Was man als Kind wusste

  • wie man einen Drachen steigen lässt
  • wie man im Moment lebt
  • wie die Haut an Mamas Armen riecht
  • wie man ein Rad schlägt
  • dass man mit schmutzigen Füßen abends schlafen gehen kann
  • warum es erstrebenswert ist, auf Mauern zu balancieren
  • wie es ist, echte Fassungslosigkeit über den Zustand der Erde zu spüren
  • was die Bäume erzählen
  • dass in allen Sandburgen jemand lebt

Was ich gern hören würde

Dass auch die schlimmen Dinge enden und es danach besser wird.
Nachbargeplauder und leises Rauschen im großen Baum gegenüber.
Viel mehr Klavierspiel aus den Räumen unter mir und glückliches Gelächter, wenn ein Notenlauf gelingt.
Sehr gut auf die Frage „Wie geht es dir?“
Immer und immer: All die Vögel!
Das Piepsen des Wasserkochers, wenn der Tee fast fertig ist.
Das Geräusch der Versöhnung, wenn Feinde sich die Hand reichen.
Begeisterten Applaus.

was glücklich macht

  • auf dem Dachboden eine verschrumpelte Anrichte entdecken
  • alles wegräumen, was drum herum, drauf und drunter steht
  • dabei viel Staub einatmen
  • mich in sie vergucken
  • auf den blätternden Lack, das ausgeblichene Holz und die kaputten Furnierstellen gucken und denken, doch, das könnte was werden mit uns
  • jemanden finden, der sie drei Stockwerke nach unten in die Werkstatt trägt
  • die Werkstatt mitbenutzen dürfen
  • zugucken, wie die Anrichte in den folgenden vier Monaten einen Mantel aus Sägespänen bekommt
  • bei 31° Grad beschließen: Jetzt!
  • viel Zeit mit hemmungslosem Schleifen verbringen
  • viel Zeit im Baumarkt verbringen und die perfekten Farben auswählen
  • weiter schleifen, bis man schwitzt wie ein Fisch im Wasser
  • dauernd Besuch in der Werkstatt bekommen
  • vier Anstriche machen und es immer besser finden
  • der Duft des Holzwachses
  • der Anrichte dabei zusehen, wie sie sich stolz wieder aufrichtet
  • fertig werden
  • eine neue Mitbewohnerin haben
  • petrolfarbene Akzente im Wohnzimmer

Was besser ist, als das Treppenhaus sauber zu machen

  • spontan beschließen, einen Ausflug zu machen
  • ans Meer fahren
  • wie der Nordwind an den Haaren zupft
  • wie das Watt im Wind knistert
  • wie die kleinen Wellen flüstern
  • Schlamm zwischen den Zehen haben
  • einen Batman-Drachen bewundern
  • mit der Flut an Land gespült werden
  • dösen mit der Sonne im Rücken
  • nach Hause fahren, ohne den Tag wie eine Zitrone ausgequetscht zu haben
  • glücklich durchs unsaubere Treppenhaus gehen

Hitze-Strategien

  • die Fenster nur abends öffnen
  • Jalousien kaufen
  • sie schwitzend und fluchend anbringen
  • auch für seltsame Fensterformen Jalousien bestellen
  • die Fenster nur nachts öffnen und alle Spinnen willkommen heißen
  • bei der Fledermaus, die sich in mein Wohnzimmer verirrt, nicht schreien (ich vermute, wir waren beide sehr erschrocken)
  • alte Schals ausrangieren und sie von außen vor die Fenster hängen
  • alle vorhandenen Ventilatoren aufstellen
  • es kategorisch ablehnen, den Backofen zu benutzen
  • sehr überlegen, ob ein Frühstücksei nottut
  • trotzdem 28° Grad in der Wohnung haben
  • ein bisschen weinen
  • kapitulieren
  • schwimmen gehen

Sommergefühl

  • früh morgens durstige Blumen versorgen
  • Erdnußbutter-Marmelade-Toast auf dem Balkon
  • alle Jalousien verschließen vor dem Weggehen
  • im T-Shirt das Haus verlassen
  • Morgensonne auf nackten Beinen
  • draußen-Cappuccino mit Kollegen
  • die Bürotemperatur auf 25° steigen lassen, weil es so schön ist, die Geräusche von draußen zu hören
  • abends durch lauwarme Parkluft radeln
  • ein bisschen daddeln bei Hummelgesumm
  • den Krähen beim zu-Bett-geh-Flug zusehen
  • ihre Flügelschläge zischen hören
  • den Mond begrüßen wie einen alten Bekannten
  • ihm beim Wandern zusehen
  • alle Fenster öffnen
  • das kleine Frösteln beim ersten Luftzug mögen
  • sehr viel Eis zu jeder Tageszeit essen
  • sehr sehr viele Eiswürfel machen
  • absolut jedes Getränk damit trinken
  • sich freuen

Corona-Tätigkeiten

  • der Wäsche beim Trocknen zusehen
  • Wolken deuten
  • erstaunt feststellen, dass die Eiswürfel geschmolzen sind
  • Seifenblasenpusten erwägen und verwerfen
  • Nachbarn sehen, die ich noch nie getroffen habe
  • Überlegungen tätigen, warum die Füße nicht gleichmässig bräunen
  • Ameisenpfade entdecken
  • die Bienen im Lavendel als ziemlich übereifrig einstufen
  • Laubbläser sehr, sehr lästig finden
  • das Aufwachen als Sport betrachten

Sommergrippe

  • das zarte Quietschen der Windmühle im Rucculatopf
  • im Lavendel hektisches Gesumm
  • der Tee schmeckt nach Heu
  • von sehr weit her segeln Bläser und Choräle im Blau
  • ein Zipfel Wolkenweiß zerfließt wie Butter in der Pfanne
  • leise knistert die Taschentuchtüte
  • eine Ameise erkundet mein linkes Bein
  • die Unfähigkeit, meine Augen länger als zehn Minuten offen zu halten
  • überrascht sein, was in zehn Minuten alles geht

Was auf dem Tisch liegt

  • 31 Filzstifte, unterschiedlich ausgetrocknet
  • der blaue Sardinenteller aus Praiano
  • ein gelangweiltes Buch
  • ein frisches Buch
  • die Häkeldecke von Mama
  • gezügelte Unbeherrschtheiten
  • der Poesiekalender vom Vorjahr (mit zu vielen leeren Seiten)
  • unentdeckte Gedichte

was ich von hier aus sehe

Weihnachtsbaumanhänger, arbeitslos
malerisch spiegelnde Angriffsflächen
zerknitterte Müdigkeit im Rotwein
Engel mit unausgesprochenen Verspannungen
Ranunkeln mit krummen Flügeln