Wellenbrink und Gnorm


Teil V

Und dann kam es, wie es immer kam: Es ging zu Ende. Herr Wellenbrink und Gnorm hatten versucht, Kekse zu backen, und beim dritten Versuch waren sie sogar essbar und nicht ganz so schlimm verbrannt gewesen. Gnorm hatte trotz Herrn Wellenbrinks Protesten im Treppenhaus kleine goldene Sterne verstreut und durch die verschlossene Haustür verwundert den Schimpftiraden der Reinemachefrau gelauscht („mag sie denn keine Sterne?“ hatte er ihn verständnislos gefragt). Herr Wellenbrink hatte drei Auftritte mit seinem neuen Chor gehabt, war vorher nur fast an Lampenfieber gestorben und hinterher mit den Chorleuten essen gewesen. Als absolute Krönung war er gefragt worden, ob er nicht auch nach Weihnachten wieder zu den Proben kommen wollte. Er hatte das noch nicht endgültig entschieden, aber die Chancen standen gut. Seine Schlehenlikörvorräte waren alle.
Und dann sagte Gnorm eines Abends, dass er sich wieder auf den Weg machen müsse. „Ich bin schon viel zu lange bei dir“. Es klang fast entschuldigend.
Herr Wellenbrink musste sich setzen. Er nickte langsam.
Gnorm nahm einen Schluck heißes Bier. „Wir haben ja noch mehr Menschen, um die wir uns kümmern müssen, weisst du.“
Herr Wellenbrink nickte wieder stumm.
„Eigentlich war ich ja überhaupt nicht eingeteilt bei dir. Das war nur, weil mir vorher so ein kleines Mißgeschick passiert ist… da haben sie mich zu dir geschickt.“ Gnorm spielte mit seinem Bier-Eierbecher und sah angestrengt hinein, als ob am Grund etwas ganz und gar Außerordentliches zu finden wäre. „Und das war wirklich gut. Bei dir, meine ich. Hier.“
Herr Wellenbrink räusperte sich. „Fand ich auch. Das du hier bist. Warst.“
Sie sahen sich an. Zwei Atemzüge lang hing funkelnde Stille zwischen ihnen, dann war alles gesagt, was gesagt werden musste.
„Ja, dann…“, Herr Wellenbrink setzte sich aufrecht hin, „wann musst du denn gehen?“
„Ich glaube, heute nach dem Abendbrot wäre ein guter Zeitpunkt. Der Mond ist schön rund heute, da geht alles leichter.“
„Oh. Gut. Dann… dann sollten wir wohl Abendbrot essen, oder?“
Gnorm nickte. Herr Wellenbrink machte sich an die Arbeit. Er holte den guten Frühstücksspeck heraus und die Bioeier, die er erst kaufte, seit Gnorm ihn entrüstet gefragt hatte, ob er denn Hühner nicht leiden könne? Doch? Und warum er dann die Eier von den armen Gefängnishühnern kaufen würde? Dazu setzte er den guten Kaffee auf und stellte die Schale mit Würfelzucker auf den Tisch. Wer würde den restlichen Zucker essen, wenn Gnorm nicht mehr da war? Vielleicht würde er ihn mitnehmen wollen? Herr Wellenbrink schüttelte den Kopf, um diese Gedanken loszuwerden. Es half ja alles nichts. Von Anfang an war ihm klar gewesen, dass Gnorm nicht bleiben würde. Er war ein Wichtel, um Himmelswillen! Die wohnten nun mal nicht bei alten Männern, sondern… woanders. Auf jeden Fall nicht hier, bei ihm. Aber er hatte das ganz erfolgreich verdrängt in den letzten Tagen.
Beim Essen gaben sie sich beide Mühe, so zu tun, als ob alles wie immer wäre, aber es gelang ihnen nicht wirklich gut. Immer wieder kehrte Schweigen ein. Geschwiegen hatten sie sonst auch, aber es war eine andere Art Schweigen gewesen. Jetzt hing der drohende Abschied dazwischen und färbte es grau ein.
Mit einem tiefen Seufzer lehnte Gnorm sich zurück, als er fertig war. Herr Wellenbrink legte Messer und Gabel auf seinen Teller und sah Gnorm an. „Komm. Es nützt ja nichts. Lass es uns hinter uns bringen.“
Gnorm seufzte noch einmal, dann rutschte er vom Tisch und verschwand im Flur, um seinen Rucksack zu holen. Herr Wellenbrink schüttete den Zucker in eine Tüte und band sie zu. Dann ging er in den Flur. „Hier“, sagte er und streckte Gnorm die Tüte hin.
„Nein, danke, wir dürfen nichts mitnehmen. Trotzdem danke. An deinen Kaffee werde ich mich gern erinnern. Und an das heiße Bier auch.“
„Ich mich an dich auch.“ Unbeholfen schüttelten sie sich die Hände, dann ging Herr Wellenbrink zur Haustür und öffnete sie.
„Neiiiiiin!“ rief Gnorm. „Ich bin ein Wichtel, zum grünstichigen Polarleuchten nochmal! Wir gehen doch nicht durch Türen!“ Er flitzte ins Schlafzimmer und kletterte auf das Fensterbrett. „Los! Mach auf!“
Herr Wellenbrink ging dem Wichtel hinterher und lächelte jetzt doch, dann öffnete er das Fenster. Gnorm hüpfte in den Blumenkasten zwischen die vertrockneten Geranien und drehte sich noch einmal um. „Vielleicht ja bis zum nächsten Jahr?“ flüsterte er, dann sprang er über den Rand des Blumenkastens. Herr Wellenbrink sah erschrocken hinterher, dann beugte er sich nach draußen. Da! An der Regenrinne bewegte sich etwas kleines, dunkles blitzschnell nach unten, kam auf dem Bürgersteig auf und verschwand mit spiegelnder Glatze hinter der nächsten Straßenecke. Herr Wellenbrink atmete tief durch und schloss das Fenster. Eine Weile stand er noch da und sah nach draußen, dann ging er langsam in die Küche zurück. Auf dem Tisch lag die Zuckertüte neben einem Schälchen goldender Sterne, die er vor der Reinemachefrau gerettet hatte. Das Geschirr stand noch auf dem Tisch, in der Luft hing der Geruch nach gebratenem Frühstücksspeck. Herr Wellenbrink drehte sich auf dem Absatz um, nahm seine Jacke vom Haken und schlüpfte in seine Straßenschuhe. Er würde einen Spaziergang machen. Sich ein bisschen durchlüften. Vielleicht würde er sich danach besser fühlen.

