Wellenbrink und Gnorm


Teil V

Und dann kam es, wie es immer kam: Es ging zu Ende. Herr Wellenbrink und Gnorm hatten versucht, Kekse zu backen, und beim dritten Versuch waren sie sogar essbar und nicht ganz so schlimm verbrannt gewesen. Gnorm hatte trotz Herrn Wellenbrinks Protesten im Treppenhaus kleine goldene Sterne verstreut und durch die verschlossene Haustür verwundert den Schimpftiraden der Reinemachefrau gelauscht („mag sie denn keine Sterne?“ hatte er ihn verständnislos gefragt). Herr Wellenbrink hatte drei Auftritte mit seinem neuen Chor gehabt, war vorher nur fast an Lampenfieber gestorben und hinterher mit den Chorleuten essen gewesen. Als absolute Krönung war er gefragt worden, ob er nicht auch nach Weihnachten wieder zu den Proben kommen wollte. Er hatte das noch nicht endgültig entschieden, aber die Chancen standen gut. Seine Schlehenlikörvorräte waren alle.
Und dann sagte Gnorm eines Abends, dass er sich wieder auf den Weg machen müsse. „Ich bin schon viel zu lange bei dir“. Es klang fast entschuldigend.
Herr Wellenbrink musste sich setzen. Er nickte langsam.
Gnorm nahm einen Schluck heißes Bier. „Wir haben ja noch mehr Menschen, um die wir uns kümmern müssen, weisst du.“
Herr Wellenbrink nickte wieder stumm.
„Eigentlich war ich ja überhaupt nicht eingeteilt bei dir. Das war nur, weil mir vorher so ein kleines Mißgeschick passiert ist… da haben sie mich zu dir geschickt.“ Gnorm spielte mit seinem Bier-Eierbecher und sah angestrengt hinein, als ob am Grund etwas ganz und gar Außerordentliches zu finden wäre. „Und das war wirklich gut. Bei dir, meine ich. Hier.“
Herr Wellenbrink räusperte sich. „Fand ich auch. Das du hier bist. Warst.“
Sie sahen sich an. Zwei Atemzüge lang hing funkelnde Stille zwischen ihnen, dann war alles gesagt, was gesagt werden musste.
„Ja, dann…“, Herr Wellenbrink setzte sich aufrecht hin, „wann musst du denn gehen?“
„Ich glaube, heute nach dem Abendbrot wäre ein guter Zeitpunkt. Der Mond ist schön rund heute, da geht alles leichter.“
„Oh. Gut. Dann… dann sollten wir wohl Abendbrot essen, oder?“
Gnorm nickte. Herr Wellenbrink machte sich an die Arbeit. Er holte den guten Frühstücksspeck heraus und die Bioeier, die er erst kaufte, seit Gnorm ihn entrüstet gefragt hatte, ob er denn Hühner nicht leiden könne? Doch? Und warum er dann die Eier von den armen Gefängnishühnern kaufen würde? Dazu setzte er den guten Kaffee auf und stellte die Schale mit Würfelzucker auf den Tisch. Wer würde den restlichen Zucker essen, wenn Gnorm nicht mehr da war? Vielleicht würde er ihn mitnehmen wollen? Herr Wellenbrink schüttelte den Kopf, um diese Gedanken loszuwerden. Es half ja alles nichts. Von Anfang an war ihm klar gewesen, dass Gnorm nicht bleiben würde. Er war ein Wichtel, um Himmelswillen! Die wohnten nun mal nicht bei alten Männern, sondern… woanders. Auf jeden Fall nicht hier, bei ihm. Aber er hatte das ganz erfolgreich verdrängt in den letzten Tagen.
Beim Essen gaben sie sich beide Mühe, so zu tun, als ob alles wie immer wäre, aber es gelang ihnen nicht wirklich gut. Immer wieder kehrte Schweigen ein. Geschwiegen hatten sie sonst auch, aber es war eine andere Art Schweigen gewesen. Jetzt hing der drohende Abschied dazwischen und färbte es grau ein.
Mit einem tiefen Seufzer lehnte Gnorm sich zurück, als er fertig war. Herr Wellenbrink legte Messer und Gabel auf seinen Teller und sah Gnorm an. „Komm. Es nützt ja nichts. Lass es uns hinter uns bringen.“
Gnorm seufzte noch einmal, dann rutschte er vom Tisch und verschwand im Flur, um seinen Rucksack zu holen. Herr Wellenbrink schüttete den Zucker in eine Tüte und band sie zu. Dann ging er in den Flur. „Hier“, sagte er und streckte Gnorm die Tüte hin.
„Nein, danke, wir dürfen nichts mitnehmen. Trotzdem danke. An deinen Kaffee werde ich mich gern erinnern. Und an das heiße Bier auch.“
„Ich mich an dich auch.“ Unbeholfen schüttelten sie sich die Hände, dann ging Herr Wellenbrink zur Haustür und öffnete sie.
„Neiiiiiin!“ rief Gnorm. „Ich bin ein Wichtel, zum grünstichigen Polarleuchten nochmal! Wir gehen doch nicht durch Türen!“ Er flitzte ins Schlafzimmer und kletterte auf das Fensterbrett. „Los! Mach auf!“
Herr Wellenbrink ging dem Wichtel hinterher und lächelte jetzt doch, dann öffnete er das Fenster. Gnorm hüpfte in den Blumenkasten zwischen die vertrockneten Geranien und drehte sich noch einmal um. „Vielleicht ja bis zum nächsten Jahr?“ flüsterte er, dann sprang er über den Rand des Blumenkastens. Herr Wellenbrink sah erschrocken hinterher, dann beugte er sich nach draußen. Da! An der Regenrinne bewegte sich etwas kleines, dunkles blitzschnell nach unten, kam auf dem Bürgersteig auf und verschwand mit spiegelnder Glatze hinter der nächsten Straßenecke. Herr Wellenbrink atmete tief durch und schloss das Fenster. Eine Weile stand er noch da und sah nach draußen, dann ging er langsam in die Küche zurück. Auf dem Tisch lag die Zuckertüte neben einem Schälchen goldender Sterne, die er vor der Reinemachefrau gerettet hatte. Das Geschirr stand noch auf dem Tisch, in der Luft hing der Geruch nach gebratenem Frühstücksspeck. Herr Wellenbrink drehte sich auf dem Absatz um, nahm seine Jacke vom Haken und schlüpfte in seine Straßenschuhe. Er würde einen Spaziergang machen. Sich ein bisschen durchlüften. Vielleicht würde er sich danach besser fühlen.

