Ausgelesen: Der Zopf. Von Laetitia Colombani.

Dieses Buch habe ich überall in den Buchhandlungen herumliegen sehen und es wurde sogar kurz in meinem Schreibkurs angesprochen. Dann bekam ich es ausgeliehen.

Die Inhaltsangabe des Verlags:

„Die Lebenswege von Smita, Giulia und Sarah könnten unterschiedlicher nicht sein. In Indien setzt Smita alles daran, damit ihre Tochter lesen und schreiben lernt. In Sizilien entdeckt Giulia nach dem Unfall ihres Vaters, dass das Familienunternehmen, die letzte Perückenfabrik Palermos, ruiniert ist. Und in Montreal soll die erfolgreiche Anwältin Sarah Partnerin der Kanzlei werden, da erfährt sie von ihrer schweren Erkrankung.
Ergreifend und kunstvoll flicht Laetitia Colombani aus den drei außergewöhnlichen Geschichten einen prachtvollen Zopf.“

Tja. Was soll ich sagen? Meins war´s nicht. Ich fand die drei Geschichten jede für sich nicht schlecht, wenn sie auch ziemlich gestrafft und mit wenig Zeit für die einzelnen Figuren geschrieben wurden. Das zusammenflechten der Geschichten gefiel mir nicht, der Faden, der alles verbindet, ist mir zu dünn. Es hat sich mir nicht erschlossen, was genau der Reiz daran sein soll, einen zerhackten Text zu lesen, der nur dadurch zusammengehalten wird, dass alle drei Protagonistinnen Frauen sind und sich die Haare teilen. Das scheinen Millionen Leser anders zu sehen, aber man soll ja zu seinem eigenen Standpunkt stehen. Was ich hiermit tue. Viel Freude allen anderen, die das Buch lesen und es mögen.

Ausgelesen: Die vielen Leben des Harry August. Von Claire North.

Was würdest du tun, wenn du dein Leben nicht einmal, sondern viele Male leben würdest? Harry August lebt in einer Zeitschleife, er wird nach seinem Tod erneut geboren, im selben Jahr, im selben Leben, aber mit wachsenden Erinnerungen, denn er vergisst nichts. Dann erreicht ihn ein Hilferuf aus der Zukunft: Die Welt wird untergehen, was unvermeidlich ist, aber es wird viel früher als erwartet geschehen.

Das Buch ist brillant geschrieben, soviel zu Anfang. Es wird (um gleich im Zeitreisemodus zu bleiben) auf jeden Fall am Ende des Jahres zu meinen Lesehöhepunkten gehören. Die Autorin Claire North hat einen Mix aus SciFi und Fantasy geschrieben, bleibt aber wunderbarerweise weitab von allen gängigen Klischees, was eine Wohltat für die Leserin/den Leser ist. Es breitet sich eine intelligente, klug konstruierte Geschichte vor dem staunenden Leser aus. Der Protagonist erzählt uns seine Geschichte im Rückblick, der rote Faden ist erkennbar, wird jedoch in vielen Wirbeln erzählt, die einem anfangs etwas Geduld abverlangen, die sich aber mehr als auszahlt. Außerdem sind die Wirbel auch noch sehr unterhaltsam geschrieben, so dass die Abstecher vom roten Faden mit zunehmenden gelesenen Seiten immer mehr Freude machen. Ich zumindest fand die abnehmende Anzahl der noch zu lesenden Seiten immer beunruhigender, je weiter ich mich dem Ende näherte, in dem es um nichts geringeres als die Rettung der Welt geht. Zumindest vorläufig.

Neben dem vielen Klein-Klein des Alltags, das durchaus auch Erwähnung findet, geht es in vielen Passagen um philosophische, ethische und politische Fragen, die sich unweigerlich stellen, wenn man viele Leben lang Zeit und die Möglichkeiten hat, etwas zu ändern. Darf man wissenschaftliche Entdeckungen anstoßen, bevor ihre Zeit von selbst gekommen ist? Darf man jemanden töten, weil er sonst viele andere töten wird? Kann man Kriege verhindern und wenn ja, darf man? Diese für einen Roman eher unverdaulichen Fragen werden elegant und ohne zu stolpern in der Handlung versteckt. Sie tauchen immer wieder einmal auf, manchmal scheint es Antworten zu geben, manchmal nicht, und der Leser saugt das alles fasziniert in sich auf, berauscht von all diesen Möglichkeiten!

