Ausgelesen: Gegenzug. Von Dick Francis.

Ich mag die Krimis von Dick Francis. Es sind solide, ein wenig altmodische Kriminalromane, die immer im Rennmilieu spielen. Ehre und Anstand stellen hohe Werte dar, die ganz selbstverständlich gegen alle Widerstände verteidigt werden, seien sie auch noch so herausfordernd. Dabei sind seine männlichen Hauptfiguren meist eher wortkarg, erklären sich wenig und lehnen überbordende, nach außen getragene Emotionalität ab, haben aber, um mit Jane Austen zu sprechen, ein reiches Innenleben (das wollte ich immer schon mal irgendwo anbringen 🙂 ).

Mir gefallen die Bücher wohl vor allem deswegen, weil hier Gut und Böse relativ klar voneinander getrennt sind und jemand das tut, was getan werden muss. Niemals muss sich jemand größer machen als er ist, und alles scheinen und glänzen ist für diese Romanhelden unnötig. Die Bücher sind wie klares Wasser, erfrischend, klärend, zurechtrückend.

In diesem Buch geht es um einen raffinierten Betrug und Erpressung, der Antagonist ist schön böse, der Held schön pragmatisch, und der geheime Held ist ein kanadischer Luxuszug, der kostbare Pferde mitsamt Trainern, Besitzern und Rennbahnbesuchern zu verschiedenen Rennbahnen in Kanada transportiert. Und auf dieser Bahnreise passiert so einiges…

Navifahrten

Mein Navi sagt mir, ich soll abbiegen, und zwar in exakt vierhundert Metern.

Ich habe aber keine Lust, da abzubiegen. Da sieht´s langweilig aus.

Das Navi weiß genau, wie resistent ich sein kann und wiederholt die Anweisung, jetzt in zweihundert Metern, abbiegen, pronto!

Nö. Will ich nicht. Und fahre geradeaus. Es kurvt gerade so schön. Und stand da vorhin auf der Karte nicht was von einem See? Wieso führt mich das Navi nicht zum See? Es sollte mich doch mittlerweile kennen.

Das Navi kämpft um die Oberhand. „Bitte wenden!“

Tja, Pech gehabt. Das Steuer gehört mir.

Das Navi schweigt. Stumm zeigt es den Weg, den ich gerade entlang fahre. Dann versucht es, mich in regelmässigen Abständen auf den geraden Pfad zurückzuführen. Ich lächle.

Nach ein paar Kilometern lenke ich ein. Na gut. Langsam bekomme ich Hunger, und der See taucht nur in weiter Entfernung kurz mal auf. Ich überlasse meinem Navi das Kommando. „Links abbiegen! Im Kreisel die dritte! Der Straße folgen! Rechts, dann schräg rechts halten, dann links…“

Woooaa! Und schon bin ich falsch. Diese Straße hier sieht eng aus. Wo bin ich? Das Navi schweigt. Es muss überlegen. Dann, mit frischer Kraft: „Rechts. Geradeaus. Folgen!“ Die Straße wird immer enger. Es gibt keine Verkehrszeichen. Der Mittelstrich ist verlorengegangen. Wald auf der einen, hohe Büsche auf der anderen Seite. Das Sträßchen schlängelt sich wie eine Kreuzotter. Was, wenn mir jetzt jemand entgegenkommt? Schwitzend umkurve ich Schlaglöcher und riesige Pfützen. Das hier wird doch wohl nicht zum Feldweg? Eine einsame, uralte Stromleitung an Holzpfählen begleitet mich noch ein Stück, dann hört auch das auf. Der Asphalt weicht Schotter. Mit Tempo fünfundzwanzig fahre ich über die knirschenden Steine. Keine Wendemöglichkeit. Mein Navi schweigt. Noch anderthalb Kilometer diese Straße entlang, lese ich.

Dann, endlich: Eine Asphaltstraße! Mit Mittelstreifen! Ich atme auf. Fünfhundert Meter weiter spricht das Navi plötzlich wieder: „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“

Misstrauisch starre ich auf den kleinen Bildschirm. Hat es etwa gerade… Nein. Unbewegt blinkt es auf dem Zielpunkt. Trotzdem. Wenn ich mich nicht sehr irre, klang da tiefe Befriedigung aus seinem Schlusssatz.

Herr Wirt! Frau Wirtin!

