Aus gegebenem Anlass erneut gepostet. 😊

Fräulein Honigohr und der Nikolaus

Fräulein Honigohr reißt die Tür auf. Es ist stockfinster im Flur. „Guten Morgen!“ ruft sie und grinst.
Die dunkle Gestalt vor der Tür zuckt ertappt zusammen. Dann richtet sie sich zu eindrucksvoller Größe auf und lacht ein grollendes „Hahaha! Du wieder!“
Fräulein Honigohr beugt sich über ihren Stiefel. „Hast du mir was Schönes mitgebracht?“
„Du wirst doch wohl nicht vor der Zeit gucken, oder?“ Der Nikolaus schwingt die Rute, dann mustert er sie. „Wie geht´s dir? Hier unten läuft ja so einiges anders als sonst, was?“
Fräulein Honigohr nickt. „Ja, sehr anders als sonst. Aber mir geht´s gut, ich habe mich eingerichtet. Und du? Wie läuft´s bei dir? Darfst du überhaupt überall rein? Abstandsregeln und so?“
Der Nikolaus lacht wieder dröhnend. „Für mich sind das perfekte Arbeitsbedingungen! Ich komme bloß bis zur Tür, niemand darf mich sehen, die Schuhe stehen draußen und scheinbar haben die Leute viel mehr Zeit, sich über meine Geschenke zu freuen, auf jeden Fall hatte ich schon mehr Milch und Plätzchen als gut für mich ist!“ Er streicht über seinen runden Bauch. „Und guck! Ist das nicht hübsch?“ Er zeigt auf seinen Bart, der hinter einer roten Maske mit Rentieren versteckt ist. „Meine Engel haben dieselbe in grün!“
„Deine Engel tragen Maske?“ fragt Fräulein Honigohr ungläubig.
„Sie fanden es unfair, dass nur ich eine tragen darf, hahaha!“ Er lacht, dass die Flurlampe schwankt. „Hör mal, es war schön mit dir zu plaudern, aber ich muss! Viel zu tun, du weisst ja. Und dass du mir ja nicht zu früh in den Stiefel guckst! Erst am Morgen!“
Fräulein Honigohr nickt. „Versprochen! Gute Reise und grüß schön!“
Der Nikolaus lacht noch einmal grollend, hebt die Hand und ist verschwunden. Fräulein Honigohr gibt sich wirklich alle Mühe, nicht zu gucken, dann wirft sie doch einen klitzekleinen Blick in ihren Stiefel. Aus ihm ragt ein längliches Päckchen, das in braunes Papier gewickelt ist. Nicht schlecht, denkt sie, der alte Mann geht mit der Zeit. Umweltfreundlich verpackt! Und er trägt Rentiermaske! Sie schließt die Tür. Von draußen hört sie ein leises „Hahaha!“ Und wenn sie sich nicht sehr täuscht, ist da auch ein leises Glöckchengeklingel in der Luft.
Manche Dinge ändern sich nicht, denkt sie zufrieden.

Künstler

Ich betrachte mein Bild und bin unzufrieden. Die Farben sind ganz ok. Aber sonst? Ich gucke die Originale an. Sie sind perfekt. Ich stütze mein Kinn in die Hand und schiele zu Gott rüber. „Und? Gefällt´s dir?“ frage ich.
„Sehr gut.“ Er nimmt mein Bild in die Hand. „Man sieht sofort, dass es ein Birkenblatt ist. Die Adern hast du gut hingekriegt. Und es leuchtet.“ Er lächelt.
Ich bin skeptisch. Die Originale liegen überall neben uns herum oder fallen gerade vom Baum. Jedes einzelne ist besser als meins. „Hm“, sage ich.
„Doch! Ich hab gesehen, wie viel Zeit und Überlegung du hineingesteckt hast! Es ist doch für mich, oder?“ Er klingt hoffnungsvoll.
„Wenn du es wirklich haben willst“, sage ich, „du hast doch jede Menge besserer Blätter hier.“
Gott piekst mit seinem Zeigefinger auf mein Blatt. „Es kommt nicht immer auf Perfektion an“, sagt er, „manchmal ist es wichtiger, warum du es tust, oder für wen.“
„Na dann“, sage ich, „bitteschön. Ein Geschenk von mir für dich.“ Dann füge ich noch hinzu: „Du kannst ganz schön einschüchternd sein, weißt du das?“
Ein perfektes, gelbes Blatt landet auf seiner Schulter. Er wischt es weg und nimmt meine Zeichnung in die Hand. „Ich weiß“, sagt er und fährt mit dem Finger die Umrisse entlang.
Ich bin ein bisschen stolz. Doch, das Gelb habe ich ganz gut hinbekommen.

