Mein Balkon im Juni

Sechs Tage war ich weg, und was macht mein Balkon in der Zeit? Er verbündet sich mit meiner Balkonkümmerin und explodiert. Und als ich noch ungläubig gucke ob all des neuen Grüns und der Größe der Tomatenpflanzen, raschelt meine Stachelbeere mit all ihren stacheligen Zweigen und fragt schnippisch, ob denn jetzt eigentlich endlich mal der übliche Balkonauftritt im Blog dran wäre, grüner würde es ja wohl nicht mehr werden.

Die Stachelbeere ist dieses Jahr übermütig, denn ich habe sie nicht beschnitten, und nun nimmt sie die Hälfte des Balkons ein und piekt mich, wenn ich versuche, sie zu gießen. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wie ich die Stachelbeeren pflücken soll, ihre Mama ist besitzergreifend und kann sehr schlecht loslassen. Für den Rosmarin ist das aber ein Glück, wie ich vermute.

Er hat ein dramatisches Jahr hinter sich. Nach hemmungslosem Wachstum bis in den Dezember hinein und schlichtem Ignorieren des Winters mit Hilfe zahlloser kleiner rosa Blüten kam der März, und der März war hart. Er hat dem Rosmarin die Füße abgefroren und so blieb mir nichts anderes übrig, als zur Schere zu greifen. Er muss geahnt haben, dass ich drauf und dran war, ihn ganz in den Pflanzenhimmel zu befördern, denn er hat um eine zweite Chance geduftet, und so durfte er bleiben. Wenn auch geschrumpft. Die Stachelbeere umschmeichelt jetzt seine kahlen Zweige und die beiden flüstern die ganze Zeit miteinander. Er hat sogar schon wieder ein paar grüne Triebe bekommen.

Die Nelke, die frühere Küchenhockerin, hat sich prächtig entwickelt. Sie ist still und genügsam, wächst langsam vor sich hin und strotzt vor Blüten. Der kleine Männertreu muss sich mächtig anstrengen, um auch etwas Platz zu bekommen.

Alle Bewohner dieses Balkonkastens müssen sich ran halten, denn sonst werden sie von dieser Erdbeer-Vanille-Minze hinterrücks überwältigt. Eigentlich wollte ich nur ein paar Mochitos mit ihr mixen, aber dann habe ich kurz nicht hingesehen und zack! ist sie sowas wie der Pate der rosa-lila Balkongesellschaft geworden: O sole mio, her mit dem Wasser und dem Dünger oder ich überwachse dich (was ich sowieso tun werde, aber Höflichkeit ist die Tugend der Minzepflanzen)!

Diese zwei hier haben sich gegen den Minze-Paten verbündet und wachsen einfach so dicht an dicht, dass sie keine Chance hat, ihr Geschäft in diese Richtung zu erweitern. Sehr clever. Im nächsten Kasten wächst auch eine Minzpflanze, aber eine Spearmint-Pflanze. Sie spricht immer ein bisschen nuschelig, vermutlich wegen des Kaugummiaromas, und ist im Gegensatz zum Paten pflegeleicht und verträglich.

Was man von ihrer Nachbarin wirklich nicht sagen kann. Sie hat ein sehr ausartendes Gemüt, und wenn ich ihr nicht massiv Einhalt gebiete, würde sie an der Eroberung der kompletten Balkonwelt arbeiten und hätte auch schon Erfolg gehabt. Dabei ist sie trotzdem ein sensibles Seelchen, sie möchte nicht nur den Balkon, sondern auch den Himmel erobern, knickt dabei aber gern mal zur ein oder anderen Seite ab. Eine absturzgefährdete, penetrante, wuchernde Seele. Aber alle Schwebfliegen lieben sie, deswegen darf sie bleiben.

Hier ist es etwas aus dem Ruder gelaufen. Ich hätte wohl mal energisch durchgreifen müssen, aber man kommt so schlecht ran, und es war das einzige, was im Winter grün geblieben ist, und es sieht ein bisschen aus wie ein wuscheliger Kopf… ach, egal, der Topf ist, was er ist, ein wilder Minigarten. Wenn ich reingucken könnte, würde ich bestimmt ein winziges Dorf entdecken, das sich über die sintflutartigen Regenfälle beschwert, die regelmässig morgens stattfinden, und der Bürgermeister muss endlich etwas dagegen tun, oder er wird abgewählt!

