Herr Miesling und die Silbe Un

Herr Miesling träumt.
„Du bist immer so gut gelaunt“, beschwert er sich bei seinem Engel und sticht auf den Wackelpudding ein, als ob der die Schuld an allem hätte. „Dabei hast du gar keinen Grund, so gut gelaunt zu sein, ich meine, guck dich doch um!“ Verdrossen betrachtet er seine kleine Wohnung. „Hier ist alles verbraucht, was soll da noch passieren?“ Verzagt sieht er auf seinen misshandelten Wackelpudding. „Nichts ist mehr möglich, so is das.“
Sein Engel sieht ihm fest ins Gesicht, obwohl das eigentlich gar nicht geht, so tief, wie Herr Mieslings Kopf herunterhängt.
„Was?“ Herr Miesling blinzelt. „Ich versteh dich nicht. Was is erschlossen?“
Sein Engel malt zwei Buchstaben in die Luft.
„U – N? Un?“ Herr Miesling guckt verständnislos.
Sein Engel seufzt, dann schnipst er mit den Fingern, es knistert in den Wänden und alles fängt von vorne an.
„Ich bin immer so schlecht gelaunt“, beschwert Herr Miesling sich bei seinem Engel. „Warum is das so?“
Sein Engel zuckt mit den Achseln.
„Ich weiß es auch nicht“, sagt Herr Miesling unverdrossen und ziemlich erstaunt. Er betrachtet seine kleine Wohnung. „Eigentlich ist hier alles unverbraucht, es könnte noch alles passieren.“ Unverzagt sieht er auf seinen halbgegessenen Wackelpudding hinunter. „Nichts ist unmöglich, so ist das.“
Sein Engel lächelt und nickt.
„Ich bin unerschlossen. Unerschlossenes Land“, sagt Herr Miesling überrascht. „Ach so!“
Es knistert in den Wänden.
Herr Miesling wacht auf.

Das war noch ein Beitrag zu den abc-Etüden, und ich hatte dieses Mal die große Ehre, die Wortspenderin zu sein! Ich habe mit Vergnügen und Vorfreude Wackelpudding, unverdrossen und knistern gewählt und bin gespannt auf die Beiträge. Organisiert werden die Etüden von Christiane, und weil das viel Arbeit ist, ein großes Dankeschön von Blog zu Blog. In diesem Beitrag habe ich ein bisschen herumgespielt mit der Silbe Un, inspiriert wurde ich dabei vom Wochenkalender von Susanne Niemeyer. Da gab es letzte Woche höchst verlockende Experimente mit dieser Silbe. Sehr interessant, wie sie alles mit Leichtigkeit umkehren kann.

Künstler

Ich betrachte mein Bild und bin unzufrieden. Die Farben sind ganz ok. Aber sonst? Ich gucke die Originale an. Sie sind perfekt. Ich stütze mein Kinn in die Hand und schiele zu Gott rüber. „Und? Gefällt´s dir?“ frage ich.
„Sehr gut.“ Er nimmt mein Bild in die Hand. „Man sieht sofort, dass es ein Birkenblatt ist. Die Adern hast du gut hingekriegt. Und es leuchtet.“ Er lächelt.
Ich bin skeptisch. Die Originale liegen überall neben uns herum oder fallen gerade vom Baum. Jedes einzelne ist besser als meins. „Hm“, sage ich.
„Doch! Ich hab gesehen, wie viel Zeit und Überlegung du hineingesteckt hast! Es ist doch für mich, oder?“ Er klingt hoffnungsvoll.
„Wenn du es wirklich haben willst“, sage ich, „du hast doch jede Menge besserer Blätter hier.“
Gott piekst mit seinem Zeigefinger auf mein Blatt. „Es kommt nicht immer auf Perfektion an“, sagt er, „manchmal ist es wichtiger, warum du es tust, oder für wen.“
„Na dann“, sage ich, „bitteschön. Ein Geschenk von mir für dich.“ Dann füge ich noch hinzu: „Du kannst ganz schön einschüchternd sein, weißt du das?“
Ein perfektes, gelbes Blatt landet auf seiner Schulter. Er wischt es weg und nimmt meine Zeichnung in die Hand. „Ich weiß“, sagt er und fährt mit dem Finger die Umrisse entlang.
Ich bin ein bisschen stolz. Doch, das Gelb habe ich ganz gut hinbekommen.

