Gott macht Urlaub

Als der Vorsitzende des Heimatvereins Gott trifft, ist es 14:17 Uhr und er will gerade den Schaukasten neu bestücken. Vor der Scheibe steht Gott und isst ein Eis, während er die Bekanntmachung zur Jahreshauptversammlung liest. Seltsamerweise weiß der Vorsitzende sofort, dass es sich um Gott handelt, obwohl er sonst ein kritischer Mensch ist, gerne zweifelt und viel diskutiert.
„Was machen Sie hier?“ fragt er Gott.
„Du kannst mich duzen“, antwortet Gott und beisst ein Stück Erdbeereis ab. „Ich lese eure Bekanntmachungen.“
„Ah.“ Der Vorsitzende hat keine Ahnung, was er sagen soll. Schließlich trifft man Gott nicht jeden Tag.
„Du kannst mich alles fragen“, sagt Gott.
„Ja, dann…“, der Vorsitzende überlegt, „warum haben wir so wenig Mitglieder?“ fragt er schließlich das, was ihm gerade am meisten auf der Seele liegt. Gott seufzt. „Da fragst du den Richtigen.“ Er überlegt. „Magst du eure Mitglieder?“
Der Vorsitzende zuckt mit den Schultern. „Doch ja, aber natürlich nicht so wie Freunde, es sind halt Vereinsmitglieder.“
„Daran solltet ihr arbeiten.“ Gott wirft einen Blick auf das Filmangebot. ‚Im weißen Rössl am Wolfgangssee‘ steht da. „Vielleicht solltet ihr das Filmangebot auch mal überdenken“, fügt er hinzu.
Der Vorsitzende nickt. Er ist nicht überzeugt, aber wenn Gott das sagt?


Gott lehnt sich an die harte Stuhllehne und beobachtet die Vereinsmitglieder bei der Vorbereitung der Jahreshauptversammlung. Ihr Vorsitzender ist überall zugleich, rückt hier einen Stuhl gerade und richtet da das Mikrofon, legt Stifte bereit und kontrolliert, ob die Kaffeekannen richtig verschlossen sind. Engagiert, denkt Gott, wirklich eifrig, aber ein bisschen schwierig im Umgang. Er kann schlecht loslassen. Schon als Schüler musste er alles dreimal kontrollieren, Gott erinnert sich. Vielleicht ist es Zeit für eine kleine Portion Chaos. Nichts bringt Menschen so schnell auf neue Wege wie ein bisschen Chaos. Gott nickt und plötzlich fällt der Strom aus. Während um ihn herum hektische Aktivität ausbricht und der Vorsitzende abwechselnd rot und blass wird, denkt Gott über die Frage von vorhin nach: „Warum haben wir so wenig Mitglieder?“
Es ist eine gute Frage. Eine sehr gute.


Gott betrachtet die Stadt, während er langsam ohne Eile den Himmel ersteigt. Eigenwillige Menschen leben hier, denkt er, so, wie ich es mag. Und sie haben gute Fragen! Er befühlt den Zettel in seiner Tasche, auf dem lauter Punkte stehen, die er mit seinem ausführenden Personal besprechen wird: Warum so wenig Mitglieder? Müssen frisch Verstorbene wirklich immer Schmetterlinge sehen? Kann die warme Glut in den Augen nicht öfter angezündet werden? Und warum gibt es im Himmel kein Erdbeereis?
Er öffnet die Pforte und verschwindet.
Unten im Städtchen packt ein frustrierter Taschendieb seine Siebensachen, die Touristen entdecken, dass die Hälfte ihrer Fotos verschwunden ist und die Statue wird zum ersten Mal seit sehr vielen Jahren gereinigt. Der Vorsitzende des Heimatvereins akzeptiert eine Doppelspitze. Ab sofort gibt es auch eine Vorsitzende.
Ansonsten bleiben die Dinge, wie sie sind. Nur die Erdbeereisvariationen in den Eisdielen haben seltsamerweise sehr zugenommen. Die Kinder freut es. Und die Erwachsenen auch.

