Herr Miesling schwitzt

Meine erste Audiodatei! Oder (in moderner) mein erster Podcast! Viel Spaß beim Anhören. 😊

„Herrschaftszeiten“, sagt Herr Miesling und tupft sich die Stirn mit einem zerknitterten Taschentuch ab. Er faltet es säuberlich und steckt es zurück in die Hosentasche. „Is das heiß!“
Sein Engel blickt ihn ausdruckslos an.
„Jaja, ich weiß, du wolltest nich raus, aber ehrlich, in der Wohnung ist es doch genauso heiß wie hier.“ Herr Miesling blickt über den verwaisten Spielplatz. Das Gras zerbröselt unter den Schuhsohlen, die Schaukel hängt bewegungslos in der Sonne. „Und hier ham wir wenigstens frische Luft!“
Sein Engel gibt einen seltsamen Laut von sich. Der Regenschirm, den er als Sonnenschutz über Herrn Mieslings Kopf hält, schwankt hin und her. Ein paar braune Kastanienblätter segeln durch die heiße Luft.
„Und außerdem geh ich immer mittags raus, das weisste doch. Das teilt den Tag in gleich große Stücke, weißte? Wie ne Torte… oder´n Brot… ne, das is kein guter Vergleich… egal. Ne Torte isst man doch auch nich auf einmal, oder?“ Die nächsten Schweißtropfen laufen Herrn Miesling über die Stirn.
Sein Engel holt mit der freien Hand von irgendwoher eine Flasche Wasser und hält sie ihm unter die Nase.
„Och, Wasser? Haste nich´n Bier dabei?“ Herr Miesling guckt angeekelt.
Sein Engel zieht das Wasser kommentarlos zurück und holt eine Flasche Hemelinger hervor.
„Alkoholfrei? Na gut, wenn´s sein muss. Haste auch ´n Öffner?“
Sein Engel schüttelt den Kopf und grinst.
„Du alter Hase! Na dann.“ Herr Miesling köpft die Flasche gekonnt an seiner Bank. Er nimmt einen langen Schluck und guckt einen Augenblick in die gleißende Mittagssonne. „Das mit dem Klima ham wir wirklich versemmelt, was?“
Sein Engel nickt.
„Was meinste, gibt´s noch Hoffnung?“
Sein Engel zuckt mit den Schultern.
„Nich deine Baustelle? Ach so.“ Herr Miesling setzt an und trinkt die Flasche mit großen Schlucken aus. „Du schwitzt wirklich nie, oder?“
Sein Engel schüttelt den Kopf.
„Beneidenswert.“ Herr Miesling zieht wieder das zerfledderte Taschentuch hervor. „Das musste nich machen, das mit dem Regenschirm, weißte? Is nett von dir, aber ich wollte ja raus, nich du.“
Sein Engel richtet sich gerade auf, hält den Regenschirm etwas höher und guckt streng.
„Is ja gut, is ja gut.“ Herr Miesling stellt die Flasche auf die Bank und steht auf. „Los, komm, wir gehn nach Haus. Is wirklich zu heiß heute.“ Er steckt die Hände in die Hosentaschen und schlendert über das knisternde Gras in Richtung Straße.
Sein Engel guckt ihm nach. Er sammelt die Flasche ein und lässt sie irgendwohin verschwinden. Dann läuft er Herrn Miesling hinterher. Sein Regenschirm leuchtet wie Glas in der Sonne.

