Ausgelesen: Der kleine Buchladen zum großen Glück. Von Jackie Fraser.

Jaja, es ist ein Schmachtfetzen, ich weiß, ich weiß, ich leugne es gar nicht. Aber ein schöner, lustiger, gut geschriebener Schmachtfetzen mit überraschend viel Realitätsanteilen, und, was noch wichtiger ist, er ist nicht so puderzuckerklebrig süß wie viele andere dieser Schmachtfetzen. Und wenn die Freundin während des gemeinsamen Urlaubs dauernd darin liest, vor sich hin kichert und es empörenderweise nicht hergeben will, bevor sie es ausgelesen hat, ja dann: Dann liest man es halt danach und weiß jetzt, warum sie vor sich hin gekichert hat.
Der Inhalt: Thea erbt ein schottisches Cottage (keine genervten Seufzer, bitte!) und stellt fest, die Erbschaft ist ein klein wenig größer als vermutet. Rein zufällig ist gerade zuvor ihr bisheriges Leben in tausend Einzelteile zersprungen (auch Augenverdrehen hilft nicht, da müsst ihr durch) und so kommt ihr dieses Cottage ganz gelegen, um Wunden zu lecken und viel Abstand zu gewinnen. Noch viel zufälligerweise ist das Cottage das alte Pförtnerhäuschen eines Landadeligen, der im herrschaftlichen Anwesen am Ende der ewig langen Zufahrt wohnt (Klischeealarm!!!). Und nun die Überraschung: Für den Lord interessiert Thea sich nicht. Sie mag die Buchhandlung im kleinen schottischen Dorf, die rein zufälligerweise der Bruder des Lords betreibt… 😁
Ok, eine Ansammlung von harten Realitäten ist dieses Buch nun gerade nicht. Aber wer schon mal verzweifelt einen Liebesroman gesucht hat, der nicht tropft, wenn man ihn schräg hält und die Nase gestrichen voll hat von all den kleinen Cafés, Patisserien, kleinen Cottages am Meer und den anderen Sehnsuchtsorten plus zufällig gerade anwesendem Mann, der findet hier: Ein Cottage plus Mann. Das aber wirklich nett geschrieben, nicht überzuckert, mit einer Prise Sozialkritik und einer sympathischen Heldin. Ich habe es ausgesprochen gern gelesen und gleich im Netz geforscht, ob es noch mehr Bücher dieser Autorin gibt. Gibt es nicht! Das ist ihr erstes. Dann hoffen wir mal, sie verliert nicht die Lust am Schreiben. Ich warte!

Ausgelesen: Rabbits. Von Terry Miles.

