Ausgelesen: Tinte und Siegel. Die Chronik des Siegelmachers. Von Kevin Hearne.

Magie ist seit Harry Potter allgemein bekannt und überraschenderweise immer noch einigermaßen gesellschaftsfähig, auch, wenn die Akzeptanz seit dem letzten Potter-Band wieder etwas nachgelassen hat. Im Genre gab es seitdem ein paar Perlen, viele Trittbrettfahrer und leider auch eine Menge Ausschuss, aber dieses Buch gehört für mich eindeutig zu den Perlen.
Al MacBharrais ist Schotte, Schnurrbartträger, weiß, was er tut, ist über sechzig und Siegelmagier. Er schreibt mit sehr spezieller Tinte sehr spezielle Siegel, die einiges können, unter anderem auch bereits etwas ältere, knackende Gelenke vorübergehend wieder jung und elastisch machen. Damit lässt sich eine Menge anstellen, und so nimmt die erste Geschichte um den Schotten ihren Lauf, der mit dem Tod seines siebten Lehrlings beginnt. Dummerweise gab es davor schon sechs andere Lehrlinge, die ebenfalls alle ein unglückliches Ende genommen haben – gibt es da Zusammenhänge? Dazu hat BacBharrais ein schon etwas älteres Problem: Jeder, der seine Stimme länger hört, fängt an, ihn abgrundtief zu hassen. Deswegen kommuniziert er per Handy mit der Welt, und falls das jetzt verrückt klingt: Ja, das ist es, aber es ist so elegant im Text untergebracht, dass es weder stört noch zu dick aufgetragen ist.
Ganz ehrlich, ich habe mich sofort in MacBharrais verliebt. Die Welt aus den Augen eines älteren Mannes zu sehen, der schon eine Menge schöne und weniger schöne Dinge erlebt hat, dermaßen entspannt ist, sich wie ein Fisch im Wasser in seinem Schottland bewegt und sich dazu so gut mit Gin und Whiskey auskennt, wer würde den nicht mögen? Dazu kommen weitere Personen und äh, andere Wesen, die sehr einnehmend und gelungen sind und die das Lesen zu einem großen Vergnügen machen. Ich wollte kein anderes Buch lesen während ich dieses gelesen habe, und das ist immer ein großes Kompliment. Wie die Geschichte sich entwickelt, macht große Lust auf weitere Bücher aus der Reihe (die ja wohl hoffentlich erscheinen werden!). Außerdem gab es einen diskreten Hinweis auf eine andere Reihe von Kevin Hearne, die mich sehr neugierig gemacht hat und die ich mir auf jeden Fall näher ansehen werde. Wer die Bücher von Ben Aaronovitch mit Peter Grant mag, ist hier auf jeden Fall richtig. Aber sowas von!

Auch Oink war begeistert, er hat mitgelesen. Selbst das Foto strahlt etwas überbelichtet. 😁

Ausgelesen: Tod in der Bibliothek. Von JB Lawless.

Ja, ich geb´s zu: Ich habe den Krimi wegen des Titels gekauft. Ich meine, echt jetzt, wer kann denn da widerstehen? Klassischer geht es nicht mehr, und ich habe mich schon an einem langen Winterabend mit einer Tasse Tee in meinem Lieblingssessel sitzen sehen, wie ich vertieft und entspannt in diesem Buch lese.
Was gibt es zu sagen? Das Buch ist ein klassischer Krimi, er spielt in der irischen Provinz im Winter 1957. Das Land ist eiskalt und tief verschneit, und in der Bibliothek eines Herrenhauses wird ein toter Pfarrer aufgefunden. Der junge Detective St John Stafford macht sich auf, den Fall zu klären.
Und so eiskalt wie das Land entwickelt sich auch der Krimi. Die Einsamkeit aller Figuren wird durch das Wetter gespiegelt, jeder hat Geheimnisse, niemand hat Freunde, und wenn der Detective sich durch meterhohen Schnee quält, könnte das auch eine Metapher für sein Leben sein. Es fröstelt einen, je weiter man liest, und irgendwann musste ich es kurz beiseite legen und etwas Heitereres lesen, damit ich weitermachen konnte. Der Krimi hat ein bedächtiges Tempo, das bis zum Schluß gleich bleibt, und als ich es ausgelesen hatte, war ich ein klein wenig erschöpft.
Das Buch ist das erste einer Reihe. Ob ich weiterlesen werde? Hm. Mal sehen. Fürs erste brauche ich keine Fortsetzung.

