Ausgelesen: Mam´zelle Esterel, Wundervolle Sommer. Von Zidrou und Jordi Lafebre.

Sommer! Verheißungsvolle Zeit voller Ferien, weitem Himmel und Zitronentarte! So hat der belgische Comiczeichner Pierre Faldèrault sich das vorgestellt, aber dann bekommt er von seinen Schwiegereltern den Renault 4L geschenkt, der so rot ist wie das am Mittelmeer gelegene französische Esterel-Gebirge und von der Familie sofort Mam´zelle Esterel getauft wird. Und so fühlt er sich verpflichtet, gemeinsam mit seinen Schwiegereltern in den Urlaub zu fahren, von Brüssel nach Südfrankreich, und alles kommt etwas anders als gewünscht und ist doch auch schön. Und bleibt unvergesslich.
Wieder ein praller Band voller Sommer und Familie, mit Leid und Glück, Humor und vielen Erinnerungen an die Zeit vor fünfzig Jahren. Frankreich, Belgien und der Sommer: Kann es besser laufen? Am allerbesten ist es, wenn man diesen Band kurz vor dem Urlaub liest oder sogar im Urlaub. Mit Zitronentarte. 😊

Sommerloch

Sommerloch

Die Wasserläufer zogen stur ihre Bahnen über die Wellen, hin und her, her und hin. Das Konzert direkt an der Wasserkante schien sie nicht im Mindesten zu interessieren, dabei war das Sommerloch dieses Jahr so tief und breit wie selten, und die Tatsache, dass das Konzertgelände sich direkt über dem Loch befand, war schon für sich allein eine Sensation. Wann hatte es das zuletzt gegeben? Die Sommerlöcher der vorherigen Jahre waren entweder mühevoll zugeschüttet worden, wurden einfach ignoriert oder mit einer Abdeckung und Dachbegrünung versehen und alle hofften, nie wieder daran erinnert werden zu müssen.
Dieses Jahr dagegen hatten die Lebensgeister beschlossen, das Loch zu nutzen. Unter der Konzertbühne befand sich ein Kletterpark, der weit hinab ging, und ganz unten auf der Lochsohle befand sich ein Sommerlochrestaurant, in dem Burger und Lochkäsevariationen serviert wurden. Weil die Lebensgeister immer ein wenig willkürlich handelten, wusste niemand, wie lange die Konzertbühne dort stehen würde, und so befand sich die halbe Stadtbevölkerung an diesem schönen Spätsommerabend vor der Bühne und feierte die Fliegenklatschen, die das Konzert ihres Lebens gaben. „He-ho, sowieso!“ gröhlte der Leadsänger, der seine langen Haare im Takt vor und zurück warf, und „HE-HO, SOWIESO!!!“ schrie das Publikum zurück. Über der brüllenden Menge flogen Möwen, die nach unvorsichtig hochgereckten Popcorntüten Ausschau hielten und sich dabei hin und wieder erleichterten, was entrüstete Schreie von unten nach sich zog. Die Möwen ignorierten die Schreie hochmütig, was sein musste, musste eben sein.
Langsam zogen Wolken auf, graublau und schwarzblau. Es wetterleuchtete, Blitze zuckten über die Wasserläufer, die immer noch ihre Bahnen zogen, dann setzte der Regen ein. Die Menge zog sich Regenponchos über, nicht umsonst war man hier an der Küste, die Bewohner waren schlimmeres gewohnt. Der Leadsänger gab alles, beim Schlusslied fing er an, auf und ab zu hüpfen und sein Publikum feuerte ihn begeistert an. Dann begann der erste Zuschauer mitzuhüpfen, sein Nachbar machte es ihm nach und innerhalb kürzester Zeit hüpfte das gesamte Publikum im Takt des Liedes, ihre Regenponchos knisterten dazu eine seltsame zweite Melodie.
Die Konzertbühne bebte und schwang, erste Erdbrocken fielen vom Rand abwärts, die Lebensgeister wandten schamhaft die Köpfe ab. Die Menge brüllte enthusiastisch auf und hüpfte stärker, der Leadsänger sang lauter, seine Band stampfte mit den Füßen und dann zerbrach die Bühne in zwei Teile und öffnete sich wie ein geheimer Tunnel in einem alten James Bond Film. Alles, alles sank leise und sanft ins Sommerloch hinab. Teile des Publikums sprangen hinterher und segelten wie Vögel an den Rändern des Lochs zu Boden.
Der Restaurantbetreiber seufzte schicksalsergeben, als er die vielen neuen Gäste auf sich zu fliegen sah, soviele Portionen Burger und Lochkäsevariationen hatte er nicht vorrätig, das würde eine Schlacht ums Essen geben, aber er war Küstenbewohner, er war schlimmeres gewohnt.
Die Möwen dagegen schrien enttäuscht auf, all ihre Popcornhoffnungen zerstoben, wie ein gutes Sommerloch es eben immer tut. Da war nichts zu machen. Zornig drehten sie ab und flogen über die Wasserläufer hinweg auf das offene Meer hinaus. Wenigstens das war verlässlich.
Genau wie die Wasserläufer, die immer noch stur ihre Bahnen über die Wellen zogen, hin und her und her und hin, und ihre Wanderstöcke platschten bei jedem ihrer Schritte leise auf.

