Ausgelesen: Tragödie auf einem Landfriedhof. Von Maria Lang.

Ein Krimi in der Tradition von Agatha Christie – wie schön! Das musste ich natürlich lesen. Der Klappentext verrät, dass die schwedische Autorin, Maria Lang, von 1949 bis 1990 jedes Jahr ein Buch veröffentlicht hat und als die erste Krimikönigin des skandinavischen Landes gilt. Sechs Bücher davon sind in Schweden neu verfilmt und unter anderem auch auf deutsch übersetzt worden. Dieses hier wurde 1954 veröffentlicht und dann 2013 neu aufgelegt. 2015 erschien es auf deutsch.

Das Buch spielt in einem winzig kleinen Dorf in Schweden zur Weihnachtszeit, es ist kalt und schneit und die Ich-Erzählerin Puck Bure verbringt die Weihnachtsfeiertage mit Mann und Vater bei ihrem Onkel Tord Ekstedt in Västlinge. Tord ist der dortige Pfarrer und lebt mit seiner Tochter und seiner Haushälterin im riesigen Pfarrhaus direkt gegenüber der Kirche. Es könnte alles wunderbar sein (wenn auch vielleicht ein bisschen zu ruhig für den Geschmack von Puck), wenn nicht ausgerechnet am Heiligen Abend der immer gut gelaunte Besitzer des Gemischtwarenladens spurlos verschwunden wäre…

Der Stil des Buches erinnert tatsächlich an typische Agatha Christie-Romane. Dreh- und Angelpunkt ist immer das Verbrechen und die Frage, wer hat es wie getan. Das Buchpersonal dient als Erfüllungsgehilfe auf dem Weg dahin, wer eingehende Charakterstudien erwartet, ist hier fehl am Platz. Nicht einmal von der Ich-Erzählerin bekommt man einen umfassenden Eindruck, und es gibt auch keinen anderen Erzähler, der aus der Innensicht einer Person heraus berichtet. Wir befinden uns dauerhaft in einer äußerst wohlerzogenen, zurückhaltenden Gesellschaft, die uns keinen tieferen Einblick in persönliche Beweggründe gibt. Ab und zu wird berichtet, warum etwas geschah und das Buchpersonal schluckt, errötet, stammelt, wird wütend – aber mehr erfahren wir nicht, die Betriebstemperatur bleibt skandinavisch kühl zwischen den Buchseiten.

Das könnte frustrierend sein, ist es aber nicht. Das Buch will so sein und es hat seine Berechtigung. Hier geht es nicht um Charakterstudien, sondern um einen klassischen „Wer-hat´s-getan“-Plot. Und hier fehlte mir dann doch ein wenig Agatha-Feeling: Der gruselige Aha-Moment, wenn der Mörder enthüllt wird, vor allem, wie er es getan hat und das ungläubige Staunen und das unbedingte noch einmal nachlesen wollen – ab wo hätte ich es wissen können oder eben auch nicht. Dieser Moment blieb im Krimi von Maria Lang aus. Trotzdem – wer solide, nüchterne Krimi-Unterhaltung mag und ein bißchen Vintage in seinen Büchern schätzt, wird hier angenehm altmodisch unterhalten.

Ausgelesen: Der Rache kaltes Schwert. Von Deborah Crombie.

Band acht aus der Reihe um Gemma James und Duncan Kincaid.

Eine junge Frau wird ermordet, als Hauptverdächtiger gilt ihr zwar eleganter, aber zwielichtiger Ehemann. Als er allerdings ebenfalls auf unschöne Art und Weise zu Tode kommt, muss noch einmal ganz neu ermittelt werden.

Dieses Mal spielt die Handlung im Londoner Antiquitätenhandel, Schauplatz ist Notting Hill mit seinen Märkten und Straßenzügen. Die Handlung ist wie in allen Büchern von Deborah Crombie schön ausgefeilt, die handelnden Personen sind inklusive Mordopfern detailliert und schlüssig geschrieben. Die Beziehung zwischen den beiden ermittelnden Polizisten wird stetig weiterentwickelt, dieses Mal liegt der Schwerpunkt bei Gemma.

Alles in allem eine wunderbare Reihe, und ich bin froh, sie nach meiner anfänglichen Ablehnung noch einmal angefangen zu haben und dieses Mal eines besseren belehrt worden zu sein. Empfehlung für Fans englischer Kriminalromane!

Wieder einmal gelesen: Süß ist der Tod. Von Diane Mott Davidson.

