt mich.“ Er neigt huldvoll den Kopf. Die grünen Tropfen fallen zu Boden und verscheuchen ein paar Ameisen. Fräulein Honigohr lächelt.
„Ehre, wem Ehre gebührt. Aber jetzt mal was anderes. Warum treffe ich dich hier? Hast du nicht was Besseres zu tun, gerade jetzt?“
„Wieso?“ fragt der Schabernack erstaunt. Über seinem Scheitel steigt ein blaues Fragezeichen auf und zerplatzt. „Heute Nachmittag geht´s los, bis dahin hab ich noch jede Menge Zeit.“
„Heute Nachmittag? Aber der Karneval ist doch schon seit gestern!“
„Quatsch. Natürlich nicht.“ Der Schabernack grinst wieder. Er leuchtet jetzt rot und weiß. „Das sind meine Tage, da werde ich doch wohl wissen, wann sie losgehen. Ich bin sogar immer schon ein bisschen eher hier, obwohl dieses frühe Aufstehen mich echt fertig macht.“
„Tja.“ Fräulein Honigohr zuckt skeptisch mit den Mundwinkeln. „Wie du meinst. Fakt ist aber, dass der Karneval seit gestern läuft. Vielleicht hast du die letzte Tagverschiebung nicht mitbekommen? Den November verschläfst du doch immer, oder?“
„Tagverschiebung? Du nimmst mich auf den Arm, oder?“ Er starrt sie an.
„Was meinst du, warum ich hier mit Blumenzwiebeln und Gärtnerschürze durch die Gegend laufe? Wie lange kennst du mich? Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich gärtnere, oder? Das ist mein Kostüm.“ Sie lässt den Schabernack in ihre Tasche sehen. Er starrt die Netze mit Blumenzwiebeln, ihre Schürze, die bunten Gummistiefel und die Handschuhe an. Dann nimmt er mit spitzen Fingern ihr geblümtes Kopftuch heraus und schnuppert daran. Er furcht die Stirn. Kleine rote Wellen laufen über sein Gesicht.
„Ein Kopftuch. Du würdest doch nie…“ Er starrt erst sie und dann das wirklich sehr unmodische Kopftuch an.
„Wie lange kennen wir uns?“ fragt sie ihn. „Habe ich dich je auf den Arm genommen? Und habe ich je freiwillig irgendwo in der Erde gebuddelt?“
„Nein. Aber auf den Arm hast du mich nur deswegen nicht genommen, weil du es nicht konntest.“
„Mag sein. Nun ja. Wie du meinst.“ Sie nimmt ihm das Kopftuch mit dem lila Blumenmuster aus den Händen, streicht es demonstrativ glatt, wirft es in die Tasche zurück und zieht den Reißverschluss zu. „Ich muss jetzt los, meine Gartenparty wartet. Wir sehen uns ja bestimmt später noch. Und…“, sie streicht ihm sanft über die Schulter, „mach dir nichts draus, ok? Soviel Zeit hast du noch nicht verloren, die holst du wieder rein. Wenn du das nächste Mal dran bist, frag als erstes nach, ob es größere Änderungen gegeben hat. Ich musste mich auch erstmal an die Tagverschiebung gewöhnen.“
Der Schabernack starrt sie an. In seinem Gesicht streiten sich Skepsis und das übliche halbe Grinsen, seine Ohren flackern misstrauisch wie trübe Petroleumlampen mit zu kurzem Docht.
„Tschü-üß!“ ruft Fräulein Honigohr, nickt ihm zu und geht die Straße hinunter. Sie spürt seinen Blick im Rücken.
„He!“, ruft ihr der Schabernack hinterher, „nur für den Fall, dass du Recht hast: Danke für den Tipp! Und wenn nicht… dann war das nicht schlecht! Respekt!“
Fräulein Honigohr hebt die Hand, ohne sich umzudrehen. Sie grinst. Respekt. Kein kompletter Sieg, aber zumindest Respekt. Und sie ist nicht mit nassem Haar, verfärbt oder miauend aus der Begegnung mit ihm hervorgekommen.
Das ist ausbaufähig. Und sie ist ja schließlich lernfähig, oder?

