Wellenbrink und Gnorm

Teil II

Herr Wellenbrink brauchte einen Moment, bis er sich orientiert hatte. Er lag auf dem alten Sofa im Wohnzimmer, die kaputte Sprungfeder bohrte sich unangenehm in seine Hüfte und der raue Stoff kratzte an seiner Wange. Ihm war kalt. Warum lag er auf dem Sofa und nicht in seinem schönen, warmen Bett? Und was waren das für absonderliche Geräusche? Vorsichtig öffnete er die Augen, dann erinnerte er sich. Gnorm! Er sah zum Sessel hinüber. Gnorm lag mit dem Rücken zu ihm auf dessen Sitzfläche, auf seinem kahlen Schädel spiegelte sich trüb das graue Licht der Dämmerung. Er schnarchte wie ein alter VW Käfer mit Getriebeschaden.
In Herrn Wellenbrinks Mundwinkeln erschien ein winziges Lächeln, das sehr schnell verschwand, als er versuchte, sich aufzurichten. Seine alten Knochen nahmen ihm die Übernachtung auf dem Sofa sehr übel. Es knackte und knarrte in seinen Gelenken und hatte verdächtige Ähnlichkeit mit den Geräuschen, die das Sofa machte, als er aufstand. Tja. Sie waren ja schließlich auch miteinander alt geworden.
Der VW Käfer mit Getriebeschaden war verstummt. Stattdessen war jetzt ein leises „Oh-oh-oh!“ zu hören. Herr Wellenbrink stieg in seine Cordpantoffeln. „Bleib liegen“, sagte er. „Das kommt davon, wenn man zuviel Schlehenlikör trinkt. Ich mach dir ein Katerfrühstück.“
Nun war auch das „Oh-oh-oh“ verstummt. Ein langes Ächzen erklang, dann drehte Gnorm sich um und blinzelte mit verschwommenem Blick zu Herrn Wellenbrink hoch. „Neiiiiiin!“ jammerte er und zog sich die Decke über den Kopf.
„Jammern nützt nichts. Es ist, wie es ist. Magst du Hering?“
„Nein!“ kam es dumpf unter der Decke hervor.
„Nicht? Schade. Dann hab ich nur noch Schweinskopfsülze. Mit Schwarzbrot?“
„Verdammte Beilhäcksel! Du hast mich gesehen!“
„Das kann man wohl sagen“, erwiderte Herr Wellenbrink mit Blick auf Gnorms Füße, die unter der Decke hervorguckten.
„Aber du darfst mich nicht sehen!“
„Das mag ja sein, aber dafür ist es etwas zu spät, oder?“
„Oh du liebe Elfengrütze! Was mach ich denn jetzt?“ jammerte Gnorm unter der Decke.
„Keine Ahnung. In Elfendingen kenne ich mich nicht aus. Ich schlage vor, wir frühstücken erst mal. Mit Kaffee sieht alles besser aus.“
„Kaffee?“ Die Decke senkte sich bis knapp unter Gnorms Augen.
„Filterkaffee. Schwarz?“
„Mit Milch. Und Zucker!“
„Gut, gut.“ Herr Wellenbrink wickelte sich in seinen Morgenmantel und schlurfte in die Küche. Zehn Minuten später duftete es nach frischem Kaffee, der Tisch war für zwei gedeckt, und in der Pfanne auf dem Herd brutzelten ein paar Spiegeleier. Während Herr Wellenbrink die Eier in der Pfanne hin und her schob, sah er aus dem Augenwinkel, wie Gnorm sich durch die Tür schob. „Willst du auf dem Stuhl sitzen?“
„Und wie bitte soll das gehen?“ Gnorm sah mit verschränkten Armen zu ihm auf.
Herr Wellenbrink zeigte wortlos auf den großen Topf, den er umgedreht auf den Stuhl gestellt hatte. Obendrauf lag ein Topflappen.
Gnorm schnaufte. „Hmpf.“
„Oder der Tisch.“ Herr Wellenbrink winkte einladend mit dem Pfannenwender in Richtung Tischplatte. „Willst du ein oder zwei Eier?“
Gnorm schnaufte erneut, dann kletterte er am Tischbein hinauf und hangelte sich auf den Tisch. „Zwei.“ Er sah sich kurz um und ließ sich dann neben einem der Teller nieder.
„Bitteschön. Kaffee kommt.“ Herr Wellenbrink verteilte die Eier, goß Kaffee ein, für sich schwarz, für Gnorm mit Milch und zwei Stück Zucker, dann setzte er sich.
„Noch eins.“ Gnorm sah ihn auffordernd an.
„Drei Stück Zucker? Ihr Wichtel habt wohl keine Diabetesprobleme, was?“
„Dia-was?“
„Ach, vergiß es. Guten Appetit.“
Sie aßen schweigend. Gnorm schüttete Unmengen Kaffee in sich hinein, und Herr Wellenbrink fragte sich, wo er das alles ließ. Rein anatomisch waren solche Mengen bei einem so kleinen Mann gar nicht möglich, aber anscheinend lagen die Dinge hier anders als er es gewohnt war. Schließlich waren alle Eier gegessen, der Kaffee ausgetrunken und auch die Schweinskopfsülze hatte erheblich abgenommen. Herr Wellenbrink lehnte sich zurück. „So“, sagte er, „jetzt zum Geschäftlichen. Was wolltest du eigentlich in meiner Wohnung?“
Gnorm lehnte sich an den Toaster und rülpste zart. „Kann ich nicht sagen. Geschäftsgeheimnis.“
„Aha. Aber du weisst schon, dass du gerade meinen Kaffee getrunken und in meinem Sessel geschlafen hast, oder?“
„Jaaa. Schon. Der Kaffee war auch ok. Obwohl du ganz schön geizig mit dem Zucker warst.“
Herr Wellenbrink atmete tief durch. Er versuchte es anders. „Wolltest du mich ausspionieren? Oder irgendwas stehlen?“
Gnorm sprang entrüstet auf. „Stehlen? Ich? Du spinnst wohl, was? Wichtel stehlen nicht! Nie! Vielleicht borgen sie sich ab und zu was, aber nur, wenn es nicht anders geht! Und sie bringen es zurück! Und was heißt ausspionieren? Wenn wir euch Weihnachtsignoranten irgendwie auf den Weg zurückbringen sollen, müssen wir doch wohl Bescheid wissen, oder?“ Er sah Herrn Wellenbrink wütend an und ließ die Arme sinken, als er dessen feines Lächeln sah. „Oh. Du bist gut. Nicht übel. Trotzdem ist es ein Geschäftsgeheimnis.“
„Jaja.“ Herr Wellenbrink winkte ab. „Behalt deine Geheimnisse. Lass uns über die Zukunft sprechen. Was machen wir jetzt?“
Gnorm zuckte mit den Achseln. „Keine Ahnung. Ich hab noch nie von einem Wichtel gehört, der bei einem Menschen übernachtet und mit ihm gefrühstückt hat.“
„Vermisst dich denn niemand?“
Gnorms Mundwinkel sanken herab. „Nein.“
„Oh.“ Herr Wellenbrink wartete einen Moment, dann sagte er: „Mich auch nicht.“ Sie sahen sich an, und etwas geschah in diesem Moment, hier, am Küchentisch. Herr Wellenbrink zögerte noch ein paar Sekunden, dann preschte er entschlossen vor. „Du hast doch bestimmt noch mehr, äh, Missionen, oder?“
Gnorm zuckte mit den Achseln. „Nein.“
„Nein?“
„Nein. Hab ich doch gestern schon gesagt. Du bist meine letzte Chance. Wenn es mit dir nicht klappt, werde ich in Rente geschickt.“
„Oh. Und… was bedeutet das?“
„Ich komme in den Innendienst.“ In Gnorms Gesicht zuckte es. Wie auch immer der Innendienst aussehen mochte, Gnorm fand den Gedanken daran sichtlich abstossend.
„Ok. Naja, ich meine, wir könnten ja versuchen, dich nicht scheitern zu lassen. Oder?“ Herr Wellenbrink bewegte sich auf unsicherem Boden, aber das nahm er in Kauf. Er hatte überhaupt keine Lust, wieder in sein altes, viel zu stilles Leben zurückzukehren. „Was hattest du denn vor? Soll ich Weihnachtskarten schreiben? Oder Kekse backen?“ Es schauderte ihn. Kekse backen! Ein grauenvoller Gedanke. Aber wenn es half, bitteschön. Dann würde er eben Kekse backen.
Gnorm verzog das Gesicht. „Das ist es ja. Es gab keinen Plan. Wir haben schon alles ausprobiert, und bei dir hat nichts gewirkt. Ich hatte nur den Auftrag, in deine Wohnung zu gehen und dann… zu sehen, was passiert. Ich meine, was ist das denn für ein Auftrag!“ Er redete sich in Rage. „Zu sehen, was passiert! Jetzt werden sie schön dumm aus der Wäsche gucken, die Sesselpupser, jetzt ist nämlich ´ne ganze Menge passiert, Sichtkontakt, Gesprächsaufnahme, Mahlzeitenteilung, herrje!“ Er ließ den Kopf sinken, und Herr Wellenbrink bekam Mitleid mit dem kleinen Mann.
„Nicht aufgeben! Wir finden schon eine Möglichkeit, du wirst sehen.“
„Echt?“
„Klar.“
Gnorm sah ihn an und Herr Wellenbrink war sich fast sicher, das Gnorm gerade versuchte zu lächeln, aber nicht wusste, wie das ging. Du liebe Güte. Er selber war ja auch nicht einfach, aber dieser Wichtel war wirklich ein harter Brocken. Das würde kein Zuckerschlecken werden.
„Wenn wir jetzt schon… zusammenarbeiten… oder sowas… kann ich dann noch Kaffee haben? Mit Zucker?“ Gnorm sah ihn erwartungsvoll an. Herr Wellenbrink nickte langsam. Er würde einkaufen gehen müssen. Vor seinem üblichen Einkaufstag. Der Zucker war auch fast alle. Den letzten hatte seine Frau gekauft. Wo bekam man eigentlich Zucker her?
Der Tag versprach interessant zu werden.

