Licht

Licht

der Januar wird älter
langsam kehrt das Licht zurück
bemalt die morgendlichen Wege
rüttelt Spatzen aus schlafenden Zweigen
zündet uns an
nährt kleine Flammen in uns
wir wärmen uns fröstelnd die Seelen
am Abend
wenn das Licht geht
flüstert der Kerzenschein
von morgen
und dem
was sein wird

Der Dienstag dichtet!  
Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch WortgeflumselkritzelkramMutigerlebenWerner KastensFindevogel, die Nachtwandlerin, Lindasxstories, Myriade, Gedankenweberei, 
Emma Escamilla, Wortverdreher und Lebensbetrunken, der BerlinAutor, Vienna BliaBlaBlub, Heidimarias kleine Welt und Traumspruch sind mit von der Partie. Viel Freude an so viel geballter Kreativität!

Schiffbruch

Schiffbruch

Du hast Schiffbruch erlitten. Gerade war das Wetter noch schön gewesen und die Sonne hatte geschienen, als plötzlich Wolken aufkamen und es anfing zu regnen. Es wurde stürmisch. Die Wellen zerbrachen dein Schiff, du konntest dich gerade noch ins Beiboot retten, und da sitzt du nun. Es ist kalt. Und naß. Dir ist übel, und der Wind hört nicht auf, dir Gischt ins Gesicht zu blasen. Du hältst dich links und rechts an der Bordwand fest, die Ruder sind dir abhanden gekommen. Du schließt die Augen. Ob das Wasser unter dir sehr kalt ist? Obwohl: Viel kälter kann dir nicht mehr werden. Du öffnest die Augen. Vor dir auf der Ruderbank sitzt ein dünner Mann mit gelben Gummistiefeln. Er hält mit beiden Händen einen Regenschirm fest und sitzt sehr aufrecht in deinem schaukelnden Boot.
„Hallo“, sagt er.
Du fantasierst. Das ist vermutlich der Anfang vom Ende. Aber egal, alles ist besser, als allein in deinem Boot zu sitzen, selbst ein dünner Fantasiemann mit Gummistiefeln.
„Hallo“, sagst du also.
„Darf ich mich vorstellen“, sagt der dünne Mann, „ich bin ihr Seenotrettungsengel.“ Energisch klappt er seinen umgestülpten Regenschirm zurück in die richtige Position.
„Oh“, sagst du. „Das ist… schön.“ Eindeutig. Du hast Untergangsvisionen.
„Nein-nein“, sagt der dünne Mann, „ich bin real. Ich kann natürlich auch wieder gehen, wenn Sie das wünschen.“
„Nein!“ sagst du hastig.
„Gut.“ Der dünne Mann sieht in den Regen, seufzt, klappt den Regenschirm zu und legt ihn sorgfältig neben sich auf die Ruderbank. Er kramt in den Innentaschen seines grauen Anzugs und holt eine Thermoskanne hervor, dazu zwei Becher. „Sie sehen aus, als ob Sie etwas Kakao vertragen könnten“, sagt er und hält dir einen vollen Becher hin.
Du müsstest eine Hand von der Reeling lösen, um ihn in die Hand nehmen zu können. Der Kakao dampft. Du spürst, wie kalt dir ist. Sicherheit gegen Wärme. Der dünne Mann wartet geduldig. Es duftet nach Schokolade und plötzlich ist dir nicht mehr übel. Vorsichtig löst du einen Finger nach dem anderen von der Reeling und greifst nach dem Becher. Er ist warm. Du nimmst einen Schluck.
„Gut“, sagt der dünne Mann. Ein Regentropfen hängt an seiner Nase. „Sie sind weit draußen. Der Sturm war heftig, was?“
Du nickst.
„Wollen Sie an Land?“
Du nickst wieder. „Ich hab die Ruder verloren“, sagst du.
„Ich würde eher sagen, Sie haben sie aus den Augen verloren“, sagt der dünne Mann und tippt außen an die Bordwand.
Mit äußerster Vorsicht lehnst du dich erst nach links, dann nach rechts. Du setzt dich aufrecht hin und starrst den dünnen Mann an. Deine Ruder hängen außen an den Bordwänden. Du hast sie nicht gesehen.
„Dafür bin ja ich da“, sagt der Mann und wippt mit den Gummistiefeln. „Wollen Sie dahin oder dorthin?“
Du guckst ratlos. Du siehst überall Wellen und nichts anderes. Aber wenn er es vorschlägt… aufs geradewohl zeigst du nach links.
„Gut“, sagt der Mann. „Dann wollen wir mal.“ Er greift sich das Ruder auf der rechten Seite und sieht dich auffordernd an.
Es dauert einen Moment, bevor du kapierst. Schnell trinkst du den letzten Schluck Kakao und nimmst das linke Ruder.
„Hilfe zur Selbsthilfe nennen wir das“, sagt der dünne Mann. „Sonst wäre es ja zu einfach.“
Ihr legt euch in die Ruder. Der Wind kommt jetzt von hinten.
„Von wo sind Sie denn gestartet?“ fragt der dünne Mann.
Und du fängst an zu erzählen.

