Ausgelesen: Der Buchliebhaber. Von Charlie Lovett.

Alte Bücher, große Bibliotheken, mittelalterliche Handschriften, der heilige Gral und König Artus, dazu ein Mann, der Bücher geradezu abgöttisch liebt: Das hätte ein grandioser Roman werden können. Aber leider verliert er schon nach den ersten fünfzig Seiten dermaßen an Fahrt (falls er überhaupt jemals ein Tempo hatte), dass das Buch einfach steckenbleibt und der Leser aufgrund der staubtrockenen Handlung immer öfter in eine Art Minutenschlaf verfällt. Also, ich zumindest. Nicht mal die vorhandene Romanze im Buch kann da irgendetwas verbessern, auch sie wirkt seltsam blass. Schade, wirklich schade, alle notwendigen Handlungsentwicklungen sind da, das Wissen ist da, sogar überreichlich, die Liebe zu Büchern ist da – aber die Geschichte zieht sich wie ein zähes Kaugummi. Ich habe den zarten Verdacht, das Buch könnte ein paar meiner männlichen Bekannten gefallen, von denen ich ab und zu solche staubtrockenen Bücher mit dem Hinweis „musst du unbedingt lesen! Ist super!“ ausgeliehen bekomme. Tja. Mein´s war´s jedenfalls nicht.

Ausgelesen: Sophia, der Tod und ich. Von Thees Uhlmann.

Dieses Buch habe ich geschenkt bekommen, weil ich mal erwähnt habe, es würde mich extrem interessieren, und zwar weil ich Thees Uhlmann und seine Musik mag. Zack! Und schon hatte ich es. Manchmal funktioniert sowas! 🙂

Und es hat mir gefallen. Die Geschichte ist abgefahren, da gibt es kein anderes Wort für. Der Tod klingelt beim Ich – Erzähler (dessen Name mir absolut nicht einfällt und den ich auch gerade beim Nachblättern nirgendwo gefunden habe – vielleicht hat er gar keinen Namen in dieser Geschichte!?) und will eigentlich nur seinen Job machen, von dem er ein wenig gelangweilt ist, als etwas Unerhörtes passiert: Es klingelt. Sophia, die Ex-Freundin des Erzählers steht vor der Tür. Wenn der Tod gerade bei der Arbeit ist, dürfte das nicht passieren, aber das tut es. Und so kommt es, dass der namenlose Ich-Erzähler (ich hoffe, er ist wirklich namenlos, sonst wäre das gerade ein bisschen peinlich), Sophia und der Tod die Gelegenheit nutzen und sich auf eine kleine Reise begeben. Oberflächlich gesehen, besuchen sie eine Kneipe, eine Mutter und einen Sohn, unter der Oberfläche reflektieren sie das bisherige Leben des Erzählers. Und das tun sie auf eine Art und Weise, die eine grandiose Mischung aus Witz, Tragik und Weisheit ist und große Lust aufs Leben macht, ganz egal, ob es gerade gut oder schlecht läuft. Belanglosigkeiten, Kleinigkeiten und abstruse Gedankengänge setzen sich perfekt ausbalanciert zum Leben eines Mittdreissigers zusammen, der allem Anschein nach gescheitert zu sein scheint. Bei näherem Hinsehen wird aber immer klarer, dass Scheitern eine Frage der Definition ist, und selbst, wenn vieles nicht optimal gelaufen ist, trotzdem noch eine Menge übrig bleibt, für die es sich zu leben lohnt.

Die Geschichte pendelt zwischen großen realistischen Teilen und kleinen magischen Abschnitten hin und her, mir gefielen am besten die Momente, in denen die verrückten, so gut nachvollziehbaren Gedankensprünge des Erzählers die Hauptrolle spielen. Ich habe mich manches Mal wiederentdeckt. Die Figuren sind ausgesprochen liebevoll und realistisch gezeichnet, selbst der Tod hat sehr menschliche Züge und wird einem im Laufe des Buches immer sympathischer, so seltsam das klingt. Auch das Ende hat mir gefallen, was ja längst nicht immer der Fall ist. Bei aller Komik und allem schwarzen Humor ist es eine kluge und zutiefst menschliche Geschichte, die von einem kleinen Leben erzählt, das im Angesicht des Todes (wörtlich gesehen!) alle Kleinheit verliert und das wird, was es sein soll: Kostbar und einzigartig.

