Reisebücher

Es ist ja so: Wenn man viel liest, vermehren sich unweigerlich die eigenen Bücherbestände. Man kauft eins hier und eins da, bekommt welche geschenkt, dann gibt es Flohmärkte, auf denen immer und überall verlockende Bücher fast umsonst herum liegen, Buchtauschregale… es ist ein Kreuz. Man kauft ein neues Regal, baut an bestehende an, stellt die Bücher doppelreihig hintereinander, und spätestens, wenn die Stapel vor den Regalen anfangen, wacklig zu werden, ist die Lage ernst.

Alles gern gelesene Bücher. Obwohl – Hectors Reise war nicht so meins.

Als die Lage bei mir ernst wurde, das Wohnzimmer renoviert werden wollte und die Bücher mich dabei fast überwältigten, habe ich angefangen, auszusortieren. Ich habe verschenkt, auf dem Flohmarkt verkauft, ein paar wurden entsorgt (ein hässliches Wort, ich weiß, aber es gibt Bücher, die wollte ich einfach niemandem zumuten) und dann waren immer noch welche übrig. Und die habe ich dann auf die Reise geschickt. Anfangs noch mit bookcrossing, dann auf meine eigene Art und Weise, bookcrossinglight sozusagen. Und das geht so: Man nehme abziehbare Aufkleber, beschrifte sie und klebe sie dann auf die Bücher, die ab sofort auf eigenen Füßen stehen müssen.

Die sind schneller alle, als man vermutet…

Dann braucht es nur noch trockene und gut besuchte Orte, an denen man sie in die Freiheit entlässt: Züge, immer wieder Züge jeder Art, überdachte Fensterlaibungen, Bushaltestellen, Einkaufszentren… was einem so über den Weg läuft. Meinen Beobachtungen zufolge trauen die Leute sich schneller, ein Buch mitzunehmen, wenn draufsteht, dass es niemandem gehört. Ich hatte schon ein nettes Gespräch mit einem Mann, der einen dicken Wälzer fröhlich mitgenommen und sich über den Aufkleber gefreut hat. Und ich hab mich gefreut, weil er sich gefreut hat. Eine unschlagbare Win-Win-Situation für beide Seiten.

Und das beste: Mein Wohnzimmer atmet wieder! Es stehen immer noch eine Menge Bücher drin, aber alles, was neu dazukommt und kein absoluter Hauptgewinn ist, darf auch wieder gehen, nachdem ich es an alle ausgeliehen habe, die es lesen wollten. Warum sollte es bei mir nur herumstehen? Bücher sollten gelesen werden, dazu sind sie da. Und wer weiß? Vielleicht verführe ich so jemanden dazu, nach langer Zeit mal wieder ein Buch in die Hand zu nehmen, das er ansonsten nie und nimmer angefasst geschweige denn gekauft hätte.

Und schön ist auch das kleine Kribbeln, wenn ich eins aussetze, ich versuche nämlich immer, dabei unbeobachtet zu bleiben. Ich finde es netter, wenn das Buch ganz allein da liegt, ohne sichtbaren Vorbesitzer. Manchmal klappt es, manchmal nicht so ganz, die Leute können ganz schön aufmerksam sein. Mir wurden auch schon Bücher hinterher getragen mit dem Hinweis, ich hätte da was vergessen. Was ja auch nett ist.

Charles Dickens´ Weihnachtserzählungen werden auch auf die Reise gehen, aber natürlich erst im Dezember!

Insgesamt eine sehr schöne Art, Bücher weiterzugeben, finde ich. Und die eigenen Regale mutieren nicht zu überquellenden Staubfängerbuchendhaltestellen. 🙂

Was ich in einer Woche Rom gelernt habe

  • man kann viel länger laufen als erwartet
  • schmerzende Füße sind noch lange kein Grund sich hinzusetzen
  • Straßen überquert man geschmeidig und elastisch wie der übrige Verkehr
  • es passen mehr Leute in einen Bus als die normale Norddeutsche je gedacht hätte
  • es passt auch viel mehr Kunst in einen hinein als vorher vermutet
  • ein Zuviel an Schönheit gibt es nicht
  • man muss nicht alles gesehen haben. Lücken beflügeln die Phantasie und erfordern ein Zurückkommen
  • zusammen reisen ist schöner als allein
  • ab und zu Pausen allein sind aber auch nett
  • probieren erweitert den Horizont, egal, was man probiert (bei cremegefüllten Blätterteigteilchen erweitert sich der Horizont eklatant!)
  • Quellwasser aus Bronzebrunnen schmeckt besser als Flaschenwasser
  • ein Garten in Rom ist ein kleines Stückchen gerettetes Paradies. Wirklich.
  • umsorgt zu werden ist schön (und gefährlich bequem)
  • man muss kein Wort verstehen in einer Morgenandacht. Segen und Amen reichen völlig aus
  • Rom ist… Rom.

Jetzt

  • halbrunder Mond vor rosa Abendwolken
  • schimpfende Vögel auf dem Weg ins Nachtquartier
  • erleuchtetes Fensterkino weit drüben
  • röhrende Vespas und kläffende Hunde im Viertel
  • durchdringendes Grillengezirp
  • erschöpfte Füße
  • müde Augen
  • hellwacher Kopf
  • auf dem Gang die Stimmen meiner Mitreisenden
  • randvoll mit Pantheon, Caravaggio, Bernini, Tiber und Gelato
  • unten bereiten die Nonnen das Abendessen für uns vor
  • ich darf frei entscheiden, ob ich heute Abend mitgehe oder nicht
  • unfassbar, wie gut es mir gerade geht

Am offenen Fenster, nachts

das Flugzeug im Landeanflug erinnert mich an Rom:
rote, grüne und weiße Lichter blinken,
es ist laut, unübersehbar, dramatisch und schön.

Fragen in der Vatikanstadt

Sixtinische Kapelle

Wieviele unachtsame Menschen verträgt ein heiliger Ort, bevor er seine Spiritualität verliert?

Petersdom

Wieviel Reichtum kann ein heiliger Ort aufnehmen, bevor er seine Würde verliert?

Vatikanische Museen

Wieviele Menschen dürfen auf einem Fleck sein, bevor die Liebe in Gereiztheit umschlägt?

Spuren

zwischen Grillenzirpen
dem Getöse der Vespas
Ciao!-Rufen von gegenüber
durch das Hupen der Smarts
den aufgeregten Straßengesprächen
ein dünner verwehter Halleluja-Gesang aus dem Kloster nebenan
ich lausche
dann donnert ein Airbus im Landeanflug über die Pinien
zu spät
ich habe die leisen Spuren gehört
und weiß: Er ist hier
ich kann mit ihm rechnen

(interessant: auch in der ewigen Stadt ist er nicht lauter als Zuhause)

Farbdiebe

Ob die sonnengelbe Ockertönung
des alten, ausgeblichenen Palazzo
zurückkehren würde
wenn alle einhunderttausend geknipsten Fotos von ihm
mit einem Schlag überall auf der Welt
gelöscht würden?