5. Dezember

Heute ist zweiter Advent und ich bin gestern in einem sagenhaften Schneeschauer ach Haus gefahren. So viel Schnee! Ein bisschen davon liegt noch, aber er taut vor sich hin. Mein Adventsbegleiter hat gestern lange aus dem Fenster gesehen und dem Schnee zugeschaut, wie er nach und nach die Dächer weiß gemalt hat. Aber heute taut es und das heutige Päckchen ist festlich rotweiß gestreift!

Sehr interessant. Es fühlt sich auch gut an. Was mag drin sein?

Hmmm. Mein Adventsbegleiter tippt auf etwas langes, stabiles. Soso. Der Tee ist auf jeden Fall schon mal gut.

Eine Kerze für den Advent! Mit Adventsstern! Ich musste gleich mal einen Kerzenhalter suchen. Sehr schön. Die wird gleich heute Nachmittag den Kaffeetisch verschönern.

4. Dezember

Samstag! Oh, du freiester aller freien Tage! Du Tag des Brötchens und des Frühstückseis! 😊 Ja, es könnte sein, dass ich heute gut gelaunt bin. Kekse werden heute auch noch gebacken, könnte es noch besser sein? Ja! Es gibt nämlich auch noch ein Adventskalendergeschenk, und das sieht heute sehr, sehr hübsch aus.

Mein Adventsbegleiter ist beeindruckt, soviele springende Hirsche auf einmal hat er noch nicht gesehen. Und was ist drin?

Oh! Noch eine Verpackung! Und so eine aufwendige! Mit Befehl.

Dem gehorchen wir doch sofort. In diesem Fall scheint das eine sehr gute Sache zu sein, mein Adventsbegleiter und ich sind uns da einig.

Uuuhhh! Schokolade im Schieber! Wie cool! Und wiederverwendbar! Also die Verpackung. Der Inhalt wird natürlich geteilt (ich bin ja lernfähig) und bleibt, wie soll ich es sagen, bleibt vor Ort. 😊

3. Dezember

Schon wieder Schnee auf den Dächern, unglaublich! Heute ist Freitag, und ein schönes Wochenende steht bevor, also gute Aussichten von hier aus. Mein Adventsbegleiter ist noch ein kleines bisschen müde, aber das Kopfkissen war prima, sagt er. Heute gibt’s die Nummer 3.

Man beachte die neue Präsentation!

Und was war drin?

Frühstück! Mit Banane 🍌 und Vanille! Mjam! Verdammt. Mein Adventsbegleiter besteht darauf, dass gerecht geteilt werden muss. Glücklicherweise isst er ja nicht viel… oh. Er sagt, er würde es auf mehrere Tage verteilen. Tja. Meinetwegen. Dann teilen wir halt.

2. Dezember

Es schneit!! Unglaublich. Es schneit. Ok, es ist zu warm, er wird nicht liegen bleiben, aber egal! Es schneit und Dächer und Gärten haben eine weiße Puderzuckerbestreuung. Was für super Bedingungen, um das zweite Päckchen zu öffnen! So sieht es aus:

Viel durchsichtiges Geraschel, was ja so ziemlich perfekt zum Schnee draußen passt. Mein Adventsbegleiter hätte es gern zum Spielen, aber nix, da bin ich streng, was, wenn er sich verheddert und bis heute Abend drin steckenbleibt? Also hinfort mit dem Geraschel.

Viel besser. Und was ist drin?

