Ausgelesen: Das unerhörte Leben des Alex Woods. Von Gavin Extence.

Letztes Jahr habe ich zwei dieser kleinen Leseprobenhefte geschenkt bekommen, und wisst ihr was? Sie haben ihren Lebenssinn erfüllt, ich habe nämlich beide Bücher gekauft. Eins davon ist „Das unerhörte Leben des Alex Woods oder warum das Universum keinen Plan hat“. Es versteht sich von selbst, warum dieser schlangenähnliche Titel nicht komplett in die Überschrift gepasst hat :).

Alex Woods ist ein besonderes Kind, und das war er auch schon, bevor er im Badezimmer von einem Meteoriten am Kopf getroffen und k.o. geschlagen wird. Er hat andere Interessen als seine Mitschüler, ist an Zahlen, Daten und Fakten interessiert und will alles immer ganz genau wissen. Wissenschaftliches Denken ist ihm angeboren, und das macht das Leben mit einer hellseherisch engagierten Mutter nicht immer ganz einfach, aber sie haben sich gern und arrangieren sich.

Nachdem der Meteor ihn für alle Zeiten zu einem wirklich außergewöhnlichen Jungen mit einer Narbe am Kopf gemacht hat, wird die Schule schwierig für ihn. Außerdem bekommt er epileptische Anfälle, vermutlich verursacht durch den Aufprall des Meteoriten, was ihn für seine Mitschüler zu einem noch lohnenderen Ziel formt. Und so kommt es, dass er auf der Flucht vor Mitschülern im Garten von Mr. Peterson landet, dabei eine Hecke und ein Gewächshaus zerstört, sich entschuldigen muss und in der Folge Wiedergutmachung in Form von Hilfsdiensten bei Mr. Peterson leisten muss. Und damit beginnt eine wahrhaft ungewöhnliche, wunderbare Freundschaft.

Diese Freundschaft und die Figur des Alex Woods haben den Roman für mich lesbar gemacht. Wer wünscht sich das nicht, eine Freundschaft, die durch alle Höhen und Tiefen hindurch nie aufgegeben wird, die den anderen bis in den Tod begleitet – glücklich, wer solche Freunde hat. Und Alex Woods hat durchaus heldenhafte Züge, sie sind zwar gut versteckt unter seinen besonderen Eigenarten, aber vorhanden. Treu, ehrlich, intelligent ist er auch – was will man mehr? Nichtsdestotrotz bin ich sehr zwiegespalten, denn auf der einen Seite ist das ein gut geschriebenes Buch mit Botschaft, aber auf der anderen Seite ist genau das mein Problem. Ich mag es nämlich nicht, wenn mir von hinten durch die Brust ins Auge eine Botschaft beigebracht werden soll. Im ersten Drittel geht das Buch um Alex, im zweiten Drittel um Alex und Mr. Peterson und ihre Weltsicht, im letzten Drittel wird es zu einem Buch, das vehement für Sterbehilfe wirbt. Und da bin ich wirklich zerrissen. Eigentlich bin ich der Meinung, dass das Leben jedes einzelnen Menschen kostbar ist und nicht freiwillig aufgegeben werden sollte, denn jeder hat nur eins davon. Aber andererseits sehe ich auch, dass es Situationen und Krankheiten gibt, die niemand ertragen müssen sollte. Auf der einen Seite denke ich, es gibt gute Gründe, warum in vielen Ländern Sterbehilfe verboten ist. Auf der anderen Seite sollte aber jeder das Recht haben, sein Leben in Würde zu beenden, wenn er das so will. Andererseits: Kann man wirklich bei allen Menschen, die diesen Wunsch haben, sicher sein, dass sie nicht von anderen beeinflusst wurden und sich ohne diesen Einfluss nicht vielleicht doch anders entschieden hätten? Letztlich weiß man es nicht, aber sicher ist, dass Entscheidungen für oder gegen etwas viel leichter fallen, wenn man nicht selber betroffen ist. Wenn es einen dann selber trifft, sehen die Dinge wieder ganz anders aus. Es ist ein endloses Thema, bei dem es keine Verallgemeinerungen geben sollte – jeder Mensch ist sein eigenes Universum, hat seine eigene, ganz persönliche Geschichte und Gründe, von denen nur er weiß.

