Ausgenossen: Kurz und Gott. Von Andreas Noga (Texte) und Eberhard Münch (Zeichnungen).

Manchmal finden einen die Bücher, man muss gar nichts tun, nur einmal völlig uninteressiert an einem ansonsten langweiligen Buchstand vorbeilaufen und zack! da liegt es und sieht einen an. So geschehen mit diesem kleinen, ganz, ganz wunderbaren Gedichtband, der (für mich völlig unverständlich!) auch noch reduziert war. Ich meine – da kann man sich ja gar nicht wehren, in solchen Situationen bin ich meinem Unterbewusstsein völlig ausgeliefert, und ehe ich in irgendeine Richtung hin überlegen konnte, hatte ich es schon gekauft.

Das winzig kleine Büchlein beinhaltet extrem kurze Miniaturgedichte zum Thema Gott, Glaube und Mensch. Manchmal vier Zeilen, manchmal sechs, oft sind es noch nicht einmal zehn Worte, aber wie sie gesetzt sind! Da ist alles drin, nichts fehlt, nichts ist zuviel und an allen kann man hängenbleiben, wenn man möchte. Wie gern würde ich hier ein paar Beispiele posten, aber das Urheberrechtsgesetz lässt das verständlicherweise nicht zu (trotzdem – SO schade! Und wie sollen sie dann bekannt werden? Gerade Gedichte haben es ja bekanntlich nicht leicht in der Literaturszene. Aber so ist es halt.) Es muss also das eine auf der Rückseite reichen, das man auf dem Foto gut sehen kann, wenn man will.

Ich bin ganz glücklich mit dem auch innen schön gestalteten Band, es gibt cremefarbene, blaue, orangene und rote Seiten, die Zeichnungen sind genauso klar und reduziert wie die Gedichte und ein Lesebändchen gibt es auch noch. Im Moment liegt es neben meinem Esstisch, und ab und zu blättere ich beim Frühstücken darin herum und lese eins – ein wunderbarer Start in den Tag.

Ausgelesen: Auf Liebe gebaut. Von Mary Kay Andrews.

Ich mag Romane, die in den Südstaaten der USA spielen. Also bin ich prädestiniert für Mary Kay Andrews, deren Romane soweit ich weiß alle in den Südstaaten spielen. Es gibt sehr gute, gute und weniger gute Bücher von ihr, und viele der derzeit angebotenen Romane sind schon etwas älter und jetzt erst übersetzt worden, weil sie in Deutschland mittlerweile sehr großen Erfolg hat (zumindest vermute ich das mal angesichts der plötzlichen Schwemme ihrer älteren, frisch übersetzten Bücher). Selbst ihre weniger guten fand ich bisher trotzdem noch immer gut lesbar und besser als vieles andere, was man so in dem Genre bekommt.

So auch dieses Werk: Auf Liebe gebaut gehört meiner Meinung nach nicht zu ihren besten Büchern, ist aber trotzdem gut zu lesen. Der Plot zieht sich ein bisschen, so ähnlich wie gekochte, abgekühlte Spagetti, die man nicht mehr vom Löffel bekommt, aber trotzdem noch isst. Bebe Loudermilk (der Name! Mehr Südstaaten geht nicht!) ist aufs schlimmste betrogen worden, sie wurde von einem Schwindler ausgezogen bis aufs letzte Hemd und braucht einige Zeit, bis sie wieder auf die Füße kommt. Eine willkommene Hilfe ist ihr da ein altes, schäbiges Motel und der darin wohnende Ex-Kapitän Harry Sorentino (schon wieder: Der Name!!). Die Geschichte plätschert hübsch vor sich hin, die Renovierungsarbeiten kommen in Fahrt und Bebe fasst neuen Mut und will Rache: Die Rückeroberung ihres Geldes nimmt einen großen Teil der Geschichte ein. Eine Liebesgeschichte gibt es auch, sie läuft aber eher nebenbei mit. Insgesamt ein ganz netter Roman für laue Sommertage, dessen Rezension ich noch schnell einschiebe, bevor der Sommer ganz und gar und endgültig komplett seinen Hut nimmt. Mehr als ein ganz netter Roman allerdings ist das Buch nicht – da gibt es besseres von Mary Kay Andrews.

Ausgelesen: Felsenfest. Von Jörg Maurer.