Ausgelesen: Der Gesang der Flusskrebse. Von Delia Owens.

Ja, doch, die haben schon recht, die begeisterten Rezensenten. Ein gutes Buch. Aber mit kleinen Macken. Kya wächst im Marschland North Carolinas auf und verschmilzt dort fast mit der Natur. Aber sie ist auch ein Mensch und die Einsamkeit kann das Marschland nicht vertreiben, so sehr sie es auch fast als Mutter betrachtet. Zwei Männer treten in ihr Leben, einer davon stirbt und so entwickelt sich ein Gerichtsdrama vor der Kulisse der heißen, schwülen Südstaaten der USA.
Das Buch fängt großartig an. Die Beschreibung der Natur ist so eindrücklich, dass man fast meint, die feuchte, salzgetränkte Luft riechen zu können, und ab und zu habe ich nach einem eingebildeten Moskito geschlagen. Die Lebensgeschichte der Heldin, Kya, ist bildstark und gewaltig erzählt, und ich konnte teilweise kaum glauben, was ich gelesen habe. Wenn beschrieben wird, wie Kya ihr kleines Flachbodenboot durch die Kanäle steuert, Seevögel über ihr fliegen und das Schilfgras raschelt, ist man ganz bei ihr. Auch die kleine Stadt, in der sie ihre Einkäufe erledigen muss, steht fast aus den Seiten des Buches auf. Die Menschen, die ihr begegnen, sind liebevoll gezeichnet, aber nur so weit ausgeführt, wie sie für Kya wichtig sind. Soweit, sogut. Die erste Hälfte des Buches – sagenhaft, wirklich.
Dann gleiten wir in die zweite Hälfte, in der sie zwei Männer kennenlernt, und ab hier wird es etwas zu gefühlig für meinen Geschmack. Ich mag keine Spoiler, daher werde ich ab hier etwas neblig mit meinen Beschreibungen. Die zweite Hälfte des Buches ist spannend, keine Frage, aber auf eine seltsame Art entgleitet mir die Hauptfigur. Ihr Handeln ist nachvollziehbar, aber die enge Verbindung, die die Leserin anfangs zu ihr hatte, verschwindet nach und nach, und in den romantischen Abschnitten waren mir persönlich zuviele sehnsuchtsvolle Blicke enthalten und zuviel Verzögerung. Dafür steigt aber die Spannung zum Ende hin signifikant an, und die Beschreibung des Prozesses ist wieder großartig. Beim Finale bzw. dem Epilog bin ich zwiegespalten. Einerseits hätte ich ihn so nicht gebraucht, andererseits gibt es da aber noch eine Entwicklung, die mich mit vielem wieder versöhnt hat.
Für mich ist es ein sehr lesenswertes Buch allein aufgrund der ersten Hälfte. Großartig. Die zweite Hälfte wechselt ein klein wenig das Genre, wem das gefällt, für den ist es vermutlich ein großartiges Buch im Ganzen. Ich würde es nicht unbedingt sofort als modernen Klassiker bezeichnen, das muss die Zeit zeigen. Aber sehr lesenswert ist es auf jeden Fall, und wer ein Faible für die Südstaaten der USA hat, sollte es auf keinen Fall verpassen.

Ausgelesen: Das neunte Haus. Von Leigh Bardugo.