Herr Miesling und der Gartenzwerg

Herr Miesling bleibt stehen. „Guck mal“, sagt er zu seinem Engel, „der da is neu. Obwohl… so ganz neu isser nich mehr.“ Sie betrachten einen ramponierten Gartenzwerg mit Laterne in der Hand. Er steht in einem handtuchschmalen Vorgarten. „Der hat schon bessere Tage gesehen, was?“ Herr Miesling kichert. „Und die Nase… erinnerste dich noch an den alten Schulze? Der mit dem einen Arm? Der hatte so´ne Säufernase. Hat sich hinter den Büschen versteckt, wenn er getrunken hat. Wir ham ihm den Wodka aus´m Versteck geklaut damals… mein erstes Besäufnis. Gott, hatte ich´n Kater.“ Herr Miesling ist weit weg. Sein Engel piekst ihm in die Seite, bis er blinzelt und zurückkommt. „Ausgeblichen isser auch. Und´n Hinkebein hat er. Also, ne Schönheit isser nich gerade.“
Sein Engel schürzt die Lippen.
„Jaja“, sagt Herr Miesling, „du wieder, alle sind wertvoll, blabla, weiss ich doch. Ich hab ja auch nich gesagt, ich mag ihn nich. Er iss´n bisschen wie wir, findeste nich?“
Sein Engel zieht die Augenbrauen hoch.
Herr Miesling lehnt sich an den Gartenzaun, der sich unheilvoll nach innen biegt. „Schade, dasser hier so allein rumsteht, das geht mir ´n bisschen quer. Er muss sich doch einsam fühlen, oder?“ Herr Miesling lauscht. Hat der Zwerg gerade geseufzt?
Sein Engel tippt sich mit dem Finger an die Nase, wirft einen vielsagenden Blick nach rechts, dreht sich weg und studiert den Himmel.
„Was? Was soll ich da? Oh! Ach so!“ Herr Miesling grinst und wirft seinem Engel einen anerkennenden Blick zu. Er geht einen Vorgarten weiter, zieht einen ähnlich ramponierten Gartenzwerg mit einem Bündel D-Mark-Scheinen in der Keramikhand aus einem Beet und stellt ihn neben den Zwerg mit der Säufernase. „So. Besser. Findeste auch, oder?“ Er zwinkert dem Laternenzwerg zu. „Unsere gute Tat für heute!“
Sein Engel seufzt, aber nur ganz leise. Es klingt zufrieden.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden, und kurz vor knapp bin ich noch reingerutscht! Puh. 😁 Organisiert werden sie von Christiane (vielen lieben Dank!) und die Vorgaben sind maximal dreihundert Wörter und die drei Worte Zwerg, quer und fühlen müssen verwendet werden. Die Wortspende kam von Kain Schreiber mit seinem Blog Gedankenflut.

Herr Miesling und die Silbe Un

Herr Miesling träumt.
„Du bist immer so gut gelaunt“, beschwert er sich bei seinem Engel und sticht auf den Wackelpudding ein, als ob der die Schuld an allem hätte. „Dabei hast du gar keinen Grund, so gut gelaunt zu sein, ich meine, guck dich doch um!“ Verdrossen betrachtet er seine kleine Wohnung. „Hier ist alles verbraucht, was soll da noch passieren?“ Verzagt sieht er auf seinen misshandelten Wackelpudding. „Nichts ist mehr möglich, so is das.“
Sein Engel sieht ihm fest ins Gesicht, obwohl das eigentlich gar nicht geht, so tief, wie Herr Mieslings Kopf herunterhängt.
„Was?“ Herr Miesling blinzelt. „Ich versteh dich nicht. Was is erschlossen?“
Sein Engel malt zwei Buchstaben in die Luft.
„U – N? Un?“ Herr Miesling guckt verständnislos.
Sein Engel seufzt, dann schnipst er mit den Fingern, es knistert in den Wänden und alles fängt von vorne an.
„Ich bin immer so schlecht gelaunt“, beschwert Herr Miesling sich bei seinem Engel. „Warum is das so?“
Sein Engel zuckt mit den Achseln.
„Ich weiß es auch nicht“, sagt Herr Miesling unverdrossen und ziemlich erstaunt. Er betrachtet seine kleine Wohnung. „Eigentlich ist hier alles unverbraucht, es könnte noch alles passieren.“ Unverzagt sieht er auf seinen halbgegessenen Wackelpudding hinunter. „Nichts ist unmöglich, so ist das.“
Sein Engel lächelt und nickt.
„Ich bin unerschlossen. Unerschlossenes Land“, sagt Herr Miesling überrascht. „Ach so!“
Es knistert in den Wänden.
Herr Miesling wacht auf.

