Was wartet im Garten?

Im Garten wartet die Schönheit. Immer. Egal, was es für ein Garten ist. Manchmal besteht sie aus kitschigen Wassertropfen auf weißen Rosenblättern, manchmal aus den zerrupften Wühlmäusen in den Brennnesseln. Oder sie webt im Wind ihr Netz. Manchmal wirft sie dir grüne Eicheln vor die Füße.
Sie ist eng mit der Versuchung befreundet. Eigentlich ist die Versuchung rot, aber du siehst sie nie, kurz bevor du hinsiehst, ist sie weg, und du hörst nur noch die rauschende Schleppe, die sich von dir weg bewegt. Trotzdem ist sie rot, du bist dir so gut wie sicher.
Die Schönheit bringt Schönes hervor: Viel Gelächter an Küchentischen. Wolken. Nasses Gras an nackten Füßen. Seerosen. Soviel Obst in leuchtenden Farben, dass die Vögel und Wespen mitessen dürfen. Einen Garten. Zwiebeln.
Überhaupt. So viele Farben überall, und zwischendrin meine Gedanken von ganz hell und durchsichtig bis dunkelgrau und stürmisch. Es gibt Momente, da fliegen sie wie Drachen am Himmel, aber manchmal verstecken sie sich auch im Tümpel unter den Seerosen.
Das Paradies ist ein Garten. Ich gehe meine Wege und alle führen darauf zu. Und wenn ich mich verirre oder vom Weg abkomme (das passiert von Zeit zu Zeit), dann habe ich es ganz klein in der Tasche, denn man kann es zusammenfalten und mitnehmen: In einem Buch, einer Tasse Tee oder in einem Gesicht. Ich weiß nicht viel. Aber das habe ich gelernt: Das Paradies ist ein Garten.

am Schreibtisch

am Schreibtisch
ich nage am Bleistift
schichte Gedanken übereinander
zerpflücke die Sätze
schubse Wörter in Lücken
auf dem Schreibtisch
schichte ich Gedanken

Das war ein Zevenaar-Gedicht und diese Form mag ich! 🙂 (und wie man sieht, schreibe ich nicht immer mit Bleistift)

Der Dienstag dichtet!  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch Wortgeflumselkritzelkram, Mutigerleben und Werner Kastens sind mit von der Partie. Wer den Dienstag also mit Gedichten beginnen will: Herzlich willkommen!

Krabben II

Er

Das erste, was ihm an ihr aufgefallen war, waren ihre Hände. Sie konnte zupacken, war sich auch nicht zu schade, direkt ins volle Netz zu greifen, als sie es an Bord hoben, voller zappelnder kleiner Fische, die sie nur für ihre Kamera gefangen hatten und später wieder über Bord werfen würden. Lange, schlanke Finger hatte sie, strich mit ihnen immer wieder einzelne Haarsträhnen zurück hinter die Ohren. Er hatte sofort weggesehen, hatte sich auf das Schiff konzentriert und auf seine Netze, die eigentlich Krabben fangen sollten, aber jetzt im Frühjahr keine fanden. Unbedingt hatte sie an Bord gewollt, um mit ihm über die schlechte letzte Saison zu sprechen und darüber, was das für seine Familie bedeutete, und er, er war genervt gewesen. Diese ewigen Berichte, die sowieso nichts brachten, die seinem Vater Hoffnung machten, die sich nie erfüllte und ihn jedes Mal kleiner und grauer zurück ließ. Sein Bruder hatte so lange auf ihn eingeredet, bis er nachgegeben hatte, und jetzt standen sie hier, an einem kühlen Märzmorgen bei gnädiger See, das Deck voller kleiner Fische, und er konnte nicht aufhören, sie anzustarren. Sie sprach mit seinem Bruder, lachte, wandte das Gesicht zur aufgehenden Sonne, die einen rötlichen Schein über ihre Haut warf. Alida. Wer hieß denn so? Niemand, den er kannte. Sie hatte die Kamera weggelegt, alle Bilder waren geschossen, und er ärgerte sich, weil er vorhin kein Wort herausgebracht und das Reden wie immer seinem Bruder überlassen hatte. Andererseits, wo sollte das schon hinführen, ein Krabbenfischer kurz vor der Pleite und eine Journalistin, das hatte keine Zukunft. Er wandte den Blick ab, trat an die Reeling und blickte ins Wasser. In den Wellen spiegelte sich ihre Silhouette.
Sein Bruder lachte, entließ die Fische aus dem Netz, wandte sich um und ging in die Kabine. „Wir fahren zurück, Mathes, ok?“ rief er ihm zu und warf den Motor an. Der Schiffsdiesel ließ das Deck zittern, dann fuhr das Boot eine lange, gemächliche Kurve und nahm Kurs auf ihren Heimathafen.
Die Journalistin hielt sich immer noch an einem der Seile fest und blickte zurück ins Kielwasser, über dem die Möwen gierig Ausschau nach Fischen hielten und sich dabei die Seele aus dem Leib kreischten. Er machte einen Schritt auf sie zu, rutschte aus, ging zu Boden und riß die Journalistin mit sich. Sie landete auf ihm, ihre Haare fielen auf sein Gesicht und ihr Ellenbogen landete in seinem Magen. Zischend stieß er die Luft aus, dann blickte er in ihr Gesicht, das direkt über seinem hing. Sie sah ihn aus grauen Augen an. „Hej“, sagte sie und lachte.
Er holte tief Luft. „Hej“, sagte er.