Was das hier ist? Ich habe keine Ahnung, aber es wächst einfach immer weiter und immer höher. Mal sehen, wo es hinwill. Und es schwankt im Wind, als ob es zuviele Mochitos getrunken hätte. Die Minze wäre auf jeden Fall schon mal fast in Reichweite.

Dann gibt es da noch die Tomaten, allesamt Kollegen-Geschenke, die in einem Fall ein Joint-Venture mit einer Waldmeister-Siedlung bilden, im anderen Fall meine etwas kläglichen Versuche einer Vermehrung von Weidenkätzchen begleiten. Den Tomaten geht es prima. Die anderen… naja… wer weiß, da geht bestimmt noch was. Und seht mal, wie liebevoll sich meine Balkonbetreuerin gekümmert hat! Ich habe vor meiner Abreise nämlich nur noch schnell einen Stab in die Erde gesteckt und gedacht, das reicht schon, so schnell werden die ja nicht wachsen! Haha.

Einzelne, interessante Untermieter haben sich eingefunden, zum Beispiel diese Dame hier mit exorbitantem Haarwuchs:

Und dann gibt es noch den Glasfisch, der stetig seine Runden zieht, völlig unbeeindruckt von Mafia, Bündnissen, zickigen Stachelbeeren und blühendem Schnittlauch aus dem vorletzten Jahr. Er schwimmt in all dem Grün und freut sich seines Lebens. Und ich freue mich mit.

Mein Balkon Ende März

Heute besuche ich meinen Balkon. Er war schon den ganzen Winter über allein, ich weiß das, denn ich war auch oft allein. Manchmal auch einsam, aber meistens nur allein.
Meine Socken werden ein bisschen feucht, als ich ihn betrete. Mein Balkon entschuldigt sich, er könne nichts dafür, es hätte in den letzten Tagen viel geregnet, er würde sein Bestes tun, die Nässe loszuwerden, aber mit diesen alten Steinfliesen, es sei nicht einfach…
Ich beruhige ihn. Es ist interessant, die Nässe an den Füßen zu spüren. Ich strenge mich an und lasse ein paar Wurzeln aus meinen Zehen sprießen. Sie graben sich zwischen den Steinplatten ein. Es kitzelt an den Zehen. Oh, sagt mein Balkon überrascht, dann sagt er nichts mehr.
Wir betrachten gemeinsam den Himmel, der heute grauweißblau dahinfliegt, jederzeit bereit, noch mehr Regen fallen zu lassen. Der Rosmarin blüht. Vielleicht hat der Lavendel überlebt. Ich könnte nachsehen, aber ich lasse es. Manche Überraschungen muss man sich für später aufheben.
Der Wind fährt über meine bloßen Unterarme und ich fröstle und betrachte das Moos am Rand der Steinplatten. Hübsch, nicht? fragt mein Balkon stolz und ich nicke. Der grüne Glasfisch schwimmt unverdrossen seine Runden, ihm ist es egal, welches Wetter gerade ist. Er ist unabhängig.
Schön ist es bei dir, sage ich und atme die Luft tief ein. Mein Balkon dehnt sich auf das Doppelte seiner normalen Größe. Alte Schmeichlerin, flüstert der Zwerg mit der blauen Mütze, aber er grinst dabei. Er wohnt immer noch unter der Stachelbeere, die im Moment ziemlich kahl aussieht. Das habe ich gehört! zischt sie, um dann beleidigt weiter zu dösen. Ohje. Das wird ein Gemetzel im Sommer beim Pflücken geben. Selbst schuld, murmelt mein Balkon, du weisst doch, wie empfindlich sie ist. Und immer noch nicht die Hellste, murmele ich fast unhörbar zurück. Dann schweigen wir wieder. Der Himmel rast über uns hinweg. Das Leben könnte schlechter sein.

Oink fährt in Urlaub

Wir fahren, schon ziemlich lange. Oink betrachtet die Landschaft. „Du“, sagt er, „es gibt aber ziemlich viel Welt, oder?“

Ich nicke.

„Warum machen wir soweit weg Urlaub?“ fragt er.

„Weil es das Seminar nur soweit weg gibt“, sage ich.

„Aha“, sagt Oink. Er guckt aus dem Fenster. „Diese Straße ist ganz schön gerade.“

Ich nicke.

