Frühlingsspecht

heute morgen klopft der Specht an die Tür:
der Frühling ist da!
dieses Jahr werde ich ihn nicht verpassen
jedes Schneeglöckchen wird geläutet
alle Narzissen geherzt
jeder Krokus geküsst
seid mir willkommen, sanfte Brise
Morgenfrische und Zitronenfalter:
ich bin bereit!

Ausgelesen im Januar und Februar: Diverse.

Mein Leseleben der vergangenen Wochen kurz zusammengefasst – manchmal
gibt´s nicht soviel zu sagen über ein Buch. Manchmal gibt es auch gar nichts zu sagen. Die Bücher tauchen hier dann gar nicht erst auf. Los geht´s!

Neue Vahr Süd von Sven Regener.

Davon hatte ich viel gehört, und Herr Lehmann habe ich versucht zu lesen und bin gescheitert. Das ist mir jetzt zum zweiten Mal mit einem Buch von Sven Regener passiert, und obwohl ich seine Band Element of Crime sehr liebe und die Songs in Dauerschleife hören kann, werde ich mit seinen Büchern nicht warm. Viele finden ihn ja sehr lustig – ich finde ihn eher melancholisch und hart an der Grenze zur Hoffnungslosigkeit. Herr Regener beschreibt das Leben, wie es ist und vermutlich oft auch genau so abläuft, all die Schleifengedanken, die Selbstrechtfertigungen, all die Dinge, dich sich aus den Alltäglichkeiten erst ergeben oder verändern, das ist akribisch festgehalten, aber ich – ich möchte das nicht lesen. Bis zur Hälfte habe ich mich durchgekämpft und dann aufgegeben.

Stimmen von U, Poznanski

Ein schöner dritter Band der Reihe um die beiden Ermittler Kaspary & Wenninger. Ein Mord passiert in der psychiatrischen Abteilung des Klinikums Salzburg-Nord, und zwischen den Menschen dieser Abteilung zu ermitteln ist eine besondere Herausforderung – welche gehörten Stimmen sind echt und welche nicht? Auch privat gibt es in diesem Band einige neue Entwicklungen. Auf gewohnt hohem Niveau schreibt U. Poznanski ihre Reihe fort, es ist spannend und den beiden Ermittlern gönnt man jedes bisschen Glück. Mein einziges Manko sind die etwas seltsamen Alleingänge von  Beatrice Kaspary, sie müsste es wirklich mittlerweile besser wissen, aber die Handlung braucht sie vermutlich für die dramaturgische Entwicklung. Ich kann damit leben, ich darf nur nicht zu lange drüber nachdenken.

Ich, Eleanor Oliphant von Gail Honeyman

Eleanor lebt ein unauffälliges Leben, das sich zwischen Wohnung und Arbeit abspielt. Sie scheint zufrieden damit zu sein, aber der Leser bemerkt sehr schnell, dass es da seltsame Diskrepanzen gibt zwischen dem, was Eleanor sich selbst sagt und dem, was die anderen über sie sagen. Das Buch ist konsequent aus Eleanors Sicht erzählt, und das ist der Autorin sehr gut gelungen. Sie fühlt sich in Eleanors Gedankenwelt perfekt ein und kann uns sehr gut vermitteln, warum ihre Protagonistin so ist, wie sie ist. Ich habe das Buch die ersten zwei Drittel über sehr gemocht, im letzten Drittel fing ich an, es etwas gezwungen zu finden, und das Ende ist – ja, ein Ende halt. Meine Begeisterung hält sich in Grenzen. Schlecht ist das Buch deswegen nicht, aber ich hätte mir ein anderes Ende gewünscht, eines, das mehr zu den ersten zwei Dritteln des Buches gepasst hätte. Aber vielleicht jammere ich hier auch nur auf hohem Niveau.

Ein alter Traum von Liebe von Nuala O´Faolain

Aus diesem Buch habe ich sehr viel über die irische Hungersnot 1848 gelernt, was sie für das Land und die Iren bedeutet hat und wie sie bis heute nachwirkt, was angesichts der verstrichenen Zeit eigentlich unglaublich ist. Auch über das Verhältnis zwischen Iren und Briten habe ich viel gelernt. Für mich gab es da vorher gar keinen großen Unterschied – Großbritannien, Irland, gleich nebeneinander, beides Inseln, beide sprechen Englisch, nur durch die Irische See getrennt – ich war ganz schön ignorant. Die Unterschiede sind riesig, das Selbstverständnis beider Nationen ist definitiv nicht dasselbe, und obwohl viele Iren in Großbritannien arbeiten, sind sie doch sehr unterschiedliche Nationen mit einer schmerzlichen gemeinsamen Vergangenheit. Außerdem beschreibt die Autorin ihre Sicht auf die Liebe in langen, manchmal quälenden Abschnitten und lässt ihre Protagonistin als Irin und einsame Wanderin zwischen den Welten ganz schön leiden. Ein schönes aber anstrengendes Buch.