Ausgelesen: Aus Versehen verliebt. Von Susan Elizabeth Phillips.

Georgie York ist ein ehemaliger Teeniefilmstar. Ihre Show und damit auch ihre Karriere liegen seit mittlerweile acht Jahren auf Eis, und ihr Nach-der-Show-Leben war eher weniger erfolgreich. Genauer gesagt, eher ein Fiasko. Da trifft sie zufällig auf ihren inbrünstig gehassten Ex-Filmpartner Bram, der schuld am abrupten Ende ihrer Show ist, und plötzlich ist sie mit ihm verheiratet (wie konnte das nur passieren – hatte da eventuell eine Buchautorin ihre Hände im Spiel??)! Während Georgie in allerlei turbulente Entwicklungen verstrickt wird, fängt sie an, Bram tatsächlich zu mögen – vielleicht etwas zu sehr?

Bei Romanen von Susan Elizabeth Phillips weiß man in der Regel, was man bekommt – eine Liebesgeschichte mit sicherem Ende und einer Menge Action und wirklich witzigen Wortgefechten auf dem Weg dahin. Dieses Buch gehört zu ihren jüngeren Werken, es ist aus 2009 und das tut ihm meiner Meinung nach gut. Es gibt immer noch ein paar zu melodramatische, überflüssige Wendungen zum Schluss hin, aber die wirklich heftigen Kitschausbrüche mit Fremdschämanfällen aus früheren Büchern sind verschwunden. Geblieben sind die „fransigen Haare“, die ihren Heldinnen früher oder später in die Augen wehen und eine große Vorliebe für Glitter, Make-Up, sehr hohe Schuhe und sehr dünne Heldinnen, denen es zu Beginn des Romans richtig übel geht. Ab und zu lese ich sowas durchaus gern, Fastfood für Viel-Leserinnen quasi, allerdings brauche ich danach immer eine längere Pause, um mich zu erholen – wie nach viel zuviel Eis mit Sahne 🙂 .

Ausgelesen: Wolkenschloss. Von Kerstin Gier.

Ja, ich gebe es zu: Es war der Einband, der mich schwach gemacht hat. So hübsch, dass ich auf jeden Fall herausfinden musste, was zwischen den Buchdeckeln stattfindet. Und es findet eine Menge statt!

So ein wunderschönes Cover! Da muss man das Buch einfach haben, keine Frage.

Das Wolkenschloss ist ein altes Grand Hotel mit berauschender Geschichte und einer Menge aktueller Finanzprobleme. Es liegt idyllisch in den Schweizer Bergen, so idyllisch, dass es um die Weihnachtszeit herum komplett einschneit und die Hotelgäste und Angestellten dort gefangen sind. Fanny, das 17jährige Mädchen für alles im Hotel, hat alle Hände voll damit zu tun, den luxusverwöhnten Gästen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen und ihre Neugier so gut wie möglich zu zügeln. Und trotzdem: Hier sind längst nicht alle das, was sie zu sein vorgeben. Warum klettert Hotelgast Tristam die Hotelfassade hinauf? Warum kann er das überhaupt? Sind die russischen Gäste nur normale Gäste? Und was plant der Direktor des Hotels? Werden am Ende alle eventuell vorhandenen Juwelen noch dort sein, wo sie hingehören?

Was macht Tristam an der Fassade?