Als er eine Stunde später zurückkehrte, fühlte er sich tatsächlich besser. Frische Luft half doch immer. Er würde aufräumen und sich danach einen Film im Fernsehen anschalten, das hatte er vor Gnorm ja auch immer gemacht. Und es nützte ja wirklich nichts, was half es, wenn er sich anstellte wie ein Teenager nach dem Verlust der ersten, großen Liebe. Er schloss die Tür auf, betrat seine Wohnung und zog den Mantel aus. Es roch immer noch nach Frühstücksspeck. Entschlossen betrat er die Küche, und da saß Gnorm am Tisch und grinste ihn an. Herrn Wellenbrink fiel der Schal aus der Hand. „Was… was machst du hier?“ fragte er.
„Du hast aber lange gebraucht, ich bin schon seit einer Ewigkeit wieder da!“
„Egal! Was machst du hier?“
„Ach, weisst du, als ich so gelaufen bin, dachte ich mir, ist doch eigentlich seltsam, dass mich niemand abgeholt hat. Ich meine, wenn ich sonst zu lange gebraucht habe, ist immer jemand gekommen, um mir ein bisschen Feuer unterm Hintern zu machen. Dieses Mal aber nicht. Was, wenn ich hier einfach noch nicht fertig bin? Dann würde ich mich ja unerlaubt vom Einsatz entfernen! Das wäre ein Verstoß gegen die Regeln! Und ich würde doch nie gegen die Regeln verstoßen!“ Jetzt grinste Gnorm von einem Ohr zum anderen. Herr Wellenbrink starrte ihn immer noch an, als ob er nicht echt wäre. Gnorm hörte auf zu grinsen. „Aber wenn du möchtest, dass ich wieder gehe, tue ich das natürlich.“
„Nein!“ rief Herr Wellenbrink. „Du kannst bleiben, solange du möchtest!“
„Echt?“
„Klar!“ Herr Wellenbrink ließ sich auf seinen Stuhl fallen. Er guckte Gnorm an.
„Was? Hab ich plötzlich blaue Haare, oder was?“ Gnorm grinste.
„Nein. Ich hab bloß überlegt, ob deine Nase immer schon so knubbelig war.“ Herr Wellenbrink fühlte sich warm und glücklich und voller Tatendrang.
„Na klar ist sie das, wir haben schließlich schöne Nasen im Gegensatz zu euren nackten Sprungschanzen! Was meinst du: Kann ich noch Kaffee haben? Mit Zucker?“
„Aber selbstverständlich“, sagte Herr Wellenbrink.

