Krabben II

Er

Das erste, was ihm an ihr aufgefallen war, waren ihre Hände. Sie konnte zupacken, war sich auch nicht zu schade, direkt ins volle Netz zu greifen, als sie es an Bord hoben, voller zappelnder kleiner Fische, die sie nur für ihre Kamera gefangen hatten und später wieder über Bord werfen würden. Lange, schlanke Finger hatte sie, strich mit ihnen immer wieder einzelne Haarsträhnen zurück hinter die Ohren. Er hatte sofort weggesehen, hatte sich auf das Schiff konzentriert und auf seine Netze, die eigentlich Krabben fangen sollten, aber jetzt im Frühjahr keine fanden. Unbedingt hatte sie an Bord gewollt, um mit ihm über die schlechte letzte Saison zu sprechen und darüber, was das für seine Familie bedeutete, und er, er war genervt gewesen. Diese ewigen Berichte, die sowieso nichts brachten, die seinem Vater Hoffnung machten, die sich nie erfüllte und ihn jedes Mal kleiner und grauer zurück ließ. Sein Bruder hatte so lange auf ihn eingeredet, bis er nachgegeben hatte, und jetzt standen sie hier, an einem kühlen Märzmorgen bei gnädiger See, das Deck voller kleiner Fische, und er konnte nicht aufhören, sie anzustarren. Sie sprach mit seinem Bruder, lachte, wandte das Gesicht zur aufgehenden Sonne, die einen rötlichen Schein über ihre Haut warf. Alida. Wer hieß denn so? Niemand, den er kannte. Sie hatte die Kamera weggelegt, alle Bilder waren geschossen, und er ärgerte sich, weil er vorhin kein Wort herausgebracht und das Reden wie immer seinem Bruder überlassen hatte. Andererseits, wo sollte das schon hinführen, ein Krabbenfischer kurz vor der Pleite und eine Journalistin, das hatte keine Zukunft. Er wandte den Blick ab, trat an die Reeling und blickte ins Wasser. In den Wellen spiegelte sich ihre Silhouette.
Sein Bruder lachte, entließ die Fische aus dem Netz, wandte sich um und ging in die Kabine. „Wir fahren zurück, Mathes, ok?“ rief er ihm zu und warf den Motor an. Der Schiffsdiesel ließ das Deck zittern, dann fuhr das Boot eine lange, gemächliche Kurve und nahm Kurs auf ihren Heimathafen.
Die Journalistin hielt sich immer noch an einem der Seile fest und blickte zurück ins Kielwasser, über dem die Möwen gierig Ausschau nach Fischen hielten und sich dabei die Seele aus dem Leib kreischten. Er machte einen Schritt auf sie zu, rutschte aus, ging zu Boden und riß die Journalistin mit sich. Sie landete auf ihm, ihre Haare fielen auf sein Gesicht und ihr Ellenbogen landete in seinem Magen. Zischend stieß er die Luft aus, dann blickte er in ihr Gesicht, das direkt über seinem hing. Sie sah ihn aus grauen Augen an. „Hej“, sagte sie und lachte.
Er holte tief Luft. „Hej“, sagte er.