Als er eine Stunde später zurückkehrte, fühlte er sich tatsächlich besser. Frische Luft half doch immer. Er würde aufräumen und sich danach einen Film im Fernsehen anschalten, das hatte er vor Gnorm ja auch immer gemacht. Und es nützte ja wirklich nichts, was half es, wenn er sich anstellte wie ein Teenager nach dem Verlust der ersten, großen Liebe. Er schloss die Tür auf, betrat seine Wohnung und zog den Mantel aus. Es roch immer noch nach Frühstücksspeck. Entschlossen betrat er die Küche, und da saß Gnorm am Tisch und grinste ihn an. Herrn Wellenbrink fiel der Schal aus der Hand. „Was… was machst du hier?“ fragte er.
„Du hast aber lange gebraucht, ich bin schon seit einer Ewigkeit wieder da!“
„Egal! Was machst du hier?“
„Ach, weisst du, als ich so gelaufen bin, dachte ich mir, ist doch eigentlich seltsam, dass mich niemand abgeholt hat. Ich meine, wenn ich sonst zu lange gebraucht habe, ist immer jemand gekommen, um mir ein bisschen Feuer unterm Hintern zu machen. Dieses Mal aber nicht. Was, wenn ich hier einfach noch nicht fertig bin? Dann würde ich mich ja unerlaubt vom Einsatz entfernen! Das wäre ein Verstoß gegen die Regeln! Und ich würde doch nie gegen die Regeln verstoßen!“ Jetzt grinste Gnorm von einem Ohr zum anderen. Herr Wellenbrink starrte ihn immer noch an, als ob er nicht echt wäre. Gnorm hörte auf zu grinsen. „Aber wenn du möchtest, dass ich wieder gehe, tue ich das natürlich.“
„Nein!“ rief Herr Wellenbrink. „Du kannst bleiben, solange du möchtest!“
„Echt?“
„Klar!“ Herr Wellenbrink ließ sich auf seinen Stuhl fallen. Er guckte Gnorm an.
„Was? Hab ich plötzlich blaue Haare, oder was?“ Gnorm grinste.
„Nein. Ich hab bloß überlegt, ob deine Nase immer schon so knubbelig war.“ Herr Wellenbrink fühlte sich warm und glücklich und voller Tatendrang.
„Na klar ist sie das, wir haben schließlich schöne Nasen im Gegensatz zu euren nackten Sprungschanzen! Was meinst du: Kann ich noch Kaffee haben? Mit Zucker?“
„Aber selbstverständlich“, sagte Herr Wellenbrink.

Wellenbrink & Gnorm Teil I
Wellenbrink & Gnorm Teil II
Wellenbrink & Gnorm Teil III
Wellenbrink & Gnorm Teil IV

