Abendlese

Abends mit dem Tag hadern, weil man nicht im Ansatz das erledigt hat, was erledigt werden sollte. Und der Tag sich schwer wie Blei angefühlt hat, kein Flow, nirgends.

Dann überrascht feststellen, dass man es trotz Nicht-Flow geschafft hat, über den Tag verteilt ein Dreiviertelbuch zu lesen.

Kurz überlegt, wann zum Geier man all die Seiten verschlungen hat und sich erinnert, es gab da diverse Sesselzeiten in der Sonne.

Leicht widerwillig die Ansicht zum Tag revidiert. Ganz so übel kann er wohl doch nicht gewesen sein.

Eine ganz wunderbare Illustration aus dem Buch „Das Buch“ von Burkhard Spinnen, die hier perfekt passt.

Pinnwandentschlackung 2019/2020

Heute ist die Zeit! Draußen regnet es ohne Unterlass, ich bin mit tropfender Kapuze und komplett nass aus diesem… diesem… Wetter da draußen wieder zurück und habe beschlossen, meine Pinnwand muss jetzt für 2020 vorbereitet werden! Sofort! Obwohl sie eigentlich gerade ganz hübsch aussah. Oder?

Aber es hilft ja nichts. Das neue Jahr kommt nicht nur, es ist schon da und will seinen Platz, also pflücke ich beherzt die ersten Karten ab, ohne vorher die aktuellen Bewohner von ihren Plätzen zu bitten. Und schon gibt es Verletzte!

Ein Armbruch! Sorry, Herr Schneemann. War keine Absicht. Sofort wurden Schwesterndienste geleistet und siehe da: Eine Spontanheilung!

Entweder seine Frau freut sich über den wieder vorhandenen Arm oder sie hat überhaupt nichts mitbekommen, ich bin mir da nicht sicher.

Jetzt sind sie auf jeden Fall wieder vereint, aber nicht mehr an meiner Pinnwand. Ach ja, es gab so viele schöne Dinge in 2019… Konzerte, Zirkusbesuche, Geburtstage, eine Goldene Hochzeit, eine grüne Hochzeit, Urlaube, Gottesdienste mit so viel schöner Musik, gefeierte Abschiede, die an sich nicht schön sind, aber wenn sie gut gestaltet werden von allen Seiten kann selbst sowas zum Fest werden. Und dann gab es auch einfach so Post, über die ich mich sehr gefreut habe! Bücherpäckchen von gleich mehreren Seiten, Überraschungsgeschenke und Einfach-So-Postkarten:

Einen kleinen (sehr unprofessionellen) Animationsfilm mit gezeichneten Strichmännchen habe ich gemacht, das daraus entstandene Wir-sitzen-alle-in-einem-Boot hing auch noch an meiner Pinnwand…

Ein paar Pinnwandanhänge wandern in meine Lesezeichensammlung, ein paar werden aufgehoben, ein paar gehen den Weg alles Vergänglichen. Ein paar werde ich verschenken, ein paar verschicken. Und nun ist sie bereit für 2020!

Obwohl ich sie jetzt etwas sehr leer finde. Fast schon kahl. Unwirtlich. Ungastlich. Unerfreulich. Unerträglich.

Schon sehr viel besser! So kann es losgehen, das neue Jahr!

Adventsmarmelade

Frau Müller hat für sowas keine Zeit. Das ist ja nett gemeint, aber mal ernsthaft: Wer braucht denn dieses ganze Weihnachtsgedöns? Marmelade gibt es wie Sand am Meer, eine ganze Supermarktregalwand ist voll damit, sie kann sich jede nur denkbare Sorte dort kaufen, und wenn sie wollte, würde sie das auch tun.
Überhaupt, dieses Lamettagetue: Die Leute machen sich was vor. Wenn man es nüchtern betrachtet, ist der zwölfte Monat dazu da, Buchhandlungen und Spielwarengeschäfte über den Rest des Jahres zu bringen und Restaurantbesitzer jubeln und frohlocken zu lassen. Und am Ende steht der Weihnachtsbaum doch nur entnadelt im Wohnzimmer und nichts hat sich geändert, nur das Konto ist leichter als im Monat zuvor.
Frau Müller sieht das Marmeladenglas prüfend an. Vielleicht kann sie es weiter verschenken? Sie runzelt die Stirn. Lieber nicht. Wer weiß, wer noch alles so eins bekommen hat. Ganz hinten im Schrank ist noch eine Lücke, da schiebt sie es fürs erste hinein. Sie bleibt lieber bei ihrer Stammmarke, Erdbeer, wie schon seit zwanzig Jahren. Sie hat viel zu viel zu tun, um sich mit überflüssigem Kram zu befassen, so nett gemeint er auch sein mag. Nett sein bringt nichts voran, das hat sie schon vor langer Zeit gelernt, was zählt, sind abgeschlossene Geschäfte. Umsatz. Mit diesen Gedanken putzt Frau Müller sich energisch die Zähne, zieht die Bettsocken an und sinkt müde ins Bett.