Das war eine Gemeinschaftsschreibaktion, es gibt also noch dreizehn andere Blicke auf Gott, der Urlaub macht. Das hier war meiner 😊.

Herr Miesling und die Veränderung

Herr Miesling und die Veränderung

Herr Miesling sitzt auf seinem Küchenstuhl und sieht entmutigt aus. „Und du meinst wirklich, ich muss das machen?“, fragt er seinen Engel.
Der nickt energisch.
„Ich mag keine Veränderungen“, murmelt Herr Miesling, „immer, wenn sich was verändert hat, wars hinterher schlechter.“
Sein Engel stemmt die Hände in die Hüften.
„Na gut, vielleicht nich jedes Mal“, räumt Herr Miesling ein. „Als ich beschlossen hab, zur See zu fahrn, das war gut. Aber abgesehn davon, ich mags nich, wenn ich mich nich auskenn. Ich will wissen, wo was ist und wie es sich anfühlt, morgens im selben Zimmer im selben Bett wie immer aufzuwachen. Jaja, schon gut“, schiebt er schnell ein, als sein Engel leise schnaubt, „ich zieh ja nich um. Aber wenn ich jetzt anfang, hier was zu verändern, dann fang ich an, mich auf was zu freun, und ich weiß nich, was das ist, also freu ich mich grundlos, und dann stell ich irgendwann fest, ich hab gar keinen Grund, mich zu freun, also hör ich auf damit und dann ist es schlechter als vorher, als ich mich auch nich gefreut hab. Also kann ichs doch gleich lassen, oder?“ Er sieht seinen Engel an.
Der sieht aus, als ob ihm sein Job manchmal zu schwer wäre. Dann setzt er sich zu Herrn Miesling an den Tisch, obwohl da eigentlich kein zweiter Stuhl ist und sieht mit ihm aus dem Fenster.
Eine kleine Weile später räuspert Herr Miesling sich. „Naja“, sagt er, „aber jetzt haben wir den Eimer ja schon mal da. Und nen Pinsel auch.“ Er sieht sich kritisch um. „Und die Wand könnte nen Anstrich vertragen, das stimmt schon. Meinste, sie würds mögen?“
Sein Engel nickt vorsichtig.
„Ach Gott, dann. Meinetwegen.“ Herr Miesling seufzt. „Ich hoffe, ich mags auch. Kannste´n paar Zeitungen holen zum auslegen?“
Sein Engel zeigt auf einen Stapel Papier neben der Tür.
Herr Miesling guckt auf den Stapel und schüttelt den Kopf. „Du denkst echt immer positiv, was?“
Sein Engel zuckt mit den Schultern. Dann zieht er von irgendwo zwei gefaltete Papierhüte hervor und hält sie hoch.
Herr Miesling grinst. „Na dann los“, sagt er.