Ich bin wirklich zwiegespalten. Und ich habe ein Unbehagen empfunden, als ich das letzte Drittel des Romans gelesen habe, das nicht mehr verschwand. Es ist konsequent aus der Sicht eines Befürworters geschrieben. Mr. Peterson hat die Art von Krankheit, bei der alle zustimmen würden, dass ein Leben damit schrecklich wäre, ich sehe das genauso. Alex ist die Art von Helfer, dem man keinerlei Eigennutz unterstellen würde, er ist selbstlos, ein großartiger Freund in der Not, viel erwachsener als andere 17jährige Jugendliche in seinem Alter und praktischerweise hat er von Mr. Peterson Autofahren gelernt, so dass er ihn in die Schweiz in eine Sterbeklinik fahren kann. Beide glauben nicht daran, dass nach dem Tod noch etwas kommt, Religion ist kein Thema für sie. Die Mitarbeiter der Klinik in der Schweiz sind zu 100% reine Humanisten, was ja eigentlich etwas gutes ist, aber hier fügt sich alles dermaßen gut zusammen – das war mir einfach zu einfach.

An und für sich ist es ein gut geschriebenes Buch mit sympathischen Charakteren, leicht skurrilen Ereignissen, einer konsequenten Weltsicht mit ebenso konsequentem Ende. Das kann einem gefallen oder auch nicht, und ich fürchte, mir hat es nicht gefallen, vor allem, weil ich es nicht habe kommen sehen – das Buch fing harmlos an mit einer Geschichte um einen interessanten Außenseiter und arbeitete sich dann vor zu einem völlig anderen, sehr ernsten Thema, das mit dem Anfang des Buches nicht mehr viel zu tun hatte. Viele Handlungsstränge sind auf dem Weg zu diesem Thema auf der Strecke geblieben oder zu reinen Erfüllungsgehilfen hin zum eigentlichen Thema des Buches verkümmert. Mir sind schon öfter Bücher mit Botschaft begegnet, und mir ist immer lieber, ich weiß von Anfang an, was ein solches Buch von mir will. Dann kann ich frei entscheiden, ob ich es lesen möchte oder nicht, aber sich so anzuschleichen und mich hinterrücks zu überrumpeln? Naja.

Schade eigentlich. Alex Woods ist mir nach wie vor sehr sympathisch. Nur mit dem Autor, da fühle ich mich nicht wohl.

Ausgelesen: Der kleine Laden der einsamen Herzen. Von Annie Darling.

Ein Buchladen, der ausschließlich Liebesromane mit Happy End verkauft – was ist das denn für eine geniale Geschäftsidee? Ob das schon jemand umgesetzt hat? Also, ich wäre auf jeden Fall dafür!

Posy Morland, die Hauptfigur im Roman, hat es sich auf jeden Fall in den Kopf gesetzt, ihre geerbte, ziemlich am Boden liegende Buchhandlung komplett auf den Kopf zu stellen und mit diesem Konzept neu zu eröffnen. Dabei gibt es eine Menge Stolperfallen auf dem Weg zum Erfolg, sei es fehlendes Kapital, fiese Immobilienspekulanten oder die eigene Angst vor der Courage. Und auf welcher Seite steht eigentlich ihr alter Jugendfreund, der sie so gerne bis zur Weißglut ärgert? Das wird hier nicht verraten, nur soviel: Wenn man einen solchen Laden eröffnen will, kann man als Autor ja nicht gut seine Ideale verraten – oder?

Ein wirklich netter, sehr gute Laune machender Liebesroman für alle buchsüchtigen Romantikerinnen. Das Cover hält, was es verspricht, und hübsch geschrieben ist es auch noch. Was will man mehr? Diese Autorin behalte ich auf jeden Fall im Auge!