Das war jetzt kein Beitrag zu den Etüden, sollte aber einer werden, und dann geriet er außer Kontrolle… Hier nun die ungekürzte Version von Fräulein Honigohrs Kampf mit dem Schabernack, Ausgang offen. 🙂

Fräulein Honigohr und der Januar

Fräulein Honigohr und der Januar

Fräulein Honigohr hat schlechte Laune. Sie sitzt vor dem Fenster und kommandiert Schneeflocken herum. Wenn man das überhaupt Schneeflocken nennen kann, so mickrig, verwässert und unentschlossen wie sie vom Himmel fallen. Aus einem trostlosen Himmel. Fräulein Honigohr seufzt. Es ist ein tiefer, melancholischer Seufzer vom Grunde ihres mit Schneematsch bedeckten Herzens. Sie schließt die Augen und stellt sich eine weiße Landschaft vor, die Sonne strahlt vom Himmel, unter ihren Stiefeln knartscht es, auf allen Ästen liegen Schneepolster, die wie Wolken auf ihre Haare herunterstäuben, wenn sie einen Ast streift.
„Na? Wie lange willst du die armen Schneeflocken noch herum kommandieren?“ Fräulein Honigohr öffnet die Augen. Herr Brummeck steht in der Tür. Schuldbewusst lässt sie die Hände sinken, und sofort hören die Schneeflocken auf, vor ihrem Fenster pas de deux zu tanzen und fallen wieder wie kleine nasse Säcke zu Boden.
Herr Brummeck verschränkt die Arme. „Komm schon. So schlimm ist es gar nicht.“
„Doch.“ Fräulein Honigohr starrt Herrn Brummeck mit zusammengekniffenen Augen an. Bei Schneematsch versteht sie keinen Spaß.
„Wenn du den Schnee so vermisst, sollten wir nächstes Jahr in den Skiurlaub fahren. Das machen die Leute hier so.“
„Es ist nicht der Schnee. Es ist der Januar. Dunkel, grau, naß, kalt. Und keiner weiß, ob es überhaupt jemals wieder Frühling werden wird!“ Sie stöhnt dramatisch.
Herr Brummeck lächelt. „Der kommt. Keine Sorge.“
„Aber wann? Wann??“
„Heute wohl nicht. Komm. Ich hab Kakao gemacht. Lass uns planen. Dafür ist der Januar da. Du wolltest doch immer schon diese alte Burg angucken. Wie wärs mit einem Burgwochenende? Und was ist mit der Ballonfahrt, mit der du mir seit Jahren in den Ohren liegst?“
Fräulein Honigohr hebt den Kopf. Ballonfahren? „Sind Marshmallows auf dem Kakao?“
„Selbstverständlich.“
Es duftet nach heißer Schokolade. Wer weiß? Vielleicht hat der Januar ja doch versteckte gute Seiten.

Das war ein Beitrag zu den Etüden, die Christiane organisiert. Die Wortspende kam dieses Mal von ihr selber und bestand aus den Worten Skiurlaub, mickrig und kommandieren.
Hurra! Fräulein Honigohr ist aus dem Weihnachtsurlaub zurück. Ich freu mich.

