Kreislauf

Wenn ich weniger allein wäre,
dann würde ich mir weniger Fragen stellen.

Wenn ich mir weniger Fragen stellen würde,
dann wäre ich unbeschwerter.

Wenn ich unbeschwerter wäre,
dann hätte ich mehr Lebensfreude.

Wenn ich mehr Lebensfreude hätte,
dann würde ich mehr unternehmen.

Wenn ich mehr unternehmen würde,
dann hätte ich mehr Kontakt mit anderen.

Wenn ich noch mehr Kontakt mit anderen hätte,
dann wäre ich vielleicht irgendwann genervt.

Wenn ich genervt wäre,
dann würde ich mehr Zeit für mich haben wollen.

Wenn ich mehr Zeit für mich hätte,
dann wäre ich öfter allein.

Wenn ich öfter allein wäre,
dann würde ich mich vielleicht einsam fühlen.

Wenn ich mich weniger einsam fühlen würde,
dann würde ich mir weniger Fragen stellen.

Wenn ich mir weniger Fragen stellen würde,
dann wäre ich unbeschwerter.

Wenn

(Der Konjunktiv ist selten die Lösung des Problems.)

Ausgelesen: Nur ein Sommer mit dir. Von Kat French.

Das war ein wirklich richtig netter Sommerroman! Alice ist von ihrem untreuen Schauspieler-Ehemann verlassen worden und lebt nun allein in ihrem Traumhaus, Borne Manor, das sie eigentlich für ihre zukünftige Familie liebevoll eingerichtet hatte. Sie ist froh, dass der Presserummel nach der Affaire vorbei ist und ein wenig Ruhe eingekehrt ist. Alice liebt ihr Haus heiß und innig, aber die Unterhaltungskosten sind hoch, ihr Einkommen nicht vorhanden, also muss eine Idee her. Und die, die sie hat, ist völlig verrückt, aber für die Leser von romantischen Liebeskomödien ein Glücksfall: Sie wird das Haus über den Sommer vermieten, die Einnahmen für das Haus verwenden und selber in einen alten Wohnwagen auf dem Grundstück ziehen. Und so findet sie sich bald außerhalb des Hauses vor, in das Robinson eingezogen ist, ein Country-Musik Star aus den USA, der ebenfalls von seiner Ehefrau getrennt lebt, weil sie ihn betrogen hat. Er sucht Ruhe und Abgeschiedenheit und kann sich nicht vorstellen, jemals wieder Musik zu machen. Seine Gitarre hat er allerdings trotzdem dabei… und mit Alice in ihren roten Gummistiefeln hat er ebenfalls nicht gerechnet. Zwei verletzte Seelen, die sich auf nichts Neues einlassen wollen, vereint auf einem Grundstück – das schreit ja geradezu nach einer Romanze…

Das Buch ist frisch, lebendig und humorvoll geschrieben, die Hauptprotagonisten sind nett und sympathisch, die Nebenfiguren voller Witz und Originalität, das Haus ist ein Traum für jede Einrichtungssoapliebhaberin – klar, im wahren Leben läuft das so nicht, aber deswegen liest man solch ein Buch ja auch nicht. Wer braucht schon Realität in einer Sommerromanze? Mir hat das Lesen großen Spaß gemacht, das Buch ist eine echte Perle zwischen all den Liebesromanen auf dem Markt, und ich werde die Autorin auf jeden Fall im Auge behalten.

Was wir alles nie erfahren werden

Was wir alles nie erfahren werden
oder: Das geheime Leben der Nachbarn

Als da wären:

  • die jährliche Anzahl der Schlafanzugtage
  • wie oft es kalte Pizza zum Frühstück gibt
  • wie viele „komm-gut-durch-den-Tag-Küsse“ verteilt werden
  • wer wen füttert und wie viel daneben geht
  • wo das geheime Schmuckversteck ist
  • wie viele belegte Brote gegessen werden, weil niemand Lust zum Kochen hat
  • wer wann die Nachbarn belauscht
  • wie schrecklich zäh das aus dem Fenster sehen und warten sein kann
  • wie laut das Vermissen in Räumen widerhallt
  • die Menge der geweinten nächtlichen Tränen
  • die Lautstärke der zugeschlagenen Türen
  • wie beängstigend dunkel Abhängigkeit sein kann
  • die Anzahl der Tage, die auf dem Sofa oder im Bett verbracht werden
  • wie viel Sport nicht gemacht wird
  • welche Menge an Schokolade spurlos verschwindet
  • wie oft die romantische Szene im Lieblingsfilm wiederholt wird
  • wie langsam stille Zeit vergeht, begleitet nur vom Ticken der alten Uhr
  • wie zärtlich das Foto des Ehemanns vorm Schlafengehen gestreichelt wird
  • dass die Katze doch ins Bett darf
  • wo es überall Platz für zwei gibt, wenn man frisch verliebt ist
  • wie viele Tagträume geträumt werden und was sie bewirken
  • wer wem die Socken anzieht
  • und wer wem beglückt alles andere auszieht

Ausgelesen: Ab in den Süden! Aus der Reihe „Wundervolle Sommer“. Von Zidrou und Lafebre.

