Der Schweinehund hat Angst

Dein Schweinehund tigert unruhig in der Wohnung auf und ab. Du versuchst, ihn zu ignorieren, aber das klappt nicht. Schließlich hältst du es nicht mehr aus. „Was ist denn?“ rufst du genervt in den Flur.
Wie eine kleine, pelzige Kanonenkugel schiesst dein Schweinehund ins Arbeitszimmer. „Können wir rausgehen? Bittebitte!“ Er ringt die Pfoten und sieht dich an. Sein Fell sträubt sich in alle Richtungen. Er sieht nicht gut aus.
„DU willst rausgehen?“ Ungläubig starrst du ihn an.
„Ich halt´s nicht aus hier drin! Was, wenn das die letzte Gelegenheit für Wochen ist rauszugehen, und wir haben sie nicht genutzt? Nur, weil du dauernd arbeiten musst? Fühlst du nicht auch, wie die Wände immer näher rücken?“ Seine Augen haben einen besorgniserregenden Glanz, seine Ohren zucken unkontrolliert.
Du nickst langsam. „Ok. Dann gehen wir raus.“
„Ja! Ja! Danke!“ Dein Schweinehund hüpft wie ein Flummi auf und ab.
„Aber du kennst die Regeln! Nur um den Block, zwei Meter Abstand zu jedem und du schnüffelst an keinem einzigen Hosenbein!“
„Selbstverständlich! Jetzt komm schon, los, los, beeil dich!“ Dein Schweinehund zieht dich am Schal durch die Tür nach draußen ins Treppenhaus. Du schüttelst den Kopf und schließt die Tür ab, dann gehst du zur Treppe.
„Nein! Fass das nicht an!“
Du ziehst ertappt die Hand vom Treppengeländer zurück. Dein Schweinehund stöhnt auf, verdreht die Augen und läuft sehr viel langsamer als gerade eben noch die Treppe hinunter. Dort bleibt er stehen und guckt abwechselnd auf dich und auf die Türklinke, dann dreht er um und rennt wieder zurück zur Wohnungstür. „Ich hab´s mir anders überlegt“, ruft er, „ich will doch drinnenbleiben. Lass mich rein!“
„Oh nein, mein Lieber, das ziehen wir jetzt durch. Ich fasse die Türklinke mit meinem Ärmel an, guck, so!“ Du drückst die Tür auf. Von draußen kommt Vogelgezwitscher herein. Die Luft ist mild. Der Himmel ist graublau. Dein Schweinehund sitzt oben auf der Treppe und jammert leise vor sich hin.
„Guck doch“, sagst du, „es ist gar nicht schlimm da draußen. Wir halten die Regeln ein, gehen eine Runde um den Block und lächeln jeden freundlich an, der uns begegnet. Wir sind doch nicht die einzigen!“
„Ich weiß auch nicht“, flüstert dein Schweinehund, „ich werde noch verrückt, wenn das so weitergeht.“
„Nein, das wirst du nicht. Ich bin ja da. Und überhaupt, wann ist das denn passiert? Das du dich so verrückt machen lässt? Du bist doch sonst nicht so!“
„Nein? Bin ich nicht?“
„Auf keinen Fall.“ Du legst alle Überzeugungskraft in deine Stimme, die du hast.
„Vielleicht… vielleicht hätte ich nicht zwölf Stunden lang Nachrichten gucken sollen…“, dein Schweinehund wühlt mit seinen Pfoten in seinem Fell herum.
„Zwölf Stunden?!“ rufst du entsetzt. „Warum machst du sowas?“
„Du hattest so viel zu tun! Und mir war langweilig!“ verteidigt sich dein Schweinehund, aber seine Stimme klingt kleinlaut.
„Ok. Das werden wir ändern. Zweimal am Tag ist ok, einmal morgens, einmal abends. Dazwischen tun wir ab sofort andere Sachen. Ok?“
„Ok…“
„Und jetzt gehen wir um den Block. Los, komm!“ Dein Schweinehund rafft sich auf und tritt mit mißtrauischem Blick vor die Haustür. Schnell machst du sie hinter ihm zu. Anklagend sieht er zu dir auf.
„Du fasst nichts an?“
„Nein.“
„Und du schüttelst auch niemandem die Hand, nicht mal alten Freunden?“
„Nein!“
„Und wenn jemand niest, rennst du weg?“
Du rollst mit den Augen. „Meinetwegen“.
„Ok. Dann los.“
Und ihr geht los.