Wellenbrink & Gnorm Teil I
Wellenbrink & Gnorm Teil II
Wellenbrink & Gnorm Teil III
Wellenbrink & Gnorm Teil IV

Wellenbrink und Gnorm


Teil IV

Herr Wellenbrink schwitzte, aber nicht weil ihm zu warm war, sondern weil er vor lauter Lampenfieber kaum atmen konnte. Warum um alles in der Welt hatte er sich zu diesem Wahnsinn überreden lassen? Dabei hatte alles so harmlos angefangen. Nach ihrem nächtlichen Ausflug auf den Marktplatz waren sie nach Haus gegangen, hatten noch ein oder zwei Schlehenliköre getrunken um sich zu beruhigen und waren dann wie zwei nasse Mehlsäcke ins Bett gefallen. Am nächsten Morgen hatte er sich eine ausgiebige Dusche gegönnt. Als er aus dem Bad kam, saß Gnorm an der Wand gegenüber und starrte ihn nachdenklich an.
„Was machst du hier?“ fragte Herr Wellenbrink. Gnorm sah besorgniserregend zufrieden aus.
„Du kannst ganz gut singen, was?“
Herr Wellenbrink kniff die Augen zusammen. „Wieso?“
„Nur so. Was hast du da eben gesungen? Ich hab etwas mit roter Sonne und bleichem Mond und einer Marie verstanden.“
„Das waren die Capri-Fischer“, antwortete Herr Wellenbrink nicht ohne Stolz. Er sang immer unter der Dusche, und die rote Sonne, die im Meer versank, war eines seiner Lieblingslieder, besonders, wenn er sich den Rücken mit seiner Massagebürste einseifte.
„Aha. Wie sieht es denn mit Weihnachtsliedern aus?“
„Wieso Weihnachtslieder?“
„Na, kannst du welche auswendig?“
„Ich kann jede Menge auswendig. Ich war immer ein guter Auswendiglerner.“
„Auch Oh du fröhliche?“
Spätestens jetzt hätte er misstrauisch werden sollen. Aber er hatte einfach: „Ja, natürlich“, geantwortet und damit war sein Schicksal besiegelt gewesen. Als Gnorm herausgefunden hatte, dass Herr Wellenbrink nicht nur Oh du fröhliche, sondern auch zahlreiche andere Weihnachtslieder im Kopf hatte, beschloss er, dass sie zweistimmige Lieder auf der Straße singen würden. Dabei würde Herr Wellenbrink der sichtbare Teil ihres Duos sein, und er, Gnorm, der unsichtbare in einem Rucksack auf Herrn Wellenbrinks Rücken. Zweck des Ganzen war, Herrn Wellenbrink endlich wieder in die weihnachtliche Spur zu bringen.
Selbstverständlich lehnte Herr Wellenbrink dieses völlig absurde Vorhaben kategorisch ab, er würde sich doch nicht auf die Straße stellen und Lieder singen, wo kämen sie denn da hin, niemals würde er sich dermaßen lächerlich machen, was Gnorm denn einfiele! Aber er hatte nicht mit der Beharrlichkeit des Wichtels gerechnet, und nachdem sie tagelang (zumindest kam es ihm so vor) gestritten hatten, knickte er schließlich ein.
Gnorm strahlte triumphierend. Er wühlte in seinem speckigen Rucksack herum und zog von ganz unten eine Blechtröte hervor. „Hier! Ich wusste doch, dass sie irgendwo da drin war!“
Herr Wellenbrink seufzte. „Herrje. Soll ich jetzt auch noch auf dem Ding spielen, während ich singe?“
„Nein, nein, die werde ich spielen!“ Gnorm rieb mit seinem Ärmel an der Tröte herum. „Die hab ich schon lange nicht mehr rausgeholt, hoffentlich funktioniert sie noch.“
Herr Wellenbrink war nicht überzeugt. „Das alte Ding? Die sieht älter aus als ich.“
„Oh, das ist sie auch. Pass mal auf.“ Er hielt sich die Tröte nicht an den Mund, sondern an den Hals, machte den Mund auf und sang in tiefem Bass die Unterstimme zu Oh du fröhliche. Aus der Tröte kamen Mundharmonikaklänge, ein bisschen Rythmus und ab und an klingelte eine Triangel. Gnorm war sein eigenes Miniorchester. Herr Wellenbrink starrte ihn an.
„Toll, was? Hab ich schon ewig nicht mehr benutzt. Sehr praktisch, wenn man Musik braucht und kein Engel in der Gegend ist. Obwohl ja heutzutage immer und überall Musik ist, auch, wenn man sie gerade nicht haben will.“ Er seufzte, dann hellte seine Miene sich auf. „Aber jetzt singen wir ja!“
Herr Wellenbrink sah auf die Tröte, dann auf den Wichtel. „Was hast du eigentlich noch alles in diesem Rucksack?“
„Och, so dies und das. Los jetzt, lass uns üben!“
Sie übten, bis die Weihnachtslieder Herrn Wellenbrink zu den Ohren heraus kamen, und dann kam der Tag des Auftritts. Herr Wellenbrink stand wieder auf dem Marktplatz, dieses Mal bei Tageslicht, und versuchte, sein bodenloses Lampenfieber in den Griff zu bekommen. Gnorm flüsterte ihm aus dem Rucksack aufmunternde Worte zu, aber die halfen ihm überhaupt nicht. Seine Knie zitterten, der Schweiß stand ihm auf der Stirn, er brachte keinen einzigen Ton hervor und das einzige, woran er denken konnte, war, wie klein und verlassen und vor allem wie allein er da stand, während eilige Passanten an ihm vorbeiliefen. Die große, neue Weihnachtstanne stand ihm genau gegenüber, ohne seinen goldenen Stern auf der Spitze, und auch das half ihm nicht im geringsten.