Sie träumt einen Traum.

Morgens setzt sie sich auf, zieht sich an und will Kaffee kochen, aber die Dose mit dem Pulver ist leer, der Vorratsschrank ebenfalls. Ärgerlich reisst sie die Kühlschranktür auf, um sich wenigstens das tägliche Erdbeermarmeladenbrot zu machen und starrt verständnislos in die Fächer. Es gibt Erdbeermarmelade. Und sonst nichts. Keine Eier, keine Butter, keinen Käse. Nur Erdbeermarmelade.
Voll böser Vorahnungen wirft sie die Kühlschranktür wieder zu und durchsucht alle Schränke und Schubladen. Sie findet Erdbeermarmelade in Dosen, Schalen und Tupperbehältern. Sonst nichts.
Verwirrt macht Frau Müller sich auf zum Supermarkt, um dort neue Lebensmittel einzukaufen. Dass sie vergessen hat, Straßenschuhe anzuziehen und in Hausschuhen los läuft, ist an diesem Morgen schon fast nebensächlich. Als sie die ersten Menschen mit Einkaufswagen sieht, beginnt sie zu ahnen, dass etwas ganz und gar nicht stimmt. Und richtig: Alle Regale, die Tiefkühltruhen: Voll mit Erdbeermarmelade. Immerhin, es gibt mehr Sorten als bei ihr zuhause, püriert, mit Stückchen oder als Gelee, aber: Ausschließlich Erdbeeren. Sie läuft durch die Regale und kann es nicht fassen. Die übrigen Kunden sehen gelangweilt oder geschäftig aus, wie man eben aussieht, wenn man seinen Wocheneinkauf erledigt, selbst wenn der ausschließlich aus Erdbeermarmelade besteht.
Frau Müller traut sich nicht, jemanden auf die seltsame Einheitsnahrung anzusprechen, niemand hier sieht irritiert aus, und schlussendlich greift sie sich irgendein Glas aus den Regalen, es ist ja eh egal, es gibt nur ein Produkt, und rennt danach fast ins Büro, immer noch in Hausschuhen. Wenigstens ihren Kollegen müsste doch irgendetwas aufgefallen sein!
Als sie das Büro betritt, löffelt der Pförtner geistesabwesend Erdbeermarmelade, während er in der Zeitung blättert und sie durchwinkt, und ihr Kollege trinkt Erdbeerpüree anstatt des üblichen Kaffees.
Frau Müller beschließt zu schweigen. Irgendetwas muss sie essen, also zwingt sie mit Mühe ein paar Löffel der roten Masse hinunter und unterdrückt schaudernd ein Würgen. Das kann doch wohl alles nicht wahr sein!
Mittags versucht sie es voller Hoffnung beim Imbisswagen gegenüber. Anstatt mit Salat sind die flachen Bleche in der Auslage mit Marmelade gefüllt, und aus der Friteuse dampft es heiß und fruchtig süß. Frittierte Erdbeermarmeladenklümpchen sind im Angebot.