Ein warmes, rotes Herz! Auch perfekt für den Schnee heute morgen, wenn einem friert, guckt man einfach das Herz an und schon ist alles besser. Mein Adventsbegleiter hätte es gern als Kopfkissen. Na, wir werden sehen. Gar keine schlechte Idee. Ob’s die auch in groß gibt? Hier übrigens noch das heutige Papiertürchen, speziell für alle Hühnerhalter. Legen eure Hühner auch Eier mit Schleifen? 😁

Birnensenf

Herr Miesling sitzt an seinem Küchentisch und starrt versonnen auf ein Glas Birnensenf. „Guck mal, sagt er, „hat se mitgebracht. Als Gastgeschenk.“ Er fährt mit einem Finger über den Deckel. „Weisst du, wann ich das letzte Mal ein Gastgeschenk bekommen hab?“
Sein Engel schüttelt den Kopf.
„Ich schon. Das muss 1977 gewesen sein, als ich mit meiner Frau in die neue Wohnung gezogen bin.“ Herr Miesling überlegt. „Ich glaub, das war ein Korb mit Sekt und Wurst damals. Den Sekt haben wir gleich auf´n Kopp gehaun, der hat den Abend nich überlebt.“ Er grinst. „Das war nett.“ Er stupst das Glas an. Der Birnensenf leuchtet gelb. „Wolln wir ihn probiern?“
Sein Engel schüttelt den Kopf.
Herr Miesling ist überrascht. „Warum nich?“
Sein Engel rümpft die Nase, zeigt auf das Glas und guckt angeekelt.
„Was??“ Herr Miesling reisst die Augen auf. „Du magst das nich? Aber du magst doch alles! Immer! Das gibt´s ja nich!“
Sein Engel seufzt, hebt die Schultern und schüttelt sich.
Ein breites Lächeln zieht wie Sommerwolken über Herrn Mieslings Gesicht. „Ich hab deine schwache Stelle entdeckt! Ich glaub´s ja nich! Birnensenf! Hah!“ Er öffnet das Glas und schnuppert. „Hmmm, lecker, das passt bestimmt gut zum Harzer.“ Er stippt einen Finger ein und probiert. Sein Engel verzieht das Gesicht. „Und auf die Salami auch. Na? Willste nich doch mal probiern?“
Sein Engel schüttelt energisch den Kopf.
„Dein Kryptonit, was?“ Herr Miesling grinst wieder. „Dann ess ich ihn halt allein.“ Er stellt das Glas in den Kühlschrank, gleich neben den Käse. „Du weisst schon, dass ich dich ab jetzt damit aufziehn werd, oder?“
Sein Engel hebt ergeben die Hände.
„Birnensenf“, sagt Herr Miesling versonnen, eine Hand noch an der Kühlschranktür. „Es war schön mit ihr, oder? Wir sollten sie unbedingt wieder einladen. Wer weiß, was sie beim nächsten Mal mitbringt.“
Sein Engel lächelt. Als wäre es nie woanders gewesen, liegt plötzlich das Telefon in seiner Hand.

1. Dezember

Ich fühle mich noch nicht allzu weihnachtlich, das muss ich zugeben. Eher sehr, sehr novemberig, mit einem leichten Kratzen im Hals. Aber es ist, wie es ist, heute ist der 1. Dezember und es geht los! Und schon hat es mich getroffen, denn wir waren dieses Jahr nicht 24 Menschen, die einen Adventskalender machen, sondern 25, und das bedeutet, ein Päckchen ersetzt jeweils das eigene, und das war heute meins. Und ich kann die Nr. 25 natürlich heute nicht veröffentlichen, denn es wollen ja noch 24 weitere Menschen das Päckchen öffnen, ohne vorher zu wissen, was drin ist. Und meins kann ich nicht so richtig beim auspacken zeigen, denn, ähm, ich habe keins mehr. Deswegen habe ich ein wenig vorgeplant und meinen Adventsbegleiter ein klein wenig früher vom Dachboden geholt (was der gar nicht gut fand, es ist schließlich ein neuer Dachboden und nicht mehr der alte, langweilige Keller, und was für ein Dachboden! So ein richtiger, mit geheimen Türen, seltsamen Schränken, dunklen Ecken und jeder Menge Kram. Wirklich, mit einer ungeheuren Menge an Kram. Ich bin nämlich in ein sehr besonderes Haus gezogen, das muss ich schon sagen.) Wo war ich? Ach ja, nachdem ich meinen Adventsbegleiter also dazu überredet hatte, etwas früher mit nach unten in meine Wohnung zu kommen, habe ich ihm das hier gezeigt:

Viele, viele Nr. 1 Päckchen.