Krabben I

Sie

Der Wind riß Haarsträhnen aus ihrem Zopf, die sie ohne großen Erfolg immer wieder hinter ihre Ohren strich. Die See verhielt sich verhältnismässig ruhig, und sie war froh darüber. Nichts konnte sie jetzt weniger gebrauchen als seekrank zu werden, nicht nachdem sie die Krabbenfischer endlich davon überzeugt hatte, sie auf eine Ausfahrt mitzunehmen. Die Fänge waren schlecht, und das schon seit Monaten. Was machte das mit Menschen, die in sechster Generation Krabbenfischer waren? Sie schnupperte an ihren nach Fisch riechenden Händen und lächelte stolz. Einen Tag pro Woche hatte sie ihrem Chef abgerungen. Einen Tag lang durfte sie nach ihren eigenen Geschichten suchen und sich von all den Schützenfesten und Schulkonzerten erholen, die endlos durch ihr kleines Provinzblatt wanderten.
Der Kutter schwankte wie ein großes, betrunkenes Tier. Die Brüder zogen zum dritten Mal ihre Netze nach oben und wieder waren keine Krabben darin. Nur winzige silberne Fische hatten sich in den Maschen verfangen, zu klein, um sie verwerten zu können.
Der gesprächigere der beiden stand neben ihr, betrachtete wie sie den Sonnenaufgang und machte eine Bemerkung über Romantik auf See und rote Sonne auf silbernen Fischbäuchen. Sie lachte. Er hatte etwas von einem jungen Welpen an sich. Der ältere Bruder dagegen vermied überflüssige Worte, den ganzen Morgen über hatte er höchstens drei Sätze mit ihr gewechselt. Ob er sauer war, weil sie nicht nachgegeben hatte? Sie fühlte seinen Blick im Rücken, aber immer, wenn sie sich umdrehte, sah er weg.
Das Boot fuhr eine lange Kurve und nahm Kurs zurück zum Hafen. Sie beobachtete das Kielwasser, das schäumend eine lange Spur durch die Wellen zog. Neben ihr stand der ältere Bruder und hielt sich an der Reeling fest. Sie dachte darüber nach, wie sie zuhause den ersten Entwurf ihres Artikels schreiben würde, als der Mann neben ihr ausrutschte, ihr die Beine unter dem Leib wegriß und mit ihr zusammen auf das Deck fiel. Sie landete der Länge nach hart auf seinem Körper, ihr Ellenbogen drückte in seinen Magen, und er stieß zischend die Luft aus. Erschrocken blickte sie in sein Gesicht, ihre Haare fielen auf seine Stirn und seine Wangen. Zum ersten Mal sah er sie direkt an. Er hatte schöne Augen. Sie waren braun wie die polierten Decksplanken seines Schiffes.
„Hej“, sagte sie und lachte.
Er holte tief Luft. Ihr Ellenbogen hob sich sacht unter seinem Atemzug.
„Hej“, sagte er.

