Nougat

Wie konnte er es wagen! Er hatte es ihr versprochen! Wütend biß sie in die Nougatpraline, die natürlich kein echter Ersatz sein konnte, aber besser war als nichts, dann wendete sie den Wagen. Niemandem konnte man trauen, dachte sie, als sie den nächsten Gang einlegte, alle waren sie gleich, kein einziger hielt seine Versprechen. Aber dieses Mal würde sie nicht lockerlassen, wenn er nicht zu ihr kam, gut, dann kam sie eben zu ihm!
Herzhaft trat sie aufs Gaspedal, der Wagen schoss nach vorn und nahm einem grauen Audi die Vorfahrt. Wandern müsse er, hatte er gesagt, er könne nicht immer bei ihr bleiben, aber er würde zurückkommen. Und war er das? Nein! Sie hupte einen Mann vom Zebrastreifen und zischte bei Orangerot über die nächste Ampel. Fast wäre er ihr entkommen. Das würde sie nicht zulassen! Sie brauchte ihn! Sie konnte sich nicht vorstellen, wie sie ohne ihn den Sommer überleben sollte.
Der große Wagen vor ihr wurde langsamer, und sie fühlte, wie ihr das Wasser im Mund zusammenlief. Da vorn war er, ganz nah und trotzdem unerreichbar. Verdammt! Frustriert schlug sie mit der Hand auf das Lenkrad. Und er fuhr natürlich nicht zu ihr nach Hause, genau, wie sie es geahnt hatte, sondern bog in eine schattige Seitenstraße ab. Einfamilienhäuser! Ihr Blut kochte. Sie sah zu, wie er den Wagen parkte und vorbereitete, dann stieg sie mit steifen Beinen aus, um ihn zur Rede zu stellen.
Als er sie sah, ging ein Lächeln über sein Gesicht, und als sie vor ihm stand, rief er: „Carrissima! Hier, für Sie, Zitrone, Sahne-Karamell und Nougat-Schokolade in der Waffel! Bitteschön, wie immer!“
Es war wie jedes Mal. Er wickelte sie ein mit seinem Eisverkäufer-Charme und sie verlor. Was sollte sie machen? Sie brauchte sein Eis wie andere die Luft zum Atmen.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden, und ich bedanke mich ausdrücklich bei Christiane für die geniale Idee, die mir hier in den Kommentaren geliefert wurde. 😁
Die Worte waren Praline, herzhaft und wandern, sie waren unterzubringen in einem maximal 300 Worte langen Text und die Wortspende kam von Monika mit ihrem Blog Allerlei Gedanken. Organisiert wird alles von Christiane (ja, die Ideengeberin für diese Geschichte). Ihr müsst zugeben, eine Eiswagen-Stalkerin hatten wir bestimmt noch nicht, oder? 😁

Fräulein Honigohr badet im Sommer

Fräulein Honigohr sitzt im Schneidersitz auf dem Rasen und streichelt abwesend über die Gänseblümchen, die sich ihrer Hand entgegenstrecken. Herr Brummeck liegt neben ihr, schwitzt leise vor sich hin und stöhnt ab und zu über die Hitze, dann ist er wieder still und hört ihr zu.
Sie recherchiert Möglichkeiten. „Wir könnten draußen übernachten“, sagt sie, „oder wir machen eine Mondwanderung! Stell dir vor, wie der Mond sich silbern auf dem Fluß spiegelt! Wäre das nicht herrlich? Oder wir kochen schwedisch und picknicken auf einer Waldlichtung! Vielleicht gibt es schon Walderdbeeren…“ Sie lächelt versonnen.
„Aber nur mit Picknickdecke“, sagt Herr Brummeck träge, „die Ameisen haben mich beim letzten Mal fast aufgefressen.“
„Nur, weil du dich auf sie drauf gesetzt hast. Das war reine Notwehr.“
„Hm“, macht Herr Brummeck und wischt sich eine Schweißperle von der Nase.
„Wir könnten einen Flohmarkt besuchen oder eine Wanne mit kaltem Wasser rausstellen und die Füße reinhalten und ein Eis essen. Oder wir bauen ein Floß und fahren den Fluß hinunter. Oder wir fahren ans Meer und gehen schwimmen!“ Fräulein Honigohr kann nicht anders, sie muss dauernd lächeln. Es ist Sommer!
„Schwimmen?“ Herr Brummeck richtet sich auf und wirft einen Blick auf den See. Er guckt Fräulein Honigohr an und grinst. Es sieht verwegen aus.
„Nein! Das machst du nicht! Lass das! Iiiiieeeck!“ Fräulein Honigohr kreischt, aber es hilft ihr nichts: Herr Brummeck hat sie über die Schulter geworfen wie einen Sandsack und läuft mit ihr auf den Steg zu. Im Laufen ruft er: „Wir könnten auch ins Wasser springen!“ Und dann springt er.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden, sehr kurz vor knapp, aber eher gings nicht, ich funktioniere nämlich ab 26° nicht mehr vollständig, und die letzte Woche lag da aber sowas von drüber! Herrje. Wo war ich? abc-Etüden. Dieses Mal kam die Wortspende von Ellen mit ihrem Blog nellindreams, einzufügen waren die Worte Picknickdecke, recherchieren und verwegen und organisiert wird das Ganze von Christiane – vielen lieben Dank dafür! Und jetzt geh ich ein Eis essen. 😊