Marktplatzeis

Marktplatzeis

Ich esse ein Eis auf dem Marktplatz. Der Eisverkäufer ist genervt, Corona verdirbt ihm das Geschäft, und dazu der ewige Regen! Ach, der Regen.
Im Halbdunkel der großen Schirme hockt eine zerknitterte Frau und wirft böse Blicke um sich. Sie äfft ein Kleinkind nach, das überrascht kurz verstummt. Die Frau grinst triumphierend. Ich esse mein Eis und versuche nicht aufzufallen. Vergeblich. Als ich zwei kleinen weißen Handtaschenhunden hinterherblicke, lacht die Frau einmal kurz auf, dann fragt sie spöttisch: „Mögen Sie die etwa? Zu meinen Lebzeiten hatte ich drei 160kg Hunde, das waren Hunde, sag ich Ihnen!“
Ich lächle höflich, aber sie lässt mich nicht vom Haken. „Immer hungrig, das waren sie, aber gut erzogen!“
Tapfer nehme ich die Konversation auf. „Da wäre so ein kleiner wohl ein netter Imbiß gewesen, was?“
Die Frau lacht meckernd wie eine Ziege. Ich zucke zusammen. Eine Frau mit Eis in der Hand sucht hastig das Weite, nachdem sie sich fast an einen der Tische gesetzt hätte.
„Gucken Sie mal dahinten, die alten Frauen da, keine Arbeit, keinen Mann, zuviel Zeit. Und was machen sie mit der Zeit? Blumentöpfe hin und her schieben!“ Sie zuckt abschätzig mit den Schultern.
Ich gucke auf den Marktplatz. Da stehen tatsächlich ein paar Frauen zwischen sehr vielen Blumentöpfen und gestikulieren aufgeregt. Eigentlich sieht es ganz nett aus.
„Zu meinen Lebzeiten gab´s sowas ja nicht. So ein unnützer Kram. Haben die nichts besseres zu tun?“ Die Frau schnauft abfällig.
Ok. Jetzt muss ich nachfragen. „Zu Ihren Lebzeiten?“
„Ja mei, Sie wollen´s aber genau wissen!“
Ich schwanke kurz zwischen Nicken und Kopfschütteln, aber bevor ich mich entschieden habe, spricht die Frau schon weiter.
„Ich bin ja eigentlich gar nicht mehr da, wissen Sie. Und ich wäre auch lieber nicht hier, das können Sie glauben! So ein Getue überall! Aber der da oben wollte es anders. Und so bin ich halt hier der Engel. Was soll´s.“
Ich gucke stumm.
„Doch, glauben Sie´s! Nicht so einer im Nachthemd und katzenfreundlich, nene, ich hab Spezialaufgaben!“ Das letzte Wort betont sie überdeutlich.
„Aha?“ Ich überlege, wie ich möglichst schnell hier wegkomme.
„Ich vergraule Gäste!“ Sie kichert und ich muss wieder an Ziegen denken. „Der Luigi hier zum Beispiel, der darf keine Gäste ohne Test hier sitzen haben, aber er hält sich nicht dran. Er soll seinen Laden aber behalten, verstehen Sie? Und da mache ich halt, was ich am besten kann.“ Sie lehnt sich zurück, schlägt zufrieden die Beine übereinander und wirft böse Blicke auf die Eistheke. Die Familie, die gerade Wundertüten gekauft hat, entschliesst sich spontan, sie doch lieber am Brunnen zu essen.
„Aha“, sage ich wieder.
„Der Luigi, der sieht mich nicht. Und Sie, Sie glauben mir auch nicht. Sie denken, ich bin verrückt.“ Sie gackert. „Ich bin wirklich gut, wissen Sie!“ Ein paar Spatzen fliegen aufgescheucht davon.
Ich nicke, lächle höflich und verabschiede mich. Im Gehen drehe ich mich um. Im Eiscafé sitzt niemand, nur die alte Frau sieht mir spöttisch hinterher.
Vielleicht ist sie wirklich gut in dem, was sie tut.

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Ich halt die Luft an

(Engelsmonolog)

„Ich halt die Luft an, bis alles wieder stimmt? Komischer Liedtitel, aber für mich kein Problem: Atmen ist für mich wie essen, man kann, muss aber nicht. Die Frage ist doch eher, wie lange willst du die Luft anhalten? Zu lange dürfte ungesund sein, und bis alles stimmt? Meiner Erfahrung nach stimmt selten alles. Vieles vielleicht, aber alles? Perfekt bin nicht mal ich, und ich muss es wissen. Was suchst du? Eine Vorstellung? Den goldenen Schnitt? Im Leben ist der Schnitt selten golden, eher blau. Oder ein bisschen krumm. Ich rede dir nicht rein, keine Sorge! Such ruhig weiter, das kann ja auch sehr spannend sein, wie Ostereiersuchen. Es muss sie vorher nur jemand verstecken. Was, wenn niemand die Eier versteckt? Und du suchst und suchst? Ich sags ja nur.“