Perlhyazinthen für den Schweinehund

Perlhyazinthen für den Schweinehund

„Was guckst du so nachdenklich?“ fragt dein Schweinehund mit aufgerichteten Ohren.
„Ach, nichts“, antwortest du, aber dein Blick fällt erneut auf die blauen Perlhyazinthen in deinem Küchenfenster.
„Achduje“, stöhnt dein Schweinehund. „Ich hab dir gleich gesagt, dass wir Ärger mit diesen Dingern haben werden!“
„Ärger? Wieso?“, versuchst du das Unheil abzuwenden, aber ohne Erfolg.
Dein Schweinehund hebt eine Pfote und fängt an zu dozieren. „ICH habe gleich gesagt, kauf sie nicht, sie sind hübsch, aber nutzlos, nach ein paar Wochen sind sie hin, und du jammerst: ‚Viel zu schade zum wegwerfen, aber wohin damit?‘ Und dann sitzen wir irgendwo in einem Park auf den Knien, holen uns den Tod, erfrieren fast und machen uns lächerlich, weil wir versuchen, verblühte Blumen loszuwerden!“ Er sieht dich anklagend an. „Erinnerst du dich an die Forsythien, unter denen wir die Narzissen eingegraben haben? Am nächsten Tag hatte sie irgendjemand wieder ausgebuddelt und über den halben Park verteilt! UND du hattest es hinterher im Rücken!“
„Jaaa…“, antwortest du. Eigentlich hat er Recht. Aber andererseits… du kannst die Zwiebelchen nicht wegwerfen. Sie leben doch, oder? Lebewesen darf man nicht in den Müll tun. Vielleicht freut sich jemand nächstes Jahr über die Blaublütler. Du könntest sie unter dem Haselnussbaum zwei Straßen weiter einpflanzen. Blumen dort wären nicht verkehrt, so grau, wie es da ist.
„Los, komm“, sagst du zu deinem Schweinehund und packst Töpfchen, Handschuhe und eine Schaufel in deine Tasche.
Dein Schweinehund stöhnt dramatisch und trottet resigniert zur Haustür. „Sag hinterher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt!“ wirft er dir an den Rücken.
„Hast du“, antwortest du, „ich nehme das volle Risiko allein auf mich.“
„Na gut. Aber wenn ich schon raus muss, will ich hinterher ein Eis!“
„Ok“, sagst du.
Seltsam. Das war einfach. Vielleicht ist es der Frühling. Der stimmt selbst deinen Schweinehund milde.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden, organisiert von Christiane. Drei Wörter waren im Text unterzubringen: Forsythien, lächerlich und erfrieren. Die Wortspende stammt dieses Mal von Elke H. Speidel und ihrem Blog transsilabia.wordpress.com.

Wie jedes Mal waren die maximal 300 Worte hart umkämpft, aber es ist vollbracht: Es sind genau dreihundert! 🙂