Krabben I

Sie

Der Wind riß Haarsträhnen aus ihrem Zopf, die sie ohne großen Erfolg immer wieder hinter ihre Ohren strich. Die See verhielt sich verhältnismässig ruhig, und sie war froh darüber. Nichts konnte sie jetzt weniger gebrauchen als seekrank zu werden, nicht nachdem sie die Krabbenfischer endlich davon überzeugt hatte, sie auf eine Ausfahrt mitzunehmen. Die Fänge waren schlecht, und das schon seit Monaten. Was machte das mit Menschen, die in sechster Generation Krabbenfischer waren? Sie schnupperte an ihren nach Fisch riechenden Händen und lächelte stolz. Einen Tag pro Woche hatte sie ihrem Chef abgerungen. Einen Tag lang durfte sie nach ihren eigenen Geschichten suchen und sich von all den Schützenfesten und Schulkonzerten erholen, die endlos durch ihr kleines Provinzblatt wanderten.
Der Kutter schwankte wie ein großes, betrunkenes Tier. Die Brüder zogen zum dritten Mal ihre Netze nach oben und wieder waren keine Krabben darin. Nur winzige silberne Fische hatten sich in den Maschen verfangen, zu klein, um sie verwerten zu können.
Der gesprächigere der beiden stand neben ihr, betrachtete wie sie den Sonnenaufgang und machte eine Bemerkung über Romantik auf See und rote Sonne auf silbernen Fischbäuchen. Sie lachte. Er hatte etwas von einem jungen Welpen an sich. Der ältere Bruder dagegen vermied überflüssige Worte, den ganzen Morgen über hatte er höchstens drei Sätze mit ihr gewechselt. Ob er sauer war, weil sie nicht nachgegeben hatte? Sie fühlte seinen Blick im Rücken, aber immer, wenn sie sich umdrehte, sah er weg.
Das Boot fuhr eine lange Kurve und nahm Kurs zurück zum Hafen. Sie beobachtete das Kielwasser, das schäumend eine lange Spur durch die Wellen zog. Neben ihr stand der ältere Bruder und hielt sich an der Reeling fest. Sie dachte darüber nach, wie sie zuhause den ersten Entwurf ihres Artikels schreiben würde, als der Mann neben ihr ausrutschte, ihr die Beine unter dem Leib wegriß und mit ihr zusammen auf das Deck fiel. Sie landete der Länge nach hart auf seinem Körper, ihr Ellenbogen drückte in seinen Magen, und er stieß zischend die Luft aus. Erschrocken blickte sie in sein Gesicht, ihre Haare fielen auf seine Stirn und seine Wangen. Zum ersten Mal sah er sie direkt an. Er hatte schöne Augen. Sie waren braun wie die polierten Decksplanken seines Schiffes.
„Hej“, sagte sie und lachte.
Er holte tief Luft. Ihr Ellenbogen hob sich sacht unter seinem Atemzug.
„Hej“, sagte er.

Reformationstag II

es ist Zeit
setz dich hin
sieh ihn an
und dann dich
was
wenn du nicht verhandeln musst
du sein darfst
es weniger Worte bedarf
er dich kennt
dich ansieht
lächelt
es ist Zeit
sieh ihn an
Reformationstag

Ausgelesen: Ich finde dich. Von Harlan Coben.

Das war ein Buch aus der großen, geschenkten Krimitasche, die mich dazu gebracht hat, Büchergenres zu lesen, die ich sonst nie lese. Und siehe da: Ein Treffer!

Jake Fischer musste vor sechs Jahren fassungslos mit ansehen, wie seine große Liebe Natalie aus heiterem Himmel einen anderen heiratet. Außerdem nimmt sie ihm das Versprechen ab, sie nie wieder zu kontaktieren. Am Boden zerstört hält er sich daran, bis etwas Unerwartetes geschieht…

… und der Rest ist spannend, sehr kurzweilig, voller interessanter Wendungen, mit einem sehr sympathischen Helden (würden wir uns nicht alle so einen wünschen, Schwestern??) und auch noch gut und flüssig geschrieben. Beste Unterhaltung,  Popcornkino in Buchform. Ich werde sicher nicht nein sagen, wenn mir noch einmal ein Buch von Harlan Coben in die Hände fällt!

Kann man mit Humor und Leichtigkeit glauben?

Was würde dazugehören?

  • mit Freude morgens aufwachen
  • nicht Funktionierendes entspannt akzeptieren
  • Andersdenkende umarmen
  • dankend leben
  • viel Gesang, pur und mehrstimmig
  • Gottvertrauen – er wird das vergeben, für das unsere Versuche nicht ausreichen
  • leicht leben, weil wir gerettet sind
  • jeden Tag ein bisschen in die Wolken schauen
  • offene Türen
  • nicht allein sein, weil wir zu einer großen Gemeinschaft gehören
  • wenn wir etwas verbockt haben, einen Ort und ein Ohr haben, wo wir es abgeben können
  • viel Liebe

Ausgelesen: Das Mädchen mit den gläsernen Füßen. Von Ali Shaw.

Ach, und es fing so gut an. Als ich dieses Buch in der Bibliothek entdeckte, dachte ich: Oh! Was für ein schönes Buch! Warum habe ich das denn noch nie vorher gesehen? Und als ich die ersten Seiten las, dachte ich: Oh! Das fängt aber gut an! Schöne Sprache, spannender Anfang, wie geht´s weiter? Und ich habe es mitgenommen.