Der Garten

„Ich war beim Straßenbau, wissen Sie, ich hab Rohre verlegt, gebuddelt haben wir, wenn ich das alles zusammenrechnen würde, ich glaub, ich hab mich halb bis nach Australien durchgegraben. Das war ´ne schöne Zeit, aber hart war´s auch, die Knochen, die wollen irgendwann nicht mehr graben, da ist jede Bewegung ein Schmerz. Aber wir hatten immer gute Kameradschaft unter den Kollegen. Nur verdient hab ich nicht viel, die Bezahlung war schlecht, wir sind gerade so über die Runden gekommen, die Frau und ich. Für die Kinder hat´s gereicht, aber mehr war nicht drin. Und dann hab ich den Garten entdeckt. Wir haben die Gräben für die Stromkabel gemacht, und da war er. Ein Dschungel war das, alles voller Brombeeren und Brennesseln, und Tannen, zwanzig Meter hoch, unten kahl und oben nichts als Zapfen. Aber er war frei, der Garten! Keiner wollte ihn, bis ich kam. Ne Baracke stand drauf, die hab ich mitbekommen, für lau. Für lau! Das war so ein Glück damals. Und dann hab ich aufgeräumt, Tannen gefällt, Brombeeren raus, und die Baracke hab ich wieder hergerichtet, immer schön eins nach dem anderen, wie das Geld gerade da war. Und jetzt sehen Sie sich den Rasen an! Schöneren finden Sie nirgends, ich vertikuliere, mähe, dünge, bis alles glatt ist. Dieser Mensch, der ist über meinen Rasen gelaufen, als würde er ihm gehören. Was hat er mir alles erzählt, was ihm für Unrecht widerfahren wäre, er hätte Dokumente, und ich solle verschwinden. Da hab ich rot gesehen. Ich meine, wohin soll ich verschwinden? Keiner mehr da, zu dem ich hin könnte. Die Kartoffeln haben nie besser geschmeckt als in dem Jahr. Ich konnte doch nicht ahnen, dass da später nochmal Kabel verlegt werden, mitten durch meinen Garten. Gehen wir? Moment, meine Knie… mach´s gut, mein Garten.“

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden. Die Regeln: Drei Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Begriffe lauteten dieses Mal Baracke, widerfahren und lau und stammen von Bernd mit seinem Blog Red Skies Over Paradise. Und organisiert wird alles von Christiane mit ihrem Blog Irgendwas ist immer! Vielen Dank! Heute sende ich mörderische Grüße in die Blogwelt… 😎