Dein Schweinehund spart

Dein Schweinehund spart

Als du mit einer Papiertüte in der Hand aus der Bäckerei kommst, steht dein Schweinehund mit verschränkten Armen vor deinem Fahrrad. Anklagend blickt er auf deine Papiertüte, während seine rechte Hinterpfote einen mißbilligenden Takt auf das Steinpflaster klopft.
„Du kannst es nicht lassen, was?“
Seine Stimme hat diesen lehrerhaften Tonfall, den du überhaupt nicht leiden kannst. „Was kann ich nicht lassen?“ fragst du gereizt zurück, obwohl du schon weißt, worauf er hinauswill.
„Sinnlos Geld auszugeben.“ Jetzt klingt er nicht nur lehrerhaft, sondern hat auch diesen unerträglichen, mild überheblichen Ausdruck im Gesicht, den er immer hat, wenn er sich dir moralisch unendlich überlegen fühlt. Dein Blutdruck steigt in zwei Sekunden von hundertzwanzig auf hundertachtzig. „Wieso sinnlos??“ fragst du weit lauter als es eigentlich notwendig wäre.
Dein Schweinehund lächelt sanft. „Ach, das muß ich dir nicht erklären. Das weißt du selber ganz genau.“
„Nein, das weiß ich nicht ganz genau! Erklär mir das bitte!“ Du versuchst, deine Lautstärke zu senken, ballst deine Hände zu Fäusten und zerknitterst dabei die Papiertüte.
Dein Schweinehund legt die Pfoten vor seinem pelzigen Bauch zusammen, ein Abbild gesitteter, beherrschter Vollkommenheit. „Wollten wir nicht sparen? Hatten wir uns nicht einen Urlaub herausgesucht, auf den wir uns schon freuen? Der ziemlich teuer ist? Und war in unserem Sparplan nicht auch ein selbst gemachtes Frühstücksbrot enthalten? Und was sehe ich nun in deinen Händen? Ein belegtes, gekauftes Käsebrötchen, richtig?“ Er ringt die Pfoten. „Ach! Wieviel Brot hätten wir davon kaufen können! Das hätte die ganze Woche gereicht!“ Er sieht dich an und versetzt dir den Todesstoß. „Und gesünder wäre es auch gewesen. All das Weißmehl! Was das wieder mit unserem Blutzuckerspiegel machen wird!“ Er schüttelt weise den Kopf und verschränkt traurig die Pfoten hinter seinem Rücken. Stille breitet sich zwischen euch aus, während eilige Passanten vorbeigehen und euch argwöhnische Blicke zuwerfen.
Du starrst ihn an. Eigentlich hat er Recht. Aber uneigentlich kannst du es nicht leiden, wenn er Recht hat. Verdammt! „Mag sein“, knurrst du, nimmst dein Fahrrad und gehst zur Ampel.
Dein Schweinehund spaziert neben dir her. Er hat immer noch diesen milden, verständnisvollen Ausdruck im Gesicht. „Ach, lass nur. Ich weiß ja, dass ich Recht habe. Es ist halt der Zeitdruck morgens. Soviel Streß, da muss ja was schiefgehen. Ich sag ja immer, schlaf morgens aus, nimm dir Zeit, dann hast du auch die Zeit, dir morgens ein Brot zu… “ Er verstummt und wirft dir einen raschen Seitenblick zu. Du siehst ihn aus zusammengekniffenen Augen an.
„Warst du es nicht heute morgen, der mir gesagt hat, ich soll das Brot Brot sein lassen? Damit wir den Zug noch bekommen?“
„Jaaa, aber doch nur, weil du so spät aufgestanden bist!“
„Und warum bin ich wohl so spät aufgestanden?“
„Weil du gestern abend unbedingt noch den Film gucken wolltest!“
„Und warum wollte ich gestern abend unbedingt diesen Film gucken? Der im übrigen auch noch echt schlecht war, wie du ja weißt!“
„Weil… weil… hab ich vergessen!“ Dein Schweinehund springt vor dir in den Fahrradkorb und wendet dir den Rücken zu.
„Aha. Vergessen.“ Um einiges zufriedener als noch vor einer Minute stemmst du dich in die Pedalen.
„Trotzdem. Ich hab Recht“, schiebt er störrisch hinterher. Er sieht dich nicht an.
„Stimmt“, antwortest du friedlich.
„Ich will nur dein Bestes!“
„Weiß ich doch.“
„Stopp!!!“ schreit er so plötzlich, dass du eine Vollbremsung hinlegst und zwei Passanten fast zu Tode erschreckst.
„Was ist denn?!“ herrscht du ihn an. „Willst du uns beide umbringen, oder was? Hier ist doch nichts!“
„Ja, guck doch!“ ruft er, hüpft im Fahrradkorb auf und ab und zeigt auf ein Schaufenster. „Da! Das Buch! Mit dem Schallplattencover! Ist das nicht toll? Das müssen wir haben! Kaufst du mir das? Bittebittebitte! Ich glaube, ich kann ohne das Buch nicht weiterleben!“ Er springt aus dem Korb ans Schaufenster, presst sich an die Scheibe und starrt in die Auslage. Seine Nase hinterlässt einen feuchten Abdruck auf dem Glas.
Du starrst ihn an und denkst: Unverbesserlich. Er ist unverbesserlich. Aber das Buch… das Buch sieht wirklich interessant aus.

