Herr Miesling sucht Pilze

Herr Miesling sucht Pilze

Als sein Engel vorbeikommt, sitzt Herr Miesling auf dem Bürgersteig. Er hat sich einen der zerkratzten Kneipenstühle von drinnen geholt und starrt auf die Unkrautwildnis um die Straßenlaterne herum.
„Da biste ja“, sagt Herr Miesling. „Siehste das? Da vorn? Da wachsen Pilze. Zwei Stück.“
Sein Engel beugt sich nach vorn und nickt.
Herr Miesling nimmt einen Schluck von seinem Hemelinger. „Sind Champignons. Oder Knollenblätterpilze. Mein Vadder hat immer gesacht, die isste nur einmal.“ Er lacht. „Mein Vadder… der war Soldat, weisste, der hat nach´m Krieg nich mehr viel gesacht. Der hat lieber geschwiegen. Aber Pilze suchen is er mit uns gegangen, mit meim Bruder und mir. Was ham wir für Pilze gegessen! Der kannte sich echt gut aus, mein Vadder.“ Herr Miesling guckt in seine Bierflasche. „Er war oft traurig, nich. Und müde. Mit´m Schlafen hatte er es nich so, da is er morgens im Dunkeln losgezogen, und mein Bruder un ich sind mit. Meine Mudder hat sie gebraten, in Butterschmalz. War ja auch´n günstiges Essen. Weisste, was mein Lieblingspilz war?“ Sein Engel hebt fragend die Augenbrauen. „Netzstieliger Hexenröhrling!“ Herr Miesling lacht. „Was für´n Name!“ Er lacht noch einmal und lehnt sich zurück. „War schön, damals. So viel Spaß hattn wir mit unserm Vadder ja nich, aber das Pilzesammeln, das war klasse.“ Versonnen nimmt er noch einen Schluck Hemelinger und guckt die Pilze an.
Sein Engel verschwindet in der Kneipe.
„Werner!“ brüllt es von drinnen.
„Was?“ brüllt Herr Miesling zurück.
„Kannste in´n Supermarkt gehen? Ich brauch Schampijons!“
Herr Miesling setzt sich auf. „Wieso?“
„Die Frau will Schampijons auf die Karte setzen. Hatt´n wir noch nie. Aber du weisst ja, was die Frau will… gehste? Du kriegst den ersten Teller für lau!“
Herr Mieslings Gesicht hellt sich auf. „Haste das gehört?“ fragt er seinen Engel.
Aber der ist mal wieder verschwunden.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden. Maximal 300 Worte, enthalten sein müssen dieses Mal Pilze, traurig und schlafen. Organisiert wird das ganze von Christiane, und die Wortspende kam von Lea mit ihrem Blog kommunikatz.

Mal sehen, vielleicht kommt Herr Miesling demnächst öfter mal zu Wort. 🙂

Hawaiihemd-Ideen

Hawaiihemd-Ideen

Du schwitzt, aber du hörst nicht auf zu graben. Es muss tiefer werden, viel tiefer. Als du die nächste Spatenladung nach oben wirfst, ist da ein Hindernis. Der Sand verteilt sich gleichmässig über ein Paar Füße in Jesuslatschen. Du guckst hoch.
Vor deinem Loch steht ein mittelgroßer, mitteldicker Mann im Hawaiihemd. Er sieht auf dich herunter. „So“, sagt er und spitzt die Lippen, „das hast du also mit mir vor?“
Du stützt dich auf deinen Spaten. „Ich habe gar nichts mit Ihnen vor“, sagst du gereizt. „Warum stehen Sie vor meinem Loch? Sie stehen im Weg!“
„Du willst mich vergraben! Gib es zu!“
Du rollst mit den Augen. Noch so ein Verrückter.
„Du brauchst gar nicht mit den Augen zu rollen. Warum bitteschön gräbst du wohl sonst dieses Loch?“
„Das geht Sie gar nichts an!“ zischt du. „Gehen Sie einfach woanders hin!“
„Ich kann nicht!“ Der Mann im Hawaiihemd ringt die Hände. „Ich bin dein Ideen-Engel!“
Du hast noch nie jemanden gesehen, der weniger engelhaft aussieht.
„Ich weiß, ich bin schwer zu glauben. Aber du bist nicht besser! Jemand, der seine Ideen vergraben will, weil sich die Leute lustig darüber machen, ist doch wohl keinen Deut besser!“ Der Mann sieht dich flehend an. „Komm schon! Du willst das doch nicht wirklich tun, oder?“
Du lässt den Spaten sinken. Nie wieder wolltest du eine deiner Ideen ans Tageslicht lassen, aber da steht sie und streckt dir die Hand entgegen. Zögernd ergreifst du sie.
Die Erleichterung steht dem Hawaiihemd-Mann ins Gesicht geschrieben. „Gott, bin ich froh! Ich dachte schon, du machst ernst. Komm, lass uns Ideen sammeln gehen, die gibt´s wie Sand am Meer…“
Du lässt dich einfach mitziehen. Einmal drehst du dich noch um, aber da ist nichts. Keine ausgehobene Erde, kein Spaten.
Wäre ja auch eine dumme Idee gewesen.

