Ausgelesen: Talon. Drachenzeit. Von Julie Kagawa.

In diesem Buch ist es mal andersherum: Hier verwandeln sich Menschen nicht in Drachen, sondern Drachen in Menschen. Nachdem die Menschen durch ihre zahlenmäßige Überlegenheit die Drachen fast ausgerottet hätten, haben diese gelernt, sich zu tarnen und menschliche Gestalt anzunehmen, um nicht aufzufallen. Gelenkt werden die Drachen von einer geheimen Talon-Organisation, in der jeder Drache nach einer Ausbildung seinen Fähigkeiten entsprechend eine bestimmte Rolle zugewiesen bekommt. Hauptaufgabe ist die Verteidigung gegen den Geheimorden St. Georg, der Drachen aufspürt, jagt und tötet.

Ember Hill ist ein Drache und in Ausbildung, und so wie es aussieht, hat sie einen Volltreffer gelandet: Kalifornien, Meer, Strand, Sonne und gutaussehende Jungs – was will man mehr? Ein letzter Sommer, in dem sie machen kann, was sie will, bevor sie ihre Aufgabe zugewiesen bekommt. Dann lernt sie Garrett kennen, und was sie nicht weiß: Er ist ein Krieger des St. Georg-Ordens…

Ein Teenie-Roman mit allen Zutaten, die diese Bücher erfolgreich machen: Junge, hübsche Heldin mit besonderen Fähigkeiten, gutaussehende Jungs mit emotionalen Defiziten, die durch die Heldin geheilt werden und ihre Prinzipien über Bord werfen. Dazu wird gesurft, die Sonne scheint, es gibt ein oder zwei unwichtige Alibi-Nebenfiguren und ein oder zwei Figuren, die Potential haben für eventuelle nächste Bücher. Ich vermute, wenn ich das Buch geschüttelt hätte, wäre unten ein bisschen Strandsand herausgerieselt und Sonnencremegeruch hätte sich verbreitet. Soweit ganz ok, meins war es nicht so ganz, aber das macht nichts, schließlich bin ich auch nicht die Zielgruppe. Die dürfte erheblich jünger und begeistert von dem Buch sein 🙂 .

16.06.2018

Universelle Sprache im Schwimmbad, unabhängig von Alter, Geschlecht oder Hautfarbe:

„BrrrrrrrwhfffschlotterschlotterbrrrrrrrKALT!brrrrr…“
(wenn trockene Haut auf das kalte Wasser des Schwimmbeckens trifft)

Passt immer! 🙂

Nichts weiß ich

Wenn man erst mal ein fortgeschrittenes Alter erreicht hat (so wie ich), dann meint man ja, man kennt die Menschen. Warum sie Dinge tun. Oder lassen. Vom Standpunkt der weisen Alten herab lächelt man milde und blickt entspannt hinter die Kulissen, denn die eigene Lebenserfahrung erlaubt einem tiefe Einblicke in das Leben anderer Menschen. So weit, so gut.

Heute Abend fuhr ich gemächlich mit dem Fahrrad durch die Stadt, um am Fluss zu verweilen und mich meiner Altersweisheit zu erfreuen, als mich plötzlich von der einen Seite ein Polizist anpfiff, während sich auf der anderen Seite zwei schwitzende, keuchende Jogger vor mein Rad warfen. Zumindest schien es einen Moment lang so, wobei ich das durchaus verstanden hätte, ich meine: Joggen? Wer macht denn so was freiwillig? Aber egal, so war es natürlich nicht, die Jogger verschwanden nach links, nachdem sie mir böse Blicke zugeworfen hatten, und während der Polizist mich aus der Bahn scheuchte, begriff ich endlich, dass ich mitten in der Laufstrecke des Stadtmarathons stehengeblieben war. Interessant! Mögliche Feldstudien! Zwei Minuten (und acht kreuzende Jogger) später saß ich auf einer Bank an der Laufstrecke. Eine halbe Stunde später saß ich immer noch da, fasziniert und mit der Erkenntnis, dass ich überhaupt nichts weiß über andere Menschen.