Das Wolkenschloss selber ist dabei die wohl interessanteste Person im Buch. Und das bedeutet nicht, dass das Buchpersonal langweilig wäre! Nein, aber das ehrwürdige alte Gemäuer mit seinen unzähligen Zimmern, Gängen, geheimen Türen, Treppen, Dächern, Kellergewölben und der riesigen Personalküche (nicht zu vergessen die Wäsche- und Trockenkeller!) sind der Traum jedes Schloss- und Burgenfans. Zu verlockend sind all die kleinen Winkel, Schlupflöcher und unerwarteten Durchgänge, die das Hotel zu einem riesigen Labyrinth machen, in dem Fanny sich bestens auskennt. Sie liebt das Wolkenschloss und die halbzahmen Raben, die sie auf dem Fensterbrett vor ihrem winzigen Zimmer besuchen kommen.

Und welchen Plan verfolgen die sechs Raben?

Im Prinzip wird eine altmodische Geschichte erzählt, das aber so frisch, gut gelaunt und spannend, dass man am Ende am liebsten selber im Wolkenschloss einchecken möchte. Besser geht es kaum! Die perfekte Ferienlektüre für jedermann und jede Jahreszeit, ganz unabhängig davon, dass es im Buch sehr viel schneit und Schneedrachen gebaut werden. Ich meine – Schneedrachen und Sanddrachen, da ist doch kaum ein Unterschied, oder? 🙂

Wen wird Fanny am Ende küssen?

(Fast) alle Figuren aus dem Buch sind auf dem Einband zu finden…

Ausgelesen: Die wundersamen Koffer des Monsieur Perle. Von Timothée de Fombelle.

Eine Fee, die sich unsterblich verliebt, dafür ihren Zauber aufgibt und ihren Geliebten trotzdem verliert – was für ein Buchauftakt. Allein die ersten 15 Seiten des Buches sind schon herzzerreissend. Und es folgen noch 314 weitere traumhafte Seiten bis zum Ende, das den Leser sprachlos zurücklässt. Was für ein wunderbares Buch!

Allerdings muss man den Schreibstil von Timothée de Fombelle mögen. Traumverhangen, melancholisch, manchmal rätselhaft und sehr französisch, was durch jede Zeile der hervorragenden Übersetzung von Tobias Scheffel und Sabine Grebing hindurch schimmert. Die Sätze scheinen zu tanzen, der Autor nimmt einen mit hinein in seine poetische, zauberhafte Welt, und selbst wenn er seinen Ich-Erzähler in unserer Gegenwart leben lässt, schimmert doch immer wieder das Licht seiner Parallelwelt zwischen den Zeilen auf. Es gab ein paar kleine Längen, im ersten Drittel musste ich mich ab und zu zusammenreißen, um weiterzulesen, aber als ich die ersten Zusammenhänge begriffen hatte, war das vorüber. Zum Schluss hin brauchte ich Taschentücher und blieb berührt zurück.

Das Buch handelt von einer großen, unsterblichen Liebe, dem sich treu bleiben obwohl man ohne eigenes Verschulden getrennt wurde, dem immer-weitermachen, obwohl es hoffnungslos erscheint und dem ausharren, obwohl alles dagegen spricht. Der Autor bindet Märchenelemente mit ein und wandelt sie ab in etwas Neues, als Leser schwebt man ständig zwischen „oh, kenne ich“ und „nein, kenne ich doch nicht“, und irgendwann ist es egal, ob man etwas wiedererkennt oder nicht, dann hat einen das Buch nämlich sanft gefangengenommen.

Ich war von dem Zweiteiler „Tobie Lolness“ vom selben Autor ebenfalls sehr angetan (großartige Bücher! Sehr, sehr großartige Bücher!!), das war nun das dritte, das ich von ihm gelesen habe. Und es wird auf keinen Fall das letzte gewesen sein!

Ausgelesen: Tragödie auf einem Landfriedhof. Von Maria Lang.

Ein Krimi in der Tradition von Agatha Christie – wie schön! Das musste ich natürlich lesen. Der Klappentext verrät, dass die schwedische Autorin, Maria Lang, von 1949 bis 1990 jedes Jahr ein Buch veröffentlicht hat und als die erste Krimikönigin des skandinavischen Landes gilt. Sechs Bücher davon sind in Schweden neu verfilmt und unter anderem auch auf deutsch übersetzt worden. Dieses hier wurde 1954 veröffentlicht und dann 2013 neu aufgelegt. 2015 erschien es auf deutsch.

