Was lockt dich?

Es ist genug, wenn alles Lachen aus mir herausgehüpft ist. Wenn die Sympathiewellen ruhig über den Sand laufen. Wenn alles Essen probiert und für gut befunden wurde. Wenn die Geselligkeitsspeicher aufgefüllt sind. Aber vor allem ist es genug, wenn jedes „noch mehr“ nichts mehr füllt, sondern überfüllt, und Menschen, Erlebnisse und Dinge beginnen, an mir abzuperlen wie Wasser auf einer von Hand polierten Motorhaube. Manchmal ist es nicht leicht, das richtige „genug“ zu erkennen.
Die Farbe meines Lebens wechselt dann von gerade noch bunt in ein gefährliches, von-allem-zuviel-fahlbraun, und diese Farbüberschrift möchte ja nun wirklich niemand über sein Leben schreiben. Oder? Das Bunte zu bewahren ist eine lebenslange Aufgabe, die niemand für mich erledigen kann. Das ist beunruhigend und beruhigend zugleich.
Heute weiß ich das. Früher nicht. Manchmal würde ich gern mit meinem jüngeren Ich an einem ruhigen Fluss im Gras sitzen und picknicken und bei Käsekuchen mit Heidelbeermarmelade ein paar Gespräche mit mir führen. Vielleicht sollte ich auch noch die Liebe, den Mut und das Vertrauen dazu einladen und eine kleine Party feiern. Das könnten interessante Stunden werden.
Vielleicht würden wir dann auch über das Schreiben sprechen, und dass ich viel früher damit anfangen sollte, weil es ein Gefühl vermittelt, auf das ich auf gar keinen Fall mehr verzichten möchte: Eine Mischung aus Frieden, Freude, Glück und ganz und gar komplett zu sein. Zu einhundert Prozent in einer Sache versunken zu sein. Die Gewissheit zu haben, dass auf dem Papier alles wahr werden kann.
Das Leben lockt mich mit seinen Aufgaben und Herausforderungen, selbst dann, wenn sie furchteinflössend sind. Ich weiß immer noch nichts, obwohl ich nicht mehr jung bin – wie wunderbar ist das? Jeden Tag öffnen sich neue Fenster, und ich linse durch sie hindurch und bewundere die Aussicht auf völlig unbekanntes Terrain. Wenn man nicht aufpasst, könnte man dem Irrtum verfallen, dass man umso klüger wird, je älter man wird, aber das stimmt nur zu einem Teil. In meinem eigenen, kleinen, begrenzten Leben werde ich vielleicht klüger, aber in allem, was außerhalb meiner Selbst liegt, bin ich so ahnungslos wie ein neugeborenes Kind. Da draußen leben Milliarden Welten nebeneinander, und ich weiß gar nichts.
Und das ich nichts weiß, das ist das Verlockendste, was ich je gehört habe.

Fräulein Honigohr steht gerade neben mir und liest die letzten Sätze. Sie sieht mich an, schüttelt leicht den Kopf und sagt: „Meine Liebe, das ist ja alles schön und gut, aber für mich ist jetzt aktuell ein Eis mit Erdbeeren, Schlagsahne und Schokostreuseln das Verlockendste, das es auf der Welt gibt, also komm jetzt, wir müssen dein Gefrierfach leerräumen! Über den Rest reden wir später.“
Und zack! zieht sie mich vom Schreibtisch weg, und jetzt kann ich leider nicht mehr weiterschreiben…

Mitten im Gold

manchmal
mitten im Gold
hinter dem Licht
zittert papierne Haut
klirren gläserne Knochen
mein Pappmachée-Herz
schlägt knisternd
hinter dem Licht
wandere ich
über Straßen aus dünnem Papier
der Regen fällt salzig
tropft kleine Löcher
ins Licht
mit letztem Atem
spanne ich Regenschirmhaut
über
mein knisterndes Herz

Der Dienstag dichtet! 🙂  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch Wortgeflumselkritzelkram, Mutigerleben, Werner KastensFindevogel und die Wortverzauberte sind mit von der Partie. Schaut doch mal bei ihnen vorbei, der Dienstag fängt besser an mit ein bisschen Wortzauberei!

leben

leben

morgens klingelt der wecker
schnell
es ist spät
ein butterbrot
hastig zum zug
voller menschen
volle abteile
verspätung
quer durch die stadt
arbeit
können sie haben sie wie lange
wann ich will noch warum nicht warten sie
pause
dreissig minuten
überzogen
zurück
arbeit
langsamer als am morgen
unwillig
hastig zum zug
unwillig
voller menschen
volle abteile
augen zu
ohren zu
nach hause
essen
kopf leer
nicht zu lange
nicht zu lange ausruhen
später
noch ein termin
nachts
sehr müde
hellwach
gedanken flackern
warum so
warum nicht anders?

Das ist aus einer Zeit, in der ich sehr viel gearbeitet habe und es keinen großen Sinn mehr für mich gemacht hat. Mittlerweile habe ich meine Work-Life-Balance besser im Griff, aber die Gefahr lauert ständig und überall – Arbeit kann einen großen Sog haben, dem man sich manchmal schwer entziehen kann, selbst dann, wenn sie Freude macht. Vielleicht sogar besonders, wenn sie Freude macht. (Work-Life-Balance – den Begriff wollte ich immer schon mal irgendwo anbringen! 🙂 )

Der Dienstag dichtet!  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch Wortgeflumselkritzelkram und  Mutigerleben sind mit von der Partie. Wer den Dienstag also mit Gedichten beginnen will: Herzlich willkommen!