„Der Kriminalroman sollte die Oper des schwarzen Humors sein.“ So weit der Autor selbst über seine Bücher, und eigentlich ist dem nichts hinzuzufügen – er erfüllt seine eigenen Anforderungen exakt. Auch dieses Buch aus der Reihe um Kriminalkommissar Jennerwein spritzt nur so vor Satire, treffsicheren Kinnhaken unter alle möglichen Kiefer, sehr abseitigem Humor und einer ungebremsten Lust am Fabulieren. Hier gibt es tatsächlich mal kein besseres Wort, Fabulieren passt perfekt zu den nonchalanten Ausflügen in scheinbar zusammenhanglose Textausflüge in seltsame Randgebiete, die dann in serpentinenartigen Bögen zurück zur Hauptgeschichte mäandern und den Leser glucksend vor Vergnügen und leicht atemlos zurücklassen.

In diesem Fall geht es um ein Klassentreffen, das nicht gut ausgehen wird, soviel ist dem Leser schnell klar. Ein netter, geselliger Ausflug auf einen angenehm zu besteigenden Berggipfel entwickelt sich zu einer Geiselnahme, die nicht alle überleben werden. Hubertus Jennerwein hat nach einem seltsamen Anruf ein seltsames Gefühl, das nicht trügt – es sind seine ehemaligen Klassenkameraden, zu deren Klassentreffen er seit Jahren nicht mehr geht, und sie sind in Not. Wird er helfen können?

Das könnte ein dramatischer Plot sein, und ist es auch, aber mit diesem Schriftsteller außerdem ein großes Vergnügen. Treffsicher und mit sehr spitzer Feder zeichnet er seine Figuren, manchmal sehr grell, aber nicht zu grell, und es beschleicht einen die Ahnung, verdammt, das könnte tatsächlich so passiert sein – oder gerade irgendwo passieren, gerade, weil es so verrückt ist. Dazu der tiefschwarze Humor, bei dem man sich nicht immer sicher ist, ob man nun lachen darf oder doch lieber nicht: Die Kriminalromane von Jörg Maurer sind ziemlich einzigartig. Ich weiß gar nicht, ob sie in andere Sprachen übersetzt wurden, aber auf jeden Fall dürften diese Texte für jeden Übersetzer auf der Kippe zwischen spannender Herausforderung und hoffnungsloser Überforderung stehen. Wie man unschwer erkennen kann, mag ich diese Kriminalromane sehr und freue mich, dass ich noch nicht alle gelesen habe. Außerdem ist Jörg Maurer fleissig – jedes Jahr ein neues Buch, Nachschub ist also garantiert. 🙂

Ausgelesen: Halbmast. Von Sandra Lüpkes.

Keine Ahnung, warum, aber in letzter Zeit lese ich wieder mehr Krimis. Und gerne auch mal welche, bei denen ich vorher keinerlei Ahnung habe, worum es geht oder wie der/die Autor/Autorin schreibt. Am liebsten gehe ich in der Stadtbibliothek am Regal entlang, gucke auf die Titelrücken und ziehe einfach eins heraus und nehme es mit. So auch bei diesem Buch, das mich erfreulich überrascht hat. Wenn man schon ein Risiko eingeht, ist es doch immer schön, wenn es kein Totalausfall wird!

In Halbmast geht es um die Überführung eines neugebauten Kreuzfahrtschiffes aus der Werft über die Ems in die Nordsee – hat hier jetzt jemand eventuell eine große, norddeutsche Reederei vor Augen, die riesige Kreuzfahrtschiffe baut und sie dann in millimetergenauen Aktionen in die Nordsee überführt? Tja, ich auch, und zwar das gesamte Buch über. Ich nehme mal an, dass die  Reederei bei Erscheinen des Buches nicht übermässig erfreut war, sie kommt darin nämlich nicht besonders gut weg. Eine Fotografin soll die Überführung zusammen mit einem Journalisten begleiten und eine Reportage darüber machen. Anfangs läuft alles glatt, dann gibt es ein paar seltsame Vorfälle und als der Journalist spurlos verschwindet, beginnt die Fotografin zu ahnen, dass auf dem Schiff und in der Reederei nicht alles so reibungslos läuft, wie man es ihnen gerne weismachen möchte…

Das Buch ist solide Krimikost. Für ausführliche Charakterstudien ist nicht genug Platz auf den 256 Seiten, vor allem auch, weil die Autorin Nebenhandlungen eingebaut hat, auf die ich gerne zugunsten der Haupthandlung verzichtet hätte. Es ist schön norddeutsch kühl gehalten, der Hauptfigur kommt man ein bisschen näher, alle anderen bleiben einem mehr oder weniger fremd. Der Hauptfokus liegt auf dem Vorantreiben der Handlung und auf dem ungewöhnlichen Handlungsort, dem Kreuzfahrtschiff. Politische Interessen, schlechte Arbeitsbedingungen und Schwarzarbeit werden erwähnt, aber nur gestreift. Man hätte mehr aus dem wirklich interessanten Plot machen können, aber mal ehrlich: Aus den meisten Büchern könnte man mehr machen. Wenn der Autor sich dagegen entscheidet, ist das sein gutes Recht, und so ist das Buch wunderbar geeignet für eine lange, langweilige Zugfahrt oder einen Nachmittag auf der Sonnenliege im Garten. Es wird nicht mein einziges gelesenes Buch von Sandra Lüpkes bleiben.

