Ausgelesen: Die Tage, die ich mit Gott verbrachte. Von Axel Hacke, mit Bildern von Michael Sowa

Vorweg gesagt: Ich mag Axel Hacke, viele seiner Kolumnen und ich habe auch schon ein paar seiner Bücher gelesen und gemocht. Und die Illustrationen von Michael Sowa sind sowieso konkurrenzlos.

Mit diesem Buch aber habe ich gefremdelt. Es geht um einen Ich-Erzähler, der Gott begegnet und ein paar Tage mit ihm verbringt, und es stellt sich heraus, Gott ist ganz anders als vorher gedacht. Das ist ja an und für sich keine schlechte Ausgangsposition, und da ich immer neugierig bin, wenn erfolgreiche Autoren sich trauen, das Wort Gott zu verwenden (und das auch noch im Titel!), konnte ich nicht widerstehen und musste es kaufen. Das Buch ist gut geschrieben, wie eigentlich alles bei Axel Hacke gut geschrieben ist, und Gott und der Erzähler treffen sich in einer Stadt, die ein wenig den Bildern von Magritte ähnelt – leicht surreal, aber mit deutlichen Bezügen zur Realität. Gott ist in der Lage, erstaunliche Dinge zu tun und gleichzeitig hilflos, wenn es um seine Schöpfung geht, von Selbstzweifeln umgetrieben und sehr allein. Er ist höchst menschlich.

Bei diesem Buch konnte ich nicht neutral lesen. Normalerweise gelingt es mir, relativ unbelastet an ein Buchthema heranzugehen, aber hier war das nicht möglich. Mein Gottesbild und Axel Hackes literarisches Gottesbild haben an so vielen Stellen nicht zusammengepasst, dass mir der Charme des Buches vermutlich völlig entgangen ist. Gedanklich war ich immer damit beschäftigt, die beiden Vorstellungen von Gott miteinander zu vergleichen, und seine gefiel mir einfach nicht. Ein bisschen schockiert hat mich meine Unfähigkeit, von mir wegzusehen und seine Variante vorurteilsfrei zu betrachten. Dabei ist ja überhaupt nicht gesagt, dass meine Gottesbildvariante stimmiger ist als seine, Gott ist schließlich immer der Andere – also immer anders, als ich es mir gerade zurecht bastele. Und trotzdem. Es hat nicht gepasst.

Ich hätte hier also ein Buch abzugeben, nur einmal gelesen, gut geschrieben, mit sehr schönen Illustrationen. Wer weiß, vielleicht ist es für den nächsten Leser ein Volltreffer.

Experimentelles Kochen

Und dann war da noch die Rote-Beete-Tomaten-Suppe.

Wenn man auf einem Jugend-Zeltlager für fünfundachtzig Teenager und vierundzwanzig Mitarbeiter kocht, geht man eher weniger Risiken ein. Nudeln mit Bolognese-Sauce, Currygeschnetzeltes, dazu eine vegetarische Variante und Früchtequark, das geht immer, und es gucken dann höchstens fünfzehn Teenies kritisch, der Rest isst es klaglos, vermutlich auch, weil die Tage anstrengend, wundervoll und lang sind und nur Schokoriegel und Coca-Cola irgendwann doch langweilig werden. Unser Küchenteam gibt sich da keinen Illusionen hin, aber wir kochen gern und auch gut, wenn ich die verputzten Mengen hochrechne.

Aber ich gebe zu, es juckt mich jedes Mal, wenn ein neues Camp ansteht, und so gibt es in den morgendlichen heißen Kakao nicht nur Kakao, sondern auch eine Prise Salz und Zimt. Der Quark wird mit Sahne und Vanillesauce gemischt und das Obst darin ist frisch geschnitten. Zu den Kartoffeln gibt es einen Dip aus Sauerrahm, Kräutern und frischer Paprika und in den Lagerfeuer-Tee kommt weißer Pfeffer, damit er wärmt. Mittlerweile habe ich gelernt, diese kleinen Sonderzutaten nie zu erwähnen und einfach die Reaktionen abzuwarten. In der Regel sind sie positiv, die meisten merken nicht einmal etwas, sie freuen sich nur, dass es gut schmeckt.

