kleine Pause, die:

kleine Pause, die:

Unterbrechung des Üblichen
Gedankenschweifzeit
Gehirnerfrischungsbad
Alltagsausschüttelei
Frischlufteinsaugmoment
Ideenkeimzeit
Tagträumerei-Luftschlösserbauzeit
Atemholpunkt
so
atmet man Möglichkeiten ein
und
Glühwürmchengedichte aus

Und das tue ich jetzt, meine Lieben – ein kleines Päuschen machen! Das heißt nicht, dass ich gar nichts schreibe in den nächsten Wochen (ich kenne mich), aber ich brauche ein bisschen Ideenkeimzeit, damit ein paar Glühwürmchengedichte entstehen können. Fröhliche Sommerpause! 🙂

Der Dienstag dichtet! 🙂  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch WortgeflumselkritzelkramMutigerlebenWerner KastensFindevogel, die WortverzauberteLyrikfederEin Blog von einem Freund,  Nachtwandlerin und Lindas x Stories und Myriade sind mit von der Partie. Schaut doch mal bei ihnen vorbei, der Dienstag fängt besser an mit ein bisschen Wortzauberei!

Wenn …

Wenn…

… ich morgens um zehn schon wieder müde bin
… meine Lieblingsband nervt
… der verschwundene Autoschlüssel mich in Tränen ausbrechen lässt
… ich gereizt bin weil der Wind falsch weht
… Autofahrten mich melancholisch an verschwundene Kindheitsstätten erinnern
… Freunde all ihre schlechten Seiten zeigen
… der Alltag ein langes, graues Band ist
… niemand mich mehr mag
… es nur noch regnet
… dann weiß mein Herz, die Welt ist eine trostlose Einöde mit gelegentlichem Stechmückenbefall. Und das wird sich nie, nie wieder ändern.

Aber zum Glück gibt es auch meinen Kopf. Und der weiß, mein letzter richtiger Urlaub ist lange her.

Es wird Zeit. Noch fünf Wochen.

Wenn…
… fünf Wochen länger als die Ewigkeit dauern
… alle, alle schon vor mir Urlaub haben
… der letzte Keks an jemand anderes ging
… seufz

Krabben II

Er

Das erste, was ihm an ihr aufgefallen war, waren ihre Hände. Sie konnte zupacken, war sich auch nicht zu schade, direkt ins volle Netz zu greifen, als sie es an Bord hoben, voller zappelnder kleiner Fische, die sie nur für ihre Kamera gefangen hatten und später wieder über Bord werfen würden. Lange, schlanke Finger hatte sie, strich mit ihnen immer wieder einzelne Haarsträhnen zurück hinter die Ohren. Er hatte sofort weggesehen, hatte sich auf das Schiff konzentriert und auf seine Netze, die eigentlich Krabben fangen sollten, aber jetzt im Frühjahr keine fanden. Unbedingt hatte sie an Bord gewollt, um mit ihm über die schlechte letzte Saison zu sprechen und darüber, was das für seine Familie bedeutete, und er, er war genervt gewesen. Diese ewigen Berichte, die sowieso nichts brachten, die seinem Vater Hoffnung machten, die sich nie erfüllte und ihn jedes Mal kleiner und grauer zurück ließ. Sein Bruder hatte so lange auf ihn eingeredet, bis er nachgegeben hatte, und jetzt standen sie hier, an einem kühlen Märzmorgen bei gnädiger See, das Deck voller kleiner Fische, und er konnte nicht aufhören, sie anzustarren. Sie sprach mit seinem Bruder, lachte, wandte das Gesicht zur aufgehenden Sonne, die einen rötlichen Schein über ihre Haut warf. Alida. Wer hieß denn so? Niemand, den er kannte. Sie hatte die Kamera weggelegt, alle Bilder waren geschossen, und er ärgerte sich, weil er vorhin kein Wort herausgebracht und das Reden wie immer seinem Bruder überlassen hatte. Andererseits, wo sollte das schon hinführen, ein Krabbenfischer kurz vor der Pleite und eine Journalistin, das hatte keine Zukunft. Er wandte den Blick ab, trat an die Reeling und blickte ins Wasser. In den Wellen spiegelte sich ihre Silhouette.
Sein Bruder lachte, entließ die Fische aus dem Netz, wandte sich um und ging in die Kabine. „Wir fahren zurück, Mathes, ok?“ rief er ihm zu und warf den Motor an. Der Schiffsdiesel ließ das Deck zittern, dann fuhr das Boot eine lange, gemächliche Kurve und nahm Kurs auf ihren Heimathafen.
Die Journalistin hielt sich immer noch an einem der Seile fest und blickte zurück ins Kielwasser, über dem die Möwen gierig Ausschau nach Fischen hielten und sich dabei die Seele aus dem Leib kreischten. Er machte einen Schritt auf sie zu, rutschte aus, ging zu Boden und riß die Journalistin mit sich. Sie landete auf ihm, ihre Haare fielen auf sein Gesicht und ihr Ellenbogen landete in seinem Magen. Zischend stieß er die Luft aus, dann blickte er in ihr Gesicht, das direkt über seinem hing. Sie sah ihn aus grauen Augen an. „Hej“, sagte sie und lachte.
Er holte tief Luft. „Hej“, sagte er.