„Los, jetzt mach endlich! Sing was!“ Gnorms Flüstern klang aufgebracht.
„Ich kann nicht!“
„Doch, du kannst! Wir haben das doch geprobt!
„Ja, aber alleine und ohne Publikum! Ich kann nicht!“
„Wenn du nicht anfängst, fange ich an!“
„Nein!“
„Ooooh, du frööhliche-he-hee, oooh, du frööhliche-he-hee…“ Gnorm sang die Bassstimme, und seine Tröte lieferte die Begleitmusik dazu. Eine junge Frau wandte interessiert den Kopf, um herauszufinden, wo die plötzliche Musik herkam. Herr Wellenbrink presste ein paar Töne aus seiner zittrigen Kehle. Sie klangen wie rostige Türangeln und passten überhaupt nicht zu Gnorms Bass. Zwei Passanten lächelten, mitleidig, wie es Herrn Wellenbrink vorkam. Er verstummte und versuchte es noch einmal. Nichts. Da kam gar nichts. Seine Stimme war verschwunden. Herr Wellenbrink ergriff zum zweiten Mal in dieser Woche die Flucht, während die Tröte im Rucksack verstummte. An ihre Stelle traten leise, aber phantasievolle Flüche.
Zuhause angekommen setzte er den Rucksack ab, öffnete ihn und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Er fühlte sich, als wäre er einen Marathon gelaufen. Gnorm sah aus dem Rucksack zu ihm hoch. „Tja. Das ist aber jawohl sowas von in die Grütze gegangen. Du hast eindeutig mehr Lampenfieber, als ich dachte.“
„Tut mir leid“, flüsterte Herr Wellenbrink. Wie durch ein Wunder war seine Stimme wieder da gewesen, als er den Marktplatz hinter sich gelassen hatte.
„Ach, so ein gequirlter Schwachsinn. Mir tut es leid. Ich hätte dich ernst nehmen sollen. Ich bin ´ne totale Rampensau, weisst du? Mir kann es gar nicht genug Publikum sein, je mehr, desto besser bin ich…“ Gnorm lächelte, als ob er sich an etwas Schönes erinnern würde. „Ich kann einfach nicht nachvollziehen, dass das bei jemand anderem anders sein könnte. Mein Hirn ist zu klein für sowas.“
Herr Wellenbrink ächzte leise. Die Schmach saß ihm tief in den Knochen. „Ich bin früher auch mal aufgetreten, weisst du? Aber da war ich nicht alleine!“
„Wo bist du denn aufgetreten?“ Gnorm klang schon wieder viel zu interessiert.
„Nein, nein, nein! Vergiß es! Lass es einfach gut sein, ok?“
„Ja, gut, ich sag ja schon nichts mehr. Komm, lass uns ein heißes Bier trinken, dann sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.“ Heißes Bier hatte sich zu Gnorms Lieblingsgetränk entwickelt.
„Kannst du gerne machen. Ich brauch noch einen Moment.“ Herr Wellenbrink wischte sich mit den Händen übers Gesicht und durchlebte noch einmal die alptraumhafte letzte halbe Stunde, als es an der Tür klingelte. Er hob den Kopf. Wer konnte das sein? Er erwartete niemanden. Mit immer noch wackligen Beinen stand er auf und öffnete. Draußen stand seine Nachbarin von gegenüber. „Ja?“ fragte Herr Wellenbrink.
„Hallo. Äh… also mir ist das jetzt ein bißchen peinlich, aber ich habe Sie in den letzten Tagen ziemlich laut gehört, und…“
„Kommt nicht wieder vor. Bitte entschuldigen Sie.“
„Nein, nein, so meine ich das nicht. Ich wollte sagen, ich habe Sie gehört, und es hat mir gefallen. Ich singe in einem kleinen Chor, und uns ist der Tenor ausgefallen, und ich wollte fragen, ob Sie vielleicht Interesse hätten?“ Die Frau verstummte und sah Herrn Wellenbrink nervös an. „Ich möchte mich nicht aufdrängen, aber wir haben morgen einen Auftritt, und wir brauchen eine Männerstimme, Sie können alle Lieder und Sie singen gut, und Zeit haben Sie doch auch, oder? Bitte!“
Herr Wellenbrink starrte sie an. Er? Singen? Nachdem er gerade eben eine der größen Blamagen seines Lebens erlitten hatte? Im Hintergrund hörte er Gnorm auf- und abhopsen, und wenn er sich nicht irrte, waren auch Triangelklänge zwischen dem Gehopse erkennbar. Während er noch überlegte, wie er ihr höflich absagen konnte, hörte er sich zu seiner eigenen, grenzenlosen Überraschung sagen: „Natürlich. Wenn Sie mich brauchen, kann ich ja nicht nein sagen, oder?“
Seine Nachbarin sah aus, als ob ihr ein Stein vom Herzen fiele. Seines dagegen hüpfte im Takt der Triangelklänge, die immer noch aus seiner Wohnung kamen.