Herbstblumen

Herbstblumen

Du steigst aus dem Zug, der Bahnsteig ist voller Menschen, die alle dasselbe wollen: Möglichst schnell zur Treppe und weg hier. Dein Schweinehund läuft rückwärts vor dir her und schlängelt sich dabei elegant zwischen den Menschen hindurch. Beeindruckend. Er starrt dir mißtrauisch ins Gesicht. Beim Rückwärtslaufen, wohlgemerkt.
„Du planst doch was, oder? Los, sag schon, was ist es?“
„Ich? Wie kommst du darauf?“
„Du hast diesen Ausdruck im Gesicht. Ich kenne den! Du planst was!“
„Quatsch. Was du immer siehst!“
„Hm.“ Dein Schweinehund starrt dir so intensiv ins Gesicht, dass du das Gefühl hast, deine Augenbrauen fangen gleich Feuer. Ihr seid schon unten im Tunnel, das Gedrängel ist so dicht, dass ihr nebeneinanderher gehen müsst. Dein Schweinehund wirft dir immer wieder bohrende Seitenblicke zu und du erhöhst das Tempo. Je schneller du gehst, desto mehr Weg hast du geschafft, bevor es losgeht. In Rekordgeschwindigkeit überquerst du den Bahnhofsvorplatz und steuerst auf dein Fahrrad zu. Als du das Fahrradschloss öffnest, schreit dein Schweinehund auf. Du seufzst leise. Es geht los.
„Ha! Ich wusste es doch! Blumen! Du willst Blumen kaufen!“
„Ja, und? Und woher weisst du das schon wieder?“ Ärgerlich pfefferst du das Schloß in den Fahrradkorb.
„Du weißt doch, dass ich Gedanken lesen kann! Also, zumindest deine. Manchmal. Egal! Blumen? Ist das dein Ernst? Es ist saukalt, weisst du das? Wieso müssen wir denn gerade heute einen Umweg in dieser eisigen Kälte machen? Außerdem bist du knapp bei Kasse! Haben wir nicht gestern erst über Sparsamkeit gestrit… geredet?“ Er ist in den Fahrradkorb gesprungen, sieht dich anklagend an und ringt die Pfoten. „Und guck mal, wie spät es schon wieder ist! Wir kommen zu spät! Du wolltest heute doch pünktlich anfangen!“
„Jetzt komm mal wieder runter! Wir haben Oktober, es ist frisch, aber nicht saukalt“, erwiderst du und schiebst unauffällig die Jackenärmel über die Hände. Warm ist es auch nicht gerade, aber nicht in hundert Jahren würdest du das jetzt zugeben.
„Du hast ja auch Kleidung an! Ich darf ruhig frieren, oder was?“ ruft dein Schweinehund entrüstet, während sein dichter Pelz im Wind weht und seine Ohren wie kleine Segel flattern. „Und überhaupt! Wozu denn Blumen? Wer braucht die schon! In spätestens einer Woche sind sie sowieso hinüber, ach was, fünf Tage gebe ich ihnen maximal! Und dafür lässt du mich hier erfrieren!“ Seine Stimme schraubt sich in unerwartete Höhen und er schlingt seine pelzigen Pfoten um sich, als ob er gleich den Antarktis-Kältetod erleiden würde.
„Blumen erfreuen die Seele und meine Augen“, antwortest du in lehrerhaftem Tonfall und fährst stoisch weiter in Richtung Blumenmarkt. „Und jetzt sind die Dahlien am schönsten.“
„Dahlien! Pah! Wir fahren einen Umweg, wir kommen zu spät, du gibst Geld aus, das du nicht hast, es ist eiskalt, ich erfriere und dann verwelken deine Dahlien auch noch und du musst täglich das Blumenwasser wechseln. Ich verstehe dich einfach nicht!“ Die letzten Worte schreit er dramatisch so laut in die Luft, dass ein paar Tauben hektisch aufflattern und eilig das Weite suchen.
„Entspann dich“, sagst du gelassen und bremst. „Wir sind schon da.“
Dein Schweinehund lässt die Pfoten sinken und guckt verwirrt um sich. „Oh. Ach so. Ja dann…“ Er blinzelt, schüttelt sich einmal, dreht sich um sich selbst und rollt sich im Fahrradkorb zusammen. „Meine Güte. Na gut. Wenn du schon unbedingt welche kaufen musst, würde ich aber die bunten nehmen. Die sind hübscher als die rot-weißen.“ Er gähnt. Du siehst ihn an, schüttelst den Kopf und gehst zum Stand. Natürlich hat er Recht. Die bunten Dahliensträuße sind die schönsten, und weil dein Schweinehund gerade nicht hinguckt, kaufst du gleich zwei, einen für dich und einen für deine Kollegin.
Herbstdahlien. Was du dafür alles auf dich nimmst.