Krabben I

Sie

Der Wind riß Haarsträhnen aus ihrem Zopf, die sie ohne großen Erfolg immer wieder hinter ihre Ohren strich. Die See verhielt sich verhältnismässig ruhig, und sie war froh darüber. Nichts konnte sie jetzt weniger gebrauchen als seekrank zu werden, nicht nachdem sie die Krabbenfischer endlich davon überzeugt hatte, sie auf eine Ausfahrt mitzunehmen. Die Fänge waren schlecht, und das schon seit Monaten. Was machte das mit Menschen, die in sechster Generation Krabbenfischer waren? Sie schnupperte an ihren nach Fisch riechenden Händen und lächelte stolz. Einen Tag pro Woche hatte sie ihrem Chef abgerungen. Einen Tag lang durfte sie nach ihren eigenen Geschichten suchen und sich von all den Schützenfesten und Schulkonzerten erholen, die endlos durch ihr kleines Provinzblatt wanderten.
Der Kutter schwankte wie ein großes, betrunkenes Tier. Die Brüder zogen zum dritten Mal ihre Netze nach oben und wieder waren keine Krabben darin. Nur winzige silberne Fische hatten sich in den Maschen verfangen, zu klein, um sie verwerten zu können.
Der gesprächigere der beiden stand neben ihr, betrachtete wie sie den Sonnenaufgang und machte eine Bemerkung über Romantik auf See und rote Sonne auf silbernen Fischbäuchen. Sie lachte. Er hatte etwas von einem jungen Welpen an sich. Der ältere Bruder dagegen vermied überflüssige Worte, den ganzen Morgen über hatte er höchstens drei Sätze mit ihr gewechselt. Ob er sauer war, weil sie nicht nachgegeben hatte? Sie fühlte seinen Blick im Rücken, aber immer, wenn sie sich umdrehte, sah er weg.
Das Boot fuhr eine lange Kurve und nahm Kurs zurück zum Hafen. Sie beobachtete das Kielwasser, das schäumend eine lange Spur durch die Wellen zog. Neben ihr stand der ältere Bruder und hielt sich an der Reeling fest. Sie dachte darüber nach, wie sie zuhause den ersten Entwurf ihres Artikels schreiben würde, als der Mann neben ihr ausrutschte, ihr die Beine unter dem Leib wegriß und mit ihr zusammen auf das Deck fiel. Sie landete der Länge nach hart auf seinem Körper, ihr Ellenbogen drückte in seinen Magen, und er stieß zischend die Luft aus. Erschrocken blickte sie in sein Gesicht, ihre Haare fielen auf seine Stirn und seine Wangen. Zum ersten Mal sah er sie direkt an. Er hatte schöne Augen. Sie waren braun wie die polierten Decksplanken seines Schiffes.
„Hej“, sagte sie und lachte.
Er holte tief Luft. Ihr Ellenbogen hob sich sacht unter seinem Atemzug.
„Hej“, sagte er.