Es gibt ja so Bücher, die springen einen an und schreien: Lies mich! Um Himmels willen, lies mich! Du verpasst Außergewöhnliches, wenn du mich nicht liest! Nimm mich, ja, ich bin teuer, aber egal: Nimm mich mit! Das hier war so ein Buch. Es lag im Buchladen meines Vertrauens in Massen auf einem riesigen Tisch, und an der Seite am Buchschnitt war der Titel so verführerisch schwarz aufgedruckt, und das Cover und der Titel und überhaupt… was soll ich sagen, ich hab es gekauft. Ich konnte seinem Sirenengesang nicht widerstehen.
Und dann hab ich es gelesen. Tja. Was soll ich sagen? Es ist ein abgefahrener Scheiß. Entschuldigung, etwas anderes kann ich dazu leider nicht sagen. Der Held des Buches heißt K., und damit fängt es schon an. K.? Mehr kann und wird er nicht von sich preisgeben, Entschuldigung, aber sein Leben ist ihm lieb und deswegen bleibt es bei K.
K. ist nicht unbedingt ein vor Emotionen überbordender Charakter, um es vorsichtig auszudrücken, er ist Mr. Cool, auch, wenn er sich selbst nie so bezeichnen würde und ab und an tatsächlich ein Stäubchen im Auge hat, aber wenn jemand cool ist, dann ist es K. Es passieren die abgefahrensten Dinge, Menschen verschwinden, jemand versucht, ihn umzubringen und was tut K.? Er kocht Spaghetti und vernichtet eine Flasche guten Weißwein, soviel Zeit muß sein.
Genau: Die abgefahrenen Dinge. Mag hier jemand Verschwörungstheorien? Die Welt wird insgeheim von einer viel größeren, älteren Macht gelenkt, die ihren Willen in ein riesiges Onlinegame lenkt und mit Hilfe von besessenen Spielern die Welt im Gleichgewicht hält? Wenn ja, und sei es nur aus Freude an verrückten Gedankenspielereien, dann herzlich willkommen! Alle anderen: Lasst jede Hoffnung fahren, dieses Buch wird sich euch nicht erschließen (Nun ja. Ob es sich mir erschlossen hat, ist bis zum jetzigen Zeitpunkt unsicher.).
K. ist also ein vom geheimnisvollen Rabbits-Spiel besessener Spieler, und das gesamte Buch dreht sich um dieses Spiel. Dabei weiß der Leser/die Leserin nie genau, woraus dieses Spiel eigentlich besteht – was genau muß man tun, um voranzukommen? Zusammenhänge erkennen, ja, aber welche? Und warum? Es blieb mir verborgen. Kryptisch. Verrätselt. Und trotzdem: Ich habe immer weitergelesen, aus nicht genau nachvollziehbaren Gründen. Irgendwann entwickelte sich plötzlich ein Sog, und ich wurde gezogen. Wer weiß, vielleicht habe ich eine kurze Zeitlang Rabbits gespielt, ohne es zu bemerken, so wie wir alle. Oder?
Zurück zu den Charakteren. Sie bleiben alle kühl, seltsam gesichtslos, zurückhaltend, cool eben. Das Leben der Buchfiguren ist eine endlose nerdige Abfolge von Computerspielen, Popkulturausflügen, angesagter Undergroundmusik und seltsam unausgewogenem Alltag. Es wird sehr viel Pizza und Pasta gegessen, es werden T-Shirts mit coolen Aufdrücken getragen und selbstverständlich bewegen sich alle im Netz, als ob sie darin geboren worden wären. Was sie ja auch sind.
Für ein Buch, das ich nicht richtig beschreiben kann, ist das jetzt ein ziemlich langer Text geworden, es ist kein Verriß, es ist keine Lobeshymne, es ist, was es ist: Abgefahrener Scheiß. Wer Freude an PC-Games und Popkultur der letzten Jahrzehnte hat, sollte es versuchen. Wer weiß. Vielleicht hat Rabbits euch bloß noch nicht entdeckt.

Ausgelesen: Das Buch des Totengräbers. Von Oliver Pötzsch.

Noch ein Buch, das ich ohne diese große geschenkte Büchertüte nie gelesen hätte. Und in diesem Fall wär´s schade gewesen! Aufgrund des Covers wäre es fast auf den Stapel der weiterzugebenden Bücher gelandet, es war zu düster, zu gruselig und überhaupt. In der Buchhandlung hätte es keine Chance bei mir gehabt. Und eins muss ich sagen: Zartbeseitete, nervenschwache Menschen könnten den ein oder anderen unangenehmen Traum nach der Lektüre dieses Buches haben. Wer sich ungern mit Tod, Friedhöfen und Bestattungen beschäftigt: Finger weg! Wer dagegen historische Kriminalromane mag und nichts gegen detailreiche Beschreibungen von Leichen hat: Finger her!
Leopold von Herzfeldt, seines Zeichens Inspektor bei der Kriminalpolizei, kommt 1893 von Graz nach Wien, um dort eine neue Stelle anzutreten. Er vertritt neue, fortschrittliche Methoden bei der Tätersuche und ist jung, hungrig und arrogant, was bei seinen Kollegen weniger gut ankommt. Als ein Dienstmädchen ermordert wird, bekommt er unerwartet Hilfe von Augustin Rothmayer, Totengräber auf dem fast noch neuen Wiener Zentralfriedhof.
Das Buch beginnt direkt beim Fund der ersten Leiche, und man bekommt sofort eine Ahnung, was einen im weiteren Verlauf erwartet: Detailierte Beschreibungen des historischen Wiens, die Arbeit in einem damaligen Polizeirevier, atmosphärische Beschreibungen des Wiener Zentralfriedhofs und gut gezeichnete Figuren. Die Figuren kippen stellenweise ein wenig ins schablonenhafte, aber der Autor bekommt immer gerade noch die Kurve, bevor es zu auffällig wird. Die Handlung schreitet recht zügig voran, ab und zu hängt sie kurz durch, aber auch das ist absolut tolerierbar. Interessanterweise mochte ich die Hauptfigur zu Beginn des Buches sehr, dann fing ich an, sie ziemlich selbstgefällig und weinerlich zu finden, aber das gab sich zum Schluss des Buches wieder. Die berühmte Katharsis des Helden, in diesem Buch hat sie eine ziemlich steile Kurve nach unten und bekommt nur langsam wieder Fahrt nach oben. Interessant.
Erwähnenswert sind die wirklich sehr genauen Schilderungen von Leichen, Mordopfern, Verwesungsprozessen und Begräbnissen. Alles sehr interessant, aber auch ziemlich morbide. Das muss man mögen oder abkönnen; allen, die Probleme damit haben, empfehle ich, einen Bogen um dieses Buch zu machen. Alles in allem einer der besseren historischen Romane, die es im Moment ja ziemlich schwer haben neben all den heiteren Krimis, den skandinavischen Krimis mit den dicken dunklen Wolken über allem, den Liebesromanen, Fantasyromanen und der schöngeistigen Literatur. In meinem Lieblingsbuchladen ist der Tisch mit den historischen Romanen jedenfalls von früher gefühlt 10m² auf 1m² geschrumpft.
Wer weiß: Vielleicht würde ich sogar einen zweiten Band mit Augustin Rothmayer lesen, wenn er mir denn in die Hände fiele.