Jaaa, ich weiß, das ist keine Dahlie. Dahlien waren rein fototechnisch gerade aus, da musste ein Ersatz her, und so schlecht ist er nicht, der Ersatz, oder? (Und wenn man das Foto größer klickt, kann man winzige Luftbläschen in den Wassertropfen sehen – Schokolade für die Augen!)

Beziehungskisten

Du versuchst, dich zu konzentrieren, aber das ist schwierig. Dein Schweinehund liegt hinter dir auf dem Bett und schmollt. Er macht dabei seine typischen Schmollgeräusche: Eine Mischung aus leisem Winseln und tiefen, dramatischen Atemzügen.
Du beendest deinen letzten Satz und nimmst die Hände von der Tastatur. Dann drehst du dich zu ihm um. „Na?“ sagst du.
Dein Schweinehund knurrt leise und dreht sich von dir weg, aber die dramatischen Atemzüge werden lauter. Du wartest. Und richtig: Plötzlich springt dein Schweinehund auf, hüpft vom Bett und baut sich vor dir auf. Er stemmt die Pfoten in die Hüften, schiebt die Unterlippe vor, sieht dir ins Gesicht und ruft: „Und das nach so vielen, gemeinsamen Jahren! Bin ich dir denn gar nichts wert?!“
Du guckst verständnislos, und als du nicht sofort antwortest, wirft dein Schweinehund die Pfoten theatralisch in die Luft und beginnt vor dir auf und ab zu marschieren.
„Ich verlange doch wirklich nicht viel, nur ein klein wenig Beachtung! Ab und zu ein Gespräch, nur ein paar Worte, damit ich weiß, dass ich existiere, ach was, ein ‚Hallo du‘ würde mir ja schon ausreichen, aber du, du siehst mich ja gar nicht mehr! Als ob ich gar nicht da wäre! Kein Wort heute seit über einer Stunde, weisst du, wie ich mich da fühle? Ungeliebt!“ Beim letzten Wort heult er auf und bricht dramatisch vor dir zusammen.
Hm. Ok. Du könntest ihn jetzt darauf hinweisen, dass eine Stunde wirklich nicht lang ist, aber im Moment hat das wohl eher keinen Sinn. Also setzt du dich neben deinen Schweinehund auf den Boden und streichst ihm vorsichtig über das gesträubte Rückenfell. Er schnieft laut, dreht sich aber nicht weg. Ein gutes Zeichen.
„Hör mal“, sagst du, „ich weiß, ich hab in den letzten Tagen nicht viel Zeit mit dir verbracht.“
„Nicht viel? Das ist ja wohl die Untertreibung des Monats!“
„Ok, ok, du hast ja Recht, und es tut mir auch leid.“