Wellenbrink und Gnorm


Teil IV

Herr Wellenbrink schwitzte, aber nicht weil ihm zu warm war, sondern weil er vor lauter Lampenfieber kaum atmen konnte. Warum um alles in der Welt hatte er sich zu diesem Wahnsinn überreden lassen? Dabei hatte alles so harmlos angefangen. Nach ihrem nächtlichen Ausflug auf den Marktplatz waren sie nach Haus gegangen, hatten noch ein oder zwei Schlehenliköre getrunken um sich zu beruhigen und waren dann wie zwei nasse Mehlsäcke ins Bett gefallen. Am nächsten Morgen hatte er sich eine ausgiebige Dusche gegönnt. Als er aus dem Bad kam, saß Gnorm an der Wand gegenüber und starrte ihn nachdenklich an.
„Was machst du hier?“ fragte Herr Wellenbrink. Gnorm sah besorgniserregend zufrieden aus.
„Du kannst ganz gut singen, was?“
Herr Wellenbrink kniff die Augen zusammen. „Wieso?“
„Nur so. Was hast du da eben gesungen? Ich hab etwas mit roter Sonne und bleichem Mond und einer Marie verstanden.“
„Das waren die Capri-Fischer“, antwortete Herr Wellenbrink nicht ohne Stolz. Er sang immer unter der Dusche, und die rote Sonne, die im Meer versank, war eines seiner Lieblingslieder, besonders, wenn er sich den Rücken mit seiner Massagebürste einseifte.
„Aha. Wie sieht es denn mit Weihnachtsliedern aus?“
„Wieso Weihnachtslieder?“
„Na, kannst du welche auswendig?“
„Ich kann jede Menge auswendig. Ich war immer ein guter Auswendiglerner.“
„Auch Oh du fröhliche?“
Spätestens jetzt hätte er misstrauisch werden sollen. Aber er hatte einfach: „Ja, natürlich“, geantwortet und damit war sein Schicksal besiegelt gewesen. Als Gnorm herausgefunden hatte, dass Herr Wellenbrink nicht nur Oh du fröhliche, sondern auch zahlreiche andere Weihnachtslieder im Kopf hatte, beschloss er, dass sie zweistimmige Lieder auf der Straße singen würden. Dabei würde Herr Wellenbrink der sichtbare Teil ihres Duos sein, und er, Gnorm, der unsichtbare in einem Rucksack auf Herrn Wellenbrinks Rücken. Zweck des Ganzen war, Herrn Wellenbrink endlich wieder in die weihnachtliche Spur zu bringen.
Selbstverständlich lehnte Herr Wellenbrink dieses völlig absurde Vorhaben kategorisch ab, er würde sich doch nicht auf die Straße stellen und Lieder singen, wo kämen sie denn da hin, niemals würde er sich dermaßen lächerlich machen, was Gnorm denn einfiele! Aber er hatte nicht mit der Beharrlichkeit des Wichtels gerechnet, und nachdem sie tagelang (zumindest kam es ihm so vor) gestritten hatten, knickte er schließlich ein.
Gnorm strahlte triumphierend. Er wühlte in seinem speckigen Rucksack herum und zog von ganz unten eine Blechtröte hervor. „Hier! Ich wusste doch, dass sie irgendwo da drin war!“
Herr Wellenbrink seufzte. „Herrje. Soll ich jetzt auch noch auf dem Ding spielen, während ich singe?“
„Nein, nein, die werde ich spielen!“ Gnorm rieb mit seinem Ärmel an der Tröte herum. „Die hab ich schon lange nicht mehr rausgeholt, hoffentlich funktioniert sie noch.“
Herr Wellenbrink war nicht überzeugt. „Das alte Ding? Die sieht älter aus als ich.“
„Oh, das ist sie auch. Pass mal auf.“ Er hielt sich die Tröte nicht an den Mund, sondern an den Hals, machte den Mund auf und sang in tiefem Bass die Unterstimme zu Oh du fröhliche. Aus der Tröte kamen Mundharmonikaklänge, ein bisschen Rythmus und ab und an klingelte eine Triangel. Gnorm war sein eigenes Miniorchester. Herr Wellenbrink starrte ihn an.
„Toll, was? Hab ich schon ewig nicht mehr benutzt. Sehr praktisch, wenn man Musik braucht und kein Engel in der Gegend ist. Obwohl ja heutzutage immer und überall Musik ist, auch, wenn man sie gerade nicht haben will.“ Er seufzte, dann hellte seine Miene sich auf. „Aber jetzt singen wir ja!“
Herr Wellenbrink sah auf die Tröte, dann auf den Wichtel. „Was hast du eigentlich noch alles in diesem Rucksack?“
„Och, so dies und das. Los jetzt, lass uns üben!“
Sie übten, bis die Weihnachtslieder Herrn Wellenbrink zu den Ohren heraus kamen, und dann kam der Tag des Auftritts. Herr Wellenbrink stand wieder auf dem Marktplatz, dieses Mal bei Tageslicht, und versuchte, sein bodenloses Lampenfieber in den Griff zu bekommen. Gnorm flüsterte ihm aus dem Rucksack aufmunternde Worte zu, aber die halfen ihm überhaupt nicht. Seine Knie zitterten, der Schweiß stand ihm auf der Stirn, er brachte keinen einzigen Ton hervor und das einzige, woran er denken konnte, war, wie klein und verlassen und vor allem wie allein er da stand, während eilige Passanten an ihm vorbeiliefen. Die große, neue Weihnachtstanne stand ihm genau gegenüber, ohne seinen goldenen Stern auf der Spitze, und auch das half ihm nicht im geringsten.
„Los, jetzt mach endlich! Sing was!“ Gnorms Flüstern klang aufgebracht.
„Ich kann nicht!“
„Doch, du kannst! Wir haben das doch geprobt!
„Ja, aber alleine und ohne Publikum! Ich kann nicht!“
„Wenn du nicht anfängst, fange ich an!“
„Nein!“
„Ooooh, du frööhliche-he-hee, oooh, du frööhliche-he-hee…“ Gnorm sang die Bassstimme, und seine Tröte lieferte die Begleitmusik dazu. Eine junge Frau wandte interessiert den Kopf, um herauszufinden, wo die plötzliche Musik herkam. Herr Wellenbrink presste ein paar Töne aus seiner zittrigen Kehle. Sie klangen wie rostige Türangeln und passten überhaupt nicht zu Gnorms Bass. Zwei Passanten lächelten, mitleidig, wie es Herrn Wellenbrink vorkam. Er verstummte und versuchte es noch einmal. Nichts. Da kam gar nichts. Seine Stimme war verschwunden. Herr Wellenbrink ergriff zum zweiten Mal in dieser Woche die Flucht, während die Tröte im Rucksack verstummte. An ihre Stelle traten leise, aber phantasievolle Flüche.
Zuhause angekommen setzte er den Rucksack ab, öffnete ihn und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Er fühlte sich, als wäre er einen Marathon gelaufen. Gnorm sah aus dem Rucksack zu ihm hoch. „Tja. Das ist aber jawohl sowas von in die Grütze gegangen. Du hast eindeutig mehr Lampenfieber, als ich dachte.“
„Tut mir leid“, flüsterte Herr Wellenbrink. Wie durch ein Wunder war seine Stimme wieder da gewesen, als er den Marktplatz hinter sich gelassen hatte.
„Ach, so ein gequirlter Schwachsinn. Mir tut es leid. Ich hätte dich ernst nehmen sollen. Ich bin ´ne totale Rampensau, weisst du? Mir kann es gar nicht genug Publikum sein, je mehr, desto besser bin ich…“ Gnorm lächelte, als ob er sich an etwas Schönes erinnern würde. „Ich kann einfach nicht nachvollziehen, dass das bei jemand anderem anders sein könnte. Mein Hirn ist zu klein für sowas.“
Herr Wellenbrink ächzte leise. Die Schmach saß ihm tief in den Knochen. „Ich bin früher auch mal aufgetreten, weisst du? Aber da war ich nicht alleine!“
„Wo bist du denn aufgetreten?“ Gnorm klang schon wieder viel zu interessiert.
„Nein, nein, nein! Vergiß es! Lass es einfach gut sein, ok?“
„Ja, gut, ich sag ja schon nichts mehr. Komm, lass uns ein heißes Bier trinken, dann sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.“ Heißes Bier hatte sich zu Gnorms Lieblingsgetränk entwickelt.
„Kannst du gerne machen. Ich brauch noch einen Moment.“ Herr Wellenbrink wischte sich mit den Händen übers Gesicht und durchlebte noch einmal die alptraumhafte letzte halbe Stunde, als es an der Tür klingelte. Er hob den Kopf. Wer konnte das sein? Er erwartete niemanden. Mit immer noch wackligen Beinen stand er auf und öffnete. Draußen stand seine Nachbarin von gegenüber. „Ja?“ fragte Herr Wellenbrink.
„Hallo. Äh… also mir ist das jetzt ein bißchen peinlich, aber ich habe Sie in den letzten Tagen ziemlich laut gehört, und…“
„Kommt nicht wieder vor. Bitte entschuldigen Sie.“
„Nein, nein, so meine ich das nicht. Ich wollte sagen, ich habe Sie gehört, und es hat mir gefallen. Ich singe in einem kleinen Chor, und uns ist der Tenor ausgefallen, und ich wollte fragen, ob Sie vielleicht Interesse hätten?“ Die Frau verstummte und sah Herrn Wellenbrink nervös an. „Ich möchte mich nicht aufdrängen, aber wir haben morgen einen Auftritt, und wir brauchen eine Männerstimme, Sie können alle Lieder und Sie singen gut, und Zeit haben Sie doch auch, oder? Bitte!“
Herr Wellenbrink starrte sie an. Er? Singen? Nachdem er gerade eben eine der größen Blamagen seines Lebens erlitten hatte? Im Hintergrund hörte er Gnorm auf- und abhopsen, und wenn er sich nicht irrte, waren auch Triangelklänge zwischen dem Gehopse erkennbar. Während er noch überlegte, wie er ihr höflich absagen konnte, hörte er sich zu seiner eigenen, grenzenlosen Überraschung sagen: „Natürlich. Wenn Sie mich brauchen, kann ich ja nicht nein sagen, oder?“
Seine Nachbarin sah aus, als ob ihr ein Stein vom Herzen fiele. Seines dagegen hüpfte im Takt der Triangelklänge, die immer noch aus seiner Wohnung kamen.

