1. Dezember

Das erste Päckchen! Hurra! Es wurde auch Zeit, das Schwein macht uns wahnsinnig, es rennt durch die Wohnung, als ob’s kein Morgen gäbe. Aber nun ist es soweit.

So eine hübsche Verpackung, die darf ein Zweitleben haben! Und was ist drin?

Bisschen Spannung aufbauen… 😊🐽 das Schwein schnuppert aufgeregt, es muss was Gutes sein.

Schokolade!! Hach… der Dezember fängt sehr gut an. Das Schwein fragt, wie wir die zwei Täfelchen denn jetzt aufteilen? Das wäre doch voll schwierig? Oder ob es einfach alles bekommt und wir anderen gucken morgen? Mein Adventsbegleiter lächelt fein. Ich glaube, das wird ein interessanter Dezember.

Freud und Wonn

Heute morgen galoppierte plötzlich ein Schwein über meinen Küchentisch, bremste mit allen vier Klauen gleichzeitig, dass die Toastkrümel nach allen Seiten davonflogen, und blieb vor meinem Milchglas stehen. „Ich hab gehört, hier gibt’s Geschenke? Kann ich auch eins haben?“
Ich nahm einen Schluck Milch und versuchte so zu tun, als ob morgendliche Schweine auf Frühstückstischen völlig normal seien, man will ja schließlich sein Gesicht wahren. „Wie kommst du darauf?“ fragte ich um Zeit zu gewinnen.
„Och, ich komm viel rum und da hab ich von dir und dem Adventskalenderengel gehört. Und Geschenke kann doch jeder gebrauchen!“ Das Schwein sah mich auffordernd an. „Freud und Wonn, verstehste?“
Ich richtete mich sehr gerade auf. „Nene, da hast du was in den falschen Hals bekommen, Freud und Wonn ist ein ganz anderes Kaliber, da geht es um Hoffnung, Freude, Zuversicht, Erwartung, lauter große Dinge, weißt du?“ Ich legte meine ganze Autorität in die großen Worte. Man muss Prioritäten setzen im Leben.
Das Schwein sah mich ungerührt an. „So’n Quatsch. Freud und Wonn kann überall her kommen. Die kleinen Dinge sind zwar klein, aber nicht weniger wert. Sieh mich an!“ Es sah mich mit seinen Punktaugen an.
„Ich… ich…“ Mir fiel nichts ein.
„Und du sollst doch die Türen hoch und die Tore weit machen, damit jeder durchkommt!“ Das Schwein grunzte.
Naja. Das Lied war zwar nicht ganz so gemeint, aber wenn die Hauptperson durch alle Türen und Tore durch war, konnten doch wirklich alle hinterhergehen, oder? Darüber musste ich nachdenken. „Na gut“, sagte ich, „du kannst mitmachen. Aber du musst meinen Adventsbegleiter noch fragen, ob er einverstanden ist. Und es geht erst am 1. Dezember los.“
„Super!“ rief das Schwein, „dann haben wir einen Deal! Dein Adventskalenderengel ist einverstanden, er hat gesagt, 24 Geschenke seien für einen sowieso viel zu viel. Dann sehen wir uns Donnerstag!“ Es grunzte zum Abschied und galoppierte über meinen Frühstückstisch davon.
Ich sah ihm hinterher. 24 durch drei ergab acht Geschenke, auch nicht übel. Freud und Wonn… ‚Macht hoch die Tür, macht weit die Tor…‘ summte ich vor mich hin, als ich die Küche aufräumte.

Oink lernt Ameisen kennen

„Du“, sagt Oink, „was sind denn das für komische kleine Krabbler hier?“
„Ameisen“, sage ich.
„Die sind aber ganz schön beschäftigt, oder?“ Oink betrachtet eine Ameise, die zielstrebig irgendwohin läuft.
„Allerdings“, sage ich.
„Du klingst gestresst“, stellt Oink fest und betrachtet mich neugierig.
„Allerdings!“ sage ich mit Nachdruck. „Sie könnten sich woanders beschäftigen als auf meinem Balkon!“
„Unserem Balkon“, berichtigt Oink.
„Stimmt. Unserem Balkon.“
„Du magst keine Ameisen?“ fragt Oink.
„Nein. Es sind zuviele. Und ich möchte nicht, dass sie in unsere Wohnung laufen.“
Oink betrachtet die kleine Ameisenstraße auf dem Balkongeländer. „Weisst du, dass sie sich gar nicht unterhalten? Sie summen nur, die ganze Zeit ‚voran, voran, zurück, zurück‘. Das klingt ganz schön stressig.“
„Naja, für ihre innere Ruhe sind Ameisen jetzt nicht unbedingt bekannt“, brumme ich.
„Also, ich arbeite gern“, sagt Oink, „aber die ganze Zeit? Immer? Hm.“
„Ich mache auch gern mit dir Pause“, sage ich und freue mich schon auf die nächste.
„Hören die denn nie auf?“
„Nein“, sage ich, „für die ist es das Höchste, auf Achse zu sein, schaffe, schaffe, Häusle baue und kleine Ameisen machen. Pausen sind da überflüssig.“
Oink schnauft und starrt ungläubig auf die Ameisen im Lavendel. „Ich glaube, ich bin ganz froh, ein Oink zu sein. Ameise sein wäre nichts für mich. Ohne Pausen leben… brrrr.“ Er schüttelt seine rosa Ohren.
Ich nicke. „Na dann. Wie wär´s mit einer Tasse Tee?“
„Ja!“
Und dann beobachten wir friedlich Tee trinkend die emsigen Ameisen, während ein kleiner Wind sanft über Arme und Fell streichelt und auch über die Ameisen, denen das herzlich egal ist.

