Wunschgedicht

Was ich gern finden würde

morgens versteckt hinter der Haustür eine Stunde Zeit
rote Glasmurmeln
den perfekten Hängemattenbaum
meinen Zauberstab (mit einem Einhornhaar)
verlassene Bücher
fremde, interessante Einkaufszettel
den Balkon mit Hollywoodschaukel (lang ersehnt)
meinen persönlichen Drachen (wenn es machbar ist, in grün)
kleine Risse in der Normalität
Menschen, die mich begeistern
Seelenverwandte
den Schatz am Ende des Regenbogens
mich im Durcheinander
freundlichen Alltag

Man beachte die kleinen Unterschiede zum endgültigen Text! Ich fürchte, wenn man mich ließe, würde ich meine Texte bis in alle Ewigkeit korrigieren. Und darüber hinaus.

Dienstags ist Gedichte-Tag! Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Schaut gerne bei ihr vorbei, das bereichert den Dienstag ganz ungemein!

Leichtigkeit ist wie ein Wahn

Die Leichtigkeit ist wie ein Wahn. Wenn du in ihr bist, fühlst du dich betrunken, im Wirbel, zehn Zentimeter über dem Boden, alles ist bunt, du streckst die Arme zu beiden Seiten aus und drehst dich, bis du ins Gras fällst, mitten zwischen die Maulwurfshügel, und nicht mal das ist schlimm.

Dann klingt der Wahn ab, du stehst auf und siehst dich vorsichtig um, klopfst deinen Mantel ab und gehst würdevoll geradeaus weiter, als ob nichts gewesen wäre, und nur die Leichtigkeit weiß, dass in deinem Haar links oben jetzt ein Gänseblümchen hängt, das vorhin noch nicht da war.

Wie gut, dass du hinten keine Augen hast.

Was wir alles nie erfahren werden

Was wir alles nie erfahren werden
oder: Das geheime Leben der Nachbarn

Als da wären:

  • die jährliche Anzahl der Schlafanzugtage
  • wie oft es kalte Pizza zum Frühstück gibt
  • wie viele „komm-gut-durch-den-Tag-Küsse“ verteilt werden
  • wer wen füttert und wie viel daneben geht
  • wo das geheime Schmuckversteck ist
  • wie viele belegte Brote gegessen werden, weil niemand Lust zum Kochen hat
  • wer wann die Nachbarn belauscht
  • wie schrecklich zäh das aus dem Fenster sehen und warten sein kann
  • wie laut das Vermissen in Räumen widerhallt
  • die Menge der geweinten nächtlichen Tränen
  • die Lautstärke der zugeschlagenen Türen
  • wie beängstigend dunkel Abhängigkeit sein kann
  • die Anzahl der Tage, die auf dem Sofa oder im Bett verbracht werden
  • wie viel Sport nicht gemacht wird
  • welche Menge an Schokolade spurlos verschwindet
  • wie oft die romantische Szene im Lieblingsfilm wiederholt wird
  • wie langsam stille Zeit vergeht, begleitet nur vom Ticken der alten Uhr
  • wie zärtlich das Foto des Ehemanns vorm Schlafengehen gestreichelt wird
  • dass die Katze doch ins Bett darf
  • wo es überall Platz für zwei gibt, wenn man frisch verliebt ist
  • wie viele Tagträume geträumt werden und was sie bewirken
  • wer wem die Socken anzieht
  • und wer wem beglückt alles andere auszieht

Alltagsauferstehungen

Alltagsauferstehungen

  • morgens aufwachen und feststellen, es war nur ein Traum
  • angetrocknete Blumen aus dem Supermarkt retten
  • etwas aussprechen, das bisher unaussprechlich war
  • Kresse aussäen
  • feiern mit verloren geglaubten Freunden
  • jemandem beim Schlafen zusehen und wissen, das ist ein Wunder
  • Gärtnereien besuchen und in Primeln und Hyazinthen baden
  • Ablegen von lange getragenen Lasten
  • blaue Blümchen unter der vertrockneten Buchenhecke
  • farblose Gewissheiten in Frage stellen
  • leere Handyakkus aufladen

 

Erlaubnis

Du bist müde. Eigentlich wolltest du heute noch einen Text schreiben.
Dein Schweinehund gähnt, streckt die Pfoten aus, dehnt sich, dreht sich dreimal im Kreis und legt sich wieder hin.
Während du ihm zuguckst, denkst du daran, wie anstrengend die letzten acht Monate waren. Und die sieben davor auch. Wie angespannt du warst. Nun wird es besser, und eine große Müdigkeit dringt dir durch alle Poren.
Eigentlich hat dein Schweinehund recht. Du darfst das.
Du legst deinen Stift wieder weg. Morgen ist auch noch ein Tag.
Und übermorgen auch.