16. Januar

„Du bist ganz schön oft nicht zu Hause“, sagt Oink, nachdem ich verkündet habe, heute wieder eine kleine Reise zu machen. Tja. Er hat Recht. „Ich muss arbeiten, um Geld zu verdienen, damit ich das Ei kaufen kann, das du wärmst“, antworte ich. Er seufzt. „Und heute? Heute ist doch Samstag? Da arbeitest du doch nicht?“ „Heute besuche ich einen lieben Menschen“, sage ich.

„Möchtest du mit?“ frage ich. „Ist es gefährlich da draussen?“ fragt Oink. „Ja. Aber schön ist es auch.“ Oink überlegt kurz. „Dann möchte ich mit!“ Und so habe ich heute ein Schweinchen in der Tasche, als ich die Wohnung verlasse.

Der große „C“

Hinter dem Rücken des großen „C“ in seinem schwarzen Ledermantel gibt es Menschen, die sich kümmern und dem großen „C“ heimlich den Stinkefinger zeigen. Die nicht mit aller Macht ihre Bedürfnisse verfolgen, sondern sich immer besser mit dem Verzichten anfreunden und es mittlerweile sogar manchmal duzen. Wenn man genau hinsieht, kann man sie hinter den Masken lächeln sehen. Von Zeit zu Zeit lassen sie anderen den Vortritt und fühlen sich nicht als Verlierer.
Hinter dem breiten Rücken des großen „C“ leben Menschen ihren Alltag, auch wenn der aufdringliche Rücken des großen „C“ ihnen aktuell die Aussicht versperrt. Sie haben entdeckt, dass man zumindest für eine Zeitlang in andere Richtungen schauen kann. Dort kann man viel sehen, Parkwege, Kerzenschein, kleine Hilfen, Telefone und Handys, zoom und Videotelefonie und Briefe – echte Briefe! Auch Postkarten haben sie schon gesehen.
Manche Menschen haben sich dafür entschieden, vom so-war-es-immer-Chor in den es-geht-auch-anders-Chor zu wechseln und singen nun neue Melodien. Manchmal ist das schön und aufregend, aber manchmal vermissen sie trotz allen guten Willens doch die alten Zeiten.
Irgendwann wird der große „C“ unter seinem schwarzen Ledermantel ermatten und müde werden vom Rennen gegen die Impfschutzwände, und dann wird er sich nicht mehr nach vorn drängeln und die beste Aussicht versperren. Die Sicht wird wieder frei sein. Wir werden aufatmen und vorsichtig nach vorn schauen, mit dem Wissen um andere mögliche Richtungen, und dann werden wir losgehen.
Es ist nur eine Frage der Zeit.

Tagschatten

der Tag wirft schwere Schatten
lange Züge voller Fremder
Regen überschwemmt die Stadt
Zeit zum Höhlenbauen
spiel mit mir das Schattenspiel
was ist Wirklichkeit
was nur Lichtschein an der Wand?

Der Dienstag dichtet!  
Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch WortgeflumselkritzelkramMutigerlebenWerner KastensFindevogel, die Nachtwandlerin, Lindasxstories, Myriade, Gedankenweberei, 
Emma Escamilla, Wortverdreher und Lebensbetrunken, der BerlinAutor, Vienna BliaBlaBlub, Heidimarias kleine Welt und Traumspruch sind mit von der Partie. Viel Freude an so viel geballter Kreativität!