Josef

Ich bin Josef.
Ich bin Zimmermann.
Holz ist ein wunderbares Material, es ist lebendig und atmet, und wenn man sich auskennt, kann man es in jede nur mögliche Form bringen.
Meine Hände sind rauh und hart vom Hobeln und Schmirgeln, und auf meinen Haaren liegt oft eine Schicht Holzstaub.
Maria scheint das nicht zu stören. Auch nicht, dass ich älter bin als sie.
Maria.
Ich mag ihre Augen und ihr Haar, und die Art, wie sie mit ihren jüngeren Geschwistern spricht. Wir sind uns schon lange versprochen, und ich hatte immer Angst, ich wäre zu alt für sie.
Ich habe ein Kästchen aus Holz für sie gebaut, mit Scharnieren, damit sie den Deckel gut schließen kann. Feines Olivenholz habe ich dafür genommen und mir vorgestellt, wie ich es ihr überreiche.
Aber als sie mir von dem Kind erzählt hat, ängstlich, ja, aber auch so sicher, als ob es keine Zweifel an ihrer Geschichte geben könne, bin ich ohne ein Wort gegangen. Zuhause habe ich das Holzkästchen an die Wand geworfern, mit aller Kraft. Es ist zerbrochen. Ich habe die Teile zusammengefegt und bin schlafen gegangen.
Ich habe lange wach gelegen.
Dann kam der Traum.
Danach war alles anders.
Ich bin Zimmermann. Ich baue Häuser und Truhen. Ich bin kein Schriftgelehrter. Aber dieser Traum war klar und deutlich, und ich sehe ihn immer noch vor mir, sobald ich die Augen schließe.
Noch gestern hätte ich gesagt, so etwas passiert doch nicht, und schon gar nicht mir! Aber es ist passiert.
Morgen werde ich das Kästchen reparieren und es ihr bringen.
Und dann werden wir reden.

