atmen (I von V)

atmen (I von V)

Zu etwa 95% Prozent meiner Zeit ist mein Atem flach. Manchmal wundere ich mich, dass er überhaupt meine Lunge erreicht. Aber in den restlichen 5% meiner Zeit atme ich so tief, dass mein Atem alles durchdringt, selbst meine Schuhsohlen und die Erdkruste. Vermutlich verursacht er noch Sturm in Neuseeland.

(das hier ist Teil einer kleinen Schreibaufgabe, in der man von jemand anderem Wörter bekommt, die für den Überreichenden wichtig sind. Und dann soll man spontan eine Miniatur dazu schreiben. Voilá. Es gibt noch ein paar mehr. 🙂 )

Ebbe

Ebbe

ich höre das scharfe Zischen des Nichts
es schiebt sich zwischen Strandkorb-Ritzen
zerschneidet den Horizont in oben und unten
saugt Salzwasser aus dem Meer
löst Strandburgen auf
fährt kühl in Möwengefieder
schiebt mir Schlafsand unter die Lider
singt in allen Prielen
zuletzt löscht es den Himmel aus
schiebt Grau über das Blau
lässt Tropfen platzen auf Schlick und Sand
aber
heute Nacht
hat der Mond ein Einsehen:
Hochwasser um sechs Uhr siebzehn

Der Dienstag dichtet! 🙂  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch WortgeflumselkritzelkramMutigerlebenWerner KastensFindevogel, die WortverzauberteLyrikfederDer BerlinAutorNachtwandlerinLindas x Stories, Myriade, Gedankenweberei, MynaKaltschneeWortverdreher und
Lebensbetrunken sind mit von der Partie. Schaut doch mal bei ihnen vorbei, der Dienstag fängt besser an mit ein bisschen Wortzauberei!

Herr Miesling sucht Pilze

Herr Miesling sucht Pilze

Als sein Engel vorbeikommt, sitzt Herr Miesling auf dem Bürgersteig. Er hat sich einen der zerkratzten Kneipenstühle von drinnen geholt und starrt auf die Unkrautwildnis um die Straßenlaterne herum.
„Da biste ja“, sagt Herr Miesling. „Siehste das? Da vorn? Da wachsen Pilze. Zwei Stück.“
Sein Engel beugt sich nach vorn und nickt.
Herr Miesling nimmt einen Schluck von seinem Hemelinger. „Sind Champignons. Oder Knollenblätterpilze. Mein Vadder hat immer gesacht, die isste nur einmal.“ Er lacht. „Mein Vadder… der war Soldat, weisste, der hat nach´m Krieg nich mehr viel gesacht. Der hat lieber geschwiegen. Aber Pilze suchen is er mit uns gegangen, mit meim Bruder und mir. Was ham wir für Pilze gegessen! Der kannte sich echt gut aus, mein Vadder.“ Herr Miesling guckt in seine Bierflasche. „Er war oft traurig, nich. Und müde. Mit´m Schlafen hatte er es nich so, da is er morgens im Dunkeln losgezogen, und mein Bruder un ich sind mit. Meine Mudder hat sie gebraten, in Butterschmalz. War ja auch´n günstiges Essen. Weisste, was mein Lieblingspilz war?“ Sein Engel hebt fragend die Augenbrauen. „Netzstieliger Hexenröhrling!“ Herr Miesling lacht. „Was für´n Name!“ Er lacht noch einmal und lehnt sich zurück. „War schön, damals. So viel Spaß hattn wir mit unserm Vadder ja nich, aber das Pilzesammeln, das war klasse.“ Versonnen nimmt er noch einen Schluck Hemelinger und guckt die Pilze an.
Sein Engel verschwindet in der Kneipe.
„Werner!“ brüllt es von drinnen.
„Was?“ brüllt Herr Miesling zurück.
„Kannste in´n Supermarkt gehen? Ich brauch Schampijons!“
Herr Miesling setzt sich auf. „Wieso?“
„Die Frau will Schampijons auf die Karte setzen. Hatt´n wir noch nie. Aber du weisst ja, was die Frau will… gehste? Du kriegst den ersten Teller für lau!“
Herr Mieslings Gesicht hellt sich auf. „Haste das gehört?“ fragt er seinen Engel.
Aber der ist mal wieder verschwunden.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden. Maximal 300 Worte, enthalten sein müssen dieses Mal Pilze, traurig und schlafen. Organisiert wird das ganze von Christiane, und die Wortspende kam von Lea mit ihrem Blog kommunikatz.