Als der Teufel Coaching-Seminare anbietet

Als der Teufel Coachingseminare anbietet, ist Herr F. elektrisiert. Auch seine Mutter meint, dass ihm das nur gut tun könne, ein bisschen mehr Rückgrat würde ihn sicher voranbringen.
Nachdem Herr F. sich angemeldet und einen nicht unerheblichen Teil seiner Ersparnisse an die Unterwelt-Vermögenskasse überwiesen hat, ist er am verabredeten Tag in der örtlichen Volkshochschule. Sein Couching findet in Raum 2.17 statt und mit einer Mischung aus Aufregung und Vorfreude klopft er an die Tür.
Niemand antwortet. Er klopft erneut, zaghafter dieses Mal. Ist er hier richtig? Die Nummer stimmt. Sicherheitshalber sieht er noch einmal auf die knappe Zusage, dann schiebt er die Schultern zurück und öffnet die Tür.
Im Raum sitzt ein sehr dünner, blasser Mann im eleganten Businessanzug hinter einem Tisch. Er blickt nicht auf, als er sagt: „Na endlich. Noch fünf Minuten später und ich wäre weg gewesen. Lesen Sie das Kleingedruckte nicht?“
„Äh… ich…“, stammelt Herr F.
„Das sollten Sie aber besser. Immer das Kleingedruckte lesen, alles. Haben Sie auch nur eine entfernte Ahnung, was da alles drinstehen kann? Mein erster Tipp für Sie.“ Der dünne Mann lacht leise und raschelnd. Dann blickt er Herrn F. scharf an. „Klopfen Sie immer an, wenn Sie in ein von Ihnen bezahltes Seminar gehen?“
Herr F. läuft rot an.
„Nie klopfen“, sagt der dünne Mann und es klingt endgültig. „Zweiter Tipp.“
Herr F. nickt eilig und reisst sich zusammen. „Sind Sie der Teufel persönlich?“ fragt er und ist stolz auf seinen Mut.
„Natürlich nicht. Sie lesen das Kleingedruckte ja wirklich nicht.“ Der dünne Mann tippt mit langen Fingern auf einem schmalen Notebook herum. „Kommen wir zu Ihren Angaben. Herr F., 37 Jahre, ledig, kinderlos, Ihre Mutter lebt bei Ihnen. Angestellter bei Sockenparadies Thies und Sohn.“ Seine Miene verzieht sich. „Sockenparadies. Sie haben es weit gebracht.“
Herr F. stellt seine Aktenmappe auf den Boden. „Wissen Sie, das war alles nicht so einfach, eigentlich bin ich ganz gern bei Thies und Sohn, aber ich würde gern vorankommen. Ich möchte mehr, wissen Sie?“
„Soso.“ Der dünne Mann lehnt sich zurück und schlägt die Beine übereinander. „Mehr.“
Herr F. wischt über den Schweißfilm auf seiner Stirn. „Ja!“ stösst er hervor. „Da muss es doch mehr geben! Wie komme ich da ran?“
Der dünne Mann lässt seinen Blick langsam von Herrn F.s Kopf bis hinunter zu seinen Füßen wandern. Er seufzt und tippt mit dem Nagel des langen Zeigefingers an seine Schneidezähne. „Sie wollen viel“, sagt er, „das war so nicht vereinbart.“
„Aber…“ stottert Herr F.
„Ach, was soll´s, Sie bekommen einen Gratis-Tipp von mir.“ Er lächelt dünn. „Schaffen Sie sich einen anständigen Anzug an. In diesem Ding wird das nie was. Gehen Sie zum Frisör. Eine Maniküre könnte auch nicht schaden.“ Er wirft einen Blick auf Herrn F.s Fingernägel. „Und werfen Sie um Himmels Willen Ihre Mutter raus!“ Der Blick des dünnen Mannes ist streng. „Füllen Sie das hier aus und vereinbaren Sie einen neuen Termin mit uns.“ Er schiebt Herrn F. einen sehr dicken Stapel Formulare zu.
„Aber… aber…“ stottert Herr F.
Der dünne Mann wirft ihm einen Blick zu. Herr F. nimmt die Formulare, greift nach seiner Aktenmappe und geht. Seine Knie zittern. Draußen lässt er sich auf eine Bank fallen und starrt auf die kahle Wand gegenüber.
„War es bei Ihnen auch so schlimm?“
Herr F. sieht nach links. Da sitzt eine füllige Frau. Sie hält denselben Formularstapel in den Händen wie er. Er nickt langsam.
Die Frau schnauft, dann legt sie den Stapel auf die Bank neben sich. „Ich unterschreibe das bestimmt nicht. Man braucht eine Lupe, um das Kleingedruckte zu lesen.“
Herr F. befühlt den Papierstapel. Er ist kühl und glatt unter seinen Fingerspitzen.
„Haben Sie Lust, einen Kaffee mit mir zu trinken? Erfahrungswerte austauschen? Im dritten Stock gibt es einen Automaten.“
Herr F. zögert. Dann nickt er. Zusammen gehen sie zur Treppe. Die Formulare hält er fest in der Hand.