 

Ausgelesen: Provenzalische Verwicklungen. Von Sophie Bonnet.

Pierre Durand, ehemaliger Pariser Kommissar, der nun als Chef de Police in Sainté-Valerie arbeitet, genießt eigentlich gerade sein Leben und die Ruhe zwischen Weinbergen und Olivenhainen in der Provence, als diese Ruhe nachhaltig erschüttert wird: Seine Freundin verlässt ihn ohne Vorwarnung (zumindest hat er die Warnungen nicht gehört) und der Frauenschwarm des Dorfes wird ertrunken in einem Weinfass aufgefunden. Als I-Tüpfelchen klebt am Weinfass ein Rezept für Coq au vin vom örtlichen Kochclub. Frisch verlassen und gekränkt durch den Vorwurf seiner Exfreundin, er könne nicht mal etwas kochen, wenn sein Leben davon abhinge, beschließt Pierre, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen und verdeckte Ermittlungen im Kochclub aufzunehmen. Dann geschieht ein zweiter Mord und die Ermittlungen werden ihm aus der Hand genommen. Aber mittlerweile hat ihn der Ehrgeiz gepackt und sein alter Pariser Spürsinn ist wieder ans Tageslicht gekommen, und so beschließt er, sich durch behördliche Vorschriften nicht aufhalten zu lassen…

Ein wirklich netter Krimi mit viel französischem Lokalkolorit und interessantem Personal. Beim Lesen wäre man gerne in Sainté-Valerie in einem kleinen Steinhaus mit Blick auf die Weinberge, während am frühen Abend die Grillen zirpen. Ach ja. Sehr sympathisch fand ich, dass niemand perfekt ist in diesem Buch, alles ist eine Nummer kleiner, es sind nicht gleich Staatsgeheimnisse oder die ganze Welt in Gefahr, nein, es sind bodenständige Fälle, die vor Ort aufgeklärt werden – oder auch nicht. Pierre hat gute und weniger gute Seiten, genau wie alle anderen Darsteller im Buch auch. Bodenständig, ja, das Wort passt sehr gut hierher. Mir hat es großes Vergnügen bereitet, die Geschichte zu lesen, und ich freue mich auf die Fortsetzungen, die es schon gibt.

Ausgelesen: Es liegt in der Familie. Von Margaret Millar.

Aus der offiziellen Inhaltsangabe (weil ich es einfach nicht besser formulieren könnte, der Text trifft ins Schwarze):

„Priscilla ist elf und träumt davon, eine berühmte Schauspielerin oder Radiomoderatorin zu werden. Aber leider ist sie geschlagen mit Eltern, Geschwistern und zahlreichen Verwandten, die ihren wahren Fähigkeiten im Weg stehen. Zum Glück hat Priscilla jede Menge Ideen, ihr Wochenende trotz allem interessant zu gestalten … Der turbulente Alltag einer Großfamilie, liebevoll und mit augenzwinkernder Ironie erzählt.“

Margaret Millar kannte ich bisher nur als Autorin intelligenter, scharfsinniger und kühler Kriminalromane (Krimi reicht da als Bezeichnung nicht aus), daher war es eine echte Überraschung, hinter diesem Titel ganz und gar keinen Kriminalroman, sondern einen Roman über eine Vorkriegskindheit in den 1930er Jahren zu finden. Und dann so einen! Ironisch, sarkastisch und dabei immer mit liebevollem Blick wird ein Familienwochenende aus der Sicht der elfjähren Priscilla geschildert, mit seinen Aufs und Abs und allen Besonderheiten der „mitspielenden“ Familienangehörigen. Man lernt die Familie durch Priscillas Augen kennen, mit ihren abstrusen Eigenheiten und seltsamen Angewohnheiten, die vermutlich gerade durch Priscillas ganz und gar nicht durchschnittliche Interessen besonders deutlich hervortreten. Von Zeit zu Zeit hat man ein klein wenig Mitleid mit der Familie, aber es verschwindet meist recht schnell wieder, denn durch Priscillas Ideen wird der Haushalt immer wieder durcheinandergewirbelt, und das durchaus nicht zu seinem Nachteil. Ohne ihre zweitjüngste Tochter wäre es vermutlich ein recht konservativer, ruhiger Haushalt, aber da sie nun einmal da ist und das auch niemand übersehen (oder überhören) kann, werden alle vorhandenen Gewohnheiten immer wieder auf die Probe gestellt. Dabei wird das Buch von einem leisen Humor durchweht, der auch über damals vermutlich strenge Ansichten hinüberträgt. Das Buch ist 1948 bei Random House unter dem Titel „It’s All in the Family“ erschienen und wird in den USA als Kinderbuch geführt, was ich überhaupt nicht nachvollziehen kann. Jeder leise, unterschwellige Ton (von denen es viele gibt) und die ironische, augenzwinkernde Schreibweise wären an Kinder völlig verschwendet, genauso wie die hintergründige Kritik an damals herrschenden Sitten und Verhaltensweisen.