Das war ein Text zu den abc-Etüden, die dankenswerterweise von Christiane organisiert und mit viel Liebe umgesetzt werden! Die Wortspende ist vom Etüdenerfinder Ludwig Zeidler und besteht aus den Worten Idee, engelhaft und vergraben in maximal 300 Wörtern, und meine Idee wollte unbedingt ans Licht! 🙂

 

Rote Wut

Du bist unzufrieden. Deine Wut ist rot. Du wärst lieber blau. Blau ist ausgeglichen. Friedlich. Freundlich. Du überlegst, wer schuld daran ist, dass du rot und wütend bist.
„Du, Gott“, fragst du Gott lauernd, „welche Farbe hat eigentlich Corona?“
Gott sieht dich über seine Lesebrille hinweg an. „Corona hat keine Farbe“, antwortet er, „sie ist ein Brennglas.“
„Ach, wirklich? Bist du sicher?“
„Ja.“
Das war ja klar. Selbstverständlich hat Gott keine Zweifel. „Ich hätte gedacht, sie ist rot“, murmelst du böse.
„Wenn du unbedingt möchtest, dass sie rot ist, kann sie natürlich auch rot sein. Abgesehen davon ist sie aber ein Brennglas.“
So ein Quatsch. Ein Brennglas! Lästig, nervig, tödlich und absolut freudlos, ja, das könntest du unterschreiben. Und rot wie Wut, das auch. Aber ein Brennglas? Quatsch.
„Wie kommst du darauf?“ fragst du Gott. Soll er sich doch mal erklären!
Gott legt die Zeitung beiseite. „Sie macht alles schärfer und spitzer, sie holt Dinge nah ran, auch die unangenehmen, und wenn du nicht aufpasst, brennt sie Löcher in deine Schuhe. Wie ein Brennglas. Oder?“
Du guckst mürrisch.
„Ich erinnere mich: Am Anfang war Corona für dich eine Mischung aus interessant und unheimlich, und du hast genau hingesehen. Wenn du ehrlich bist, hast du es genossen, deinen Alltag in neuem Licht zu sehen, oder?“
„Mh.“ Du verschränkst die Arme.
Gott nickt. „Aber jetzt möchtest du nicht mehr so genau hinsehen. Es dauert zu lang. Da gibt es nämlich ein paar Dinge, die du sonst immer großzügig übersiehst. Du packst deinen Alltag in säuberlichen kleinen Paketen um diese Dinge herum und tust so, als ob sie nicht da wären. Richtig?“
Du schiebst deine Unterlippe vor.
Gott tippt mit dem Bügel der Lesebrille gegen seine Nase und sieht dich an. „Aber weil Corona ein Brennglas ist, holt sie alles sehr nah, sehr scharf und sehr klar heran und hält es dir unter die Nase. Und wenn du wegsehen willst, brennt sie dir ein Loch in den Schuh.“
Deine Wut ist jetzt sehr rot. „So“, zischt du, „und warum bitteschön muss über mein Leben ein Brennglas gehalten werden? Es war doch alles gut!“
„War es das?“ Gott setzt seine Lesebrille wieder auf und blättert die Zeitung eine Seite weiter. „Warum bist du dann jetzt so wütend?“
„Weil… weil… weil das ungerecht ist!“
Gott sieht dich an und eine kleine blaue Welle läuft über deine rote Wut. „Wie wärs: Du guckt nochmal ganz genau hin und machst eine Liste von den Dingen, die du sonst nicht sehen kannst. Und dann überlegst du, was du ändern kannst. Fang mit ein paar kleinen Dingen an. Wenn du Übung hast, mach dich an die großen. Nutz deine Wut. Sie treibt dich an.“
Du grollst. Du fühlst dich unverstanden. „Ich hab wohl keine Wahl, oder?“
Gott liest Zeitung. „Nein“, sagt er geistesabwesend.
Toll.
Dann wirst du wohl nochmal genau hinsehen müssen.