Fräulein Honigohr lernt ein Kleid kennen

Fräulein Honigohr marschiert mit Einkaufstasche und Regenstiefeln durch die Stadt, sie nimmt alle Abkürzungen, die sie kennt, sie hat es nämlich eilig. Sie muss noch Eier, grüne Maccarons, Gummibänder und Butterbier besorgen, und besonders die Maccarons sind schwierig zu bekommen. Als sie in eine enge Gasse einbiegt, hört sie ein Flüstern aus einem schmalen Schaufenster neben ihr. Neugierig wirft sie im Gehen einen Blick hinein und bleibt fasziniert stehen. Auf einer Ankleidepuppe hängt das schönste Kleid, das sie sich vorstellen kann, mit kurzem, weit ausgestelltem Rock, aber das beste ist das rot und silberschwarz bestickte Korsett, das aussieht, als ob es bei jeder Bewegung Silberstaub verdampfen würde.
„Na du?“ murmelt Fräulein Honigohr verliebt, und das Kleid wellt sich geschmeichelt. Die Ankleidepuppe ächzt und bewegt sich unwillig rechtsdrehend um die eigene Achse. Fräulein Honigohr holt tief Atem. Das Korsett ist hinten mit zahllosen, winzig kleinen Ösen verschlossen, der Rock bläht sich im Fahrtwind, und, tatsächlich, ein leichter Silbernebel weht durch das Schaufenster. Fräulein Honigohr lächelt und das Kleid lächelt zurück.
Neben ihr öffnet sich die Ladentür und lässt eine altmodische Türglocke läuten. „Na, haben Sie sich gefunden?“ fragt ein winziger, alter Mann und schaut durch dicke Brillengläser zu Fräulein Honigohr auf.
„Oh ja!“ antwortet sie und lässt keinen Blick von dem Kleid, das sich ihr entgegenstreckt. Maccarons und Gummibänder fallen auf der Wichtigkeitsskala weit nach unten, hier gilt es Prioritäten zu setzen.
„Dann hereinspaziert, bitte!“ Der winzige Mann lässt ihr den Vortritt, und Fräulein Honigohr schwebt in Gummistiefeln in eine neue Welt.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden. Die Regeln: Drei Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Begriffe lauteten dieses Mal Baracke, widerfahren und lau und stammen von Bernd mit seinem Blog Red Skies Over Paradise. Und organisiert wird alles von Christiane mit ihrem Blog Irgendwas ist immer! Vielen Dank! Heute sende ich mörderische Grüße in die Blogwelt… 😎

Fräulein Honigohr und die Musketiere

Fräulein Honigohr wirft eine Handvoll graue Steine in die Pfanne und dreht die Flamme höher. „Na los jetzt!“ ruft sie aufmunternd und schwenkt die Pfanne energisch hin und her. Die Steine kullern klackernd gegen den Rand. „Ihr könnt nicht ewig bei mir bleiben, so langsam wird´s Zeit!“
Die Steine weigern sich. Hitze strahlt von ihnen ab wie von Heizpilzen im Winter.
Fräulein Honigohr seufzt ungeduldig. „Was seid ihr bloß für Mimosen. Die Kirschbäume blühen, ihr wisst, was das heißt!“ Sie wartet einen Augenblick. Nichts rührt sich. „Na gut. Dann eben so.“ Sie legt einen Deckel auf die heiße Pfanne. Nach einer Minute hört sie ein lautes Gähnen. „Na also“, murmelt sie.
Geschimpfe wird laut, der Deckel scheppert zu Boden und zum Vorschein kommen fünf graue Gestalten, die sie vorwurfsvoll anstarren. „Du spinnst wohl!“ ruft der Größte, „uns so unsanft zu wecken!“ Er unterdrückt ein gewaltiges Gähnen, und wie auf Kommando gähnen alle fünf, bis ihre Kiefer knacken. „Und viel zu früh! Es ist saukalt bei dir!“
Fräulein Honigohr betrachtet die rotglühende Pfanne und zieht die Augenbrauen hoch. „Papperlapapp! Stellt euch nicht so an! Wir haben Mai und ihr müsst los!“ Sie nimmt die Pfanne am Stiel und geht zum offenen Fenster. „Seht ihr? Los, raus! Stellt Unsinn an, ärgert die Eichhörnchen, verteilt Frühlingsgefühle! Im Herbst sehen wir uns wieder.“
Die fünf Grauen schnuppern in die kühle Luft. „Sie hat Recht“, flüstert der Kleinste, „wir sind schon viel zu spät!“ „Birnenmoder und Maikäferkacke! So viel verpasst! Trennen wir uns?“ Sie legen ihre Hände kreisförmig aufeinander. „Alle für einen – einer für alle!“ Sie werfen die Hände in die Luft und stürzen sich aus der Pfanne. In Sekundenschnelle sind sie verschwunden.
Fräulein Honigohr stellt die Pfanne auf Boden und lehnt sich auf das Fensterbrett. „Hallo, Mai“, flüstert sie glücklich, „deine Musketiere kommen!“

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Herr Miesling brät Spiegeleier