Betten, Bad und Luft sind hier vorzüglich.

Ganz grandios das Spiegelei zum Frühstück!

Aber eins muss ich bemängeln:

(Und ich will hier niemand gängeln)

Eure Mücken lasst ihr hungern,

ich seh sie ganztags lungern

mit großem Appetit,

und ich fürchte, es gibt mich

im Frühstücks-, Mittags-, Abendlicht!

Ausgelesen: Feuerrot. Von Nina Blazon.

Nina Blazon ist eine meiner Lieblingsautorinnen. Sie kann historische Romane, Fantasy, Jugendbuch, Erwachsenenroman – und alles ist gleich gut, immer hervorragend recherchiert, klug, nie belanglos, mit differenzierten Figuren. Ihre weiblichen Protagonisten sind starke Frauen mit Fehlern, nie perfekt, aber immer berührend. Dabei schont sie weder ihre Figuren noch den Leser – ein Happy End im herkömmlichen Sinn gibt es nicht immer. Und, was mir wichtig ist, sie gehört zu den wenigen Autorinnen, die überwiegend Einzelbände schreiben, was mir sehr gut gefällt. Natürlich mag ich auch die Serien, aber wenn die Geschichte wirklich gut erzählt ist, die Details stimmen, braucht es keine drei oder vier Bände. Einer spricht für sich, und beim nächsten Band von ihr kann man aufs Neue gespannt sein, was da wohl kommen wird.

„Feuerrot“ stand bei mir untypischerweise recht lange im Regal der ungelesenen Bücher. Es geht um Hexenverfolgungen im Mittelalter, und dieses Thema finde ich fürchterlich und grausam. Es gibt so viele Bücher darüber, und ich habe schon so viel darüber gelesen, dass es eigentlich für den Rest meines Lebens reicht. Die Ungerechtigkeit, all die schlechten Seiten der Menschen, die in diesem Themenbereich zum Vorschein kommen: Schrecklich. Und, wie oben schon erwähnt, Nina Blazon schont weder ihre Figuren noch ihre Leser, also kann alles passieren. Und so stand das Buch, und stand, und stand… bis ich es jetzt im Urlaub endlich angegangen bin.

Das Buch ist als Jugendbuch konzipiert, wirkt aber sehr erwachsen. Es ist spannend, gut geschrieben, die Figuren authentisch. Der Leser taucht kopfüber in die Zeit ein und lernt recht schnell, dass Menschen sich in den letzten fünfhundert Jahren wenig verändert haben, nur die Umstände sind besser geworden. Erzählt wird unter anderem auch die Entstehungsgeschichte des Hexenhammers, das Buch, das in den folgenden Jahrhunderten verhängnisvoll zum Tod unzähliger Frauen auf Scheiterhaufen beigetragen hat. Die Sprache ist schön, nicht ganz so komplex wie bei ihren Büchern für Erwachsene, aber trotzdem immer treffend. Mir fiel das Lesen trotzdem nicht leicht, denn, wie gesagt, ich finde dieses ganze Thema schrecklich, und natürlich geht es auch hier nicht ohne Opfer ab. Und da man weiß, wie es in den nächsten Jahrhunderten weitergeht, ist auch das vergleichsweise versöhnliche Ende im Buch für mich keine Erleichterung.

Mein Fazit: Ein gut geschriebenes, spannendes, informatives Buch von einer großartigen Autorin. Empfehlenswert für alle, die gerne historische Themen lesen.

Wenn einer eine Reise tut…

… dann holt ihn manchmal die Vergangenheit ein.

Heute bin ich zum ersten Mal seit acht Jahren wieder mit einer Fähre gefahren, von Cuxhaven nach Brunsbüttel. Eigentlich ja ein Witz von Fährüberfahrt, eine Stunde und fünfzehn Minuten, das Land verschwindet niemals dramatisch am Horizont, nein, der grüne Saum begleitet das Schiff während der ganzen Fahrt.