Mal sehen, vielleicht kommt Herr Miesling demnächst öfter mal zu Wort. 🙂

Sonntagswörter II

Sonntagswörter 

Pfefferminzflüstern

Salzgedanken

Pupillengrün

Schwanenhalshauch

Schlafwange

 

was an mir vorbeiflog

was an mir vorbeiflog

  • faule Windräder mit träge rudernden Armen
  • verfrühte Herbstblätter
  • Nudelsalat
  • duftige Teewölkchen
  • klimatisierte Autokäfige
  • eine Menge Urlaubsmusik, immer links und rechts an den Ohren vorbei
  • lose Gedankenfäden, ungesponnen
  • Aufbruchswohligkeit
  • astronautische Neffenpläne zur Eroberung des Weltalls
  • mütterliche Gefühle für den nun verwaisten Balkon

Was man mit den Händen macht

Was man mit den Händen macht

  • Brotteig kneten
  • Tränen abwischen
  • Haare verschiedenster Lebewesen kraulen
  • zarte Worte auf Papier schreiben
  • beherzt ins Abflußsieb greifen
  • Sandburgen bauen
  • den Mittelfinger zeigen
  • segnen
  • mit der Seife spielen
  • Haare flechten
  • übers Holz streicheln und die Maserung spüren
  • in der Nase bohren
  • mit dem Pinsel Farbe verstreichen (und sehr zufrieden sein)
  • Pflanzen in Erde setzen
  • Sonnenmilch verteilen
  • Klavier spielen
  • überhaupt: Musik machen
  • zeichnen
  • alles anfassen um die Welt zu spüren

unter allem: Türkis

ich bin mir nicht sicher
Alltagsdinge verlieren die spitzen Ecken
abschrubbare Tattoos reichen nicht
ich bin mir nicht sicher
die Ziele sind schon lange unsichtbar
es gab ein türkisfarbenes Meer
ich bin mir nicht sicher
abschrubbare Tattoos reichen nicht

(unter allem: Türkis)

jetzt

Liegestuhlgedöse
Sonnenflecken tanzen im Gesicht
wärmen die Knie
die Hühner unterhalten sich leise
bei Kaffee und Würmern
ein kleines Flugzeug
wirft neugierige Blicke zu Boden
zählt blaue Swimmingpools
Gelächter von fern
dahinter erfüllt ein
Rasenmäher seine strenge Pflicht
Wolken zupfen weiß an trockenen Blättern
ein Zug rattert vorbei
verspricht Ferne
ich bleibe
döse

Der Dienstag dichtet! 🙂  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch WortgeflumselkritzelkramMutigerlebenWerner KastensFindevogel, die WortverzauberteLyrikfederDer BerlinAutorNachtwandlerinLindas x Stories, Myriade, Gedankenweberei, Myna KaltschneeWortverdreher und Lebensbetrunken sind mit von der Partie. Schaut doch mal bei ihnen vorbei, der Dienstag fängt besser an mit ein bisschen Wortzauberei!

 

Sonntagswörter I

Sonntagswörter I

Seelenpfefferminz

Nougatgedanken

Häärchentaumel

Traumschatten

Himmelsspiel

 

Neue Erfahrungen

Das war mir neu. Giftschnecken? Jetzt frage ich mich, ob die Schilder deswegen so dunkel verfärbt sind, weil die Schnecken immer und immer wieder darüber gekrochen sind, mit irrem Gekicher, und sich gegenseitig zugeflüstert haben, nur noch einmal, komm, dann kann es keiner mehr lesen und unser Samstagabendsnack traut sich wieder auf die Wiese…

Fragen über Fragen.