Ausgelesen (vor laaaanger Zeit): Die kleine Lok, die alles weiß. Vom Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit, Bonn-Bad Gödesberg. :)

Und es begab sich vor ein paar Monaten, dass meine Mutter alte Schränke durchforstete und auf zwei dünne Heftchen stieß, die ihre beiden Töchter vor gefühlt ca. 100 Jahren mit Begeisterung gelesen hatten: Die kleine Lok, die alles weiß.

Heißgeliebt: Die dicke, schwarze, kleine Lok.

Damals gab es das Heft meines Wissen beim Lebensmittelhändler unseres Vertrauens kostenlos, um kleine Menschen zu einer vernünftigen Ernährung anzuhalten. Tja. Das hat wohl eher nicht funktioniert. Ich hatte schon im Alter von fünf eine große Vorliebe für alles, was von Schokolade ummantelt ist. Trotzdem. Die Lok hat mich ungeheuer fasziniert, und ich habe meine eigene Vorstellung von Dampfwolken der Illustration hinzugefügt. Sehen Sie hier:

Sehen Sie den gekonnten Federstrich? Großes ward mir vorausgesagt! (Jaja, es muss ja nicht alles eintreffen.)

Die Geschichte der kleinen Lok, die alles weiß, begann für mich mysteriös und geheimnisvoll: Sie sollte eine Zugladung Kinder in ein Ferienlager bringen.

Dieses leicht gruselige Ambiente! Für mich sah es aus, als ob gleich alles zusammenfällt.

Eine ganze Zugladung voll? Konnten die alle sitzen? Da war die Rede davon, dass Kinder im schwarzen Tender sitzen mussten, weil nicht alle im Zug Platz hatten! Grusel! Und was bitteschön war ein „Ferienlager“? Was passierte da? Und warum waren die Eltern nicht mit dabei? Schickten in dieser seltsamen Welt Eltern ihre Kinder tatsächlich ALLEIN (in Großbuchstaben) in ein Lager, von dem niemand wusste, was dort passiert?? Ungeheuerlich!

Sehen Sie die Stoffhaare? Und die kleinen Fitzchelchen, die an dem Sack ganz außen rechts herauspieksen? Sehr seltsam.

Ich fand auch, dass die Kinder sehr, sehr unglücklich aussahen. Und seltsam. So puppig. Und kantig. Wollte man sie vielleicht loswerden? Was war das bloß für ein Ding, dieses Ferienlager? Immerhin wurde dann von Spielen, Schwimmen, Brückenbauen und Indianerspielen gesprochen. Aber dann das: Es gab keine Lebensmittel im Lager! Was war das denn? Wo waren die Erwachsenen, die doch zuständig dafür waren? Sehr, sehr seltsam, das Ganze. Aber die Lok ergriff die Initiative, wenn die Erwachsenen sich schon nicht in der Lage sahen, das zu tun, wozu sie da waren und fuhr einkaufen. Ok. Das kannte ich. Einkaufen war super!

Eiscremewaffeln, ungekühlt – das schmilzt doch! Und was bitteschön ist „Milchpulver“? Milch in Pulverform? Aha. Und dann der Quark, ohne Schüssel, einfach so in den Waggon gekippt – igitt.

Aber nie im Leben wäre ich auf die Idee gekommen, so sonderbare Dinge einzukaufen wie Rote Beete, Pampelmusen, Leber oder Trockenmilch. Trockene Milch? Aha. Und die Eiscreme ganz oben, warum schmolz die nicht? Und die seltsame Stapelung der Pakete und Flaschen, ein Wunder, dass nicht sofort alles wieder herunterfiel, wenn die kleine Lok anfuhr! (Und überhaupt: Wo war der Lokführer? Und wer lud all diese Dinge in die Waggons? Die Lok hatte doch keine Arme und Hände!)

Hier war ich mir nie sicher: Kind oder Erwachsener?