„Echt?“ Er setzt sich auf, die Augen noch ganz verheult, und starrt dich an.“Es tut dir leid? Das hast du nicht mehr gesagt, seit… seit… ich glaube, das hast du noch nie gesagt!“
„Siehst du? Du bist mir wohl was wert.“ Du siehst deinem Schweinehund in die Augen. Du meinst es ernst. „Was wäre ich schon ohne dich? Du bist meine innere Stimme, meine Korrektur, mein in-den-Hintern-Treter. Ohne dich würde ich nur auf der Stelle laufen und nicht vom Fleck kommen.“
Dein Schweinehund starrt dich an. „Das meinst du ernst, oder?“
Du nickst. „Heiliges Indianerehrenwort.“
„Ohhhhhh… “ Dein Schweinehund strahlt gerührt, dann verdüstert sich seine Miene wieder. „Warum hast du dann nie Zeit für mich?“
Du lächelst. Jetzt kommt das Beste. „Naja, ich schreibe. Dabei muss ich mich konzentrieren.“
„Aber warum denn so viel? Du sitzt dauernd an diesem Computer, ich fühle mich dann so… so… einsam!“ Die Stimme deines Schweinehundes schwankt schon wieder bedrohlich.
„Du bist halt eine anspruchsvolle Persönlichkeit, die kann ich nicht einfach kurz und knapp beschreiben, da braucht man schon ein bißchen mehr Zeit als üblich.“
„Was?“ Dein Schweinehund starrt dich an. „Du schreibst über mich?“
„Na klar. Über wen denn sonst?“
Dein Schweinehund ist sprachlos. Das kommt selten vor, und du genießt den kleinen Moment der Ruhe und des Triumphs, und dann ist er auch schon wieder vorbei.
„Über mich? Wirklich? Echt jetzt? Was schreibst du denn? Doch hoffentlich nur Gutes? Wie bin ich denn, wenn du mich schreibst? Kann ich das mal lesen? Darf ich mal sehen? Los, los, hilf mir mal auf den Stuhl! Komm schon, jetzt sitz da nicht so rum!“ Er hüpft vor dem Schreibtisch auf und ab und blickt dich erwartungsvoll an.
Du stehst auf und versuchst, streng zu gucken. „Dir ist schon klar, dass niemand meine unfertigen Texte lesen darf, ja?“
„Och, bitteeeee!“ Er bleibt stehen und sieht dich mit großen, glänzenden Kinderaugen an, und du schwankst.
„Na gut. Aber nur einen! Und nur einen kurzen!“
Dein Schweinehund strahlt. „Du liest vor, ok? Und weisst du was? Dann lasse ich dich in Ruhe, mindestens eine Stunde lang. Damit du weiterschreiben kannst!“