Und trotzdem: Die Geräusche, das Alarmsignal, wenn der Bug der RoRo-Fähre sich nach unten senkt, das Schwappen der Wellen gegen die Bordwände und der Geruch nach verbranntem Diesel – genau wie damals. Sofort ist alles wieder da, das Gefühl von: „Das ist mein Schiff!“, und dieser kleine Stolz, wenn alles reibungslos klappt, die Abfahrt pünktlich, die PKW-Einweiser rauhbeinig, aber kompetent sind, wenn die Sonne kurz durch die Wolkendecke guckt – alles meins. Früher war noch die Gewissheit dabei, dass ich eine Vielzahl der Fahrzeuge und Kabinen an Bord für die Passagiere gebucht hatte und verantwortlich für jede Menge Urlaubsglück, aber auch Urlaubsweh war. An Bord landete ich wie heute irgendwann immer mit den Ellenbogen auf der Reeling, den Blick abwechselnd aufs Meer und die Passagiere gerichtet, immer auf der Suche nach Deutschen, die vermutlich über unser Büro gebucht wurden.

Vom Schiff aus ist es nur ein kleiner gedanklicher Schwimmzug und schon bin ich in meinem alten Büro, Großraum, alle Fenster auf die laute vierspurige Straße hinaus. Selbstverständlich ein Raucherbüro mit verdrecktem Teppichboden in dunkelgrau, alten Stahlschränken und einem Sammelsurium aus Schreibtischen und Büromöbeln, die in der übrigen Firma keiner mehr haben wollte. Aus diesen unmöglichen Räumen heraus haben wir für zigtausende Menschen Träume wahrgemacht, Norwegen, Schweden, Irland, Großbritannien und Tunesien, wir haben geplant, organisiert, Wartelisten geführt, doch noch den Platz mit Stromanschluss für den Kühlanhänger ergattert, die Kabine gefunden, ohne die die Überfahrt nicht möglich gewesen wäre. Wir haben bei den Reedereien um den Erlass von Stornogebühren gebettelt und hatten oft, aber nicht immer Erfolg. Es gab Stammkunden, die uns norwegische Schokolade schickten. Einmal fanden wir einen frisch geangelten und geräucherten Lachs in einem Paket.

Ein Wochenende im Sommer verbrachte ich mit einem norwegischen Programmiererteam im Büro, als das erste Buchungssystem am PC eingerichtet wurde. Wir gingen einmal am Tag online und übermittelten die gebuchten Daten, weil alles andere viel zu teuer gewesen wäre. Wir liefen barfuß oder auf Socken und bestellten Pizza, weil man das in Norwegen so macht.

Ich ließ mich von meinem Chef anbrüllen, brüllte zurück und musste mich entschuldigen. Unser Kühlschrank und die Mikrowelle standen zusammen mit den Servern und einem alten Telex im Faxraum, in dem wir über vier verschiedene Faxgeräte mit der Welt kommunizierten. Im Sommer war es stickig warm, im Winter verraucht und stickig warm.

Es war eine großartige Zeit. Alles war neu und noch ohne Routine, ich konnte mich ausprobieren, da noch niemand wusste, wie es lief. Später änderten sich die Dinge, aber so ist das: Alles ändert sich. Bis dahin aber war es meine glücklichste Zeit im Arbeitsleben, und alles das kam zurück, als die kleine Elbfähre sich an den Anleger schob und PKW und Wohnmobile ausspuckte.

Straßen werden überbewertet. Man sollte viel öfter die Fähre nehmen.

Los!

Du fährst los.

Dein Schweinehund jammert und ächzt. „Was soll denn das? Wozu denn diese ganze Mühe? Hätten wir nicht einfach zu Hause bleiben können? All das Planen und Packen und Schleppen! Und jetzt regnet es auch noch! Fehlt nur noch, dass wir diese blöde Fähre verpassen, auf die du ja so unbedingt wolltest! Wenn wir schon all diese Unbequemlichkeiten auf uns nehmen müssen, hättest du doch wenigstens die normale Strecke fahren können, aber nein, es muss ja die Fähre sein! Und wozu? Guck doch! Hier sieht´s aus wie zuhause, auch nur Felder, Bäume und dieselben Regenwolken wie immer. Hab ich´s dir nicht gesagt?“

„Halt die Klappe“, antwortest du. „Es sind andere Felder, Bäume und Wolken als zuhause.“

Und dann freust du dich, weil der Wind über Silberpappeln weht, du die Straße nicht kennst, dich verfährst und dann doch noch rechtzeitig am Meer ankommst.

Dein Schweinehund schmollt. Aber du könntest schwören, dass er interessiert in der salzigen Luft herum schnuppert, wenn du gerade nicht hinguckst.