Oink frühstückt

„Warum ist das Frühstück nochmal die schönste aller Mahlzeiten?“ fragt Oink und isst schmatzend eine Erdbeere.
„Tja. Was meinst du?“ sage ich und nehme einen Schluck Tee, während die Mauersegler über uns hinweg zischen, eine kleine Biene in den Schnittlauchblüten schwelgt und zwei Marienkäfer versuchen, einen Ausweg aus dem Sonnenschirm zu finden.
„Weil man besonders viel Hunger hat am Morgen?“ fragt Oink und weicht einer Ameise aus.
„Vielleicht“, sage ich und köpfe mein Frühstücksei. Eine warme Brise streichelt mir über die Arme.
„Oder weil der Tag noch vor einem liegt?“ fragt Oink.
„Könnte sein“, sage ich und streue Salz über das perfekt gekochte gelbe Dotter.
„Nein!“ ruft Oink, „ich hab´s! Weil du ungestraft Schokocreme essen darfst!“
„Ab-so-lut!“ sage ich und betrachte liebevoll das Glas mit Schokocreme. Auch, wenn ich heute lieber Zitronenmarmelade essen werde.

Kleines Sommer-Expeditionsintermezzo IV

Samstag, 7. Augustus 2021

Wurde heute im Schilfwald fast von Schlingwicken erdrosselt. Diese Spezies ist aggressiv, es umwickelt selbst das scharfkantige Seegras und ringt es zu Boden. Ein paar kräftige Machetenhiebe zeigten den Wicken, wo sie hingehören.
Gejammer in der Mannschaft. Oink gab mir zu verstehen, dass sie Essen bräuchten, immer nur Seetang wäre nicht ausreichend. Jammerlappen! Gab den Befehl, aus meinen Privatvorräten Heidelbeerpfannkuchen zu verteilen, anschließend friedliche Stille. Glücklicherweise befindet sich hinter dem Hügel das Ziel der Expedition. Morgen sage ich es ihnen.
Expeditionsergebnisse: Diese Insel ist wehrhaft. Die Einheimischen pflegen seltsame Bräuche, die Pflanzen- und Tierwelt ist gefährlich und exotisch. Besiedelung ausgeschlossen. Meine tapferen Männer und Oink haben tadellos gedient. Ein bisschen Schwund ist überall. Glück auf!

Kleines Sommer-Expeditionsintermezzo III

Freitag, 5. Augustus 2021

Beobachtete ein Drama. Ein Drache hatte einen der Einheimischen gefangen und mit langen, scheinbar klebigen Fäden an sich gefesselt. Das Opfer versuchte, dem Drachen zu entkommen, aber die Fäden waren zu stark. Der Drache (schlangenförmig, schwarz mit gelben Augen) zog ihn erbarmungslos über das Wasser, bekam ihn aber nicht in die Luft. So führten sie einen unerträglich langen Kampf. Ich war erschüttert, konnte dem bedauernswerten Opfer aber nicht helfen.

Kleines Sommer-Expeditionsintermezzo II

Donnerstag, 4. Augustus 2021

Wetter heute sonnig. Moderater Wind. Wurde beim Muschelsuchen von Fischen gejagt. Verlor Haut an den Zehen, gewann aber den Kampf. Seltsam gewandete Einheimische stürzten sich fast nackt in die Fluten. Fand nicht heraus, was der Grund für dieses selbstmörderische Verhalten war. Mit Fell bedeckte Verfüssler jagten kleinen, bunten Dingen hinterher, die die Einheimischen ins Wasser warfen. Da sie sie danach wieder an die Einheimischen abgeben mussten, sehe ich keinen Sinn in diesem Verhalten. Vielleicht hoffen die Einheimischen, die Verfüssler würden beim Versuch, die Dinge aus dem Wasser zu holen, von den Fischen gefressen.
Verlor einen Matrosen im scharfkantigen Seegras. Hörte ihn noch schreien, aber das Seegras hatte ihn bereits verschluckt. Glücklicherweise blieb seine Uniform bei uns, aus mir unerfindlichen Gründen hatte er sich bis auf das Untergewand ausgezogen.