Es gibt Zeiten im Leben, die sind nicht schön. Man wird kräftig durchgeschüttelt und ist traurig, und Trost zu finden ist nicht einfach. Neue Bücher kommen gerade nicht in Frage, es gibt keinen Platz für die Geschichten anderer Leute, stattdessen hätte man lieber eine Decke und würde gern das Denken einstellen, wenn das denn möglich wäre. In solchen Zeiten kommen die Herzwärmer-Bücher hervor, die, die man schon lange kennt, mit denen man eine gemeinsame Geschichte hat und bei denen man ganz sicher weiß, dass sie einen trösten werden.

Ein solches Buch ist „Süß wie der Tod“ von Diane Mott Davidson und einige andere Bücher aus dieser Krimireihe. Die Heldin heißt Goldy und ist Partylieferantin, und sie hat die Eigenschaft, in Mordfälle hinein zu stolpern. Außerdem liebt sie das Kochen und Schokolade (wie ich) und ihr Leben ist nicht unbedingt perfekt, aber sie steht immer wieder auf und macht weiter.

Die Bücher sind nicht perfekt geschrieben, es gibt seltsame Handlungslücken, und manchmal scheint die Autorin ein bisschen zu viel Vertrauen in die Kombinationskünste ihrer Leser zu haben, aber trotzdem war sie von 1990 an etwa fünfzehn Jahre lang recht erfolgreich mit dieser Serie. Ich habe damals jede Neuerscheinung von ihr gekauft, weil ich die Atmosphäre in den Büchern geliebt habe. Und das ist heute immer noch so. Die Geschichten spielen in der fiktiven Bergstadt Aspen Meadow, Colorado, USA, und das dortige Wetter könnte man fast als weitere Romanfigur sehen, die im Hintergrund mit Schneestürmen und anderen Extremwetterlagen eifrig mitspielt. Wichtig sind auch die Koch- und Backrezepte, die in der jeweiligen Handlung eine Rolle spielen und durch und durch amerikanisch sind. Einige davon habe ich ausprobiert, mit sehr wechselhaftem Erfolg. Es gibt skurrile Nebenrollen wie die des General Bo oder Marla, die zweite Ex-Frau von Goldys gewalttätigem Exmann, die ihre beste Freundin wird und einen zweifelhaften Modegeschmack hat.

DM-Preise! Lang ist´s her.

Alles in allem gehört diese Reihe zu den wenigen, von der ich fast alle Bücher habe und die ich tatsächlich mehrfach gelesen habe, vermutlich, weil mir Goldy sehr sympathisch ist, ich ihr Umfeld mag und die USA in dieser Zeit eines meiner Lieblingsländer war (ist es immer noch, nur gerade aktuell – nun ja.). Goldy und ich kennen uns jetzt schon seit über zwanzig Jahren und ich denke, sie wird in meinem Buchregal bleiben und niemals aussortiert werden. So was passiert anderen nämlich durchaus von Zeit zu Zeit. Man muss ja auch Platz für Neues schaffen 🙂 .

Man beachte den ausgeblichenen und gebrochenen Buchrücken. Nicht nur Teddys werden abgeliebt.

Ausgelesen: Die unsichtbare Bibliothek, Die maskierte Stadt, Die flammende Welt. Von Genevieve Cogman.

Im riesigen Kosmos der Fantasy-Literatur (jaha, das IST Literatur!) etwas wirklich Neues zu schaffen, ist schwierig. Die meisten Bücher sind Variationen über dieselben Themen und bedienen sie mehr oder weniger gekonnt. Ich lese all die Variationen sehr gerne und beschwere mich nicht, ich bin ja froh, dass die Fantasy-Sparte aller möglichen Verlage in den letzten Jahren zu völlig neuer Blüte gekommen ist. Ob man Edward und Bella und Twilight nun mag oder nicht, das zumindest haben sie dankenswerterweise verändert.

Aber diese drei Bände hier, die haben etwas Neues geschaffen. Ein wagemutiger Genremix aus Krimi, Fantasy, Science Fiction, Steampunk, Actionthriller – alles zusammen ergibt eine neue Welt, nein, viele neue Welten mit einer Bibliothek als Zentrum, die ebenfalls eine eigene, undurchschaubare Welt ist, bewohnt von sehr besonderen Menschen – den Bibliothekaren. Es ist, als hätte jemand die geheimsten Wünsche von unzähligen Lesern genommen, sie mit beiden Händen durchgeknetet, in die Luft geworfen und das hier daraus gemacht: Eine Welt, in der Bücher so wichtig sind, dass Geheimagenten nach ihnen suchen, sich dafür in Lebensgefahr begeben und ihr ganzes Leben diesem bedruckten oder beschriebenen Papier widmen.