Wellenbrink & Gnorm Teil I
Wellenbrink & Gnorm Teil II
Wellenbrink & Gnorm Teil III
Wellenbrink & Gnorm Teil V

 

Der Hirte

Ich bin David.
Nein, nicht der König.
Ich bin Hirte.
Manchmal fühlt es sich seltsam an, einen so großen Namen zu tragen, aber ich kann nichts dafür. Mein Vater hat mich so genannt.
Mein Vater war auch Hirte, genauso wie mein Großvater.
Eigentlich ist es ein Wunder, dass es mich überhaupt gibt. Hirten gehören nicht zu den Großverdienern, wir sind die kleinen Leute. Die ganz kleinen, um genau zu sein. Unter diesen Umständen zu heiraten, erfordert Mut. Meine Eltern und Großeltern hatten ihn.
Unser Leben hier draussen ist hart. Es ist einsam, und mit der Zeit wird man seltsam. Auch mit dem Waschen und mit der Kleidung nimmt man es nicht mehr so genau. Das trägt nicht dazu bei, dass wir viel Besuch bekommen.
Nachts ist es kalt und sehr dunkel. Jedes Geräusch ist doppelt so laut wie am Tag, und jedes Schaf, das wir bei Einbruch der Dunkelheit nicht in der Herde haben, ist ein verlorenes Schaf. Die Wölfe sind nicht die einzigen Jäger dort draußen.
Das Feuer hält uns zusammen. Es bringt Licht und Wärme, und Glück ist, wenn einer von uns eine Flöte hat und ein anderer eine Geschichte kennt.
Wenn wir könnten, würden die meisten von uns woanders ihr Glück versuchen.
Als der erste Engel kam, war es eine dieser ewiggleichen, stockfinsteren Nächte. Der Mond schien nicht, und an Wunder hat bis dahin wohl keiner von uns geglaubt.
Es wurde hell.
Aber nicht wie am Tag, das war eine andere Helligkeit, ganz anders.
Sie schien mir direkt ins Herz, mir wurde warm und kalt gleichzeitig, ich wollte wegrennen und dableiben, alles auf einmal.
Und dann kamen die anderen Engel.
Und sie sangen.
Und das war ein anderer Gesang als den, den wir bis dahin kannten.
Wir hörten und sahen und weinten und lachten und waren nur noch Ohren und Augen und warme Herzen.
Danach sahen wir uns an, wortlos, bis einer sagte, kommt, lasst uns nachsehen. Wir liessen unsere Herden zurück, ohne uns noch einmal umzudrehen.
Seitdem glaube ich an Wunder.
Alles ist möglich.
Und ich, ich werde heiraten.
Und mutig sein.

