Ausgelesen: Raum. Von Emma Donoghue.

Junge, Junge. Das war mit weitem Abstand eines der bisher besten Bücher in meinem Leben, und da gab es schon ziemlich viele. Vor einigen Jahren hatte ich mal einen Kalender, in dem jeden Tag ein Buch empfohlen wurde, und dieses war dabei. Es schien interessant zu sein und so habe ich es gekauft. Und dann stand es in meinem Regal der noch zu lesenden Bücher… und stand… und stand… bis neulich abends der Film dazu im TV lief und ich ihn angesehen habe. Ich war ziemlich beeindruckt. Danach war das Buch dran, und jetzt bin ich nachhaltig beeindruckt.

Der Rückseitentext: „Für Jack ist Raum die ganze Welt. Dort essen, spielen und schlafen er und seine Ma. Jack liebt es fernzusehen, denn da sieht er seine „Freunde“, die Cartoonfiguren. Aber er weiß, dass die Dinge hinter der Mattscheibe nicht echt sind – echt sind nur Ma, er und die Dinge in Raum. Bis der Tag kommt, an dem Ma ihm erklärt, dass es doch eine Welt da draußen gibt und dass sie versuchen müssen, aus Raum zu fliehen…“

Der Roman hat 410 Seiten und ist konsequent ausschließlich aus Jack´s Sicht geschrieben. Nun ja, könnte man meinen, ein ganzer Roman aus der Sicht eines gerade mal fünfjährigen, wird das nicht irgendwann langweilig? Absolut nicht, denn hinter Jack´s Welt steckt ein Drama, das unerträglich wäre, wenn zum Beispiel die Mutter (Ma) es erzählt hätte, und voyeuristisch, wenn jemand Außenstehendes es beschrieben hätte. So aber sehen wir Raum durch Jack´s Augen, und er ist riesig. Die ganze Welt eben. Es gibt Schrank, Stuhlschaukel, Eierschlange, das Zudeck, ein Fort, Teppich, die schon alles erlebt hat, Tisch, Weichlöffel und jede Menge andere Mitspieler, denn Jack´s Welt ist belebt. Das Raum nur 13 ²m groß ist, spielt keine Rolle, er kann darin rennen, spielen, lesen, er kennt alle Dinge und die Dinge kennen ihn. Ma ist immer da, sie sind keine Sekunde getrennt, nur abends, kurz vor neun, da muss er in Schrank, denn dann kommt Old Nick. Old Nick ist auch echt, so wie Jack und Ma, aber er hat Jack noch nie richtig gesehen, und Jack ihn auch nicht, denn er ist ja immer in Schrank, wenn er kommt. Und spätestens jetzt weiß der Leser, hier ist eine ziemliche Menge ganz und gar nicht normal.

Es gibt im Roman ein „Drinnen“ und ein „Draussen“, und jeder von uns möchte sehnlichst, dass das „Draussen“ bitte bald kommen möge. Jack hat andere Prioritäten. In Raum fühlt er sich sicher. Alles ist da, wo es sein soll, es gibt Regeln und Abläufe, die er kennt, seit er sich erinnern kann. Abends scheint Gott dick und gelb durch Oberlicht, im Draussen ist er dann nicht mehr immer rund, sondern spitz mit zwei Enden. Seltsam, wie vieles andere auch. In Raum sind die Dinge kostbar, nichts wird verschwendet, nichts wird weggeworfen, jedes Ding hat sein Leben. Im Draußen gibt es viel zu viel von allem und es wird einfach so entsorgt, wenn es einem nicht mehr gefällt. Unfassbar für Jack.

„In Raum wussten wir immer, wie alles hieß, aber in der Welt gibt es soviel, dass die Personen noch nicht mal die Namen wissen.