Ausgelesen: Die raunende Maske und Das flammende Phantom. Von Jonathan Stroud.

Jonathan Stroud gehört mit zu den besten Autoren für Jugendliteratur im Bereich Fantasy. Die Bartimäus-Reihe ist meiner Meinung nach unerreicht, nicht umsonst war sie sagenhaft erfolgreich im Buchmarkt. Hier nun haben wir Band drei und vier aus der Reihe um die Agentur Lockwood & Co, und auch hier gilt: Sagenhaft gut.

In London gibt es seit etwa 50 Jahren „das Problem“: Manche Verstorbene finden aus unerfindlichen Gründen nicht den Weg ins Jenseits, sondern bleiben in der Welt der Lebenden und machen ihnen das Leben schwer. Es gibt Geister verschiedener Stärke und Intensität, aber eins haben sie alle gemeinsam: Für Erwachsene sind sie unsichtbar. Allein die Kinder und Jugendlichen sind in der Lage, sie wahrzunehmen und demzufolge auch zu bekämpfen. Aus dieser Situation heraus ist ein völlig neues Arbeitsfeld entstanden: Agenturen mit Kindern und jugendlichen Angestellten, die die Geister vertreiben und dazu bringen, den letzten Schritt zu gehen. Geleitet werden die Agenturen natürlich von Erwachsenen, bis auf eine: Lockwood & Co. Und die Bücher beschreiben die Geschichte und Erlebnisse der Mitarbeiter dieser Agentur: Lucy Carlyle, George Cubbins, Anthony Lockwood und Holly Munro.

In Band drei und vier gibt es wirklich gut erzählte, schön schaurige Geschichten, die absolut gekonnt mit der persönlichen Geschichte der vier Mitarbeiter der Agentur gemischt werden. Die düstere Grundstimmung und die geheimnisvolle Londoner Parallelwelt bestimmen das gesamte Flair der Bücher, und am besten liest man unter einer Wolldecke auf dem Sofa, mit nicht zu wenig Licht in den Räumen. Beim Lesen habe ich manchmal gedacht, meine Güte, den armen Agenturmitarbeitern wird wirklich viel zugemutet, ob es die nächtlichen Arbeitszeiten sind, die fehlenden Familien oder die angsteinflößende Arbeit, die auch durch Hilfsmittel wie Eisenketten- und Späne oder Salz nicht ungefährlicher oder einfacher wird. Der Autor geht konsequent mit seiner Idee um, auch, wenn es dadurch keinerlei Gänseblümchen auf sonnenbeschienenen Wiesen gibt, sondern hauptsächlich Friedhöfe und unschöne Tode.

Wer ein bißchen Grusel und ungewöhnliche, gut erzählte und geschriebene Stories mag, sollte es mit diesen Büchern unbedingt mal versuchen.

Ausgelesen: Diverses aus März und April 2018

Es gibt Bücher, die einen packen, fesseln und begeistern. Dazwischen gibt es aber auch das sogenannte Lese-Ödland, eine leere, weite Fläche, in der ab und zu Bücher wie Inseln auftauchen, sich dann aber als zu klein, zu anders, zu seltsam, zu langweilig oder einfach als nicht passend herausstellen. Dann geht man weiter, immer in der Hoffnung auf die nächste, perfekte Bücherinsel.

In solchen Zeiten probiere ich gern mal etwas anderes aus, aktuelle Belletristik oder einen neuen Autor/Autorin. Manchmal sind es Entdeckungen fürs Leben, manchmal nicht. Und dann gibt es die Serien, zu denen man immer wieder zurückkommt, wie die hier zum Beispiel:

Leberkäsjunkie von Rita Falk. Ich mag den Eberhofer, mit all seinem Machismo und auch all seinen weichen Momenten. Dialekt lesen finde ich eigentlich eher schwierig, in diesen Büchern ist er aber sehr ok, vermutlich auch, weil es eine extrem entschärfte Form ist, die von München bis Hamburg jeder versteht. Es ist Band sieben aus der Reihe, und der Franz ist etabliert in der Literaturszene, entweder man mag ihn oder man mag ihn nicht. Ich mag ihn und werde mir auch die nächsten beiden Bände auf jeden Fall vornehmen.