Irene Winters, die Hauptfigur in den Büchern, ist ebenfalls besonders. Stark, mutig, unerschrocken, unabhängig. Sie ist Bibliothekarin mit Leib und Seele, und weder Elfen, Werwölfe, Drachen oder Menschen bringen sie davon ab, das zu tun, was das beste für die Bibliothek ist, und das ist, von dort aus immer wieder in verschiedene Parallelwelten zu reisen, um wichtige Bücher zu sichern. Die Bewohner der Welten und die Welten selbst sind erfrischend kantig, oft ist eine große Prise Steampunk eingestreut, was mich immer sehr erfreut, denn ehrlich, wer kann Zeppelinen und Gaslichtlampen schon widerstehen? Auf jeden Fall gibt es keinerlei Blumenwiesen mit glitzernden jungen Männern in diesen Büchern, es herrscht eher raue Realität mit gelegentlichem Werwolfbefall vor, und ich vermute, die Autorin ist Sherlock Holmes-Fan, denn eine alternative Version des Detektivs spielt eine zunehmend größere Rolle in den Fällen der Irene Winters.

Es spricht auch für die Geschichte, dass mich die nicht besonders gelungene Übersetzung des ersten Bandes nicht abschrecken konnte. Seltsame Satzkonstruktionen, holprige Übergänge, es hat mich überrascht, dass ein Buch so in Druck gehen kann. Ab Band zwei gibt es damit keine Probleme mehr, was seltsam ist, denn es ist derselbe Übersetzer. Vielleicht war Band eins im Original wirklich so schlaglochartig geschrieben – wer weiß.

Ich bin sehr gespannt darauf, wie es weitergeht. Band 4 erscheint am 29. März, und ich werde es wohl sofort erwerben. Und das passiert eher selten, Bücher haben ja normalerweise nicht die Eigenschaft, wegzulaufen – irgendwann findet man sie in einem Regal und liest sie dann. Dieses Mal nicht!

Ausgelesen: Die Woche des Rabbi. Sieben Rabbi-Krimis. Von Harry Kemelman.

An diesem Buch habe ich so etwa zwei bis drei Jahre gelesen, es ist nämlich sehr viel dicker als es auf dem Foto aussieht. Ultradünne Seiten, winzigkleine Schrift, ein größeres Buchformat als üblich – irgendwie mussten die sieben Kriminalromane ja untergebracht werden. Ich sehe den Redakteur vom zweitausendeins-Verlag vor mir, der schon fünf Bücher im Manuskript untergebracht hatte und sich dann sagte, ach komm, zwei mehr kriegen wir auch noch rein. Das Resultat ist so eine Art Buchscheit, das die Armmuskulatur trainiert und die Augenmuskulatur gleich mit. Selbstverständlich habe ich es nirgendwo mit hingenommen, das Buch hätte eine eigene Tasche benötigt. Aber jetzt höre ich auf mit dem Gemeckere, ich möchte hier nur herausstellen: Es waren sieben Bücher in einem. SIEBEN!

Die Rabbi-Krimis von Harry Kemelman sind zu Recht sehr bekannt und gehören zu den herausragenden Vertretern der Milieu-Krimis. Sie spielen alle in einer Kleinstadt in den USA, und dort immer in enger Verbindung zur jüdischen Gemeinde. Der Rabbi David Small ist kein Detektiv a lá Poirot, sondern mit seiner Gemeinde das verbindende Element in den Büchern. Über mehrere Jahre entwickelt sich die Gemeinde immer weiter, das Personal wechselt, der Rabbi wird älter. Jedes Buch beleuchtet die Verbindungen der Menschen und ihre Abhängigkeiten voneinander. Wenn ein Vertreter des Gemeindevorstands ehrgeizige Pläne für die Entwicklung der jüdischen Gemeinde hat, wird fast wie auf dem Seziertisch ausgebreitet, wie diese Pläne verfolgt werden, welche Bündnisse geknüpft werden, wie für Mehrheiten bei Abstimmungen geworben wird. Wer kann mit wem, wer schuldet wem noch einen Gefallen und wer soll dafür bezahlen? Dazwischen die Menschen, die nicht zur jüdischen Gemeinde gehören und auch alle ihre eigenen Probleme, Vorurteile und Pläne haben. Selbst ein Hausmeister mit wenig Ehrgeiz und großer Trinklust wird so genau geschildert, dass man ihn ungeschönt vor sich sieht und ihn versteht – was ein Kunststück an sich ist.