Das war noch ein Beitrag zu den abc-Etüden, und ich hatte dieses Mal die große Ehre, die Wortspenderin zu sein! Ich habe mit Vergnügen und Vorfreude Wackelpudding, unverdrossen und knistern gewählt und bin gespannt auf die Beiträge. Organisiert werden die Etüden von Christiane, und weil das viel Arbeit ist, ein großes Dankeschön von Blog zu Blog. In diesem Beitrag habe ich ein bisschen herumgespielt mit der Silbe Un, inspiriert wurde ich dabei vom Wochenkalender von Susanne Niemeyer. Da gab es letzte Woche höchst verlockende Experimente mit dieser Silbe. Sehr interessant, wie sie alles mit Leichtigkeit umkehren kann.

Birnensenf

Herr Miesling sitzt an seinem Küchentisch und starrt versonnen auf ein Glas Birnensenf. „Guck mal, sagt er, „hat se mitgebracht. Als Gastgeschenk.“ Er fährt mit einem Finger über den Deckel. „Weisst du, wann ich das letzte Mal ein Gastgeschenk bekommen hab?“
Sein Engel schüttelt den Kopf.
„Ich schon. Das muss 1965 gewesen sein, als ich mit meiner Frau in die neue Wohnung gezogen bin.“ Herr Miesling überlegt. „Ich glaub, das war ein Korb mit Sekt und Wurst damals. Den Sekt haben wir gleich auf´n Kopp gehaun, der hat den Abend nich überlebt.“ Er grinst. „Das war nett.“ Er stupst das Glas an. Der Birnensenf leuchtet gelb. „Wolln wir ihn probiern?“
Sein Engel schüttelt den Kopf.
Herr Miesling ist überrascht. „Warum nich?“
Sein Engel rümpft die Nase, zeigt auf das Glas und guckt angeekelt.
„Was??“ Herr Miesling reisst die Augen auf. „Du magst das nich? Aber du magst doch alles! Immer! Das gibt´s ja nich!“
Sein Engel seufzt, hebt die Schultern und schüttelt sich.
Ein breites Lächeln zieht wie Sommerwolken über Herrn Mieslings Gesicht. „Ich hab deine schwache Stelle entdeckt! Ich glaub´s ja nich! Birnensenf! Hah!“ Er öffnet das Glas und schnuppert. „Hmmm, lecker, das passt bestimmt gut zum Harzer.“ Er stippt einen Finger ein und probiert. Sein Engel verzieht das Gesicht. „Und auf die Salami auch. Na? Willste nich doch mal probiern?“
Sein Engel schüttelt energisch den Kopf.
„Dein Kryptonit, was?“ Herr Miesling grinst wieder. „Dann ess ich ihn halt allein.“ Er stellt das Glas in den Kühlschrank, gleich neben den Käse. „Du weisst schon, dass ich dich ab jetzt damit aufziehn werd, oder?“
Sein Engel hebt ergeben die Hände.
„Birnensenf“, sagt Herr Miesling versonnen, eine Hand noch an der Kühlschranktür. „Es war schön mit ihr, oder? Wir sollten sie unbedingt wieder einladen. Wer weiß, was sie beim nächsten Mal mitbringt.“
Sein Engel lächelt. Als wäre es nie woanders gewesen, liegt plötzlich das Telefon in seiner Hand.