Ich habe eine ausgesprochene Vorliebe für Bücher von Leigh Bardugo, man gucke hier und hier, daher war es klar, dass ich das hier auch lesen werde. Das neunte Haus spielt nicht in Ketterdam (schade eigentlich), sondern an der Ostküste der USA in New Haven. Vielleicht musste die Autorin mal etwas anderes um sich haben als Grischas und Diebesbanden, und das ist ihr gelungen.
Alex Stern ist noch relativ neu in New Haven, nach einer verkorksten Kindheit und Jugend wurde ihr hier eine neue Chance auf ein anderes Leben geboten, im Tausch gegen eine seltene Fähigkeit: Sie kann Geister sehen, und zwar in Farbe. Das ist etwas Besonderes. Die Mitglieder des neunten Hauses müssen ein kompliziertes, ausnehmend abscheulich schmeckendes und wirkendes Gebräu mit sehr unangenehmen Nebenwirkungen trinken, um Geister sehen zu können: In Grau. Nicht in Farbe, wie Alex. Sie hat für das neunte Haus eine Menge Dinge zu erledigen, die anderen acht Magie wirkenden Studentenverbindungen im Auge zu behalten zum Beispiel, Rituale zu überwachen, und soll nebenbei auch noch ein ganz normales Studium absolvieren, was schwierig ist mit ihren lückenhaften Schulkenntnissen. Als ein Mord geschieht, möchten alle Beteiligten eine einfache Aufklärung ohne große Hintergrundnachforschungen, aber Alex hat da so ein Gefühl…
Ein Mordfall in einer kleinen, mächtigen Community, die viel zu verlieren und viele Leichen im Keller hat, eine Ermittlerin wider Willen, die nicht aus diesem Milieu stammt und ein Tutor, der eigentlich selbst noch in der Ausbildung ist, das sind die Grundbausteine, aus denen dieser Fantasy-Krimi besteht. Leigh Bardugo entwirft eine Welt neben der eigentlichen Welt, allerdings ist die eigentliche Welt sehr von New Haven abhängig. Im Grunde werden hier alle Bausteine hergestellt, mit denen man in Politik, Kunst und Wirtschaft erfolgreich sein kann, und so ist New Haven der Geburtsort von Leitern, Künstlern, Präsidenten und Wirtschaftsmagnaten, die immer wieder hierher zurückkommen. Niemand ist daran interessiert, dass eine unbedeutende Jungstudentin in ihren Kreisen herum kratzt und Dinge ans Tageslicht befördert, die besser weit unten im Schlamm geblieben wären.
Die New Haven Welt ist gelungen, keine Frage. Die Charaktere ebenfalls, einige bleiben ein bisschen blaß, aber das macht nichts, denn umso mehr Zeit wird in Alex Stern investiert, in ihren Tutur Darlington und in die Campuswelt. Es wird konsequent aus Alex´ Sicht erzählt, nur ein paar Mal tauchen wir in Darlingtons Leben ein, und diese Passagen haben mir sehr gut gefallen und mich ein bisschen an Maggie Stiefvaters Raven Boys erinnert: Ein bisschen versponnen, wie mit goldenem Licht überzeichnet. Alex Stern dagegen ist rau, klar und kantig, sie behält ihre Geheimnisse für sich und erklärt sich nicht, wenn Menschen sie fragend ansehen, sie ist bereit, sehr weit zu gehen, um Antworten zu erhalten und sie versteckt ihre weicheren Seiten unter abweisenden Blicken. Die Campuswelt ist dunkel, mit ein paar goldenen und blutroten Glanzpunkten, fast jeder hier verfolgt eigene Ziele und ist berauscht von all der Macht, die so leicht verfügbar zu sein scheint. Die ganz normalen Studenten, die es hier auch gibt, gehen etwas unter in dieser überbordenden Gothic Noir Welt, was ein bisschen schade ist.
In der Mitte hat das Buch ein paar Längen, ein bisschen weniger Ermittlungsarbeit hätte ihm nicht geschadet, aber letztendlich macht das nichts, das Buch saugt einen schnell wieder ein und zum Ende hin nimmt es noch einmal mächtig an Fahrt auf. Leider ist Band zwei noch nicht in Sicht. Ich werde auf jeden Fall dabei sein, wenn er erscheint.

Ausgelesen: Taken (Band 1). Von Erin Bowman.