Suchbild mit Oink

Kleines Sommer-Expeditionsintermezzo I

Beginn der Expedition am Mittwoch, 4. Augustus 2021.

Verstaute Wasservorräte und sorgte für gutes Schuhwerk, unerlässlich bei schwierigem, sandigem Untergrund. Aufgrund der Gewichtsüberlastung sparte ich an Proviant. Bin sicher, von Fisch, Krabben und Möweneiern überleben zu können. Mein treuer Begleiter Oink sorgte sich um mich. Beruhigte ihn. Sollte ich umkommen, könne er meine Haut als Pergament verwenden, um letzte Botschaften zu hinterlassen. Bin etwas besorgt wegen momentanem Sonnenbrand. Könnte Botschaften unleserlich machen.
In der Ferne heult der Wind, die Möwen kreischen, als ob es um ihr Leben ginge. Am Himmel dräuen schwarze Wolken. Bin guter Dinge. Das Wiesengras stand hoch heute morgen. Möge Gott mit uns sein.

Oink hat Umzugsfragen

„Was ist umziehen?“ fragt Oink.
„Man packt alle Sachen ein, die man hat und trägt sie in eine andere Wohnung“, antworte ich.
„Aha“, sagt Oink. Er sieht sich um. „Alles?“ fragt er.
Ich nicke.
Er verschwindet im Flur und kommt nach ein paar Minuten wieder, als ich gerade den letzten Schluck Tee trinke. „Wirklich alles? “ fragt er. Es klingt ungläubig.
Ich nicke.
„Warum machst du das?“ fragt er.
Ich überlege. „Weil es mir hier nicht mehr gefällt“, sage ich schließlich, aber ganz stimmt das nicht.
„Das stimmt nicht“, stellt Oink fest, „du hast erst gestern gesagt, du magst den Küchenfußboden. Und den Ausblick.“ Er lehnt sich an meine noch warme Tasse.
Ich lehne mich zurück. „Weil…“ fange ich an und verstumme. „Das ist gar nicht so einfach.“ Oink wartet. „Ich glaube, meine Zeit hier ist vorbei. Sie war schön und manchmal auch nicht schön, aber es war immer irgendwie ok. Bis jetzt. Es fühlt sich nicht mehr richtig an.“ Ich hoffe, er versteht mich.
„Passt sie dir nicht mehr?“ fragt er, „vielleicht bist du zu groß geworden? Obwohl ich nicht finde, dass du gewachsen bist“, fügt er kritisch hinzu.
„Doch!“ sage ich, „das ist es: Ich bin aus ihr herausgewachsen.“
„Aha“, sagt Oink. Er setzt sich auf meinen Tellerrand. Er guckt immer noch kritisch. „Du siehst wirklich nicht größer aus als sonst“, sagt er, „aber wenn du meinst… wann ziehen wir denn um?“
„Bald“, sage ich und lächle.
„Und du willst das wirklich alles mitnehmen?“ fragt Oink. Er sieht von unten nach oben und von links nach rechts.
Ich nicke.
Oink kräuselt die Nase. „Vielleicht bist du auch aus einigen Sachen herausgewachsen? Wie aus der Wohnung?“
Ich bin überrascht. „Vielleicht? Ich muss überlegen“, sage ich und stütze das Kinn in die Hand.
„Mach das“, sagt Oink. „Ich gehe und sage allen Bescheid, das wir umziehen. Das wird aufregend!“

Kurz vor unserem Gespräch: Oink macht seinen Job.

Karamellbad

Oink badet

„Das ist ganz schön braun hier, oder?“ fragt Oink.
Ich versuche, nirgendwohin zu gucken, während ich meine Zähne putze. „Stimmt“, nuschle ich.
„Sogar die Vorhänge“, stellt Oink fest.
Ich nicke.
„Und dunkel ist es auch. Bis auf die Lampen. Die sind SEHR hell“, sagt Oink und blinzelt in die Scheinwerferlampen.
Ich nicke und gucke in den Spiegel. Mist. Viel zuviel zu sehen.
„Vielleicht mögen die hier Karamell“, sagt Oink.
Ich schürze die Lippen.
„Und Schokolade. Darum ist es auch so warm hier. Das liegt gar nicht an der Heizung! Die mögen heiße Schokolade mit Karamell!“ Oink hopst auf der Spiegelablage herum. „Und das wollen sie schon vor dem Frühstück!“
Ich starre ihn an. Naja. Dann gucke ich auf die karamellfarbenen Fliesen, die hellbraune Dusche und die goldbraunen Vorhänge.
Warum nicht?
„Lass uns frühstücken gehen“, sage ich.
„Gibt es Kakao?“ fragt Oink.