Ausgelesen: Kolibri. Von Kati Hiekkapelto.

Meine Bücher finden mich ja auf höchst unterschiedliche Weise. Dieses hier wurde mir in einer sehr schweren Tüte überreicht, zusammen mit sieben weiteren Büchern, mit den Worten: Wenn du sie bekommst, bin ich zufrieden, da weiß ich, sie sind in besten Händen. Jaaaa… abgesehen davon, dass ich freiwillig wohl keins davon gekauft oder ausgeliehen hätte. Aber man wächst ja mit seinen Herausforderungen, und so habe ich nun also Kolibri gelesen. Wie der Name der Autorin schon vermuten lässt, handelt es sich um einen der zahllosen skandinavischen Thriller, die einen mit ihrer Eiseskälte schaudern lassen. Dieser hier spielt in Finnland, in einer Stadt, in der der Sommer gerade zu Ende geht. Der Herbst kommt und mit ihm Kälte, Regen und Dunkelheit, und obwohl der Sommer sich noch einmal aufbäumt, weiß man schon, das der Herbst natürlich gewinnen wird. Und niemand, wirklich niemand mag den Herbst in diesem Buch. Wie auch die wenigsten Leute ihr Leben mögen in diesem Buch. Unglückliche Ehen, Affairen ohne Ende, Depressionen überall, alte Erinnerungen, die besser alt geblieben wären bilden mit zuviel Alkohol verhängnisvolle Allianzen, und die darauffolgenden Kater (Katers? Katere? Käter? Wie auch immer.) sind beeindruckend beschrieben. Dazu noch ein paar Morde, die einem auch noch den Sport verleiden, und fertig ist das Buch.
Interessant ist es, wenn die Ermittlerin mit ungarisch-serbischen Wurzeln ihre Gefühle von Anderssein in der finnischen Gesellschaft beschreibt, wie sehr man sich nicht dazugehörig fühlen kann, obwohl man finnisch besser spricht als die Muttersprache und die meiste Zeit seines Lebens in Finnland verbracht hat. Das ewige Dilemma der Einwanderer der zweiten Generation, die zwischen den Ländern hin- und herhüpfen und doch nirgends richtig ankommen.
Kolibri ist ein grundsolider skandinavischer Krimi, das Wort Thriller möchte ich hier eigentlich vermeiden, denn das Ganze läuft doch eher unaufgeregt vor sich hin. Die Ermittlerin ist gut beschrieben, die einzelnen Figuren ebenfalls, solide, nicht herausragend, aber ok. Wer düster dräuende, nebeltropfende, graue Landschaft mag und Menschen, die versuchen, darin zu überleben, haben hier ein paar Stunden Finnland-Gefühl in Buchform.