Gott macht Urlaub

Als der Vorsitzende des Heimatvereins Gott trifft, ist es 14:17 Uhr und er will gerade den Schaukasten neu bestücken. Vor der Scheibe steht Gott und isst ein Eis, während er die Bekanntmachung zur Jahreshauptversammlung liest. Seltsamerweise weiß der Vorsitzende sofort, dass es sich um Gott handelt, obwohl er sonst ein kritischer Mensch ist, gerne zweifelt und viel diskutiert.
„Was machen Sie hier?“ fragt er Gott.
„Du kannst mich duzen“, antwortet Gott und beisst ein Stück Erdbeereis ab. „Ich lese eure Bekanntmachungen.“
„Ah.“ Der Vorsitzende hat keine Ahnung, was er sagen soll. Schließlich trifft man Gott nicht jeden Tag.
„Du kannst mich alles fragen“, sagt Gott.
„Ja, dann…“, der Vorsitzende überlegt, „warum haben wir so wenig Mitglieder?“ fragt er schließlich das, was ihm gerade am meisten auf der Seele liegt. Gott seufzt. „Da fragst du den Richtigen.“ Er überlegt. „Magst du eure Mitglieder?“
Der Vorsitzende zuckt mit den Schultern. „Doch ja, aber natürlich nicht so wie Freunde, es sind halt Vereinsmitglieder.“
„Daran solltet ihr arbeiten.“ Gott wirft einen Blick auf das Filmangebot. ‚Im weißen Rössl am Wolfgangssee‘ steht da. „Vielleicht solltet ihr das Filmangebot auch mal überdenken“, fügt er hinzu.
Der Vorsitzende nickt. Er ist nicht überzeugt, aber wenn Gott das sagt?


Gott lehnt sich an die harte Stuhllehne und beobachtet die Vereinsmitglieder bei der Vorbereitung der Jahreshauptversammlung. Ihr Vorsitzender ist überall zugleich, rückt hier einen Stuhl gerade und richtet da das Mikrofon, legt Stifte bereit und kontrolliert, ob die Kaffeekannen richtig verschlossen sind. Engagiert, denkt Gott, wirklich eifrig, aber ein bisschen schwierig im Umgang. Er kann schlecht loslassen. Schon als Schüler musste er alles dreimal kontrollieren, Gott erinnert sich. Vielleicht ist es Zeit für eine kleine Portion Chaos. Nichts bringt Menschen so schnell auf neue Wege wie ein bisschen Chaos. Gott nickt und plötzlich fällt der Strom aus. Während um ihn herum hektische Aktivität ausbricht und der Vorsitzende abwechselnd rot und blass wird, denkt Gott über die Frage von vorhin nach: „Warum haben wir so wenig Mitglieder?“
Es ist eine gute Frage. Eine sehr gute.


Gott betrachtet die Stadt, während er langsam ohne Eile den Himmel ersteigt. Eigenwillige Menschen leben hier, denkt er, so, wie ich es mag. Und sie haben gute Fragen! Er befühlt den Zettel in seiner Tasche, auf dem lauter Punkte stehen, die er mit seinem ausführenden Personal besprechen wird: Warum so wenig Mitglieder? Müssen frisch Verstorbene wirklich immer Schmetterlinge sehen? Kann die warme Glut in den Augen nicht öfter angezündet werden? Und warum gibt es im Himmel kein Erdbeereis?
Er öffnet die Pforte und verschwindet.
Unten im Städtchen packt ein frustrierter Taschendieb seine Siebensachen, die Touristen entdecken, dass die Hälfte ihrer Fotos verschwunden ist und die Statue wird zum ersten Mal seit sehr vielen Jahren gereinigt. Der Vorsitzende des Heimatvereins akzeptiert eine Doppelspitze. Ab sofort gibt es auch eine Vorsitzende.
Ansonsten bleiben die Dinge, wie sie sind. Nur die Erdbeereisvariationen in den Eisdielen haben seltsamerweise sehr zugenommen. Die Kinder freut es. Und die Erwachsenen auch.