Fräulein Honigohr am Meer

Fräulein Honigohr am Meer

Fräulein Honigohr schüttelt den Sand von den Stiefeln und streicht sich die Haare aus dem Gesicht. Ihre Manteltaschen sind muschelschwer und auf Herrn Brummecks linker Schulter liegt ein riesiges Stück Treibholz. Zufrieden hakt sie sich bei ihm ein, es ist Zeit nach Hause zu gehen. Kurz vorm Ziel bleiben sie vor einem kleinen, alten Haus stehen, in dessen Vorgarten Dahlien blühen. Ein Mann, der mindestens genauso alt wie das Haus ist, harkt den Sandweg zur Gartenpforte.
„Was für einen wunderschönen Garten Sie haben!“ ruft sie begeistert. „Und diese Dahlien!“
Der Mann blickt auf, stützt sich auf seine Harke und blickt voller Stolz auf die riesigen Blütenköpfe. „Ja, nicht? Ich züchte sie selbst.“
„Wirklich? Toll. Die rotweißen finde ich am schönsten!“
„Ach guck. Meine Frau mag die auch am liebsten.“ Er lächelt. „Sie sind wohl im Urlaub hier, was? Da haben Sie ja gutes Wetter erwischt.“
„Oh ja, die Sonne scheint, und das Meer ist ganz kabbelig, ein bisschen rastlos. Ich glaube, der Wind ärgert es heute zuviel.“
Der alte Mann sieht Fräulein Honigohr überrascht an, dann überzieht ein Grinsen sein Gesicht. „Genau so ist es! Ich hätte das nicht besser sagen können!“
Die beiden sehen sich an, unausgesprochenes Einverständnis im Blick. Herr Brummeck schiebt sein Stück Treibholz geduldig von der einen auf die andere Schulter.
Fräulein Honigohr erwärmt sich für das Thema. „Die Wellen flüstern heute, sie ratschen richtig. Sie müssen unbedingt mit Ihrer Frau an den Strand gehen und zuhören!“
Ein kleiner Schatten zieht über das Gesicht des Mannes. „Ach… wissen Sie, das geht nicht. Meine Frau hat schlimme Beine, Spaziergänge sind da leider nicht drin. Früher, ja, da konnten wir von hier aus das Meer sehen, nur ein Stückchen, aber das hat gereicht. Jetzt… naja, Sie sehen ja selbst.“ Er weist mit der Hand auf die andere Straßenseite.
Fräulein Honigohr blickt hinüber. Da steht ihr Hotel. Ein hübsches Hotel, nicht zu groß, in einem sonnigen Gelb gestrichen und mit Blumen vor den Fenstern. Aber es steht leider auch ziemlich breit drei Stockwerke hoch da und versperrt dem kleinen, alten Haus den Blick aufs Meer.
Der Mann reicht Fräulein Honigohr drei rotweiße Dahlienblüten über den Zaun. „Hier, bitteschön. Für Sie.“
Fräulein Honigohr blickt auf die Dahlien und dann zu Herrn Brummeck. Er hebt die Augenbrauen. Fräulein Honigohr atmet ein, Dinge verschieben sich, der Wind kräuselt seine Schwingen und das Meer hält die Luft an. Dann setzt das Rauschen wieder ein und Fräulein Honigohr nimmt dem Mann die Dahlien aus der Hand. „Das ist ja so lieb von Ihnen! Ich werde sie gleich in die Vase stellen. Vielen Dank!“ Sie blickt zum Hotel. „Ach, übrigens: Ich weiß ja nicht, wo Sie hingucken, aber ich kann das Meer sehen. Da ist es!“
Der alte Mann folgt ihrem Blick und stutzt. Er sieht vom jetzt nicht mehr so breiten Hotel zu Fräulein Honigohr und guckt dann auf den kleinen Streifen blau, der neben dem Hotel leuchtet. Wie Fräulein Honigohr gesagt hat: Das Meer ist heute kabbelig, nervöse weiße Schaumkrönchen hüpfen auf und ab.
Der Mann fährt mit der Hand zum Kopf und streicht über seine Haare, während er das Meer anstarrt. Langsam breitet sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. „Irmgard“! ruft er dann und eilt auf seine Haustür zu. „Irmgard!“
Herr Brummeck hakt sich bei Fräulein Honigohr ein. „Komm“, sagt er, „das Abendessen wartet. Ich bin übrigens sehr gespannt. Ich wollte immer schon mal in einem dreieckigen Hotel wohnen. Mal sehen, wie sich das anfühlt.“

(Liebe Katja, vielen lieben Dank, dass du deine wunderbare Zeichnung online gestellt hast und ich sie nun sogar hier veröffentlichen darf!!! Wer mehr von Katjas Zeichnungen sehen möchte, klicke bitte hier. Oder folge ihr auf Facebook! Ihre Bilder machen gute Laune, garantiert. Ich persönlich möchte andauernd in ihre Häuser und Wohnungen einziehen. Bislang ist es mir noch nicht gelungen, aber ich arbeite dran 🙂 .

