World Trade Center

Morgens steige ich in die Subway und fahre zum World Trade Center. Wie von selbst drängt es sich bei allen Überlegungen, was ich als erstes tun werde, immer wieder nach vorne, und so ist es ganz natürlich mein erster Anlaufpunkt. Als die Türme am 11. September 2001 fielen, stand ich im Hauptbahnhof, auf dessen Großbildleinwänden live übertragen wurde und konnte es nicht fassen. Mit vielen anderen stand ich da und weinte und dachte, jetzt würde der dritte Weltkrieg ausbrechen. Dass er nicht ausbrach, ist in meinen Augen immer noch ein Wunder. Folgerichtig stehe ich nun an einem der beiden großen viereckigen Löcher mit Wasserwänden, sehe die weißen Rosen, die in die eingravierten Namen gesteckt wurden, und das Wasser, das in das schwarze Loch in der Mitte fällt und gebe mir Mühe, mich nicht an alle Bilder von damals zu erinnern, ohne Erfolg. Die Denkmäler brauchen ihre Zeit und das neue World Trade Center direkt daneben ist zwar viel größer und ein Symbol des Neuanfangs, aber gleichzeitig viel kleiner und merkwürdig unbedeutend, obwohl sich die Sonne glitzernd darin spiegelt. Seltsam, wie wenig es manchmal auf Größe ankommt. Als ich mich endlich trennen kann, gehe ich, ohne mich noch einmal umzusehen. Jetzt ist es Zeit für Leichteres.

New York!

Ich bin angekommen.
Und müde, so müde. Und wach, hellwach!
Unglaublich, ich bin tatsächlich hier. Auf New Yorker Boden, ich laufe auf den Bürgersteigen der Fifth Avenue, der 52sten Straße und bin plötzlich in der Central Station, kaufe mir wie in Trance ein Metro Ticket, betrachte die riesige Kuppel mit den Sternenbildern, stelle fest, dass die Subway 7 am Wochenende nicht fährt, verfahre mich prompt und laufe in dieser seltsamen Mischung aus Müdigkeit und Wachheit am Central Park entlang auf dem Weg zur nächsten Subway. Links von mir dampfen müde Pferde vor seltsam kitschigen Kutschen, von überall her rauscht und dröhnt und strahlt es, hier ist mehr Licht als am Tag unterwegs, Pelzmäntel neben Joggern, gelbe Taxis in Massen, ich könnte natürlich ein Taxi nehmen, aber ich will nicht, das wäre zu einfach. Und tatsächlich, es dampft aus dem Untergrund, überall steigt weißer Rauch auf als ob die Unterwelt gerade einen neuen Mafiaboss gewählt hätte. Endlich, meine Subway-Station, ich ziehe meine Karte das erste Mal von vielen Malen durch den Metallschlitz, passiere das Drehkreuz, steige ein und fahre zu meinem Hotel.
Ich bin da. Unglaublich.

Reisefieber, das:

(aus gegebenem Anlass)

Reisefieber, das:

  • dreht dich kichernd ein Dutzend Mal im Kreis, bis du nicht mehr stehen kannst
  • schmeckt nach einem halben Liter Zitronensprudel auf ex (gut gekühlt)
  • setzt dich unter Druck wie einen Sektkorken nach kräftigem Schütteln
  • sprüht zischend gelborange mit einem Stich ins Grünliche
  • erfrischt wie ein Sprung ins eiskalte Wasser
  • macht hochgradig lebendig!

Pinnwandentschlackung 2019

Es ist unwiderruflich da, das Jahr 2019, und ich freue mich darüber. Ich liebe die Weihnachtszeit, aber ich liebe auch diesen Geruch nach frischen, neuen Tagen, das Abstreifen des Alten und Neugier auf das, was wohl alles kommen wird im neuen Jahr. Dazu gehört auch eine kleine Entschlackung meiner Wohnung. Kleidung aussortieren (drei Säcke!! Rekord!), Bücher auf die Reise schicken, jede Menge Kram entsorgen, und meine Pinnwand auf null zu stellen. Naja, fast auf null. Ich liebe meine Pinnwand. Alles, was mich freut, was gut war, Karten und Post, schöne Sprüche, kleine Erinnerungen kommen daran, und so wird sie im Laufe des Jahres eine ständige Erinnerung daran, dass es gute Zeiten im Leben gibt, auch, wenn gerade alles echt übel ist. So sieht sie dann am Ende eines Jahres aus:

So schöne Erinnerungen an Reisen, Wochenenden, liebe Menschen, Konzerte, Kinobesuche, Gottesdienste, Schreibseminare… Es wurde ein bißchen voll zuletzt, die neuesten Karten passten nicht mehr dran und mussten vorübergehend unter der (leicht überbelichteten) Lampe Platz nehmen. Auch die Kürbisse waren etwas über ihre Zeit hinaus. Aber noch tadellos! Ich kann mich dann immer schlecht trennen. Heute nun war ihre Zeit gekommen. So sieht es jetzt aus:

Das Schneemannpärchen wird noch weichen, genauso wie der geschenkte Stoffstern, aber ein bißchen dürfen sie noch bleiben. Ansonsten ist jetzt wieder viel Platz für Neues – 2019 hat begonnen!

Ausgelesen – nein, nur vorübergehend ins Regal gestellt: Gesegnete Mahlzeit. Von Christina Brudereck.

Es gibt Bücher, die würde ich mir selber wohl niemals kaufen, ich würde gar nicht darauf kommen, dass es solche Bücher gibt, zum einen, weil ich nicht danach suche, zum anderen, weil ich nicht weiß, dass es sie gibt. Ich bin also ziemlich angetan von diesem Geschenk hier:

So ein schönes Cover! Da bekommt man direkt Lust, ins Buch hineinzuschauen.