Joggen ist super, das kann man überall nachlesen, gut für die Gesundheit, die Fitness und so weiter, und bei einigen Läufern sah das tatsächlich auch so aus, federnd und athletisch rannten sie mit raumgreifenden Schritten an mir vorbei, und ich fühlte mich unweigerlich an Gazellen im Sprung erinnert. Die sehr viel größere Mehrheit allerdings keuchte schwitzend unter Schmerzen am Rande der Verzweiflung an mir vorbei, und wenn Blicke töten könnten, wären alle Schlachtenbummler am Rand der Strecke mit ihren aufmunternden Rufen vermutlich geradewegs in der Hölle gelandet. In der Joggerhölle, ohne Wasser und barfuß. Bei einigen hatte ich das dringende Bedürfnis, kühlen Saft und warme Handtücher zu reichen und tröstend über den Rücken zu streichen. Andere hätte ich am liebsten direkt in den Rettungswagen verfrachtet. Eine Frau mittleren Alters rief den Begleitfahrradfahrern verzweifelt zu: „Bin ich die letzte? Ich will nicht die letzte sein!“, während sie von einem der Gazellenläufer graziös überrundet wurde. Einer der Läufer stieß alle zehn Sekunden eine Art Schrei aus, der an alte King Kong-Filme erinnerte, und zwar in der Szene, wenn er auf der Spitze des Wolkenkratzers sitzt und auf seine Brust trommelt.

Um es zusammenzufassen: Es war ein Erlebnis. Und ich weiß jetzt, dass ich nichts weiß. Ich habe absolut keine Ahnung, warum Menschen joggen, wenn sie keine Gazellengene besitzen. Andere Menschen sind unbekanntes Gelände. Aber (und ich hob meinen altersweisen Zeigefinger): Da kann man schöne Ausflüge zusammen machen, in das unbekannte Gelände. Aber nur gehend, und niemals, unter keinen Umständen, joggend!

Glücklich sein

Und dann war es wieder da, dieses Gefühl von Glücklichsein, und das, obwohl der Tag nicht perfekt verlaufen war, nicht, wie er eigentlich nach meiner Vorstellung davon sein sollte, mit viel Zeit, Gelassenheit, einem Buch und genug Zeit, um gemütlich zu frühstücken. Stattdessen hatte der Tag viel zu früh angefangen, artete schon vor sieben Uhr morgens in Hektik aus, weil ich zu viele Dinge in zu wenig Zeit stopfen wollte, was natürlich nicht gelang, und während ich meine Tasche packte, zu heißen Tee trank und noch überlegte, welche Schuhe ich anziehe, klingelte es auch schon an der Tür. Überhaupt war ich ganz und gar im Zweifel, was die Pläne dieses Tages anging: Wollte ich das wirklich? Hatte ich nicht viel zu schnell zugesagt, im ersten Eifer nicht nachgedacht? Immerhin musste ich am nächsten Tag schon wieder arbeiten, sollte man da wirklich den ganzen freien Tag für andere verplanen?

Und dann passierte das, was mir häufiger passiert: Im Tun wurde alles immer besser. Und besser! Vielleicht ist das so, wenn man das macht, was einem wirklich gefällt: Singen. Schreiben. Zuhören. Gemeinsam arbeiten. Vögel belauschen. Eis essen mit Freunden ohne Sinn und Zweck. Das Tun steigt auf wie ein Vogel in die Luft, schwebt und fliegt und über allem liegt ein Glanz und man ist glücklich. Und der Schöpfer lächelt. Vielleicht sollte man viel öfter einfach tun ohne groß zu fragen, ob das denn auch sinnvoll, maßvoll und passend sei. Und dann sitzt man da, nach getanen Dingen, und guckt zu, wie das Glück aufsteigt, leicht wie eine Feder, geboren aus dem, was einen den Tag über erfüllt hat. Und draußen, gegenüber auf dem Dachgiebel, singt eine Amsel ihr Abendlied, das auch aufsteigt und sich mischt mit dem Glück. Braucht man mehr?