Die Eierfrau schließlich war die Krönung der Seltsamkeiten, denn sie passte überhaupt nicht auf, viele Eier waren ihr heruntergefallen, aber sie lächelte, und das war das Allerseltsamste von allem, denn meine Mutter lachte überhaupt nicht, wenn ihr jemals ein Ei zerbrach, was sehr selten bis nie passierte, weil sie immer sehr aufpasste. Und was sollte diese Holzkiste? Eier gab es in Eierpappen von meiner Oma, und nicht in Kisten.

Auch das hier: Brötchen, die herunterfielen von der Lok. Unfassbar. Verschwendung! Und warum war das Brot nicht verpackt, sondern nur auf einem Geschirrhandtuch abgelegt? Wurde das nicht schmutzig, wenn es einfach so ohne alles durch die Lande gefahren wurde?

Aber es schien ja doch alles einigermaßen gutgegangen zu sein, immerhin war der Salat gut angekommen, und das Mädchen sah am Ende der Geschichte deutlich besser gelaunt aus, wenn auch immer noch etwas kantig. Sie trug Kirschohrringe, das kannte ich, die trug ich auch ab und zu. Das war ok und ein Zeichen für gute Laune. Eventuell war dieses Ferienlager also doch akzeptabel, natürlich nicht für mich, aber wenn andere Kinder das so wollten, bitteschön.

Alles in allem war dieses Buch eine höchst exotische Erfahrung für mich, und ich habe es gefühlt etwa 500mal durchgeblättert und immer wieder über die seltsamen Bilder und Verhaltensweisen der Erwachsenen, der Kinder und der kleinen Lok nachgegrübelt. Als meine Mutter dann Jahrhunderte später beide Bücher an meine Neffen weiterverschenken wollte, musste ich deswegen intervenieren: Eins ist bei mir geblieben, um mich ab und zu daran zu erinnern, wie schön es ist, Neues zu entdecken und das Fremdes nicht fremd bleiben muss. Ob das Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit, damals Bonn-Bad Gödesberg, so etwas damals im Sinn hatte, als sie es aus dem Amerikanischen übersetzen ließen? Keine Ahnung. Aber hej, vielen Dank für eine sehr schöne Kindheitserinnerung!

 

Ausgelesen: Ein Weihnachtsgeschenk für Walter. Von Barbara Wersba.

Dieses zauberhafte kleine Buch war heute in meinem Nikolausgeschenk, und ich habe es direkt beim Frühstück gelesen – krank sein hat manchmal auch Vorteile!

Walter ist eine ältere, weißbärtige Ratte, die vor ein paar Monaten bei der Schriftstellerin Miss Pomeroy unter dem Wohnzimmer eingezogen ist. Er liebt Bücher und im Gegensatz zu seinen Artgenossen frisst er sie nicht, er liest sie mit nie nachlassender Begeisterung und ist immer wieder bestürzt darüber, mit wieviel Verachtung die Menschen den Ratten begegnen. Wenn man allein all die Gelegenheiten bedenkt, zu denen er vergiftet werden sollte! Dabei ist er ein reinlicher, unauffälliger Rattenherr, der poetische Zitate liebt und stets darauf achtet, keine Unordnung zu hinterlassen. Eines Tages entdeckt er in Miss Pomeroys Bibliothek die Kinderbücher, die sie geschrieben hat, und muss zu seinem größten Missfallen feststellen, dass der Held all ihrer Bücher ausgerechnet eine Maus ist. Eine Maus! Und das, obwohl Ratten intelligenter und größer als Mäuse sind und obwohl er doch mit ihr in einem Haus lebt! Das kann nicht unbesprochen bleiben, und so beschließt Walter, der kantigen Miss Pomeroy einen Brief zu schreiben…

Und dabei spinnt diese kleine, wunderbare Geschichte sich immer weiter und weiter, und man kann gar nicht anders, als entzückt weiterzulesen und auf ein Happy End zu hoffen. Miss Pomeroy ist so gar keine liebevolle, weißhaarige ältere Dame, sie hat mehr Ecken und Kanten als ein Zauberwürfel, und Walter ist so sehr Walter, dass man ihn gerne auf der Stelle adoptieren würde, egal, wieviele alte Socken und angeknabberte Äpfel einen das kosten würde. Die Geschichte ist kurz, aber prägnant, mit sehr schönen Illustrationen von Donna Diamond versehen und die ideale Vorlesegeschichte für den Advent. Dazu kommen all die wunderbaren Zitate aus vielen bekannten Büchern, aus jeder Zeile springt einem die Liebe zur Literatur entgegen. Selten, das ich einmal so etwas sage wie „Ein Kleinod“, aber hier passt es. Wunderbar. Große Empfehlung. Fünf von fünf Sternen.

