leben

leben

morgens klingelt der wecker
schnell
es ist spät
ein butterbrot
hastig zum zug
voller menschen
volle abteile
verspätung
quer durch die stadt
arbeit
können sie haben sie wie lange
wann ich will noch warum nicht warten sie
pause
dreissig minuten
überzogen
zurück
arbeit
langsamer als am morgen
unwillig
hastig zum zug
unwillig
voller menschen
volle abteile
augen zu
ohren zu
nach hause
essen
kopf leer
nicht zu lange
nicht zu lange ausruhen
später
noch ein termin
nachts
sehr müde
hellwach
gedanken flackern
warum so
warum nicht anders?

Das ist aus einer Zeit, in der ich sehr viel gearbeitet habe und es keinen großen Sinn mehr für mich gemacht hat. Mittlerweile habe ich meine Work-Life-Balance besser im Griff, aber die Gefahr lauert ständig und überall – Arbeit kann einen großen Sog haben, dem man sich manchmal schwer entziehen kann, selbst dann, wenn sie Freude macht. Vielleicht sogar besonders, wenn sie Freude macht. (Work-Life-Balance – den Begriff wollte ich immer schon mal irgendwo anbringen! 🙂 )

Der Dienstag dichtet!  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch Wortgeflumselkritzelkram und  Mutigerleben sind mit von der Partie. Wer den Dienstag also mit Gedichten beginnen will: Herzlich willkommen!

Schweinehund 2.0

Schweinehund 2.0

Als du in den Flur gehst, triffst du deinen Schweinehund vor dem Spiegel an. Er dreht und wendet sich, betrachtet sich über die Schulter von hinten und geht dann ganz nah an den Spiegel heran und fletscht die Zähne.
„Probst du für ein neues Feindbild?“ fragst du und lehnst dich mit verschränkten Armen an den Schuhschrank.
„Ein neues Feindbild? Quatsch!“ antwortet dein Schweinehund. „Obwohl, Moment, warte mal.“ Er stellt sich vor den Spiegel in Positur, hebt beide Arme, boxt mit den Pfoten in die Luft und schreit: „Ban-zaiiiii!“ Er verbeugt sich vor sich selbst, dreht sich zu dir und grinst. „Nicht schlecht, was?“
„Hm-hm“, machst du. „Jetzt mal ernsthaft: Seit wann interessierst du dich für dein Aussehen?“
„Ach“, er wedelt wegwerfend mit einer Pfote, „eigentlich ja gar nicht, ich weiß halt, dass ich gut aussehe, aber in letzter Zeit hatte ich so ein komisches Gefühl, und ich wollte das mal überprüfen.“
„Aha“, sagst du. „Ein komisches Gefühl. Kannst du das näher erläutern?“
„Tja“, sagt er, „ich bin ja wirklich nicht eitel, aber findest du nicht auch, dass ich in letzter Zeit irgendwie noch besser aussehe als sonst?“
Du atmest aus. Nicht eitel, nein, natürlich nicht. Du gehst zum Spiegel, stellst dich hinter deinen Schweinehund und blickst auf ihn runter. „Hm. Mir fällt eigentlich nichts auf“, sagst du.
„Ja, aber guck mal, mein Fell hat jetzt so hübsche goldene Strähnchen, hier, und hier auch, die waren sonst nicht da, und meine Augen“ – hier geht er mit der Nase so dicht an den Spiegel, dass sie einen feuchten Fleck auf dem Glas hinterlässt – „meine Augen haben eine ganz neue Tiefe, so ein Glänzen. So ein emotionales Ding. Oder?“ Er blinzelt ein paarmal schnell nacheinander und sieht sich selbst tief in die Augen.
Du hast plötzlich ein Zucken in den Mundwinkeln, das in ein breites Grinsen übergeht. Emotionale Tiefe! „Klar, du hast völlig Recht“, sagst du dann ernst, „und deine Nase glänzt auch viel mehr als sonst.“
Dein Grinsen ist völlig an deinem Schweinehund vorbei gegangen, er betrachtet jetzt eingehend seine Nase. „Du hast Recht!“ ruft er erstaunt. „Sie glänzt!“
Du lehnst dich wieder an den Schuhschrank. „Tja. Und was für Erkenntnisse gewinnt du jetzt aus deiner persönlichen Optimierung?“
„Erkenntnisse? Wieso Erkenntnisse?“ Er dreht sich noch einmal von links nach rechts und fletscht die Zähne. „Eindeutig. Schärfer. Und spitzer,“ murmelt er und guckt dich dann im Spiegel an. „Was für Erkenntnisse soll ich denn haben? Ich sehe eindeutig gut aus, reicht das nicht? Obwohl…“ er hebt schon wieder die Pfoten, und du rufst schnell: „Nicht wieder den Schlachtruf, bitte!“
Beleidigt sieht er dich an. „Was ist gegen meinen Schlachtruf einzuwenden? Und außerdem wollte ich gar nichts rufen, sondern dir nur eine Erkenntnis mitteilen, du hast schließlich gefragt!“
Du hebst die Hände und gibst auf. „Ok. Sag schon.“
„Vielleicht sehe ich in letzter Zeit besser aus, weil wir mehr Zeit als sonst miteinander verbringen? Du weisst schon, was immer in den Zeitschriften steht: Verbringe mehr Zeit mit deinem Sozialpartner, er wird es dir danken!“
Du lässt die Hände sinken, und alles, was dir einfällt, ist: „Wann liest du denn solche Zeitschriften?“
„Och, mal hier und mal da,“ murmelt dein Schweinehund. „Aber es könnte schon was dran sein, oder?“
Du drehst dich um und gehst zum Kleiderschrank. „Pack deinen Kram zusammen. Wir gehen aus.“
„Jetzt? Seit wann das denn?“
„Seit gerade eben.“
„Ok-eeey,“ sagt dein Schweinehund, „von mir aus. Also, ich sehe gut aus, wie du weisst, aber du könntest dich schon noch ein bißchen optimieren, findest du nicht?“
Du überlegst, ob du deine alten Socken nach ihm werfen sollst. Aber dann greifst du doch nach der neuen Jeans.
Vielleicht hat er dieses eine Mal wirklich Recht.