Ausgelesen: Blinde Vögel. Von Ursula Poznanski.

Ich mag die Bücher von Ursula Poznanski. Immer gut geschrieben, spannend, dicht dran an der Geschichte, ohne die Charaktere der Darsteller zu vernachlässigen. Dieses Mal geht es bei den beiden Ermittlern Beatrice Kaspary und Florin Wenninger um zwei Tote in der Nähe eines Campingplatzes, die scheinbar keinerlei Verbindung zueinander hatten. Dann taucht ein hauchfeiner Faden auf – beide waren Mitglied in einem Internetforum für Gedicht-Liebhaber. Beatrice beschließt, sich dort unter Pseudonym anzumelden, um mehr herauszufinden.

Frühstück mit Krimi

Wie die Geschichte sich dann weiterentwickelt, ist extrem spannend zu lesen, lange tappt man als Leser (also ich zumindest) im Dunkeln und fragt sich, was zum Geier da vor sich geht, aber es ist einfach zu spannend, also liest man weiter, bis das Dunkel sich zum höchst überraschenden Ende aufhellt. Wirklich gut. Und für mich ein besonders schönes Geschenk: Die gut verteilten Gedichte, die ab und an in der Geschichte wie kleine strahlende Punkte auftauchen. Das könnte meinetwegen gern noch viel mehr in Mode kommen: Autoren, die Gedichte in ihren Büchern unterbringen.

… und irgendwann wurde der Tee kalt.

Abgesehen davon entwickelt sich in diesem Buch auch das Privatleben der beiden Ermittler weiter. Beide sind mir höchst sympathisch und lebensnah geschrieben. Band drei steht schon in meinem Bücherregal, aber ein bißchen spare ich es mir noch auf. Man weiß ja nie, wann man mal was wirklich gutes zum Lesen braucht.

Die Buchstaben sehen ein bißchen aus wie Blut – oder wie Erdbeermarmelade 🙂 . Interaktives Frühstücken nenne ich das.

Ausgelesen: Grand Crux. Von Martin Walker.

Ich war erst einmal in meinem Leben in Frankreich (und es hat mir sehr gefallen), aber ich habe schon eine Menge Bücher gelesen, die in Frankreich spielen. Im literarischen Sinne bin ich also eine Frankreich-Expertin! Dazu beigetragen hat auf jeden Fall die Serie um Bruno, Chef de police, von Martin Walker (der selber Schotte ist, aber mittlerweile in Frankreich lebt). Ich vermute mal, seine Bücher sind französischer als die Franzosen selbst, aber da ich Deutsche bin, kann ich das nicht beurteilen. Eigentlich ist es auch nicht wichtig – dazu gefallen sie mir viel zu sehr!

Martin Walker schreibt über Bruno Courrèges, der in der Kleinstadt Saint-Denis im Périgord in Südfrankreich lebt und arbeitet. Er ist „Dorfpolizist“ (so Bruno über sich selbst) und ist direkt dem Bürgermeister von Saint-Denis untergeordnet. Bruno ist ein Mann der Tat und der kurzen Wege. In Saint-Denis kennt er jeden und jeder kennt und schätzt ihn. Er lebt mit einem Basset in einem kleinen, malerischen Haus am Stadtrand, reitet, jagt, sucht Trüffel in seinem eigenen Stückchen Wald und kocht gern und gut. Ein großer Freundeskreis umgibt ihn, und wenn es wieder mal beziehungstechnisch nicht klappt, tröstet er sich mit einem Ausritt mit Freunden und einem anschließendem traditionellen französischen Essen, selbstverständlich begleitet von guten Weinen. Daneben wird durchaus scharf geschossen, und ab und zu bricht die große Politik in das kleine Städtchen im Périgord ein und mischt alle einmal kräftig durch. Bruno ist immer mittendrin im Geschehen, weiß sich zu verteidigen und greift auch an, wenn es sein muss. Ein Mann, wie er im Buche steht (wortwörtlich!).

In Grand Prix geht es neben anderen Dingen auch um eine Oldtimer-Rallye, die von Bruno organisiert wird. Sie bringt zwei besessene junge Sammler nach Saint-Denis, die auf der Jagd nach dem wertvollsten Auto aller Zeiten sind: Dem letzten von nur vier gebauten Bugattis Typ 57 SC Atlantic, dessen Spur sich in den Wirren des Zweiten Weltkriegs im Périgord verlor. Diese Jagd bringt einige Unruhe in die Kleinstadt, alte Rechnungen wollen beglichen werden, neue Hoffnungen machen sich breit. Zwischen allen Parteien versucht Bruno zu vermitteln und Recht und Ordnung zu wahren. Ob es ihm gelingt?