Unfassbar auch, wie unendlich groß der Abstand zwischen Jack und den Erwachsenen ist. Die Erwachsenen gehen davon aus, dass ihre Erfahrungen und Wertvorstellungen die einzigen sind, die gelten. Im ganzen Buch fragt niemand Jack, wie er in Raum gelebt und gespielt hat, wie seine Welt beschaffen war. Niemand will es ganz genau wissen, sie sind gefangen in ihren Welten und unfähig, auch nur für kurze Zeit aus ihr herauszutreten. Darüber hinaus haben sie niemals Zeit, ein Phänomen, dass Jack so beschreibt:

„Ich glaube, in der Welt verteilt sich die Zeit ganz dünn überall hin über die ganzen Straßen und die Häuser und die Spielplätze und die Geschäfte, deshalb gibt es an jedem Ort nur einen kleinen Klecks davon, und alle müssen schnell weiter zum nächsten.“

Dieser Roman ist vieles gleichzeitig. Er ist ein Drama, das ich nicht gelesen hätte, wenn es anders geschrieben worden wäre. Er ist eine geniale Beschreibung einer Parallelwelt aus der Sicht eines Kindes, das nichts anderes kennt. Er zeigt auch die normale Welt, und er zeigt sie so, dass man sich fragt, ob unsere Welt nicht vielmehr eine sehr seltsame Parallelwelt zu Raum ist? Er zeigt, dass Ungeheuer nicht immer unter dem Bett wohnen, sondern manchmal nebenan und oft sehr klein in allen Menschen. Der Roman zeigt die Schönheit von Dingen und die Schönheit der Phantasie und wie groß Liebe werden kann. Er zeigt, dass jeder Mensch seine eigene, unglaubliche Welt ist, in die niemand anderes vollständig Zutritt erhält.

Wie gesagt: Ich bin beeindruckt. Sehr.

Ausgelesen: Letzte Wünsche. Von Alexander Krützfeldt.

Eigentlich bin ich eine leidenschaftliche Bücherei-Nutzerin (oder Bibliotheks-Nutzerin, suchen Sie sich den Begriff aus, der Ihnen lieber ist). Andere Bücher werden mir in die Hand gedrückt, mit der Hoffnung, dass ich sie lesen werde, weil die Leute mittlerweile wissen, dass ich relativ viel gedrucktes Wort verschlinge. Bei diesem Buch war das anders: Ich musste es kaufen und selber haben, und zwar sofort. Eine Freundin hat mich zu einer Lesung mitgeschleift, weil sie den Autor kennt und schätzt, und weil ich neugierig war, ging ich mit. Die Lesung fand an einem sonnigen Sommerabend statt, der Laden war voll, schon zum zweiten Mal, weil die erste Lesung quasi überrannt worden war. Vorne saßen der Autor und der Mann, den er ein Jahr lang begleitet hat.

Hier der Klappentext des Buches:

„Frank Wenzlow hat seine große Liebe an einen hochaggressiven Krebs verloren. Aber anstatt aufzugeben und in Trauer zu versinken, hat er einen Verein gegründet, der sterbenden Menschen ihren letzten Wunsch vor dem Tod erfüllt: einmal noch ins Stadion, Weihnachten bei der Familie, das letzte Mal ans Meer.
Der Journalist Alexander Krützfeldt hat Wenzlow über Monate begleitet, um dem nachzuspüren, was Sterbende bewegt und zu erfahren, was wir hoffen, vermissen, bereuen, wenn wir wissen, dass wir gehen müssen. Dieses Buch zeigt uns, was letzte Wünsche über das Leben verraten und was wir selbst für uns und andere tun können. Was wirklich zählt. Ein augenöffnendes Buch, das vor allem dazu ermuntern will, bewusster zu leben.“

