Die Liebe ist wie eine Ananas

Die Liebe ist wie eine Ananas. Du siehst sie im Supermarkt zwischen den Äpfeln und Weintrauben und bist berauscht: Du möchtest sie haben! Unbedingt! Sie duftet so süß und verlockend, sie ist so anders als die anderen langweiligen Obstsorten und du stellst dir vor, wie du mit ihr auf dem Balkon sitzt, den lauschigen Sommerabend geniesst und reine Süße über deine Lippen zieht. Was du nicht bedacht hast, ist die ganze Arbeit, die sie macht: Scharfkantige Rinde überall, die grünen, spitzen Blätter, die so exotisch aussehen, können stechen, und wenn du zuviel von ihr isst, bekommst du Ausschlag. Aber trotzdem. Trotzdem würdest du sie immer wieder kaufen, denn ihr Geschmack ist berauschend.

Der Garten

„Ich war beim Straßenbau, wissen Sie, ich hab Rohre verlegt, gebuddelt haben wir, wenn ich das alles zusammenrechnen würde, ich glaub, ich hab mich halb bis nach Australien durchgegraben. Das war ´ne schöne Zeit, aber hart war´s auch, die Knochen, die wollen irgendwann nicht mehr graben, da ist jede Bewegung ein Schmerz. Aber wir hatten immer gute Kameradschaft unter den Kollegen. Nur verdient hab ich nicht viel, die Bezahlung war schlecht, wir sind gerade so über die Runden gekommen, die Frau und ich. Für die Kinder hat´s gereicht, aber mehr war nicht drin. Und dann hab ich den Garten entdeckt. Wir haben die Gräben für die Stromkabel gemacht, und da war er. Ein Dschungel war das, alles voller Brombeeren und Brennesseln, und Tannen, zwanzig Meter hoch, unten kahl und oben nichts als Zapfen. Aber er war frei, der Garten! Keiner wollte ihn, bis ich kam. Ne Baracke stand drauf, die hab ich mitbekommen, für lau. Für lau! Das war so ein Glück damals. Und dann hab ich aufgeräumt, Tannen gefällt, Brombeeren raus, und die Baracke hab ich wieder hergerichtet, immer schön eins nach dem anderen, wie das Geld gerade da war. Und jetzt sehen Sie sich den Rasen an! Schöneren finden Sie nirgends, ich vertikuliere, mähe, dünge, bis alles glatt ist. Dieser Mensch, der ist über meinen Rasen gelaufen, als würde er ihm gehören. Was hat er mir alles erzählt, was ihm für Unrecht widerfahren wäre, er hätte Dokumente, und ich solle verschwinden. Da hab ich rot gesehen. Ich meine, wohin soll ich verschwinden? Keiner mehr da, zu dem ich hin könnte. Die Kartoffeln haben nie besser geschmeckt als in dem Jahr. Ich konnte doch nicht ahnen, dass da später nochmal Kabel verlegt werden, mitten durch meinen Garten. Gehen wir? Moment, meine Knie… mach´s gut, mein Garten.“

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden. Die Regeln: Drei Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Begriffe lauteten dieses Mal Baracke, widerfahren und lau und stammen von Bernd mit seinem Blog Red Skies Over Paradise. Und organisiert wird alles von Christiane mit ihrem Blog Irgendwas ist immer! Vielen Dank! Heute sende ich mörderische Grüße in die Blogwelt… 😎

wenn alles Lebendige schweigt

Wenn die Abende kalt,
und die Morgende dunkel sind,
und alles Lebendige schweigt,
betrachte ich die Weihnachtsgaben,
die ihr mir schenktet,
kleine, große, bunte,
sie sind hier, bei mir,
und wärmen besser
als viele Feuer
und zwei Paar Socken.
Ich hülle mich ein in sie
wie in einen Mantel,
und auch,
wenn alles Lebendige schweigt,
höre ich sie wispern
von Verbundenheit, Treue,
und manchmal sogar von Liebe.

