Alltagsrückkehr

„Jaaaa, so liebe ich das“, sagt dein Schweinehund zufrieden und wälzt sich behaglich in deinem Alltag hin und her. „Wir brauchen doch gar nicht soviel Neues, das ist so anstrengend, nie weiß man, was auf einen zukommt. Guck mal, da ist dein Lieblingsbäcker, komm, lass uns reingehen und ein Croissant kaufen!“

Deine Füße nehmen automatisch denselben Weg wie vor dem Urlaub, du kannst gar nichts dagegen tun. Und schon kommst du mit einer Tüte wieder aus der Bäckerei heraus und weißt nicht mehr, wie du überhaupt hineingeraten bist. Dein Schweinehund ist außer sich vor Entzücken. „So schön, endlich wieder Alltag! Gleich gibt´s Tee und wir frühstücken zusammen! Lass uns den kurzen Weg nehmen, die Umwege am Fluß entlang brauchen wir heute wirklich nicht. Je früher du am Schreibtisch sitzt, desto eher kannst du nach Hause!“

Du schaust ihn an, nicht ganz sicher, was hier gerade vor sich geht. Eigentlich wolltest du doch auf jeden Fall die Umwege nehmen. Und du hattest dir fest vorgenommen, die Bäckerei zu meiden, oder? Deine Füße nehmen den kurzen Weg, während du noch darüber nachdenkst. Dein Schweinehund hüpft neben dir her, sein Fell glänzt wie frisch gewaschen. „Guck mal da, das Kaffeemaschinengeschäft, und die staubigen Ladenfenster, und die Suppenküche, gut, dass wir nicht den Umweg genommen haben, sonst hätten wir das alles ja gar nicht gesehen!“

Du bleibst stehen und starrst ihn an. Hier stimmt doch was nicht. „Spinnst du? Sonst findest du die Straße hier doch stinklangweilig!“

„Ach was“, er wedelt geringschätzig mit der Pfote hin und her, „das war gestern, heute finde ich sie super! Guck mal, die Suppenküche hat eine neue Tomatensuppe im Angebot!“ Er erstarrt, die Pfote noch in der Luft und schielt zu dir rüber. Tomatensuppe. Das war ein Fehler und er weiß es.

„Ich mag keine Tomatensuppe. Und das weißt du.“ Du bohrst deinen Blick in seine Augen.

„Äh… richtig. Ja… äh… aber das Schild für die Suppe ist doch hübsch, oder?“ Er druckst herum und windet sich. Unter deinem forschenden Blick schrumpft er zusammen, bis er in deine Hand passt. Kleinlaut rollt er sich zusammen, und während du ihn in deine Tasche steckst, hörst du ihn undeutlich murmeln: „…wollte doch nicht… nur zu deinem Besten… kleinlich… “ Dann drehst du dich um und gehst zurück, bis dahin, wo der Umweg am Fluß beginnt. Aber auf das Croissant, auf das freust du dich trotzdem.

Kleine Freuden, wenn es besser wird

  • wieder Seitenschläfer sein
  • Socken anziehen in fünf Sekunden
  • überhaupt: Socken anziehen!
  • leichtfüßig aufs Fahrrad hüpfen
  • sich einfach irgendwo hinsetzen
  • und wieder aufstehen
  • normal gehen anstatt schlingern wie ein Dampfer bei Windstärke 8
  • den Einstieg ins Auto nicht wie die Besteigung des Matterhorns angehen müssen
  • durchatmen anstatt fluchen wie ein Bierkutschenfahrer
  • sich nicht stündlich fragen, wann das Bein wohl abfällt
  • viel besser gelaunt sein
  • und sehr, sehr dankbar sein

Was Tomaten so treiben, wenn niemand zu Hause ist

Neulich, nach der Tomatenernte:

Zeitreise

Neulich habe ich einen Ausflug in eine andere Zeit gemacht. Zusammen mit Freunden war ich bei einem Rudelsingen in einem Dorf hier in der Nachbarschaft. Das Dorf hat ein paar hübsche Lädchen, einen Edeka, eine Ampel und das alte Gasthaus, dessen großer Saal gut restauriert ist, mit mächtigen alten Holzbalken, Stäbchenparkett und weißen Wänden. Dort findet in regelmässigen Abständen das Rudelsingen statt, und weil ich Singen liebe, dachte ich, das könnte man doch mal ausprobieren.