Das war eine Gemeinschaftsschreibaktion, es gibt also noch dreizehn andere Blicke auf Gott, der Urlaub macht. Das hier war meiner 😊.

Herr Miesling und die Veränderung

Herr Miesling und die Veränderung

Herr Miesling sitzt auf seinem Küchenstuhl und sieht entmutigt aus. „Und du meinst wirklich, ich muss das machen?“, fragt er seinen Engel.
Der nickt energisch.
„Ich mag keine Veränderungen“, murmelt Herr Miesling, „immer, wenn sich was verändert hat, wars hinterher schlechter.“
Sein Engel stemmt die Hände in die Hüften.
„Na gut, vielleicht nich jedes Mal“, räumt Herr Miesling ein. „Als ich beschlossen hab, zur See zu fahrn, das war gut. Aber abgesehn davon, ich mags nich, wenn ich mich nich auskenn. Ich will wissen, wo was ist und wie es sich anfühlt, morgens im selben Zimmer im selben Bett wie immer aufzuwachen. Jaja, schon gut“, schiebt er schnell ein, als sein Engel leise schnaubt, „ich zieh ja nich um. Aber wenn ich jetzt anfang, hier was zu verändern, dann fang ich an, mich auf was zu freun, und ich weiß nich, was das ist, also freu ich mich grundlos, und dann stell ich irgendwann fest, ich hab gar keinen Grund, mich zu freun, also hör ich auf damit und dann ist es schlechter als vorher, als ich mich auch nich gefreut hab. Also kann ichs doch gleich lassen, oder?“ Er sieht seinen Engel an.
Der sieht aus, als ob ihm sein Job manchmal zu schwer wäre. Dann setzt er sich zu Herrn Miesling an den Tisch, obwohl da eigentlich kein zweiter Stuhl ist und sieht mit ihm aus dem Fenster.
Eine kleine Weile später räuspert Herr Miesling sich. „Naja“, sagt er, „aber jetzt haben wir den Eimer ja schon mal da. Und nen Pinsel auch.“ Er sieht sich kritisch um. „Und die Wand könnte nen Anstrich vertragen, das stimmt schon. Meinste, sie würds mögen?“
Sein Engel nickt vorsichtig.
„Ach Gott, dann. Meinetwegen.“ Herr Miesling seufzt. „Ich hoffe, ich mags auch. Kannste´n paar Zeitungen holen zum auslegen?“
Sein Engel zeigt auf einen Stapel Papier neben der Tür.
Herr Miesling guckt auf den Stapel und schüttelt den Kopf. „Du denkst echt immer positiv, was?“
Sein Engel zuckt mit den Schultern. Dann zieht er von irgendwo zwei gefaltete Papierhüte hervor und hält sie hoch.
Herr Miesling grinst. „Na dann los“, sagt er.