Herr Miesling und die Veränderung

Herr Miesling und die Veränderung

Herr Miesling sitzt auf seinem Küchenstuhl und sieht entmutigt aus. „Und du meinst wirklich, ich muss das machen?“, fragt er seinen Engel.
Der nickt energisch.
„Ich mag keine Veränderungen“, murmelt Herr Miesling, „immer, wenn sich was verändert hat, wars hinterher schlechter.“
Sein Engel stemmt die Hände in die Hüften.
„Na gut, vielleicht nich jedes Mal“, räumt Herr Miesling ein. „Als ich beschlossen hab, zur See zu fahrn, das war gut. Aber abgesehn davon, ich mags nich, wenn ich mich nich auskenn. Ich will wissen, wo was ist und wie es sich anfühlt, morgens im selben Zimmer im selben Bett wie immer aufzuwachen. Jaja, schon gut“, schiebt er schnell ein, als sein Engel leise schnaubt, „ich zieh ja nich um. Aber wenn ich jetzt anfang, hier was zu verändern, dann fang ich an, mich auf was zu freun, und ich weiß nich, was das ist, also freu ich mich grundlos, und dann stell ich irgendwann fest, ich hab gar keinen Grund, mich zu freun, also hör ich auf damit und dann ist es schlechter als vorher, als ich mich auch nich gefreut hab. Also kann ichs doch gleich lassen, oder?“ Er sieht seinen Engel an.
Der sieht aus, als ob ihm sein Job manchmal zu schwer wäre. Dann setzt er sich zu Herrn Miesling an den Tisch, obwohl da eigentlich kein zweiter Stuhl ist und sieht mit ihm aus dem Fenster.
Eine kleine Weile später räuspert Herr Miesling sich. „Naja“, sagt er, „aber jetzt haben wir den Eimer ja schon mal da. Und nen Pinsel auch.“ Er sieht sich kritisch um. „Und die Wand könnte nen Anstrich vertragen, das stimmt schon. Meinste, sie würds mögen?“
Sein Engel nickt vorsichtig.
„Ach Gott, dann. Meinetwegen.“ Herr Miesling seufzt. „Ich hoffe, ich mags auch. Kannste´n paar Zeitungen holen zum auslegen?“
Sein Engel zeigt auf einen Stapel Papier neben der Tür.
Herr Miesling guckt auf den Stapel und schüttelt den Kopf. „Du denkst echt immer positiv, was?“
Sein Engel zuckt mit den Schultern. Dann zieht er von irgendwo zwei gefaltete Papierhüte hervor und hält sie hoch.
Herr Miesling grinst. „Na dann los“, sagt er.

Herr Miesling brät Spiegeleier

„Schwabbadabbadu…“ singt Herr Miesling vor sich hin, während er Eier in die Pfanne schlägt und gewürfelten Schinken darüber streut. Ein himmlischer Duft verbreitet sich in seiner kleinen Küche. Sein Engel schiebt unauffällig den Beutel mit aufgetauten Tiefkühlerbsen näher an die Pfanne, aber Herr Miesling bleibt standhaft.
„Erbsen gehören da nich rein, das wird´n astreines Schinkenspiegelei. Du kannst die wieder ins Gefrierfach packen, wenn du willst. Aber als Kühlung war´n se super. Gute Idee!“ Er betastet vorsichtig die dicke Beule auf seiner Stirn.
Der Erbsenbeutel verschwindet geräuschlos im Tiefkühlfach, dann steht Herr Mieslings Engel mit verschränkten Armen da und guckt streng.
Herr Miesling stochert in den Schinkeneiern herum, dann gibt er auf. „Jaja, du hast ja Recht. Bei streitenden Hunden soll man sich nich einmischen. Dabei wollt ich se nur trennen! Dass diese olle Tusnelda mich gleich mit ihrem Stock hauen würde, konnt ich doch nich ahnen!“ Er befühlt wieder die Beule. „So ´ne Schreckschrulle, echt!“ Er verzieht das Gesicht, als er ein klein wenig zu fest drückt. „Meinst du, das gibt´n Veilchen?“
Sein Engel wiegt den Kopf hin und her.
„Könnt schon noch passieren, guck, hier, da kommt schon´n Bluterguß.“ Herr Miesling betrachtet sich in einem Löffel. Sein Gesicht spiegelt sich wie ein ausgelaufenes Ei. „Das wär aber nich toll, was? Schließlich will ich gut aussehen morgen! Was meinste, den blauen Anzug oder die Stoffhose mit dem karierten Hemd?“
Sein Engel reckt bei der Stoffhose den Daumen in die Luft.
„Nachher probiere ich beides mal an. Siehste, da hatte das ganze Hundegetrenne und die Beule doch was Gutes, immerhin hat die Dame mit dem Mops mich auf´n Kaffee eingeladen!“ Herr Miesling schwenkt glücklich die Pfanne mit den Schinkeneiern. „Willste auch welche?“
Sein Engel lächelt und hält die Teller hin.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden! Die Regeln: Drei Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Begriffe lauteten dieses Mal trennen, Pfanne und glücklich und stammen von der Wortspenderin Doro mit ihrer Webseite/Blog DORO|ART. Und organisiert wird alles von Christiane mit ihrem Blog Irgendwas ist immer! Vielen Dank! 😊🌞

