Fräulein Honigohr und die graue Dame

Fräulein Honigohr steht in der Küche und backt Kekse, als ihr ein seltsames Gefühl den Rücken hoch läuft. Irritiert dreht sie sich um, aber da ist niemand. Kopfschüttelnd schaufelt sie die restlichen Kekshäufchen aufs Blech und schiebt es in den Ofen, sammelt die benutzten Schalen und Löffel ein und lässt Wasser ins Abwaschbecken laufen. Während sie auf das Wasser wartet, taucht das seltsame Gefühl wieder auf. Ist nicht alles, was sie hier gerade tut, sinnlos? Und hat sie diesen Löffel und diese Schüssel nicht schon hundertmal, ach was, tausendmal abgewaschen? Wozu das ganze wiederholen? Und die Kekse im Ofen, braucht sie die wirklich? Hätte sie nicht auch einfach welche kaufen können? Und wie kühl es in der Küche ist!
Fräulein Honigohr blickt nachdenklich auf das Abwaschwasser, dann dreht sie sich um. „Frau Melancholia! Wie komme ich zu der Ehre?“ Vor ihr lehnt eine dünne graue Dame grazil am Kühlschrank. Sie wedelt sich mit einem grauen Fächer langsam Luft zu, während sie Fräulein Honigohr nachlässig die Fingerspitzen zur Begrüßung hinhält. Fräulein Honigohr haucht vorsichtig einen Kuß darauf. „Wie geht es Ihnen?“ fragt sie höflich. „Möchten Sie einen Tee? Ich hätte frische Kekse da, wenn Sie noch fünf Minuten warten mögen?“
Die graue Dame seufzt. „Ach, Kind. Du weißt doch, ich esse nur selten. Dieser ganze Umstand, nein, das ist mir alles zuviel.“ Am Küchenfenster bildet sich eine Eisblume.
„Dann vielleicht nur den Tee?“
„Nein, nein, mach dir nur keine Umstände, das ist nicht nötig, wirklich nicht… ich wollte nur kurz vorbeisehen und schauen, wie es dir geht. Unter diesen ganzen Umständen.“ Der Fächer bewegt sich etwas heftiger als zuvor.
Fräulein Honigohr lächelt vorsichtig. „Mir? Mir geht es gut. Natürlich nur, soweit die Umstände es zulassen“, schiebt sie schnell hinterher, als sich das Gesicht der grauen Dame verfinstert.
„Soso… dir geht es also gut…“ Die Dame starrt Fräulein Honigohr mit grauen Augen ins Gesicht. „Das ist ja… schön.“ Sie seufzt tief und lange, und die Temperatur in der Küche sinkt um drei Grad.
„Natürlich ist es nicht einfach, gerade“, versucht Fräulein Honigohr zu retten, was zu retten ist.
„Nicht einfach… nicht einfach…“ Die graue Dame schüttelt sanft den Kopf und tupft den Ansatz einer Träne aus ihrem rechten Augenwinkel. Die Küchenwände scheinen sich von unten nach oben grau einzufärben. „Kind, du hast ja keine Ahnung! Was ich ertragen musste in den letzten Monaten! Soviel Arbeit, ich weiß schon gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht… siehst du? All diese grauen Haare!“ Sie streicht mit ihren eleganten grauen Handschuhen über ihr sorgfältig hochgestecktes graues Haar.
Fräulein Honigohr nickt verständnisvoll.
„Und ach! Nur so wenige, die mich zu schätzen wissen! Aber das war ja schon immer so. Vielleicht erwarte ich einfach zuviel.“ Die graue Dame legt ihren Arm entsagungsvoll vor die Stirn. „Dabei möchte ich doch nur respektiert werden. Geliebt zu werden erwarte ich ja schon gar nicht mehr, dabei bin ich es doch, die dem Morgengrauen Tiefe verleiht! Und dem Nebel sein Geheimnis schenkt!“ Sie schluchzt trocken auf und die Küchenlampe verliert an Helligkeit.
Fräulein Honigohr legt sanft eine Hand auf den Arm der grauen Dame. „Ich weiß Sie zu schätzen, Frau Melancholia. Was wäre der Mond ohne Sie? Oder die durchwachten Nächte? Niemals hätten sie eine solche Schwärze, wenn es Sie nicht gäbe.“
Die graue Dame seufzt tief und versucht zu lächeln. „Ich weiß, mein Kind. Du und ich, ach, das war eine schöne Zeit, aber alles geht vorbei und wird zu Asche, nicht wahr… “ Sie sieht sehnsuchtsvoll in die Ferne, was in Fräulein Honigohrs kleiner Küche eigentlich unmöglich ist. Dann richtet sie sich auf. „Aber was verliere ich mich in Erinnerungen! Die Gegenwart ruft mich! Es ist soviel zu tun, von überall werde ich gerufen, ach, wie ich das nur alles schaffen soll!“ Ihr Grau beginnt bei den letzten Worten silbrig zu schimmern und wirft einen fahlen Glanz über Fräulein Honigohrs Küchenmöbel. „Ich muss nun gehen!“ ruft sie theatralisch und wirft beide Hände in die Luft, lässt den grauen Fächer aufklappen und wird durchsichtig. „Bis nächstes Mal, mein Kind! Vermiss mich ruhig, ich weiß, es ist schwer ohne mich…“ Dann ist sie verschwunden.
Fräulein Honigohr atmet tief durch. Ein kleiner Rest Grau hängt noch in der Luft, aber die Temperatur ist schlagartig um fünf Grad gestiegen und alle Farben sind zurück. Die Kekse sind fertig und verbreiten einen himmlischen Duft. Frau Melancholias Besuche sind stets unerwartet, aber immer effektvoll. Fräulein Honigohr nimmt sich einen der warmen Kekse. Es ist von Vorteil, sie immer zur Hand zu haben.