Bei diesem Thema wird es einem gern ein wenig eng in der Kehle, man neigt dazu, lieber doch nichts hören zu wollen, aber der Abend entwickelte sich völlig unerwartet: Das ernste Thema wurde behutsam und humorvoll angegangen, die einzelnen Kapitel beschreiben mit großem Respekt die Menschen und ihre letzten Wünsche und auch die Menschen, die sie dabei begleiten. Das Buch ist nicht distanzlos und betreibt auch keine Effekthascherei, es beschreibt die Dinge einfach, wie sie sind. Der Schreibstil ist lakonisch, manchmal scheint das ein oder andere Gefühl aber doch zwischen den Zeilen auf, was dem Buch gut tut. Der gegenseitige Respekt zwischen Alexander Krützfeldt und Frank Wenzlow ist spürbar, aber er verschleiert nichts. Ich war mehr als nur ein bisschen beeindruckt, habe das Buch gekauft und zuhause sofort weitergelesen. Es ist trotz allem zwischenzeitlichen Humor und trotz Leichtigkeit des Schreibstils ein schwerer Stoff, und ich habe nicht mehr als ein Kapitel auf einmal gelesen, aber es hat sich in jeder Hinsicht gelohnt. Ich bin klüger, sehr viel informierter und habe riesigen Respekt vor den Menschen, die sich in diesem Verein ehrenamtlich engagieren. Und, tatsächlich, ich weiß es mehr zu schätzen, dass es mir jetzt gerade gut geht, und mir ist bewusster als früher, dass das nicht selbstverständlich ist. Das Leben ist schön. Man vergisst es nur manchmal zwischen all dem Alltag.

Ich wünsche dem Buch großen Erfolg und hoffe, dass viele es lesen werden. Vermutlich wird das nicht einfach, denn das Thema ist herausfordernd, und ich bin mir gar nicht sicher, ob ich es ohne die Lesung und ohne den direkten Kontakt auch gekauft hätte – vermutlich nicht. Wir weichen diesem Thema doch alle gern aus, wenn es möglich ist. Und das wäre für mich wirklich ein Verlust gewesen. Fünf von fünf möglichen Sternen von mir. Wenn es mehr gäbe, würde ich auch mehr geben.

Ausgelesen und wiedergelesen: Donald mal ganz anders. Von Walt Disney. Lustiges Taschenbuch Nr. 41.

Die Bücher, die man in der Kindheit liest, prägen einen auf ganz besondere Weise, und wie jeder Mensch über 30 weiß, zählen die Lustigen Taschenbücher unzweifelhaft zu den meistgelesenen Werken der Kindheit. Vor einiger Zeit fiel mir einer dieser Klassiker der Jugendbuchliteratur wieder in die Hände und ich beschloss spontan, ihn ein weiteres Mal zu lesen. Manchmal ändern sich ja die Prämissen, mit denen man bestimmte Bereiche seines Lebens betrachtet, und heute bin ich mir nicht mehr so sicher, ob der Satz „Alle in der Kindheit gelesenen Bücher werden zu Legenden“ immer noch automatisch zu „Alle Lustigen Taschenbücher sind spitze!“ führt. Aber nun erst einmal zur Reihe mit ihren mittlerweile überlebensgroßen Protagonisten Micky Maus und Donald Duck.

So wie Kinder sich heute entscheiden müssen, ob sie zur Seite von Spiderman oder  Batman gehören wollen, war es früher eine Art Glaubensbekenntnis, ob man Donald Duck oder Micky Maus bevorzugte. Mit Donald Duck gehörte man zu den unangepassten Revoluzzern, die Micky Maus Verehrer hatten eher den Ruf, leicht spießig zu sein. Tja. Mir persönlich lag Micky Maus immer näher als Donald Duck. Diese Ente war mir viel zu unberechenbar, zu jähzornig und unter den gegebenen Umständen geradezu absurd selbstbewusst. Niemand konnte vorhersagen, wie Donald Duck sich verhalten würde, nichts war sicher, nur eines: Zum Schluss stand er mittellos da und seine bedauernswerten Neffen würden den Abwasch erledigen müssen. Unfair! Micky Maus (deutsche Scheibweise, wir hatten ja nichts anderes, damals) dagegen hätte ich gern auf meiner Seite gehabt, eine patente Maus mit seltsamen, schwarzen  Ohren, Köpfchen, Sinn für Detektivarbeit und dazu noch Goofy als Freund – ja, das hätte ich mir gut vorstellen können. Trotzdem habe ich akribisch alle Bücher der Reihe gesammelt und auch, wenn mein Schwerpunkt eindeutig auf den Büchern mit der Maus lag, habe ich pflichtbewusst auch die mit der Chaos-Ente aufgenommen.