Lieben Dank an Gertrud fürs Stempeln und Basteln! 🙂

Schweinehund 2.0

Schweinehund 2.0

Als du in den Flur gehst, triffst du deinen Schweinehund vor dem Spiegel an. Er dreht und wendet sich, betrachtet sich über die Schulter von hinten und geht dann ganz nah an den Spiegel heran und fletscht die Zähne.
„Probst du für ein neues Feindbild?“ fragst du und lehnst dich mit verschränkten Armen an den Schuhschrank.
„Ein neues Feindbild? Quatsch!“ antwortet dein Schweinehund. „Obwohl, Moment, warte mal.“ Er stellt sich vor den Spiegel in Positur, hebt beide Arme, boxt mit den Pfoten in die Luft und schreit: „Ban-zaiiiii!“ Er verbeugt sich vor sich selbst, dreht sich zu dir und grinst. „Nicht schlecht, was?“
„Hm-hm“, machst du. „Jetzt mal ernsthaft: Seit wann interessierst du dich für dein Aussehen?“
„Ach“, er wedelt wegwerfend mit einer Pfote, „eigentlich ja gar nicht, ich weiß halt, dass ich gut aussehe, aber in letzter Zeit hatte ich so ein komisches Gefühl, und ich wollte das mal überprüfen.“
„Aha“, sagst du. „Ein komisches Gefühl. Kannst du das näher erläutern?“
„Tja“, sagt er, „ich bin ja wirklich nicht eitel, aber findest du nicht auch, dass ich in letzter Zeit irgendwie noch besser aussehe als sonst?“
Du atmest aus. Nicht eitel, nein, natürlich nicht. Du gehst zum Spiegel, stellst dich hinter deinen Schweinehund und blickst auf ihn runter. „Hm. Mir fällt eigentlich nichts auf“, sagst du.
„Ja, aber guck mal, mein Fell hat jetzt so hübsche goldene Strähnchen, hier, und hier auch, die waren sonst nicht da, und meine Augen“ – hier geht er mit der Nase so dicht an den Spiegel, dass sie einen feuchten Fleck auf dem Glas hinterlässt – „meine Augen haben eine ganz neue Tiefe, so ein Glänzen. So ein emotionales Ding. Oder?“ Er blinzelt ein paarmal schnell nacheinander und sieht sich selbst tief in die Augen.
Du hast plötzlich ein Zucken in den Mundwinkeln, das in ein breites Grinsen übergeht. Emotionale Tiefe! „Klar, du hast völlig Recht“, sagst du dann ernst, „und deine Nase glänzt auch viel mehr als sonst.“
Dein Grinsen ist völlig an deinem Schweinehund vorbei gegangen, er betrachtet jetzt eingehend seine Nase. „Du hast Recht!“ ruft er erstaunt. „Sie glänzt!“
Du lehnst dich wieder an den Schuhschrank. „Tja. Und was für Erkenntnisse gewinnt du jetzt aus deiner persönlichen Optimierung?“
„Erkenntnisse? Wieso Erkenntnisse?“ Er dreht sich noch einmal von links nach rechts und fletscht die Zähne. „Eindeutig. Schärfer. Und spitzer,“ murmelt er und guckt dich dann im Spiegel an. „Was für Erkenntnisse soll ich denn haben? Ich sehe eindeutig gut aus, reicht das nicht? Obwohl…“ er hebt schon wieder die Pfoten, und du rufst schnell: „Nicht wieder den Schlachtruf, bitte!“
Beleidigt sieht er dich an. „Was ist gegen meinen Schlachtruf einzuwenden? Und außerdem wollte ich gar nichts rufen, sondern dir nur eine Erkenntnis mitteilen, du hast schließlich gefragt!“
Du hebst die Hände und gibst auf. „Ok. Sag schon.“
„Vielleicht sehe ich in letzter Zeit besser aus, weil wir mehr Zeit als sonst miteinander verbringen? Du weisst schon, was immer in den Zeitschriften steht: Verbringe mehr Zeit mit deinem Sozialpartner, er wird es dir danken!“
Du lässt die Hände sinken, und alles, was dir einfällt, ist: „Wann liest du denn solche Zeitschriften?“
„Och, mal hier und mal da,“ murmelt dein Schweinehund. „Aber es könnte schon was dran sein, oder?“
Du drehst dich um und gehst zum Kleiderschrank. „Pack deinen Kram zusammen. Wir gehen aus.“
„Jetzt? Seit wann das denn?“
„Seit gerade eben.“
„Ok-eeey,“ sagt dein Schweinehund, „von mir aus. Also, ich sehe gut aus, wie du weisst, aber du könntest dich schon noch ein bißchen optimieren, findest du nicht?“
Du überlegst, ob du deine alten Socken nach ihm werfen sollst. Aber dann greifst du doch nach der neuen Jeans.
Vielleicht hat er dieses eine Mal wirklich Recht.