Ein schönes, kleines Buch, das Freude macht beim Entdecken und Lesen. Es ist gut kapitelweise zu lesen, also perfekt für die Bahn oder die abendliche Leseeinheit vor dem Einschlafen. 1948 war es in den USA ein Bestseller, vielleicht ist das ja Grund genug für die ein oder andere, es mal zu versuchen!

Miss Liberty II

Da ist es, das Staten Island Ferry Terminal. Und wenn Amerikaner etwas Großes bauen, machen sie es richtig. Eine riesige Eingangsfront mit zahllosen Türen, die in ein mächtiges Foyer führen, in dem es nicht viel mehr als ein paar Ess- und Fressläden gibt. Vom Foyer aus führen eine Treppe und zwei sehr lange Rolltreppen die Menschenmassen hinauf in die noch sehr viel größere Abfertigungshalle. Dort, wo das nächste Schiff ablegt, stellt man sich einfach an und geht aufs Schiff, wenn es da ist. Überall stehen Sicherheitsleute und Wachmänner, Pendler mischen sich mit Touristen, eine Pendlerin muss bei Wendy´s länger warten und ihr fährt ein Schiff vor der Nase davon. Sie beschwert sich bei mir darüber, während wir gemeinsam auf das nächste Schiff warten, und ich habe Schwierigkeiten, ihren Dialekt zu verstehen, aber fürs Gröbste reicht es aus. Außerdem kommen auch noch ein Vater mit erwachsenem Sohn aus San Diego, Kalifornien, ein New Yorker und ich ins Gespräch über die recht radikalen Anwerber für die kostenpflichtigen Fahrüberfahrten nach Liberty Island. Ins Gespräch kommen ist hier leicht, man muss nichts großartiges tun, nur im richtigen Moment etwas fragen und schon redet man miteinander. Nie lange, aber immer freundlich und sehr hilfsbereit, und niemanden stören meine zahllosen nicht vorhandenen Wörter im englischen Wortschatz. Das werde ich mit nach Hause nehmen: Wie glücklich man ist, wenn einem geholfen wird trotz mangelhafter Grammatik und endlosen Umschreibungen des einen Wortes, das einem gerade nicht einfällt.

Die Fähre ist schnell, die Hochhäuser werden rasch kleiner und Miss Liberty wird größer. Das Deck ist voll mit einer wilden Mischung aus Pendlern, Ausflüglern, Familien, Spaziergängern und (unverkennbar) Touristen. Es ist laut und man hört alle möglichen Sprachen, Spanisch, Japanisch, Englisch, amerikanischen Slang, bei dem ich nur jedes fünfte (oder zehnte, das weiß man nicht so genau) Wort verstehe. Zu meinem größten Bedauern gibt es kein Außendeck, man muss also immer durch eine Scheibe gucken. Als wir ankommen, ertönt die Durchsage, dass das Schiff jetzt außer Dienst genommen wird, wir es also alle verlassen und ein anderes zurück nehmen müssen. Naja, dann tun wir das halt. Und auf der Rückfahrt, da haben wir ein Schiff mit Außendeck! Hah! Das ist meins! Und dieses Mal fahren wir auch sehr viel näher an Miss Liberty vorbei, ich kann die Menschen unten am Hafen sehen und oben auf der Krone, sie ist sehr grün und sehr hübsch und von sehr viel Wasser umgeben, von viel mehr Wasser, als ich gedacht hätte.