Jetzt bin ich nicht unbedingt jemand, der für schöne und ausdrucksvolle Tischgebete bekannt ist. Ehrlich gesagt, stammele ich bei solchen Gelegenheiten eindrucksvoll vor mich hin und bin sehr froh, wenn das jemand anderes übernimmt. Das hat Christina Brudereck hier eindrucksvoll getan und wunderbare Tischgebete formuliert, die von ganz einfach (Herr, lass deinen guten Segen über unsere Teller fegen) bis zu kleinen Geschichten reichen. Sie lässt das Buch mit Dietrich Bonhoeffer und Martin Luther King anfangen und spaziert dann mit den Lesern über alle Kontinente, Afrika, Indien, Europa, Deutschland. Überall gibt es Feiern, Familienmahlzeiten, Essen im Freundeskreis, verschiedene Nationen an einem Tisch, und jede Nation hat ihre eigenen Traditionen und Arten zu danken. Und dazu, obendrauf (das Sahnehäubchen quasi, um im Bild zu bleiben), gibt es internationale Rezepte.

Den Rote Beete Salat könnte man schon allein der Farbe wegen lieben. Oder?

Afrikanische Erbsensuppe.
Pastorenpudding.
Indisches Curry (mit einem achtsamen, asiatischen Tischgebet).
Pastinaken mit Salbei.
Dattelcreme.

Foodsharing anstatt Carsharing…

Außerdem gibt es Gedanken zum Thema Essen. Warum haben wir zuviel und andere zuwenig? Schätzen wir das, was wir haben? Erlauben wir es uns, mit allen Sinnen zu genießen und dankbar zu sein? Wäre weniger nicht manchmal mehr?

Und schön gestaltet ist es auch noch!

Alles in allem ein wirklich gut gestaltetes Buch mit Tischgebeten für jeden Anlass, Gedanken zum Thema Essen und Dankbarkeit, interessanten Rezepten, abgebildet auf farbintensiven Seiten mit vielen Fotos und schöner Grafik. Das Tischgebet bei einer Familienfeier habe ich sofort angewendet (nachdem ich meine Schwester gefragt habe, ob das vorlesbar sei – unsere Verwandtschaft hat´s eher nicht so mit Tischgebeten) und habe spontanen Applaus geerntet, sehr ungewöhnlich für unsere Familienfeiern. Zum Abschluss zitiere ich Christina Brudereck, Seite 16, ein Tischgebet auf atemberaubend knallroten und leuchtend orangenen Chilischoten:

„Ein Tischgebet bete ich,
weil ich nicht vergessen will,
dass satt zu werden
niemals selbstverständlich ist.“

Mein Elternhaus

Mein Elternhaus

Das Knarzen der Treppenstufen. Der saubere Geruch nach frischgebügelter Wäsche. Nimmst du´s mit hoch? Nähmaschinensurren. Blauanzüge auf der Wäscheleine. Die Holzpaletten hinter dem Zaun mit den Verstecken darin.

Raue Waschbetonplatten unter nackten Füßen. Die verzogene Waschküchentür. Die Gemüsebeete beim Nachbarn. Erbsen von der Hand in den Mund, neue Kartoffeln. Saure Kirschen vom Sauerkirschbaum. Rosen, riesige duftende Blüten in weiß, gelb und rosa.

Der Geruch des Benzinrasenmähers. Die Kreissäge um zehn Uhr am Samstagmorgen. Lichtpünktchen durch Rolladenschlitze. Die orangene Blumentapete in meinem Zimmer. Die rote Teppichbodenfalte. Kiki. Das weiche Treppengeländer. Nachheizen. Die Holzrutsche in den Keller.

Das grüne Telefon mit Wählscheibe. Meine Mutter beim Wäscheaufhängen auf dem Dachboden, das Geräusch ihrer Schritte über mir. Die blauen Arbeitsplatten in der alten Küche. Die Sitzplatzbretter an der Wand und die blauen Flecken, die sie verursachten.

Unterm Dach. Prasselnder, lauter Regen auf den Wellplastikplatten. Die Hängematte. Der nach Anis riechende Vogelkäfig in der Küche. Die Flurschrankwand meiner Schwester. Kohlrabi in Sahnesoße.

Warme Terrassenstufen im Sommer. Rasensprenger am Abend. Barfuß laufen. Halb heruntergelassene Rolladen. Topfkuchen. Kaffee kochen am samstagnachmittag. Nasse Handtücher auf der Leine, nach dem Baden im See. Die Fußballwiese mit der Tribüne. Fußballspielen bis halb elf abends.

Die Hitparade. Musikaufnahmen am Fernseher. Benji. Ein Colt für alle Fälle. Ostereiersuchen im Garten. Schuhe ausziehen! Das Pfeifen meines Vaters am Morgen. Geschmierte Brote für die Arbeit. Das Garagendach, auf das ich einmal hinaufkletterte.

Die Lampenputzertapete. Surrende Klappzahlen im alten Wecker meiner Mutter. Schwarzweißfernsehn im Elternbett. Stachelige Lockenwickler in der Kommode.

Mein Elternhaus.

Neujahr

Neujahr

neue Zeiten
noch unbekannt
schlechte Sicht
verschwommene Konturen im trüben Licht
weit entfernt undeutliche Stimmen
ansonsten: Stille
ich atme und warte
unschlüssig
zweifle am festen Grund
hinter den Konturen leises Gelächter
zaghaftes Leuchten
jemand flüstert: Komm
und ich
hebe den Fuß