Es kamen gut siebzig Leute, überwiegend grau- und weißhaarig, teils geübte Sänger aus einem untergegangenen Chor, teils ungeübte aber eifrige Gernsinger. Siebzig Leute in einem Dorf am Montagabend – das ist wirklich nicht schlecht. Es gab fotokopierte Liedblättchen für 50 Cent, dazu selbstgebackenen Marmorkuchen, weil sie beim letzten Mal „Marmor, Stein und Eisen bricht“ gesungen hatten. Als es losging, warf ich vorsichtige Blicke auf meine Begleiterinnen, denn das Programm im 50 Cent Heftchen sah etwas andere Lieder vor, als ich gehofft hatte, eine Mischung aus populären Liedern aus den fünfziger und sechziger Jahren und Volksliedern, dazu einige neuere Stücke im selben Stil. Die Texte – eieiei. Sag Dankeschön mit roten Rosen, ja, durchaus, aber das Frauenbild in dem Lied ist dann doch ein klein wenig gestrig. Aber: Es herrschte durchweg gute Laune im Saal, niemand störte sich an Liedauswahl oder Texten, und so nach und nach wurde mir klar, dass wir gerade eine Zeitreisemaschine betreten hatten. Die Anwesenden bewegten sich in einer Parallelwelt, in der es völlig normal war, dass die Frauen zuhause blieben und sich um die Kinder kümmerten, in der man selbstverständlich textsicher deutsches Liedgut sang, in der die Mundorgel jedem ein Begriff war. In dieser Zeit ist es auch normal, dass es keinen Beamer oder PC gibt, sondern kopierte Textblätter und das der Abend weit von Perfektion und Fernsehwirklichkeit entfernt ist. Man kennt sich, kauft Schuhe und Kleidung im selben Laden, die Frisuren ähneln sich. Zusammen ist man alt geworden, hat die Vorlieben aus der Jugendzeit bewahrt und macht mit Begeisterung das, was man schon seit Jahren tut: Singen. Und moderieren, Soli singen und noch einmal in der Menge baden und Applaus bekommen, und zumindest das scheint dann in beiden Welten gleich gut zu funktionieren.

Trotz allem Unperfekten kann ich nichts finden, was an dem Abend verkehrt war. Wir haben die Lieder mitgesungen, soweit wir sie kannten, das Gehirn ausgeschaltet, und so war es ein besonderer Abend. Es fehlten nur die hübschen Kleider aus den Fünfzigern, und eine Milchbar wäre auch nicht übel gewesen. Aber dafür gab es Marmorkuchen und Einblicke in eine Parallelwelt. Ich frage mich, wie wir wohl in dreißig Jahren auf Jüngere wirken werden – und was werden wir singen? Adele? Roger Cicero? Udo Jürgens? Ich für meinen Teil hätte nichts dagegen, wenn „Sah ein Knab ein Röslein stehen“ dann auch wieder mit dabei wäre.

Finde den Fehler

Der Plan:

Die Entwicklung:

Ich liebe sie trotzdem und bin gespannt, bis zu welcher Größe sie noch wachsen werden. Imposant sind sie jetzt schon. 🙂

16.06.2018

Universelle Sprache im Schwimmbad, unabhängig von Alter, Geschlecht oder Hautfarbe:

„BrrrrrrrwhfffschlotterschlotterbrrrrrrrKALT!brrrrr…“
(wenn trockene Haut auf das kalte Wasser des Schwimmbeckens trifft)

Passt immer! 🙂

Glücklich sein

Und dann war es wieder da, dieses Gefühl von Glücklichsein, und das, obwohl der Tag nicht perfekt verlaufen war, nicht, wie er eigentlich nach meiner Vorstellung davon sein sollte, mit viel Zeit, Gelassenheit, einem Buch und genug Zeit, um gemütlich zu frühstücken. Stattdessen hatte der Tag viel zu früh angefangen, artete schon vor sieben Uhr morgens in Hektik aus, weil ich zu viele Dinge in zu wenig Zeit stopfen wollte, was natürlich nicht gelang, und während ich meine Tasche packte, zu heißen Tee trank und noch überlegte, welche Schuhe ich anziehe, klingelte es auch schon an der Tür. Überhaupt war ich ganz und gar im Zweifel, was die Pläne dieses Tages anging: Wollte ich das wirklich? Hatte ich nicht viel zu schnell zugesagt, im ersten Eifer nicht nachgedacht? Immerhin musste ich am nächsten Tag schon wieder arbeiten, sollte man da wirklich den ganzen freien Tag für andere verplanen?

Und dann passierte das, was mir häufiger passiert: Im Tun wurde alles immer besser. Und besser! Vielleicht ist das so, wenn man das macht, was einem wirklich gefällt: Singen. Schreiben. Zuhören. Gemeinsam arbeiten. Vögel belauschen. Eis essen mit Freunden ohne Sinn und Zweck. Das Tun steigt auf wie ein Vogel in die Luft, schwebt und fliegt und über allem liegt ein Glanz und man ist glücklich. Und der Schöpfer lächelt. Vielleicht sollte man viel öfter einfach tun ohne groß zu fragen, ob das denn auch sinnvoll, maßvoll und passend sei. Und dann sitzt man da, nach getanen Dingen, und guckt zu, wie das Glück aufsteigt, leicht wie eine Feder, geboren aus dem, was einen den Tag über erfüllt hat. Und draußen, gegenüber auf dem Dachgiebel, singt eine Amsel ihr Abendlied, das auch aufsteigt und sich mischt mit dem Glück. Braucht man mehr?