Das war ein ausgeflippter Beitrag zum Etüdensommerpausenintermezzo 2021! Ich weiß auch nicht, was da in mich gefahren ist, ich habe einfach immer weiter aufgeschrieben, was mir einfiel, und das waren, äh, interessante Dinge. 😁
Vielen Dank an Christiane, die das alles organisiert und so schöne Worte aus dem Lostopf hat ziehen lassen. Hier gibt es Links zu mehr Texten von anderen Bloggern. Viel Freude daran!

Hasenfell

mit kühlen Fingern
streicht der Sommermorgen
über mein glühendes Herz
fährt sanft durchs Hasenfell
kämmt Weizenähren gegen den Strich
Sommersirenengesang
unwiderstehlich sommerig

Anfang

zum dritten Mal
denselben Weg gegangen
zarte Anfangsroutine
sommerfrisch

Wolkenkinder

über Weizenfeldern
im Himmelblau
spielen fusselige Wolkenkinder verstecken
rennen über den Horizont
kitzeln sich mit krausen Nebelfingern
schlafen müde sinkend ein
auf Sonnenblumenfeldern
im Abendrot

Der Dienstag dichtet!  
Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht.
Auch Wortgeflumselkritzelkram
Mutigerleben
WernerKastens
die Nachtwandlerin
Myriade
Gedankenweberei
Emma Escamilla
Wortverdreher
Lebensbetrunken
der BerlinAutor
Vienna BliaBlaBlub
Heidimarias kleine Welt
Red Skies over Paradies
Your mind is your only limit
Dein Poet
Geschichten mit Gott
Lindasxstories
Findevogel
und Traumspruch sind mit von der Partie.
Viel Freude bei allen Besuchen!

Ausrufezeichen

neben goldenen Feldern
vergessene Ausrufeähren
schöne Unperfektheit
Fingerzeige himmelwärts

keine Katze, nirgends

matt piepst die Meise
Wolken gähnen
schieben lustlos Regenschleier hin und her
keine Katze, nirgends
Stille in mir
der Sommer hat Schlafmangel
und wasserblau geränderte Augen

Der Dienstag dichtet!  
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Viel Freude bei allen Besuchen!