 

Wellenbrink und Gnorm



Teil I

Herr Wellenbrink wachte wie immer mitten in der Nacht auf, weil sein Körper dringend nach der Toilette verlangte. Innerlich seufzend schob er widerwillig die warme Decke zur Seite, setzte sich ächzend auf und angelte mit geschlossenen Augen nach seinen Pantoffeln. Das Licht ließ er aus, denn aus jahrelanger Erfahrung wusste er, dass das Wiedereinschlafen leichter sein würde, wenn er im Dunkeln ins Bad ging. Noch so ein Tribut, den das Älterwerden von einem forderte – die Jahre des seligen Durchschlafens waren wohl für immer vorbei, ganz zu schweigen vom früheren elastischen aus dem Bett springen. Heutzutage war er froh, wenn er ohne Bandscheibenschaden hoch kam.
Schlaftrunken schlurfte er zur Tür, öffnete sie und ging in den dunklen Flur. Früher, ja, da war alles anders gewesen. Da hätte ein kleines Nachtlicht im Flur gestanden, um ihm den Weg zu weisen. Aber seine Frau, Elsi, war nicht mehr da, und er hatte kein neues Licht aufgestellt, als das alte kaputt gegangen war.
Vorsichtig tastete er mit den Händen an der Wand entlang, gleich musste die Ecke nach rechts kommen, hinter der das Bad lag. Er stoppte. Was war das? Ein leises Schlurfen, ein Schleifen, das nicht hierher gehörte. Hier rührte sich normalerweise gar nichts, und nachts war es sowieso totenstill. Ohne das er es verhindern konnte, huschte ein grimmiges Lächeln über sein Gesicht. Totenstill, ja, so war das hier bei ihm. Da! Wieder ein Schleifen, als ob jemand etwas über den Boden zog. Einbrecher? Bei ihm? Jetzt bereute er es, kein Licht eingeschaltet zu haben. Hier hinten gab es keinen Schalter, der Flur war fensterlos und stockfinster. Vorsichtig machte er einen Schritt nach vorne und stieß mit dem Fuß in eine weiche Masse, die erstickt „Aua!“ schrie. Erschrocken riß Herr Wellenbrink den anderen Fuß nach vorne, traf ein zweites Mal die Masse, die dieses Mal „Aaarghh!“ brüllte, ruderte mit den Armen, riß dabei den Garderobenständer um und fiel mit Gepolter schmerzhaft gegen die Wand und dann zu Boden, während die Schals und Mäntel, die an der Garderobe gehangen hatten, sich sanft wie eine Decke über ihn ausbreiteten.
Herr Wellenbrink überlegte kurz, ob er jetzt tot war, aber die Schmerzen in Hüfte und Po sprachen deutlich dagegen. Umständlich versuchte er, sich von den Stoffmassen zu befreien und verwünschte abermals, das Licht nicht eingeschaltet zu haben. Da! Vor ihm bewegte sich etwas in dem Stoffhaufen, sein Mantel wurde ihm von den Knien gezogen, er konnte spüren, wie kühle Luft auf seine Beine traf. Erschrocken ruderte er mit den Füßen, traf noch einmal ins Schwarze und erntete eine ganze Salve von phantasievollen Flüchen.
„Herrgottsakrakruzifixverdammtnochmal! So ein blöder Kackmist! Hab ich´s nicht gesagt, Dunkelheit ist nie gut, aber nein, diese dämlichen Büroasseln wussten es ja wieder besser! Wo ist dieser vermaledeite Lichtstab, wenn man ihn braucht! Au! Tritt mich noch einmal, du grobschlächtiger Mensch, dann vergeß ich mich! Was ist das hier für ein stinkender Stoffberg? Das riecht ja schlimmer als in jedem rattenverseuchten Kanalloch! Dreimal verfluchte regenwurmhäutige Assel! Nimm das von mir runter!“
Herr Wellenbrink atmete tief durch. Was auch immer da gerade passierte, es war besser als sein sonstiges Leben, das sich so langweilig anfühlte wie ein Paar durchgelatschte graue Wollsocken. Vorsichtig tastete er mit beiden Händen in dem Berg herum und hob seinen uralten gelben Regenmantel und eine zerlöcherte Strickjacke hoch, die er längst hatte entsorgen wollen.
„Au! Pass doch auf, du Dämlack! Meine Nase! Mann, immer krieg ich die Alten, nur weil ich einmal, ein-mal was kaputt gemacht habe… ah, mein Leuchtstab!“ Das Gefluche verstummte und mattgelbes Licht flammte auf. Herr Wellenbrink staunte. Halb begraben unter seinem Regenmantel hockte ein dicker kleiner Mann mit Glatze und Blaumann. Er hielt einen Holzstab hoch, von dessen knorrigem Ende das gelbe Licht ausging. Jetzt richtete er sich auf, und Herr Wellenbrink staunte noch mehr. Das waren doch höchstens 40 cm! Was für Menschen waren denn so klein? Und was um alles in der Welt machte er hier bei ihm in der Wohnung?
„Was glotzt du denn so?“ Der kleine Mann stach mit dem Leuchtstab in seine Richtung. „Wohl noch nie einen Wichtel gesehen, was? Ist ja auch kein Wunder, so wie du seit Jahren Weihnachten mit Füßen trittst! Nikolaussinger? Drei-Königs-Tag? Advent? Alles Fremdworte für dich, was?“
Herr Wellenbrink schwankte zwischen Belustigung, Beschämung und Wut. Ja, gut, er hatte Weihnachten in den letzten Jahren etwas schleifen lassen, aber das war doch wohl ganz allein seine Sache, oder? Der kleine Mann sah im schwankenden Licht grotesk aus, wie eine zu groß geratene, seltsame Puppe. Er war zu dick, zu kahl und mit dem Blaumann sah er absolut nicht aus wie ein Wichtel. Die hatte er sich immer ganz anders vorgestellt. Viel … netter.
„Was machst du hier?“ fragte er den Wichtel. Eine dumme Frage, aber etwas besseres fiel ihm nicht ein.
„Gott, wieder diese langweiligen, dämlichen Fragen. Immer dasselbe. Das übliche halt. Dich besuchen, auf den richtigen Weg bringen, blablabla, das, was wir immer tun, zum Schluß Friede, Freude, Eierkuchen und alle sind glücklich. Wer´s braucht…“ Abschätzig wedelte der kleine Mann mit der freien Hand, während er mit der anderen unter dem Regenmantel herumwühlte.
„Mich? Auf den Weg bringen?“ Herr Wellenbrink lachte verwundert. „Wieso das denn?“
„Ja, was weiß ich, ich bin hier nur das letzte Glied in der Kette, der Trottel, der die ganze Drecksarbeit macht, während die Herren Elfen schön Kakao trinken und in der Hängematte liegen. Und du siehst ja, wohin das führt! In die Dunkelheit, zu blauen Flecken, getreten werden und unerquicklichen, unnützen Gesprächen mit dummen Menschen!“ Die letzten Worte stieß der kleine Mann mit großer Verbitterung hervor.
Herr Wellenbrink überlegte. Egal, ob er nun vielleicht doch träumte oder ob ihm das gerade tatsächlich passierte: Das war sein erstes, längeres Gespräch seit Tagen, es mochte sein, dass er Weihnachten in den letzten Jahren erfolgreich ignoriert hatte, aber er hatte bei Gott nicht die Absicht, sich diese Geschichte entgehen zu lassen. Er versuchte zu lächeln, seine Gesichtsmuskeln knarrten bei dieser unerwarteten Anstrengung, aber es gelang ihm halbwegs.
