Schwein gehabt

Große Dinge werfen bunte Schatten voraus, und so hat das Schwein es tatsächlich geschafft, meinen Adventsbegleiter früher als sonst vom Dachboden zu locken. Er hat mich gefragt, wie es denn so in der Welt stünde nach seinem elfmonatigen Winterschlaf, und meine Antworten haben ihn sehr nachdenklich aussehen lassen. Dem Schwein war das ziemlich egal. Es hat gefragt, ob wir wüssten, was für ein Schwein es sei, und als wir nur falsche Antworten gegeben haben, hat es uns die Auflösung gegeben: Ein Danke-dass-Sie-bei-uns-eingekauft-haben-Schwein sei es. Niemand hätte es einfach so haben wollen, es sei eine Draufgabe gewesen, eine oftmals unerwünschte, und er und seine Begleiter hätten neben erfreulichen auch einige sehr unerfreuliche Erlebnisse gehabt, aber das sei eben Teil des Lebensrisikos, und Teil des Lebens sei es auch, im Dezember morgens ein Geschenk auspacken zu dürfen, also er zumindest. Ob ich das auch so sehen würde?
Mir fiel nichts Gegenteiliges ein, nur, dass wir uns natürlich abwechseln würden, Teilen sei das Wort der Stunde. Das Schwein nickte. Dann nahm er meinen Adventsbegleiter und galoppierte mit ihm zum Adventskalendertisch, wo sie sich etwa eine Stunde lang über Art, Form und Verpackung der Päckchen austauschten, während ich Brote belegte, Tee trank und mich für die Arbeit fertig machte. Seitdem war ich noch nicht wieder zu Hause, aber ich weiß es in guten Händen. Der 1. Dezember kann kommen.

heute nahm ich

heute nahm ich
eins der Wörter
vom Friedhof
der ungesagten Dinge
mit ins Licht
und siehe
es war quicklebendig

Der Dienstag dichtet!  
Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht.
Auch Wortgeflumselkritzelkram
Mutigerleben
Werner Kastens
Nachtwandlerin
Gedankenweberei
Wortverdreher
Dein Poet
Geschichten mit Gott
Suses Buchtraum
Wortmann
Petra schreibt
Traumspruch
und Lyrik trifft Poesie
sind mit von der Partie.
Viel Freude bei allen Besuchen!

Freud und Wonn

Heute morgen galoppierte plötzlich ein Schwein über meinen Küchentisch, bremste mit allen vier Klauen gleichzeitig, dass die Toastkrümel nach allen Seiten davonflogen, und blieb vor meinem Milchglas stehen. „Ich hab gehört, hier gibt’s Geschenke? Kann ich auch eins haben?“
Ich nahm einen Schluck Milch und versuchte so zu tun, als ob morgendliche Schweine auf Frühstückstischen völlig normal seien, man will ja schließlich sein Gesicht wahren. „Wie kommst du darauf?“ fragte ich um Zeit zu gewinnen.
„Och, ich komm viel rum und da hab ich von dir und dem Adventskalenderengel gehört. Und Geschenke kann doch jeder gebrauchen!“ Das Schwein sah mich auffordernd an. „Freud und Wonn, verstehste?“
Ich richtete mich sehr gerade auf. „Nene, da hast du was in den falschen Hals bekommen, Freud und Wonn ist ein ganz anderes Kaliber, da geht es um Hoffnung, Freude, Zuversicht, Erwartung, lauter große Dinge, weißt du?“ Ich legte meine ganze Autorität in die großen Worte. Man muss Prioritäten setzen im Leben.
Das Schwein sah mich ungerührt an. „So’n Quatsch. Freud und Wonn kann überall her kommen. Die kleinen Dinge sind zwar klein, aber nicht weniger wert. Sieh mich an!“ Es sah mich mit seinen Punktaugen an.
„Ich… ich…“ Mir fiel nichts ein.
„Und du sollst doch die Türen hoch und die Tore weit machen, damit jeder durchkommt!“ Das Schwein grunzte.
Naja. Das Lied war zwar nicht ganz so gemeint, aber wenn die Hauptperson durch alle Türen und Tore durch war, konnten doch wirklich alle hinterhergehen, oder? Darüber musste ich nachdenken. „Na gut“, sagte ich, „du kannst mitmachen. Aber du musst meinen Adventsbegleiter noch fragen, ob er einverstanden ist. Und es geht erst am 1. Dezember los.“
„Super!“ rief das Schwein, „dann haben wir einen Deal! Dein Adventskalenderengel ist einverstanden, er hat gesagt, 24 Geschenke seien für einen sowieso viel zu viel. Dann sehen wir uns Donnerstag!“ Es grunzte zum Abschied und galoppierte über meinen Frühstückstisch davon.
Ich sah ihm hinterher. 24 durch drei ergab acht Geschenke, auch nicht übel. Freud und Wonn… ‚Macht hoch die Tür, macht weit die Tor…‘ summte ich vor mich hin, als ich die Küche aufräumte.