Mai-Fürchtezeit

Jedes Jahr Mitte April beginnt meine Mai-Fürchtezeit. Jetzt sagen Sie sich bestimmt, nanu, der Mai ist der schönste aller Monate, was soll es da zu fürchten geben? Nun ja. Ich bin ein Maikind, und ich fürchte mich vor meinem Geburtstag. So, jetzt ist es raus. Eigentlich liebe ich Geburtstage und trotzdem: So sicher wie das Amen in der Kirche habe ich bereits Anfang April erste düstere Vorahnungen. Dieses Jahr fällt mein Tag auf einen Werktag? Niemand wird kommen. Alle werden sehr beschäftigt sein. Mein Tag fällt auf das Wochenende? Alle werden woanders eingeladen sein. Niemand wird kommen. Es wird regnen. Und kalt sein. Heroisch schiebe ich diese Gedanken beiseite und freue mich über Flieder und Bienengesumm, aber unter all dem frischen Grün lauert unablässig die Frage: Was wird an meinem Geburtstag passieren?
Je näher der Tag kommt, desto tiefer versinke ich in trüben Gedanken. Vielleicht sollte ich ihn einfach ausfallen lassen. Wenn ich tief einatme und erst einen Tag später aus, ob er dann vorbei ist? Irgendwann sitze ich als Häufchen Trübsal da und frage den Chef, ob er den Geburtstagskelch nicht wenigstens dieses eine Mal an mir vorüberziehen lassen könnte?
Der Chef verdreht dann die Augen, stellt seine Kaffeetasse ab und schaltet die anderen Gebetsanforderungen auf stumm. Du wieder, sagt er, haben wir das nicht letztes Jahr schon besprochen? Und vorletztes? Und das Jahr davor auch?
Ja, schon, jammere ich, aber dieses Jahr, da ist es ganz anders, viel, viel schlimmer!
Ach. Noch schlimmer als in den Jahren davor?
Ja!
Tiefes Durchatmen. Nun. Du machst es wie jedes Jahr, du machst einen Plan. Überleg dir was. Und dann setz ihn um. Lade Freunde ein. Nimm dir frei. Mach einen Ausflug. Oder feiere auf der Arbeit, das hast du auch schon gemacht, du erinnerst dich?
Ach, die Arbeit… da ist doch gar keiner in diesen Zeiten… und zuhause? Wen kann ich schon einladen… die haben bestimmt alle schon was anderes vor…
Wenn du sie nicht fragst, wirst du es nie erfahren. Los jetzt, jammere nicht, schreib ein paar mails. Oder whatsapps oder wie ihr das gerade nennt… (und halblaut zu sich selbst: Und davon hab ich aktuell acht Milliarden, meine Probleme solltest du mal haben…)
Der Chef wendet sich ab, trinkt einen Schluck Kaffee (extra schwarz, ohne Zucker) und schaltet die anderen Gebetsanforderungen wieder auf laut.
Und ich? Ich bin immer noch jammerig. Andererseits, ein bisschen Planung kann ja nicht schaden. Vielleicht fange ich einfach mal mit einem Freund an und dann gucke ich, ob er zusagt, und wenn er zusagt, könnte ich ja noch einen zweiten einladen, und wenn der auch zusagt, ist alles schon gar nicht mehr so schlimm, und plötzlich ist der Tag viel heller.
Am Ende waren fast alle meine Geburtstage schön. Manchmal auch seltsam, aber nie so schrecklich, wie ich es jedes Jahr spätestens Mitte April befürchte. Beim nächsten Jahr allerdings bin ich mir da gar nicht so sicher, wer weiß, wie das werden wird…
Der Chef seufzt. Ich kann es bis hierher hören.