Dein Schweinehund backt Kekse

Dein Schweinehund backt Kekse

Dein Schweinehund läuft in deiner Küche auf und ab und schimpft vor sich hin. „Nie darf man hier ausruhen! Immer muss man irgendwas machen! Dauernd wird man gestört! Da will ich nur einmal eine Sendung sehen, und was ist? Du musst backen! Jetzt! Warum denn ausgerechnet jetzt? Kann das nicht warten?“
Du schlägst das Ei in den Teig und schaltest den Mixer ein. Das Zetermordio deines Schweinehunds verschwindet halb zwischen den Rührgeräuschen.
„… unfähr ist das! … dir dabei gedacht… Streik! … wirst schon sehen…“
Der Teig ist schokoladig dunkel, als du den Mixer ausschaltest. Jetzt kommt das Beste: Kugeln rollen. Du wirfst einen Blick auf deinen Schweinehund. Er läuft kleine Kreise und sticht mit einer Pfote Löcher in die Luft.
„Hatten wir nicht genug Kekse? Hatten wir! Haben wir nicht ein Kilo zugenommen über die Feiertage? Haben wir! Wollten wir uns nicht vorsehen im neuen Jahr? Wollten wir!“ Er stemmt die Pfoten in die Hüften und wirft anklagende Blicke in deine Richtung. „Du bist schuld, wenn ich meine Idealfigur verliere!“
„Wieso?“ Du schubst die Schokokugeln auf das Blech. „Du kannst doch auch einen Apfel essen.“
„Äpfel!“ Dein Schweinehund guckt entrüstet. „Jetzt machst du mir auch noch Schuldgefühle? Es ist eine bodenlose Ungerechtigkeit…“ Er wandert wieder auf und ab und ringt die Pfoten. Schokoladenduft wabert durch die Küche. Die Kekse sind fertig, ein bisschen Karamell ist ausgelaufen. Dein Schweinehund verstummt und guckt aufs Blech. „Oh. Die sehen aber gut aus.“
„Willst du einen?“
Dein Schweinehund windet sich, aber der Schokokaramellduft ist zuviel für ihn. „Ja, bitte.“ Vorsichtig legst du ihm einen heißen Keks auf die Pfote. Er schnuppert daran und beißt hinein. „Die schind gut. Wirklisch. Der Zucker wird misch umbringen, aber egal.“
Du rollst mit den Augen. Du bist einfach zu weichmütig. Aber die Kekse, die sind wirklich gut.

Das war ein Beitrag für die abc.etüden, für die Wochen 01/02.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Ludwig Zeidler, dem Etüdenerfinder. Sie lauten: Zetermordio, weichmütig, backen. Organisiert wird das ganze dankenswerterweise auch in diesem Jahr von Christiane! 😊