Mit Schweinehund im Stau

Auf einmal blinken die Warnleuchten des Autos vor dir auf. Du trittst auf die Bremse. Innerhalb von Sekunden erstrecken sich drei endlose Schlangen aus roten Rückleuchten nach vorn in die Nacht. Nicht jetzt! In einer halben Stunde hast du einen wichtigen Termin, und den kannst du vergessen, wenn das hier ein echter Stau wird. Du schickst ein Stoßgebet nach oben.
Dein Schweinehund auf dem Beifahrersitz hebt träge ein Auge. „Sprechen wir wieder mit dem unsichtbaren Wesen, das keiner ausser dir sehen kann?“
„Ja, genau das tun wir“, sagst du und trommelst nervös mit den Fingern auf dem Lenkrad herum. Bitte kein Stau! Bitte nicht!
„Ich hab ja immer noch nicht begriffen, was das eigentlich bewirken soll“, sagt dein Schweinehund. „Ich meine, soll dein Unsichtbarer jetzt die Autos vor dir wegschieben? Wie Hulk?“
Du bist genervt. „Keine Ahnung, wie er das machen soll – Hauptsache, dieser Stau hier verschwindet! Wir müssen in einer halben Stunde im Büro sein!“
„Ach, das Büro, das Büro“, dein Schweinehund wedelt lässig mit einer Pfote durch die Luft, „das läuft schon nicht weg. Außerdem ist das gar nicht schlecht, da haben wir mal ein bißchen Zeit, uns zu unterhalten!“
Du atmest tief ein. Nur nicht aufregen.
Dein Schweinehund setzt sich auf. „Mal ernsthaft: Warum bist du dir so sicher, dass jemand deine Hilferufe hört? Ich kann hier außer uns beiden niemanden sehen!“
„Mann. Das haben wir doch schon hundertausendmal durchgekaut. Nur, weil du nichts siehst, heißt das nicht, dass da nichts ist!“
„Aber Beweise hast du nicht!“
„Du alter Zweifler! Nein, hab ich nicht. Aber ich glaube, da ist etwas. Tut mir leid, mehr kann ich dazu nicht sagen.“ Dir kommt eine Idee. „Übrigens – hast du schon mal drüber nachgedacht, dass du auch eine ziemlich zweifelhafte Existenz bist?“
„Ich? Wieso?“ Dein Schweinehund klingt erstaunt.
„Na-jaa“, sagst du gedehnt, „überleg mal: Für mich bist du real. Aber für alle anderen? Sehr zweifelhaft. Bedeutet das also, dass du nicht existierst?“
„Ach, schnickschnack“, winkt dein Schweinehund ab, „das sind Spitzfindigkeiten. Ich hab halt keine Lust, mich mit anderen Leuten zu unterhalten, die sind mir alle viel zu anstrengend.“ Er legt sich wieder hin und schliesst die Augen. „Ich merke schon, du bist schlecht drauf heute. Wir unterhalten uns ein andernmal.“
Du lehnst dich zurück. Das war fast zu einfach. Ohne den Kopf zu bewegen schielst du zu deinem Schweinehund hinüber. Aha! Seine Ohren zucken. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass ihn irgendetwas intensiv beschäftigt. Dann hupt jemand hinter dir. Der Stau hat sich aufgelöst. Na bitte! Natürlich ist das kein Beweis für irgendetwas, soviel ist dir klar. Aber schlecht ist es auch nicht. Du murmelst leise „danke“, und dann gibst du Gas.