Nähme ich Flügel der Morgenröte

„Hör mal“, sagst du.
„Ja?“ sagt Gott.
„Ich habe gehört, dass du alles über mich weißt. Stimmt das?“
„Ja“, sagt Gott.
„Oh“, sagst du. „Alles? Wirklich?“
Gott nickt.
„Das ist… ziemlich viel“, sagst du und fühlst dich unbehaglich.
Gott nickt wieder. Er hat seine Hände gefaltet vor sich auf den Tisch gelegt.
„Kann ich mein Veto einlegen?“ fragst du.
Gott schüttelt den Kopf. „Nein“, sagt er.
Du überlegst, an was du heute morgen schon alles gedacht hast. Eieiei. „Das gefällt mir nicht“, sagst du.
„Ich weiß“, sagt Gott und lächelt.
Du bist empört. „Aber ich habe doch wohl ein Recht auf Privatsphäre!“
„Bei mir nicht“, sagt Gott.
„Das geht doch nicht! Du darfst nicht die ganze Zeit in meinen Gedanken rumwühlen!“ rufst du wütend, „ich tue das bei dir doch auch nicht!“ Du lässt großzügig unter den Tisch fallen, dass du das gar nicht kannst. Hier geht es schließlich um Grundsätzliches.
„Ich habe dich gemacht“, sagt Gott und blickt dir in die Augen, „natürlich kenne ich alle deine Gedanken. Was wäre ich für ein Schöpfer, wenn ich nicht an dir interessiert wäre?“
„Aber… aber…“ stammelst du, „… trotzdem!“
„Und glaub mir, meine Gedanken willst du gar nicht kennen. Dein Kopf würde explodieren“, fügt Gott sachlich hinzu. Er lehnt sich zurück und nimmt einen Schluck Kaffee. „Ändert sich für dich was, wenn du weißt, dass ich deine Gedanken kenne?“
Du holst tief Luft. „Natürlich! Was glaubst du denn! Ich kann doch nie wieder in Ruhe denken, wenn ich weiß, dass du mitliest!“
Gott lacht laut los, verschüttet Kaffee und setzt seine Tasse zurück auf den Tisch. „Meinst du, ich würde peinlich berührt erröten? Es gibt absolut nichts, was du denken könntest, was ich nicht schon gedacht habe. Glaub mir!“
Du merkst, dass du rot wirst. „Du hast gut reden! Mir ist das peinlich! Ich will vieles gar nicht denken, aber es passiert einfach, da kann ich überhaupt nichts gegen tun!“
Gott legt kurz seine Hand auf deine und nimmt sie wieder weg. „Mach dir keine Sorgen. Es ist ok, wirklich. Solange wir miteinander reden, ist alles gut.“
Du bist nicht überzeugt. „Ich finde das unfair. Manchmal braucht man doch eine Auszeit! Um ganz bei sich zu sein!“
„Du bist doch ganz bei dir, oder etwa nicht?“ Gott sieht dich an. Dann schüttelt er den Kopf. „Ich kann es nicht ändern. Du bist bei mir und ich bin bei dir. So ist es.“
Du erinnerst dich. „Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer… „
„… so würde ich dich auch dort halten und bei dir sein“, antwortet Gott.
Du überlegst. Auf den Flügeln der Morgenröte reisen klingt verlockend. Das wolltest du schon immer mal tun, aber du hattest Angst. So weit weg, ganz allein. Wenn Gott dabei wäre… vielleicht ist dieses Konzept des alles Wissens und immer da seins doch nicht komplett übel. „Naja…“ sagst du schließlich widerwillig, „aber ich hasse es, wenn man mir ein schlechtes Gewissen macht!“
„Ich weiß“, sagt Gott.
„Ich kann ja versuchen, mir Mühe zu geben mit meinen Gedanken“, sagst du steif.
„Ach, lass das. Mir ist lieber, du bist ehrlich“, sagt Gott. Dann zwinkert er dir zu. „Und es ist viel interessanter, wenn du nicht versuchst, heilig zu sein. Weißt du noch, deine Franziskus-Phase vor ein paar Jahren? Das war anstrengend.“ Er schüttelt den Kopf. „Menschen sind nicht heilig, so habe ich euch nicht gemacht. Fürs Heiligsein habe ich meine Engel, das reicht mir völlig.“
Du atmest tief ein und wieder aus. Na gut. Dann wirst du eben weitermachen wie bisher.
„Genau“, sagt Gott. „Morgen, selber Ort, selbe Uhrzeit?“
Du nickst.
Und Gott ist verschwunden.