Herr Miesling geht einkaufen

Herr Miesling geht einkaufen

Die letzte Scheibe Brot ist aufgegessen, im Kühlschrank schwimmt nur noch eine einsame Gewürzgurke im Essigglas. Es hilft nichts, Herr Miesling muss einkaufen gehen. Brummig schiebt er seinen Einkaufswagen durch die Schiebetüren, lässt die Obst- und Gemüseabteilung links liegen und biegt zielstrebig in Richtung Konserven ab. Eine Dose Mockturtle, ein Kartoffel-Würstchen-Eintopf und Linsensuppe landen in seinem Wagen. Als er weiterschieben will, zupft sein Engel ihn am Ärmel. Er hält ihm einen grünen Apfel hin.
Herr Miesling verzieht das Gesicht. „Och, nee. Is ja nett, aber du weisst doch, ich bin nich so´n Grünzeugesser.“
Sein Engel guckt ihn auffordernd an. Der Apfel glänzt in seiner Hand.
Herr Miesling schüttelt den Kopf. „Ne, wirklich nich. Du kannst ihn ja nehmen, wenn du willst. Ich kauf ihn für dich. Ich hab elf Euro, da isser noch drin.“
Sein Engel seufzt unhörbar und verschwindet zwischen den Regalen.
Herr Miesling schiebt weiter und sammelt eine Packung Graubrot, eine Tüte Schwarzbrot, Margarine und Leberwurst ein. Vor den Salamiwürsten bleibt er kurz stehen und rechnet, dann geht er weiter. Heute nicht. Nächste Woche fängt der neue Monat an, dann hat er was, auf das er sich freuen kann.
Kurz vor der Kasse zupft sein Engel ihn wieder am Ärmel.
Herr Miesling bleibt stehen. „Na? Haste dich umentschieden?“
Sein Engel hält ihm eine Dose geschälte Pfirsiche hin.
„Pfirsiche?“ Herr Miesling betrachtet die Dose von allen Seiten. „Hm. Für mich?“
Sein Engel nickt.
„Aha. Wie teuer is sie denn? Passt das noch?“
Sein Engel nickt wieder.
„Na dann. Warum nich. Is mal was anderes.“ Er lässt die Dose in den Einkaufswagen fallen. „Bild dir aber nich ein, dass das zur Gewohnheit wird, hörste?“
Sein Engel lächelt.
Herr Miesling bleibt stehen. „Du bist ganz schön gerissen, weisste das?“
Sein Engel zuckt mit den Schultern.
Dann gehen sie zur Kasse.

 