Dieses Mal aber hatten wir einige Liter Gemüsesaft von einem Programmpunkt übrig. Was macht man auf so einem Zeltlager mit Tomaten-, Rote-Beete-, Karotten- und Sauerkrautsaft? Wir boten die Säfte zum Frühstück an und ernteten angeekelte Blicke. Wir versuchten es ein weiteres Mal zum Abendessen und die Teilnehmer machten einen weiten Bogen um den Tomatensaft. Vom Sauerkrautsaft ganz zu schweigen. Also wegwerfen? Oder zu den am Ende übrig gebliebenen Lebensmitteln geben und auf leiderprobte Abnehmer hoffen, die nichts wegwerfen können? Nein. Ich wollte darauf vertrauen, dass es ein paar mutige Menschen in dieser hundertköpfigen Schar gäbe, die ein ungewöhnliches Essen zumindest ausprobieren würden. Und kochte eine tief pinkrotfarbene Tomaten-Rote-Beete-Karotten-Sauerkaut-Kartoffelsuppe mit Sahne, Frischkäse, Pfeffer und Salz. Sie war wirklich lecker, fruchtig und würzig und scharf, aber eben auch so ungeeignet für ein Jugendcamp, wie man es sich nur vorstellen kann. Nichts an dieser Suppe war dafür gemacht, Teenagern zu gefallen – zu suppig, zu pink, zu rot gefärbte Kartoffelstücke, viel zu exotisch, ein Fremdkörper zwischen gebratenen Nudeln, Brot mit Käse oder Wurst und Apfelspalten.

Die ersten fünfundzwanzig Teenies schlichen an meinem Topf vorbei, guckten misstrauisch und gingen schnell weiter, bevor ich sie auffordern konnte zu probieren. Dann stockte die Schlange vor dem Frischkäse und der Butter und die nächsten zehn Teenies mussten zwangsweise vor mir stehenbleiben. Die Gelegenheit, um Werbung zu machen! Ich pries die Suppe an wie himmlisches Manna und ein paar Teenies guckten interessiert in den Topf, gingen dann aber doch lieber weiter zu Brot und Bananen. Entmutigt rührte ich in meiner schönen, dampfenden Suppe, als ich plötzlich auffordernd einen Teller unter die Nase gehalten bekam. Überrascht sah ich auf und fragte sicherheitshalber nach, und ja, sie wollte! Klar würde sie probieren! So schlimm würde es schon nicht werden! Und dann zog sie mit ihrem Teller davon. Die nächsten in der Schlange sahen verwirrt von mir zu dem Mädchen mit dem Teller und dann zum Topf und wussten nicht, was sie nun tun sollten: Probieren? Weitergehen? Vielleicht etwas verpassen? Risiko? Ein Junge hielt mir reflexartig seine Schale hin und ich nutzte die Chance: Bevor er ihn zurückziehen konnte, hatte er eine Kelle voll pinkfarbener Suppe darin. Und damit war der Bann gebrochen. Insgesamt teilte ich etwa sechs Liter Tomaten-Rote-Beete-Suppe aus, ein Liter blieb übrig, ein paar Abnehmer kamen zweimal, ein Mädchen hat sie tapfer aufgegessen, obwohl sie sie schrecklich fand, aber alle waren fasziniert von der ungewöhnlichen Farbe.

Letztendlich hat es einen Menschen in dieser Gruppe gebraucht, der bereit war, ein Risiko einzugehen, und dann sind ihm andere nachgefolgt. Ich bin nicht sicher, ob irgendjemand trotz all meiner gut gemeinten Werbeworte probiert hätte, wenn dieses eine Mädchen nicht gewesen wäre. Ein kleines bißchen Mut an der richtigen Stelle kann etwas auslösen, doch, das geht. Die Rote-Beete-Tomaten-Suppe hat es mir live vorgeführt. Ich werde sie in guter Erinnerung behalten.