„Weißt du was? Lass uns aufstehen, wir gehen ins Wohnzimmer, trinken einen Likör und du erzählst mir in Ruhe, was du von mir willst.“ Er begann ächzend, sich hochzurappeln. Der kleine Mann seufzte matt, schob die Regenjacke mitsamt der Strickjacke zur Seite und hiefte sich einen schmutzigen Rucksack auf den Rücken, von dem allerlei seltsame Geräte herunterhingen. Herr Wellenbrink erkannte einen Dosenöffner, einen Korkenzieher und Haarklemmen, die anderen Geräte wirkten fremd auf ihn. Der Leuchtstab warf zuckendes Licht an Wände und Decke. Als er es endlich geschafft hatte und sicher auf seinen Beinen stand, starrte er noch einmal staunend auf den Zwerg im Blaumann hinunter, dann stapfte er entschlossen zum Lichtschalter, schaltete die große, trübe Flurleuchte ein und beleuchtete das Durcheinander, das er angerichtet hatte. Die Garderobe hatte nicht nur alle Kleidungsstücke fallengelassen, sondern auch gleich noch den Schirmständer und das Schuhregal mitgerissen. Ein Wunder, dass weder er noch der Zwerg sich schlimmer verletzt hatten. Vermutlich würden sie beide schlimme blaue Flecken bekommen, aber das war jetzt zweitrangig.
„Komm schon, hier geht´s ins Wohnzimmer“, sagte er, drehte sich um und ging voran, ohne zu warten, ob der Zwerg nachkommen würde. Er war sich sicher, dass er ihm folgen würde, ohne sagen zu können, woher er das wusste. Und richtig. Verdrossen vor sich hin murmelnd folgte ihm der Kleine ins Wohnzimmer, sah sich um und steuerte den bequemsten Sessel an – seinen Sessel. Großzügig beschloss Herr Wellenbrink, heute ausnahmsweise das Sofa zu nehmen. Während er zwei Gläser und den Schlehenlikör aus der Vitrine nahm, beobachtete er aus dem Augenwinkel, wie der Zwerg am Bein des Sessels gekonnt hochkletterte.
„Ja, was? Guck nicht so! Was meinst du denn, wie wir überall reinkommen – mit Glitzerstaub etwa? Nene, das ist harte Arbeit, und nie, nie! wird sie gewürdigt, weil ja immer alles geheim bleiben muss!“ Bei dem Wort „geheim“ machte er mit beiden Händen Wackelbewegungen, wohl um die Absurdität des Ganzen zu betonen. Herr Wellenbrink machte zustimmende Geräusche und reichte dem Zwerg ein randvolles Glas Likör. Der nahm es mit beiden Händen entgegen, setzte an und trank mit großen Schlucken, bis das Kristallglas leer war. Er schmatzte behaglich, rülpste heftig und hielt ihm das Glas erneut hin. „Nochmal vollmachen! Der ist gar nicht übel!“
Herr Wellenbrink atmete tief durch – sein guter Schlehenlikör hatte gut und gern an die 30% Alkoholgehalt, aber gut, von nichts kam nichts. Er schenkte nach, ließ die Flasche aber dieses Mal auf dem Rand des Glases liegen, bevor der kleine Mann erneut ansetzen konnte.
„Ich dachte, wir könnten uns ja mal vorstellen, nachdem wir uns auf so, äh, ungewöhnliche Weise kennengelernt haben. Mein Name ist Fritz Wellenbrink.“ Er stieß mit seinem Likörglas vorsichtig an das des kleinen Mannes, während er weiterhin den Flaschenhals darauf liegen ließ.
„Namen! Namen! Was interessieren mich Namen! Ihr seht für mich sowieso alle gleich aus! Und du, du bist sowieso ein hoffnungsloser Fall! Ach, egal, was solls. Gnorm.“
„Gnorm?“ fragte Herr Wellenbrink mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Ja was? Ist dir der etwa nicht gut genug? Gnorm! Gnorm! Wie der berühmte Höhlenkundschafter, der 1736 die größte je gefundene Echohöhle unterhalb der Pyrenäen entdeckt hat! Voll mit gläsernen Stalaktiten! Ach, was rede ich hier, Perlen vor die Säue…“ mit einer entschlossenen Handbewegung drückte Gnorm den Flaschenhals von seinem Glas weg und trank es das zweite Mal komplett leer. Herr Wellenbrink nickte nachdenklich, nippte an seinem Likör und schenkte Gnorm ein drittes Mal nach.
„Gnorm. Nein, das ist absolut in Ordnung. Also, Gnorm, was machst du hier in meiner Wohnung, mitten in der Nacht?“
Der Zwerg nahm kleine Schlucke aus seinem Glas, während er antwortete. „Tja, jetzt ist es wohl zu spät für Heimlichkeit und Unsichtbarkeit, was?“ Er starrte Herrn Wellenbrink aus kleinen grauen Augen an. Bei jedem Augenzwinkern verrutschten seine Pupillen ein wenig, so dass er aussah, als ob er schielen würde. Der Schlehenlikör tat seine Wirkung. „Ich sollte dich zurückholen. Weil du Weihnachten seit Jahren komplett ignorierst. Wir haben dir Sternsinger geschickt, dich Eintrittskarten für die Weihnachtsmatinee gewinnen lassen, deine Nachbarn haben Päckchen an deine Tür gehängt – nichts. Wir haben dein Radio manipuliert, damit es hauptsächlich Weihnachtslieder spielt, Kollegen von mir haben dir sogar nachts schöne Gedanken ins Ohr geblasen, alles umsonst. Du bist echt ´ne harte Nuß. Völlig retist-, reschis-, resistent!“ Er hickste laut. „Ich bin deine letzte Chance! Tjahaaa, deine leeeetzte Chance!“ Er hickste noch einmal.
Herr Wellenbrink nickte langsam. „Ok. Und warum hat man ausgerechnet dich zu mir geschickt?“
„Ach!“ Gnorm schloß die Augen und öffnete sie in Zeitlupe wieder. „Ich hab halt gepasst. Passt. Hum. Mir ist da vielleicht ein, zweimal ein kleines Mißgeschick passiert, bei Aufträgen, weisssst du… vielleicht hat mich das ein oder andere Kind gesehen… vielleicht ist das ein oder andere Mal was kaputt gegangen… obwohl ich niiiiichts dafür konnte!“ Tränen traten ihm in die Augen, weinerlich fuhr er fort: „Gaar nichtsss konnte ich dafür, über-haaaupt nix!“ Er nahm noch einen großen Schluck Likör. Das Glas war wieder leer. „Du bissst auch meine leeeetzte Chance, weisssdu?“ Er schwankte dramatisch, sah sich mit glasigen Augen verwundert um, fiel dann im Sessel zur Seite und fing sofort an, laut zu schnarchen. Dabei umklammerte er nach wie vor mit beiden Händen das leere Likörglas.
„Sowas hab ich mir schon gedacht“, murmelte Herr Wellenbrink leise, während er Gnorm betrachtete. „Vielleicht sind wir ja gegenseitig unsere letzte Chance.“ Dann stand er auf und nahm Gnorm vorsichtig das Glas aus den Händen. Er breitete seine Kamelhaardecke über ihm aus und stellte den kleinen Rucksack mit den wunderlichen Gegenständen ordentlich neben das Sesselbein, den Leuchtstab legte er neben ihm auf den Sessel.
Schon im Flur hatte er sich dazu entschlossen, diese neue Entwicklung nicht ungenutzt vorbeiziehen zu lassen. Jetzt würde er schnell ins Bad gehen und es sich dann auf dem Sofa gemütlich machen, damit sein neuer Bekannter am Morgen nicht einfach das Weite suchen konnte.
Während er in den Flur ging, ertappte Herr Wellenbrink sich dabei, dass er den Radetzkymarsch vor sich hin pfiff. Wenn das kein gutes Zeichen war, wusste er auch nicht weiter.