Vertrauen

Du hast dich verlaufen. So richtig. Du stehst im dunklen Wald und hast keine Ahnung, wie du wieder herausfinden sollst. Die Sonne ist untergegangen und du traust dich keinen Schritt weiter. Überall könnten Löcher sein, oder ein Ast könnte dir mitten ins Gesicht schlagen, oder Wölfe könnten dich anfallen. Vielleicht gibt es hier Bären. Der Akku deines Telefons ist leer.
Gut. Dann wirst du die dunkle, dunkle Nacht eben an dieser Stelle verbringen.
Es beginnt zu nieseln.
„Äh, hallo?“
Du zuckst zusammen und drehst dich hektisch um. Wer ist das?
„Entschuldigung, ich wollte Sie nicht erschrecken! Ich dachte, Sie hätten mich gehört. Sie haben mich ja schließlich gerufen.“
„Was? Ich habe nicht gerufen! Wer sind Sie? Wo kommen Sie her?“ Du überlegst, deinen Kugelschreiber als Waffe zu zücken, lässt es dann aber. Es ist schwer zu beschreiben, aber der Mann wirkt vertrauenerweckend. Und hell. Ein leises Licht geht von ihm aus. Er trägt eine braune Strickjacke, die an den Ellenbogen dünngescheuert ist.
„Ich habe Sie ganz deutlich gehört. Egal, jetzt bin ich ja hier. Gestatten, ich bin Ihr Vertrauen.“ Er verbeugt sich vor dir.
„Mein… was?“
„Ihr Vertrauen. Ah, ich sehe, das sagt Ihnen nichts. Ab und zu werde ich auch als Engel bezeichnet, aber das klingt so verstaubt, finden Sie nicht? Vertrauen hat einen seriöseren Klang, oder?“
Du starrst ihn an. Vielleicht bist du verrückt geworden. Vielleicht taucht gleich noch ein rosa Einhorn auf.
„Nein, nein, keine Sorge, für Einhörner bin ich nicht zuständig. Sie sind nicht verrückt, Sie haben bloß Ihr Vertrauen verloren. Das ist nicht schön und macht den meisten Betroffenen schwer zu schaffen. Sehen Sie, und dann komme ich und versuche, die Dinge in Ordnung zu bringen.“ Der Mann verschränkt die Arme hinter dem Rücken und wippt auf den Fußspitzen auf und ab. Du bist verwirrt, aber du versuchst, die Sache positiv zu betrachten. Ihr steht im Wald, es ist dunkel, es nieselt, aber immerhin bist du nicht mehr mutterseelenallein. Das ist doch schon was.
„Genau! Und da es nieselt, Moment…“ Er zieht von irgendwo einen riesigen, schwarzen Stockschirm hervor und spannt ihn über euch beiden auf. „So! Viel besser! Wollen wir dann mal?“ Er bietet dir seinen Arm an.
Zögerlich legst du deine Hand an seinen Ellenbogen.
„Schön, schön. Dann sehen wir mal, wo der Weg uns hinführt. Wissen Sie, ich sage ja immer, man muss nur seinen Füßen vertrauen, die wissen, was sie tun, aber komischerweise sehe das nur ich so. Was meinen Sie?“
Er geht weiter, ohne nach vorne zu sehen. Er blickt dich an. Du würdest gerne langsamer gehen, viel langsamer, aber du traust dich nicht, ihm das zu sagen. Antworten kannst du auch nicht, du hast viel zu viel damit zu tun, in die Dunkelheit zu starren und den Weg zu suchen.
„Sie müssen den Weg nicht suchen, das mache ich für Sie. Vertrauen Sie mir einfach. Vorsicht, da ist ein Ast vor Ihnen. Und nein, das ist kein Spinnennetz, das sind nur Halme, die über den Weg wachsen. Wissen Sie, die meisten verlieren ab und zu das Vertrauen, Sie sind da nicht alleine, wirklich nicht. Schlimm wird es, wenn ich vergessen werde. Die Welt ohne mich ist ein einsamer Ort. Manchmal versuche ich es trotzdem und komme unaufgefordert, aber meistens bemerkt mich niemand, nicht mal, wenn ich wie Rumpelstilzchen herumtanze.“
Er führt dich durch das Unterholz, umgeht umgestürzte Bäume, die sich euch in den Weg legen und übertönt mit seinem Reden das Rascheln und Knistern in der Dunkelheit. Nie stösst er mit dem Schirm irgendwo an. Du verlässt dich auf ihn. Du bist froh, dass er da ist.
„Ach, wirklich? Das freut mich aber!“ Er lächelt. „Wir sind schon fast da. Sehen Sie, da vorne brennt Licht.“ Er zeigt mit dem Schirm in der Hand auf einen schwachen Schimmer im Schwarz. „Eins noch.“ Er sieht dich an. „Vor uns ist ein Graben. Nicht breit, aber tief. Und wir müssen drüberspringen. Vertrauen Sie mir?“
Du kannst den Graben nicht sehen. Du hast Angst. Der Wald hinter dir schweigt. Die Bäume knacken. Aber ihr seid weit gekommen, und ohne ihn stündest du immer noch verloren mitten im Nichts. Du nickst entschlossen.
„Gut. Ich zähle bis drei: Eins, zwei, drei!“
Ihr springt zusammen, Hand in Hand.
Ihr kommt sicher auf. Dein Vertrauen lacht und faltet den Schirm zusammen. „Wunderbar!“
Du fühlst dich leicht. Stolz.
„So soll es sein! Sehen Sie, da vorne ist der Parkplatz, auf dem Ihr Auto steht. Von hier aus schaffen Sie es allein, oder?“
Du siehst ihn an. „Danke“, sagst du und weil du nicht anders kannst, umarmst du ihn kurz.
„Ach, nichts zu danken. Immer wieder gerne. Und Sie wissen ja, solange Sie mich rufen, komme ich!“ Er verbeugt sich vor dir.
Du nickst, drehst dich um und gehst zum Auto. Als du angekommen bist, siehst du noch einmal zurück. Der Wald ist schwarz und schweigt.
Dein Vertrauen ist noch da. Es winkt dir zu.