Herr Miesling und Böller-Manni

Herr Miesling und Böller-Manni

Herr Miesling sitzt auf einer Bank und guckt vor sich hin, als Böller-Manni hinter einer Hausecke hervor kommt. Er guckt sich mißtrauisch um und geht mit schlurfenden Schritten auf Herrn Miesling zu. Zahllose Tüten rascheln an seinen fadenscheinigen Jeans. Irgendwo in einer der Tüten klappert etwas, als er sich mit einem Seufzer neben Herrn Miesling niederlässt.
„Na?“, begrüßt ihn Herrn Miesling, „wie isses?“
„Muss ja, muss ja.“
Sie schweigen einvernehmlich. In Böller-Mannis Schultern und Rücken zuckt es. Herr Miesling wartet. Er hat Zeit.
„Du?“
„Ja?“
„Du hast sie auch gesehen, nich?“
Herr Miesling nickt. Er nickt immer, wenn Böller-Manni ihm diese Frage stellt.
„Gut! Gut, gut…“ Über Böller-Mannis Gesicht zuckt Erleichterung. „Wenn jemand fragt, du weisst Bescheid. Du weisst Bescheid… das ist gut, gut…“ Sanft fährt er mit nicht ganz sauberen Händen über seine Tüten. „Sach mal… haste´n paar Euro? Ich brauch neue Böller. Sind nur noch drei da.“
Herr Miesling kramt in seiner Hosentasche und zieht einen zerknitterten Fünfeuroschein hervor. „Hier. Das machste prima, Manni. Wenn du nich wärst…“
Böller-Manni stopft den Schein ganz nach unten in eine der Tüten. „Ich weiß. Sie würden uns alle holen kommen! Aber ich, ich böllere sie weg!“
„Aber immer nur einen, hörste, Manni? Nich, dass die andern was merken.“
Böller-Manni nickt und beugt sich ganz nah zu Herrn Miesling. „Nur einen, immer um Mitternacht, das schlägt sie zurück!“
Herr Miesling nickt. „Wenn wir dich nich hätten…“
Ein Blitzlichtlächeln zuckt über Böller-Mannis Gesicht. Dann flüstert er: „Ich hab noch was entdeckt, weisste?“
Herr Miesling guckt besorgt.
„Hier!“ Böller-Manni kramt in der klappernden Tüte und zieht eine leere Konservenbüchse hervor. „Die mache ich jetzt auf jeden Pfosten! Dann können sie nicht landen! Die brauchen doch die Pfosten zum Landen! Erde ist ja giftig für sie!“
Herr Miesling nickt langsam. Das erklärt die zahllosen leeren Konservendosen, die neuerdings überall im Viertel auf Zaunpfählen stecken.
„Die funktionieren besser als Böller“, flüstert Böller-Manni ihm zu. „Aber erstmal mach ich weiter, sicher is sicher.“ Mit einem leisen Ächzen steht er auf und sammelt seine Tüten zusammen. „Ich muss weiter. Sind noch soviele Pfähle… “ Er nickt Herrn Miesling zu und schlurft klappernd davon.
Herr Miesling sieht ihm hinterher. „Müssen wir was machen?“ fragt er seinen Engel, der neben ihm steht.
Der schüttelt den Kopf.
„Meinst du, die Konservendosen machen es einfacher für ihn?“
Sein Engel nickt.
„Na dann“, sagt Herr Miesling.
Und dann guckt er wieder in die Luft. Er hat Zeit.

Das Leben der Dinge

Das Leben der Dinge

Der Kalender illustriert die Zeit.
Die Kerze verbrennt ihr ganzes Leben zu Licht.
Das Glas hält das Wasser in Form.
Das Notebook öffnet Fenster in viele Welten.
Der Tisch steht mit allen vier Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen.
Der Stift versteckt Worte und Geschichten in sich.
Der Toaster röstet die Langeweile aus dem Brot.
Der Kühlschrank ist innerlich erfroren.
Die Uhr zertanzt die Zeit zu Rhythmus.
Die Magneten brauchen festen Halt.

Neujahr

Neujahr

neue Zeiten
noch unbekannt
schlechte Sicht
verschwommene Konturen im trüben Licht
weit entfernt undeutliche Stimmen
ansonsten: Stille
ich atme und warte
unschlüssig
zweifle am festen Grund
hinter den Konturen leises Gelächter
zaghaftes Leuchten
jemand flüstert: Komm
und ich
hebe den Fuß

Das Gedicht ist von 2018 und nicht neu, aber es passt so perfekt auf die aktuelle Situation – es ging nicht anders. Voila! Ich wünsche allen Dienstagsdichtern leises Gelächter, lebhaftes Leuchten und dass jemand flüstert: Komm!

Der Dienstag dichtet!  
Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch WortgeflumselkritzelkramMutigerlebenWerner KastensFindevogel, die Nachtwandlerin, Lindasxstories, Myriade, Gedankenweberei, 
Emma Escamilla, Wortverdreher und Lebensbetrunken, der BerlinAutor, Vienna BliaBlaBlub, Heidimarias kleine Welt und Traumspruch sind mit von der Partie. Viel Freude an so viel geballter Kreativität!

2. Januar

Heute habe ich wieder eine kleine Reise vor und muss meinen neuen Mitbewohner alleine lassen. Wobei… das trifft es nicht ganz.

So sieht es aus, wenn man bewundert wird. Eigentlich hatte der Kleine einen eher profanen Zweck, mjam… aber vielleicht verschiebe ich das in eine unbekannte, weit entfernte Zukunft. Auf jeden Fall werden sie sich heute nicht langweilen, während ich unterwegs bin.