Zukunft

ein Kind lacht mich an
ich lache zurück
und sehe:
weit offene Türen
ungezählte Möglichkeiten
Glücksmomente massenhaft
lauter erste Male
soviel ungelebte Zukunft
ich lache zurück
und schicke eine Bitte nach oben
dass es bitte
bitte so kommen möge

Der Dienstag dichtet!  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch Wortgeflumselkritzelkram und  Mutigerleben sind mit von der Partie. Wer den Dienstag also mit Gedichten beginnen will: Herzlich willkommen!

Verlorene Orte

Der sinnlose, lustige Rundlauf um die stachelige Blautanne im alten Garten. Wenn man hinter der Tanne war, war man unsichtbar und auf allen Seiten von Tannengrün umgeben.

Der Weg zur Schule über den Trampelpfad quer durch die Wiese mit den langen, schlanken Halmen, die im vorübergehen ausgezupft und dem Wind übergeben wurden. Es war übrigens immer zu früh, egal, wann die Schule begann.

Die selbstgebaute Fußballtribüne auf der Wiese, erdacht und konstruiert von meinem damals spannendsten Spielgefährten. Acht Menschen hatten Platz auf ihr und konnten den fünf Spielern zujubeln, was wir bis spät in den Abend hinein getan haben.

Der blaue Swimmingpool meiner besten Freundin. Sensationell damals, so ein Teil im  Garten zu haben. Luxus pur. Mit Außendusche!!!

Der dunkle, duftende Kuhstall meiner Oma mit der fremdartigen Zuckerrübenhäckselmaschine (gutes Wort für das Galgenmännchenspiel), vor der immer ein Haufen sandiger, unförmiger Zuckerrüben lag. Ich durfte die Häcksel probieren, sie waren gar nicht übel. Die Kühe haben sie geliebt.

Das unheimliche, nicht mehr benutzte Plumpsklo im Stall hinten links. Ich habe mich nie getraut, mal hineinzugucken, meine Mutter hatte zuviele Schauergeschichten darüber erzählt.

Mit dem Fahrrad zum  Wasserrückhaltebecken und dem schön unheimlichen, dunkelgrünen Geisterweg, in dem es angeblich Skelette geben sollte, wo, wußte niemand, aber keine Frage, sie waren da! Die Erwachsenen behaupteten, das wäre alles Quatsch, aber ganz geheuer war der Weg ihnen auch nicht. Im Sommer hingen grüne, meterlange belaubte Luftwurzeln von den dichten Laubwänden herunter. Es war herrlich.