Wellenbrink & Gnorm Teil I
Wellenbrink & Gnorm Teil II
Wellenbrink & Gnorm Teil III
Wellenbrink & Gnorm Teil V

 

Der Hirte

Ich bin David.
Nein, nicht der König.
Ich bin Hirte.
Manchmal fühlt es sich seltsam an, einen so großen Namen zu tragen, aber ich kann nichts dafür. Mein Vater hat mich so genannt.
Mein Vater war auch Hirte, genauso wie mein Großvater.
Eigentlich ist es ein Wunder, dass es mich überhaupt gibt. Hirten gehören nicht zu den Großverdienern, wir sind die kleinen Leute. Die ganz kleinen, um genau zu sein. Unter diesen Umständen zu heiraten, erfordert Mut. Meine Eltern und Großeltern hatten ihn.
Unser Leben hier draussen ist hart. Es ist einsam, und mit der Zeit wird man seltsam. Auch mit dem Waschen und mit der Kleidung nimmt man es nicht mehr so genau. Das trägt nicht dazu bei, dass wir viel Besuch bekommen.
Nachts ist es kalt und sehr dunkel. Jedes Geräusch ist doppelt so laut wie am Tag, und jedes Schaf, das wir bei Einbruch der Dunkelheit nicht in der Herde haben, ist ein verlorenes Schaf. Die Wölfe sind nicht die einzigen Jäger dort draußen.
Das Feuer hält uns zusammen. Es bringt Licht und Wärme, und Glück ist, wenn einer von uns eine Flöte hat und ein anderer eine Geschichte kennt.
Wenn wir könnten, würden die meisten von uns woanders ihr Glück versuchen.
Als der erste Engel kam, war es eine dieser ewiggleichen, stockfinsteren Nächte. Der Mond schien nicht, und an Wunder hat bis dahin wohl keiner von uns geglaubt.
Es wurde hell.
Aber nicht wie am Tag, das war eine andere Helligkeit, ganz anders.
Sie schien mir direkt ins Herz, mir wurde warm und kalt gleichzeitig, ich wollte wegrennen und dableiben, alles auf einmal.
Und dann kamen die anderen Engel.
Und sie sangen.
Und das war ein anderer Gesang als den, den wir bis dahin kannten.
Wir hörten und sahen und weinten und lachten und waren nur noch Ohren und Augen und warme Herzen.
Danach sahen wir uns an, wortlos, bis einer sagte, kommt, lasst uns nachsehen. Wir liessen unsere Herden zurück, ohne uns noch einmal umzudrehen.
Seitdem glaube ich an Wunder.
Alles ist möglich.
Und ich, ich werde heiraten.
Und mutig sein.

Katzengold

Katzengold

wenn dann der große Tag da ist
begleitet von wochenlangem Schimmern
Versprechungen
und viel Katzengold
und nichts so ist wie es sein sollte
vielleicht ist dann die Zeit gekommen
zwischen den Fingern
ein oder zwei Halme
aus der Krippe zu halten
und
die Blickrichtung zu ändern

Weihnachten

Weihnachten

Was schön wäre:
weißes Erwachen
Apfelsinenduft
durchsungene Gottesdienste
Punsch und Feuer am Ausgang
selbstverständlich zuhause sein
die Gesellschaftsjagd ruhen lassen
frostigstille Nächte durchwandern
dem Stern folgen

Was machbar ist:
Sterne basteln
abends schöne Filme gucken
stille Momente feiern
Gastsein genießen
jedes Lied laut mitsingen
den Nachbarn Kekse anbieten
Apfelsinenduft
Regenwolken willkommen heißen

Der Dienstag dichtet! Also auch der Heiligabend-Dienstag :).  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch Wortgeflumselkritzelkram, Mutigerleben, Werner Kastens und Findevogel sind mit von der Partie. Wer den Dienstag also mit Gedichten beginnen will: Herzlich willkommen! Und frohe Weihnachten allen Gedichtelesern!

Heiligabend-Special und Making Off: Der kleine Schneemann

Der kleine Schneemann

Der kleine Schneemann machte sich Sorgen. Die letzten dreiundzwanzig Tage waren lang gewesen, und so hatte er viel zu viel Zeit gehabt, sich alles mögliche auszumalen. Wo war er gelandet? Wie würde sein Leben weitergehen? Anspruchsvoll war er nicht, er würde alles tun, was ihm aufgetragen wurde, schließlich war er ja genau dafür gemacht worden. Trotzdem. Ein kleines bisschen Angst hatte er schon.


Er war der letzte Schneemann gewesen, der das Licht der Welt erblickt hatte. Seine dreiundzwanzig Brüder hatten bereits auf ihn gewartet, aber leider wusste er das zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Er war sehr verwirrt gewesen, als er das erste Mal die Augen geöffnet hatte. Schüsse und und das Geräusch galoppierender Pferde drangen ihm in die Ohren, und als ihm gleich darauf seine orangene Filznase ins Gesicht gedrückt wurde, kam ein stechender Klebstoffgestank dazu.

Das passte alles überhaupt nicht zusammen. Wo waren die Pferde? Und die Männer mit den seltsamen Namen, die gerade über einen Salzsee ritten? Statt in der Wüste landete er in einem grünen Eierkarton zwischen vielen anderen Schneemännern, die genauso aussahen wie er. Nur ihre Nasen waren alle unterschiedlich krumm. Später lernte er, dass er ein Hörspiel gehört hatte, und dass die Männer mit den seltsamen Namen Karl May und Hadschi Halef Omar hießen.

Sein ältester Schneebruder, der einige Tage älter als alle anderen und daher sehr erfahren und weise war, nahm ihn beiseite und klärte ihn über die wichtigsten Dinge auf. Von ihm erfuhr er, dass er dazu bestimmt war, Freude zu bereiten, eine Reise antreten würde und dass das alles geschah, weil vor langer Zeit ein Kind die Welt gerettet hatte, und die Menschen sich immer noch darüber freuten. Was für ein schöner Anlaß, auf die Welt gekommen zu sein! Der kleine Schneemann war glücklich.

Weniger schön war es, als er von seinen Brüdern Abschied nehmen musste. Er versuchte, tapfer zu sein und winkte den anderen ein letztes Mal zu, bevor er verpackt wurde. Danach konnte er nicht mehr sehen, was passierte.

Er fürchtete sich ein bisschen, so ganz allein, aber dann landete er nach einigem Hin und Her zwischen allerlei anderen Dingen, die ihm durch seine Verhüllung hindurch die abenteuerlichsten Geschichten darüber zuflüsterten, wo sie hergekommen waren und was sie dort alles erlebt hatten. Wie viele Häuser es wohl auf der Welt gab? Mehr als vierundzwanzig? Er konnte es sich kaum vorstellen. Welch eine wundersame Welt musste das da draußen sein!