Herr Miesling schmollt

Herr Miesling sitzt unrasiert in seiner Küche und schmollt, als sein Engel vorbei kommt. Er wirft einen Blick in Herrn Mieslings Gesicht und nimmt sich einen Kaffee. Das kann länger dauern. Herr Miesling schaut ihm stumm zu, und als sein Engel sitzt, legt er los.
„So. Ostern also. Auferstehung. Soll ich dir mal sagen, was bei mir aufersteht? Gar nichts! Weisst du, wie lange ich niemanden gesehen habe? Wie du siehst, fange ich schon an, mit mir selbst zu sprechen! Wo bleiben da Glaube, Hoffnung, Liebe? Nicht mal die Kirchen sind offen! Ich sitze hier in diesem Loch und kann nicht raus! Jaja, schon gut, raus kann ich ja, aber wozu? Um dreimal um den Block zu latschen? Da kann ich ja gleich drinnen bleiben! Meine Lieblingskneipe hat auch zu. Du kannst dir nicht vorstellen, wie deprimierend es ist, da vorbeizugehen. Ach. Du kannst? Trinkt ihr Engel auch was Stärkeres als Wasser? Ach.“ Herr Miesling guckt überrascht.
Sein Engel steht auf, öffnet ein Fenster und setzt sich wieder.
Herr Miesling kraust die Nase. Es ist still. Man hört die Vögel singen. „Ihr habt bestimmt gut zu tun dieser Tage, was?“ Sein Engel nickt. „Hm. Willst du Milch in den Kaffee?“ Ohne zu warten steht Herr Miesling auf und geht zum Kühlschrank. „Ich hab auch noch Salami da.“ Er nimmt Milch und Salami, trägt sie zum Küchentisch, holt ein Messer und ein Brett und schneidet dicke Scheiben von der Wurst ab.
„Ich hab die Jungs seit Tagen nicht gesehen, und weisst du was? Ich hätte nicht gedacht, wie sehr sie mir fehlen. Was die jetzt wohl tun? Die sind doch auch alle allein.“
Sein Engel steht auf und verschwindet kurz im Flur. Als er zurückkommt, hat er ein Blatt Papier in der Hand. Er legt es auf den Tisch.
„Was ist das? Ach. Unsere Telefonliste. Aber die ist nur für Notfälle!“ Herr Miesling hört auf, Salami zu schneiden. „Oh.“ Er schaut nachdenklich auf das Messer. „Das IST ein Notfall, oder?“
Sein Engel sieht ihn an und nimmt einen Schluck Kaffee mit Milch. Durch das offene Fenster hört man weit entfernt Kirchenglocken läuten.
„Naja. Ich könnte ja mal den Manni anrufen. Der weiß immer alles.“ Herr Miesling ißt eine Scheibe Salami und wirft einen kritischen Blick auf seine Fingernägel. „Aber vorher muß ich noch duschen… du, ich muss dringend ein paar Dinge erledigen. Nimm dir ruhig noch einen Kaffee, und die Salami ist wirklich gut, probier ruhig mal!“ Herr Miesling guckt seinen Engel aufmunternd an, steht auf und verschwindet im Bad.
Sein Engel lächelt. Auferstehungen sind immer wieder wunderbar.
Im Gehen pustet er noch ein wenig Staub vom Fenster, damit die Sonne herein kann. Dann ist er verschwunden.

 

Dialog-Engel

Dialog-Engel

„Entschuldigung, darf ich mich Ihnen vorstellen?“
„Äh… was?“
„Ich bin Nr. 723 und Ihnen heute als Dialog-Engel zugeteilt. Sagen Sie nichts – ich weiß, Ihnen kommt das sicherlich genauso seltsam und überflüssig vor wie mir.“
„Ein… Dialog-Engel?“
„Richtig. Ich weiß nicht, wer da oben gerade die Aufträge verteilt, aber glauben Sie mir, ich falle momentan von einem schwarzen Loch ins andere.“
„Oh. Tut mir leid.“
„Ach, muss es nicht. Obwohl, wenn ich mir meine letzten Aufträge ansehe, sollte ich mir doch leid tun… Ich meine, ein Hühneraugen-Engel? Ernsthaft? Oder ein Autokorrektur-Vermeidungs-Engel? Ich bitte Sie! Und das bei meinen Qualifikationen!“