 

Ausgelesen: Das dunkle Archiv. Von Genevieve Cogman.

Band vier aus der der Reihe „Die unsichtbare Bibliothek“, und Irene kommt einfach nicht zur Ruhe: Dieses Mal wird sie von einer dubiosen Drachenfrau beauftragt, ein seltenes Buch zu beschaffen, das der Drachin einen hohen Posten in der königlichen Hierarchie sichern soll. Doch Irene weigert sich: Die Bibliothek ist seit Ewigkeiten neutral und darf sich auf niemandes Seite stellen. Doch der Auftrag ist ebenso verlockend wie gefährlich und kann kaum ausgeschlagen werden, wenn die Aufforderung zur Suche von einem Drachen kommt. Damit niemand in Versuchung gerät, beschließt Irene, zusammen mit ihrem Lehrling Kai selber danach zu suchen und es in den Besitz der Bibliothek zu bringen, um die Neutralität zu gewährleisten. Auf der Suche danach geraten sie in eine Welt, die der Prohibitionszeit der zwanziger Jahre in den USA verblüffend ähnlich ist, und es dauert nicht lange, bis Kugeln fliegen und Gangster sich gegenseitig belauern…

Auch dieser Band ist wieder in dem trockenen Tonfall geschrieben, der die Reihe für mich zu etwas besonderem macht. Mit leicht gestelzter Sprachwahl werden die absurdesten Situationen beschrieben, man hat immer das Gefühl, it´s very british, egal, ob Irene und Kai sich auf einer wilden Verfolgungsjagd oder in einer Gangsterkneipe befinden, und selbst wenn die Frisur zerrupft oder die Kleidung angesengt wird, bewahrt man doch immer Haltung und Würde. Allein deswegen werde ich Band fünf bestimmt auch lesen.

Was mir in diesem Band nicht so gefallen hat, ist die Unverwundbarkeit, die Irene wie ein Mantel umgibt. Muss diese Frau denn nie schlafen? Oder über blaue Flecken jammern? Oder sich wenigstens ab und zu mal fragen, ob ihre Loyalität der Bibliothek gegenüber überhaupt gerechtfertigt ist? Ich meine, jeder Mensch braucht doch mal eine Pause, oder? Dummerweise sind Pausen in Büchern schlecht vermittelbar, daher sind wir Leser vermutlich schuld daran, dass Irene sich nie ausruhen darf. Vielleicht sollten wir eine Petition starten: Mehr Schlaf für Irene! Auch nicht so gut gefallen hat mir die Beschreibung der Drachenwelt, aber das ist vorprogrammiert bei einer sehr abstrakten Welt, die sich jeder anders vorstellt. Trotzdem – das Venedig der Elfen war gelungener.

Ich bin gespannt, wo die Reise hingeht in Band fünf, zurück sollte es nicht sein, ich glaube, da wäre ich enttäuscht. Vielleicht wieder ein bisschen mehr in Richtung Steampunk, das wäre doch nett, und Luftschiffe kann es doch nie genug geben in Büchern, oder? Ich hoffe, die Autorin lässt uns ein paar geheimnisvolle Orte und erklärt sie nicht alle, denn die meiste Magie entsteht in Rätseln, die nicht aufgelöst werden. Die Bibliothek zum Beispiel hätte ich gerne weiterhin unendlich in alle Richtungen wabernd und weitestgehend menschenleer. Mal sehen, ob mein  Wunsch erfüllt wird.

Ausgelesen: Schau mir in die Augen, Audrey. Von Sophie Kinsella.