 

(Ja, ich weiß, das habe ich schon mal veröffentlicht, letztes Jahr im Dezember, um ganz genau zu sein. Aber: Mit Wellenbrink und Gnorm geht es jetzt weiter! Und da muss man Teil I leider noch mal lesen, sonst fehlt einem eine Menge Wissen. Und das geht ja gar nicht!)

Maria

Ich bin Maria.
Viele Menschen kennen mich.
Sie haben schon hunderte Male von mir gehört. Oder gelesen. Sie haben sich ein Bild von mir gemacht. Vielleicht sehen sie die Frau im wundervollen blauen Mantel. Oder sie sind ehrfürchtig. Oft bin ich ihnen fremd, obwohl ich doch jedes Jahr zumindest einmal wieder auftauche, in der Krippe.
Das ist in Ordnung. Der Text über mich im Buch ist kurz, es gibt viel Raum für Spekulationen und Überlegungen.
Ich wünsche mir manchmal trotzdem, ich könnte meine Version der Geschichte erzählen. Davon, dass ich wie alle anderen war, bevor der Engel kam. Ein ganz normales Mädchen.
Ich hatte Vorlieben, Feigen in Honig mochte ich. Die klebrige Süße der Feigen an einem heißen Nachmittag, dazu Tee. Wunderbar. Auf dem Markt gefiel es mir am besten, wenn es laut und voll war und die Händler feilschten, als ginge es um ihr Leben.
Den Esel unserer Nachbarn liebte ich, grauhaarig und struppig war er, und ich streichelte jedes Mal seine langen, weichen Ohren, wenn ich eingelegte Fische zur Nachbarin brachte.
Nach dem Essen war es meine Aufgabe, die Schüsseln zu spülen. Keine Tätigkeit, die ich gern tat. Ich versuchte oft, diese Aufgabe an meine jüngeren Geschwister weiterzugeben. Manchmal mit Erfolg, manchmal ohne.
Auf meine Haare war ich stolz und kämmte sie gern und lange. Ich freute mich darauf, zu heiraten, Mutter zu werden und meinen eigenen Haushalt zu führen. Josef war ein guter Mann, wir waren uns schon lange versprochen und ich war einverstanden mit ihm.
Dann kam der Engel.
Und alles änderte sich.
Ich war ein normales Mädchen, als meine Geschichte von Grund auf neu geschrieben wurde. Ich wurde nicht gefragt, ob ich einverstanden bin, mir wurde erzählt, was passieren würde und dann passierte es.
Manchmal frage ich mich, ob ich es anders hätte haben wollen.
Ich denke nicht.
Es war schwer, zu manchen Zeiten, aber ich bekam soviel anderes geschenkt, Geschenke, die mir lieb und teuer sind, bis heute.
Wichtig ist mir, dass die Menschen im Gedächtnis behalten, dass ich nicht anders war als sie. Daran sollen sie sich erinnern, wenn ich wieder im wundervollen blauen Mantel im Stall sitze, vor der Krippe, und meinen Sohn ansehe.
Gott schreibt Geschichte mit Menschen.
Alles ist möglich.
Jederzeit.

24. Advent

So. Nun ist es also soweit. Heute öffne ich das letzte Päckchen. Die letzten 23 Tage waren wirklich schön, ich habe mich über jedes einzelne gefreut! Heute Abend ist Heiligabend, und wenn der Tag nach all den vorherigen Verheißungen, dem Lichtgefunkel in Schaufenstern und Fußgängerzonen nicht so werden sollte, wie wir ihn uns vorgestellt haben – ist das wirklich so schlimm? Zählt nicht auch die Vorfreude an den Tagen zuvor? Und ein Bewusstsein dafür, wie schön es ist, ein bißchen Nettigkeit und Glanz bei anderen zu verbreiten? Weihnachten kommt aus einem Stall, in dem es bestimmt nicht gefunkelt hat und trotzdem ging aus ihm so viel Licht hervor.

Nun zum heutigen Päckchen! Ein besonders unvorhersehbar verpacktes, ich liebe das!

Und was war drin?

Karamellisierte Walnüsse? Oh, Granatapfelessig! Und ein Rezept mit dem Hinweis: Nach all dem süßen vielleicht mal einen Salat…

Wie schön ist das denn? Ich freue mich über diesen gelungenen Abschluss unseres Kalenders und wünsche allen Mitleserinnen und Mitlesern fröhliche Weihnachtstage, mindestens einen Gottesdienst mit den alten, wunderbaren Weihnachtsliedern und ein bißchen freie Zeit für all das, was man sich sonst nicht erlaubt… 🙂

 

Veränderungen

Aus weihnachtlichem Anlass: Ein Text, den ich vor zwei Jahren geschrieben habe, immer noch gültig.