Nun war es fast soweit. Außer ihm war niemand mehr übrig, er war wieder ganz allein, und er machte sich Sorgen. Von seinem Herzenswunsch hatte er bislang auch noch niemandem erzählt. Dieses Kind… er hatte sich viele Gedanken darüber gemacht, und er wusste von seinem ältesten Bruder, dass es in manchen Häusern kleine Puppenstuben gab, in denen die Geburt des Kindes nacherzählt wurde. Ob sie ihn wohl dazustellen würden? Es musste ja gar nicht lang sein, eine Nacht würde ihm schon reichen! Danach würde er klaglos alles tun, was man ihm auftrug, am Weihnachtsbaum hängen oder vor dem Fenster, in einem der seltsamen Kästen mitfahren, die so laut waren und nicht gut rochen, und wenn es sein musste, auch als Schlüsselanhänger sein Bestes geben. Auch, wenn ihn das vermutlich schnell die Nase kosten würde. Oder ein Auge. Aber davor, davor wollte er eine Nacht mit dem Kind verbringen.
Der kleine Schneemann atmete tief ein. Durch seine Verhüllung hindurch konnte er sehen, dass es Tag wurde. Heute war es soweit. Der Rest seines Lebens begann.
Wie es wohl sein würde?

Wellenbrink und Gnorm


Teil III

Herr Wellenbrink hatte ein ganz schlechtes Gefühl. Sorgenvoll blickte er an seinem guten schwarzen Mantel, der schwarzen Cordhose und seinen besten schwarzen Tanzschuhen hinunter. Wie um Himmels willen hatte er sich nur zu dieser Aktion überreden lassen können? Aber nun war es zu spät, ihr Ziel befand sich bereits in Sichtweite, und Gnorm war einfach nicht aufzuhalten. Abgesehen davon war er auch ziemlich schlecht zu sehen in der Dunkelheit. Nicht nur, dass er wirklich winzig war, was Herr Wellenbrink schon fast vergessen hatte, solange sie sich in seiner Wohnung aufgehalten hatten, nein, zu allem anderen Übel war er genauso schwarz gekleidet wie Herr Wellenbrink selber und verschwand damit fast in der Nacht. Nur der schwach glimmende Leuchtstab in seiner Hand zeigte an, wo er sich gerade befand. Zumindest den Leuchtstab hatte Herr Wellenbrink ausgehandelt. Wenn es nach Gnorm gegangen wäre, hätten sie ihre Mission in schwärzester Dunkelheit ausgeführt.
Herr Wellenbrink blieb einen Moment stehen und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Nicht zu glauben, dass jemand, der so klein war, so schnell sein konnte. Noch ein paar Jahre weiter, überlegte er grimmig, und er würde einen E-Rollstuhl brauchen, um nicht auf halber Strecke schlapp zu machen bei diesem Tempo. Glücklicherweise hatten sie ihr Ziel fast erreicht. Außerdem kannte er sich hier aus, auch in der Dunkelheit. Sein Stadtteil! Sein Marktplatz.
Jetzt allerdings sah der Marktplatz doch ein bisschen fremd aus, fast ohne Beleuchtung und ohne die hell strahlenden Fenster der zahlreichen Geschäfte, die in großem Bogen rund um das Rathaus standen. Die riesige Weihnachtstanne stand bereits, er konnte ihre schwarzen Umrisse schwach gegen den etwas weniger dunklen Himmel sehen.
Gnorm war ein paar Meter vor ihm, das Licht seines Leuchtstabs warf ein trübes Licht auf das nasse Kopfsteinpflaster. „Jetzt komm endlich!“ zischte er Herrn Wellenbrink zu, der innerlich aufstöhnte. Nasses Kopfsteinpflaster! In der Dunkelheit! In seinem Alter, in rutschigen Tanzschuhen! Und dann sollte er auch noch schnell machen! Trotzdem beeilte er sich. Je schneller sie fertig waren, desto schneller konnten sie wieder nach Hause. Der unregelmässig ausgebeulte Rucksack hing schwer auf seinen Schultern und puffte ihm immer wieder in die Rippen. Bestens. Noch mehr blaue Flecken. Herr Wellenbrink lachte tonlos. Niemand würde ihm diese Geschichte jemals glauben, soviel stand fest.
Jetzt waren sie an der großen Weihnachtstanne angekommen. Sie ragte endlos vor ihnen auf und er bekam Angst. „Bist du wirklich sicher?“ flüsterte er.
„Natürlich! Was glaubst du denn!“ fragte Gnorm entrüstet zurück. „Wollen wir jetzt Eindruck machen oder nicht?“
„Doch, doch. Klar. Ich frag ja nur. Ist ganz schön hoch, oder?“
„Ach, papperlapapp. Die ist doch ein Zwerg. Du solltest mal die Tannen bei uns sehen, DIE sind hoch! Hier, nimm mal den Leuchtstab und mach Licht!“ Gnorm drückte Herrn Wellenbrink das knorrige Stück Holz in die Hand und verschwand in den buschigen Tannenzweigen.
„Äh… wie geht denn das?“ rief Herr Wellenbrink ihm hinterher und fuchtelte ratlos mit dem Stock in der Hand herum. Augenblicklich fiel scheinwerferartiges Licht aus seiner Hand auf die Tanne. Sie warf riesige, bedrohliche Schatten an die Häuserwände ringsum. Panisch schüttelte er den Stock, der nur noch heller strahlte und versteckte ihn dann mangels anderer Möglichkeiten unter seinem schwarzen Mantel, der nun unheimlich von innen heraus leuchtete. Er hörte Gnorm heiser grunzen. Lachte der Wichtel etwa? Vorsichtig bewegte er den Stock unter seinem Mantel hin und her, bis das Licht schwächer wurde, dann zog er den Stab wieder hervor. Bestens. So wollte er es haben. Zufrieden leuchtete er an der Tanne hinauf, die raschelte und wackelte. Gnorm war schon fast oben, wenn er sich nicht sehr irrte. Da! Ein winziger, kahler Schädel stach durch die letzten buschigen Zweige direkt unter der Spitze. Die Tanne schwankte und ächzte. Meine Güte. Wenn er verantwortlich gewesen wäre für das Aufstellen des Baumes, er hätte die Leute zur Rechenschaft gezogen! Nie im Leben war das vom TÜV abgenommen worden.
Gnorm pfiff und Herr Wellenbrink zuckte zusammen. Mit weit offenen Augen starrte er nach oben in die Dunkelheit. Gnorm nahm ein Seil aus seinem Rucksack, zog eine Schlinge, zielte und warf es nach unten in Herrn Wellenbrinks Richtung, der es beim ersten Versuch fing. Na also! Herr Wellenbrink fühlte eine Woge aus Stolz in sich aufwallen.
Er schlang das Seil um einen Arm und befreite den großen, goldenen Holzstern aus seiner Rucksackverpackung. Er glänzte im Licht des Leuchtstabs, die kleinen Kristalle im Goldbelag glitzerten um die Wette. Sein Meisterstück! Liebevoll befestigte Herr Wellenbrink den Stern am Seil. Nun kam der Teil, der ihm am meisten Kopfzerbrechen bereitet hatte. Wie sollte ein vierzig Zentimeter großer Wichtel einen schweren Holzstern bewältigen, der größer war als er? Aber Gnorm hatte gesagt, dass er das seine Sorge sein lassen sollte. Vorsichtig ließ Herr Wellenbrink den Stern los, bis dessen volles Gewicht am Seil hing. Überrascht sah er zu, wie der Stern in nullkommanichts nach oben schwebte, als sei er nicht schwerer als ein Butterbrot. Gnorm steckte voller Überraschungen.
Die Tanne wankte. Es knackte in ihren Zweigen. Gnorm schob sich den Stern auf den Rücken und kletterte die dünne Spitze hinauf, an der er den Stern befestigen wollte, als sie langsam nachgab und sich elastisch nach unten bog. Plötzlich hing Gnorm am Ende eines perfekten, umgedrehten U´s aus Tannenzweigen, der Stern baumelte von seinem Rücken herab. Er leuchtete wirklich wunderschön, wie Herr Wellenbrink noch bemerkte, dann gab die Tanne ein Ächzen von sich, es knackte, knirschte und knallte, dann rauschte sie langsam, aber unerbittlich auf ihn zu. Herr Wellenbrink stieß einen Schrei aus, blieb aber wie angewurzelt stehen, links und rechts, hinter und vor ihm prasselten nadelige Zweige auf den Boden, wippten auf und ab, und als die Tanne zur Ruhe kam, stand Herr Wellenbrink immer noch steif und aufrecht da, überall rund um ihn herum Tannengrün und stachelige Nadeln. Er öffnete den Mund, aber es kam nichts heraus, dann sah er sich hektisch um. In zwei Fenstern über ihm ging das Licht an. Wo war Gnorm? Links vor ihm raschelte es, ein paar Äste wippten, dann hievte Gnorm sich zwischen einigen Zweigen hervor.
„Geht´s dir gut?“ rief er Herrn Wellenbrink zu. Der nickte benommen. „Dann schnell! Wir müssen hier weg! Hast du deinen Rucksack?“
Der Rucksack! Wo war er? Herr Wellenbrink suchte leicht fahrig zwischen den Zweigen herum, aber er war nirgends zu finden. Gnorm zog mit hektischen Bewegungen sein Seil unter dem Baum hervor. „Hast du ihn?“
„Nein!“
„Dann lass ihn liegen! Komm!“
„Aber… der Stern?“
„Ist irgendwo unter der Tanne. Keine Zeit mehr. Komm, sonst fliegen wir auf! Guck doch!“
Herr Wellenbrink sah auf. Oh. In ziemlich vielen Fenstern brannte jetzt Licht. Es erhellte schemenhaft den Marktplatz, die ersten Menschen sahen aus den Fenstern und blickten zu ihnen hinunter. Glücklicherweise war der Leuchtstab in seiner Hand erloschen, als ob er die Gefahr spüren würde. Gut. Dann würde er Rucksack und Stern halt opfern. Eilig suchte er sich einen Weg aus der Tanne heraus und lief zu Gnorm.
„Ich sag´s nicht gern“, flüsterte der, „aber kannst du mich auf den Arm nehmen? Wir verlieren uns sonst vielleicht.“
Herr Wellenbrink beugte sich kommentarlos nach unten, nahm Gnorm hoch und setzte ihn sich in die Armbeuge. Dann machte er sich davon, so schnell es ihm möglich war, verließ den Marktplatz, bog um zahlreiche Ecken und wechselte die Straßenseiten, bis sie weit genug entfernt waren. Bei der nächsten Bushaltestelle ließ er sich auf einen der unbequemen Plastiksessel fallen und atmete tief durch. Herrje. Dann spürte er, dass Gnorm in seinem Arm zitterte und seltsam heisere Laute ausstieß. Weinte er etwa? Ohje. Natürlich. Sie hatten versagt. „Hör mal“, sagte er tröstend zu dem Wichtel, „so schlimm ist es doch nicht. Wir erzählen einfach keinem davon. Und um die Tanne ist es nicht schade, besser sie fällt jetzt um als später, wenn alles voller Menschen ist.“
Gnorm beruhigte sich nicht. Er holte keuchend Luft und stieß dann wieder diese seltsamen, heiseren Laute aus. Herr Wellenbrink sah ihn genauer an. Lachte der Wichtel etwa?
„Hast du… hast du… gesehen, wie ich geflogen bin?“ Gnorm quietschte. „Dieser Stern… wie eine Sternschnuppe mit Bruchlandung! Und du… du hast da gestanden wie Gevatter Frost persönlich! Steif wie ein Eiszapfen!“ Er schüttelte sich vor Lachen und presste die Hände auf die Augen.
Herr Wellenbrink spürte, wie sich ein Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitete und immer größer wurde. Schließlich lachten sie zusammen, bis ihre Bäuche wehtaten und die Bushaltestellensessel wackelten.
Ihre Mission war gescheitert. Aber wen störte das? Wenn er sich nicht sehr irrte, hatte er einen Freund gefunden. Und das war viel besser als jeder Tannenschmuck.