Die Gefahren des falschen Sparens

Jetzt ist die Zeit:
Die Kirschen sind reif.
Warte nicht.
Vertröste nicht.
Spare nicht für später.
Jetzt ist die Zeit:
Die Kirschen sind reif.
Pflücke, solange sie rot sind.
Koste die Süße im Augenblick.
Schone sie nicht.
Verschiebe dich nicht.
Jetzt ist die Zeit:
Die Kirschen sind reif.

Der Dienstag dichtet!  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Mittlerweile sind auch Mutigerleben und Wortgeflumselkritzelkram mit von der Partie. Wer den Dienstag also mit Gedichten beginnen will: Herzlich willkommen!

Leben

schneller wäre:
geradeaus
über Asphalt
durch Granitwände
auf Beton

heute nicht

auf Sandwegen
Kurven laufen
wandeln unter blättrigem Himmel
Amseln und Enten zuhören
Wasser riechen
Dinge finden
Umwege versuchen
zu spät kommen
leben

Der Dienstag dichtet!  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Mittlerweile sind auch Mutigerleben und Wortgeflumselkritzelkram mit von der Partie. Wer den Dienstag also mit Gedichten beginnen will: Herzlich willkommen!

Leichtigkeit ist wie ein Wahn

Die Leichtigkeit ist wie ein Wahn. Wenn du in ihr bist, fühlst du dich betrunken, im Wirbel, zehn Zentimeter über dem Boden, alles ist bunt, du streckst die Arme zu beiden Seiten aus und drehst dich, bis du ins Gras fällst, mitten zwischen die Maulwurfshügel, und nicht mal das ist schlimm.

Dann klingt der Wahn ab, du stehst auf und siehst dich vorsichtig um, klopfst deinen Mantel ab und gehst würdevoll geradeaus weiter, als ob nichts gewesen wäre, und nur die Leichtigkeit weiß, dass in deinem Haar links oben jetzt ein Gänseblümchen hängt, das vorhin noch nicht da war.

Wie gut, dass du hinten keine Augen hast.

Was wir alles nie erfahren werden

Was wir alles nie erfahren werden
oder: Das geheime Leben der Nachbarn

Als da wären:

  • die jährliche Anzahl der Schlafanzugtage
  • wie oft es kalte Pizza zum Frühstück gibt
  • wie viele „komm-gut-durch-den-Tag-Küsse“ verteilt werden
  • wer wen füttert und wie viel daneben geht
  • wo das geheime Schmuckversteck ist
  • wie viele belegte Brote gegessen werden, weil niemand Lust zum Kochen hat
  • wer wann die Nachbarn belauscht
  • wie schrecklich zäh das aus dem Fenster sehen und warten sein kann
  • wie laut das Vermissen in Räumen widerhallt
  • die Menge der geweinten nächtlichen Tränen
  • die Lautstärke der zugeschlagenen Türen
  • wie beängstigend dunkel Abhängigkeit sein kann
  • die Anzahl der Tage, die auf dem Sofa oder im Bett verbracht werden
  • wie viel Sport nicht gemacht wird
  • welche Menge an Schokolade spurlos verschwindet
  • wie oft die romantische Szene im Lieblingsfilm wiederholt wird
  • wie langsam stille Zeit vergeht, begleitet nur vom Ticken der alten Uhr
  • wie zärtlich das Foto des Ehemanns vorm Schlafengehen gestreichelt wird
  • dass die Katze doch ins Bett darf
  • wo es überall Platz für zwei gibt, wenn man frisch verliebt ist
  • wie viele Tagträume geträumt werden und was sie bewirken
  • wer wem die Socken anzieht
  • und wer wem beglückt alles andere auszieht

Lebensfrage

Wenn du wüsstest, du hättest noch ein halbes Jahr zu leben – was würdest du dann unbedingt noch machen wollen?

Ich möchte jeden Tag so leben, als könnte es mein letzter sein. Denn das einzige, was ich wirklich zu gestalten habe, ist die Gegenwart, der jetzige Augenblick.

Und was ich unbedingt machen möchte – egal, ob ich das halbe Leben, nur noch ein halbes Jahr oder gar nur den heutigen Tag vor mir habe:

gnädig, liebevoll, barmherzig, gewürzt mit einer guten Prise Humor zuallererst auf mich selbst, dann aber auch auf meine Mitmenschen zu schauen, zu segnen statt zu verachten oder zu verurteilen, zu ermutigen statt niederzumachen.

Ob mir das gelingt? Ich wünsche es mir von Herzen – ahnend, dass auch das letztendlich nur bruchstückhaft gelingen wird, wie so vieles in diesem Leben. Der Versuch zählt – und dann: hinfallen – aufstehen – Krone richten – weitergehen… egal, ob nur noch heute, ein halbes Jahr – oder das halbe Leben.

(kleine Erklärung: In der Schreibwerkstatt erhielten wir eine zu beantwortende Frage vom Nachbarn. himmelgraublau hat dies hier getan).

Ein Beitrag von himmelgraublau – vielen Dank!

 

Sommer

Es ist hell
Die Sonne scheint tief
Knallblau leuchtet der Himmel
Amselgesang auf der anderen Hausseite
Zwei Querstraßen weiter rauscht der Verkehr
Getunte Auspüffe röhren vom Sommer
Unter meinem Balkon wird türkisch gespielt
Drei kleine Mädchen tauschen sich aus
Ihr Papa ist lauter
Blätter rascheln im Baum neben mir
Schatten fällt auf meinen Bildschirm
Deutscher Slang fährt Fahrrad
Eine Wespe summt vorbei
Krähengeschrei vorm Schlafengehen
Lebendiger Balkon