Jedes Jahr kommt Weihnachten, egal, ob du das möchtest oder nicht. Es ist unausweichlich, du kannst ihm nicht aus dem Weg gehen. Selbst, wenn du beschließt, das Fest zu ignorieren und so zu tun, als ob du es gar nicht wahrnimmst, triffst du doch eine Entscheidung, die mit Weihnachten zu tun hat – und schon hast du dich mit ihm beschäftigt.
Im Laufe der Jahre verändert sich das Fest für alle, nicht nur für dich. Vom behüteten Kinderfest, an dem du nichts anderes zu tun hattest als dich auf die Geschenke zu freuen und als Schaf beim Krippenspiel möglichst wollig auszusehen, wechselst du nach und nach die Rollen. Du wirst zum Teenie und willst deine Freunde an Weihnachten sehen, dann bist du plötzlich Teil eines Paares, du wirst vielleicht Mama oder Papa, dann durchlebst du eine Trennung und gehst neue Wege. Die eigenen Eltern werden älter und eines Tages bist du selber alt und wirst wegen eines weißen Bartes von Kindern argwöhnisch beäugt (ist das der Weihnachtsmann, Mama?).
Während all dieser Veränderungen kann es passieren, dass dir der Weihnachtszauber abhanden kommt. Die Dinge, die du an Weihnachten früher geliebt hast, sind nicht mehr da. Das ist ok. Du darfst um diese wichtigen Dinge trauern. Es nützt auch gar nichts, wenn du sie unter einer dicken Schale versteckst und so tust, als ob alles in bester Ordnung sei. Dann könnten sie nämlich anfangen, unter der dicken Schale zu gären und im unpassensten Moment explodieren, über der gefüllten Gans und dem Rotkohl zum Beispiel.
Aber wenn es möglich ist, solltest du die Trauer nicht endlos andauern lassen. Veränderungen passieren. Jeder von uns wechselt die Rollen. In jeder neuen Rolle gibt es nicht nur Verluste, sondern immer auch neue Möglichkeiten. Du magst dieses Jahr keinen Baum? Dann lass ihn. Aber hol dir vom Markt Tannenzweige, schöne, weiche, biegsame, und häng ein paar von den alten Weihnachtskugeln daran auf. Du hast keine? Dann nimm Ausstechförmchen und Schokoladenschmuck – erinnere dich an Petterson und Findus. Stell Kerzen auf. Es müssen keine roten sein. Lies Gedichte. Oder etwas anderes. Maria und Josef hatten auch keine Adventskerzen oder Lebkuchen, es erklang kein „Driving Home for Christmas“ auf ihrem Weg, die Leute waren nicht freundlich zu ihnen und trotzdem wurde es Weihnachten. Wie bei dir. Das Kind im Stall hat dafür gesorgt. Und vielleicht ist es gar nicht das Schlechteste, wenn du anfängst, dir Fragen zu stellen, denen du sonst immer ausgewichen bist. Wer weiß – vielleicht ist das ja sogar ein Sinn von Weihnachten, neben all den anderen.
Und wenn du trotzdem mit Weihnachten absolut nichts zu tun haben willst dieses Jahr, hast du immerhin diesen Text bis fast zu Ende gelesen. Deswegen hier ein ganz spezieller Gruß, nur für dich: Frohe, nachdenkliche Weihnachten, vielleicht nur mit einer Kerze und einem Glas Wein. Der Weihnachtsfriede gilt – ganz besonders für dich.

schneemannekstase

Chancen

Heute gibt es meinen Text zum Writing Friday Special von Elizzy. Bis zum 24. Dezember wird jeden Tag eine neue Geschichte von einem Blogger veröffentlicht, am 25. Dezember bindet Elizzy den Sack zu. Vor mir war meintraumfreizusein dran, nach mir geht es  Bei der Kellerbande! weiter. Eine Übersicht über alle 24 Tage gibt es bei Elizzy. Und nun geht´s los!