Heiligabend-Special und Making Off: Der kleine Schneemann

Der kleine Schneemann

Der kleine Schneemann machte sich Sorgen. Die letzten dreiundzwanzig Tage waren lang gewesen, und so hatte er viel zu viel Zeit gehabt, sich alles mögliche auszumalen. Wo war er gelandet? Wie würde sein Leben weitergehen? Anspruchsvoll war er nicht, er würde alles tun, was ihm aufgetragen wurde, schließlich war er ja genau dafür gemacht worden. Trotzdem. Ein kleines bisschen Angst hatte er schon.


Er war der letzte Schneemann gewesen, der das Licht der Welt erblickt hatte. Seine dreiundzwanzig Brüder hatten bereits auf ihn gewartet, aber leider wusste er das zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Er war sehr verwirrt gewesen, als er das erste Mal die Augen geöffnet hatte. Schüsse und und das Geräusch galoppierender Pferde drangen ihm in die Ohren, und als ihm gleich darauf seine orangene Filznase ins Gesicht gedrückt wurde, kam ein stechender Klebstoffgestank dazu.

Das passte alles überhaupt nicht zusammen. Wo waren die Pferde? Und die Männer mit den seltsamen Namen, die gerade über einen Salzsee ritten? Statt in der Wüste landete er in einem grünen Eierkarton zwischen vielen anderen Schneemännern, die genauso aussahen wie er. Nur ihre Nasen waren alle unterschiedlich krumm. Später lernte er, dass er ein Hörspiel gehört hatte, und dass die Männer mit den seltsamen Namen Karl May und Hadschi Halef Omar hießen.

Sein ältester Schneebruder, der einige Tage älter als alle anderen und daher sehr erfahren und weise war, nahm ihn beiseite und klärte ihn über die wichtigsten Dinge auf. Von ihm erfuhr er, dass er dazu bestimmt war, Freude zu bereiten, eine Reise antreten würde und dass das alles geschah, weil vor langer Zeit ein Kind die Welt gerettet hatte, und die Menschen sich immer noch darüber freuten. Was für ein schöner Anlaß, auf die Welt gekommen zu sein! Der kleine Schneemann war glücklich.

Weniger schön war es, als er von seinen Brüdern Abschied nehmen musste. Er versuchte, tapfer zu sein und winkte den anderen ein letztes Mal zu, bevor er verpackt wurde. Danach konnte er nicht mehr sehen, was passierte.

Er fürchtete sich ein bisschen, so ganz allein, aber dann landete er nach einigem Hin und Her zwischen allerlei anderen Dingen, die ihm durch seine Verhüllung hindurch die abenteuerlichsten Geschichten darüber zuflüsterten, wo sie hergekommen waren und was sie dort alles erlebt hatten. Wie viele Häuser es wohl auf der Welt gab? Mehr als vierundzwanzig? Er konnte es sich kaum vorstellen. Welch eine wundersame Welt musste das da draußen sein!