Dein Schweinehund und die Bücher

„Neiiin!“ schreit dein Schweinehund, pflückt dir das Buch aus der Hand und presst es an sich. Was schwierig ist, denn er hält schon vier andere Bücher in den Pfoten. Du seufzt und greifst nach dem nächsten Buch. Dein Schweinehund beobachtet dich mißtrauisch. Er umklammert die fünf Bücher, als ob sie seine Kuscheldecke wären. Du betrachtest das Buch. Darf es mit oder geht es zum Bücherschrank? Du hast es lange nicht gelesen, was für das Mitnehmen spricht, aber es ist kein Lieblingsbuch, noch nicht einmal ein Hab-ich-gern-Buch, also wandert es auf den Bücherschrankstapel. Dein Schweinehund schreit auf und reisst das Buch an sich. Langsam gerät er in Schwierigkeiten, so lang sind seine Arme nicht.
„Hör mal“, sagst du, „ich verstehe dich ja. Aber wir können wirklich nicht alle Bücher mitnehmen. Wir haben weniger Regalplatz in der neuen Wohnung. Und wir müssen alles zwei Stockwerke hochtragen.“
Dein Schweinehund schnauft abfällig. „Ja, weil du umziehen willst! Ich will hierbleiben! Und es war deine Idee, den Fernseher ins Bücherregal zu stellen! Es heißt Bücherregal! Nicht Fernsehregal!“ Er starrt dich an.
Du versuchst zu vermitteln. „Das da, ganz oben auf deinem Stapel, das war langweilig, du erinnerst dich? Es durfte nur bleiben, weil wir auch alle anderen Bücher aus der Reihe haben.“
Dein Schweinehund guckt entrüstet. „Na und? Du hast auch langweilige Jahre in deinem Leben, aber wirfst du sie deswegen raus? Was ist mit mir?“ Er schnieft theatralisch. „Wirfst du mich auch raus, wenn ich langweilig werde?“ Er zerdrückt eine winzige Träne.
Du guckst ihn an und du kannst nicht anders, du musst grinsen. Dann drückst du ihn mit allen Büchern in den Pfoten kurz an dich. „Mein Lieber, wir trennen uns nie, und das weisst du auch.“
Dein Schweinehund zieht die Nase kraus, aber die Bücher lässt er nicht los. „Glaub ja nicht, dass du mich einwickeln kannst! Ich bin der Verteidiger der Bücher!“ ruft er und reckt eine Pfote in die Luft. Seine Bücher poltern zu Boden. Er bückt sich, um sie einzusammeln und in der Zeit legst du zwei weitere Bücher auf den Bücherschrankstapel.
„Was machst du da?“ fragt er alarmiert und schielt zu dir hinüber, drei Bücher in den Pfoten, drei auf dem Boden.
Du seufzt. Das wird ein harter Kampf.

Ausgelesen: Tinte und Siegel. Die Chronik des Siegelmachers. Von Kevin Hearne.

Magie ist seit Harry Potter allgemein bekannt und überraschenderweise immer noch einigermaßen gesellschaftsfähig, auch, wenn die Akzeptanz seit dem letzten Potter-Band wieder etwas nachgelassen hat. Im Genre gab es seitdem ein paar Perlen, viele Trittbrettfahrer und leider auch eine Menge Ausschuss, aber dieses Buch gehört für mich eindeutig zu den Perlen.
Al MacBharrais ist Schotte, Schnurrbartträger, weiß, was er tut, ist über sechzig und Siegelmagier. Er schreibt mit sehr spezieller Tinte sehr spezielle Siegel, die einiges können, unter anderem auch bereits etwas ältere, knackende Gelenke vorübergehend wieder jung und elastisch machen. Damit lässt sich eine Menge anstellen, und so nimmt die erste Geschichte um den Schotten ihren Lauf, der mit dem Tod seines siebten Lehrlings beginnt. Dummerweise gab es davor schon sechs andere Lehrlinge, die ebenfalls alle ein unglückliches Ende genommen haben – gibt es da Zusammenhänge? Dazu hat BacBharrais ein schon etwas älteres Problem: Jeder, der seine Stimme länger hört, fängt an, ihn abgrundtief zu hassen. Deswegen kommuniziert er per Handy mit der Welt, und falls das jetzt verrückt klingt: Ja, das ist es, aber es ist so elegant im Text untergebracht, dass es weder stört noch zu dick aufgetragen ist.
Ganz ehrlich, ich habe mich sofort in MacBharrais verliebt. Die Welt aus den Augen eines älteren Mannes zu sehen, der schon eine Menge schöne und weniger schöne Dinge erlebt hat, dermaßen entspannt ist, sich wie ein Fisch im Wasser in seinem Schottland bewegt und sich dazu so gut mit Gin und Whiskey auskennt, wer würde den nicht mögen? Dazu kommen weitere Personen und äh, andere Wesen, die sehr einnehmend und gelungen sind und die das Lesen zu einem großen Vergnügen machen. Ich wollte kein anderes Buch lesen während ich dieses gelesen habe, und das ist immer ein großes Kompliment. Wie die Geschichte sich entwickelt, macht große Lust auf weitere Bücher aus der Reihe (die ja wohl hoffentlich erscheinen werden!). Außerdem gab es einen diskreten Hinweis auf eine andere Reihe von Kevin Hearne, die mich sehr neugierig gemacht hat und die ich mir auf jeden Fall näher ansehen werde. Wer die Bücher von Ben Aaronovitch mit Peter Grant mag, ist hier auf jeden Fall richtig. Aber sowas von!