„Hühneraugen…?“
„So ist es. Sie haben richtig gehört. Und nun also Sie. Gut. Ich bin hier, ich bin Profi, legen wir los. Sie haben Probleme beim Dialog-Schreiben, habe ich gehört?“
„Äh… ja, richtig. Aber Sie müssen mir nicht helfen, Sie haben doch bestimmt wichtigeres zu tun, so als Engel, oder?“
„Nein! Das ist es ja! Ich bin nur für Sie da, auch wenn Ihnen das völlig sinnlos erscheinen mag! Und mir auch. Trotzdem. Dialog also. Wo liegt denn Ihr Problem?“
„Naja, also… mir fällt nichts ein.“
„Ihnen fällt nichts ein. Das ist ja weltbewegend. Herzzerreissend. Und warum fällt Ihnen nichts ein?“
„Wir haben als Hausaufgabe auf, einen Dialog zu schreiben, ohne große Erklärungen im Nebentext, am besten wäre es, gar keinen Nebentext zu schreiben, und mir fällt einfach keine Situation ein! Ich schwimme hier schon seit Ewigkeiten in der Runde, es ist zum Haareraufen!“
„Richtig. Schwimmen. Das hätte ich sowieso noch angesprochen. Wie kommen Sie bloß auf die absurde Idee, dass Ihnen ausgerechnet hier etwas sinnvolles einfallen würde? Warum geht man mit so einem Problem ins Schwimmbad? Dieser Ort hier ist doch nun wirklich das genaue Gegenteil von Würde, Anstand, Zurückhaltung!“
„Äh… echt?“
„Natürlich! Sehen Sie sich doch um! Badehosen und Badeanzüge und drumherum und drunter die raue Wirklichkeit, wie soll einem da überhaupt noch ein kreativer Gedanke kommen! Was haben Sie sich dabei gedacht!“
„Ich find´s eigentlich ganz schön hier…“
„Ach, papperlapapp! Wenn man etwas schreiben will, geht man in die Bibliothek! Aber doch nicht ins Schwimmbad, also wirklich… mein Gott, womit habe ich das verdient!“
„Dürfen Sie das?“
„Was?“
„‚Mein Gott‘ sagen?“
„Oh! Habe ich?“
„Jepp.“
„Ach du liebe Güte… sind Sie sicher? Sowas rutscht mir sonst nie raus, das müssen die Umstände sein, Dialog-Engel, Hühneraugen, Autokorrektur, da kann man schon mal danebengreifen…“
„Naja…“
„Mal ehrlich, sehen Sie mich doch an! Sehe ich aus wie ein einfacher Unterengel? Wissen Sie, wievielen armen Seelen ich schon geholfen habe? Ich bin die personifizierte Erfahrung! Licht, Liebe, Leben! Nichts, was mir nicht gelingt! Gebt mir Überschwemmungen, Ehekrisen oder Blogger mit Identitätskrise, ich werde mit allem fertig, aber das hier? Mein Gott!“
„Sie haben es schon wieder…“
„Jaja, ich weiß. Tut mir leid. Geben Sie mir einen Moment, ich muss mich kurz beruhigen… wo waren wir… Dialog. Gut. Dialog. Also. Sie wollen einen Dialog im Schwimmbad schreiben, warum auch immer, egal. Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, reale Personen aus Ihrem Umfeld zu verwenden?“
„Hmm… “
„Was, hmm? Was kritzeln Sie da eigentlich die ganze Zeit in Ihr Heft?“
„Ach, nichts, ganz unwichtig.“
„Wieso schreiben Sie irgendwas unwichtiges, wenn ich hier all meine Kapazitäten ausschöpfe, um Ihnen zu helfen? Respekt ist doch wohl das mindeste, was ich erwarten kann, oder?“
„Wissen Sie, Sie haben mir schon geholfen. Vielen Dank! Sie waren super, wirklich!“
„Ehrlich?“
„Absolut.“
„Einfach so? Wir haben doch noch gar nicht richtig angefangen!“
„Sehen Sie, das ist eben Ihr Genie!“
„Ach… ja… dann, äh, dann gehe ich wohl mal wieder. Ein schönes Leben noch…“
„Wünsche ich Ihnen auch.“
„Ein seltsamer Mensch, sehr seltsam… aber gut. Was haben wir als nächstes… nein! Tintenklecks-Verhinderungs-Engel? Nein! Womit habe ich das verdient!“