Audrey ist nicht (mehr) wie alle anderen Mädchen im Teeniealter. Sie trägt immer eine Sonnenbrille, weil sie sich vor den Blicken anderer schützen will – denn der direkte Blick von anderen kann dir innerhalb von Sekunden die Seele aussaugen, wie sie selber sagt. Vor einigen Monaten hatte sie ein traumatisches Erlebnis, und seitdem ist nichts mehr wie es vorher war.

Das ist die Ausgangslage in Sophie Kinsellas Jugendroman, der im übrigen trotz des ernsten Themas sehr lustig ist und eine Menge Slapstick-Szenen enthält. Audrey berichtet aus der Ich-Perspektive, und die wird konsequent eingehalten. So bemerkt sie lange Zeit nicht, dass ihre Krankheit sie komplett blind für anderes als sich selbst macht – sie ist Ich-besessen. So wird alles ausschließlich aus ihrer Sicht erzählt, wie ihre leicht chaotische Familie funktioniert, wie ihr Bruder Frank um seinen Computer kämpft, ihre Mutter sich mit viel zu viel Elan auf immer neue Themen wie glutenfreies Brot oder die Gefährlichkeit von Computerspielen stürzt, wie ihr Vater versucht, ein Gleichgewicht herzustellen zwischen allen Mitgliedern der Familie. Die Gespräche mit Audreys Therapeutin Dr. Sarah werden ebenfalls nur aus ihrer Sicht geschildert, was beim Leser für Aha!-Effekte sorgt, denn was bei einem gesunden Menschen offensichtlich zu sein scheint, ist es für Audrey nicht. Sehr liebevoll wird ihre langsame Annäherung an Linus, den Freund ihres Bruders, geschildert. Ich glaube, jeder würde sich einen so verständnisvollen, liebevollen Freund wünschen. Trotzdem ist die Liebesgeschichte nicht das Zentrum der Geschichte, sondern die langsame Heilungsgeschichte bildet den Dreh- und Angelpunkt des Buches.

Sophie Kinsella hat hier mit Fingerspitzengefühl und ohne Sensationsgeheische die Geschichte eines Mädchens mit einer schweren Depression geschildert und dabei auch die Geschichte ihrer Familie mit eingeflochten. Das Ergebnis ist eine humorvolle, emotionale Familiengeschichte mit viel Witz, aber auch dem nötigen Tiefgang. Man geht aus dem Buch mit sehr viel mehr Verständnis für Menschen in solchen Lebenssituationen hervor und hatte dabei eine wirklich gute Zeit. Ich habe das Buch in einem Tag durchgelesen und kann es uneingeschränkt weiterempfehlen, vor allem auch an Eltern mit pubertierenden Teenagern – und damit meine ich nicht nur die Töchter!

Ausgelesen: Das Mädchen mit den gläsernen Füßen. Von Ali Shaw.

Ach, und es fing so gut an. Als ich dieses Buch in der Bibliothek entdeckte, dachte ich: Oh! Was für ein schönes Buch! Warum habe ich das denn noch nie vorher gesehen? Und als ich die ersten Seiten las, dachte ich: Oh! Das fängt aber gut an! Schöne Sprache, spannender Anfang, wie geht´s weiter? Und ich habe es mitgenommen.

Zuhause dann überkam mich eine leichte Skepsis, das Buch und ich haben uns gegenseitig kritisch angeguckt, irgendwie wurden wir nicht miteinander warm. Dann habe ich es schließlich doch weitergelesen. Die Sprache: Weiterhin traumhaft schön, der Autor webt mit seinen poetisch verhangenen Sätzen eine graue, vernebelte Inselgruppe, auf der es entweder eiskalt ist oder regnet, und selbst wenn die Sonne scheint, wird es niemals warm, weder innerlich noch äußerlich. Ida, eine der beiden Hauptpersonen, ist es ebenfalls kalt ums Herz, sie hat ein angsteinflößendes Geheimnis, das sie auf St. Hauda´s Land ergründen will – ihre Füße werden zu Glas. Bei der Suche nach einem geheimnisvollen Mann, der ihr vielleicht helfen könnte, trifft sie Midas, einen introvertierten jungen Mann, der die Welt lieber durch den Sucher seiner analogen Kamera sieht als direkt und als Aushilfe in einem Blumenladen arbeitet. Langsam und mit Hindernissen freunden sie sich an, bis es Liebe wird. Aber Idas Glas wächst weiter…

(Achtung, Spoiler!)