Zuhause dann überkam mich eine leichte Skepsis, das Buch und ich haben uns gegenseitig kritisch angeguckt, irgendwie wurden wir nicht miteinander warm. Dann habe ich es schließlich doch weitergelesen. Die Sprache: Weiterhin traumhaft schön, der Autor webt mit seinen poetisch verhangenen Sätzen eine graue, vernebelte Inselgruppe, auf der es entweder eiskalt ist oder regnet, und selbst wenn die Sonne scheint, wird es niemals warm, weder innerlich noch äußerlich. Ida, eine der beiden Hauptpersonen, ist es ebenfalls kalt ums Herz, sie hat ein angsteinflößendes Geheimnis, das sie auf St. Hauda´s Land ergründen will – ihre Füße werden zu Glas. Bei der Suche nach einem geheimnisvollen Mann, der ihr vielleicht helfen könnte, trifft sie Midas, einen introvertierten jungen Mann, der die Welt lieber durch den Sucher seiner analogen Kamera sieht als direkt und als Aushilfe in einem Blumenladen arbeitet. Langsam und mit Hindernissen freunden sie sich an, bis es Liebe wird. Aber Idas Glas wächst weiter…

(Achtung, Spoiler!)

Soweit, sogut. Gestört hat mich im Laufe des Lesens, dass das Buch auf der Stelle tritt. Es ist immer alles dunkel, der Nebel ist überall, das Glas wächst unaufhaltsam weiter, niemand kann helfen, alle sind in ihre eigenen Schwierigkeiten verstrickt, je mehr aufgedeckt wird, desto schlimmer wird es. Man könnte beim Lesen glatt in eine Depression verfallen. Und das Ende! Grauenhaft! Ich weiß, es kann nicht immer und überall ein Happy End geben, aber so??? Puh. Ich meine, Autoren sind natürlich immer und überall frei zu tun, was sie tun müssen, aber der Leser hat auch das Recht, sauer zu werden. Und das war ich. Meine Güte, wer so schön schreiben kann, könnte dem Leser doch zumindest ein kleines Fünkchen Hoffnung lassen, oder? Nichts da. In diesem Buch gibt es zwar völlig grundlos wundervolle, geflügelte Ministiere, aber null Hoffnung. Ich merke gerade, ich bin immer noch sauer, auch wenn es schon ein bisschen her ist, dass ich das Buch gelesen habe. Der Gerechtigkeit halber muss ich noch erwähnen, dass Midas sich doch weiterentwickelt und es schafft, zumindest halbwegs neue Wege zu gehen. Aber das hat mich nicht sonderlich getröstet.

Also. Wir haben hier ein Buch, geschrieben in sehr schöner, traumverlorener Sprache, die wunderbare schwarz-weiß-graue Bilder malt, eine schöne, phantasievolle Geschichte, die allerdings teilweise auf der Stelle tritt, depressive Schübe auslöst und definitiv kein Happy-End hat. Wer es lesen will, lese es. Ich habe ihn gewarnt.

So ein schönes Cover… tja.

 

Ausgelesen: Legend. Fallender Himmel / Schwelender Sturm / Berstende Sterne. Von Marie Lu.

Diese drei Bücher sind so ein Fall von: Was um alles in der Welt haben sich die Verantwortlichen bei der Titelgebung dieser drei Bücher gedacht? Kam der Begriff „Legende“ überdurchschnittlich oft im Buch vor? Nein! Hat er außer im Klappentext irgendeine Bedeutung für die Handlung? Nein! Was haben die drei Untertitel überhaupt mit der Handlung zu tun? Nichts! Und zwar absolut gar nichts.
Vermutlich sind diese Überschriften aus rein marketingtechnischen Gründen entstanden, um auch das letzte nach Liebe, Herz und Schmerz lechzende Wesen dazu zu bringen, die Bücher zu kaufen. Tja. Da haben die Käufer dann nicht ganz das bekommen, was sie gesucht haben, würde ich mal vermuten. Und zwar ganz und gar nichts schlechteres, sondern drei intelligente, gut geschriebene Dystopien mit den großen Fragen: Warum ist die Welt nicht schwarz und weiß, sondern hat viele Grautöne? Ist der Bösewicht immer ausschließlich böse? Und der Gute immer ausschließlich gut? Kann ich verzeihen? Sollte ich verzeihen, auch, wenn es schwerfällt? Ist das von außen betrachtete, gelobte Land wirklich erstrebenswert oder sollte ich auch mal hinter die Fassaden schauen? Und wieviel Idealismus ist in der Politik durchsetzbar und wo müssen Kompromisse gemacht werden, auch, wenn sie schmerzhaft sind?
Diese Bücher sind ein wirklich guter Stoff, um sich mit all diesen Fragen auseinanderzusetzen, und ich bin froh um jeden jüngeren Leser, der sie inhaliert hat. Darüber hinaus sind sie auch noch spannend, gut geschrieben und ja, es ist natürlich auch eine große, schöne Liebesgeschichte enthalten. Aber sie besetzt die Seiten nicht zu einhundert Prozent, und das war sehr erfrischend. Große Empfehlung für die Sommerferien!