Harry Kemelman beschreibt seine Figuren so, dass einem manchmal der Atem wegbleibt, man denkt, dass kann er doch nicht… und doch weiß man ganz genau, dass alles stimmt, was er schreibt, genauso sind Menschen. Dabei ist er nie unfair, sarkastisch oder ironisch, „seine“ Menschen sind so, wie sie eben auch im wirklichen Leben sind – begrenzt, mit schönen und weniger schönen Seiten, oft nicht in der Lage, über ihren eigenen Horizont hinaus zu blicken. Nicht, weil sie das nicht wollen oder können, sondern weil es ihnen einfach nicht in den Sinn kommt, darüber hinaus blicken zu wollen. Der Rabbi David Small ist einer von ihnen. Er ist keine abgehobene Figur, auch er lebt in seiner Welt, aber er hat den meisten anderen Figuren eines voraus: Einen unbestechlichen Blick für das, was richtig ist, egal, ob das bei anderen gut ankommt oder nicht. Er ist unbequem, unflexibel und ganz und gar kein Superheld. Nur unbeugsam. Zumindest meistens.

Der Krimianteil ist den Büchern ist verschieden groß, zu Anfang ist er mehr im Mittelpunkt, in den späteren Büchern haben andere Dinge Priorität: Rassismus, Vorurteile, der Umbruch von den sechziger in die siebziger Jahre, Immobilienspekulation, Israel, das neue Selbstbewusstsein der Jugend, Kleinbürgertum, der tiefe Graben zwischen der älteren Generation und der Jugend, das Universitätsleben. Mir hat es absolut nichts ausgemacht, dass der Krimianteil kleiner wurde, die anderen Themen waren so interessant, er hätte eigentlich auch nur so über das Leben schreiben können, ich hätte es vermutlich auch gelesen.

Muss ich noch irgendetwas erwähnen? Ich glaube, ich habe alles gesagt. Ach ja, wenn man die Bücher lesen und das etwas komfortabler machen möchte, sollte man doch lieber zu den einzelnen Bänden greifen. Die kann man dann auch mitnehmen in die Bahn, zur Mittagspause, in den Park… (naja, vielleicht nicht gerade im Moment in den Park, aber in ein paar Monaten…)

Ausgelesen: Agatha Raisin und der tote Friseur. Von M.C. Beaton

Als die Verfilmung der Buchreihe in ZDFNeo lief, bin ich zufällig in eine der Folgen hineingeraten und war angetan: Das typische englische Dorf, mit den typischen leicht skurrilen Figuren und dazwischen Agatha Raisin, die so gar nicht in diese Szenerie passt und dem ganzen dadurch eine ungeahnte Würze verleiht: Nicht schlecht. Eine Frau, die tut, was sie will und mit ihrer Unverfrorenheit tatsächlich durchkommt, dabei aber dieselben Unsicherheiten des Lebens durchleidet wie alle anderen: Gar nicht übel! Und dann noch die Menschen, die leider eines unnatürlichen Todes sterben müssen, damit Agatha in Aktion treten kann: Wirklich, das kann man angucken, da gibt es weit, weit schlechteres.

Nun fiel mir zufällig eines der Bücher in die Hände, die als Vorlage für die Serie dienten, und als Fazit kann ich sagen: Ja, die Bücher sind sehr gut getroffen. Der trockene, lakonische, einfache Stil wurde sehr gut übersetzt, Agatha ist naturgetreu wiedergegeben mit all ihren Widersprüchen. Es ist kein „Pageturner“, ich konnte sehr gut Pausen machen beim Lesen ohne das Gefühl zu haben, ich sei auf Entzug. Eine nette Krimiserie ohne allzu große Höhepunkte, gut zu lesen.

Ausgelesen: Gegenzug. Von Dick Francis.

Ich mag die Krimis von Dick Francis. Es sind solide, ein wenig altmodische Kriminalromane, die immer im Rennmilieu spielen. Ehre und Anstand stellen hohe Werte dar, die ganz selbstverständlich gegen alle Widerstände verteidigt werden, seien sie auch noch so herausfordernd. Dabei sind seine männlichen Hauptfiguren meist eher wortkarg, erklären sich wenig und lehnen überbordende, nach außen getragene Emotionalität ab, haben aber, um mit Jane Austen zu sprechen, ein reiches Innenleben (das wollte ich immer schon mal irgendwo anbringen 🙂 ).

Mir gefallen die Bücher wohl vor allem deswegen, weil hier Gut und Böse relativ klar voneinander getrennt sind und jemand das tut, was getan werden muss. Niemals muss sich jemand größer machen als er ist, und alles scheinen und glänzen ist für diese Romanhelden unnötig. Die Bücher sind wie klares Wasser, erfrischend, klärend, zurechtrückend.

In diesem Buch geht es um einen raffinierten Betrug und Erpressung, der Antagonist ist schön böse, der Held schön pragmatisch, und der geheime Held ist ein kanadischer Luxuszug, der kostbare Pferde mitsamt Trainern, Besitzern und Rennbahnbesuchern zu verschiedenen Rennbahnen in Kanada transportiert. Und auf dieser Bahnreise passiert so einiges…