Wenn man die Tribute von Panem gelesen hat, ist man als Leserin natürlich verwöhnt, das muss ich zu Beginn einräumen. Geniale Story, tolle Welt, guter Schreibstil, man kann was lernen, überzeugende Charaktere: Jedes andere Buch hat es danach schwer.
So auch dieses Buch. Clay, ein 17jähriger Teenager, muss zusehen, wie sein 18jähriger Bruder geraubt wird. So nennen die Einwohner von Claysoot den Vorgang, der ihnen alle 18jährigen Männer nimmt, ein unentrinnbares Schicksal, wie es scheint. Niemand weiß, wohin sie verschwinden, wie auch überhaupt niemand weiß, wie es ausserhalb des Dorfes aussieht, denn es ist von einer unüberwindbaren, hohen Mauer umgeben. Wer versucht, sie zu überklettern, wird am nächsten Tag als verkohlte Leiche aufgefunden.
Soweit, sogut. Eine interessante Ausgangsperspektive. Raten wir mal, was als nächstes passiert. Clay versucht, über die Mauer zu kommen, hurra! Und überraschenderweise schafft er es ohne allzu große Schwierigkeiten. Hier dachte ich zum ersten Mal, was jetzt? Auf diesen Punkt hin ist doch die ganze Geschichte aufgebaut, sollte es nicht ein bisschen schwieriger sein, sie zu überwinden? Nein, anscheinend nicht. Und nun beginnen irre Wendungen, die Geschichte mäandert von Halbhöhepunkt zu Halbhöhepunkt, von denen jeder wirklich sehr gut hätte sein können, wenn er etwas entschlossener angegangen worden wäre. Aber immer, wenn es wirklich interessant werden könnte, flüchtet unser Hauptdarsteller an den nächsten Schauplatz. Dabei hat er Schablonenbegleiter, die nicht tiefgängiger sind als eine Pfütze. Als eine kleine Pfütze. Eine Ausnahme gibt es im Buch, die etwas mehr Hintergrund hat, aber da in diesem Buch selbst die Hauptperson nicht besonders tiefgängig ist, darf man nicht allzu viel erwarten.
Schade eigentlich. Die Grundidee war nicht übel, wurde aber leider nicht gut genutzt. Die Handlungsorte hatten nicht genug Zeit, sich zu entwickeln, die Charaktere bleiben an der Oberfläche. Dieses Buch ist nur etwas für Vielleser, für die es leider nicht genug Tribute-von-Panem-ähnliches gibt, oder für Leser, die nebenbei noch Fernsehen oder youtuben wollen, da fallen die Logiklöcher, von denen es auch ein paar gibt, nicht weiter auf. Ich habe nach zwei Dritteln aufgegeben und das letzte Drittel im Schnellverfahren durchgeblättert. Dabei sah der Einband vielversprechend aus. Tja. So kann es gehen.

Ausgelesen, nein, ausgeliebt: Mittagsstunde. Von Dörte Hansen.

Es gibt Bücher, die möchte man nach der letzten Seite nicht aus der Hand legen, man streichelt noch einmal sanft über den Einband, blättert liebevoll durch die Seiten, liest hier erneut einen Satz, dort einen Absatz, dann klappt man es wieder zu und lässt es noch ein Weilchen auf den Beinen liegen und überlegt, wann man das letzte Mal ein dermaßen gutes Buch gelesen hat.
So ein Buch ist das hier. Ich würde am liebsten mit lauter Superlativen um mich werfen, aber das hat dieses Buch gar nicht nötig, es kann gut für sich allein sprechen.
Ingwer Feddersen, 47 Jahre, kommt nach langer Zeit zurück in sein Dorf und zurück zu seinen Großeltern, die am Ende ihres Lebens angekommen sind. Der Dorfkrug, seit Jahrzehnten von Großvater Sönke geführt, steht vor dem Aus, eigentlich ist er schon seit Jahren im Aus, genau wie das ganze Dorf. Wann hat der Wandel begonnen? Mit der Flurbereinigung? Oder mit dem Höfesterben? Oder als Ingwer in die Großstadt zog und seine Großeltern zurückließ? Auf jeden Fall hat er jetzt etwas wiedergutzumachen, und so zieht er zurück in sein Dorf.
Es ist eine Geschichte über Wandel, über Verlust und unwiderbringlich Vergangenes, die mit so großer Wärme erzählt wird, dass ich das Gefühl hatte, hier schreibt jemand über etwas, das er sehr liebt. Gleichzeitig habe ich ständig Parallelen zu meinem Dorf und zu meiner Kindheit gezogen und habe vieles wiedererkannt, die kleinen Höfe mit ihren drei Kühen und der Zuckerrübenhäckselmaschine, die alten Gasthöfe mit ihren kühlen Steinböden und den von unzähligen Tanzschuhen glattpolierten Holzböden, die grauhaarigen Frauen mit Kopftüchern und seltsamen Eigenarten, die immer schwarz gekleidet zum Einkaufen kamen. Und all die alten Geschichten aus dem Dorf, die jeder kannte, und die von Generation zu Generation weitererzählt wurden, von Ehebruch und untergeschobenen Kindern, von Kämpfen um Weideland, Auswanderungen und Nothochzeiten. Heute gibt es solche Geschichten nicht mehr, sie haben sich verändert, heute geht es um anderes.
Mittagsstunde erzählt die Geschichte eines Dorfes anhand mehrerer Menschenleben, nicht linear, sondern hin und her schaukelnd, die Sichtweisen ändernd, je nachdem, bei wem man gerade im Kopf ist und zuhört. Und ab und zu kommt das Dorf selbst zu Wort, nicht als Person, sondern als Konstrukt, als eine Ansammlung von Menschen mit ihren verschiedenen Lebenswegen. All das wird sehr liebevoll betrachtet, keine Spur von Herablassung ist zu finden, und die norddeutsche Tiefebene mit ihren schweren Regenschauern, hellblauen Sommern und goldgelben Strohballen taucht vor einem auf, so klar und lebendig, dass man meint, das Stroh und die Kühe riechen zu können. Von Anfang an ist klar, etwas geht gerade zu Ende, und es gibt nichts, was das aufhalten könnte, aber auf eine melancholische Art und Weise ist das in Ordnung, denn es wird etwas Neues kommen, was immer das sein wird. Als kleine helle Fackel zum Schluß gibt es eine Art von Neuanfang, und dann klappt man das Buch zu, seufzt leise und denkt noch einmal an Meta Anna zurück, bei der man Brausebonbons für zwei Pfennig das Stück kaufen konnte, und an das Kartoffelausbuddeln mit Pflaumenkuchen mit Schlagsahne von Oma. All das ist auch dahin, es wird nicht zurückkommen. Aber es war da. Und das ist traurig und wunderbar zugleich.