Der Hafen, ach, alle Häfen sind von hier aus sehr weit weg. Die Stadtsilhouette zieht sich in die Länge und ist immer noch beeindruckend, jetzt sieht man erst, wie groß das alles ist, wie viel Platz New York einnimmt, und das ist nur eine Wasserseite von vielen. Möwen fliegen an mir vorbei, und ich frage mich, wie die das eigentlich aushalten, es ist nämlich geradezu unfassbar kalt auf dem Wasser, mit dem Fahrtwind und den Böen, die von allen Seiten kommen. Es ist so kalt, dass mir die Fingerspitzen taub werden und ich spüre, wie ich unter dem Anorak auskühle. Zusammen mit drei anderen Frauen bleibe ich solange draußen wie es geht, inklusive auf der Stelle hüpfen, zittern und fluchen, aber auf der Hälfte des Weges kapitulieren wir eine nach der anderen und flüchten nach drinnen. Hier braucht es definitiv andere Kleidung als normale Winterkleidung. Aber schön war es. Sehr, sehr schön. Wasser, Sonne, Panorama, Möwen, Himmel und Miss Liberty. Ein perfekter Tag.

Miss Liberty I

Ich bin aufgeregt. Gleich werde ich sie sehen, von Angesicht zu Angesicht. Miss Liberty, die grüne Schönheit, das Symbol für Freiheit, Neuanfang, Chancengleichheit und Offenheit. Bisher konnte nicht mal Mr. Trump an ihr kratzen, und ich hoffe, das bleibt so. In unzähligen Filmen habe ich sie schon gesehen, von vorn, von oben, von ganz nah, während auf ihrer Krone Menschen spektakuläre Stunts vollbrachten, eigentlich kenne ich sie jetzt schon sehr gut. Aber in echt ist das doch noch mal ein gewaltiger Unterschied. Glaube ich zumindest. Ich habe schon beschlossen, Miss Liberty nicht direkt zu besuchen, dafür hätte ich laut Internet Karten vorbestellen müssen (hätte ich nicht müssen, im Januar ist es touristentechnisch sehr entspannt hier, aber das wusste ich vorher nicht), mein Zeitbudget ist knapp bemessen und mein Reisebudget auch, und da die Eintritte hier für meine Verhältnisse überall astronomisch hoch sind, fällt das also aus. Es gibt aber eine Fährverbindung von Lower Manhattan nach Staten Island, und die ist komplett umsonst! Ich trabe also von der Subway Station Battery Park mit einem klitzekleinen Umweg über Starbucks (das musste einfach sein – warmer Bananen-Nuß-Kuchen!) durch den Battery Park zur Südspitze von Manhattan, weiche den zahllosen, sehr überzeugenden Anwerbern für die (kostenpflichtigen) Fährüberfahrten nach Liberty Island und Ellis Island aus und laufe ans Wasser.

Chai Latte und warmer Bananennußkuchen… lagen hier vor etwa fünf Minuten noch…

Auf dem Weg dorthin fällt mir ein runder Pavillon im Park auf, recht klein, rundherum verglast und drinnen bewegen sich merkwürdige Gestalten in Bonbonfarben auf und ab. Was ist das? Neugierig gehe ich näher heran und dann hinein. Ein Karussell! Mit großen, abstrakten Tiefseefischen, in denen man sitzen kann. Die Fische sind alle unterschiedlich gestaltet und aus einem undefinierbaren, durchsichtigen Plastikmaterial in hellgrün, rosa und hellblau, sie drehen sich einzeln, zu viert und alle zusammen zu Walzermelodien vom Band, eine Fahrt kostet fünf Dollar, es sitzen mehr Erwachsene als Kinder in den Fischen und alle sehen sehr, sehr glücklich aus. Niemand, der nicht lächelt, als die Fische sich anfangen zu bewegen, die Musik sanft startet, die Fische von innen zu leuchten beginnen und grünes, wellenförmiges Licht von oben herunter strahlt. Es ist  sehr amerikanisch, unfassbar kitschig und ganz wunderbar. Ich stehe da, gucke zu und lächle. Nach einer Runde verlasse ich das Karussell und gehe weiter, besser kann meine Laune jetzt eigentlich nicht mehr werden.