Gottes „Ich bin“ für Diebe

Gottes „Ich bin“ für Diebe

Ich bin das große Ding, das du drehen möchtest.
Ich bin das Niesen, das du unterdrücken musst.
Ich bin der Entschluß am Ende deines Plans.
Ich bin die Nacht, die deinen großen Tag bereitet.
Ich bin die Dusche, die die Nacht von dir abspült.
Ich bin die Möglichkeit, die du nicht bedacht hast.
Ich bin das Badesalz, mit dem du untertauchen kannst.
Und, was du nicht vermutet hättest: Ich bin die Beute.

Nein!

Nein!

„Ich mach das nicht!“ Entschlossen verteilst du Honig auf deinem Brötchen. „Hast du gehört, was die anderen gesagt haben? Auf keinen Fall mache ich das!“ Du kippst das halbe Milchkännchen in deinen Tee und hältst es Gott hin. Er schüttelt den Kopf und nippt an seinem Kaffee. Er trinkt ihn schwarz. War ja klar. Du bist genervt.
„Du guckst schon wieder so! Ich mag es nicht, wenn du so guckst!“
Gott hebt eine Augenbraue.
„Siehst du? Genau das meine ich! Statt mir einfach zu sagen, was ich tun soll, sitzt du hier rum und guckst vorwurfsvoll!“
Gott stellt seine Tasse auf den Tisch. „Du wirst es also nicht tun?“ fragt er.
Du atmest tief ein und wieder aus. Dann beißt du in dein Honigbrötchen. Du kaust eine Spur länger als notwendig, bevor du antwortest. „Keine Ahnung.“
Gott hebt die andere Augenbraue.
„Am Anfang klang alles so toll! Aber die anderen haben gesagt, es wäre schrecklich. Was soll ich denn jetzt glauben?“
Gott beugt sich vor. „Die Anderen sind nicht du. Triff deine eigenen Entscheidungen.“
Du seufzt. „Das ist so schwierig! Kannst du das nicht für mich entscheiden?“
Gott lächelt freundlich, aber unnachgiebig. „Nein.“
Du seufzt noch einmal. Du musst nachdenken.
„Tu das“, sagt Gott, „aber nicht endlos, bitte. Ich habe noch einiges vor mit dir.“
Du starrst ihn an. „Das ist jetzt nicht hilfreich!“
„Aber notwendig.“ Er lächelt dieses geheimnisvolle Lächeln, das du überhaupt nicht leiden kannst. Toll. Schwierige Entscheidungen und unbekannte Zukünfte. Du hast es echt nicht leicht, denkst du, als du den Rest deines Honigbrötchens in den Mund schiebst.
„Noch Tee?“ fragt Gott.
„Mit Milch, bitte“, nuschelst du.