Ausgelesen: Infinity Drake – Jagd in der verbotenen Stadt. Von John McNally.

Großartig. Einfach großartig, genau wie sein Vorgänger. Es geht weiter mit dem auf 9mm Größe geschrumpften Infinity Drake, genannt Finn, und die neue Geschichte ist wirklich genauso gut wie Band 1 – also großartig. Erwähnte ich das schon?

Das hier ist ein Actionthriller mit Witz, Humor, Spannung, sehr viel Mut und einem wundervollen Bösewicht, der mich immer wieder an die ersten James Bond-Schurken erinnert, als sie noch ironisch, süffisant und exzentrisch sein durften. Eigentlich ist es ein Buch für Kinder und Jugendliche, die Technik, Chemie und Physik schätzen, ihre Freunde lieben und Bücher mit hohem Tempo mögen. Aber ich habe beschlossen, für mich ist das genauso, auch wenn ich immer froh war, wenn die Türen des Physik- und Chemielabors sich hinter mir schlossen. SO mag ich das auch! Und ich freue mich auf Band 3!

Ausgelesen: Es muss wohl an dir liegen. Von Mhairi McFarlane.

Noch ein Liebesschmöker von dieser zur Zeit ungeheuer populären Autorin. Er fiel mir in der Bibliothek (fast von selbst) in die Hände und da konnte ich einfach nicht widerstehen. Und warum auch? Es ist wieder ein gut geschriebener, sehr unterhaltsamer Roman mit sympathischen Hauptfiguren, es gibt wenige Momente, in denen man Delia, die Hauptfigur, schubsen möchte, die ein oder andere Seltsamkeit kann man gut überlesen – sehr nette Ferienlektüre! Und alle Romantikerinnen seufzen… 🙂

Ausgelesen: Reckless. Steinernes Fleisch, Lebendige Schatten und Das goldene Garn. Von Cornelia Funke

Ich liebe Tintenherz. Das muss hier zuallererst gesagt werden. Tintenherz ist für mich das Maß aller Dinge. Ich habe mal einer Freundin die drei Bände Tintenherz ausgeliehen, sie hatte vorher noch nie Fantasy-Literatur gelesen und war sehr skeptisch. Danach war sie bekehrt, aber bei jedem weiteren Buch enttäuscht, denn nichts kam an Tintenherz heran. Meine Schwester meinte dazu nur, tja, selber schuld, du kannst doch jemandem nicht als allererstes so etwas zu lesen geben, wie soll es denn da noch eine Steigerung geben? Sie hatte wie meistens Recht.

Nun zu Reckless. Da ich von Tintenherz wie berauscht war, bin ich mit großen Erwartungen an Band 1 gestartet. Und war fürchterlich enttäuscht. Es war ganz anders geschrieben, viel luftiger, weniger dicht, die Sprache war einfacher, die Handlung ging viel schneller voran. Es erinnerte mich wie in vielen anderen Rezensionen beschrieben an eine Art Vor-Drehbuch für einen Film. Ich habe nicht mal das erste Drittel des Buches gelesen, dann musste ich es weglegen. Es ist mir noch nie passiert, dass ich auf eine Autorin wütend war, aber hier ist es mir passiert.

Zwei Jahre später fiel mir in der Bibliothek zufällig Band 2, Lebendige Schatten, in die Hände. Tintenherz ist mittlerweile einige Jahre entfernt und die Erinnerung an die Schreibweise dort ist nicht mehr so frisch, also dachte ich mir, ich könnte es ja nochmal probieren. Und dieses Mal hat es gefunkt zwischen uns. Die Ideen, die leicht melancholische Grundstimmung, die schnellen Wechsel zwischen den Protagonisten, und überhaupt, die Protagonisten! – ohne die hohe Erwartung ließ es sich bestens lesen. Sehr schnell folgte dann Band 3, Das goldene Garn, und dann habe ich auch den Rest von Band 1 noch gelesen. Jetzt bin ich versöhnt und in großmütiger Haltung – doch, doch, ein Autor darf durchaus mal seinen Schreibstil ändern, wenn er das möchte. Er muss dann nur damit rechnen, dass ich ein oder zwei Jahre brauche, bis ich aus meiner Schockstarre erwache.

Und nun warte ich auf Band 4.

Hier fehlt Band 2, der schon wieder in der Bibliothek auf neue Leser wartet.