Sommer in St. Ives von Anne Sanders. Die Autorin kannte ich noch nicht, und aufmerksam geworden bin ich durch die Beschreibung als leichte Sommerlektüre. Mir war es etwas zu leicht, das Buch konnte mich leider nicht fesseln, und so bin ich ein bißchen unmotiviert zwischen den Seiten hin und her gehüpft. Die Geschichte ist nett, die zwei Ebenen hätte ich nicht gebraucht, es plätschert so vor sich hin. Schlecht ist das nicht, aber gepackt hat es mich leider auch nicht.

Eine treue Frau von Jane Gardam. Ja. Hm. Ich bin mir nicht sicher. Es ist wirklich, wirklich gut geschrieben, jeder Satz eine unerwartete Reise, nie weiß man, wo es hingeht, da stehen Worte und hinter den Worten liegen völlig andere Worte, die aber niemals aufgeschrieben werden. Ich nehme an, dass das großartige Literatur ist, nur: Ich lese aus anderen Gründen. Eigentlich. Eigentlich möchte ich gerne eintauchen in das Leben anderer und es verstehen und mitfühlen, dafür brauche ich aber eine ganz andere Art von Schreibstil. Und trotzdem. Es lässt mich nicht los. Ich habe es noch nicht ganz durch und ich vermute, ich werde weiterlesen – bis zum Schluss.

Lichterzauber in Manhattan von Sarah Morgan. Das ist einfach: Dunkler, geheimnisvoller, einsamer Mann (der dabei aber natürlich auch liebevoll, stark und zuverlässig ist), trifft auf liebevolle, helle, durchschaubare, quirlige Frau, die sich einsam fühlt, es aber eigentlich nicht ist (wenn man der Autorin und ihrer Beschreibung glauben darf). Ach ja, beide sehen super aus, wobei die Frau das über sich selbst nicht recht glauben kann und dem Mann sein Aussehen egal ist. Dazu nähert sich Weihnachten mit großen Schritten, es schneit,  sie haben unfreiwillig viel Zeit zu zweit und später kommt noch ein Hundewelpe ins Spiel. Tadaa! Happy End. Ab und zu ist so ein Buch wirklich nett, allerdings sollte man seinen Verstand während des Lesens nach Möglichkeit komplett ausschalten. Ich habe mich ab und zu dabei ertappt, wie ich „Ja, klaaaar!“ dachte. Und grinsen musste.

Cottage gesucht, Held gefunden von Susan Elizabeth Phillips: Im Prinzip dasselbe wie beim Lichterzauber oben, nur mit etwas mehr Umfang und mehr sprachlichen Details. Ansonsten genau das, was man bei dieser Autorin erwartet. Ich habe in einigen Kapiteln ein ganz klein wenig vorgeblättert, muss ich zugeben.

Drei Engel für Armand von Jim C. Hines. Märchen mal ganz anders! Hier ziehen Dornröschen, Schneewittchen und Aschenputtel los und holen den entführten Prinzen zurück, und das mit allen Kampftechniken, die einem einfallen. Das Buch trifft den locker ironischen Tonfall der Serie „Drei Engel für Charlie“ fast schon zu perfekt, manchmal hatte ich das Gefühl, gleich taucht irgendwo der Lautsprecher mit neuen Anweisungen auf. Das Buch ist reine Geschmackssache und recht weit vom Mainstream entfernt. Auch hier habe ich ein wenig vorgeblättert, aber im großen und ganzen war es nett.

Tja. Und nun? Nun warte ich auf das nächste Buch, das mir vor die Nase fällt und mich aus dem Lese-Ödland rettet!