Und dann geschah es: Eines Tages fiel mir die Nr. 41 in die Hände, auf der die mir bisher eher semisympathische Ente eine seltsame Maske trug. Was war das? Zorro in  Entenhausen? So lernte ich Phantomias kennen, den Rächer der Enterbten, den Verteidiger Donalds, den Helden mit Sprungstiefeln, Stinkgas und (am allerbesten:) einem geheimen Kellerversteck! Plötzlich bekam Donald Duck Potential, er war eine Ente mit geheimer Identität am Rande der Legalität und einem Auto, das sich unsichtbar machen konnte, rebellierte gegen die Autoritäten, seinen übermächtigen Onkel und gewann auch noch! Zu Onkel Dagobert hatte ich ein ambivalentes Verhältnis, er war mir viel zu geizig, rechthaberisch, tyrannisch und ein Egozentriker (nebenbei: Die letzten drei Eigenschaften passen auch auf seinen Neffen), aber seine Intention konnte ich zumindest nachvollziehen. Ab und zu versuchte er sogar, auf seine seltsame Art nett zu sein, wenn auch meist mit zweifelhaftem Erfolg. Und nun auf einmal war Onkel Dagobert der Unterlegene und Donald/Phantomias der Gewinner: Alle Kräfteverhältnisse hatten sich umgekehrt, plötzlich war das Glück auf Donalds Seite, er konnte machen, was er wollte und gewann! Ich war fasziniert. Wie konnte das sein in diesem normalerweise so festzementierten Enten-Universum? Wenn das möglich war, war eigentlich alles möglich, ja, ich bin versucht, zu sagen, mit Donalds Verwandlung in Phantomias fing meine bis heute anhaltende, endlose Begeisterung für phantastische Literatur überhaupt erst an.

Nun habe ich das Werk also wieder gelesen. Hielt es der erneuten Überprüfung stand? Ja und nein. Ich hatte Phantomias als selbstlosen Helden abgespeichert, der die Armen beschützt und die fiesen Reichen zur Rede stellt und natürlich heroisch für Ausgleich zwischen beiden sorgt. Nach der Lektüre muss ich heute feststellen, dass Phantomias in Nr. 41 in erster Linie für sich selbst sorgt. Er verteilt zwar die Einnahmen aus dem Verkauf von Phantomias-Kostümen in der Stadt, aber nicht aus lauteren Motiven, oh nein, sondern um trivialerweise seinem Onkel eins auszuwischen. Man könnte auch sagen, er rächt sich an allen, die ihm irgendwann mal schief gekommen sind, und das mit allergrößtem Genuss. Das entspricht jetzt nicht unbedingt dem Bild des selbstlosen Helden, das ich in meinem Kopf hatte, aber was auf jeden Fall noch da ist, ist das wunderbare, geheime Gefühl – eine geheime Identität, ein geheimer Keller, ein geheimes Kostüm, und: Jemand darf ungestraft all das tun, was man selber natürlich niemals, nicht in hundert Jahren tun würde. Natürlich nicht! (Oder?) Abgesehen davon frage ich mich, ob den damaligen Erwachsenen eigentlich klar war, was wir da so alles gelesen haben. Vermutlich nicht – es waren ja nur bunte Bilder, und die sind ja bekanntlich immer harmlos. Bambi halt. Unten am Fluß. Oder so.