Ausgelesen: Mam´zelle Esterel, Wundervolle Sommer. Von Zidrou und Jordi Lafebre.

Sommer! Verheißungsvolle Zeit voller Ferien, weitem Himmel und Zitronentarte! So hat der belgische Comiczeichner Pierre Faldèrault sich das vorgestellt, aber dann bekommt er von seinen Schwiegereltern den Renault 4L geschenkt, der so rot ist wie das am Mittelmeer gelegene französische Esterel-Gebirge und von der Familie sofort Mam´zelle Esterel getauft wird. Und so fühlt er sich verpflichtet, gemeinsam mit seinen Schwiegereltern in den Urlaub zu fahren, von Brüssel nach Südfrankreich, und alles kommt etwas anders als gewünscht und ist doch auch schön. Und bleibt unvergesslich.
Wieder ein praller Band voller Sommer und Familie, mit Leid und Glück, Humor und vielen Erinnerungen an die Zeit vor fünfzig Jahren. Frankreich, Belgien und der Sommer: Kann es besser laufen? Am allerbesten ist es, wenn man diesen Band kurz vor dem Urlaub liest oder sogar im Urlaub. Mit Zitronentarte. 😊

Ausgelesen: Die Verschwundenen vom Mondscheinpalast. Von Christelle Dabos.

Kleine Notiz an mich: Ja, auch zweite Bände einer Trilogie können großartig sein! So geschehen bei diesem Buch. Von Band eins war ich sehr angetan, aber bei Trilogien habe ich oft ein wenig Angst vor Band zwei, oft ist es nämlich nur das in die Länge gezogene Bindeglied zwischen Anfang und Ende. Natürlich ist dieser Band hier auch ein Bindeglied zwischen Anfang und Ende, aber was für eins! Da macht es doch Freude, ein Bindeglied zu lesen! Die Heldin Ophelia arbeitet nun als Vize-Erzählerin am Hof und hofft, sich endlich etwas ausruhen zu können, aber da hat sie sich getäuscht (zum Glück für alle Leserinnen und Leser): Als da sind: Sanduhren, Illusionen, der Pol, Archen, scheinbar verrückte Herrscher, eine eigenwillige, starke Heldin und eine sehr schöne, zurückhaltend erzählte Liebesgeschichte.
Mir hat es wirklich Freude bereitet, dieses Buch zu lesen. Band drei habe ich mittlerweile auch schon durch, er war großartig, ein fulminanter Abschluß, sprühend vor wahnsinnigen Ideen und Handlungswendungen, bei denen einem schwindlig wurde, aber ich werde ihn nicht mehr rezensieren, denn Trilogien sind ja eigentlich ein einziges, sehr, sehr langes Buch. Da muss eine Rezension eigentlich ausreichen. In diesem Fall gab es nun zwei, weil die Bücher wirklich sehr empfehlenswert sind für jeden, der Fantasy mag: Leuchttürme in der weiten Fantasy-Buch-Welt.

Ausgelesen: Eine Leiche wirbelt Staub auf. Von Alan Bradley.