Soweit, sogut. Gestört hat mich im Laufe des Lesens, dass das Buch auf der Stelle tritt. Es ist immer alles dunkel, der Nebel ist überall, das Glas wächst unaufhaltsam weiter, niemand kann helfen, alle sind in ihre eigenen Schwierigkeiten verstrickt, je mehr aufgedeckt wird, desto schlimmer wird es. Man könnte beim Lesen glatt in eine Depression verfallen. Und das Ende! Grauenhaft! Ich weiß, es kann nicht immer und überall ein Happy End geben, aber so??? Puh. Ich meine, Autoren sind natürlich immer und überall frei zu tun, was sie tun müssen, aber der Leser hat auch das Recht, sauer zu werden. Und das war ich. Meine Güte, wer so schön schreiben kann, könnte dem Leser doch zumindest ein kleines Fünkchen Hoffnung lassen, oder? Nichts da. In diesem Buch gibt es zwar völlig grundlos wundervolle, geflügelte Ministiere, aber null Hoffnung. Ich merke gerade, ich bin immer noch sauer, auch wenn es schon ein bisschen her ist, dass ich das Buch gelesen habe. Der Gerechtigkeit halber muss ich noch erwähnen, dass Midas sich doch weiterentwickelt und es schafft, zumindest halbwegs neue Wege zu gehen. Aber das hat mich nicht sonderlich getröstet.

Also. Wir haben hier ein Buch, geschrieben in sehr schöner, traumverlorener Sprache, die wunderbare schwarz-weiß-graue Bilder malt, eine schöne, phantasievolle Geschichte, die allerdings teilweise auf der Stelle tritt, depressive Schübe auslöst und definitiv kein Happy-End hat. Wer es lesen will, lese es. Ich habe ihn gewarnt.

So ein schönes Cover… tja.

 

Reisebücher

Es ist ja so: Wenn man viel liest, vermehren sich unweigerlich die eigenen Bücherbestände. Man kauft eins hier und eins da, bekommt welche geschenkt, dann gibt es Flohmärkte, auf denen immer und überall verlockende Bücher fast umsonst herum liegen, Buchtauschregale… es ist ein Kreuz. Man kauft ein neues Regal, baut an bestehende an, stellt die Bücher doppelreihig hintereinander, und spätestens, wenn die Stapel vor den Regalen anfangen, wacklig zu werden, ist die Lage ernst.

Alles gern gelesene Bücher. Obwohl – Hectors Reise war nicht so meins.

Als die Lage bei mir ernst wurde, das Wohnzimmer renoviert werden wollte und die Bücher mich dabei fast überwältigten, habe ich angefangen, auszusortieren. Ich habe verschenkt, auf dem Flohmarkt verkauft, ein paar wurden entsorgt (ein hässliches Wort, ich weiß, aber es gibt Bücher, die wollte ich einfach niemandem zumuten) und dann waren immer noch welche übrig. Und die habe ich dann auf die Reise geschickt. Anfangs noch mit bookcrossing, dann auf meine eigene Art und Weise, bookcrossinglight sozusagen. Und das geht so: Man nehme abziehbare Aufkleber, beschrifte sie und klebe sie dann auf die Bücher, die ab sofort auf eigenen Füßen stehen müssen.

Die sind schneller alle, als man vermutet…

Dann braucht es nur noch trockene und gut besuchte Orte, an denen man sie in die Freiheit entlässt: Züge, immer wieder Züge jeder Art, überdachte Fensterlaibungen, Bushaltestellen, Einkaufszentren… was einem so über den Weg läuft. Meinen Beobachtungen zufolge trauen die Leute sich schneller, ein Buch mitzunehmen, wenn draufsteht, dass es niemandem gehört. Ich hatte schon ein nettes Gespräch mit einem Mann, der einen dicken Wälzer fröhlich mitgenommen und sich über den Aufkleber gefreut hat. Und ich hab mich gefreut, weil er sich gefreut hat. Eine unschlagbare Win-Win-Situation für beide Seiten.