Herz-Zwinkern

Herz-Zwinkern
Wimpern-Wackler
Blicke, so von schräg unten
ein wippender Zeh
Zwerchfell mit Schluckauf
abhebende Grübchen
ohne Worte

DU bist im Raum

Der Dienstag dichtet! 🙂  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch WortgeflumselkritzelkramMutigerlebenWerner KastensFindevogel, die WortverzauberteLyrikfederEin Blog von einem Freund,  Nachtwandlerin und Lindas x Stories und Myriade sind mit von der Partie. Schaut doch mal bei ihnen vorbei, der Dienstag fängt besser an mit ein bisschen Wortzauberei!

Königskinder

Königskinder

ihr Geliebten
kleidet euch in herzliches Erbarmen
Freundlichkeit
Sanftmut
streift über die Geduld
wie einen goldenen Mantel
ertragt euch gegenseitig
legt an die Liebe
das Band der Vollkommenheit
dankbar schwebe euer Atem
wie Gesang über den Frühlingswäldern

(nach Kol. 3, 12-17)

Der Originaltext hat mir an einem Vormittag eine Treppe aus einem kleinen Corona-Loch heraus gebaut: Jede neue Gedichtzeile eine Stufe.

Der Dienstag dichtet! 🙂  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch WortgeflumselkritzelkramMutigerlebenWerner KastensFindevogel, die Wortverzauberte, Ein Blog von einem Freund, LyrikfederNachtwandlerin und Lindas x Stories sind mit von der Partie. Schaut doch mal bei ihnen vorbei, der Dienstag fängt besser an mit ein bisschen Wortzauberei!

Zelten

Mit verschränkten Armen stand sie auf der Terrasse und sah zu, wie er das kleine Zelt aufbaute. Es war lächerlich. Er würde erfrieren. Nachts war es kalt, heute morgen hatten sie minus -2,1 Grad gehabt und Raureif auf dem Rasen. Selbst die Forsythien sahen aus, als ob sie Schnupfen hätten, und ihr Mann wollte zelten. Im Garten. Und dabei hatten sie sich nicht mal gestritten.
Sie ging kurz hinein, holte die graue Strickjacke und ihren Kaffee, dann ging sie wieder hinaus und sah ihm weiter zu. Sie machte sich Sorgen. Was ging in ihm vor? Seit vierzehn Jahren kannte sie ihren Mann und er hatte in dieser ganzen Zeit nie gezeltet. Nicht einmal. Und auch davor hatte er nicht zu den Outdoor-Liebhabern gehört, die mit einer dünnen Plane zwischen sich und der Welt zufrieden waren. Zumindest hatte sie das bis jetzt gedacht. Vielleicht hatte er ihr nicht alles erzählt? Kannte sie ihn überhaupt?
Das Außenzelt stand. Ihr Mann kam stolz lächelnd zu ihr auf die Terrasse und ihr Herz schlug eine Kleinigkeit schneller.
„Na, was sagst du? Jetzt nur noch den Innenteil einhängen und fertig!“
„Mh-mh. Möchtest du noch einen Kaffee? Und sag mir doch nochmal, warum genau du heute Nacht zelten willst.“
„Naja, wann, wenn nicht jetzt? Ich werde nie wieder soviel Zeit haben. Ich nehme an, du hast keine große Lust, im Urlaub zu zelten, oder? Und wenn ich wieder arbeite, mache ich es auch nicht. Du, den Kaffee würde ich nehmen.“ Er sah auf seine schmutzigen Schuhe und dann auf sie, also ging sie in die Küche und holte ihm einen Becher.
Als sie zurückkam, stand er versonnen da und blickte auf das halb aufgebaute Zelt. „Weisst du, ich war nie ein Zelter. Meine Eltern hatten immer Ferienwohnungen, und als Jugendlicher bin ich mit Rainbow Tours gefahren. Wir zwei fliegen irgendwohin und wohnen im Hotel. Also hab ich es nie ausprobiert. Vielleicht gefällt es mir, und ich weiß das gar nicht. Ich kann doch nicht sechsunddreissig Jahre alt sein und nicht wissen, ob mir Camping gefällt!“
Sie stellte sich neben ihn und nahm einen Schluck Kaffee. „Es ist seltsam. Gerade habe ich gedacht, vielleicht kenne ich noch gar nicht alle Seiten von dir. Ich meine: Zelten! Du! Aber weisst du was? Es gefällt mir. Dich nicht ganz zu kennen, meine ich.“ Sie stieß ihn leicht an.
Er legte seinen Arm um sie und zog sie an sich. „Du hast nicht zufällig Lust, heute nacht mit mir draussen zu schlafen? Wir könnten den Sonnenuntergang beobachten. Und ich verspreche, ich halte dich warm.“ Er grinste, und ihr Herz schlug wieder eine Kleinigkeit schneller. Gott. Sie konnte diesem Mann einfach nichts abschlagen.