„Warum fahren wir auf so einer langweiligen Straße?“

„Weil wir eine ganze Menge Weg zu fahren haben. Die Autobahn ist die schnellste aller Straßen.“

Oink sagt nichts. Ich spüre seine ungestellten Fragen wie Schneeflocken um mich herum fliegen. „Aber…“, sagt er, „man sieht ja gar nichts hier! Ich mag Häuser und Tiere und Kurven und Schaufenster, aber hier ist nur Straße!“

„Naja, Landschaft hast du hier auch, oder?“ Ich fasse es nicht. Ich verteidige die Autobahn.

Oink schüttelt die Ohren. „Das ist nicht dasselbe.“

„Ohne Autobahn würden wir aber Tage brauchen, um anzukommen“, sage ich.

Oink sieht wieder aus dem Fenster. „Ich glaube, ich würde lieber nicht Autobahn fahren und dafür Urlaub in der Nähe machen und an Pferden und Schaufenstern vorbeifahren. Guck mal, wie viele Autos da sind! Wo kommen die alle her?“ Er starrt fasziniert auf die vierspurige Blechlawine, die vor uns her fährt. „Machen die auch alle Urlaub weit weg?“

„Vermutlich“, sage ich und bremse. Vor uns stockt es. „Vielleicht hast du Recht. Beim nächsten Mal überlege ich, ob wir nicht doch näher dran in Urlaub fahren.“

Oink hört nicht zu. „Guck mal!“ ruft er und lacht. „Ein Zebra-Anhänger!“

Oink und die Stiefmütterchen

„Das sind aber viele“, sagt Oink. Dann ist er still und guckt.
„Hab ich dir doch gesagt“, sage ich und bin ein kleines bisschen stolz, obwohl ich absolut nichts dazu beigetragen habe.
„Und die wachsen einfach so?“ fragt er.
„Naja“, sage ich, „man muss sie giessen und düngen und pikieren, glaube ich, und umtopfen und irgendwann ins Freie pflanzen.“
„Aha“, sagt Oink und guckt überall hin, zu den Stiefmütterchen und Tulpen und Margariten, zum Lavendel und einer Menge anderer Blumen, deren Namen ich nicht kenne. „Und warum macht ihr das? Esst ihr sie?“
„Nein! Die sind nicht zum Essen“, sage ich leicht kratzig. Wir essen schon eine ganze Menge und auch Dinge, die wir wohl eher nicht essen sollten, aber Blumen sind für etwas anderes da.
„Aha“, sagt Oink, „warum macht ihr euch dann soviel Arbeit mit ihnen?“
„Ähm…“, sage ich und überlege, „ich glaube, weil sie schön sind. Ein paar andere Gründe gibt es auch noch, aber vor allem, weil sie schön sind.“
Oink starrt ein Stiefmütterchen an, das zurückstarrt. „Das ist ein guter Grund, finde ich. Guck mal, die hier hat ein Gesicht.“
Ich bin ein kleines bisschen stolz auf uns Menschen. Das kommt nicht allzu oft vor.
„Ich nehme ein Blumenbad!“ ruft Oink, dann stürzt er sich in ein Beet voller lila und gelber Blütenblätter.
„Oink!“ rufe ich und gucke mich um, ob uns jemand beobachtet. Dann halte ich meinen Mund. Wer wird schon ein kleines rosa Schwein in einem Meer voller Schönheit erkennen?

