Neujahr

Neujahr

neue Zeiten
noch unbekannt
schlechte Sicht
verschwommene Konturen im trüben Licht
weit entfernt undeutliche Stimmen
ansonsten: Stille
ich atme und warte
unschlüssig
zweifle am festen Grund
hinter den Konturen leises Gelächter
zaghaftes Leuchten
jemand flüstert: Komm
und ich
hebe den Fuß

Plötzlich und unerwartet

Der Tod
hat zugegriffen
zugeschlagen
ohne Vorwarnung
ganz plötzlich
erbarmungslos
brutal
die Zeit steht still
schwer zu fassen
unglaublich
plötzlich ist alles anders
gerade noch so Wichtiges
hat von einer Sekunde auf die andere
seine Bedeutung verloren
eine Ahnung keimt auf
dass das, was so selbstverständlich scheint
nicht selbstverständlich ist
sondern Geschenk
Geschenk des Lebens
wie unglaublich zerbrechlich
Sehnsucht macht sich breit
noch ein Mal
miteinander reden
zusammen essen
erzählen
lachen
weinen
umarmen
halten
Leben teilen
und sagen, was du mir bedeutest
doch Ungesagtes bleibt ungesagt
Ungetanes bleibt ungetan
zu spät

Ein Beitrag zur stillsten Woche im November von himmelgraublau. Vielen Dank.

 

Herbstwald

Herbstwald

Gelbe Blätter strecken sich wie erwartungsvolle, bedürftige Hände der Sonne entgegen
lichtdurchlässig sind sie
und leuchten im milden Herbstlicht
Gelbe Blätter strecken sich wie erwartungsvolle, bedürftige Hände der Sonne entgegen
sie tragen ihre Farben in sich
und diese kündigen an: sie werden fallen, schon bald
Gelbe Blätter strecken sich wie erwartungsvolle, bedürftige Hände der Sonne entgegen
und leuchten im milden Herbstlicht

Ein Gastbeitrag von himmelgraublau – vielen Dank!

 

Urlaubsende

Ach!
Seliges Ausschlafen,
Frühstücksgefühle um neun,
frei sein für Bücher
und neue Freunde.
Leuchtende Pläne,
frische Gefühle,
Tagträume himmelhoch,
sich dehnende Stunden.
Eisvögel am Fluss,
Wasserlinsen im Haar,
eine kleine Weile
den Mond beim Wandern begleiten.
Vorbei, vorbei.
Ach!
Schön wars.
Gerne wieder!

November

November
der Dunkle, Sanfte
gewährt uns ruhige Stille
wir sehen nach innen
betrachten was war
und nicht sein wird
kühle Kerzen brennen
erleuchten graue Stunden
die Dezemberorangen
noch ungeschält
vor uns

Spuren

zwischen Grillenzirpen
dem Getöse der Vespas
Ciao!-Rufen von gegenüber
durch das Hupen der Smarts
den aufgeregten Straßengesprächen
ein dünner verwehter Halleluja-Gesang aus dem Kloster nebenan
ich lausche
dann donnert ein Airbus im Landeanflug über die Pinien
zu spät
ich habe die leisen Spuren gehört
und weiß: Er ist hier
ich kann mit ihm rechnen

(interessant: auch in der ewigen Stadt ist er nicht lauter als Zuhause)

Farbdiebe

Ob die sonnengelbe Ockertönung
des alten, ausgeblichenen Palazzo
zurückkehren würde
wenn alle einhunderttausend geknipsten Fotos von ihm
mit einem Schlag überall auf der Welt
gelöscht würden?