Marktplatzeis

Marktplatzeis

Ich esse ein Eis auf dem Marktplatz. Der Eisverkäufer ist genervt, Corona verdirbt ihm das Geschäft, und dazu der ewige Regen! Ach, der Regen.
Im Halbdunkel der großen Schirme hockt eine zerknitterte Frau und wirft böse Blicke um sich. Sie äfft ein Kleinkind nach, das überrascht kurz verstummt. Die Frau grinst triumphierend. Ich esse mein Eis und versuche nicht aufzufallen. Vergeblich. Als ich zwei kleinen weißen Handtaschenhunden hinterherblicke, lacht die Frau einmal kurz auf, dann fragt sie spöttisch: „Mögen Sie die etwa? Zu meinen Lebzeiten hatte ich drei 160kg Hunde, das waren Hunde, sag ich Ihnen!“
Ich lächle höflich, aber sie lässt mich nicht vom Haken. „Immer hungrig, das waren sie, aber gut erzogen!“
Tapfer nehme ich die Konversation auf. „Da wäre so ein kleiner wohl ein netter Imbiß gewesen, was?“
Die Frau lacht meckernd wie eine Ziege. Ich zucke zusammen. Eine Frau mit Eis in der Hand sucht hastig das Weite, nachdem sie sich fast an einen der Tische gesetzt hätte.
„Gucken Sie mal dahinten, die alten Frauen da, keine Arbeit, keinen Mann, zuviel Zeit. Und was machen sie mit der Zeit? Blumentöpfe hin und her schieben!“ Sie zuckt abschätzig mit den Schultern.
Ich gucke auf den Marktplatz. Da stehen tatsächlich ein paar Frauen zwischen sehr vielen Blumentöpfen und gestikulieren aufgeregt. Eigentlich sieht es ganz nett aus.
„Zu meinen Lebzeiten gab´s sowas ja nicht. So ein unnützer Kram. Haben die nichts besseres zu tun?“ Die Frau schnauft abfällig.
Ok. Jetzt muss ich nachfragen. „Zu Ihren Lebzeiten?“
„Ja mei, Sie wollen´s aber genau wissen!“
Ich schwanke kurz zwischen Nicken und Kopfschütteln, aber bevor ich mich entschieden habe, spricht die Frau schon weiter.
„Ich bin ja eigentlich gar nicht mehr da, wissen Sie. Und ich wäre auch lieber nicht hier, das können Sie glauben! So ein Getue überall! Aber der da oben wollte es anders. Und so bin ich halt hier der Engel. Was soll´s.“
Ich gucke stumm.
„Doch, glauben Sie´s! Nicht so einer im Nachthemd und katzenfreundlich, nene, ich hab Spezialaufgaben!“ Das letzte Wort betont sie überdeutlich.
„Aha?“ Ich überlege, wie ich möglichst schnell hier wegkomme.
„Ich vergraule Gäste!“ Sie kichert und ich muss wieder an Ziegen denken. „Der Luigi hier zum Beispiel, der darf keine Gäste ohne Test hier sitzen haben, aber er hält sich nicht dran. Er soll seinen Laden aber behalten, verstehen Sie? Und da mache ich halt, was ich am besten kann.“ Sie lehnt sich zurück, schlägt zufrieden die Beine übereinander und wirft böse Blicke auf die Eistheke. Die Familie, die gerade Wundertüten gekauft hat, entschliesst sich spontan, sie doch lieber am Brunnen zu essen.
„Aha“, sage ich wieder.
„Der Luigi, der sieht mich nicht. Und Sie, Sie glauben mir auch nicht. Sie denken, ich bin verrückt.“ Sie gackert. „Ich bin wirklich gut, wissen Sie!“ Ein paar Spatzen fliegen aufgescheucht davon.
Ich nicke, lächle höflich und verabschiede mich. Im Gehen drehe ich mich um. Im Eiscafé sitzt niemand, nur die alte Frau sieht mir spöttisch hinterher.
Vielleicht ist sie wirklich gut in dem, was sie tut.

klick zum vergrößern

Ausrufezeichen

neben goldenen Feldern
vergessene Ausrufeähren
schöne Unperfektheit
Fingerzeige himmelwärts

Ich halt die Luft an

(Engelsmonolog)

„Ich halt die Luft an, bis alles wieder stimmt? Komischer Liedtitel, aber für mich kein Problem: Atmen ist für mich wie essen, man kann, muss aber nicht. Die Frage ist doch eher, wie lange willst du die Luft anhalten? Zu lange dürfte ungesund sein, und bis alles stimmt? Meiner Erfahrung nach stimmt selten alles. Vieles vielleicht, aber alles? Perfekt bin nicht mal ich, und ich muss es wissen. Was suchst du? Eine Vorstellung? Den goldenen Schnitt? Im Leben ist der Schnitt selten golden, eher blau. Oder ein bisschen krumm. Ich rede dir nicht rein, keine Sorge! Such ruhig weiter, das kann ja auch sehr spannend sein, wie Ostereiersuchen. Es muss sie vorher nur jemand verstecken. Was, wenn niemand die Eier versteckt? Und du suchst und suchst? Ich sags ja nur.“