Leider bin ich seit ein paar Jahrzehnten absolut nicht mehr auf dem Laufenden, was neue Ausgaben der Lustigen Taschenbücher betrifft. Etwa ab Band neunundölfzig bin ich ausgestiegen, und dann kam, was kommen musste: Ich wurde älter. Viel, viel älter. Ich zog aus und um, die Regalmeter waren begrenzt und mein Bestand an den Disney-Klassikern schrumpfte dramatisch auf drei Exemplare zusammen, von denen ich mich trotz intensivster Überlegungen nicht trennen konnte. Phantomias, der kreative Ausbruch einer zu heftig drangsalierten Ente, ist noch dabei. Und wenn ich einmal sehr viel Enthusiasmus in mir habe, widme ich mich vielleicht auch noch den anderen zwei verbliebenen Exemplaren. Ihr dürft raten: Donald? Oder Micky?

PS: Es ist erlaubt, während des Lesens dieses Textes zu lächeln. Ernst war beim Schreiben ausdrücklich nicht beteiligt.

PPS: Ich könnte jetzt auch noch sehr lange darüber philosophieren, dass der gesamte Ruhm des Phantomias eigentlich nicht ihm, sondern selbstverständlich Daniel Düsentrieb gebührt, der nicht nur der Erfinder all dieser wunderbaren Dinge wie Schlafgas, Schnarchmaschinen, Flugapparaten aller Arten ist, sondern überhaupt in Entenhausen Dinge möglich gemacht hat, die sonst nirgendwo auf der Welt denkbar gewesen wären, und das ohne jemals Anspruch auf Gewinnbeteiligung oder zumindest Ruhm und Ehre geltend zu machen, aber was solls: Die Welt ist unfair. Und Helferleins gibt es auf ihr auch nicht genug.

Ausgelesen: Das Labyrinth von London. Von Benedict Jacka.

Tja. Nun ist es passiert. Ich bin verliebt. Dummerweise lebt mein Held zwischen Buchseiten, und so gern wir Buchverrückten das auch hätten: Bisher konnte bis auf Meggie, Mo und Capricorn noch niemand in Bücher hineintauchen. So bleibt mir also nur, diese Rezension zu schreiben.

Alex Verus versucht, ein unauffälliges Leben in London zu leben. Er hat einen kleinen Zauberladen, in dem er ganz normale Zaubertricks verkauft, unter der Theke allerdings handelt er mit echten magischen Dingen. Außerdem ist er nicht ganz so normal, wie es anfangs aussieht: Er kann in die nahe Zukunft sehen, die sich allerdings nicht wie ein schöner, gerader Weg vor ihm ausstreckt, sondern in unzähligen verschiedenen Varianten, von denen jede wahr werden könnte – es bleibt immer die Frage, welche es sein wird. Viele Kontakte oder Freundschaften scheint er nicht zu pflegen, allerdings gibt es da eine Frau, die ebenfalls anders ist: Luna. Und sie ist es auch, die Alex in bester Absicht in Schwierigkeiten bringt, und schon stecken beide zwischen den Fronten verschiedener magischer Kreise, die vor nichts zurückschrecken, um das zu bekommen, was sie wollen.

Sehr gefallen hat mir, wie dieses magische London nach und nach auf- und ausgebaut wird. Anfangs wirkt alles gar nicht so anders, aber dann! Dann entwickelt es sich, und wie. Natürlich hat man das alles schon mal irgendwie und irgendwo so oder ähnlich gelesen, Ben Aaronovitch fällt mir da ein, vielleicht auch ein klein wenig Jim Butcher mit seiner Harry Dresden-Reihe, aber das ist völlig ok: Alex Verus ist trotzdem ein eigenständiger Held in einer vielversprechenden Stadt. Dass das Buch in der Ich-Form geschrieben ist, muss man mögen, ein alles wissender Erzähler verrät natürlich mehr, aber mir hat es sehr gut gefallen. Das Buch bleibt konsequent aus der Sicht des Helden geschrieben und man muss ein wenig zwischen den Zeilen lesen, um mehr über Alex Verus zu erfahren. Ein geschickter Schachzug des Autors: Gerade so viel Information, dass man unbedingt weiterlesen muss, und so wenig, dass man nicht zu schnell alles erfährt.