Tja. Was macht man, wenn man eine geniale Hauptfigur erfunden hat, sie durch allerlei skurrile Mordfälle hat schlendern lassen und dann feststellt, dass die Geschichte eigentlich auserzählt ist? Richtig! Man schickt sie an einen neuen Ort mit neuen Figuren, nimmt ihr ihre Sidekicks und guckt mal, was passiert. Flavia passiert, was ihr immer passiert, sie stolpert über eine Leiche, sie monologisiert, denkt Dinge, die ein Mädchen ihres Alters noch nicht denken sollte und verhält sich seltsam. Ihre neue Umgebung, ein Internat in Kanada, macht es ihr allerdings auch leicht, sich seltsam zu verhalten. Das Internat ist nämlich noch viel seltsamer als sie, da wirkt Flavia dagegen fast schon vernünftig. Die Geschichte ist auch seltsam, sie verstrickt und verheddert sich immer mehr mit jeder neuen Seite, dazu kommen Geheimagentenspiele, niemand spricht mit niemandem, alle sind misstrauisch und es bleibt die Frage: Warum um alles in der Welt schickt eine Familie ihr Kind alleine nach Kanada in ein Internat?
Und trotzdem hat er mich wieder um den Finger gewickelt, der Autor, echt jetzt. Wenn Flavia dort geblieben wäre, wo ich sie schon kannte, in ihrem Dorf, bei ihren Schwestern und ihrem ebenfalls seltsam abwesenden Vater, dann hätte ich das Buch wohl nicht gelesen. Vermutlich werde ich die weiteren Bände der Reihe auch nicht weiterlesen, denn wie oben schon gesagt, eigentlich ist die Reihe auserzählt. Wenn der Autor nicht gestattet, dass Flavia sich weiterentwickelt und älter werden darf, kann es nur immer abstruser werden, zumindest, wenn er so weiterschreibt wie bisher. Für vier Bücher hat das gereicht, das fünfte war schon etwas ausgeleiert, das sechste hat funktioniert, weil es an einem anderen Ort spielt. Aber immerhin: Es hat funktioniert. Flavia hat einen Mord aufgeklärt, eine Freundin gefunden (naja, fast), festgestellt, sie ist nicht die allein Seltsame und darf wieder zurück nach England. Was will man mehr?

Ausgelesen: Crazy Rich Asians. Von Kevin Kwan.

Rachel ist verliebt in Nick und Nick ist verliebt in Rachel, beide leben glücklich und zufrieden in New York. Soweit ist alles gut, aber dann will Nick Rachel seiner Familie vorstellen, die in Singapur lebt. Es stellt sich heraus, dass Nicks Familie reich ist, sehr, sehr reich, verrückt reich, und dummerweise auch mit allerlei Marotten ausgestattet ist. Wenn alles möglich ist, was macht man damit? Ist man glücklicher, sorgenfreier, unbeschwerter? Nun ja. Einerseits schon. Andererseit sind auch sehr, sehr reiche Menschen nur Menschen, und wer keine Probleme hat, macht sich welche. Und so beginnt ein doppelbödiges Intrigenspiel, in dem jeder seine Ziele verfolgt und während Märchenhochzeiten geplant werden, fliegt man kurz nach Paris oder Hongkong, um shoppen zu gehen.
Ich habe das Buch mit großem Vergnügen gelesen, hatte immer mal wieder kurz Schnappatmung, weil das Verhalten der Buchprotagonisten tatsächlich so unglaublich ist, dass man es kaum glauben kann. Geheime Häuser in öffentlichen Parks, quasi nichtexistente Superreiche, die dafür sorgen, dass sie niemals irgendwo in der Öffentlichkeit erwähnt werden, weil ihnen die Zeitungen, Fernsehsender und halb auch die Regierungen gehören, Junggesellinnenpartys mit verschenkter Designermode frisch vom Laufsteg, um die sich fast geprügelt wird, und dazwischen Rachel als Hauptfigur, der dauernd der Mund offenstehen bleibt. Unfassbar, das alles, doch die Realität soll noch viel ausufernder sein. Band zwei und drei habe ich ebenfalls gelesen und auch die waren gut, aber Band eins ist wirklich empfehlenswert, der Aha-Effekt macht wirklich großen Spaß. Nebenbei lernt man auch noch viel über Singapur und die asiatische Welt. Also über die gehobene asiatische Welt. Der kleine Mann (oder die kleine Frau) kommt im Buch eher nicht vor.
Die Verfilmung kann ich nicht empfehlen, von all der Ironie, dem Sarkasmus und den kleinen Bösartigkeiten bleibt dort nicht viel übrig, die Geschichte wird zur Liebeskomödie eingestampft. Allerdings: Wer gut aussehende Menschen in einer Liebeskomödie mag, der sollte sich den Film doch ansehen. 😉