Auch Oink war begeistert, er hat mitgelesen. Selbst das Foto strahlt etwas überbelichtet. 😁

Ausgelesen: Tod in der Bibliothek. Von JB Lawless.

Ja, ich geb´s zu: Ich habe den Krimi wegen des Titels gekauft. Ich meine, echt jetzt, wer kann denn da widerstehen? Klassischer geht es nicht mehr, und ich habe mich schon an einem langen Winterabend mit einer Tasse Tee in meinem Lieblingssessel sitzen sehen, wie ich vertieft und entspannt in diesem Buch lese.
Was gibt es zu sagen? Das Buch ist ein klassischer Krimi, er spielt in der irischen Provinz im Winter 1957. Das Land ist eiskalt und tief verschneit, und in der Bibliothek eines Herrenhauses wird ein toter Pfarrer aufgefunden. Der junge Detective St John Stafford macht sich auf, den Fall zu klären.
Und so eiskalt wie das Land entwickelt sich auch der Krimi. Die Einsamkeit aller Figuren wird durch das Wetter gespiegelt, jeder hat Geheimnisse, niemand hat Freunde, und wenn der Detective sich durch meterhohen Schnee quält, könnte das auch eine Metapher für sein Leben sein. Es fröstelt einen, je weiter man liest, und irgendwann musste ich es kurz beiseite legen und etwas Heitereres lesen, damit ich weitermachen konnte. Der Krimi hat ein bedächtiges Tempo, das bis zum Schluß gleich bleibt, und als ich es ausgelesen hatte, war ich ein klein wenig erschöpft.
Das Buch ist das erste einer Reihe. Ob ich weiterlesen werde? Hm. Mal sehen. Fürs erste brauche ich keine Fortsetzung.

Ausgelesen: Der Gesang der Flusskrebse. Von Delia Owens.

Ja, doch, die haben schon recht, die begeisterten Rezensenten. Ein gutes Buch. Aber mit kleinen Macken. Kya wächst im Marschland North Carolinas auf und verschmilzt dort fast mit der Natur. Aber sie ist auch ein Mensch und die Einsamkeit kann das Marschland nicht vertreiben, so sehr sie es auch fast als Mutter betrachtet. Zwei Männer treten in ihr Leben, einer davon stirbt und so entwickelt sich ein Gerichtsdrama vor der Kulisse der heißen, schwülen Südstaaten der USA.
Das Buch fängt großartig an. Die Beschreibung der Natur ist so eindrücklich, dass man fast meint, die feuchte, salzgetränkte Luft riechen zu können, und ab und zu habe ich nach einem eingebildeten Moskito geschlagen. Die Lebensgeschichte der Heldin, Kya, ist bildstark und gewaltig erzählt, und ich konnte teilweise kaum glauben, was ich gelesen habe. Wenn beschrieben wird, wie Kya ihr kleines Flachbodenboot durch die Kanäle steuert, Seevögel über ihr fliegen und das Schilfgras raschelt, ist man ganz bei ihr. Auch die kleine Stadt, in der sie ihre Einkäufe erledigen muss, steht fast aus den Seiten des Buches auf. Die Menschen, die ihr begegnen, sind liebevoll gezeichnet, aber nur so weit ausgeführt, wie sie für Kya wichtig sind. Soweit, sogut. Die erste Hälfte des Buches – sagenhaft, wirklich.
Dann gleiten wir in die zweite Hälfte, in der sie zwei Männer kennenlernt, und ab hier wird es etwas zu gefühlig für meinen Geschmack. Ich mag keine Spoiler, daher werde ich ab hier etwas neblig mit meinen Beschreibungen. Die zweite Hälfte des Buches ist spannend, keine Frage, aber auf eine seltsame Art entgleitet mir die Hauptfigur. Ihr Handeln ist nachvollziehbar, aber die enge Verbindung, die die Leserin anfangs zu ihr hatte, verschwindet nach und nach, und in den romantischen Abschnitten waren mir persönlich zuviele sehnsuchtsvolle Blicke enthalten und zuviel Verzögerung. Dafür steigt aber die Spannung zum Ende hin signifikant an, und die Beschreibung des Prozesses ist wieder großartig. Beim Finale bzw. dem Epilog bin ich zwiegespalten. Einerseits hätte ich ihn so nicht gebraucht, andererseits gibt es da aber noch eine Entwicklung, die mich mit vielem wieder versöhnt hat.
Für mich ist es ein sehr lesenswertes Buch allein aufgrund der ersten Hälfte. Großartig. Die zweite Hälfte wechselt ein klein wenig das Genre, wem das gefällt, für den ist es vermutlich ein großartiges Buch im Ganzen. Ich würde es nicht unbedingt sofort als modernen Klassiker bezeichnen, das muss die Zeit zeigen. Aber sehr lesenswert ist es auf jeden Fall, und wer ein Faible für die Südstaaten der USA hat, sollte es auf keinen Fall verpassen.