Ausgelesen: Shadowmarch – Das Herz (Band 4). Von Tad Williams

So. Jetzt sind wir bei Band 4 angekommen, die Reihe nähert sich der Vollendung. Und eine Vollendung ist es wirklich: Fast ein Dutzend Erzählstränge laufen seit Band 1 nebeneinander her, und nun versammeln sich sich alle an der Südmarksburg, treffen aufeinander und steuern auf eine gewaltige Schlacht zu. Es geht um nichts geringeres als die Weltherrschaft, einen größenwahnsinnigen König und lebende Götter. Mehr wird nicht verraten!

Tad Williams hat auf fast dreitausend Seiten eine Welt erschaffen, die in sich logisch ist, eine vielschichtige Religion aufweist, verschiedenste Völker und Länder vereint und so voller Liebe zum Detail ist, dass man es manchmal gar nicht fassen kann. Ob es Hintergrundgeschichten zur Geschichte der Länder sind, die Beschreibung der steinernen Decke in den Funderlingshallen oder das Treffen von Briony mit der Halbgöttin Lisiya im Wald – alles fügt sich ein in ein riesiges, farbenprächtiges Mosaik, vor dem man staunend steht und denkt: Wie hat er das bloß gemacht? Und wie plant man so etwas? Wie viel Zeit hat er damit verbracht, sich nur die Namen aller Personen  auszudenken? Unglaublich.

Ein paar kleine Kritikpunkte von meiner Seite gibt es: Einige der Handlungsstränge sind unvollendet geblieben oder aus meiner Sicht heraus nicht ganz schlüssig beendet worden, da tauchte die ein oder andere Frage auf, nachdem ich das letzte Buch zugeklappt hatte. So schlimm fand ich das angesichts des Umfangs der Reihe allerdings auch wieder nicht. Manchmal war es mir in einem der Stränge zu grausam; ich bin kein Freund von detailliert beschriebenen Folterszenen und ich bin auch nicht der Meinung, dass die eigene Fantasie sowieso immer noch schlimmer ist als das, was beschrieben wird. Klar muss man den Bösewicht besonders hervorheben, aber auf manche Ideen möchte ich einfach nicht gebracht werden. Und als letztes: Ich habe bestimmt ein oder zwei graue Haare mehr bekommen, wenn wieder ein Kapitel zu Ende war, die Handlung zur nächsten Person sprang und ich dastand mit einem Cliffhänger, der erst im über-über-über-übernächsten Kapitel aufgelöst werden würde. Das ist unmenschlich gegenüber dem Leser!!! So. Das musste auch mal gesagt werden.

Ansonsten aber: Wer sagenhafte Fantasywelten mit Elben, Menschen, Zwergen und vielen Gestalten irgendwo dazwischen mag und es liebt, seine Helden über mehrere Bände hinweg zu begleiten, ist hier genau richtig. Die Figuren werden mich wohl noch eine ganze Zeit beschäftigen. Ein tolles Werk, ein toller Autor. Chapeau!

Ausgelesen: Shadowmarch – Die Dämmerung (Band 3). Von Tad Williams

Nachdem ich Teil 1 und Teil 2 dieser Reihe schon bearbeitet habe, folgt nun Teil 3.  Die Geschichte schreitet mit großen Schritten voran, und es wird eine Ahnung des großen Plans sichtbar. Einige der Hauptfiguren sind deutlich erwachsener geworden oder haben sich weiterentwickelt, es gibt interessante Wendungen. Andere bleiben sich treu und man freut sich, wenn man in ihre Kapitel springt. Mehr kann ich leider zur Handlung nicht sagen, ohne zu viel zu verraten, deswegen hier mehr zu einem Dichter und zu einem Volk, das sehr hoch oben lebt.