Chancen

Herr Wellenbrink wachte wie immer mitten in der Nacht auf, weil sein Körper dringend nach der Toilette verlangte. Innerlich seufzend schob er widerwillig die warme Decke zur Seite, setzte sich ächzend auf und angelte mit geschlossenen Augen nach seinen Pantoffeln. Das Licht ließ er aus, denn aus jahrelanger Erfahrung wusste er, dass das Wiedereinschlafen leichter sein würde, wenn er im Dunkeln ins Bad ging. Noch so ein Tribut, den das Älterwerden von einem forderte – die Jahre des seligen Durchschlafens waren wohl für immer vorbei, ganz zu schweigen vom früheren elastischen aus dem Bett springen. Heutzutage war er froh, wenn er ohne Bandscheibenschaden hoch kam.
Schlaftrunken schlurfte er zur Tür, öffnete sie und ging in den dunklen Flur. Früher, ja, da war alles anders gewesen. Da hätte ein kleines Nachtlicht im Flur gestanden, um ihm den Weg zu weisen. Aber seine Frau, Elsi, war nicht mehr da, und er hatte kein neues Licht aufgestellt, als das alte kaputt gegangen war.
Vorsichtig tastete er mit den Händen an der Wand entlang, gleich musste die Ecke nach rechts kommen, hinter der das Bad lag. Er stoppte. Was war das? Ein leises Schlurfen, ein Schleifen, das nicht hierher gehörte. Hier rührte sich normalerweise gar nichts, und nachts war es sowieso totenstill. Ohne das er es verhindern konnte, huschte ein grimmiges Lächeln über sein Gesicht. Totenstill, ja, so war das hier bei ihm. Da! Wieder ein Schleifen, als ob jemand etwas über den Boden zog. Einbrecher? Bei ihm? Jetzt bereute er es, kein Licht eingeschaltet zu haben. Hier hinten gab es keinen Schalter, der Flur war fensterlos und stockfinster. Vorsichtig machte er einen Schritt nach vorne und stieß mit dem Fuß in eine weiche Masse, die erstickt „Aua!“ schrie. Erschrocken riß Herr Wellenbrink den anderen Fuß nach vorne, traf ein zweites Mal die Masse, die dieses Mal „Aaarghh!“ brüllte, ruderte mit den Armen, riß dabei den Garderobenständer um und fiel mit Gepolter schmerzhaft gegen die Wand und dann zu Boden., während die Schals und Mäntel, die an der Garderobe gehangen hatten, sich sanft wie eine Decke über ihn ausbreiteten.
Herr Wellenbrink überlegte kurz, ob er jetzt tot war, aber die Schmerzen in Hüfte und Po sprachen deutlich dagegen. Umständlich versuchte er, sich von den Stoffmassen zu befreien und verwünschte abermals, das Licht nicht eingeschaltet zu haben. Da! Vor ihm bewegte sich etwas in dem Stoffhaufen, sein Mantel wurde ihm von den Knien gezogen, er konnte spüren, wie kühle Luft auf seine Beine traf. Erschrocken ruderte er mit den Füßen, traf noch einmal ins Schwarze und erntete eine ganze Salve von phantasievollen Flüchen.
„Herrgottsakrakruzifixverdammtnochmal! So ein blöder Kackmist! Hab ich´s nicht gesagt, Dunkelheit ist nie gut, aber nein, diese dämlichen Büroasseln wussten es ja wieder besser! Wo ist dieser vermaledeite Lichtstab, wenn man ihn braucht! Au! Tritt mich noch einmal, du grobschlächtiger Mensch, dann vergeß ich mich! Was ist das hier für ein stinkender Stoffberg? Das riecht ja schlimmer als in jedem rattenverseuchten Kanalloch! Dreimal verfluchte regenwurmhäutige Assel! Nimm das von mir runter!“
Herr Wellenbrink atmete tief durch. Was auch immer da gerade passierte, es war besser als sein sonstiges Leben, das sich so langweilig anfühlte wie ein Paar durchgelatschte graue Wollsocken. Vorsichtig tastete er mit beiden Händen in dem Berg herum und hob seinen uralten gelben Regenmantel und eine zerlöcherte Strickjacke hoch, die er längst hatte entsorgen wollen.
„Au! Pass doch auf, du Dämlack! Meine Nase! Mann, immer krieg ich die Alten, nur weil ich einmal, ein-mal was kaputt gemacht habe… ah, mein Leuchtstab!“ Das Gefluche verstummte und mattgelbes Licht flammte auf. Herr Wellenbrink staunte. Halb begraben unter seinem Regenmantel hockte ein dicker kleiner Mann mit Glatze und Blaumann. Er hielt einen Holzstab hoch, von dessen knorrigem Ende das gelbe Licht ausging. Jetzt richtete er sich auf, und Herr Wellenbrink staunte noch mehr. Das waren doch höchstens 40 cm! Was für Menschen waren denn so klein? Und was um alles in der Welt machte er hier bei ihm in der Wohnung?
„Was glotzt du denn so?“ Der kleine Mann stach mit dem Leuchtstab in seine Richtung. „Wohl noch nie einen Wichtel gesehen, was? Ist ja auch kein Wunder, so wie du seit Jahren Weihnachten mit Füßen trittst! Nikolaussinger? Drei-Königs-Tag? Advent? Alles Fremdworte für dich, was?“
Herr Wellenbrink schwankte zwischen Belustigung, Beschämung und Wut. Ja, gut, er hatte Weihnachten in den letzten Jahren etwas schleifen lassen, aber das war doch wohl ganz allein seine Sache, oder? Der kleine Mann sah im schwankenden Licht grotesk aus, wie eine zu groß geratene, seltsame Puppe. Er war zu dick, zu kahl und mit dem Blaumann sah er absolut nicht aus wie ein Wichtel. Die hatte er sich immer ganz anders vorgestellt. Viel … netter.
„Was machst du hier?“ fragte er den Wichtel. Eine dumme Frage, aber etwas besseres fiel ihm nicht ein.
„Gott, wieder diese langweiligen, dämlichen Fragen. Immer dasselbe. Das übliche halt. Dich besuchen, auf den richtigen Weg bringen, blablabla, das, was wir immer tun, zum Schluß Friede, Freude, Eierkuchen und alle sind glücklich. Wer´s braucht…“ Abschätzig wedelte der kleine Mann mit der freien Hand, während er mit der anderen unter dem Regenmantel herumwühlte.
„Mich? Auf den Weg bringen?“ Herr Wellenbrink lachte verwundert. „Wieso das denn?“
„Ja, was weiß ich, ich bin hier nur das letzte Glied in der Kette, der Trottel, der die ganze Drecksarbeit macht, während die Herren Elfen schön Kakao trinken und in der Hängematte liegen. Und du siehst ja, wohin das führt! In die Dunkelheit, zu blauen Flecken, getreten werden und unerquicklichen, unnützen Gesprächen mit dummen Menschen!“ Die letzten Worte stieß der kleine Mann mit großer Verbitterung hervor.
Herr Wellenbrink überlegte. Egal, ob er nun vielleicht doch träumte oder ob ihm das gerade tatsächlich passierte: Das war sein erstes, längeres Gespräch seit Tagen, es mochte sein, dass er Weihnachten in den letzten Jahren erfolgreich ignoriert hatte, aber er hatte bei Gott nicht die Absicht, sich diese Geschichte entgehen zu lassen. Er versuchte zu lächeln, seine Gesichtsmuskeln knarrten bei dieser unerwarteten Anstrengung, aber es gelang ihm halbwegs.