Die alte Schulbibliothek mit dem unebenen Steinfußboden. Die Ausleihen wurden auf Karten notiert, es gab Enid Blyton- und Perry Rhodan-Bücher, und zwar alle, die auf dem Markt waren. Außerdem gab es Frau P., deren freiwillige Aushilfe ich war, nachdem die Bücher mich gekidnappt hatten.

Der kleine Lebensmittelladen, der erst schloss, als die kleine, alte, gebeugte, sture Inhaberin starb. Bis zuletzt verkaufte sie Bananen und Mehl, Shampoo und Haferflocken.

Hinter der Mauer der geheimnisvolle, dichte, verwachsene Park, der nicht betreten werden durfte, dahinter der Fluß, auf dem viel früher echte Lastkähne gefahren sein sollten! Unvorstellbar für mich, aber spannend.

Unser sommerheißes Büro direkt unter Dach. Barfußlaufen auf Büroteppich von vor dreißig Jahren, schmelzender Teerbelag auf dem nicht begehbaren Balkon neben meinem Schreibtisch. Piepsende Modems und telefonierende Kolleginnen. Die minzgrüne Kantine mit dem cholerischen, aber sehr gut kochenden Koch.

Meine erste eigene Wohnung, zu klein, zu laut, zu warm, ohne Balkon, aber mit sonnengelbem Teppichboden, den ich nie bereut habe.

Die alten Wohnungen meiner Freundinnnen, in denen ich fast auch zuhause war. Küchen, in denen wir gemeinsam den Geburtstagsabwasch erledigt und endlose Gespräche geführt haben.

Alle Zeltlager. Die Zelte! Bundeswehrzelte mit Plane als Boden, täglich auf- und abgebaut. Die Lagerküche, die vor der Benutzung erstmal gründlich geputzt werden musste. Der durchdringende Duft nach warmem Gras, Sommer und Freiheit.

Der alte, jetzt abgerissene Gasthof, der erst rosa und dann so schön gelb gestrichen war, und in dem mein gruseliger Tanzkurz und die Silberhochzeit meiner Eltern stattfand. Der kühle, dunkle Flur mit dem Terrazzosteinfußboden und der verheißungsvollen Eistruhe darin. Der Kaugummiautomat an der Hauswand, an dem man auch karamellisierte Erdnüsse für dreissig Pfennig ziehen konnte.

Verlorene Orte, nur ein paar davon. Sehr geliebt. Die Erinnerung bleibt. Man muss sie nur wachhalten.

Entschlüsse

mit müden Augen
sich aufrichten nach kühler Nacht
langsam größer werden
bei Butterbrezel und Quittengelee beschließen:
dankbar sein

Der Dienstag dichtet!  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch Wortgeflumselkritzelkram und  Mutigerleben sind mit von der Partie. Wer den Dienstag also mit Gedichten beginnen will: Herzlich willkommen!

Wolkengesichter

Im Freibad.
Mitten in einer Rückenbahn öffne ich die Augen und blicke einer dicken, lächelnden Wolke ins Gesicht. Unwillkürlich lächle ich zurück und das Plüschgesicht über mir wird noch etwas breiter.
Eine Rückenbahn lang sehen wir uns an, ich bin beflügelt und schwimme schneller. Dann verschwindet das Wolkengesicht.
Seitdem habe ich Fragen.
War da jemand inkognito unterwegs?
Gibt es eventuell Engelswolken?
Wurde da gerade himmelstechnisch mit mir geflirtet?
Warum kommen mir dauernd Marshmellows in den Sinn?
Hat das außer mir noch jemand gesehen?
Fragen über Fragen.
Erlebnisberichte über Wolkengesichter sind herzlich willkommen.

am Abend

Augen schwer
Kopff dumpff
alless fliiesst
vorbei~ei~ei
Füße warmm
soo waarmm
allle Finger
ruhig
ganzz stilll
ich schrumpffe
aus bunt
wird Breieiei
müde
soo müüdeee
kurzz
nur kurzzz
dannn

🙂

Wer kennt ihn nicht, den Strandschlaf…nur ganz kurz… zzz….

Der Dienstag dichtet!  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch Wortgeflumselkritzelkram und  Mutigerleben sind mit von der Partie. Wer den Dienstag also mit Gedichten beginnen will: Herzlich willkommen!