Matthias Kettelsmit, auch Matty Kettelsmit genannt, ist ein Dichter – oder möchte gern einer sein. Er hat große Ambitionen, aber leider kein Geld, keinen Erfolg und kein Glück. Er ist kein Held und kommt nur durch Zufall in die Südmarksburg, wo Briony Eddon ihn bemerkt und in einer Mischung aus Verachtung und Belustigung zum Hofdichter macht, ohne je irgendetwas größeres von ihm zu erwarten. Matty gehört nicht zu den Leuten, denen irgendetwas einfach in den Schoß fällt, und gerade das macht ihn so sympathisch. Ihn begleitet eine Serie von Pleiten, Pech und Mitmenschen der unangenehmsten Art, die sich in seiner Gegenwart nicht wie von Zauberhand bessern, sondern es schaffen, immer noch eine Stufe schlimmer zu werden. Er schlängelt sich irgendwie durch, immer voller Furcht vor dem, was als nächstes passieren könnte, und man kann sicher sein, es wird auch passieren. Als Matty sich verliebt, ist es natürlich eine unerwiderte Liebe, und hier wächst er über sich hinaus. Selbstlos kümmert er sich um die Geliebte, verhilft ihr zur Flucht, sorgt für sie und bringt sich dabei selber in Gefahr. Auch hier geht es wieder nicht ohne Pannen und Demütigungen für ihn aus, nichts läuft reibungslos, überall lauern Versagen und Entdeckung. Aber er lernt fürs Leben und für seine Kunst, und wenn er am Anfang noch latent unsympathisch daherkam, wächst er einem über die Zeit ans Herz und man hätte so gern ein gutes Ende für ihn… aber das entscheidet natürlich der Autor allein. Tad Williams schreibt hier einen ganz normalen Menschen in die Geschichte, der uns durch die oberen Gänge der Südmarksburg begleitet, als sie von allen anderen Helden der Geschichte verlassen wird, und er schafft eine Verbindung zum normalen Dorfleben unterhalb der Burg. An Matty ist nichts übermenschlich groß, beeindruckend oder heldenhaft. Er ist zutiefst menschlich und hat schlechte und gute Momente, und wenn er gute hat, fiebert man mit ihm mit und leidet, wenn es wieder schief geht. Eine der schönsten Figuren der Reihe, wie ich finde.

Eines der liebenswertesten Völker in Shadowmarch sind die Dachlinge, daumengroße Wesen, die auf den Dächern der Burg und in ihren Zwischenwänden leben. Sie verstecken sich seit Generationen vor den Menschen und sind deswegen zur Legende geworden. Sie sind klein, aber außerordentlich tapfer und wagemutig, und ihre Größe stellt für sie keinerlei Hindernis dar und gibt auch keinen Anlass zu Selbstzweifeln. Als Reittiere nutzen sie Vögel, Fledermäuse und Ratten, und von allen verehrt wird ihre gütigste Majestät Königin Altania. Giebelgaup, der königliche Bogenschütze, spielt eine kleine, aber außerordentlich wichtige Rolle, und am Ende wissen wir, dass die Größe eines Wesens absolut nichts bedeutet. Mich hätte vieles in Zusammenhang mit diesem Volk sehr interessiert (wo leben sie genau? Wie funktioniert ihre Gesellschaft? Warum und wie sind sie auf Südmarksburg gelandet?), aber ich schätze, es war einfach nicht genug Platz für mehr, und da niemand der Hauptfiguren sich in die Welt der Dachlinge begeben kann (sie sind einfach zu groß dafür!), hätte es hier einen gesonderten Erzählstrang geben müssen. Und dafür sind sie dann wieder nicht wichtig genug. Aber das macht überhaupt nichts, so sind sie wie der Zucker im Kaffee, oder wie der Nachtisch bei einem guten Essen – sie machen es erst rund.

Und rund wird es dann auch bei Band 4, mit dem ich die Reihe hier im Blog demnächst abschließen werde. Ach ja, wieder gelesen auf dem e-book-Reader.

Ausgelesen: Shadowmarch – Das Spiel (Band 2). Von Tad Williams

Und da sind wir schon bei Band 2 der Reihe Shadowmarch (hier geht es zu Band 1). Wer meinen Lobgesang über Aufbau und Handlungsstränge dieser Reihe lesen möchte, kann das bei Band 1 tun, eine Handlungszusammenfassung gibt es hier nicht. Grund dafür ist, dass ich jede Menge Geheimnisse verraten würde, wenn ich die Geschichte nacherzähle, und das wäre doch schade. Stattdessen gibt es eine kleine Einführung in die Welt der Skimmer, und es wird ein Rabe vorgestellt.