Was mir am Teencamp gefiel (sehr)

willkommen geheißen zu werden

rasend schnelle Helfer beim Zeltaufbau

bei sintflutartigem Regen im Zelt liegen und sich keinen Deut um das Loch kümmern, durch das es hineinregnet

singende (und Häufchen produzierende) Vögel auf meinem Zeltdach als die Sonne aufgeht

morgens  um sechs die Kaffeemaschine für die Mitarbeiter anstellen

der friedliche und einsame Tee um sieben bevor die Meute einfällt

den schattigen, grünbelaubten, weinbergschneckengesäumten Pfad zur Veranstaltungshalle

Morgenandacht im alten Stall auf Sofas inmitten schläfriger Gesichter

in der Sonne kiloweise Kartoffeln schrabben, zuerst zu zweit, dann zu dritt, dann zu viert

Bruno, der Riesenhund, der problemlos einhundert Leute auf einmal lieben kann

Kakao mit Zimt

knallrote Apfelspalten

die experimentelle Tomaten-Rote-Beete-Suppe

Rock´n Roll

das Kühlmoped

die Familie, auf deren Hof wir Chaos veranstalten durften

das Küchenteam

Dankeschön Ü-Eier

Was ich am Teencamp nicht mochte

sintflutartiger Regen beim Ankommen

undichte Zeltdächer

Ohrenkneifer im nassen Handtuch

feuchte Jacken

sich morgens unelegant von der Luftmatratze hochquälen

müde Knochen am Abend

müde Knochen am Morgen

klebrige Nudelreste, die problemlos Tesa Powerstrips ersetzen könnten

Kartoffelschrabben

danach Muskelkater im Daumen

beim Zeltabbau zermatschte Nacktschnecken unterm Zeltboden finden

und trotzdem: Abreisen müssen

(kleine Erklärung: Ich war Köchin in einem Zeltlager für Teenager. Und es gab eine ganze Menge Regen in den ersten Tagen)

 

Wenn …

Wenn…

… ich morgens um zehn schon wieder müde bin
… meine Lieblingsband nervt
… der verschwundene Autoschlüssel mich in Tränen ausbrechen lässt
… ich gereizt bin weil der Wind falsch weht
… Autofahrten mich melancholisch an verschwundene Kindheitsstätten erinnern
… Freunde all ihre schlechten Seiten zeigen
… der Alltag ein langes, graues Band ist
… niemand mich mehr mag
… es nur noch regnet
… dann weiß mein Herz, die Welt ist eine trostlose Einöde mit gelegentlichem Stechmückenbefall. Und das wird sich nie, nie wieder ändern.

 

Aber zum Glück gibt es auch meinen Kopf. Und der weiß, mein letzter richtiger Urlaub war vor dreizehn Monaten.

Es wird Zeit. Noch fünf Wochen.

 

Wenn…
… fünf Wochen länger als die Ewigkeit dauern
… alle, alle schon vor mir Urlaub haben
… der letzte Keks an jemand anderes ging
… seufz

was ich an Sommerregentagen mag

frühmorgens feuchte, grün duftende Luft einatmen

mit dem Fahrrad durch jede mögliche Pfütze fahren

tanzende Blätter im Tropfentakt

mit Zufallsbekanntschaften in Hauseingängen warten und über die Heftigkeit des Regens fachsimpeln

unbeeindruckt singende Amseln auf Dachfirsten

trockene Sachen anziehen

sanftes Rauschen vor dem Fenster

den Duft nasser Erde

Regenbögen bewundern und sich an Versprechen erinnern

Bahnfahrer-Meditation

Ich bin stolz auf mich. Heute Abend bin ich auf meiner persönlichen Selbstoptimierungsliste mindestens drei Level nach vorne gerückt. Und das ging so: Um 18.00 Uhr nahm ich den Zug nach Hause, mein Fahrrad hatte ich dabei. An der dritten Station fing es an, sintflutartig zu regnen, aber egal, ich saß ja im Zug, also alles ok. Dann wurde der Zug langsamer. Und langsamer. Gleichzeitig fuhren auf beiden Seiten Güterzüge an uns vorbei. Der Zugführer kommentierte lakonisch: „Sie sehen, heute ist Rushhour auf den Gleisen.“ Mit zwanzig Minuten Verspätung kamen wir an der siebten Station an, die letzte vor meiner Aussteigestation. Es passierte eine Zeitlang nichts mehr, dann kam die Durchsage: „Es tut uns leid, aber heute endet dieser Zug hier. Bitte alle aussteigen.“ Empörtes Stimmengewirr meiner Mitreisenden. Es regnete noch immer.

