mittagsfragment

13.57
Verbotenerweise ist das Fenster geöffnet. Es regnet. Auf der Scheibe liegen verlorene Eichenstückchen. Sie werden durch den Regen nicht abgewaschen. Vielleicht werden sie für den Rest der Zeiten dort kleben.

13.58
Eine Fliege hat mein Zimmer gefunden. Ich scheuche sie weg. Sie fliegt auf mein Bein. Ich scheuche sie weg. Sie fliegt auf meine Schulter. Ich scheuche sie weg. Sie fliegt auf meine Hand. Ich scheuche sie weg.

13.59
Das Bett ist weich. Die Fliege beobachtet mich. Ich schlafe ein.

 

Nein, das hat keinen tieferen Sinn. Ich fand es trotzdem faszinierend. Das Leben ist oft fragmentarisch, ohne Höhen oder Tiefen, es gleitet dahin wie Butter in einer heißen Pfanne. Das ist gleichermaßen beunruhigend und beruhigend, und das alles im selben Moment. Was wäre, wenn diese Momente nicht weniger wichtig sind als andere und wir sie nur nicht bemerken?

Was ich mag

Was ich mag:

  • ungemähte Rasenstücke mit gelben Butterblumen und Gänseblümchen
  • in einem stillen Zugabteil sitzen und nur das leise Zischen der Fahrt ist zu hören
  • abfahren
  • ankommen
  • das Gewicht von drei neuen Büchern in der Einkaufstasche
  • freundliche Verkäuferinnen und Verkäufer aller Art
  • das Einsortieren meines unglaublichen Krimskrams in ein neues Portemonnaie
  • das Gefühl, wenn nasse Haare nach dem Duschen anfangen zu trocknen
  • vertraute Gespräche zu dritt bei einem Glas Wein
  • schöne Hände
  • und Füße

Was ich nicht mag:

  • Gespräche aller Art vor acht Uhr morgens
  • totgeschlagene Fliegen aufsammeln
  • gebratene Auberginen
  • schwitzen
  • zu enge Schuhe (auch, wenn sie schön sind)
  • pürierte Auberginen
  • schwarze, große Spinnen, wenn sie auf meinem Teppich sitzen und auf mich warten
  • Pläne, die nicht funktionieren
  • eingelegte Auberginen

Vor dem Frühstück

Ein kleines Lied singt in mir. Ich staune: Wo kam es her?
Schon lange hatte ich keinen singenden Begleiter mehr…

🙂

Entschlüsse

mit müden Augen
sich aufrichten nach kühler Nacht
langsam größer werden
bei Butterbrezel und Quittengelee beschließen:
dankbar sein

Der Dienstag dichtet!  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch Wortgeflumselkritzelkram und  Mutigerleben sind mit von der Partie. Wer den Dienstag also mit Gedichten beginnen will: Herzlich willkommen!

Wunschgedicht

Was ich gern finden würde

morgens versteckt hinter der Haustür eine Stunde Zeit
rote Glasmurmeln
den perfekten Hängemattenbaum
meinen Zauberstab (mit einem Einhornhaar)
verlassene Bücher
fremde, interessante Einkaufszettel
den Balkon mit Hollywoodschaukel (lang ersehnt)
meinen persönlichen Drachen (wenn es machbar ist, in grün)
kleine Risse in der Normalität
Menschen, die mich begeistern
Seelenverwandte
den Schatz am Ende des Regenbogens
mich im Durcheinander
freundlichen Alltag

Man beachte die kleinen Unterschiede zum endgültigen Text! Ich fürchte, wenn man mich ließe, würde ich meine Texte bis in alle Ewigkeit korrigieren. Und darüber hinaus.

Dienstags ist Gedichte-Tag! Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Schaut gerne bei ihr vorbei, das bereichert den Dienstag ganz ungemein!

Leichtigkeit ist wie ein Wahn

Die Leichtigkeit ist wie ein Wahn. Wenn du in ihr bist, fühlst du dich betrunken, im Wirbel, zehn Zentimeter über dem Boden, alles ist bunt, du streckst die Arme zu beiden Seiten aus und drehst dich, bis du ins Gras fällst, mitten zwischen die Maulwurfshügel, und nicht mal das ist schlimm.

Dann klingt der Wahn ab, du stehst auf und siehst dich vorsichtig um, klopfst deinen Mantel ab und gehst würdevoll geradeaus weiter, als ob nichts gewesen wäre, und nur die Leichtigkeit weiß, dass in deinem Haar links oben jetzt ein Gänseblümchen hängt, das vorhin noch nicht da war.

Wie gut, dass du hinten keine Augen hast.

Was wir alles nie erfahren werden

Was wir alles nie erfahren werden
oder: Das geheime Leben der Nachbarn

Als da wären:

  • die jährliche Anzahl der Schlafanzugtage
  • wie oft es kalte Pizza zum Frühstück gibt
  • wie viele „komm-gut-durch-den-Tag-Küsse“ verteilt werden
  • wer wen füttert und wie viel daneben geht
  • wo das geheime Schmuckversteck ist
  • wie viele belegte Brote gegessen werden, weil niemand Lust zum Kochen hat
  • wer wann die Nachbarn belauscht
  • wie schrecklich zäh das aus dem Fenster sehen und warten sein kann
  • wie laut das Vermissen in Räumen widerhallt
  • die Menge der geweinten nächtlichen Tränen
  • die Lautstärke der zugeschlagenen Türen
  • wie beängstigend dunkel Abhängigkeit sein kann
  • die Anzahl der Tage, die auf dem Sofa oder im Bett verbracht werden
  • wie viel Sport nicht gemacht wird
  • welche Menge an Schokolade spurlos verschwindet
  • wie oft die romantische Szene im Lieblingsfilm wiederholt wird
  • wie langsam stille Zeit vergeht, begleitet nur vom Ticken der alten Uhr
  • wie zärtlich das Foto des Ehemanns vorm Schlafengehen gestreichelt wird
  • dass die Katze doch ins Bett darf
  • wo es überall Platz für zwei gibt, wenn man frisch verliebt ist
  • wie viele Tagträume geträumt werden und was sie bewirken
  • wer wem die Socken anzieht
  • und wer wem beglückt alles andere auszieht