Lächelnde Gesichter in den Fischen…

Nach ein paar weiteren Metern bin ich am Wasser und da ist sie, Miss Liberty. Das hatte ich mir jetzt anders vorgestellt. Sie ist sehr weit weg. Sehr, sehr klein. Winzig klein. Geradezu mikroskopisch klein. Das sieht in Filmen aber immer ganz anders aus! Da hat man das Gefühl, gleich links von ihr beginnt die Skyline, mit einer unwichtigen kleinen Hafenlinie und vielleicht ein, zwei Kubikmetern Wasser dazwischen. Meine gelernte Lektion für heute: Traue keinem Hollywoodfilm! Die machen sich die Realität so, wie sie gebraucht wird und nicht so, wie sie ist. Aber egal, da ist sie also, zwar klein, aber vorhanden. Und rechts davon, das ist Ellis Island, dort sind zahllose Verwandte von mir in den fünfziger und sechziger Jahren an Land gegangen, um ein neues Leben in Amerika zu beginnen. Meine Babydecke in quietschgrün und pastellgelb habe ich aus New Jersey geschickt bekommen. Es nützt nichts, ich muss näher da ran, also suche ich das Fährterminal der Staten Island Fähre, um an Miss Liberty vorbeizufahren, wenn ich sie schon nicht direkt besuche. Auf geht´s!

Das war schon mit einer Menge Zoom fotografiert – in Wirklichkeit ist sie noch viel, viel weiter weg…

Public Toilet

In der Subway überkommt es mich. Ich muss mal. Verdammt. Das Thema WC in New York ist ein unerfreuliches. Irgendwo habe ich vorher gelesen: Jede mitnehmen, die vorbeikommt, denn es gibt nicht viele, und das war ein wirklich guter Tipp, den ich hiermit weitergebe: Jede mitnehmen, die vorbeikommt, egal, wo sie ist oder wie sie aussieht. Nach persönlichen Reinlichkeitsbedürfnissen kann man gehen, aber dann hat man lange Leidenszeiten vor sich.

Ab sofort halte ich also Ausschau nach einer WC-Gelegenheit und da ist sie auch schon: Ein Schild an einem schwarzen, vergitterten Käfig, in dem ein Wachmann in der Subway-Station sitzt. Ein Blick links, ein Blick nach rechts – kein offener Gang, keine Pforte. Also frage ich, ob ich mal… er nickt und drückt auf einen Knopf, der die schwere Tür mit einem Klicken aufspringen lässt. Dahinter: Ödland. Und ein schwarzer Wachmann, der mit wissendem Blick auf mich zukommt. Irgendwie werden Touristen hier immer sofort erkannt. Freundlich weist er mir den Weg und zeigt auf die unauffällige weiße Tür zwischen weißen Wänden und weiteren vergitterten Türen.

Als ich die Tür aufdrücken will, geht sie nicht ganz auf und ich quetsche mich hinein. Hinter der Tür liegt ein großes Bündel Kleidung, auf der anderen Seite kämmt sich eine Frau die Haare. Ihre Sachen liegen in diversen Taschen um sie herum verteilt auf dem Boden. Hinter mir bewegt sich das große Bündel Kleidung und erschreckt sehe ich, dass in all dem Stoff eine verkrümmte Gestalt steckt. Ohne weiter nachzudenken rette ich mich in die einzige WC-Kabine. Das Schloss lässt sich nicht schließen, aber mittlerweile bin ich sicher: Wenn die eine Frau sich hier wäscht und die andere…  was auch immer tut, werden sie mich wohl nicht bei meinen Verrichtungen stören.

Als ich die Kabine verlasse, steht die verkrümmte Frau immer noch bewegungslos hinter der Tür in der Ecke, sie lehnt an den weißen Fliesen. Die Kleider um sie herum sind wie ein Panzer, unzählige Lagen Stoff übereinander, die Frau ist mit ihnen fast so breit wie hoch, ihr Kopf liegt auf ihrer Brust. Jetzt sehe ich auch, dass hinter ihr ein paar gefüllte Tüten liegen. Die andere Frau räumt ihren Platz am Waschbecken, macht mir Platz und geht sofort wieder zurück ans Waschbecken, als ich fertig bin und fährt fort, sich sehr lange und ausgiebig die Hände zu waschen.

Draußen bleibe ich einen Moment stehen, um zu begreifen, was ich eben gesehen habe. Es gibt hier Menschen, die in öffentlichen Toiletten wohnen. Die sich dort aufhalten, weil es warm ist, es Wasser und WCs gibt. Und sie werden geduldet, sogar bewacht vom Personal der Subway, ein sicherer Ort für Frauen. Ich bin geschockt. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich wünschte, ich wäre besser gewappnet gewesen, dann hätte ich ein paar Dollar dagelassen, aber ich war überfordert. Den Rest des Tages verfolgt mich das Bild der Frau im toten Winkel hinter der Tür, wie sie unbeweglich dort ihren Tag verbringt, eingehüllt in vermutlich alles, was sie besitzt. Wie sehen ihre Tage aus? Wie konnte es so weit kommen? Wie lange hält man so was aus?