Ausgelesen: Das neunte Haus. Von Leigh Bardugo.

Ich habe eine ausgesprochene Vorliebe für Bücher von Leigh Bardugo, man gucke hier und hier, daher war es klar, dass ich das hier auch lesen werde. Das neunte Haus spielt nicht in Ketterdam (schade eigentlich), sondern an der Ostküste der USA in New Haven. Vielleicht musste die Autorin mal etwas anderes um sich haben als Grischas und Diebesbanden, und das ist ihr gelungen.
Alex Stern ist noch relativ neu in New Haven, nach einer verkorksten Kindheit und Jugend wurde ihr hier eine neue Chance auf ein anderes Leben geboten, im Tausch gegen eine seltene Fähigkeit: Sie kann Geister sehen, und zwar in Farbe. Das ist etwas Besonderes. Die Mitglieder des neunten Hauses müssen ein kompliziertes, ausnehmend abscheulich schmeckendes und wirkendes Gebräu mit sehr unangenehmen Nebenwirkungen trinken, um Geister sehen zu können: In Grau. Nicht in Farbe, wie Alex. Sie hat für das neunte Haus eine Menge Dinge zu erledigen, die anderen acht Magie wirkenden Studentenverbindungen im Auge zu behalten zum Beispiel, Rituale zu überwachen, und soll nebenbei auch noch ein ganz normales Studium absolvieren, was schwierig ist mit ihren lückenhaften Schulkenntnissen. Als ein Mord geschieht, möchten alle Beteiligten eine einfache Aufklärung ohne große Hintergrundnachforschungen, aber Alex hat da so ein Gefühl…
Ein Mordfall in einer kleinen, mächtigen Community, die viel zu verlieren und viele Leichen im Keller hat, eine Ermittlerin wider Willen, die nicht aus diesem Milieu stammt und ein Tutor, der eigentlich selbst noch in der Ausbildung ist, das sind die Grundbausteine, aus denen dieser Fantasy-Krimi besteht. Leigh Bardugo entwirft eine Welt neben der eigentlichen Welt, allerdings ist die eigentliche Welt sehr von New Haven abhängig. Im Grunde werden hier alle Bausteine hergestellt, mit denen man in Politik, Kunst und Wirtschaft erfolgreich sein kann, und so ist New Haven der Geburtsort von Leitern, Künstlern, Präsidenten und Wirtschaftsmagnaten, die immer wieder hierher zurückkommen. Niemand ist daran interessiert, dass eine unbedeutende Jungstudentin in ihren Kreisen herum kratzt und Dinge ans Tageslicht befördert, die besser weit unten im Schlamm geblieben wären.
Die New Haven Welt ist gelungen, keine Frage. Die Charaktere ebenfalls, einige bleiben ein bisschen blaß, aber das macht nichts, denn umso mehr Zeit wird in Alex Stern investiert, in ihren Tutur Darlington und in die Campuswelt. Es wird konsequent aus Alex´ Sicht erzählt, nur ein paar Mal tauchen wir in Darlingtons Leben ein, und diese Passagen haben mir sehr gut gefallen und mich ein bisschen an Maggie Stiefvaters Raven Boys erinnert: Ein bisschen versponnen, wie mit goldenem Licht überzeichnet. Alex Stern dagegen ist rau, klar und kantig, sie behält ihre Geheimnisse für sich und erklärt sich nicht, wenn Menschen sie fragend ansehen, sie ist bereit, sehr weit zu gehen, um Antworten zu erhalten und sie versteckt ihre weicheren Seiten unter abweisenden Blicken. Die Campuswelt ist dunkel, mit ein paar goldenen und blutroten Glanzpunkten, fast jeder hier verfolgt eigene Ziele und ist berauscht von all der Macht, die so leicht verfügbar zu sein scheint. Die ganz normalen Studenten, die es hier auch gibt, gehen etwas unter in dieser überbordenden Gothic Noir Welt, was ein bisschen schade ist.
In der Mitte hat das Buch ein paar Längen, ein bisschen weniger Ermittlungsarbeit hätte ihm nicht geschadet, aber letztendlich macht das nichts, das Buch saugt einen schnell wieder ein und zum Ende hin nimmt es noch einmal mächtig an Fahrt auf. Leider ist Band zwei noch nicht in Sicht. Ich werde auf jeden Fall dabei sein, wenn er erscheint.