Ein kleines Manko gibt es: Alex Verus ist mir manchmal etwas zu heldenhaft angelegt. Ein paar kleine Schwächen wären ganz gut gewesen, ein paar Abstürze hier und da, aber im Großen und Ganzen kann ich mit einem heldenhaften Helden leben. Ich fand ihn sehr sympathisch, vielleicht manchmal etwas wortkarg, aber das steht Helden ja immer gut, zumindest in Büchern und Filmen 🙂 . Band zwei steht schon bei mir im Regal und wartet auf seinen Einsatz, und ich bin sehr gespannt, wie es weitergeht.

Ausgelesen: Beschützer der Diebe. Von Andreas Steinhöfel.

Sommerferien in Berlin. Die drei zusammengewürfelten Kinder Dags, Guddie und Olaf spielen ein Spiel, bei dem man zufällige Passanten beschattet und versucht, ihnen bis nach Haus zu folgen. Dabei kommen die Freunde einem gewaltigen Kunstdiebstahl auf die Schliche, werden verfolgt, teilweise entführt, erleben das spannendste Abenteuer ihres Lebens und finden letztendlich neue Freunde.

Dieses spannende Kinderbuch wurde 1994 veröffentlicht und ist das erste Buch des bekannten (und hervorragenden!) Kinder- und Jugendbuchautors. Es gibt daher noch kein Internet, keine Handys und bezahlt wird in DM, was das Ganze fast schon historisch anmuten lässt. Sehr gut gefallen hat mir, dass die Kinder immer ernst genommen werden, nichts wird verharmlost oder schön gefärbt, die Sprache ist realistisch, genauso wie das Verhalten der Erwachsenen und der Kinder. Dem empfohlenen Alter von 11+ zuliebe wurde auf Mord und Totschlag verzichtet, trotzdem gibt es Momente zum Fürchten. Die Geschichte selbst ist hochinteressant und kein Kinderkriminalfall, hier geht es um echte Kriminalität. Große Teile des Buches spielen im Pergamonmuseum in Berlin, und da gibt es gleich noch ein paar handlich verpackte Portionen Kunstgeschichte mit dazu 🙂 .

Im Anhang erzählt der Autor die Entstehungsgeschichte des Buches, womit er glücklich ist und was ihm an seinem Erstling nicht gefällt. Vielleicht bin ich voreingenommen (ich liebe seine Bücher wirklich sehr), aber ich kann seine Meinung nur in einem einzigen Punkt ein klein wenig teilen: Dags ist schon sehr perfekt. Ich mag sie aber trotzdem, und das Buch braucht sie, um voranzukommen. Und das tut es: Eine spannende Detektivgeschichte aus der Zeit kurz nach dem Mauerfall in Berlin – das kann eigentlich jeder lesen, nicht nur Kinder.

Ausgelesen: Murder Swing. Von Andrew Cartmel.

Das coole Cover ist mir als erstes im Schaufenster des Buchladens aufgefallen – Bond-ähnliche Szenen auf dem Rand einer Schallplatte, das sah vielversprechend aus. Als dann auf der Buchrückseite auch noch etwas von einem „Vinyl-Detektiv“ stand, konnte ich gar nicht so schnell denken wie ich das Buch gekauft hatte. Und ich hatte Recht ( was ja auf jeden Fall immer schon mal gut ist 🙂 )!