„Schwabbadabbadu…“ singt Herr Miesling vor sich hin, während er Eier in die Pfanne schlägt und gewürfelten Schinken darüber streut. Ein himmlischer Duft verbreitet sich in seiner kleinen Küche. Sein Engel schiebt unauffällig den Beutel mit aufgetauten Tiefkühlerbsen näher an die Pfanne, aber Herr Miesling bleibt standhaft.
„Erbsen gehören da nich rein, das wird´n astreines Schinkenspiegelei. Du kannst die wieder ins Gefrierfach packen, wenn du willst. Aber als Kühlung war´n se super. Gute Idee!“ Er betastet vorsichtig die dicke Beule auf seiner Stirn.
Der Erbsenbeutel verschwindet geräuschlos im Tiefkühlfach, dann steht Herr Mieslings Engel mit verschränkten Armen da und guckt streng.
Herr Miesling stochert in den Schinkeneiern herum, dann gibt er auf. „Jaja, du hast ja Recht. Bei streitenden Hunden soll man sich nich einmischen. Dabei wollt ich se nur trennen! Dass diese olle Tusnelda mich gleich mit ihrem Stock hauen würde, konnt ich doch nich ahnen!“ Er befühlt wieder die Beule. „So ´ne Schreckschrulle, echt!“ Er verzieht das Gesicht, als er ein klein wenig zu fest drückt. „Meinst du, das gibt´n Veilchen?“
Sein Engel wiegt den Kopf hin und her.
„Könnt schon noch passieren, guck, hier, da kommt schon´n Bluterguß.“ Herr Miesling betrachtet sich in einem Löffel. Sein Gesicht spiegelt sich wie ein ausgelaufenes Ei. „Das wär aber nich toll, was? Schließlich will ich gut aussehen morgen! Was meinste, den blauen Anzug oder die Stoffhose mit dem karierten Hemd?“
Sein Engel reckt bei der Stoffhose den Daumen in die Luft.
„Nachher probiere ich beides mal an. Siehste, da hatte das ganze Hundegetrenne und die Beule doch was Gutes, immerhin hat die Dame mit dem Mops mich auf´n Kaffee eingeladen!“ Herr Miesling schwenkt glücklich die Pfanne mit den Schinkeneiern. „Willste auch welche?“
Sein Engel lächelt und hält die Teller hin.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden! Die Regeln: Drei Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Begriffe lauteten dieses Mal trennen, Pfanne und glücklich und stammen von der Wortspenderin Doro mit ihrer Webseite/Blog DORO|ART. Und organisiert wird alles von Christiane mit ihrem Blog Irgendwas ist immer! Vielen Dank! 😊🌞

Dem Schweinehund ist kalt

Dein Schweinehund steht am Fenster und drückt die Nase gegen die Scheibe, die du gerade frisch geputzt hast. Du unterdrückst ein Seufzen und versuchst, dich wieder auf deinen Text zu konzentrieren.
„Weisst du noch, als du mir letztes Jahr im Urlaub den Sonnenhut aufsetzen wolltest?“ fragt dein Schweinehund und seufzt kellertief.
„Allerdings“, sagst du und streichst das letzte geschriebene Wort. „Du hast dich angestellt, als hätte ich dir die Ohren abschneiden wollen.“
„Und zum Schluß ist er davongeflogen und im Watt gelandet“, sagt dein Schweinehund mit einem verklärten Lächeln. „War das schön!“ Er seufzt noch einmal kellertief.
„Ja, und ich bin im Watt versackt, du hast einen Sonnenbrand auf der Nase bekommen, wolltest nie wieder die Sonne sehen, hast an der Seniorenbar auf Mitleid gemacht und dich von unbekannten Frauen massieren lassen. Ich erinnere mich sehr gut!“ Du starrst ihn bohrend an.
„Ach!“ Dein Schweinehund wedelt abschätzig mit einer Pfote. „Haltlose Vorwürfe. Du bist bloß neidisch.“
Du schnaubst.
Dein Schweinehund drückt wieder die Nase ans Fenster. „Eigentlich sieht es ganz nett aus da draußen“, murmelt er, „aber es ist kalt! Die Ohren erfrieren einem! Niemand sollte da raus gehen müssen.“
Du schreibst den letzten Satz und bist zufrieden. „Trotzdem gehe ich da jetzt raus. Du kannst ja hierbleiben.“
Dein Schweinehund seufzt noch einmal, dann reckt er kraftlos eine Pfote in die Luft. „Niemals! Du und ich, für immer vereint!“
„Du könntest meine Mütze haben.“
Dein Schweinehund guckt entrüstet. „Ich? Eine Mütze? Ich bin ein Schweinehund! Schweinehunde tragen doch keine Mützen!“
„Dir werden die Ohren abfrieren.“
Dein Schweinehund lächelt gönnerhaft. „Im Gegensatz zu dir bin ich Fellträger!“
Du verdrehst die Augen. „Dann nicht.“ Als du die Haustür öffnest, schlägt dir ein eisiger Wind entgegen. Dein Schweinehund keucht entsetzt auf.
„Eiszeit!“ rufst du und stemmst dich dem Wind entgegen.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden! Die Regeln: Maximal 300 Wörter, darin enthalten sein müssen dieses Mal Sonnenhut, haltlos und massieren. Die Wörter stammen von Ludwig Zeidler (bloggt nicht mehr), und Irgendwas ist immer, dem Blog von Christiane, die das alles auch organisiert – vielen lieben Dank dafür! Der Schweinehund und ich sind übrigens beide der Ansicht, dass dieser Frühling wirklich schweinemässig kalt ist, und deswegen habe ich extra das karibikblaue Etüdenbild gewählt. 😊 🌴