Herr Miesling geht zur Schule

Herr Miesling geht zur Schule

Herr Miesling keucht, der Anstieg war steil und er ist aus der Übung. Zuviele Fernsehnachmittage, der März hat in allen Grautönen herumgewühlt, die er auf Lager hatte. Aber heute! Heute verschleudert die Sonne sich, als ob sie etwas wieder gutzumachen hätte.
„Ich setz mich mal kurz“, sagt Herr Miesling zu seinem Engel und lässt sich auf eine Bank fallen. „Guck“, sagt er, „da is meine alte Schule. Hier war ich lang nich mehr.“ Herr Miesling betrachtet das Gebäude. „Schick, was se draus gemacht ham… ´n Kindergarten isses, oder?“
Sein Engel nickt.
„Früher ham wir da Fußball gespielt. Unser Ball hat fünf Minuten die Luft gehalten, dann warer platt und wir musst´n pumpen.“ Er lacht. „So´n Schiet! Dann hat Günter ´n neuen Ball mitgebracht, aber es war nich mehr so toll, weil er bestimmen wollt, wo´s langgeht… nich mal Klassenkeile hat geholfen, da ham wir halt wieder mit´m alten Ball gespielt und gepumpt.“
Sein Engel hustet.
„Guck nicht so, wir ham ihn nur´n bisschen in die Mangel genommen, nich verprügelt. Eigentlich war´n wir ´ne nette Klasse. Aber wir war´n nie pünktlich, und dann gab´s immer Ärger. Fräulein Trieger hat uns ´n Vortrag gehalten, dass es schlimm enden würde mit unserm Trödeln… die war ´n bisschen schwammig, die Trieger, hat ihren Verlobten im Krieg verlorn und hatte ´ne Vorliebe für Pralinen. Aber sonst war se ganz in Ordnung. Der Meier, der war schlimm, keiner mochte den, und er mochte uns auch nich. Hat sich wohl was andres vorgestellt für sein Leben, und dann stand er hinterm Pult und zu mehr hat´s nich gereicht. Tja.“
Herr Miesling steht ächzend auf. „Weiter geht´s. Schön war´s, aber vorbei isses auch.“
Sein Engel nickt.
Einen Moment lang scheint eine Horde Jungen vor der alten Schule Fußball zu spielen. Herr Miesling lächelt. Dann guckt er nach vorn.

Das war ein Herr-Miesling-Beitrag zu den abc-Etüden, maximal 300 Worte mit drei Begriffen (siehe oben). Organisiert wird das ganze (ziemlich umfangreiche) Projekt von Christiane (vielen Dank!), und die Wortspende kam dieses Mal vom berlinautor. Und die war ziemlich herausfordernd – ich meine, Klassenkeile? Im Zusammenhang mit schwammig?? Aber wir sind ja erprobte Wortunterbringer… 😀

Herr Miesling geht spazieren

Herr Miesling geht spazieren. Vor einem Schaufenster bleibt er stehen und guckt auf die Tapete mit orangebraunem Blumenmuster. Davor steht weißes Porzellan.
„Ach ja…“ sagt er leise.
Sein Engel guckt neugierig.
„Orange war ihre Lieblingsfarbe. So´n Geschirr hattn wir auch. Unsers war hübscher als das da.“ Er versenkt die Hände in den Jackentaschen. „Das muss so 1965 gewesen sein. Unsere erste eigene Wohnung. Ich dachte, mich könnt nichts erschüttern, echt jetzt, ist das nich´n Witz? Ich wollte die Welt sehn, sie nich. Ich fand Sachen lustich, über die sie sich geärgert hat. Die Wohnung war mir zu klein, für sie war sie die Welt. Naja. Ich bin dann zur See gefahrn, und irgendwann hat sie mir geschriebn, dass sie´n andern hat. Ich hab die Wohnung nie wieder gesehn. Und sie auch nich.“ Herr Miesling starrt versonnen in das Schaufenster. „Aber es war nich alles schlecht. Als wir tapeziert haben, is uns eine Bahn auf´n Kopp gefalln, bis wir klebrig wie ´ne Honigwabe warn.“ Herr Miesling lächelt. „Und wie sie mir über Kurzwelle ein Lied geschickt hat… der Käpt´n hat es über Lautsprecher auf´m ganzen Schiff abgespielt.“
Sein Engel zupft ihn am Ärmel.
„Welches Lied? La Paloma natürlich, von Freddy Quinn. Er war der Beste!“
Sein Engel hebt skeptisch eine Augenbraue. Herr Miesling übersieht das gnädig. Er wirft noch einen Blick in das orangebraune Schaufenster, dann geht er weiter. „Tja. Es is, wie es is. Ich hab ´ne Menge fremde Städte gesehn, um mit Freddy zu sprechen. Wer weiß, ob ich mit ihr glücklicher gewordn wär. Vielleicht würdn wir jetzt in so´ner kleinen Bude hocken und uns angiften. Es is, wie es is.“ Herr Miesling atmet tief ein. „Wolln´wa zum Blumenmarkt gehn?“
Sein Engel nickt.
„Vielleicht kauf ich´n paar orangene Tulpen, wegen der alten Zeiten. Was hältste davon?“
Sein Engel lächelt.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden! Die Wörter für die Textwochen 03/04 des Schreibjahres 2021 stiftete Ulrike mit ihrem Blog Blaupause7. Sie lauteten Lautsprecher, orange (NICHT die Frucht, die Farbe) und erschüttern, und organisiert wurde das ganze wieder von Christiane und ihrem Blog Irgendwas ist immer. Vielen Dank, liebe Christiane, für die ganze Organisation!