Alltagsrückkehr

„Jaaaa, so liebe ich das“, sagt dein Schweinehund zufrieden und wälzt sich behaglich in deinem Alltag hin und her. „Wir brauchen doch gar nicht soviel Neues, das ist so anstrengend, nie weiß man, was auf einen zukommt. Guck mal, da ist dein Lieblingsbäcker, komm, lass uns reingehen und ein Croissant kaufen!“

Deine Füße nehmen automatisch denselben Weg wie vor dem Urlaub, du kannst gar nichts dagegen tun. Und schon kommst du mit einer Tüte wieder aus der Bäckerei heraus und weißt nicht mehr, wie du überhaupt hineingeraten bist. Dein Schweinehund ist außer sich vor Entzücken. „So schön, endlich wieder Alltag! Gleich gibt´s Tee und wir frühstücken zusammen! Lass uns den kurzen Weg nehmen, die Umwege am Fluß entlang brauchen wir heute wirklich nicht. Je früher du am Schreibtisch sitzt, desto eher kannst du nach Hause!“

Du schaust ihn an, nicht ganz sicher, was hier gerade vor sich geht. Eigentlich wolltest du doch auf jeden Fall die Umwege nehmen. Und du hattest dir fest vorgenommen, die Bäckerei zu meiden, oder? Deine Füße nehmen den kurzen Weg, während du noch darüber nachdenkst. Dein Schweinehund hüpft neben dir her, sein Fell glänzt wie frisch gewaschen. „Guck mal da, das Kaffeemaschinengeschäft, und die staubigen Ladenfenster, und die Suppenküche, gut, dass wir nicht den Umweg genommen haben, sonst hätten wir das alles ja gar nicht gesehen!“

Du bleibst stehen und starrst ihn an. Hier stimmt doch was nicht. „Spinnst du? Sonst findest du die Straße hier doch stinklangweilig!“

„Ach was“, er wedelt geringschätzig mit der Pfote hin und her, „das war gestern, heute finde ich sie super! Guck mal, die Suppenküche hat eine neue Tomatensuppe im Angebot!“ Er erstarrt, die Pfote noch in der Luft und schielt zu dir rüber. Tomatensuppe. Das war ein Fehler und er weiß es.

„Ich mag keine Tomatensuppe. Und das weißt du.“ Du bohrst deinen Blick in seine Augen.

„Äh… richtig. Ja… äh… aber das Schild für die Suppe ist doch hübsch, oder?“ Er druckst herum und windet sich. Unter deinem forschenden Blick schrumpft er zusammen, bis er in deine Hand passt. Kleinlaut rollt er sich zusammen, und während du ihn in deine Tasche steckst, hörst du ihn undeutlich murmeln: „…wollte doch nicht… nur zu deinem Besten… kleinlich… “ Dann drehst du dich um und gehst zurück, bis dahin, wo der Umweg am Fluß beginnt. Aber auf das Croissant, auf das freust du dich trotzdem.

Kleine Freuden, wenn es besser wird

  • wieder Seitenschläfer sein
  • Socken anziehen in fünf Sekunden
  • überhaupt: Socken anziehen!
  • leichtfüßig aufs Fahrrad hüpfen
  • sich einfach irgendwo hinsetzen
  • und wieder aufstehen
  • normal gehen anstatt schlingern wie ein Dampfer bei Windstärke 8
  • den Einstieg ins Auto nicht wie die Besteigung des Matterhorns angehen müssen
  • durchatmen anstatt fluchen wie ein Bierkutschenfahrer
  • sich nicht stündlich fragen, wann das Bein wohl abfällt
  • viel besser gelaunt sein
  • und sehr, sehr dankbar sein