Das war ein Beitrag zu den Extraetüden, die von Christiane organisiert werden – vielen Dank dafür! Die Regeln lauten maximal 500 Wörter, darin unterzubringen sind fünf von sechs vorgegebenen (siehe Bild). Ihr dürft gerne nach meinen Worten suchen 🙂 .

Ausgelesen: Du findest mich am Ende der Welt. Von Nicolas Barreau.

In Zeiten von Corona sucht man von Zeit zu Zeit eine Ablenkung, und da ist dieses Buch genau richtig: Eine französisch leichte Liebesgeschichte, fluffig wie ein Marshmallow und süß wie ein Schokokuss. Ok, es ist keine Weltliteratur und vermutlich wird man es schnell wieder vergessen haben, aber um im Moment zu leben und das mit einem Croissant und einem Espresso zu tun, dafür ist es perfekt geeignet.

Der Hauptprotagonist Jean-Luc liebt sein Leben, die Frauen und seinen Hund Cézanne. Er ist Galerist und alles läuft wunderbar, als er anfängt, Briefe von einer Unbekannten zu bekommen, die sich „Die Principessa“ nennt. Und ohne das er es bemerkt, fängt sein Leben an, sich um die mit Eleganz und scharfer Feder geschriebenen Briefe zu drehen und darum, wer die Unbekannte ist, die sein Leben auf den Kopf stellt.

Die 272 höchst romantischen Seiten lesen sich flüssig und leicht, und ich konnte kaum glauben, dass ein Mann (!) das geschrieben hat. Hat er aber. Vive la France!

Tauwetter

Tauwetter

was lange angespannt war
wird weich
nachgiebig
elastisch
verflüssigt sich
rinnt davon
glucksend
Herzschmelze

Der Dienstag dichtet! 🙂  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch Wortgeflumselkritzelkram, Mutigerleben, Werner KastensFindevogel und die Wortverzauberte sind mit von der Partie. Schaut doch mal bei ihnen vorbei, der Dienstag fängt besser an mit ein bisschen Wortzauberei!

Krabben II

Er

Das erste, was ihm an ihr aufgefallen war, waren ihre Hände. Sie konnte zupacken, war sich auch nicht zu schade, direkt ins volle Netz zu greifen, als sie es an Bord hoben, voller zappelnder kleiner Fische, die sie nur für ihre Kamera gefangen hatten und später wieder über Bord werfen würden. Lange, schlanke Finger hatte sie, strich mit ihnen immer wieder einzelne Haarsträhnen zurück hinter die Ohren. Er hatte sofort weggesehen, hatte sich auf das Schiff konzentriert und auf seine Netze, die eigentlich Krabben fangen sollten, aber jetzt im Frühjahr keine fanden. Unbedingt hatte sie an Bord gewollt, um mit ihm über die schlechte letzte Saison zu sprechen und darüber, was das für seine Familie bedeutete, und er, er war genervt gewesen. Diese ewigen Berichte, die sowieso nichts brachten, die seinem Vater Hoffnung machten, die sich nie erfüllte und ihn jedes Mal kleiner und grauer zurück ließ. Sein Bruder hatte so lange auf ihn eingeredet, bis er nachgegeben hatte, und jetzt standen sie hier, an einem kühlen Märzmorgen bei gnädiger See, das Deck voller kleiner Fische, und er konnte nicht aufhören, sie anzustarren. Sie sprach mit seinem Bruder, lachte, wandte das Gesicht zur aufgehenden Sonne, die einen rötlichen Schein über ihre Haut warf. Alida. Wer hieß denn so? Niemand, den er kannte. Sie hatte die Kamera weggelegt, alle Bilder waren geschossen, und er ärgerte sich, weil er vorhin kein Wort herausgebracht und das Reden wie immer seinem Bruder überlassen hatte. Andererseits, wo sollte das schon hinführen, ein Krabbenfischer kurz vor der Pleite und eine Journalistin, das hatte keine Zukunft. Er wandte den Blick ab, trat an die Reeling und blickte ins Wasser. In den Wellen spiegelte sich ihre Silhouette.
Sein Bruder lachte, entließ die Fische aus dem Netz, wandte sich um und ging in die Kabine. „Wir fahren zurück, Mathes, ok?“ rief er ihm zu und warf den Motor an. Der Schiffsdiesel ließ das Deck zittern, dann fuhr das Boot eine lange, gemächliche Kurve und nahm Kurs auf ihren Heimathafen.
Die Journalistin hielt sich immer noch an einem der Seile fest und blickte zurück ins Kielwasser, über dem die Möwen gierig Ausschau nach Fischen hielten und sich dabei die Seele aus dem Leib kreischten. Er machte einen Schritt auf sie zu, rutschte aus, ging zu Boden und riß die Journalistin mit sich. Sie landete auf ihm, ihre Haare fielen auf sein Gesicht und ihr Ellenbogen landete in seinem Magen. Zischend stieß er die Luft aus, dann blickte er in ihr Gesicht, das direkt über seinem hing. Sie sah ihn aus grauen Augen an. „Hej“, sagte sie und lachte.
Er holte tief Luft. „Hej“, sagte er.