Es ist 1973 und die Familie  Faldèrault fährt wie jedes Jahr mit ihrem roten R2 in den Urlaub. Alles scheint wie immer, doch dieses Mal ist etwas anders: Mado, die Mutter, glaubt nicht mehr daran, dass ihrem Mann Pierre als Comiczeichner der Durchbruch gelingt. Sie ist müde von all den Kompromissen, die ein solcher Beruf mit sich bringt und plant, ihren Mann zu verlassen. Ob der Urlaub daran noch etwas ändern kann?

Das Buch ist wunderbar gezeichnet, die Figuren sind gut getroffen, nicht zu idyllisch, aber auch nicht zu realistisch, die Farben passen zum Sommer und man liest die kleine, überschaubare Geschichte mit einem Lächeln im Gesicht. Damals, als es noch möglich war, einfach wild zu campen, als es noch keine Handys gab und man wirklich weg war für ein paar Wochen – ja, das war schön. Aber auch ein klein wenig Wehmut kommt auf, denn vorbei ist vorbei, und auch ernste Töne gibt es in einer guten Mischung im Buch.

Eine schöne Beschäftigung für einen Abend, in Vorfreude auf einen eigenen geplanten Urlaub sicherlich besonders gut geeignet. Ich habe das Gefühl, viele Familien würden sich mit einem Lächeln wiederfinden in dieser warmherzigen, gut gemachten, überraschend realistischen Familiengeschichte.

Ausgelesen: Das grosse Los. Von Meike Winnemuth.

Ich bin mal wieder zu spät. Jeder, den es auch nur halbwegs interessiert, hat dieses Buch vermutlich bereits gelesen. Und sich großartig unterhalten gefühlt. Aber egal: Vielleicht gibt es da draußen ja doch noch die ein oder andere, die noch nie etwas von diesem Buch gehört hat (haha!) und nun von mir auf diese wunderbare Geschichte hingewiesen wird! Also: Man nehme einen 500.000,– Euro Gewinn bei Wer wird Millionär, einen Entschluss und heraus kommt ein fantastisches Jahr voller neuer Erfahrungen, Erlebnisse und Begegnungen, und daraus wird dann dieses Buch!

Meike Winnemuth beschließt nach ihrem Glückstreffer, das nächste Jahr in zwölf verschiedenen Städten zu verbringen, in die sie immer schon mal reisen wollte. Sie packt einen Koffer mit dem nötigsten, ihren Laptop, bucht Wohnungen und fliegt einfach los. Das Buch liest sich wie eine Mischung aus Abenteuer-Roman, Sehnsuchtstraum und Mut-Mach-Rezept, man ist fast geneigt zu glauben, man selber könnte so was ja vielleicht auch…

Die Autorin erzählt aber auch von Städten, mit denen sie nicht warm wurde, von Selbstzweifeln, Einsamkeitsgefühlen und der totalen Unlust, wieder nach Hause zu kommen und von der Gewissheit, es kann danach nicht einfach so weitergehen wie vorher – keine Chance. Das Jahr hat mehr verändert als den Kontostand (wobei der gar nicht so viel leerer wurde), es hat viele Fragen nach der Art zu Leben aufgeworfen, ob es sinnvoll ist, in vorgegebenen Routinen zu leben, das zu tun, was alle tun – oder eben nicht.

Dabei ist sicher zu berücksichtigen, dass Meike Winnemuth ein kontaktfreudiger Mensch ist, es fällt ihr leicht, auf andere zuzugehen und ins Gespräch zu kommen, und es ist sicher auch nicht von Nachteil, dass sie als freie Autorin von überall auf der Welt aus arbeiten kann. Aber selbst, wenn man das alles nicht ist oder kann – trotzdem! Vielleicht nicht für ein ganzes Jahr, aber zwei Monate im Jahr so etwas zu machen – hach. Schön wäre das. Sehr, sehr schön. Und das ist das schönste, was dieses bunte, spannende, ermutigende Buch mit einem anstellt: Es macht Lust auf Veränderung. Die ja vielleicht doch gar nicht so unmöglich ist. Man muss sich eben nur trauen…

Alltagsauferstehungen

Alltagsauferstehungen

  • morgens aufwachen und feststellen, es war nur ein Traum
  • angetrocknete Blumen aus dem Supermarkt retten
  • etwas aussprechen, das bisher unaussprechlich war
  • Kresse aussäen
  • feiern mit verloren geglaubten Freunden
  • jemandem beim Schlafen zusehen und wissen, das ist ein Wunder
  • Gärtnereien besuchen und in Primeln und Hyazinthen baden
  • Ablegen von lange getragenen Lasten
  • blaue Blümchen unter der vertrockneten Buchenhecke
  • farblose Gewissheiten in Frage stellen
  • leere Handyakkus aufladen

 

Was schön ist am Gedichteschreiben

eine Idee haben
sich mit ihr vertraut machen
staksige Versuche
alles verwerfen
neu anfangen
viel zuviel Text haben
streichen
unzufrieden sein
anders beginnen
Aufregung, wenn die Richtung klar wird
umstellen
streichen
Glückseligkeit, wenn (fast) alles stimmt
ruhen lassen
frühmorgens als erstes nach dem Text gucken
sich freuen
noch etwas streichen
vielleicht von vorn beginnen