Schiffbruch

Schiffbruch

Du hast Schiffbruch erlitten. Gerade war das Wetter noch schön gewesen und die Sonne hatte geschienen, als plötzlich Wolken aufkamen und es anfing zu regnen. Es wurde stürmisch. Die Wellen zerbrachen dein Schiff, du konntest dich gerade noch ins Beiboot retten, und da sitzt du nun. Es ist kalt. Und naß. Dir ist übel, und der Wind hört nicht auf, dir Gischt ins Gesicht zu blasen. Du hältst dich links und rechts an der Bordwand fest, die Ruder sind dir abhanden gekommen. Du schließt die Augen. Ob das Wasser unter dir sehr kalt ist? Obwohl: Viel kälter kann dir nicht mehr werden. Du öffnest die Augen. Vor dir auf der Ruderbank sitzt ein dünner Mann mit gelben Gummistiefeln. Er hält mit beiden Händen einen Regenschirm fest und sitzt sehr aufrecht in deinem schaukelnden Boot.
„Hallo“, sagt er.
Du fantasierst. Das ist vermutlich der Anfang vom Ende. Aber egal, alles ist besser, als allein in deinem Boot zu sitzen, selbst ein dünner Fantasiemann mit Gummistiefeln.
„Hallo“, sagst du also.
„Darf ich mich vorstellen“, sagt der dünne Mann, „ich bin ihr Seenotrettungsengel.“ Energisch klappt er seinen umgestülpten Regenschirm zurück in die richtige Position.
„Oh“, sagst du. „Das ist… schön.“ Eindeutig. Du hast Untergangsvisionen.
„Nein-nein“, sagt der dünne Mann, „ich bin real. Ich kann natürlich auch wieder gehen, wenn Sie das wünschen.“
„Nein!“ sagst du hastig.
„Gut.“ Der dünne Mann sieht in den Regen, seufzt, klappt den Regenschirm zu und legt ihn sorgfältig neben sich auf die Ruderbank. Er kramt in den Innentaschen seines grauen Anzugs und holt eine Thermoskanne hervor, dazu zwei Becher. „Sie sehen aus, als ob Sie etwas Kakao vertragen könnten“, sagt er und hält dir einen vollen Becher hin.
Du müsstest eine Hand von der Reeling lösen, um ihn in die Hand nehmen zu können. Der Kakao dampft. Du spürst, wie kalt dir ist. Sicherheit gegen Wärme. Der dünne Mann wartet geduldig. Es duftet nach Schokolade und plötzlich ist dir nicht mehr übel. Vorsichtig löst du einen Finger nach dem anderen von der Reeling und greifst nach dem Becher. Er ist warm. Du nimmst einen Schluck.
„Gut“, sagt der dünne Mann. Ein Regentropfen hängt an seiner Nase. „Sie sind weit draußen. Der Sturm war heftig, was?“
Du nickst.
„Wollen Sie an Land?“
Du nickst wieder. „Ich hab die Ruder verloren“, sagst du.
„Ich würde eher sagen, Sie haben sie aus den Augen verloren“, sagt der dünne Mann und tippt außen an die Bordwand.
Mit äußerster Vorsicht lehnst du dich erst nach links, dann nach rechts. Du setzt dich aufrecht hin und starrst den dünnen Mann an. Deine Ruder hängen außen an den Bordwänden. Du hast sie nicht gesehen.
„Dafür bin ja ich da“, sagt der Mann und wippt mit den Gummistiefeln. „Wollen Sie dahin oder dorthin?“
Du guckst ratlos. Du siehst überall Wellen und nichts anderes. Aber wenn er es vorschlägt… aufs geradewohl zeigst du nach links.
„Gut“, sagt der Mann. „Dann wollen wir mal.“ Er greift sich das Ruder auf der rechten Seite und sieht dich auffordernd an.
Es dauert einen Moment, bevor du kapierst. Schnell trinkst du den letzten Schluck Kakao und nimmst das linke Ruder.
„Hilfe zur Selbsthilfe nennen wir das“, sagt der dünne Mann. „Sonst wäre es ja zu einfach.“
Ihr legt euch in die Ruder. Der Wind kommt jetzt von hinten.
„Von wo sind Sie denn gestartet?“ fragt der dünne Mann.
Und du fängst an zu erzählen.