Krabben I

Sie

Der Wind riß Haarsträhnen aus ihrem Zopf, die sie ohne großen Erfolg immer wieder hinter ihre Ohren strich. Die See verhielt sich verhältnismässig ruhig, und sie war froh darüber. Nichts konnte sie jetzt weniger gebrauchen als seekrank zu werden, nicht nachdem sie die Krabbenfischer endlich davon überzeugt hatte, sie auf eine Ausfahrt mitzunehmen. Die Fänge waren schlecht, und das schon seit Monaten. Was machte das mit Menschen, die in sechster Generation Krabbenfischer waren? Sie schnupperte an ihren nach Fisch riechenden Händen und lächelte stolz. Einen Tag pro Woche hatte sie ihrem Chef abgerungen. Einen Tag lang durfte sie nach ihren eigenen Geschichten suchen und sich von all den Schützenfesten und Schulkonzerten erholen, die endlos durch ihr kleines Provinzblatt wanderten.
Der Kutter schwankte wie ein großes, betrunkenes Tier. Die Brüder zogen zum dritten Mal ihre Netze nach oben und wieder waren keine Krabben darin. Nur winzige silberne Fische hatten sich in den Maschen verfangen, zu klein, um sie verwerten zu können.
Der gesprächigere der beiden stand neben ihr, betrachtete wie sie den Sonnenaufgang und machte eine Bemerkung über Romantik auf See und rote Sonne auf silbernen Fischbäuchen. Sie lachte. Er hatte etwas von einem jungen Welpen an sich. Der ältere Bruder dagegen vermied überflüssige Worte, den ganzen Morgen über hatte er höchstens drei Sätze mit ihr gewechselt. Ob er sauer war, weil sie nicht nachgegeben hatte? Sie fühlte seinen Blick im Rücken, aber immer, wenn sie sich umdrehte, sah er weg.
Das Boot fuhr eine lange Kurve und nahm Kurs zurück zum Hafen. Sie beobachtete das Kielwasser, das schäumend eine lange Spur durch die Wellen zog. Neben ihr stand der ältere Bruder und hielt sich an der Reeling fest. Sie dachte darüber nach, wie sie zuhause den ersten Entwurf ihres Artikels schreiben würde, als der Mann neben ihr ausrutschte, ihr die Beine unter dem Leib wegriß und mit ihr zusammen auf das Deck fiel. Sie landete der Länge nach hart auf seinem Körper, ihr Ellenbogen drückte in seinen Magen, und er stieß zischend die Luft aus. Erschrocken blickte sie in sein Gesicht, ihre Haare fielen auf seine Stirn und seine Wangen. Zum ersten Mal sah er sie direkt an. Er hatte schöne Augen. Sie waren braun wie die polierten Decksplanken seines Schiffes.
„Hej“, sagte sie und lachte.
Er holte tief Luft. Ihr Ellenbogen hob sich sacht unter seinem Atemzug.
„Hej“, sagte er.