Wellenbrink & Gnorm Teil I
Wellenbrink & Gnorm Teil II
Wellenbrink & Gnorm Teil IV
Wellenbrink & Gnorm Teil V

Der Wirt

Ich bin Akim.
Ich bin Wirt.
Und Berater und Seelsorger und strenger Vater. Ich mag meinen Job. Wenn man ein Wirtshaus hat, muss man Menschen mögen, sonst wird man irgendwann verrückt. Ich mag Menschen, meine Frau ist da eher zurückhaltend. Deswegen steht sie in der Küche und ich hinterm Tresen. Es ist eine gute Arbeitsteilung. Sie kocht und kümmert sich um die Finanzen, ich rede und schenke aus.
Unser Wirtshaus läuft gut. Wir haben viele Stammgäste, die Zimmer und Schlafsääle sind oft voll, gerade jetzt während dieser irrsinnigen Schätzung, die die Leute zu langen Wanderungen zwingt. Der Kaiser muss verrückt geworden sein, eine solche Unruhe unter die Menschen zu bringen!
Für uns ist das natürlich gut, viele zusätzliche Gäste bringen viel gutes Geld ein.
Ja, es läuft gut. Und trotzdem…
Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich Löcher in die Luft starre und auf etwas warte, das nicht kommt. Etwas Besonderes. Auf eine Änderung im täglichen Einerlei, das ich ja eigentlich mag.
Ich weiß auch nicht. Es fehlt etwas. Etwas, das alles rund macht und dem Leben Sinn gibt.
Wenn ich solche Gedanken habe, sagt meine Frau immer, ich sei als Kind wohl zu oft ins Weinfass gefallen, ich solle mich doch freuen, dass es uns gut geht! Sie meint es gut, ich weiß, aber trotzdem. Irgendetwas fehlt.
Gestern kam ein Paar, er schon älter, sie schwanger, und sie fragten nach einer Unterkunft. Wir waren schon voll, aber sie sahen so müde und hungrig und verzweifelt aus, da habe ich ihnen unseren Stall angeboten. Meine Tiere werden schon zur Seite rücken, und in weitem Umkreis ist nirgendwo mehr etwas Besseres zu finden. Ich konnte sie doch nicht in dem Zustand auf der Straße stehen lassen.
Nachher werde ich nochmal nach ihnen sehen und fragen, ob sie etwas brauchen. Wirklich, diese Schätzung! Und dann auch noch jeder dort, wo er geboren wurde. Vermutlich geht es wieder um die Steuern und wie die Römer uns am besten ausnehmen können.
Entweder das, oder der Kaiser ist wirklich verrückt geworden…