Vorahnung

Grauwolken verheddern sich
der kleine kalte Wind reibt sich die Hände
kriecht zitternd hinter die Ohren
und trotzdem
trotzdem
keimt etwas Warmes
Adventsglühen liegt in der Luft

Der Dienstag dichtet!  
Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht.
Auch Wortgeflumselkritzelkram
Mutigerleben
Werner Kastens
Nachtwandlerin
Gedankenweberei
Wortverdreher
Dein Poet
Geschichten mit Gott
Suses Buchtraum
Wortmann
Petra schreibt
Traumspruch
und Lyrik trifft Poesie
sind mit von der Partie.
Viel Freude bei allen Besuchen!

Was man als Kind wusste

  • wie man einen Drachen steigen lässt
  • wie man im Moment lebt
  • wie die Haut an Mamas Armen riecht
  • wie man ein Rad schlägt
  • dass man mit schmutzigen Füßen abends schlafen gehen kann
  • warum es erstrebenswert ist, auf Mauern zu balancieren
  • wie es ist, echte Fassungslosigkeit über den Zustand der Erde zu spüren
  • was die Bäume erzählen
  • dass in allen Sandburgen jemand lebt

ungerührt II

in der Nacht
gab es Abschiede
Anfänge wurden gesät
der Schlaf war wählerisch
und schnell beleidigt
bis zum Morgen warf der Mond
lange Schattennetze
über das Land
fing die Schlaflosen ein
und ich
weiß nichts davon
schneide Apfelschnitze am Morgen
sortiere Kerngehäuse aus
trinke süßen Tee
ahnungslos
ungerührt

Ich muss sagen, mein heutiges Dienstags-Gedicht hat mir sehr deutlich gezeigt, dass meine gut gemeinten Hintergrund-Gedanken nicht auftauchen, wenn ich sie nicht hinschreibe. Hier also das Gedicht, wie es gemeint war. Hoffe ich zumindest. Man weiß ja nie. 😁

ungerührt

in der Nacht
gab es Abschiede
Anfänge wurden gesät
der Schlaf war wählerisch
und schnell beleidigt
bis zum Morgen warf der Mond
lange Schattennetze
über das Land
fing die Schlaflosen ein
und ich
schneide Apfelschnitze am Morgen
sortiere Kerngehäuse aus
trinke süßen Tee
ungerührt

Der Dienstag dichtet!  
Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht.
Auch Wortgeflumselkritzelkram
Mutigerleben
Werner Kastens
Nachtwandlerin
Gedankenweberei
Wortverdreher
Dein Poet
Geschichten mit Gott
Suses Buchtraum
Wortmann
Petra schreibt
Traumspruch
und Lyrik trifft Poesie
sind mit von der Partie.
Viel Freude bei allen Besuchen!

Seen und Flüsse

Gott sticht mit der Gabel vorsichtig in die Zitronentorte und angelt nach einem Stückchen Amalfizitrone, die so schön sauer ist zwischen all der Süße. Die Berge zu machen war gut und notwendig, keine Frage, aber jetzt muss noch etwas mit dem Wasser passieren. Es müsste größere Stellen geben, an denen es sich sammeln und ausruhen kann, denkt Gott, immer unterwegs sein kann ja niemand. Jeder braucht Pausen. Ich nicht, flüstert der Heilige Geist und weht, wohin er will. Aber ich, brummt Gott und überlegt, ob er einen Ruhetag einführen sollte.

Während er über den Wassern schwebt, denkt Gott an Tiefe. Wasser müsste tief sein dürfen, ruhig und klar, und nicht zu warm. Die Oberfläche müsste weit sein, damit kleine Wellen entstehen können und damit die Sonne Kringel darauf malen kann. Während er denkt, wirft die Erde sich ihm zu Füßen und bildet einen tiefen Krater. Der nahe Fluss stürzt sich ohne Nachdenken hinein und Gott stupst seine Fingerkuppen aneinander und lächelt. Ein See! Das ist es.