Dein Schweinehund backt Kekse

Dein Schweinehund backt Kekse

Dein Schweinehund läuft in deiner Küche auf und ab und schimpft vor sich hin. „Nie darf man hier ausruhen! Immer muss man irgendwas machen! Dauernd wird man gestört! Da will ich nur einmal eine Sendung sehen, und was ist? Du musst backen! Jetzt! Warum denn ausgerechnet jetzt? Kann das nicht warten?“
Du schlägst das Ei in den Teig und schaltest den Mixer ein. Das Zetermordio deines Schweinehunds verschwindet halb zwischen den Rührgeräuschen.
„… unfähr ist das! … dir dabei gedacht… Streik! … wirst schon sehen…“
Der Teig ist schokoladig dunkel, als du den Mixer ausschaltest. Jetzt kommt das Beste: Kugeln rollen. Du wirfst einen Blick auf deinen Schweinehund. Er läuft kleine Kreise und sticht mit einer Pfote Löcher in die Luft.
„Hatten wir nicht genug Kekse? Hatten wir! Haben wir nicht ein Kilo zugenommen über die Feiertage? Haben wir! Wollten wir uns nicht vorsehen im neuen Jahr? Wollten wir!“ Er stemmt die Pfoten in die Hüften und wirft anklagende Blicke in deine Richtung. „Du bist schuld, wenn ich meine Idealfigur verliere!“
„Wieso?“ Du schubst die Schokokugeln auf das Blech. „Du kannst doch auch einen Apfel essen.“
„Äpfel!“ Dein Schweinehund guckt entrüstet. „Jetzt machst du mir auch noch Schuldgefühle? Es ist eine bodenlose Ungerechtigkeit…“ Er wandert wieder auf und ab und ringt die Pfoten. Schokoladenduft wabert durch die Küche. Die Kekse sind fertig, ein bisschen Karamell ist ausgelaufen. Dein Schweinehund verstummt und guckt aufs Blech. „Oh. Die sehen aber gut aus.“
„Willst du einen?“
Dein Schweinehund windet sich, aber der Schokokaramellduft ist zuviel für ihn. „Ja, bitte.“ Vorsichtig legst du ihm einen heißen Keks auf die Pfote. Er schnuppert daran und beißt hinein. „Die schind gut. Wirklisch. Der Zucker wird misch umbringen, aber egal.“
Du rollst mit den Augen. Du bist einfach zu weichmütig. Aber die Kekse, die sind wirklich gut.

Das war ein Beitrag für die abc.etüden, für die Wochen 01/02.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Ludwig Zeidler, dem Etüdenerfinder. Sie lauten: Zetermordio, weichmütig, backen. Organisiert wird das ganze dankenswerterweise auch in diesem Jahr von Christiane! 😊

19. Dezember, 19. Päckchen

Herrje. Wir nähern uns langsam dem Ende. Das geht ja gar nicht. Ich hab jetzt schon Abschiedsschmerz. Snief.

Aber vorher haben wir noch das nächste Päckchen, ein langes, hohes, schweres heute. Sieht sehr vielversprechend aus!

Und was ist drin??

Wow. Wie cool ist das denn. Moment, da ist noch ein Zettelchen dabei:

Schokolade für die Seele, noch warm vom Blech. Ja, genau das mache ich – aufbewahren für schlechte Tage, an denen Plätzchen die einzige Rettung sind…

17. Dezember, 17. Päckchen

Heute morgen gab es ein knisterndes, butterbrottütenumhülltes Päckchen, verheißungsvoll schwer:

Lauter Köstlichkeiten! Diese Adventszeit ist ziemlich kalorienlastig, das muss ich mal erwähnen, aber wen stört´s? Mich nicht! 🙂

8. Dezember, 8. Päckchen

Heute ist mein Lieblingspäckchen dran – was für eine Verpackung, unglaublich.

Und was ist drin? Kekse! Sofort habe ich Bilder vor Augen, wie ich gemütlich Kekse essend im Zug sitze und meiner Arbeit entgegen fahre. Gedacht, ausgeführt, nur, dass ich dann im Zug eingenickt bin und die kleinen Teilchen mich im Büro bei langwierigen Schreibarbeiten unterstützt haben. Ich bin sicher, dass das nächste Meeting nur wegen ihnen wie geschmiert laufen wird.

Subjektive Weihnachtsliste

Was ich an Weihnachten mag

den Moment, nachdem man sich für einen Weihnachtsbaum entschieden hat
wenn die Wohnung nach Karamellkeksen duftet
ein Geschenk finden, bei dem man sich nicht sicher ist, ob man es nicht doch lieber selbst behält
durch fremde Fenster spicken und geschmückte Tannenbäume suchen
alte Geschichten
neue Geschichten
Kerzen jeder Art
im Dunkeln auf dem Land Auto fahren und Lichter gucken
sich auf Menschen freuen

Was ich an Weihnachten nicht mag

zuviele hektische Menschen auf einem Fleck
lieblose Gaben
wenn schon vor den Weihnachtstagen von Silvester gesprochen wird
Jahresrückblicke im November
Einsamkeit
dunkle Fenster an Heiligabend

Was ich mir an Weihnachten wünsche

weniger Erwartungen
mehr Erwartungen (aber andere)
Zeitstillstand für ein oder zwei Tage. Besser drei Tage.
überfüllte Kirchen
Weihnachtslieder im Gottesdienst, die jeder kennt
Weltfrieden

weihnachtswichtel