Herr Miesling und Böller-Manni

Herr Miesling und Böller-Manni

Herr Miesling sitzt auf einer Bank und guckt vor sich hin, als Böller-Manni hinter einer Hausecke hervor kommt. Er guckt sich mißtrauisch um und geht mit schlurfenden Schritten auf Herrn Miesling zu. Zahllose Tüten rascheln an seinen fadenscheinigen Jeans. Irgendwo in einer der Tüten klappert etwas, als er sich mit einem Seufzer neben Herrn Miesling niederlässt.
„Na?“, begrüßt ihn Herrn Miesling, „wie isses?“
„Muss ja, muss ja.“
Sie schweigen einvernehmlich. In Böller-Mannis Schultern und Rücken zuckt es. Herr Miesling wartet. Er hat Zeit.
„Du?“
„Ja?“
„Du hast sie auch gesehen, nich?“
Herr Miesling nickt. Er nickt immer, wenn Böller-Manni ihm diese Frage stellt.
„Gut! Gut, gut…“ Über Böller-Mannis Gesicht zuckt Erleichterung. „Wenn jemand fragt, du weisst Bescheid. Du weisst Bescheid… das ist gut, gut…“ Sanft fährt er mit nicht ganz sauberen Händen über seine Tüten. „Sach mal… haste´n paar Euro? Ich brauch neue Böller. Sind nur noch drei da.“
Herr Miesling kramt in seiner Hosentasche und zieht einen zerknitterten Fünfeuroschein hervor. „Hier. Das machste prima, Manni. Wenn du nich wärst…“
Böller-Manni stopft den Schein ganz nach unten in eine der Tüten. „Ich weiß. Sie würden uns alle holen kommen! Aber ich, ich böllere sie weg!“
„Aber immer nur einen, hörste, Manni? Nich, dass die andern was merken.“
Böller-Manni nickt und beugt sich ganz nah zu Herrn Miesling. „Nur einen, immer um Mitternacht, das schlägt sie zurück!“
Herr Miesling nickt. „Wenn wir dich nich hätten…“
Ein Blitzlichtlächeln zuckt über Böller-Mannis Gesicht. Dann flüstert er: „Ich hab noch was entdeckt, weisste?“
Herr Miesling guckt besorgt.
„Hier!“ Böller-Manni kramt in der klappernden Tüte und zieht eine leere Konservenbüchse hervor. „Die mache ich jetzt auf jeden Pfosten! Dann können sie nicht landen! Die brauchen doch die Pfosten zum Landen! Erde ist ja giftig für sie!“
Herr Miesling nickt langsam. Das erklärt die zahllosen leeren Konservendosen, die neuerdings überall im Viertel auf Zaunpfählen stecken.
„Die funktionieren besser als Böller“, flüstert Böller-Manni ihm zu. „Aber erstmal mach ich weiter, sicher is sicher.“ Mit einem leisen Ächzen steht er auf und sammelt seine Tüten zusammen. „Ich muss weiter. Sind noch soviele Pfähle… “ Er nickt Herrn Miesling zu und schlurft klappernd davon.
Herr Miesling sieht ihm hinterher. „Müssen wir was machen?“ fragt er seinen Engel, der neben ihm steht.
Der schüttelt den Kopf.
„Meinst du, die Konservendosen machen es einfacher für ihn?“
Sein Engel nickt.
„Na dann“, sagt Herr Miesling.
Und dann guckt er wieder in die Luft. Er hat Zeit.