Fräulein Honigohr und die Ausreise

Fräulein Honigohr und die Ausreise

Herr Brummeck schnauft und setzt seine Kaffeetasse mit einem unsanften Klirren zurück auf den Unterteller. „Hast du schon mal daran gedacht, wie es wäre, wenn wir ausreisen würden?“ fragt er Fräulein Honigohr.
„Jetzt gerade? Nein.“ Sie schüttelt den Kopf. „Warum?“
„Weil da draußen gerade der gesamte Planet verheizt wird und hier trotzdem immer noch Idioten mit Plastikkaffeebechern herumlaufen, darum!“
Fräulein Honigohr betrachtet Herrn Brummeck nachdenklich. „Das war gestern auch schon so. Und vorgestern auch.“
„Ich weiß! Aber heute geht es mir auf die Nerven! Wenn es wenigstens recycelbare Becher wären, aber nicht mal das bekommen sie hin!“
„Mein Lieber. Du weißt doch, wie es ist. Willst du die ganze Welt mit einem Handkantenschlag retten?“
„Ach, ich weiß auch nicht. Manchmal scheint mir die Ausreise einfach leichter als alles andere zu sein.“ Herr Brummeck verschränkt mürrisch die Arme und blickt auf sein noch ungegessenes Frühstücksei.
„Du hast das Himmelsleuchten gesehen, gib´s zu.“ Fräulein Honigohr lächelt.
Herr Brummeck scharrt mit den Füßen unter dem Tisch. „Vielleicht.“
„Ich auch.“ Sie seufzt. „Es ist schon verlockend, ich geb´s zu. Aber es war noch nie die Lösung.“
„Manchmal bist du schrecklich realistisch, weißt du das?“
„Na klar.“ Sie lächelt, halb zufrieden, halb bedauernd.
„Na dann. Bleiben wir halt hier.“ Herr Brummeck trinkt den letzten Schluck Kaffee und stellt die Tasse vorsichtig ab. „Aber der nächste, der hier mit einem Plastikbecher vorbeiläuft, sollte sich warm anziehen!“
Fräulein Honigohr lächelt nachsichtig. Dann nimmt sie sich das Feuilleton der Zeitung und schlägt es raschelnd auf. Vielleicht steht etwas über das Himmelsleuchten darin.
Man weiß ja nie.

Das war ein Beitrag zu den Etüden: Drei Begriffe in maximal 300 Worten! Vielen Dank, Christiane, für das Organisieren und so viele schöne Geschichten! Die Wortspende  kommt von Anna-Lena mit ihrem Blog „Meine literarische Visitenkarte„.

Fräulein Honigohr sitzt im Schrank

Fräulein Honigohr sitzt im Schrank. Es ist ein bisschen dunkel da drin, aber das macht nichts. Wenn sie den Kopf dreht, um zu lauschen, streicht das grüne Sommerkleid über ihre Wangen. Langsam wird es draußen ruhiger. Das ist gut. Sie legt den Kopf auf die angezogenen Knie. Wie ärgerlich, dass es schon wieder passiert ist. Dabei hat sie so aufgepasst!
Immerhin hat sie an den Schrank gedacht, und darauf ist sie ein kleines bisschen stolz. Gut, dass sie Herrn Brummeck um Rat gebeten hat. Der Schrank war eine ausgezeichnete Idee, das muss sie ihm später unbedingt sagen. In Gedanken macht sie einen dreifachen, violetten Knoten in ihre Haare, um es ja nicht zu vergessen. Vergesslichkeit. Sie seufzt leise. Warum ist sie nur so schrecklich vergesslich? Damit fängt immer alles an. Abends vergisst sie, den Wecker zu stellen, obwohl sie das nicht wirklich schlimm findet. Trotzdem. Sie sollte es nicht vergessen, das ist ein Prinzip und Prinzipien muß man einhalten. Oder? Und außerdem ist es ja nicht nur der Wecker: Sie vergisst, dass sie den Teebeutel schon in die Tasse getan hat, dann, die zweite Socke anzuziehen, der Regenschirm ist unauffindbar, ihr Geldbeutel ist verschwunden. Sie ist auch schon mit ungekämmten Haaren zur Arbeit gegangen, von vergessenen Taschen ganz zu schweigen. Und so hat sie auch ihre Krone verloren. Ihre schöne, goldene Krone. Die hätte sie heute dringend gebraucht, das Wetter ist übel, der Morgen grau, die Aussichten novembermässig schlecht, und mit Krone wäre einfach alles besser gewesen. Aber sie hat sie nicht gefunden.
Fräulein Honigohr seufzt noch einmal leise und erinnert sich, wie sie gesucht hat: Unter dem Bett. Im Küchenschrank. Zwischen den Kissen im Wohnzimmer. Hinter den Büchern. Sogar in den Büchern hat sie nachgesehen, manchmal versteckt ihre Krone sich überraschend hinterhältig. Aber dieses Mal war sie nirgendwo. Und dann kam die Wut. Fräulein Honigohrs Wut will toben, schreien und rennen, und zwar alles auf einmal. Sie kann ziemlich beängstigend sein. Sie macht sogar Fräulein Honigohr selber Angst. Wenn man gleichzeitig Angst hat und wütend ist, neigt die Wut dazu, sich selbständig zu machen und das ist der Zeitpunkt, an dem der Schrank ins Spiel kam. Herr Brummeck hat Fräulein Honigohr geraten, im Schrank in Deckung zu gehen und ihre Wut sich selbst zu überlassen. Meistens wird der Wut schnell langweilig, wenn Fräulein Honigohr sie ignoriert. Und genau das hat sie heute getan. Sie ist stolz auf sich.
Ein kleiner Lichtstreifen fällt durch das Schlüsselloch zu ihr hinein. Fräulein Honigohr streckt ihre Finger aus und spielt mit ihm. Draussen ist es ruhig. Ihre Wut ist verschwunden. Eigentlich könnte sie jetzt die Tür aufmachen und hinausgehen. Interessanterweise hat sie gerade gar keine Lust dazu. Der Lichtstrahl kitzelt ihre Finger, es ist warm und wenn sie noch ein klein wenig überlegt, fällt ihr vielleicht sogar wieder ein, wo sie ihre Krone hingelegt hat.
Fräulein Honigohr lächelt. Vielleicht sollte sie einen wöchentlichen Schranktag einführen. Der Montag wird sowieso überbewertet.