Und da ich rein zufällig vom Inhalt ein bisschen mehr gemacht hatte, kann ich auch zeigen, was drin war:

Birnensenf!

Und da ich ihn schon probiert habe, kann ich sagen: Sehr gut zu Käse, Gemüse aus dem Ofen, auf Brot oder pur vom Löffel geleckt. 😊 Mein Adventsbegleiter findet das im übrigen auch, denn wenn ich ihn schon verfrüht vom Dachbodenwunderland zerre, dann darf er natürlich auch probieren. Er findet den Birnensenf sehr gut auf Lebkuchen, aber mein Geschmack ist das nicht. Eine kleine Geschichte zu Birnensenf und Herrn Miesling ist auch noch in der Tüte, die gibts gleich als nächsten Beitrag. Allen einen schönen 1. Dezember!

kein Gedicht in mir

heute ist kein Gedicht in mir
hallende Leere im Festsaal
die Augenvorhänge geschlossen
schlafende Krähen flattern
zankend zwischen Plüsch und Synapsen
ein gelbes Blatt
zieht forrestgumpsche Federkreise
über Wimpernkandelaber
Morgensonne bügelt rot
die Liderinnenseiten
Premierenvorbereitungen
ein neuer Tag bricht an
noch ist kein Gedicht in mir

Der Dienstag dichtet!  
Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht.
Auch Wortgeflumselkritzelkram
Mutigerleben
WernerKastens
die Nachtwandlerin
Myriade
Gedankenweberei
Emma Escamilla
Wortverdreher
Lebensbetrunken
der BerlinAutor
Vienna BliaBlaBlub
Heidimarias kleine Welt
Red Skies over Paradies
Your mind is your only limit
Dein Poet
Geschichten mit Gott
Lindasxstories
Findevogel
und Traumspruch sind mit von der Partie.
Viel Freude bei allen Besuchen!

Oink hat Umzugsfragen

„Was ist umziehen?“ fragt Oink.
„Man packt alle Sachen ein, die man hat und trägt sie in eine andere Wohnung“, antworte ich.
„Aha“, sagt Oink. Er sieht sich um. „Alles?“ fragt er.
Ich nicke.
Er verschwindet im Flur und kommt nach ein paar Minuten wieder, als ich gerade den letzten Schluck Tee trinke. „Wirklich alles? “ fragt er. Es klingt ungläubig.
Ich nicke.
„Warum machst du das?“ fragt er.
Ich überlege. „Weil es mir hier nicht mehr gefällt“, sage ich schließlich, aber ganz stimmt das nicht.
„Das stimmt nicht“, stellt Oink fest, „du hast erst gestern gesagt, du magst den Küchenfußboden. Und den Ausblick.“ Er lehnt sich an meine noch warme Tasse.
Ich lehne mich zurück. „Weil…“ fange ich an und verstumme. „Das ist gar nicht so einfach.“ Oink wartet. „Ich glaube, meine Zeit hier ist vorbei. Sie war schön und manchmal auch nicht schön, aber es war immer irgendwie ok. Bis jetzt. Es fühlt sich nicht mehr richtig an.“ Ich hoffe, er versteht mich.
„Passt sie dir nicht mehr?“ fragt er, „vielleicht bist du zu groß geworden? Obwohl ich nicht finde, dass du gewachsen bist“, fügt er kritisch hinzu.
„Doch!“ sage ich, „das ist es: Ich bin aus ihr herausgewachsen.“
„Aha“, sagt Oink. Er setzt sich auf meinen Tellerrand. Er guckt immer noch kritisch. „Du siehst wirklich nicht größer aus als sonst“, sagt er, „aber wenn du meinst… wann ziehen wir denn um?“
„Bald“, sage ich und lächle.
„Und du willst das wirklich alles mitnehmen?“ fragt Oink. Er sieht von unten nach oben und von links nach rechts.
Ich nicke.
Oink kräuselt die Nase. „Vielleicht bist du auch aus einigen Sachen herausgewachsen? Wie aus der Wohnung?“
Ich bin überrascht. „Vielleicht? Ich muss überlegen“, sage ich und stütze das Kinn in die Hand.
„Mach das“, sagt Oink. „Ich gehe und sage allen Bescheid, das wir umziehen. Das wird aufregend!“

Kurz vor unserem Gespräch: Oink macht seinen Job.