Wolkenkino

Wolkenkino

Heute im Programm:

Brautschleier
beinlose Schweinchen
Superman
ferne Landschaften
drohende Monster
das Engelsballett
Haie auf Jagdausflug
Ferienflieger mit Schleppe
der riesige Marshmallow-Elefant
Drachen jeder Form und Größe
das weiße Kaninchen
Treppenstufen ins Blaue

Eintritt frei!

Domweih II

Heute Abend müde aus dem Zug gestiegen. Auf dem Weg nach Hause werde ich von einem Mann überholt, der einen großen Luftballonschlumpf an einer Schnur hält. Der Schlumpf ist fast größer als er, ich übertreibe hier natürlich absolut nicht, und er leuchtet fast schon unwirklich blau-weiß. Als der Mann mich überholt hat und vor mir wieder rechts einschwenkt (fast wie ein Auto nach dem Überholen, nur ohne den Blinker zu setzen, aber das kennen wir, ist auf der Autobahn ja auch nicht anders), zieht er die Schnur ein und den Schlumpf hinter seinen Rücken. Jetzt winkt er (der Schlumpf) mir bei jedem Schritt mit seinem kleinen blauen Arm zu und wippt dabei im Takt der Schritte seines Halters. Ich habe das untrügliche Gefühl, hier flirtet ein Schlumpf mit mir, und der Abend gleitet leicht ins Surreale ab. Prüfend sehe ich nach oben – ist der Himmel noch blau oder sehe ich da schon eine Spur Violett? Der Schlumpf winkt ekstatisch, als der Mann in leichten Trab fällt. Dann biegt er nach rechts ab, der Schlumpf lässt traurig den Kopf sinken, sein Arm knickt ab und wir verlieren uns aus den Augen.

Und nun treiben mich Fragen um. Wie kam der Mann an den Schlumpf? Warum war es kein Einhorn? Wo ging er hin und wer wartete dort auf ihn? Und – vermisst er mich? Der Schlumpf, meine ich. Fragen über Fragen. Und keine davon wird je beantwortet werden. Tragödien des Alltags!

Ausgelesen: Gläsernes Schwert. Von Victoria Aveyard.

Eine Welt, in der Menschen mit silbernem Blut und besonderen Fähigkeiten die Menschen mit rotem Blut ohne Fähigkeiten beherrschen und unterdrücken. Dann kommt ein Mädchen, das anders ist: Sie hat rotes Blut und trotzdem besondere Fähigkeiten. Damit ändert sich alles in dieser Welt.

Damit ist das Handlungskonzept hinreichend umschrieben, würde ich sagen 🙂 . Dieses Buch ist Band 2 der Reihe, insgesamt gibt es drei. Band eins hat mich umgehauen. Gut geschrieben, realistische und detailreiche Beschreibungen einer dystopischen Welt lange nach uns, und, was ungewöhnlich ist, mit viel Politik und der Einsicht, dass schwarz-weiß zwar hübsch einfach ist, meist aber nicht funktioniert. Dazu eine starke Heldin mit Schwächen, schön böse daherkommende Schurken, viel Heldenmut in aussichtslosen Situationen und differenzierte Nebencharaktere – was will das Leserherz mehr?

In Band zwei gibt es noch mehr Politik, jede Menge verschiedene Seiten mit jeweils eigenen Plänen und versteckten Absichten und eine Heldin, die über den Ereignissen in Band eins hart geworden ist. Es zieht sich an manchen Stellen etwas und man merkt doch recht deutlich, dass dieses Buch hier ein Zwischenstück ist – gut geschrieben, aber der Höhepunkt kommt (hoffentlich) in Band drei. Ich muss zugeben, es ging mir etwas auf die Nerven, wenn Mare, die Heldin, etwas zu sehr in Selbstmitleid zerfloss und sich nicht entscheiden konnte, aber der Schluss macht das wett. Vier von fünf Punkten!