Was ich großartig an Shadowmarch finde, ist die Vielfalt der Völker und Rassen, die in Eion und Xand leben. Es gibt fast ein Dutzend Hauptfiguren aus unterschiedlichen Völkern, und trotzdem sind es eigentlich noch nicht genug. Neben all diesen Personen gibt es Gruppen, die auftauchen, eine Rolle spielen, aber ohne eigene Erzählfigur auskommen müssen und trotzdem funktionieren. Bestes Beispiel dafür sind die Skimmer. Sie leben unterhalb der Südmarksburg in einer engen Siedlung mit verzweigten Stegen und Holzhäusern direkt am und über dem Wasser. Überhaupt scheinen sie eine enge Verbindung zum Wasser zu haben und leben vom Fischfang. Jeder kennt sie und kauft ihren Fisch, aber niemand weiß genau, wie sie leben, was ihre Traditionen und Werte sind. Sie bilden eine eigene Gesellschaft in der Südmarksfeste, ihre Traditionen sind archaischer und auch hierarchischer als auf den ersten Blick sichtbar ist. Viele Menschen blicken verächtlich auf sie herab und nennen sie Fischköpfe, wagen sich aber nicht in ihre Siedlung hinein, denn sie gehen einem Kampf nicht aus dem Weg und der Zusammenhalt der Skimmer untereinander ist groß. Skimmer sind Menschen sehr ähnlich, aber ihre Arme sind kräftiger und länger, die Haut ist heller und sie besitzen kaum Kälteempfinden. Einige Skimmer werden in den Büchern etwas genauer vorgestellt, sie spielen auch für die Handlung eine Rolle, trotzdem bleiben sie insgesamt eher im Dunkel, was ihren Reiz ausmacht. Unwillkürlich fragt man sich, wo sie herkommen, was aus ihnen werden wird, was sie alles können, von dem wir keine Ahnung haben. Und dass sie Dinge können, von denen wir keine Ahnung haben, steht völlig außer Frage. Tad Williams hat es hier geschafft, ein Volk einzuführen, das im Buch keine eigene Stimme besitzt, nicht erklärt wird, dessen Zukunft ungewiss ist und von dem wir keine tiefergehenden Informationen haben, und trotzdem ist man fasziniert. Großes Kino.

Außerdem möchte ich den Raben Skurn vorstellen. Er hüpft in Kapitel 6 des zweiten Bandes zwischen den Zeilen hervor und ist eine meiner Lieblingsfiguren in den vier Büchern. Er besitzt eine ausgeprägte Persönlichkeit, scheint sehr alt zu sein und beherrscht die menschliche Sprache, auch wenn es die von vor etwa zweihundert Jahren ist. Außerdem hat er immer Hunger und ist ständig auf der Suche nach Fressbarem, wobei er Dinge frisst, an die ich hier noch nicht einmal denken möchte – wirklich, wirklich eklige Dinge. Man kann nicht gerade sagen, dass er eine mächtige, magische Figur ist, nein, eher eine recht armselige, gerupfte und lästige Kreatur, aber dabei nicht kleinzukriegen. Er beugt sich, wenn es notwendig ist, bleibt aber sich und seinen Versprechen treu. Er bringt etwas Leben und Humor in die ansonsten eher düstere Reise einiger Personen in den Zwielichtlanden, und nimmt dabei fast so etwas wie die Rolle eines Hofnarren an, allerdings einem mit räudigem Federkleid und kahlen Stellen. Um ihn selbst sprechen zu lassen: „Unsereins tut auch nie wieder was Unrechtes! Unsereinen hat´s nur so schlimm gehungert!“ Auch hier bleiben Vergangenheit und Herkunft im Dunkeln, der Rabe ist da, spielt seine Rolle, und die Tatsache, dass er sprechen kann, trägt enorm zum Reiz der Bücher bei.

Soviel zu Band 2. Weitere folgen!