Fräulein Honigohr schaukelt

Fräulein Honigohr betritt den Spielplatz und geht zielstrebig auf die Nestschaukel zu. Sie lässt sich nieder und holt ihr Buch heraus, während die Schaukel sanft hin und her schwingt.
„He! Die ist nicht für alte Leute!“
Fräulein Honigohr blickt auf. Zwei Jungs hängen lässig auf den Brettschaukeln neben ihr.
„So?“ sagt Fräulein Honigohr. „Wer behauptet das?“
„Ich!“ Der kleinere grinst auf eine Art, die Fräulein Honigohr überhaupt nicht gefällt. „Sie sind viel zu alt. Gehen Sie lieber zu ihrem Häkelclub!“
Fräulein Honigohr spitzt den Mund. „Du hast interessante Ansichten. Und für diesen Platz bist du auch zu alt.“
„Ist doch egal!“ ruft der größere. „Das ist unser Platz! Verziehen Sie sich!“
Fräulein Honigohr legt einen Finger zwischen die Buchseiten. „Wenn ihr unbedingt einen Spielplatz besitzen wollt, bitte. Aber in dieser Schaukel, da sitze ich. Ihr könnt ja schließlich nicht alle gleichzeitig belegen.“
„Alte! Mach dich vom Acker, aber ein bisschen plötzlich!“ Der größere steht auf und kneift die Augen zusammen, während der kleinere überlegen grinst.
Fräulein Honigohr schüttelt den Kopf. „Wisst ihr was? Ich lese gerade ein Buch über Vogelflug. Und ich brauche Übung. Ihr solltet euch festhalten.“ Sie schließt die Augen. Die Seile der Brettschaukeln lösen sich aus der Verankerung und werden zu Vogelschwingen, die Schaukelbretter schieben sich den Jungs unter die Oberschenkel. Mit kräftigem Schlag heben die Vogelschwingen die Jungs in die Luft und tragen sie davon. Fräulein Honigohr hört sie ängstlich aufschreien, aber sie blickt nicht auf und liest weiter.
Eine Viertelstunde später rauscht es über ihr. Ohne hinzusehen nickt sie. Einen Blick später sitzen zwei Jungs mit verwehten Haaren atemlos im Sandkasten.
„So. Ich bin fertig. Ihr könnt euren Spielplatz zurück haben. Macht was draus.“ Fräulein Honigohr erhebt sich und verstaut das Buch. Es ist Zeit für ihren Vormittagstee. Pfeifend macht sie sich auf den Weg.

Das war ein Beitrag zu den Etüden, organisiert von Christiane (vielen Dank!). Unterzubringen im Text waren Vogelflug, ängstlich und schwingen, die Wortspende kam von Ulli Gau aus ihrem Café Weltenall. Und wieder habe ich hart gekämpft, um die maximal 300 Wörter einzuhalten!