Nähme ich Flügel der Morgenröte

„Hör mal“, sagst du.
„Ja?“ sagt Gott.
„Ich habe gehört, dass du alles über mich weißt. Stimmt das?“
„Ja“, sagt Gott.
„Oh“, sagst du. „Alles? Wirklich?“
Gott nickt.
„Das ist… ziemlich viel“, sagst du und fühlst dich unbehaglich.
Gott nickt wieder. Er hat seine Hände gefaltet vor sich auf den Tisch gelegt.
„Kann ich mein Veto einlegen?“ fragst du.
Gott schüttelt den Kopf. „Nein“, sagt er.
Du überlegst, an was du heute morgen schon alles gedacht hast. Eieiei. „Das gefällt mir nicht“, sagst du.
„Ich weiß“, sagt Gott und lächelt.
Du bist empört. „Aber ich habe doch wohl ein Recht auf Privatsphäre!“
„Bei mir nicht“, sagt Gott.
„Das geht doch nicht! Du darfst nicht die ganze Zeit in meinen Gedanken rumwühlen!“ rufst du wütend, „ich tue das bei dir doch auch nicht!“ Du lässt großzügig unter den Tisch fallen, dass du das gar nicht kannst. Hier geht es schließlich um Grundsätzliches.
„Ich habe dich gemacht“, sagt Gott und blickt dir in die Augen, „natürlich kenne ich alle deine Gedanken. Was wäre ich für ein Schöpfer, wenn ich nicht an dir interessiert wäre?“
„Aber… aber…“ stammelst du, „… trotzdem!“
„Und glaub mir, meine Gedanken willst du gar nicht kennen. Dein Kopf würde explodieren“, fügt Gott sachlich hinzu. Er lehnt sich zurück und nimmt einen Schluck Kaffee. „Ändert sich für dich was, wenn du weißt, dass ich deine Gedanken kenne?“
Du holst tief Luft. „Natürlich! Was glaubst du denn! Ich kann doch nie wieder in Ruhe denken, wenn ich weiß, dass du mitliest!“
Gott lacht laut los, verschüttet Kaffee und setzt seine Tasse zurück auf den Tisch. „Meinst du, ich würde peinlich berührt erröten? Es gibt absolut nichts, was du denken könntest, was ich nicht schon gedacht habe. Glaub mir!“
Du merkst, dass du rot wirst. „Du hast gut reden! Mir ist das peinlich! Ich will vieles gar nicht denken, aber es passiert einfach, da kann ich überhaupt nichts gegen tun!“
Gott legt kurz seine Hand auf deine und nimmt sie wieder weg. „Mach dir keine Sorgen. Es ist ok, wirklich. Solange wir miteinander reden, ist alles gut.“
Du bist nicht überzeugt. „Ich finde das unfair. Manchmal braucht man doch eine Auszeit! Um ganz bei sich zu sein!“
„Du bist doch ganz bei dir, oder etwa nicht?“ Gott sieht dich an. Dann schüttelt er den Kopf. „Ich kann es nicht ändern. Du bist bei mir und ich bin bei dir. So ist es.“
Du erinnerst dich. „Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer… „
„… so würde ich dich auch dort halten und bei dir sein“, antwortet Gott.
Du überlegst. Auf den Flügeln der Morgenröte reisen klingt verlockend. Das wolltest du schon immer mal tun, aber du hattest Angst. So weit weg, ganz allein. Wenn Gott dabei wäre… vielleicht ist dieses Konzept des alles Wissens und immer da seins doch nicht komplett übel. „Naja…“ sagst du schließlich widerwillig, „aber ich hasse es, wenn man mir ein schlechtes Gewissen macht!“
„Ich weiß“, sagt Gott.
„Ich kann ja versuchen, mir Mühe zu geben mit meinen Gedanken“, sagst du steif.
„Ach, lass das. Mir ist lieber, du bist ehrlich“, sagt Gott. Dann zwinkert er dir zu. „Und es ist viel interessanter, wenn du nicht versuchst, heilig zu sein. Weißt du noch, deine Franziskus-Phase vor ein paar Jahren? Das war anstrengend.“ Er schüttelt den Kopf. „Menschen sind nicht heilig, so habe ich euch nicht gemacht. Fürs Heiligsein habe ich meine Engel, das reicht mir völlig.“
Du atmest tief ein und wieder aus. Na gut. Dann wirst du eben weitermachen wie bisher.
„Genau“, sagt Gott. „Morgen, selber Ort, selbe Uhrzeit?“
Du nickst.
Und Gott ist verschwunden.

Gottes „Ich bin“ für Diebe

Gottes „Ich bin“ für Diebe

Ich bin das große Ding, das du drehen möchtest.
Ich bin das Niesen, das du unterdrücken musst.
Ich bin der Entschluß am Ende deines Plans.
Ich bin die Nacht, die deinen großen Tag bereitet.
Ich bin die Dusche, die die Nacht von dir abspült.
Ich bin die Möglichkeit, die du nicht bedacht hast.
Ich bin das Badesalz, mit dem du untertauchen kannst.
Und, was du nicht vermutet hättest: Ich bin die Beute.