Ein sehr cooler Kriminalroman mit einem interessanten Detektiv, einer außergewöhnlichen Handlung und glänzenden Nebenrollen, dazu das Hauptthema: Schallplatten-, Verzeihung, Vinylsammler, so viel habe ich beim Lesen gelernt. Der Ich-Erzähler, dessen Name im gesamten, recht umfangreichen Buch kein einziges Mal genannt wird, ist Spezialist für seltene LPs, die er aufspürt und verkauft. Er kann davon leben, aber keine großen Sprünge machen, aber das scheint ihn nicht groß zu stören, viel wichtiger ist ihm seine Unabhängigkeit, und die kommt ins Rutschen, als eine geheimnisvolle, attraktive Frau ihn engagiert. Er soll eine extrem seltene LP für sie und ihren noch geheimnisvolleren Auftraggeber finden, der bereit ist, dafür sehr, sehr viel Geld zu bezahlen. Als er den Auftrag annimmt, kommen die Dinge ins Rollen, die plötzlichen Todesfälle häufen sich und die Handlung fängt an, sich immer schneller zu drehen – wie eine Platte auf dem Plattenteller…

Der Krimi mit dem besonderen Plot hat mir sehr gut gefallen. Die mir vorher unbekannte Welt der Vinylsammler mit ihren speziellen Abspielgeräten, den Must-Have Boxen und den kauzigen Sammlertypen ist bunt und interessant, der Autor kennt sich sehr gut aus und liebt sein Fach. Das Buchpersonal ist klasse geschrieben, vieles schwingt unter der Oberfläche und wird nicht explizit erklärt, was das Buch sehr reizvoll macht. Die Handlung drängt zwar vorwärts, aber in einem guten Tempo. Es gibt ja manchmal Thriller, da verschlingt man fünf Zeilen auf einmal und vergisst das Atmen. Das ist zwar sehr spannend, aber ich bedaure den Autor manchmal – da macht er sich die Mühe und schreibt alles auf und dann verschlingt der Leser es mit einem Happs – das muss doch frustrierend sein. Murder Swing hat Tempo, aber es gibt auch langsamere Passagen, die genussvoll gelesen werden wollen, dann zieht das Tempo an, dann wird es wieder langsamer – das Buch ist wie sein Thema: Ein schönes Jazzstück mit Tempowechseln. Am besten trinkt man dazu einen Kaffee, aber bitte das gute Zeug: Selbst geröstete, handgemahlene Bohnen, langsam mit der richtigen Temperatur aufgebrüht, schwarz genossen, so wie der Vinyl-Detektiv es mag. Und falls man Katzen hat: Auch die sind Feinschmecker. Ein Lammkotelett sollte es schon sein! 🙂

Von mir gibt´s eine Empfehlung – Krimifans mit dem Faible für besondere Themen sollten dieses Buch unbedingt antesten. Mir hat es große Freude beim Lesen bereitet. Und im übrigen ist mir während des gesamten Buches nicht aufgefallen, dass der Vinyl-Detektiv keinen Namen hat, erst als ich die Rezension schreiben wollte und überlegt habe, wie wohl der Hauptdarsteller heißt – da dämmerte es mir. Und genauso gut ist er geschrieben, der Murder Swing!

 

Ausgelesen: Ich finde dich. Von Harlan Coben.

Das war ein Buch aus der großen, geschenkten Krimitasche, die mich dazu gebracht hat, Büchergenres zu lesen, die ich sonst nie lese. Und siehe da: Ein Treffer!

Jake Fischer musste vor sechs Jahren fassungslos mit ansehen, wie seine große Liebe Natalie aus heiterem Himmel einen anderen heiratet. Außerdem nimmt sie ihm das Versprechen ab, sie nie wieder zu kontaktieren. Am Boden zerstört hält er sich daran, bis etwas Unerwartetes geschieht…

… und der Rest ist spannend, sehr kurzweilig, voller interessanter Wendungen, mit einem sehr sympathischen Helden (würden wir uns nicht alle so einen wünschen, Schwestern??) und auch noch gut und flüssig geschrieben. Beste Unterhaltung,  Popcornkino in Buchform. Ich werde sicher nicht nein sagen, wenn mir noch einmal ein Buch von Harlan Coben in die Hände fällt!