Als Gott angefangen hat, kann er nicht wieder aufhören. Er macht große Seen, kleine Tümpel und solche, die fast so groß sind wie das Meer. Am liebsten würde er überall Seen haben, aber das geht nicht, das wäre ja schon wieder langweilig, also lässt er es und verstreut stattdessen Mangrovenwälder an den Küsten, füllt ein paar Vulkankrater und streut Quellen wie Konfetti über das Land. Wasser ist Leben, denkt er, und es ist wie das Leben, quecksilbrig, immer in Bewegung, aber auch immer bereit, zur Ruhe zu kommen, wenn man es lässt.

Gott sitzt am See und atmet tief ein. Hier kann man ausruhen. Die Dinge der Welt sammeln sich über der weiten Fläche und ordnen sich neu. Der Heilige Geist hat genug Platz, und überhaupt, es ist Platz über dem See! Nichts, was das Auge aufhält, nur die Ufer. Das Wasser mischt sich neu, strömt umeinander, bevor es den See wieder verlässt, bereit zu neuen Taten. Wunderbar, denkt Gott, so ist es gut, aber der Luft fehlt etwas, und das Wasser fühlt sich allein. Vielleicht sollte ich etwas machen, das fliegen kann? Wie ich?, flüstert der heilige Geist. Gott nickt. Auf jeden Fall. Und etwas, das schwimmen kann. Und danach machen wir Menschen, sagt Gott in die Luft. Die Worte prickeln wie Brausepulver.

Bananen

Ich mag keine Bananen. Naja, im Notfall esse ich sie, wenn nichts anderes da ist oder eine Banane die einzige Möglichkeit ist, etwas mitzunehmen. Ein schon verpackter Pausensnack, dessen Schale man praktischerweise irgendwo unter einem Blätterhaufen oder einem Stein zurücklassen kann. In allen anderen Fällen: Nein, danke. Der Geruch treibt mich schon in die Flucht, und das Gefühl, wenn die Zähne sich in dieses unentschlossen halbharte Fruchtfleisch graben: Igitt.
Noch viel schlimmer ist es, wenn die Banane sehr reif und schon ein bisschen matschig ist – öffne sie und ich bin weg. Es geht das Gerücht um, ich hätte als Kind gern zermatschte Bananen mit Butterkeks gegessen habe. Ich kann mir das nicht vorstellen. Vielleicht wurde ich als Kind vertauscht, und das Kind, das gern zermatschte Bananen gegessen hat, befindet sich jetzt im Niemalsland und ich bin eigentlich ein kleiner Kobold, der ein bisschen seltsam durchs Leben geht? Das würde einiges erklären.
Dagegen spricht, dass ich Bananen gern mit Kirschen auf Kuchen und mit viel Schlagsahne esse. Im Obstsalat sind sie in Maßen auch ok. Andererseits, wenn die Bananenstücke dann so schleimige Fäden ziehen, bin ich sofort wieder weg. Eine meiner Schreckensvorstellungen ist, ich strande auf einer einsamen Insel, und dort gibt es nur Kokosnüsse, rohe Fische und Bananen. Uuuuuhhhh! Ich würde irgendwann meine eigenen Füße annagen, nur um den Bananengeschmack wegzubekommen.
In einer einzigen Variante finde ich Bananen toll: Geschält, mit Schinken umwickelt und gebraten. Aber auch das nur einmal etwa alle drei Jahre. Nur die Farbe, die ist wirklich genial. Bananengelb, das liebe ich!

Nein, Bananenbilder wird es hier nicht geben. Allein schon deswegen, weil ich nie welche zuhause habe. 😁

zwischen den Hiobsbotschaften

zwischen den Hiobsbotschaften
alle dreißig Minuten
leuchten im kühlen Wohnzimmer
vorm steingrauen Himmel
rotbeerige Ilexzweige
verbreiten pieksend
ihre Tagesparole:
nicht alles ist schlimm
uns gibt es noch!
Ich eifere ihnen nach
mich gibt es auch noch
rotwangig und atmend
in meinem Innern
lebt ein Ilexzweig

Der Dienstag dichtet!  
Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht.
Auch Wortgeflumselkritzelkram
Mutigerleben
Werner Kastens
Nachtwandlerin
Gedankenweberei
Wortverdreher
Dein Poet
Geschichten mit Gott
Suses Buchtraum
Wortmann
Petra schreibt
Traumspruch
und Lyrik trifft Poesie
sind mit von der Partie.
Viel Freude bei allen Besuchen!