Es ist deutlich spürbar, dass hier ein Mann seine Vorstellungen von einem perfekten französischen Männerleben umgesetzt hat. Gutes Essen, guter Wein, alle Sportarten, die Männer verlockend finden könnten, sind vertreten, und auch alte, robuste Autos tauchen immer mal wieder auf, genauso wie Waffen und gesellschaftspolitische Themen. Das gesellschaftliche Gefüge in der kleinen fiktiven Stadt Saint-Denis mit all seinen Verstrickungen und Vernetzungen spielt eine große Rolle, und über allem strahlt Frankreich verlockend aus jeder Zeile jedes Bruno-Buches. Männer schreiben anders als Frauen, und manchmal merke ich das bei bestimmten Passagen. Nicht alles interessiert mich in den Büchern, aber das Drumherum macht das mehr als wett. Bisher habe ich alle Bücher aus der Reihe gelesen, es gab gute und weniger gute, aber ich bin immer noch dran. Wenn das kein gutes Zeichen ist!  Ich hoffe, dass weder Bruno noch Saint-Denis jemals gezähmt werden. Manchmal werden Happy Ends auch überbewertet.

Ausgelesen: Das Lied der Krähen. Von Leigh Bardugo.

Sensationell. Grandios. Ein perfektes Buch. Ich hatte schon kaum noch daran geglaubt, dass es das überhaupt noch gibt, und dann bekam ich das hier in die Finger. Wer Fantasygeschichten liebt, muss dieses Buch einfach lesen, da gibt´s überhaupt kein Wenn und Aber! Ran an die Seiten, Freunde!

Und dann ist auch noch die Buchgestaltung extrem gelungen…

So. Und nun zu den Gründen für meine übersprudelnde Begeisterung. Die Welt, in der Das Lied der Krähen spielt, ist eine überaus gut geschriebene Mischung aus Holland, Russland und einer Spur Skandinavien, wobei die Übergänge fließend sind und es schon nach kürzester Zeit keine Rolle mehr spielt, woran die Autorin sich eventuell orientiert haben könnte. Zu gut ist die Hafenstadt Ketterdam mit ihren dunklen Straßen, schmutzigen Gassen, ihren Gaunern, Abgründen und Bewohnern geschaffen, als Leser taucht man auf der ersten Seite des Buches ein, holt noch einmal tief Atem und schwimmt – bis zum Ende. Jedes verwinkelte Haus, jedes rutschige Dach, jedes parfümierte Zimmer ist fühlbar und spürbar, und die Protagonisten sind lebendig von Kopf bis zu den unbeschuhten Füßen – nein, Schuhe tragen sie meist ja doch, die Bewohner von Ketterdam.

Diese Karte hat mich durch das Buch begleitet.

Genau. Die Helden. Sechs an der Zahl, fünf davon kommen zu Wort, den sechsten lernen wir nur durch die Sicht der anderen fünf auf ihn kennen und bedauern das im Lauf des Buches immer mehr. Wäre doch nur mehr Platz gewesen auf den 585 Seiten! Der Dieb, die Spionin, der Verurteilte, die Magierin, der Scharfschütze, der Ausreißer. Selten habe ich in Fantasy-Büchern lebendigere und vielschichtigere Figuren kennengelernt. Dazu kommt eine wirklich gute, spannende Geschichte, die durch die Beziehungen der Hauptfiguren untereinander nie langatmig wird und die geschriebene Welt in allen Details glänzen lässt. Gemeinsam machen sie sich auf eine halsbrecherische Mission, bei der das Ende nie sicher ist, genauso wenig wie die Entwicklung der einzelnen Personen. Muss ich noch erwähnen, dass Gut und Böse hier eine Unzahl von Zwischentönen haben? Und dass das scheinbar Richtige sich schnell ins Gegenteil verkehren kann?

Kein Kitsch, keine Langeweile, keine künstliche Spannung, keine schlecht geschriebenen Dialoge, keine seltsamen Brüche in der Handlung – hach. Es gibt sie doch noch, die perfekten Bücher. Selbstverständlich werde ich Band zwei lesen, wenn er im September herauskommt, überhaupt keine Frage. Große Empfehlung an alle Fantasy-Fans und auch an alle, die gut geschriebene, spannende Diebesgeschichten lieben.

Schöner Klappentext – er verrät nicht zuviel. Ich mag es gar nicht, wenn man schon auf der Rückseite zuviele Infos bekommt!