Oink und der Sommer

Oink starrt hypnotisiert auf die Erdbeeren. „Wie können die denn nur so rot sein und so riechen?“ fragt er fasziniert.
„Pfoten weg!“ sage ich streng, „die sind für nachher.“
Oink schnuppert Erdbeerduft. „Nachher, nachher… was, wenn es kein Nachher mehr gibt?“
Ich versuche, weiter streng zu gucken, aber es ist schwierig.
„Und die gibt es nur im Sommer?“ fragt Oink und versucht, sich in einer Erdbeere zu spiegeln.
„Ja. Und im Frühling, wenn die Beete mit schwarzer Folie abgedeckt werden“, erläutere ich, aber Oink hört schon nicht mehr zu.
„Sommer… was ist das?“ fragt er.
„Oh!“ sage ich und überlege. „Sommer… das sind Erdbeeren und Wassermelonen, morgens vor dem Wecker von der Sonne geweckt werden, abends jede Menge fiese Mücken, vor allem, wenn man noch auf dem Balkon sitzen will, morgens mit kalten Füßen in Sandalen zur Arbeit gehen, den Bäumen beim Rauschen zuhören, im Regen schwimmen gehen, Sonnenbrand kriegen, obwohl das mittlerweile bei Todesstrafe verboten ist, in der Mittagspause auf Bänken sitzen und viel Fahrrad fahren.“ Ich mache eine Pause. „Mehr fällt mir gerade nicht ein.“
„Machen wir das auch alles?“ fragt Oink mit schiefgelegtem Kopf.
„Klar“, sage ich.
Oink strahlt, dann schielt er auf die Erdbeeren.
„Jaja“, sage ich, „nimm dir ruhig eine.“
„Eine ist keine!“ ruft Oink und angelt nach der dicksten Erdbeere, die er fassen kann.
Ich seufze. Mit meinen eigenen Waffen geschlagen. Ich sollte wirklich mehr darauf achten, was ich vor mich hin rede, wenn angeblich keiner zuhört.

Oink sieht in die Ferne

Oink starrt nach vorn in die Wolken. „Das ist also der Horizont?“ fragt er andächtig.
Ich nicke.
„Das ist aber… groß“, sagt er. „So viel leere Luft! Wo sind denn all die Häuser?“
„Hier gibt´s keine. Zum Glück“, sage ich.
„Warum zum Glück? Magst du keine Häuser? Du wohnst doch in einem?“
„Schon“, sage ich, „aber manchmal werden sie mir zu eng.“
Oink starrt auf die Wolken, die sich ineinanderschieben. „Wie meinst du das?“
Ich atme tief ein. „Dann sind da zuviele Mauern, zuviele Autos, zuviele Fenster, es ist alles vielzuviel und vielzueng. Dann brauche ich viel Himmel und viel Platz, damit das Gefühl wieder verschwindet.“
„Aha“, sagt Oink. Er guckt sich um. „Aber ein bisschen einsam ist es hier schon, oder? So ganz ohne andere?“
„Ich bleibe ja nicht lange“, sage ich, „und du bist doch da.“
„Das stimmt!“ sagt Oink. Dann guckt er nach vorn auf den drohenden, grauen Wolkenstreifen am Horizont. „Wollen wir noch ein bisschen bleiben und zugucken? Das sieht so lebendig aus da hinten!“
Ich nicke. Es ist lebendig und wild da hinten. Wunderschön.


Oink spielt Carcassonne

„Was macht ihr da?“ fragt Oink neugierig.
„Wir spielen Carcassonne“, sage ich.
Oink marschiert aufs Spielfeld. „Wie geht das?“
„Man baut Städte und Wiesen und Straßen, dann setzt man Bewohner in die Städte und Bauern auf die Wiesen und Bauleute auf die Straßen, und wer die größten Städte und Wiesen und die längsten Straßen hat, gewinnt“, erkläre ich.
„Aha“, sagt Oink. Er guckt nachdenklich. „Kann ich mitspielen?“
„Klar. Wir sind aber schon mittendrin“, sage ich.
„Macht nichts“, sagt Oink. „Sag mal, die Bauern, das sind doch die, die ganz viele Schweine haben, oder?“
Ich wiege den Kopf. „Manche“, sage ich.
Oink nickt. „Bin ich dran?“ fragt er.
„Ja.“
Oink spaziert los und schiebt alle Bauern von allen Wiesen auf einen Haufen.
„He!“ rufe ich entrüstet, „was soll das?“ Meine Mitspielerinnen gucken verzweifelt. Ihre Bauern haben besser gelegen als meine.
Oink schnauft angestrengt, als er den letzten Bauern zum Haufen schiebt. „Guck!“ Er lacht begeistert. „Das Schwein -das bin ich- hat ziemlich viele Bauern!“
Ich lege den Kopf in die Hände. Meine Mitspielerinnen lachen. Oink grunzt fröhlich vor sich hin.
Soviel zu Carcassonne mit meinem Mitbewohner. Regeln? Pffff.

