Fräulein Honigohr und die Walnüsse

Fräulein Honigohr läuft über die Wiese. Das Gras ist nass und färbt ihre Schuhe dunkel, aber das ist nebensächlich. Der Alte hat nach ihr gerufen, und das ist noch nie vorgekommen. Sie macht sich Sorgen. Vielleicht hat er die Nussfäule? Das juckt wie die Pest, aber er hat schon schlimmeres überlebt, und wegen einer solchen Kleinigkeit würde er sie nicht rufen. Ob sie ihn abholzen wollen? Als sie beim Alten ankommt, hört sie fast schon das Gekreische der Sägen. „Da bin ich“, sagt sie, „was ist los?“
Der Alte rauscht mit den Blättern. Seine unzähligen Früchte kichern. „Nüsschen“, raunt er, „gut, dass du gekommen bist. Meine Kinder machen mich wahnsinnig, es ist nicht zum aushalten! Vielleicht kannst du ihnen diese verrückten Ideen ausreden. Mir fällt nichts mehr ein. Ich bin kurz davor, sie alle abzuwerfen!“
Fräulein Honigohr ist erleichtert. Keine Sägen! Sie stemmt die Hände in die Hüften. „Ach komm! Das würdest du doch nie tun!“
„Doch, würde ich!“ Der Alte rauscht grimmig.
Fräulein Honigohr spitzt die Lippen und guckt streng. „Soso. Wer ist die Wortführerin?“ fragt sie in die Runde.
„Ich!“ flüstert eine Stimme unten links. Es ist eine besonders dicke grüne Walnussfrucht. „Wir wollen keine Walnüsse sein! Walnüsse sind langweilig!“
„Und bitter!“ flüstert die Walnuss neben ihr.
„Und braun wollen wir auch nicht sein!“ raunt es aus einem höheren Ast.
„Keiner mag uns, und schwer zu knacken sind wir auch!“ wispert die Wortführerin. „Wir wollen Erdbeeren sein!“
„Erdbeeren, Erdbeeren, Erdbeeren!“ raschelt und flüstert es im Baum.
„Siehst du?“ raunt der Alte. „Ich werde noch verrückt hier!“ Er schüttelt sich und die jungen Früchte schaukeln bedrohlich hin und her.
„Lass das“, sagt Fräulein Honigohr. Der Alte seufzt und hält die Äste still. „Ihr wollt also Erdbeeren sein? Wirklich?“
„Jajajajajajaja! Süß und fruchtig und rot und weich!“ weht es im Baum umher. „Erdbeermarmelade! Erdbeeren mit Sahne! Erdbeerkuchen!“
„Wie kommt ihr denn bloß auf solche Ideen?“ fragt Fräulein Honigohr, aber die jungen Walnüsse hören ihr nicht zu, sie flüstern von Erdbeerträumen und Sommer.
Der Alte lässt die Äste knacken. „In schönen Nächten sitzen oft Menschen mit ihren Handys unter mir. Meine Kinder haben zugehört und zugesehen und jetzt sind sie verrückt geworden.“
Ach so. Fräulein Honigohr überlegt. „Hört mal. Das geht nicht. Ich kann euch nicht in Erdbeeren verwandeln. Für sowas braucht man eine Sondererlaubnis, und die ist wirklich schwer zu bekommen, glaubt mir, unzählige Formulare mit Durchschlag, und alle müssen durch alle Abteilungen, da wären wir im Frühling noch nicht fertig.“
Protestgeflüster weht durch die Äste und lässt die Blätter schwanken. Der Alte wiegt sich hin und her.
„Ich biete euch etwas anderes an. Ihr macht euren Vater sonst völlig verrückt, und ihr wollt doch sicher nicht vor der Zeit abgeworfen werden, oder?“ Sie lässt einen kleinen bedrohlichen Tonfall durch ihre Stimme schimmern und das Protestgeflüster verstummt.
„Was willst du tun?“ raunt die dicke grüne Walnussfrucht.
„Keine Erdbeeren. Aber ihr werdet Weihnachtswalnüsse sein. Golden mit roten Punkten. Das erinnert ein bisschen an Erdbeeren, und wenn die Menschen euch mögen, können sie euch zu Weihnachten in grüne Zweige hängen. Mehr ist nicht drin.“ Fräulein Honigohr klingt bestimmt. Eine Generation von rot gepunkteten Walnüssen ist doch sicher erlaubt, oder? Hoffentlich bleibt das oben unbemerkt, sie hat so gar keine Lust auf Ärger von höherer Stelle, aber sie ist dem Alten verpflichtet, schließlich kennen sie sich schon eine Ewigkeit. Und ein vorzeitiger Fruchtabwurf wäre gar nicht gut. Sie hört schon wieder die Sägen bedrohlich näher kommen.
„Golden, golden mit roten Punkten, roten Punkten“, wispert es im Baum.
„Aber Weihnachten ist doch noch ewig hin“, flüstert die dicke grüne Walnussfrucht protestierend. „Ewig hin, ewig hin“, wiederholen ihre Schwestern wispernd im Chor.
„Tja. Ihr müsst halt ein bisschen länger bei eurem Vater bleiben als geplant. Ihr könnt nicht alles haben.“
Die Walnussfrüchte seufzen, aber vom Erdbeergeraune ist nichts mehr zu hören.
Fräulein Honigohr schnipst mit den Fingern und ein kleines Knacken schwebt durch die grünen Früchte. „Erledigt. Ich hoffe, sie lassen dir jetzt ein bisschen mehr Ruhe“, sagt sie zum Alten.
„Das hoffe ich auch“, raunt er, „du hast was gut bei mir!“
„Ach, Papperlapapp“, sagt Fräulein Honigohr, „das war umsonst.“
Als sie geht, hört sie die Früchte kichern. „Golden und rot, golden und rot“ weht durch die Luft, und Fräulein Honigohr schüttelt den Kopf. Erdbeeren! Handys verändern wirklich alles.

5 Gedanken zu „Fräulein Honigohr und die Walnüsse

  1. Aaah, mir war schon aufgefallen, dass noch nichts von dir im Adventskalender dabei war: Das ist des Pudels Kern! Und Fräulein Honigohr ist wieder einmal sehr souverän. Erdbeeren! Tse! 🍓🍓🍓
    Aber sehr schick mit den Punkten! 🧡
    Schöne Feiertage auch hier! 🌧️🎄✨☕🍩🎶

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