Schweißgebadet schreckt Frau Müller hoch. Ihr Wecker klingelt. Schwer atmend sinkt sie wieder zurück ins Kissen. Was für ein schrecklicher Traum!
In der Küche greift sie zögernd zur Kühlschranktür. Was, wenn… aber alles ist so, wie es sein soll: Eier, Butter und Käse sind da, und rechts in der Mitte steht wie immer die Erdbeermarmelade. Frau Müller sieht sie kritisch an. Ihr Magen zieht sich reflexartig zusammen beim Gedanken an Frühstück mit Erdbeeren. Nein. Heute nicht. Stattdessen angelt sie aus der hinteren Ecke des Schranks das geschenkte Glas und beäugt misstrauisch das Etikett. Apfel-Birne-Feige. Nun gut. Besser als Erdbeeren auf jeden Fall. Und dann ist sie gar nicht so übel, die Adventsmarmelade, Birnen- und Apfelaroma mischen sich mit Zimt und einem herben, nicht zu identifizierenden Duft, und ab und zu knirscht ein Feigenkorn zwischen den Zähnen.
Frau Müller ertappt sich dabei, wie sie mit dem Mund voller Adventsmarmelade darüber nachdenkt, wann sie das letzte Mal selber gekocht hat. Sie kann sich nicht erinnern.
Ihr letzter Urlaub ist auch schon sehr lange her.
Vielleicht sollte sie sich heute einfach mal frei nehmen.
Warum eigentlich nicht?

Aus adventlichen Gründen erneut gebloggt. Erstveröffentlichung im Dezember 2017 🙂 .

Glücklichkeiten am Morgen

Wach! Ich bin wach!
Und schlafe nicht wieder ein!
Frühmorgendliches Retten einer Motte mittels Glas und Papier.
Es wird hell.
Selbst die Zeit ist heute hell.
Ein Frühstücksei völlig außer der Reihe.
Nachhallende Freude über eine vorabendliche Entscheidung.
Zwei Zwetschgen ganz ohne zwitschernde Schwalben zum Tagesstart.
Die Kerze vor der Postkarte.
Sich aller Glücklichkeiten bewusst sein.

Ich hätte das auch poetischer gestalten können, aber es war so schön echt auf diese Weise, also habe ich es (fast) in der ursprünglichen, ersten Form gelassen.

Der Dienstag dichtet!  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch Wortgeflumselkritzelkram, Mutigerleben und Werner Kastens sind mit von der Partie. Wer den Dienstag also mit Gedichten beginnen will: Herzlich willkommen!

mittagsfragment

13.57
Verbotenerweise ist das Fenster geöffnet. Es regnet. Auf der Scheibe liegen verlorene Eichenstückchen. Sie werden durch den Regen nicht abgewaschen. Vielleicht werden sie für den Rest der Zeiten dort kleben.

13.58
Eine Fliege hat mein Zimmer gefunden. Ich scheuche sie weg. Sie fliegt auf mein Bein. Ich scheuche sie weg. Sie fliegt auf meine Schulter. Ich scheuche sie weg. Sie fliegt auf meine Hand. Ich scheuche sie weg.

13.59
Das Bett ist weich. Die Fliege beobachtet mich. Ich schlafe ein.

 

Nein, das hat keinen tieferen Sinn. Ich fand es trotzdem faszinierend. Das Leben ist oft fragmentarisch, ohne Höhen oder Tiefen, es gleitet dahin wie Butter in einer heißen Pfanne. Das ist gleichermaßen beunruhigend und beruhigend, und das alles im selben Moment. Was wäre, wenn diese Momente nicht weniger wichtig sind als andere und wir sie nur nicht bemerken?

Was ich mag

Was ich mag:

  • ungemähte Rasenstücke mit gelben Butterblumen und Gänseblümchen
  • in einem stillen Zugabteil sitzen und nur das leise Zischen der Fahrt ist zu hören
  • abfahren
  • ankommen
  • das Gewicht von drei neuen Büchern in der Einkaufstasche
  • freundliche Verkäuferinnen und Verkäufer aller Art
  • das Einsortieren meines unglaublichen Krimskrams in ein neues Portemonnaie
  • das Gefühl, wenn nasse Haare nach dem Duschen anfangen zu trocknen
  • vertraute Gespräche zu dritt bei einem Glas Wein
  • schöne Hände
  • und Füße

Was ich nicht mag:

  • Gespräche aller Art vor acht Uhr morgens
  • totgeschlagene Fliegen aufsammeln
  • gebratene Auberginen
  • schwitzen
  • zu enge Schuhe (auch, wenn sie schön sind)
  • pürierte Auberginen
  • schwarze, große Spinnen, wenn sie auf meinem Teppich sitzen und auf mich warten
  • Pläne, die nicht funktionieren
  • eingelegte Auberginen

Vor dem Frühstück

Ein kleines Lied singt in mir. Ich staune: Wo kam es her?
Schon lange hatte ich keinen singenden Begleiter mehr…

🙂