Herr Miesling geht zur Schule

Herr Miesling geht zur Schule

Herr Miesling keucht, der Anstieg war steil und er ist aus der Übung. Zuviele Fernsehnachmittage, der März hat in allen Grautönen herumgewühlt, die er auf Lager hatte. Aber heute! Heute verschleudert die Sonne sich, als ob sie etwas wieder gutzumachen hätte.
„Ich setz mich mal kurz“, sagt Herr Miesling zu seinem Engel und lässt sich auf eine Bank fallen. „Guck“, sagt er, „da is meine alte Schule. Hier war ich lang nich mehr.“ Herr Miesling betrachtet das Gebäude. „Schick, was se draus gemacht ham… ´n Kindergarten isses, oder?“
Sein Engel nickt.
„Früher ham wir da Fußball gespielt. Unser Ball hat fünf Minuten die Luft gehalten, dann warer platt und wir musst´n pumpen.“ Er lacht. „So´n Schiet! Dann hat Günter ´n neuen Ball mitgebracht, aber es war nich mehr so toll, weil er bestimmen wollt, wo´s langgeht… nich mal Klassenkeile hat geholfen, da ham wir halt wieder mit´m alten Ball gespielt und gepumpt.“
Sein Engel hustet.
„Guck nicht so, wir ham ihn nur´n bisschen in die Mangel genommen, nich verprügelt. Eigentlich war´n wir ´ne nette Klasse. Aber wir war´n nie pünktlich, und dann gab´s immer Ärger. Fräulein Trieger hat uns ´n Vortrag gehalten, dass es schlimm enden würde mit unserm Trödeln… die war ´n bisschen schwammig, die Trieger, hat ihren Verlobten im Krieg verlorn und hatte ´ne Vorliebe für Pralinen. Aber sonst war se ganz in Ordnung. Der Meier, der war schlimm, keiner mochte den, und er mochte uns auch nich. Hat sich wohl was andres vorgestellt für sein Leben, und dann stand er hinterm Pult und zu mehr hat´s nich gereicht. Tja.“
Herr Miesling steht ächzend auf. „Weiter geht´s. Schön war´s, aber vorbei isses auch.“
Sein Engel nickt.
Einen Moment lang scheint eine Horde Jungen vor der alten Schule Fußball zu spielen. Herr Miesling lächelt. Dann guckt er nach vorn.

Das war ein Herr-Miesling-Beitrag zu den abc-Etüden, maximal 300 Worte mit drei Begriffen (siehe oben). Organisiert wird das ganze (ziemlich umfangreiche) Projekt von Christiane (vielen Dank!), und die Wortspende kam dieses Mal vom berlinautor. Und die war ziemlich herausfordernd – ich meine, Klassenkeile? Im Zusammenhang mit schwammig?? Aber wir sind ja erprobte Wortunterbringer… 😀

Dein Schweinhund geht spazieren (oder auch nicht)

Dein Schweinhund geht spazieren (oder auch nicht)