25. Februar

„Warum sagt er nichts? Ist er stumm?“ fragt Oink besorgt.
„Er kann nichts sagen. Er lebt nicht“, sage ich.
„Aber… warum nicht? Er sieht doch lebendig aus!“
„Tja“, sage ich, „das heißt noch lange nichts.“
Oink sieht dem Schneemann ins Gesicht. „Komisch… er ist ein bisschen wie ich, aber dann wieder überhaupt nicht wie ich. Bist du sicher, das ich lebe?“
„Du? Du kamst aus dem Briefumschlag und das erste, was du gesagt hast, war ‚Oink!‘ und ‚wo bin ich?‘ Du bist sehr lebendig.“
„Ich kam aus einem Briefumschlag?“ fragt Oink zweifelnd.
„Ja“, sage ich, „und es gibt Gerüchte, dass du von noch sehr viel weiter weg bist.“
„Echt?“ Von wo denn?“
„Nepal“, sage ich.
Oink wackelt mit den Ohren. „Daran kann ich mich nicht erinnern. Das allererste, an das ich mich erinnere, ist mein erstes Frühstücksei bei dir.“
„Tja“, sage ich, „trotzdem, stell dir vor, deine Ohren haben vielleicht schon in nepalesischem Wind geflattert! So weit weg war ich noch nie.“
„Hm“, sagt Oink. Er sieht nicht überzeugt aus. „Und der Schneemann? Warum lebt der nicht?“
„Ich habe keine Ahnung“, sage ich.
Oink stupst den Schneemann ein letztes Mal an, dann seufzt er. „Das Lebendigsein ist manchmal komisch verteilt, findest du nicht?“

21. Februar

Oink sieht nachdenklich aus heute morgen. Ich trinke meinen Tee und warte.

„Wusstest du, dass Wildlederschuhe besonders anfällig für Schneeränder sind?“ fragt er schließlich nach einer langen Pause. Ich schüttele den Kopf. „Und das Stiefel meistens zuerst am Reissverschluss kaputt gehen?“ Ich nicke. Oink seufzt. „Ich trage nicht mal Schuhe,“ sagt er, „und sie hat nur über Schuhe geredet.“ Er blickt hoch zu mir. „Ich höre mir gern was über Schuhe an, echt, aber den ganzen Abend?“ Ich nicke. „Nicht einfach, das, was?“ frage ich. Oink wackelt mit den Ohren und beugt sich in meine Richtung. „Es war… langweilig!“ Das letzte Wort flüstert er. „Dabei hat sie so schöne Borsten!“ „Vielleicht solltest du berücksichtigen, dass sie meine Schuhbürste ist,“ sage ich, „da liegt das Thema Schuhe nicht weit.“ „Hm,“ macht Oink. Dann grinst er. „Ich weiß jetzt, dass dein Schuhgeschmack in den letzten Jahren nachgelassen hat, und das du früher experimentierfreudiger warst. Stimmt das?“ „Was?“ frage ich entrüstet, „hat sie das echt gesagt?“ Oink nickt. „Hm. Naja,“ sage ich, „möglicherweise war ich früher öfter in der Stadt… da sieht man mehr…“ ich gucke hoch. Oink sieht mich mit großen Augen an. „Ok, ok,“ sage ich, „beim nächsten Mal nehme ich dich mit.“ Oink grinst und hüpft auf das Frühstücksei.

„Also,“ sage ich und schneide mein Brötchen auf, „das mit dir und deiner Verabredung wird also nichts ernstes?“ „Doch!“ sagt Oink mit Nachdruck, „wir sind jetzt befreundet, und ich kann sie immer fragen, wenn ich etwas über Schuhe wissen muss. Meine erste Freundin!“ sagt er andächtig. „Nur abends Sterne gucken, das machen wir nicht mehr, das passt irgendwie nicht.“ Ich nicke. „Meine Wohnung ist groß“, sage ich, „wer weiß, wer sich hier noch alles herumtreibt.“ Und dann frühstücken wir.

Rosa geht eigene Wege

Letztes Jahr im Oktober ist Rosa bei mir eingezogen, das Schaf mit der Vorliebe für rosa Locken und Zwerge mit geringelten Mützen. Ich bin noch einen Bericht schuldig, wie die weitere Entwicklung unseres Zusammenwohnens verlaufen ist. Bitteschön!
Rosa hat sich als äußerst selbständig erwiesen, um nicht zu sagen, freiheitsliebend bis zur Aufgabe des ständigen Wohnortes. Ihr kleines Tete-a-tete mit dem Herrn mit der geringelten Zipfelmütze hat sich als zu überwältigend für ihn herausgestellt. Er mag es lieber ruhig und hat am liebsten einen dauerhaften Standplatz, von dem er sich nur sehr selten wegbewegt. Rosa dagegen… tja, ihr fehlten die Querfeldeinrennen mit den Hütehunden, die Aufregung, das Abenteuer und die frische Luft um die Nase.