Nun war es fast soweit. Außer ihm war niemand mehr übrig, er war wieder ganz allein, und er machte sich Sorgen. Von seinem Herzenswunsch hatte er bislang auch noch niemandem erzählt. Dieses Kind… er hatte sich viele Gedanken darüber gemacht, und er wusste von seinem ältesten Bruder, dass es in manchen Häusern kleine Puppenstuben gab, in denen die Geburt des Kindes nacherzählt wurde. Ob sie ihn wohl dazustellen würden? Es musste ja gar nicht lang sein, eine Nacht würde ihm schon reichen! Danach würde er klaglos alles tun, was man ihm auftrug, am Weihnachtsbaum hängen oder vor dem Fenster, in einem der seltsamen Kästen mitfahren, die so laut waren und nicht gut rochen, und wenn es sein musste, auch als Schlüsselanhänger sein Bestes geben. Auch, wenn ihn das vermutlich schnell die Nase kosten würde. Oder ein Auge. Aber davor, davor wollte er eine Nacht mit dem Kind verbringen.
Der kleine Schneemann atmete tief ein. Durch seine Verhüllung hindurch konnte er sehen, dass es Tag wurde. Heute war es soweit. Der Rest seines Lebens begann.
Wie es wohl sein würde?

24. Dezember – Heiligabend

Tja. Was soll ich sagen. Heute ist Heiligabend und eigentlich müsste ich jetzt das letzte Päckchen öffnen. Das vierundzwanzigste Päckchen war aber meins und dummerweise habe ich auch das letzte von sehr vielen verschenkt, ohne vorher daran zu denken, es zu fotografieren. Aber eigentlich ist das gar nicht so schlimm, dafür gibt es heute eben ein kleines Rätselraten und ein Special mit Making Off!

Und es gibt mir die Möglichkeit, mich bei meinen Adventsbegleitern zu bedanken. Vielen Dank, kleiner gelber Kumpel, der du ganz unverhofft und ungeplant eingesprungen bist, als der Weiße noch im Kellerverlies gesessen hat:

Mein kleiner, gelber Gute-Laune-Garant. Und vielen Dank, mein dicker Weißer, stets skeptisch, abwartend und dann doch immer bereit, sich begeistern zu lassen:

Das Leben ist nicht stets und ständig wunderbar, aber man kann sich kleine Inseln schaffen, die schön sind. Diese morgendliche Advents-Insel gehörte auf jeden Fall zu meinem Archipel.
Und was liegt da nun um die Engelchen herum? Fluffige, weiße Pompons? Aha? Wer es wissen möchte, lese bitte das Heiligabend-Special 🙂 .

So, und nun: Macht´s gut, ihr zwei, bis nächstes Jahr! Schön war´s mit euch (natürlich verbringen sie bei mir noch ein bisschen Zeit, aber die ist ab jetzt privat. Badeurlaub vielleicht. Oder Skifahren. 🙂 ).

Fröhliche Weihnachtstage euch allen!

23. Dezember

Es ist finster und dunkel heute morgen, aber: Die Lichter an meinem Weihnachtsbaum leuchten schon… gestern Abend bis Mitternacht geschmückt, heute morgen zur Arbeit. Aber vorher ist noch das dreiundzwanzigste Päckchen an der Reihe!

Irgendwie ist meine Kamera heute morgen beleidigt und legt über alles einen leichten Blaustich. Hm. Ist Blau eine beleidigte Farbe? Egal. Meine Engelchen sehen auch leicht blaustichig gut aus.

Ein kleineres Päckchen im Päckchen… sehr spannend…

Lippenbalsam aus Honig, Kakaobutter, Jojobaöl und Bienenwachs! Mmmmm… er schmeckt nach Schokolade… ein sehr guter Tagesstart!
Mmmm… 🙂

22. Dezember

4. Advent! Gleich geht´s auf, im Gottesdienst werden wir heute zu 90% Weihnachtslieder singen, und ich freue mich drauf. Vorher ist aber noch das zweiundzwanzigste Päckchen dran.

Uh-oh, es steht „zerbrechlich“ drauf, das ist ja gar nichts für das gelbe Rabaukenengelchen, wir halten also lieber mal vorsichtigen Abstand, man weiß ja nie…

Oh ja! Die sind wirklich zerbrechlich! Mal sehen, vielleicht schaffen sie es in meinen Weihnachtsbaum… oder doch lieber ans Fenster? So viele Möglichkeiten…