Der weiße Faden

Als ich morgens aufwache, liegt ein weißer Faden am Fuß des Bettes. Ich behalte ihn im Auge, während ich mich anziehe. Draußen ist es dunkel. Ich stecke zwei Mandarinen ein, nehme den Faden auf und folge ihm. Er führt in meine Schreibhefte und zieht mich hinter sich her. Ich werde zu Buchstaben, es piekst und kitzelt, dann bin ich hinter den Seiten.
Es ist dunkel, nur ein paar Fenster leuchten. Ich gucke in eins hinein und da schläft Herr Miesling. Er schnarcht leise, sein Engel liegt wach und unentspannt neben ihm. Als er mich sieht, winkt er und lächelt. Ich lächle zurück. Hinter dem nächsten Fenster läuft mein Schweinehund auf und ab und diskutiert mit mir. Oder ist es mein Spiegelbild? Ich klopfe ans Fenster. Mein zweites Ich sieht auf und lacht, mein Schweinehund wirft mir eine Kusshand zu.
Der Faden leuchtet weiß in der Dunkelheit, ich lasse ihn über meine Buchstabenfinger gleiten. Aus der Finsternis kommt der Goldfisch geschwommen und fragt, ob ich wüsste, wo der Weg sei? Er hätte sich verirrt. Ich deute vage mit einer Hand irgendwohin, der Goldfisch bedankt sich und schwimmt davon.
Der Faden führt mich durch ein Labyrinth von Gedichtzeilen, vorbei an der Halde der verworfenen und unvollendeten Geschichten. Sie leuchten grünblau und schweigen vorwurfsvoll. Ich komme an ein weiteres, erleuchtetes Fenster. Wellenbrink und Gnorm sitzen am Küchentisch, trinken schwarzen, süßen Kaffee und Likör. Sie sehen mich nicht.
Der Faden zieht mich weiter. Aus der Dunkelheit schält sich ein Cafétisch mit zwei zierlichen Eisenstühlen. Auf einem von ihnen sitzt Fräulein Honigohr. „Da bist du ja“, sagt sie, „ich warte schon endlos. Du hast zwei Mandarinen. Gibst du mir eine ab?“
Ich nicke, dann sitzen wir auf den Stühlen und schälen unsere Mandarinen.
„Und nun?“ fragt sie.
Ich zucke mit den Achseln.
„Herr Riebesiel ist da hinten auch noch irgendwo“, sagt sie. „Und Lucius. Janne auch. Du weißt doch wohl, was du zu tun hast, oder? Das Wasserschwein wartet seit letztem Jahr. Du kannst uns nicht im Stich lassen!“
Ich esse meine Mandarinenschnitze einen nach dem anderen. Fräulein Honigohr verschränkt die Arme. Sie guckt streng. Der Faden leuchtet weiß in der Dunkelheit und kringelt sich wie Seetang in der Strömung. Dann nicke ich langsam.
Fräulein Honigohr lehnt sich zurück. „Sehr schön“, sagt sie und schnippt mit den Fingern. Der Faden wickelt sich um meine Hand und zieht mich nach vorn, Neun stürzt an mir vorbei, ein paar Engel flattern aufgescheucht durch die Dunkelheit, dann finde ich mich in meinem Bett wieder.
Was für ein Traum! Ich reibe mir über die Augen. Oh! denke ich und schnuppere an meinen Fingern. Sie duften nach Mandarinen.

Liebes Weihnachtsfest

Liebes Weihnachtsfest,

dieses Jahr ist alles anders. Ich habe das Gefühl, du schälst dich, eine Schicht nach der anderen fällt ab. Glühweinseligkeit, falsche Weihnachtsmänner, laute Feiern, die ganze Lautsprechermusik, all das fällt ab von dir, und nun stehst du da, ganz schlank und reduziert. Und wirkst frischer als je zuvor. Ich glaube fast, ich kann deinen Glanz wieder sehen. Da ist ein leises Raunen von alten Worten zwischen den beleuchteten Fenstern und Fassaden. Mir scheint, du selber brauchst kein einziges Geschenk, um deinen Zauber zu entfalten. Wie konnte mir das entgehen?
Wie auch immer, ich bin froh, dass es dich gibt, egal, ob rund oder schlank. Ich hoffe, wir feiern noch lange zusammen. Wir sehen uns!

Deine Stachelbeermond

(Ich nehme am Adventsschreiben von Susanne Niemeyer teil. Sehr zu empfehlen!)