Wellenbrink und Gnorm

Teil II

Herr Wellenbrink brauchte einen Moment, bis er sich orientiert hatte. Er lag auf dem alten Sofa im Wohnzimmer, die kaputte Sprungfeder bohrte sich unangenehm in seine Hüfte und der raue Stoff kratzte an seiner Wange. Ihm war kalt. Warum lag er auf dem Sofa und nicht in seinem schönen, warmen Bett? Und was waren das für absonderliche Geräusche? Vorsichtig öffnete er die Augen, dann erinnerte er sich. Gnorm! Er sah zum Sessel hinüber. Gnorm lag mit dem Rücken zu ihm auf dessen Sitzfläche, auf seinem kahlen Schädel spiegelte sich trüb das graue Licht der Dämmerung. Er schnarchte wie ein alter VW Käfer mit Getriebeschaden.
In Herrn Wellenbrinks Mundwinkeln erschien ein winziges Lächeln, das sehr schnell verschwand, als er versuchte, sich aufzurichten. Seine alten Knochen nahmen ihm die Übernachtung auf dem Sofa sehr übel. Es knackte und knarrte in seinen Gelenken und hatte verdächtige Ähnlichkeit mit den Geräuschen, die das Sofa machte, als er aufstand. Tja. Sie waren ja schließlich auch miteinander alt geworden.
Der VW Käfer mit Getriebeschaden war verstummt. Stattdessen war jetzt ein leises „Oh-oh-oh!“ zu hören. Herr Wellenbrink stieg in seine Cordpantoffeln. „Bleib liegen“, sagte er. „Das kommt davon, wenn man zuviel Schlehenlikör trinkt. Ich mach dir ein Katerfrühstück.“
Nun war auch das „Oh-oh-oh“ verstummt. Ein langes Ächzen erklang, dann drehte Gnorm sich um und blinzelte mit verschwommenem Blick zu Herrn Wellenbrink hoch. „Neiiiiiin!“ jammerte er und zog sich die Decke über den Kopf.
„Jammern nützt nichts. Es ist, wie es ist. Magst du Hering?“
„Nein!“ kam es dumpf unter der Decke hervor.
„Nicht? Schade. Dann hab ich nur noch Schweinskopfsülze. Mit Schwarzbrot?“
„Verdammte Beilhäcksel! Du hast mich gesehen!“
„Das kann man wohl sagen“, erwiderte Herr Wellenbrink mit Blick auf Gnorms Füße, die unter der Decke hervorguckten.
„Aber du darfst mich nicht sehen!“
„Das mag ja sein, aber dafür ist es etwas zu spät, oder?“
„Oh du liebe Elfengrütze! Was mach ich denn jetzt?“ jammerte Gnorm unter der Decke.
„Keine Ahnung. In Elfendingen kenne ich mich nicht aus. Ich schlage vor, wir frühstücken erst mal. Mit Kaffee sieht alles besser aus.“
„Kaffee?“ Die Decke senkte sich bis knapp unter Gnorms Augen.
„Filterkaffee. Schwarz?“
„Mit Milch. Und Zucker!“
„Gut, gut.“ Herr Wellenbrink wickelte sich in seinen Morgenmantel und schlurfte in die Küche. Zehn Minuten später duftete es nach frischem Kaffee, der Tisch war für zwei gedeckt, und in der Pfanne auf dem Herd brutzelten ein paar Spiegeleier. Während Herr Wellenbrink die Eier in der Pfanne hin und her schob, sah er aus dem Augenwinkel, wie Gnorm sich durch die Tür schob. „Willst du auf dem Stuhl sitzen?“
„Und wie bitte soll das gehen?“ Gnorm sah mit verschränkten Armen zu ihm auf.
Herr Wellenbrink zeigte wortlos auf den großen Topf, den er umgedreht auf den Stuhl gestellt hatte. Obendrauf lag ein Topflappen.
Gnorm schnaufte. „Hmpf.“
„Oder der Tisch.“ Herr Wellenbrink winkte einladend mit dem Pfannenwender in Richtung Tischplatte. „Willst du ein oder zwei Eier?“
Gnorm schnaufte erneut, dann kletterte er am Tischbein hinauf und hangelte sich auf den Tisch. „Zwei.“ Er sah sich kurz um und ließ sich dann neben einem der Teller nieder.
„Bitteschön. Kaffee kommt.“ Herr Wellenbrink verteilte die Eier, goß Kaffee ein, für sich schwarz, für Gnorm mit Milch und zwei Stück Zucker, dann setzte er sich.
„Noch eins.“ Gnorm sah ihn auffordernd an.
„Drei Stück Zucker? Ihr Wichtel habt wohl keine Diabetesprobleme, was?“
„Dia-was?“
„Ach, vergiß es. Guten Appetit.“
Sie aßen schweigend. Gnorm schüttete Unmengen Kaffee in sich hinein, und Herr Wellenbrink fragte sich, wo er das alles ließ. Rein anatomisch waren solche Mengen bei einem so kleinen Mann gar nicht möglich, aber anscheinend lagen die Dinge hier anders als er es gewohnt war. Schließlich waren alle Eier gegessen, der Kaffee ausgetrunken und auch die Schweinskopfsülze hatte erheblich abgenommen. Herr Wellenbrink lehnte sich zurück. „So“, sagte er, „jetzt zum Geschäftlichen. Was wolltest du eigentlich in meiner Wohnung?“
Gnorm lehnte sich an den Toaster und rülpste zart. „Kann ich nicht sagen. Geschäftsgeheimnis.“
„Aha. Aber du weisst schon, dass du gerade meinen Kaffee getrunken und in meinem Sessel geschlafen hast, oder?“
„Jaaa. Schon. Der Kaffee war auch ok. Obwohl du ganz schön geizig mit dem Zucker warst.“
Herr Wellenbrink atmete tief durch. Er versuchte es anders. „Wolltest du mich ausspionieren? Oder irgendwas stehlen?“
Gnorm sprang entrüstet auf. „Stehlen? Ich? Du spinnst wohl, was? Wichtel stehlen nicht! Nie! Vielleicht borgen sie sich ab und zu was, aber nur, wenn es nicht anders geht! Und sie bringen es zurück! Und was heißt ausspionieren? Wenn wir euch Weihnachtsignoranten irgendwie auf den Weg zurückbringen sollen, müssen wir doch wohl Bescheid wissen, oder?“ Er sah Herrn Wellenbrink wütend an und ließ die Arme sinken, als er dessen feines Lächeln sah. „Oh. Du bist gut. Nicht übel. Trotzdem ist es ein Geschäftsgeheimnis.“
„Jaja.“ Herr Wellenbrink winkte ab. „Behalt deine Geheimnisse. Lass uns über die Zukunft sprechen. Was machen wir jetzt?“
Gnorm zuckte mit den Achseln. „Keine Ahnung. Ich hab noch nie von einem Wichtel gehört, der bei einem Menschen übernachtet und mit ihm gefrühstückt hat.“
„Vermisst dich denn niemand?“
Gnorms Mundwinkel sanken herab. „Nein.“
„Oh.“ Herr Wellenbrink wartete einen Moment, dann sagte er: „Mich auch nicht.“ Sie sahen sich an, und etwas geschah in diesem Moment, hier, am Küchentisch. Herr Wellenbrink zögerte noch ein paar Sekunden, dann preschte er entschlossen vor. „Du hast doch bestimmt noch mehr, äh, Missionen, oder?“
Gnorm zuckte mit den Achseln. „Nein.“
„Nein?“
„Nein. Hab ich doch gestern schon gesagt. Du bist meine letzte Chance. Wenn es mit dir nicht klappt, werde ich in Rente geschickt.“
„Oh. Und… was bedeutet das?“
„Ich komme in den Innendienst.“ In Gnorms Gesicht zuckte es. Wie auch immer der Innendienst aussehen mochte, Gnorm fand den Gedanken daran sichtlich abstossend.
„Ok. Naja, ich meine, wir könnten ja versuchen, dich nicht scheitern zu lassen. Oder?“ Herr Wellenbrink bewegte sich auf unsicherem Boden, aber das nahm er in Kauf. Er hatte überhaupt keine Lust, wieder in sein altes, viel zu stilles Leben zurückzukehren. „Was hattest du denn vor? Soll ich Weihnachtskarten schreiben? Oder Kekse backen?“ Es schauderte ihn. Kekse backen! Ein grauenvoller Gedanke. Aber wenn es half, bitteschön. Dann würde er eben Kekse backen.
Gnorm verzog das Gesicht. „Das ist es ja. Es gab keinen Plan. Wir haben schon alles ausprobiert, und bei dir hat nichts gewirkt. Ich hatte nur den Auftrag, in deine Wohnung zu gehen und dann… zu sehen, was passiert. Ich meine, was ist das denn für ein Auftrag!“ Er redete sich in Rage. „Zu sehen, was passiert! Jetzt werden sie schön dumm aus der Wäsche gucken, die Sesselpupser, jetzt ist nämlich ´ne ganze Menge passiert, Sichtkontakt, Gesprächsaufnahme, Mahlzeitenteilung, herrje!“ Er ließ den Kopf sinken, und Herr Wellenbrink bekam Mitleid mit dem kleinen Mann.
„Nicht aufgeben! Wir finden schon eine Möglichkeit, du wirst sehen.“
„Echt?“
„Klar.“
Gnorm sah ihn an und Herr Wellenbrink war sich fast sicher, das Gnorm gerade versuchte zu lächeln, aber nicht wusste, wie das ging. Du liebe Güte. Er selber war ja auch nicht einfach, aber dieser Wichtel war wirklich ein harter Brocken. Das würde kein Zuckerschlecken werden.
„Wenn wir jetzt schon… zusammenarbeiten… oder sowas… kann ich dann noch Kaffee haben? Mit Zucker?“ Gnorm sah ihn erwartungsvoll an. Herr Wellenbrink nickte langsam. Er würde einkaufen gehen müssen. Vor seinem üblichen Einkaufstag. Der Zucker war auch fast alle. Den letzten hatte seine Frau gekauft. Wo bekam man eigentlich Zucker her?
Der Tag versprach interessant zu werden.