Himmlischer Käse

Himmlischer Käse

Du bist deprimiert. Ganz und gar deprimiert. Es ist Sonntag, und in deinem Kühlschrank befindet sich eine Ecke Käse. Sonst nichts. In deiner gesamten Küche herrscht gähnende Leere. Du fühlst dich schrecklich ungeliebt und verlassen. Und kalt ist es auch. Naja, vielleicht ist das auch nur das Loch in deinem Magen. Als du dich gerade gemütlich in deinem Elend einrichtest und überlegst, wer alles an dieser Situation schuld ist, tippt dir von hinten jemand auf die Schulter. Du machst erschrocken einen Satz nach vorn und fällst dabei beinahe über einen Stuhl.
„Entschuldigung! Tut mir wirklich entsetzlich leid! Ich hätte anklopfen sollen!“ Dein Besucher ringt die Hände und versucht, zerknirscht auszusehen, aber es gelingt ihm nicht. Der Frohsinn strahlt ihm aus allen Poren. Du bist verwirrt.
„Wer sind Sie?“ fragst du und überlegst, wie er in deine Wohnung gekommen ist.
„Ich bin dein Sonntagsengel!“ ruft dein Besucher voller Enthusiasmus. „Mein Name ist Camembert. Und bitte, können wir uns duzen? Ich kriege das einfach nicht hin mit dem Siezen.“
„Mein Sonntags… “ stotterst du und guckst hilflos.
„Genau! Vor zwei Minuten wurde mir mitgeteilt, dass es hier eine häusliche Krise gibt und ein Eingreifen notwendig ist. Und da bin ich! Du hast also nichts zu essen?“
„N–nein…“
„Na, dann wollen wir mal nachsehen!“ Er dreht sich zweimal um sich selbst und scannt deine Küche, dann hüpft er zum Kühlschrank und reißt die Tür auf. „Ah! Käse! Das ist nicht Nichts!“ ruft er freudig überrascht.
„Naja“, sagst du weit weniger freudig, „an einem Sonntagmorgen kann man doch wohl etwas mehr als eine alte Käseecke erwarten, oder?“
„Meinst du das ernst? Ach Gott. Er meint es wirklich ernst.“ Camembert guckt an die Zimmerdecke und schüttelt den Kopf. Er nimmt den Käse aus dem Kühlschrank und hält ihn dir unter die Nase. „Schau mal. Und wie er duftet!“
Du bist skeptisch. „Wie Käse halt riecht. Nach Käse eben.“
„Neinnein, schau genauer hin. Konzentrier dich. Vor dem Käse gab es eine Wiese, die gemäht wurde. Aus dem frischen Gras wurde Futter für die Kuh, die die Milch für den Käse gegeben hat. Hörst du sie? Ihre sanften Kaugeräusche? Es war eine schwarzbunte, mit kleinen Sommersprossen auf der Nase. Und sie hatte ein Kälbchen bei sich. Die Milch für deinen Käse wurde an einem sonnigen Tag gemolken, sie ist durch viele Hände gegangen, bevor sie zu diesem Stück hier wurde. Jeden Tag wurde der Käselaib gewendet und mit Salzwasser bestrichen, monatelang hat das jemand für dich gemacht, dann hat ihn jemand verladen und zu deinem Händler gebracht, wo du ihn schließlich gekauft hast. Ist das nicht sogar ein Bergkäse? Ich weiß ja nicht, wie es dir geht, aber ich höre die Glocken beim Almauftrieb…“ Camembert lächelt versonnen.
Du guckst erst ihn an, dann das Stück Käse in seiner Hand. „Ok. Meinetwegen. Aber…“
„Du denkst viel zu eng“, unterbricht dich Camembert, legt das Käsestück auf einen Teller und greift nach einem Messer. Während er den Käse in Scheiben schneidet, redet er ununterbrochen auf dich ein. „Ich habe doch vorhin Brot gesehen. Ah, da ist es. Ein bißchen trocken, aber du verfügst ja wunderbarerweise über die Segnungen der modernen Technik, wie ich bemerken durfte. Du hast einen Toaster! Nein, noch viel besser – du hast einen Herd! Und Olivenöl ist auch noch da! Steh da nicht so rum, gib mir lieber das Salz. Danke. Olivenöl, Segen der trockenen Ebenen! Hörst du, wie die kleinen grünen Früchte platzen und das Öl freigeben? Dieser Duft dabei, unbeschreiblich! Und dein Brot, ach, ich höre den Wind, der über Getreidefelder streicht, kurz, bevor es reif ist. Hast du schon mal reife Getreidekörner direkt vom Feld probiert? Solltest du mal machen, das ist sensationell! Aber nimm nicht zu viele, wir wollen ja nicht die Bauern ärgern. Du könntest Teewasser aufsetzen, da drüben habe ich Teebeutel gesehen, und im Schrank ist noch ein bißchen Zucker, nein, da nicht, dahinter. Wo ist die Pfanne? Ah!“ Während er redet und redet, lässt er dein Olivenöl in der Pfanne heiß werden und salzt kräftig, danach legt er das in Scheiben geschnittene Brot in die Pfanne und röstet es. Auf einmal duftet es nach frischem Brot und Italien in deiner Küche. Als es von beiden Seiten knusprig braun ist, legt Camembert den Käse auf eine Brotseite und lässt ihn schmelzen. Dir läuft das Wasser im Mund zusammen, und während du den Tee aufgießt, guckst du immer wieder zu ihm hinüber.
„Du mußt Zucker in den Tee tun. Mehr. Noch mehr. Gut so. Das ist Pfefferminze, den muß man süß und sehr heiß trinken, wie in den arabischen Ländern, weißt du? Du kannst schon mal den Tisch decken, Essen ist gleich fertig!“
Du gehorchst ohne Widerworte. Deine Küche duftet so gut wie schon lange nicht mehr.
„So, fertig! Überbackene Bergkäsebrote, in Olivenöl gebraten, und frischen gesüßten Pfefferminztee!“
Ihr eßt schweigend. Kurz wunderst du dich darüber, dass das Essen jetzt für zwei reicht, obwohl du vorhin gedacht hast, noch nicht mal dich allein satt zu bekommen, aber dann ist es dir egal, und du genießt einfach den köstlichen Geschmack von geschmolzenem Käse, knusprigem Brot und als Kontrast dazu den süßen, heißen Tee. Als ihr fertig seid, lehnst du dich zurück. „Danke“, sagst du und meinst es auch so.
„Ach, nichts zu danken, ich bin hier nur der Koch, der mit diesen begnadeten Zutaten zaubern darf! Was ich übrigens noch sagen wollte“, Camembert sieht auf seine Fingernägel, „heute ist Erntedank. Du könntest ja mal wieder zu einem Gottesdienst gehen, oder? Danken schützt vor wanken und loben zieht nach oben, aber das kennst du ja, oder?“
Ein Gottesdienst? Heute? Du bist dir nicht sicher, ob er es ernst meint.
„Ich mein ja nur. Du könntest hinterher essen gehen, vielleicht will ja noch jemand mit? Ich muss dann auch mal wieder, du glaubst ja nicht, wieviele häusliche Krisen es jeden Tag gibt!“ Camembert springt auf, greift nach deiner Hand und schüttelt sie heftig. „Hat mich sehr gefreut! Vielleicht sieht man sich ja mal wieder! Lass nur, ich finde hinaus!“
Und schon ist er weg. Die Eingangstür hat kein Geräusch gemacht. Du bleibst noch einen Moment sitzen. Der Abwasch müsste erledigt werden.
Ein Erntedank-Gottesdienst. Grund zum Danken hättest du ja schon mal. Vielleicht wäre es einen Versuch wert.