Zenmässig gelassen ging ich meine Möglichkeiten durch: Aussteigen und warten? Der nächste Zug käme erst in einer Dreiviertelstunde, und an dieser Station ist es auch nicht wirklich gemütlich, wenn die Sonne scheint. Oder mit dem Fahrrad nach Hause? Hm. Zehn Kilometer im Regen ohne Regenjacke? Und dann kam mir ein Daniel-Düsentrieb´scher-Geistesblitz: Ich könnte einfach im Zug bleiben, drei Stationen zurückfahren an einen Bahnhof mit Wetterdach, aussteigen und dort auf den nächsten Zug warten, der wieder bis zum Ende durchfährt!

Gesagt, getan. Entspannt blieb ich sitzen, der Regen rauschte an den Fensterschreiben entlang, während ich dieselbe Strecke wieder zurückfuhr, auf der ich gekommen war. Am Bahnhof mit Wetterdach stieg ich aus, nahm nicht den Aufzug, vor dem die Feuerwehr gerade gewarnt hatte, weil er in einer Woche dreimal steckengeblieben war, trug mein Fahrrad mit Muskelkraft die Treppen hinauf und hinunter und setzte mich dann für weitere zwanzig Minuten auf den Bahnsteig, um auf den nächsten Zug zu warten. Der Regen fiel schwallartig. Ich blieb gelassen.

Beweisfoto: Gelassene Füße auf Fahrrad. Es regnet.
Beweisfoto 2: Füße auf Fahrrad bei durchrasendem Zug. Es regnet.

Güterzüge fuhren durch. Autozüge fuhren durch. Kleinbahnen fuhren durch. Eine Bahn mit anderem Ziel fuhr durch. Dann kam mein Zug. Es regnete wie aus Eimern, als ich einstieg. Dann fuhr ich zum dritten Mal dieselbe Strecke. Kurz vor der vorletzten Station war ich fast ein bisschen aufgeregt: Würden wir es dieses Mal schaffen, die Station zu passieren? Oder gab es hier eine unsichtbare Grenze, die heute niemand passieren konnte? Vor lauter Nachdenken darüber verpasste ich die Station komplett und dann fuhren wir tatsächlich in meinen Heimatbahnhof ein. Selbstverständlich regnete es immer noch, als ich ausstieg, mich aufs Fahrrad schwang und mit nur einer Stunde Verspätung nach Hause fuhr.

Gar nicht so übel für eine üble Ausgangssituation, fand ich – und Zack! – schon wieder ein Level weiter 🙂 .

 

Ausgelesen: Mordsfreunde. Von Nele Neuhaus

Tja, wir werden einfach keine Freunde, die Krimis von Nele Neuhaus und ich. Mit diesem hier habe ich es ein weiteres Mal versucht, bin aber nicht mit ihm warm geworden. Mir sind die Bücher zu blass, irgendetwas fehlt da, das ich noch nicht einmal richtig benennen kann. Es ist, als ob die Marmelade auf dem Brot fehlt – das Brot an sich ist gut, aber ohne Belag – jaaa, das geht schon, aber so richtig begeistert bin ich nicht. Die Erfolgsgeschichte hinter den Büchern finde ich klasse, das ist ein bisschen wie im Märchen und ein Traum für jeden Autor. Ich schätze, meine bescheidene Meinung wird dem Riesenerfolg der Reihe nicht schaden, also wünsche ich allen begeisterten Lesern der Reihe viel Spaß. Ich lese in der Zeit dann lieber etwas anderes.

Ausgelesen: Die Rache des Samurai. Von Laura Joh Rowland

Ich mag diese Reihe. Dies hier ist Band zwei der japanischen Kriminalromane um den Ermittler Sano Ichiro, der im 17. Jahrhundert lebt und arbeitet. Wer exotische Handlungsorte und fremde Kulturen mag, dazu noch eine andere Zeit, der bekommt hier jede Menge Lesestoff geboten. Dazu sind die Bücher solide geschrieben, Privatleben und Ermittlung sind gut gemischt. Ab und zu gibt es ein paar Längen, wenn Sano Ichiro wieder einmal mit dem Pferd lange Wege zurücklegt und dabei sehr intensiv überlegt, wer wen umgebracht haben könnte und warum, aber das ist absolut zu verzeihen, denn der ganze Rest ist sehr gelungen.

楽しんできてね !

Geschenke

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