Wellenbrink und Gnorm Teil I
Wellenbrink und Gnorm Teil III
Wellenbrink und Gnorm Teil IV
Wellenbrink und Gnorm Teil V

Josef

Ich bin Josef.
Ich bin Zimmermann.
Holz ist ein wunderbares Material, es ist lebendig und atmet, und wenn man sich auskennt, kann man es in jede nur mögliche Form bringen.
Meine Hände sind rauh und hart vom Hobeln und Schmirgeln, und auf meinen Haaren liegt oft eine Schicht Holzstaub.
Maria scheint das nicht zu stören. Auch nicht, dass ich älter bin als sie.
Maria.
Ich mag ihre Augen und ihr Haar, und die Art, wie sie mit ihren jüngeren Geschwistern spricht. Wir sind uns schon lange versprochen, und ich hatte immer Angst, ich wäre zu alt für sie.
Ich habe ein Kästchen aus Holz für sie gebaut, mit Scharnieren, damit sie den Deckel gut schließen kann. Feines Olivenholz habe ich dafür genommen und mir vorgestellt, wie ich es ihr überreiche.
Aber als sie mir von dem Kind erzählt hat, ängstlich, ja, aber auch so sicher, als ob es keine Zweifel an ihrer Geschichte geben könne, bin ich ohne ein Wort gegangen. Zuhause habe ich das Holzkästchen an die Wand geworfern, mit aller Kraft. Es ist zerbrochen. Ich habe die Teile zusammengefegt und bin schlafen gegangen.
Ich habe lange wach gelegen.
Dann kam der Traum.
Danach war alles anders.
Ich bin Zimmermann. Ich baue Häuser und Truhen. Ich bin kein Schriftgelehrter. Aber dieser Traum war klar und deutlich, und ich sehe ihn immer noch vor mir, sobald ich die Augen schließe.
Noch gestern hätte ich gesagt, so etwas passiert doch nicht, und schon gar nicht mir! Aber es ist passiert.
Morgen werde ich das Kästchen reparieren und es ihr bringen.
Und dann werden wir reden.