Fräulein Honigohr badet im Sommer

Fräulein Honigohr sitzt im Schneidersitz auf dem Rasen und streichelt abwesend über die Gänseblümchen, die sich ihrer Hand entgegenstrecken. Herr Brummeck liegt neben ihr, schwitzt leise vor sich hin und stöhnt ab und zu über die Hitze, dann ist er wieder still und hört ihr zu.
Sie recherchiert Möglichkeiten. „Wir könnten draußen übernachten“, sagt sie, „oder wir machen eine Mondwanderung! Stell dir vor, wie der Mond sich silbern auf dem Fluß spiegelt! Wäre das nicht herrlich? Oder wir kochen schwedisch und picknicken auf einer Waldlichtung! Vielleicht gibt es schon Walderdbeeren…“ Sie lächelt versonnen.
„Aber nur mit Picknickdecke“, sagt Herr Brummeck träge, „die Ameisen haben mich beim letzten Mal fast aufgefressen.“
„Nur, weil du dich auf sie drauf gesetzt hast. Das war reine Notwehr.“
„Hm“, macht Herr Brummeck und wischt sich eine Schweißperle von der Nase.
„Wir könnten einen Flohmarkt besuchen oder eine Wanne mit kaltem Wasser rausstellen und die Füße reinhalten und ein Eis essen. Oder wir bauen ein Floß und fahren den Fluß hinunter. Oder wir fahren ans Meer und gehen schwimmen!“ Fräulein Honigohr kann nicht anders, sie muss dauernd lächeln. Es ist Sommer!
„Schwimmen?“ Herr Brummeck richtet sich auf und wirft einen Blick auf den See. Er guckt Fräulein Honigohr an und grinst. Es sieht verwegen aus.
„Nein! Das machst du nicht! Lass das! Iiiiieeeck!“ Fräulein Honigohr kreischt, aber es hilft ihr nichts: Herr Brummeck hat sie über die Schulter geworfen wie einen Sandsack und läuft mit ihr auf den Steg zu. Im Laufen ruft er: „Wir könnten auch ins Wasser springen!“ Und dann springt er.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden, sehr kurz vor knapp, aber eher gings nicht, ich funktioniere nämlich ab 26° nicht mehr vollständig, und die letzte Woche lag da aber sowas von drüber! Herrje. Wo war ich? abc-Etüden. Dieses Mal kam die Wortspende von Ellen mit ihrem Blog nellindreams, einzufügen waren die Worte Picknickdecke, recherchieren und verwegen und organisiert wird das Ganze von Christiane – vielen lieben Dank dafür! Und jetzt geh ich ein Eis essen. 😊

Sommer

Wenn draußen das Bienengesumm wieder losgeht, ist der Sommer schon fast um die Ecke. Ich muß nur um eine Mauer herum gucken und da ist er, in kurzen Hosen und mit Grinsegesicht. Er winkt mir zu und ich weiß, jetzt kann ich das Fenster nachts ganz offenlassen und Sterne zählen.
Morgens wird der Rasen nass sein, und Blumen und Zäune werden glitzern im Morgentaumantel, der Wind wird mir durchs Haar streichen und die Sonne wird weißgelb aufgehen.
Und es wird Eiskaffeezeit sein! Mit Vanilleeis und Schokolade! Ich werde in jemandes Garten sitzen, und wir werden reden oder schweigen, die Amseln werden ihr Abendlied singen und die Blätter der Bäume werden rauschen. Und alles wird gut sein. Zumindest an diesem Abend.

Oink und der Sommer

Oink starrt hypnotisiert auf die Erdbeeren. „Wie können die denn nur so rot sein und so riechen?“ fragt er fasziniert.
„Pfoten weg!“ sage ich streng, „die sind für nachher.“
Oink schnuppert Erdbeerduft. „Nachher, nachher… was, wenn es kein Nachher mehr gibt?“
Ich versuche, weiter streng zu gucken, aber es ist schwierig.
„Und die gibt es nur im Sommer?“ fragt Oink und versucht, sich in einer Erdbeere zu spiegeln.
„Ja. Und im Frühling, wenn die Beete mit schwarzer Folie abgedeckt werden“, erläutere ich, aber Oink hört schon nicht mehr zu.
„Sommer… was ist das?“ fragt er.
„Oh!“ sage ich und überlege. „Sommer… das sind Erdbeeren und Wassermelonen, morgens vor dem Wecker von der Sonne geweckt werden, abends jede Menge fiese Mücken, vor allem, wenn man noch auf dem Balkon sitzen will, morgens mit kalten Füßen in Sandalen zur Arbeit gehen, den Bäumen beim Rauschen zuhören, im Regen schwimmen gehen, Sonnenbrand kriegen, obwohl das mittlerweile bei Todesstrafe verboten ist, in der Mittagspause auf Bänken sitzen und viel Fahrrad fahren.“ Ich mache eine Pause. „Mehr fällt mir gerade nicht ein.“
„Machen wir das auch alles?“ fragt Oink mit schiefgelegtem Kopf.
„Klar“, sage ich.
Oink strahlt, dann schielt er auf die Erdbeeren.
„Jaja“, sage ich, „nimm dir ruhig eine.“
„Eine ist keine!“ ruft Oink und angelt nach der dicksten Erdbeere, die er fassen kann.
Ich seufze. Mit meinen eigenen Waffen geschlagen. Ich sollte wirklich mehr darauf achten, was ich vor mich hin rede, wenn angeblich keiner zuhört.