Ausgelesen: Taken (Band 1). Von Erin Bowman.

Wenn man die Tribute von Panem gelesen hat, ist man als Leserin natürlich verwöhnt, das muss ich zu Beginn einräumen. Geniale Story, tolle Welt, guter Schreibstil, man kann was lernen, überzeugende Charaktere: Jedes andere Buch hat es danach schwer.
So auch dieses Buch. Clay, ein 17jähriger Teenager, muss zusehen, wie sein 18jähriger Bruder geraubt wird. So nennen die Einwohner von Claysoot den Vorgang, der ihnen alle 18jährigen Männer nimmt, ein unentrinnbares Schicksal, wie es scheint. Niemand weiß, wohin sie verschwinden, wie auch überhaupt niemand weiß, wie es ausserhalb des Dorfes aussieht, denn es ist von einer unüberwindbaren, hohen Mauer umgeben. Wer versucht, sie zu überklettern, wird am nächsten Tag als verkohlte Leiche aufgefunden.
Soweit, sogut. Eine interessante Ausgangsperspektive. Raten wir mal, was als nächstes passiert. Clay versucht, über die Mauer zu kommen, hurra! Und überraschenderweise schafft er es ohne allzu große Schwierigkeiten. Hier dachte ich zum ersten Mal, was jetzt? Auf diesen Punkt hin ist doch die ganze Geschichte aufgebaut, sollte es nicht ein bisschen schwieriger sein, sie zu überwinden? Nein, anscheinend nicht. Und nun beginnen irre Wendungen, die Geschichte mäandert von Halbhöhepunkt zu Halbhöhepunkt, von denen jeder wirklich sehr gut hätte sein können, wenn er etwas entschlossener angegangen worden wäre. Aber immer, wenn es wirklich interessant werden könnte, flüchtet unser Hauptdarsteller an den nächsten Schauplatz. Dabei hat er Schablonenbegleiter, die nicht tiefgängiger sind als eine Pfütze. Als eine kleine Pfütze. Eine Ausnahme gibt es im Buch, die etwas mehr Hintergrund hat, aber da in diesem Buch selbst die Hauptperson nicht besonders tiefgängig ist, darf man nicht allzu viel erwarten.
Schade eigentlich. Die Grundidee war nicht übel, wurde aber leider nicht gut genutzt. Die Handlungsorte hatten nicht genug Zeit, sich zu entwickeln, die Charaktere bleiben an der Oberfläche. Dieses Buch ist nur etwas für Vielleser, für die es leider nicht genug Tribute-von-Panem-ähnliches gibt, oder für Leser, die nebenbei noch Fernsehen oder youtuben wollen, da fallen die Logiklöcher, von denen es auch ein paar gibt, nicht weiter auf. Ich habe nach zwei Dritteln aufgegeben und das letzte Drittel im Schnellverfahren durchgeblättert. Dabei sah der Einband vielversprechend aus. Tja. So kann es gehen.