Und so hat sie sehr schnell Mittel und Wege (vor allem Wege!) gefunden, meine schöne, warme Wohnung so oft wie möglich zu verlassen. Ich war zuerst ein bisschen geknickt, ich meine, wer findet es schon toll, wenn eine neue Mitbewohnerin dauernd fluchtartig die gemeinsamen Wohnräume verlässt? Aber sie kam immer zurück, war dann gut gelaunt und ausgeglichen, brachte Waldgeruch mit sich, und sie und der geringelte Herr zogen sich für ein Stündchen zurück. Rosa erzählte von ihren Abenteuern, der Zipfenmützenberingelte hörte gebannt zu und war froh, nicht da raus ins Ungewisse zu müssen und Rosa sonnte sich in seiner Aufmerksamkeit.

Rosa erzählte von Weinlaublabyrinthen, in denen sie sich zuerst immer verirrt hätte, aber mittlerweile würde sie immer ihren Weg finden und wie eine Seiltänzerin über die dünnsten Äste vor den Hütehunden des Viertels fliehen können. Noch nie hätte einer auch nur eine Locke ihres Haares zwischen den Zähnen gehabt!

In einer abgelegenen Ecke des Viertels gäbe es paradiesische Senfflechtenwiesen, und am Rand der Wiesen wüchsen die leckersten Rote-Flechten-Beeten, die man sich vorstellen könne! Nichts sei besser für die Augen, gesunde Klauen und natürlich das Fell! Man könne ja nicht dauernd nachfärben, wer hätte denn dafür Zeit!

Für die orangenen Zuckernüsse müsse sie schon ganz schön hoch klettern, aber nichts wäre besser für den kleinen Nachmittagsrausch als diese Nüsse. Rosa! habe ich entsetzt gerufen, aber Rosa hat nur milde gelächelt.

Einer der spannendsten Orte überhaupt sei der große Blätterrausch an einem geheimen Ort am Waldrand. Ein Blätterhaufen, so groß wie die Welt! Wenn man nicht aufpasse, würde man nie wieder herausfinden und müsse ein elendes Dasein darin fristen, nur mit der Gesellschaft von Käfern, Spinnen und Regenwürmern, und dass die nicht die begnadesten Unterhalter seien, wüsste ich ja wohl!

Ein weiterer Lieblingsort sei ein alter, verlassener Container, der im wahnsinnigsten Rot leuchten würde, das man sich vorstellen könne! Nicht nur Rosa wäre regelmässig dort, auch Igel, Rehe und Füchse würden den Container verehren, weil er das einzige verlässliche Rot der Umgebung bieten würde. Manchmal gäbe es dort geheime Treffen der Waldbewohner, an denen sie, Rosa, mittlerweile als gleichwertiges Mitglied teilnehmen dürfe! Ich habe natürlich sofort gefragt, worum es bei diesen Treffen ginge, aber Rosa starrte mich nur an und erwiderte kühl, dass sie selbstverständlich kein Tratschschaf wäre.

Auch dieser Pfahl sei sehr beliebt im Wald, aber im Gegensatz zum Container stünde er an einer zu öffentlichen Stelle, so dass er weniger besucht sei. Was für sie, Rosa, natürlich nicht gelte. Und ob ich gesehen hätte, wie das Orange mit ihrer Fellfarbe sprechen würde? Ich habe genickt.

Und so ist Rosa kein normales Hausschaf geworden. Sie ist oft auf Abwegen, selten zu Hause, und wenn ich sie mal treffe (was nicht oft der Fall ist), duftet sie nach Moos, Kiefernnadeln und Waldboden und hat ein grünes Funkeln in den Augen. Sie ist kein Einstein-Schaf, aber sie kann höher klettern, findet bessere Futterstellen und ist abenteuerlustiger als alle anderen Schafe, die ich bisher getroffen habe. Eindeutig: Mein Leben wäre ärmer ohne sie.