„Weißt du was? Lass uns aufstehen, wir gehen ins Wohnzimmer, trinken einen Likör und du erzählst mir in Ruhe, was du von mir willst.“ Er begann ächzend, sich hochzurappeln. Der kleine Mann seufzte matt, schob die Regenjacke mitsamt der Strickjacke zur Seite und hiefte sich einen schmutzigen Rucksack auf den Rücken, von dem allerlei seltsame Geräte herunterhingen. Herr Wellenbrink erkannte einen Dosenöffner, einen Korkenzieher und Haarklemmen, die anderen Geräte wirkten fremd auf ihn. Der Leuchtstab warf zuckendes Licht an Wände und Decke. Als er es endlich geschafft hatte und sicher auf seinen Beinen stand, starrte er noch einmal staunend auf den Zwerg im Blaumann hinunter, dann stapfte er entschlossen zum Lichtschalter, schaltete die große, trübe Flurleuchte ein und beleuchtete das Durcheinander, das er angerichtet hatte. Die Garderobe hatte nicht nur alle Kleidungsstücke fallengelassen, sondern auch gleich noch den Schirmständer und das Schuhregal mitgerissen. Ein Wunder, dass weder er noch der Zwerg sich schlimmer verletzt hatten. Vermutlich würden sie beide schlimme blaue Flecken bekommen, aber das war jetzt zweitrangig.
„Komm schon, hier geht´s ins Wohnzimmer“, sagte er, drehte sich um und ging voran, ohne zu warten, ob der Zwerg nachkommen würde. Er war sich sicher, dass er ihm folgen würde, ohne sagen zu können, woher er das wusste. Und richtig. Verdrossen vor sich hin murmelnd folgte ihm der Kleine ins Wohnzimmer, sah sich um und steuerte den bequemsten Sessel an – seinen Sessel. Großzügig beschloss Herr Wellenbrink, heute ausnahmsweise das Sofa zu nehmen. Während er zwei Gläser und den Schlehenlikör aus der Vitrine nahm, beobachtete er aus dem Augenwinkel, wie der Zwerg am Bein des Sessels gekonnt hochkletterte.
„Ja, was? Guck nicht so! Was meinst du denn, wie wir überall reinkommen – mit Glitzerstaub etwa? Nene, das ist harte Arbeit, und nie, nie! wird sie gewürdigt, weil ja immer alles geheim bleiben muss!“ Bei dem Wort „geheim“ machte er mit beiden Händen Wackelbewegungen, wohl um die Absurdität des Ganzen zu betonen. Herr Wellenbrink machte zustimmende Geräusche und reichte dem Zwerg ein randvolles Glas Likör. Der nahm es mit beiden Händen entgegen, setzte an und trank mit großen Schlucken, bis das Kristallglas leer war. Er schmatzte behaglich, rülpste heftig und hielt ihm das Glas erneut hin. „Nochmal vollmachen! Der ist gar nicht übel!“
Herr Wellenbrink atmete tief durch – sein guter Schlehenlikör hatte gut und gern an die 30% Alkoholgehalt, aber gut, von nichts kam nichts. Er schenkte nach, ließ die Flasche aber dieses Mal auf dem Rand des Glases liegen, bevor der kleine Mann erneut ansetzen konnte.
„Ich dachte, wir könnten uns ja mal vorstellen, nachdem wir uns auf so, äh, ungewöhnliche Weise kennengelernt haben. Mein Name ist Fritz Wellenbrink.“ Er stieß mit seinem Likörglas vorsichtig an das des kleinen Mannes, während er weiterhin den Flaschenhals darauf liegen ließ.
„Namen! Namen! Was interessieren mich Namen! Ihr seht für mich sowieso alle gleich aus! Und du, du bist sowieso ein hoffnungsloser Fall! Ach, egal, was solls. Gnorm.“
„Gnorm?“ fragte Herr Wellenbrink mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Ja was? Ist dir der etwa nicht gut genug? Gnorm! Gnorm! Wie der berühmte Höhlenkundschafter, der 1736 die größte je gefundene Echohöhle unterhalb der Pyrenäen entdeckt hat! Voll mit gläsernen Stalaktiten! Ach, was rede ich hier, Perlen vor die Säue…“ mit einer entschlossenen Handbewegung drückte Gnorm den Flaschenhals von seinem Glas weg und trank es das zweite Mal komplett leer. Herr Wellenbrink nickte nachdenklich, nippte an seinem Likör und schenkte Gnorm ein drittes Mal nach.
„Gnorm. Nein, das ist absolut in Ordnung. Also, Gnorm, was machst du hier in meiner Wohnung, mitten in der Nacht?“
Der Zwerg nahm kleine Schlucke aus seinem Glas, während er antwortete. „Tja, jetzt ist es wohl zu spät für Heimlichkeit und Unsichtbarkeit, was?“ Er starrte Herrn Wellenbrink aus kleinen grauen Augen an. Bei jedem Augenzwinkern verrutschten seine Pupillen ein wenig, so dass er aussah, als ob er schielen würde. Der Schlehenlikör tat seine Wirkung. „Ich sollte dich zurückholen. Weil du Weihnachten seit Jahren komplett ignorierst. Wir haben dir Sternsinger geschickt, dich Eintrittskarten für die Weihnachtsmatinee gewinnen lassen, deine Nachbarn haben Päckchen an deine Tür gehängt – nichts. Wir haben dein Radio manipuliert, damit es hauptsächlich Weihnachtslieder spielt, Kollegen von mir haben dir sogar nachts schöne Gedanken ins Ohr geblasen, alles umsonst. Du bist echt ´ne harte Nuß. Völlig retist-, reschis-, resistent!“ Er hickste laut. „Ich bin deine letzte Chance! Tjahaaa, deine leeeetzte Chance!“ Er hickste noch einmal.
Herr Wellenbrink nickte langsam. „Ok. Und warum hat man ausgerechnet dich zu mir geschickt?“
„Ach!“ Gnorm schloß die Augen und öffnete sie in Zeitlupe wieder. „Ich hab halt gepasst. Passt. Hum. Mir ist da vielleicht ein, zweimal ein kleines Mißgeschick passiert, bei Aufträgen, weisssst du… vielleicht hat mich das ein oder andere Kind gesehen… vielleicht ist das ein oder andere Mal was kaputt gegangen… obwohl ich niiiiichts dafür konnte!“ Tränen traten ihm in die Augen, weinerlich fuhr er fort: „Gaar nichtsss konnte ich dafür, über-haaaupt nix!“ Er nahm noch einen großen Schluck Likör. Das Glas war wieder leer. „Du bissst auch meine leeeetzte Chance, weisssdu?“ Er schwankte dramatisch, sah sich mit glasigen Augen verwundert um, fiel dann im Sessel zur Seite und fing sofort an, laut zu schnarchen. Dabei umklammerte er nach wie vor mit beiden Händen das leere Likörglas.
„Sowas hab ich mir schon gedacht“, murmelte Herr Wellenbrink leise, während er Gnorm betrachtete. „Vielleicht sind wir ja gegenseitig unsere letzte Chance.“ Dann stand er auf und nahm Gnorm vorsichtig das Glas aus den Händen. Er breitete seine Kamelhaardecke über ihm aus und stellte den kleinen Rucksack mit den wunderlichen Gegenständen ordentlich neben das Sesselbein, den Leuchtstab legte er neben ihm auf den Sessel.
Schon im Flur hatte er sich dazu entschlossen, diese neue Entwicklung nicht ungenutzt vorbeiziehen zu lassen. Jetzt würde er schnell ins Bad gehen und es sich dann auf dem Sofa gemütlich machen, damit sein neuer Bekannter am Morgen nicht einfach das Weite suchen konnte.
Während er in den Flur ging, ertappte Herr Wellenbrink sich dabei, dass er den Radetzkymarsch vor sich hin pfiff. Wenn das kein gutes Zeichen war, wusste er auch nicht weiter.

Und hier geht es morgen mit Türchen Nr. 16 weiter: Bei der Kellerbande!