Als du deine Strickjacke überstreifst, springt dein Schweinehund vom Sofa und rennt in den Flur. Er stemmt die Pfoten in die Seiten. „Nein! Neinneinnein! Wir werden nicht rausgehen!“
„Natürlich werden wir das“, sagst du und schnürst den ersten Stiefel zu.
„Nein! Auf keinen Fall!“ ruft er und funkelt dich an. „Was sollen wir denn da draußen schon wieder? Da ist alles genauso wie gestern! Und vorgestern!!!“
Du schnürst den zweiten Stiefel zu. „Wir können ja einen anderen Weg nehmen als gestern“, sagst du milde.
Dein Schweinehund heult auf. „Da waren wir doch ü-ber-all schon! Wir sind jeden verdammten Weg in dieser Stadt schon zweimal gegangen! Wieso tust du das? Wieso? Wieso??“ Er jault. Fast bekommst du Mitleid.
„Ach komm“, sagst du versöhnlich, „wir könnten ja was Neues entdecken. Vielleicht blühen heute mehr Krokusse als gestern.“
„Vielleicht, vielleicht… und wenn schon! Das ist doch trügerisch! Wir rennen stundenlang rum, meine Pfoten tun weh, es ist schweinekalt und so sinnlos!“ Bei den letzten zwei Worten piekst er mit seiner Pfote zwei Löcher in die Luft.
„Du kannst mitkommen oder hierbleiben“, sagst du, „es liegt bei dir.“
Dein Schweinehund rennt zur Haustür und stemmt sich in den Türrahmen. Keine Ahnung, wie er das macht, eigentlich ist er gar nicht so groß. „Ich will nicht mit!“, ruft er, „und ich will nicht allein hierbleiben!“
Du ziehst die Augenbrauen hoch. „Bisschen melodramatisch, was?“ fragst du und pflückst eine seiner Pfoten vom Türrahmen.
„Ich hasse Spazierengehen!“ knurrt er, dann lässt er plötzlich den Türrahmen los und umklammert dein linkes Bein.
Jetzt hast du einen Schweinehund am Bein hängen. „Echt jetzt?“ fragst du säuerlich. Dein Schweinehund knurrt und keucht. Er ist ganz schön schwer. Na dann. Entschlossen stapfst du los und fühlst dich unrund. Aber das ist ja nichts Neues. Wer hätte je behauptet, Spazierengehen sei einfach.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden, und ich hab kurz vor Schluß gerade noch die Kurve gekriegt… und hatte viel Spaß beim Schreiben dieser Etüde. 😁 Organisiert wird das Ganze von Christiane (vielen Dank!) und die Wortspende kam von Sabine mit ihrem Blog wortgeflumselkritzelkram (den ich sehr empfehlen kann UND sie hat gerade ein Buch veröffentlicht!). Die Worte waren Strickjacke, trügerisch und entdecken, und es dürfen maximal 300 Worte sein. Ta-da! Punktlandung. 😀

Möglichkeiten

Der Affe war unruhig. Er war alle Äste entlanggelaufen, hatte zwei Käfer gefunden, mit ihnen gespielt und sie gegessen. Das Obst am Morgen war saftig und süß gewesen, aber es war nichts mehr übrig. Er hatte mit den Fingern die Mauer gestreift und war den Abhang hinuntergerannt, und nun saß er in der Astgabel und alles war ruhig. Vögel flogen über ihn hinweg, sie kamen von vor der Mauer und flogen nach hinter der Mauer. Der Affe sah ihnen nach und schlug mit einer Hand auf den Ast, auf dem er saß. Er war neu hier und es gefiel ihm nicht. Vorher hatte es andere gegeben, Familie, und wenn dort Obst zu ihnen geworfen wurde, musste er schnell sein, um etwas abzubekommen. Nun musste er nicht mehr schnell sein. Es war nicht dasselbe. Den Alten vermisste er nicht, er hatte ihn schon fast vergessen, auch die Bisse und Knüffe verblassten, dafür wurde die Stille immer dichter. Er kreischte, einfach so, weil er es konnte, rannte über Äste und Schaukeln, sprang und klammerte sich hoch oben an der Mauer fest. In einem dünnen Grasbüschel fand er Halt, dann bohrte er einen Fuß in eine winzige Spalte und schob sich ein Stückchen höher. Unter seinen Händen und Füßen öffneten sich Wege, und so krallte und zog er sich voran. Ganz oben schob die Mauer sich nach innen, aber er würde sich nicht blockieren lassen, jetzt nicht mehr. Er suchte einen Vorsprung, fand ihn, baumelte ein paar Sekunden mit den Beinen in der Luft und zog sich hinauf. Verwirrt blickte er um sich. Die Welt war groß. Groß! Unüberschaubar. Riesige Bäume mit Blättern, ohne kahle Äste, und viele Mauern, da liefen Futterbringer herum, und weiter hinten standen sonderbare Wesen mit bauschigen Dingern auf dem Rücken. Er kreischte, triumphierend nun. Dann rannte er los.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden, die von Christiane organisiert werden. Die Wörter für die Textwochen 06/07 des Schreibjahres 2021 stiftete Torsten mit seinem Blog Wortman. Sie lauteten Affe, neu und blockieren. Wie immer vielen Dank an Christiane für das Organisieren!