Strandtag

Strandtag

bei leisem Wellengang
in sprödem Windgesang
scheint die Sonne am Treibholz entlang

hängt Fischgräten an Galgen
trocknet schmoddrige Halden
beleuchtet spinatige Algen

Tuffwolken schweben verweichlicht
Plastikmüll glänzt reichlich
bei allerbester Fernsicht

Mir war nach einem gegen den Strich gebürsteten Strandgedicht, und mich ärgern diese Unmassen Plastikzeugs, die überall (nicht nur am Strand) herumfliegen.

Der Dienstag dichtet!  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch Wortgeflumselkritzelkram und  Mutigerleben sind mit von der Partie. Wer den Dienstag also mit Gedichten beginnen will: Herzlich willkommen!

Meer-Allgemeinplätze

  • die Ruhe da draußen!
  • es verläuft sich ja schon ganz schön
  • das Wasser ist ja gar nicht da!
  • plitsch-platsch, Schmodderzehen!
  • guck mal, die Möwen!
  • ob das grüne Algenzeug essbar ist?
  • halt mal still, ich will ein Foto machen!
  • es wird tiefer!
  • wann kommt das Wasser zurück?
  • Seeluft macht hungrig
  • iih, Wattwurmhaufen!
  • kannst du mich mal eincremen?
  • uh, alles voller Sand…
  • Qualleeeen!!!
  • ist das kalt!
  • heute gibt´s ja gar keine Wellen…
  • wer will ein Eis?
  • ich glaube, du hast einen Sonnenbrand…
  • riechst du das Salz?

Wer hat sich wiederentdeckt? Ich mich auf jeden Fall einige Male… 🙂

Promenadenplatz

Promenadenplatz

Tätowierte mit Adlerflügeln und flauschigen Hunden
rotgesonnte Spitzbäuchige in Gummischlappen
ausgetrocknete sonnenverspiegelte Radfahrer
schwitzende Pudel auf dauergewellten Beinen
abgeschnittene Jeanszwerge mit Eishoffnungen
weißhaarige Bodenständige in vernünftigem Schuhwerk
tiefstausgeschnittene Brustträgerinnen an nichtssagenden T-Shirt-Helden
Schnurrbartgesichter unter blau-weißem Sonnenschirmhimmel
Käppi-Sippen in weiß besockten Sportschuhläufern
fischschuppenpaillettenglitzernde Strohbehütete
schleifchenhaarige Windelträger und ihre Nannys
am Horizont Schlammwanderer hundertfach
und ich auf meinem Aussichtsplatz:
promenadengesättigt

Ein Sonntag an der Nordsee kann ganz schön inspirieren… aber wir haben nicht nur herumgespannert, wir sind bei bestem Seewetter auch noch ein bisschen im Watt herumspaziert! 🙂

Der Dienstag dichtet!  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch Wortgeflumselkritzelkram und  Mutigerleben sind mit von der Partie. Wer den Dienstag also mit Gedichten beginnen will: Herzlich willkommen!

Wattrausch

das Watt
es schmatzt
und schmotzt
es plitscht
und zischt
und blubbert
und schubbert
es quillt
und chillt
und schlammt
und schlonzt
es tropft
und spotzt
und kühlt
und spült
es salzt
und tanzt
und es kommt
oh wie es kommt
das Meer

Wenn …

Wenn…

… ich morgens um zehn schon wieder müde bin
… meine Lieblingsband nervt
… der verschwundene Autoschlüssel mich in Tränen ausbrechen lässt
… ich gereizt bin weil der Wind falsch weht
… Autofahrten mich melancholisch an verschwundene Kindheitsstätten erinnern
… Freunde all ihre schlechten Seiten zeigen
… der Alltag ein langes, graues Band ist
… niemand mich mehr mag
… es nur noch regnet
… dann weiß mein Herz, die Welt ist eine trostlose Einöde mit gelegentlichem Stechmückenbefall. Und das wird sich nie, nie wieder ändern.

Aber zum Glück gibt es auch meinen Kopf. Und der weiß, mein letzter richtiger Urlaub ist lange her.

Es wird Zeit. Noch fünf Wochen.

Wenn…
… fünf Wochen länger als die Ewigkeit dauern
… alle, alle schon vor mir Urlaub haben
… der letzte Keks an jemand anderes ging
… seufz