Briefe aus dem Paradies II

Liebe Angst,

ich bin tatsächlich hier, obwohl du doch immer soviele Zweifel hattest: Im Paradies. Und es ist ganz anders, als ich gedacht habe! Wenn ich denn überhaupt geglaubt habe, dass es eines gibt (was ja nicht immer der Fall war, wie du sehr wohl weißt).
Das Paradies: Es ist ein Garten. Lach nicht, das ist kein Witz: Es ist ein Garten. Es regnet hier durchaus (siehst du die Tropfen auf dem Papier?), aber es stört niemanden. Der Regen ist freundlich. Es gibt Unkraut und Wühlmäuse, und beides darf sein. Nur nicht im Übermaß. Alles hält hier Maß. Es gibt von allem, Sonne und Regen, Waffeln und Stangensellerie, aber im richtigen Verhältnis. Niemand weicht dem Schmerz aus, aber er nimmt nicht überhand. Knospen und Verblühtes stehen nebeneinander und wir sehen hin und lächeln. So ist es, so wird es sein.
Für mich gibt es Bücher. Und Mittagsschläfchen. Für andere Gesellschaft. Musik. Und Geschichten. Arbeit gibt es auch, nicht zuviel, aber auch nicht zuwenig. Man muss ab und zu müssen, sonst verliert das Dürfen an Freude.
Überhaupt: Freude. Die ist hier sehr wichtig. Große und kleine, schnelle und lange Freude, es gibt viele Arten, und du darfst dir aussuchen, welche du bevorzugst. Auch die minimale, trockene Freude, die mit einem Wimpernschlag vorbei ist, ist hier erwünscht. Alle Tränen, die du noch nicht geweint hast, darfst du hier nachholen, und wenn du damit fertig bist, geht jemand mit dir einen Kaffee trinken. Oder Tee. Es gibt einen kleinen See im Paradies, ein bisschen moosig, aber es gibt einen Steg und Libellen. Das Wasser ist kühl.
Ich sehe nicht alles hier. Manche Dinge sind nicht für mich gedacht. Das ist ok. Ich brauche keine Joggingrunde am Morgen. Für mich ist der langsame Spaziergang zum Fluß, die Liege unter dem Apfelbaum und die Bibliothek. Für dich wäre es vielleicht etwas anderes, wer weiß.
Gott kommt jeden Abend vorbei, und das ist gar nicht angsteinflößend, wie du mir immer gesagt hast. Ich freue mich auf ihn. Er fragt mich nach meinem Tag, manchmal legt er mir auch nur kurz die Hand auf die Schulter. Ich frage ihn auch nach seinem Tag, aber ich glaube, er verschweigt mir vieles. Ich liebe ihn sehr.
Noch bin ich ja nicht endgültig hier, sondern zu Besuch. Gott hat mir ein Geschenk gemacht: Er hat mir gezeigt, wie ich das Paradies mitnehmen kann. In einer Tasse Tee, einem Buch, beim Blick in den Himmel und schon ist es da, ganz nah, im Handgepäck.
Liebe Angst, es war schön, nach langer Zeit mal wieder mit dir zu schreiben. Ich bin wirklich froh, dass du Unrecht hattest. Du auch?

Deine (zuversichtliche) Stachelbeermond

Pilger-Begegnung

„Ähem. Hallo?“

„Oh. Hallo.“

„Darf ich mich vorstellen?“

„Ja?“

„Ich bin Ihr Engel für die heutige Pilgerreise.“

„Aha. Schön. Kann ich etwas für Sie tun?“

„Neinnein, umgekehrt, ich kann etwas für Sie tun!“

„Also, eigentlich fühle ich mich gerade ganz wohl. Ist aber nett von Ihnen, zu fragen.“

„Ah, ich sehe, ich störe. Tue ich auch ungern. Aber ich muss. Order von oben, verstehen Sie?“

„Wenn´s denn unbedingt sein muss… was gibt´s denn?“

„Ich soll Sie daran erinnern, nicht nur auf´s Papier zu gucken.“

„Aber der Auftrag lautete, geh pilgern und schreiben!“

„Schon richtig, aber nicht nur schreiben. Bitte beachten Sie, dass gerade eine kleine Raupe über Ihr linkes Bein kriecht.“

„Oh…“

„Genau vor Ihnen blüht eine rosa Blume. Und wenn Sie den Blick bitte einmal nach oben richten würden? Danke. Sehen Sie die Libellen? Und den heute besonders himmelblauen Himmel?“

“ … “

„Schön. Wenn Sie bitte genau jetzt nach vorn ans Ufer blicken würden? Dankeschön. Da fischt ein Eisvogel. Und dahinten steht ein Graureiher.“

“ … “

„Nicht wahr? Und nachdem ich Sie auf den heute extra intensiven Duft nach Erde, Wasser, Gras und Heu hingewiesen habe, ist mein Auftrag erfüllt. Ach ja, Entengeschnatter von rechts, und die Ameise auf Ihrem Fuß – haben Sie die bemerkt?“

„Ja… danke…“

„Nichts zu danken! Ist ja schließlich mein Job!“ (geht leise pfeifend ab und verschmilzt mit dem Wind. Der Eisvogel ist verschwunden.)