Augustregen am Sonntagmorgen

  • zartes Glucksen in der Regenrinne
  • Gummistiefel mit Blumenmuster sind unterwegs
  • meine Topfpflanzen nehmen ein erfrischendes Bad auf dem Balkon
  • der Bürgersteig verliert seine Krähenmarkierungen und glänzt frisch poliert
  • anregender Regenduft in der frisch gewaschenen Wäsche
  • keine zwingenden Spaziergangsnotwendigkeiten in Sicht
  • die Tauben fliegen schnell und senkrecht
  • unerwartet hohe Regenwurmausbeuten bei den Amseln
  • singende Vögel im Regenrauschen
  • zufriedene vormittägliche Stille

🙂 Schön war dieser Morgen!

Fräulein Honigohr und die Ausreise

Fräulein Honigohr und die Ausreise

Herr Brummeck schnauft und setzt seine Kaffeetasse mit einem unsanften Klirren zurück auf den Unterteller. „Hast du schon mal daran gedacht, wie es wäre, wenn wir ausreisen würden?“ fragt er Fräulein Honigohr.
„Jetzt gerade? Nein.“ Sie schüttelt den Kopf. „Warum?“
„Weil da draußen gerade der gesamte Planet verheizt wird und hier trotzdem immer noch Idioten mit Plastikkaffeebechern herumlaufen, darum!“
Fräulein Honigohr betrachtet Herrn Brummeck nachdenklich. „Das war gestern auch schon so. Und vorgestern auch.“
„Ich weiß! Aber heute geht es mir auf die Nerven! Wenn es wenigstens recycelbare Becher wären, aber nicht mal das bekommen sie hin!“
„Mein Lieber. Du weißt doch, wie es ist. Willst du die ganze Welt mit einem Handkantenschlag retten?“
„Ach, ich weiß auch nicht. Manchmal scheint mir die Ausreise einfach leichter als alles andere zu sein.“ Herr Brummeck verschränkt mürrisch die Arme und blickt auf sein noch ungegessenes Frühstücksei.
„Du hast das Himmelsleuchten gesehen, gib´s zu.“ Fräulein Honigohr lächelt.
Herr Brummeck scharrt mit den Füßen unter dem Tisch. „Vielleicht.“
„Ich auch.“ Sie seufzt. „Es ist schon verlockend, ich geb´s zu. Aber es war noch nie die Lösung.“
„Manchmal bist du schrecklich realistisch, weißt du das?“
„Na klar.“ Sie lächelt, halb zufrieden, halb bedauernd.
„Na dann. Bleiben wir halt hier.“ Herr Brummeck trinkt den letzten Schluck Kaffee und stellt die Tasse vorsichtig ab. „Aber der nächste, der hier mit einem Plastikbecher vorbeiläuft, sollte sich warm anziehen!“
Fräulein Honigohr lächelt nachsichtig. Dann nimmt sie sich das Feuilleton der Zeitung und schlägt es raschelnd auf. Vielleicht steht etwas über das Himmelsleuchten darin.
Man weiß ja nie.

Das war ein Beitrag zu den Etüden: Drei Begriffe in maximal 300 Worten! Vielen Dank, Christiane, für das Organisieren und so viele schöne Geschichten! Die Wortspende  kommt von Anna-Lena mit ihrem Blog „Meine literarische Visitenkarte„.

aufhören

aufhören

beim letzten Mal
sind alle vorherigen Male dabei
unsichtbar im Gepäck
das Schöne
und das Schwere
alles Ungesagte
viel zu viele Gedanken
nie gezähmte Hoffnung
wilde Wut
in den Lücken
endlos gute Absichten
heute legt sich
auf alles alte Gepäck
Freiheit
und plötzlich
ist es leichter
als Wind

Der Dienstag dichtet!  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch Wortgeflumselkritzelkram, Mutigerleben und Werner Kastens sind mit von der Partie. Wer den Dienstag also mit Gedichten beginnen will: Herzlich willkommen!