Und das beste: Mein Wohnzimmer atmet wieder! Es stehen immer noch eine Menge Bücher drin, aber alles, was neu dazukommt und kein absoluter Hauptgewinn ist, darf auch wieder gehen, nachdem ich es an alle ausgeliehen habe, die es lesen wollten. Warum sollte es bei mir nur herumstehen? Bücher sollten gelesen werden, dazu sind sie da. Und wer weiß? Vielleicht verführe ich so jemanden dazu, nach langer Zeit mal wieder ein Buch in die Hand zu nehmen, das er ansonsten nie und nimmer angefasst geschweige denn gekauft hätte.

Und schön ist auch das kleine Kribbeln, wenn ich eins aussetze, ich versuche nämlich immer, dabei unbeobachtet zu bleiben. Ich finde es netter, wenn das Buch ganz allein da liegt, ohne sichtbaren Vorbesitzer. Manchmal klappt es, manchmal nicht so ganz, die Leute können ganz schön aufmerksam sein. Mir wurden auch schon Bücher hinterher getragen mit dem Hinweis, ich hätte da was vergessen. Was ja auch nett ist.

Charles Dickens´ Weihnachtserzählungen werden auch auf die Reise gehen, aber natürlich erst im Dezember!

Insgesamt eine sehr schöne Art, Bücher weiterzugeben, finde ich. Und die eigenen Regale mutieren nicht zu überquellenden Staubfängerbuchendhaltestellen. 🙂

Ausgelesen: Konkurrenz für Mma Ramotswe. Von Alexander McCall Smith.

Ein weiterer Fall für Mma Ramotswe. Und ich bin ein wenig uninspiriert, was das Schreiben einer Rezension betrifft. Das Buch ist nicht schlecht, aber auch kein Pageturner. Es hat sehr schöne Momente, aber auch sehr langatmige. Wirklich gelungen ist die atmosphärische Beschreibung einer ruhigen, afrikanischen Stadt unter einem hohen Himmel in sehr heißem Klima. Aber andererseits ist das Buch ein einziges großes Klischee, wenn auch ein sehr schönes. Ich habe es gern gelesen, aber mein Leben verändert hat es nicht. Naja. Lebensverändernd sind nicht sehr viele Bücher, das muss ich zugeben.

Gut, also: Mma Ramotswe ist die Inhaberin der einzigen Detektei in Garbarone, der Hauptstadt Botswanas. Eines Tages macht eine zweite Detektei auf, geführt von einem Mann. Einem sehr arroganten, überheblichen Mann, der Mma Ramotswe beleidigt und ihr Unfähigkeit unterstellt, weil sie eine Frau ist. Im Laufe des Buches zeigt sich, dass der neue Detektei-Inhaber sich wohl ein wenig überschätzt hat und wieder aufgibt, und alles ist wieder ruhig unter der heißen Sonne Botswanas… nebenbei hat Mma Makutsi, die Angestellte von Mma Ramotswe, eine Geschäftsidee – eine Schreibmaschinenschule für Männer. Und sie ist erfolgreich, was sie selbst fast am meisten überrascht. Einer ihrer Schüler zeigt Interesse an ihr, und alles könnte so schön sein – oder?

Es scheint, als ob mich der lange, ruhige Erzählstil kombiniert mit all den Kommentaren über die enorme Hitze selbst auch ein wenig träge gemacht hat… es ist ein nettes Buch in einer netten Serie, auch, wenn in diesem Band der Krimianteil verschwindend gering ist. Der Autor liebt Afrika, das spürt man in jeder Zeile und in jedem Wort, und das ist es, was die Bücher trägt – seine überwältigende große Liebe für all das, was er schreibt und vielleicht ja auch beschreibt. Um daran teilzuhaben, lese ich die Bücher. Menschen mit einer Passion sind eben berauschend.