Das Buch spielt in einem winzig kleinen Dorf in Schweden zur Weihnachtszeit, es ist kalt und schneit und die Ich-Erzählerin Puck Bure verbringt die Weihnachtsfeiertage mit Mann und Vater bei ihrem Onkel Tord Ekstedt in Västlinge. Tord ist der dortige Pfarrer und lebt mit seiner Tochter und seiner Haushälterin im riesigen Pfarrhaus direkt gegenüber der Kirche. Es könnte alles wunderbar sein (wenn auch vielleicht ein bisschen zu ruhig für den Geschmack von Puck), wenn nicht ausgerechnet am Heiligen Abend der immer gut gelaunte Besitzer des Gemischtwarenladens spurlos verschwunden wäre…

Der Stil des Buches erinnert tatsächlich an typische Agatha Christie-Romane. Dreh- und Angelpunkt ist immer das Verbrechen und die Frage, wer hat es wie getan. Das Buchpersonal dient als Erfüllungsgehilfe auf dem Weg dahin, wer eingehende Charakterstudien erwartet, ist hier fehl am Platz. Nicht einmal von der Ich-Erzählerin bekommt man einen umfassenden Eindruck, und es gibt auch keinen anderen Erzähler, der aus der Innensicht einer Person heraus berichtet. Wir befinden uns dauerhaft in einer äußerst wohlerzogenen, zurückhaltenden Gesellschaft, die uns keinen tieferen Einblick in persönliche Beweggründe gibt. Ab und zu wird berichtet, warum etwas geschah und das Buchpersonal schluckt, errötet, stammelt, wird wütend – aber mehr erfahren wir nicht, die Betriebstemperatur bleibt skandinavisch kühl zwischen den Buchseiten.

Das könnte frustrierend sein, ist es aber nicht. Das Buch will so sein und es hat seine Berechtigung. Hier geht es nicht um Charakterstudien, sondern um einen klassischen „Wer-hat´s-getan“-Plot. Und hier fehlte mir dann doch ein wenig Agatha-Feeling: Der gruselige Aha-Moment, wenn der Mörder enthüllt wird, vor allem, wie er es getan hat und das ungläubige Staunen und das unbedingte noch einmal nachlesen wollen – ab wo hätte ich es wissen können oder eben auch nicht. Dieser Moment blieb im Krimi von Maria Lang aus. Trotzdem – wer solide, nüchterne Krimi-Unterhaltung mag und ein bißchen Vintage in seinen Büchern schätzt, wird hier angenehm altmodisch unterhalten.

Ausgelesen: Der Rache kaltes Schwert. Von Deborah Crombie.

Band acht aus der Reihe um Gemma James und Duncan Kincaid.

Eine junge Frau wird ermordet, als Hauptverdächtiger gilt ihr zwar eleganter, aber zwielichtiger Ehemann. Als er allerdings ebenfalls auf unschöne Art und Weise zu Tode kommt, muss noch einmal ganz neu ermittelt werden.

Dieses Mal spielt die Handlung im Londoner Antiquitätenhandel, Schauplatz ist Notting Hill mit seinen Märkten und Straßenzügen. Die Handlung ist wie in allen Büchern von Deborah Crombie schön ausgefeilt, die handelnden Personen sind inklusive Mordopfern detailliert und schlüssig geschrieben. Die Beziehung zwischen den beiden ermittelnden Polizisten wird stetig weiterentwickelt, dieses Mal liegt der Schwerpunkt bei Gemma.

Alles in allem eine wunderbare Reihe, und ich bin froh, sie nach meiner anfänglichen Ablehnung noch einmal angefangen zu haben und dieses Mal eines besseren belehrt worden zu sein. Empfehlung für Fans englischer Kriminalromane!