Und wenn man viele Möglichkeiten hat, sehr viele, erledigt sich die Frage nach der einen, leidenschaftlichen Liebe zumindest für diese Autorin von selbst, außer, sie hätte ein sehr langweiliges Buch schreiben wollen: Was sollte darin passieren, außer, dass der Protagonist in jedem Leben wieder seine eine Liebe sucht, findet, heiratet und alles von vorn beginnt? Das passiert in diesem Buch nicht. Harry verliebt sich und heiratet, ja, durchaus, aber die Beziehung, um die es in diesem Buch wirklich geht, ist die Feindschaft/Freundschaft mit einem anderen Zeitschleifenbewohner, wie uns schon die Einleitung ganz vorn im Buch verrät. Widersprüchlich, ambivalent, nie ist wirklich abschließend sicher, wie die beiden zueinander stehen: Sie lieben und hassen sich, vertrauen einander nie wirklich, können aber auch nicht ohne einander. Die großen Fragen (Ethik, Verantwortung, Schuld) trennen sie voneinander, bringen sie aber auch immer wieder zusammen. Der Schauplatz dieser vielschichtigen Beziehung ist das 20. Jahrhundert von etwa 1920 bis etwa 2000, je nachdem, wann Harry in seinen jeweiligen Leben stirbt. Dazu kommt die Vergangenheit und das Raunen aus der Zukunft, wenn die Zeitschleifenreisenden (denn es gibt mehr von ihnen) Nachrichten von Jung zu Alt zurück in die Zeit schicken.

Das alles ist intelligent zusammengesetzt und in einem angenehmen, eloquenten Schreibstil verfasst, der mich schon auf den ersten Seiten überzeugt hat. Ich wage mich nicht zu fragen, wie lange es wohl gedauert hat, bis die Autorin ihren ersten Entwurf dieser logischen, verschachtelten, hochkomplexen Zeitreisegeschichte fertig hatte. Ich hätte vermutlich graue Haare bekommen nur beim Gedanken daran. Der Roman hat den John W. Campbell Memorial Award 2015 gewonnen und stand auf der Shortlist des Arthur C. Clarke Awards, und das völlig zu Recht. Große Empfehlung!

Ausgelesen: Die Unvollendete. Von Kate Atkinson.

Dieses Buch traf mich völlig unvorbereitet. Ich bekam es geschenkt, meine Vorleserin mochte das Buch nicht, hatte aber Hoffnung, dass es vielleicht mir gefallen könnte. Hat es. Sehr. Die ersten Seiten waren allerdings schwierig. Als Prolog wird auf anderthalb Seiten ein Attentat auf Hitler verübt, auf den nächsten Seiten wird eine Geburt beschrieben, bei der das Kind stirbt. Wieder einige Seiten weiter wird wieder dieselbe Geburt beschrieben, dieses Mal überlebt das Kind. Allerdings nicht sehr lange, ein Unfall geschieht und wieder sind wir bei der Geburt im Schnee, und so langsam wird einem klar, dass wir uns in diesem Buch wohl mit Zeitschleifen beschäftigen werden. Und richtig. Das ganze Buch ist eine einzige Zeitschleife, Ursula Todd wird jedes Mal wiedergeboren, wenn sie stirbt, und sie stirbt ziemlich oft: Bei der Geburt, sie fällt vom Dach, ertrinkt, begeht Selbstmord, kommt im Krieg ums Leben.

Nun könnte man ja denken, was, und jedes Mal geht wieder alles von vorne los? Ja! Das tut es, aber jedes Mal verändert sich eine Winzigkeit und das gesamte Leben verläuft in anderen Bahnen. Dabei wiederholen sich nicht jedes Mal komplette Abschnitte, nur einige sind gleich oder werden mit Veränderungen erneut erzählt und dabei aus anderen Perspektiven oder mit anderen Schwerpunkten betrachtet. Nach und nach ergibt sich aus diesen scheinbaren Wiederholungen und Betrachtungen ein komplexes Bild des Lebens einer britischen Familie des gehobenen Mittelstands im Zeitraum 1910 bis etwa 1950, alles, was danach kommt, sind nur einzelne Handlungsstränge, die nicht mehr wiederholt werden und demzufolge linear, nur noch aus einer Sichtweise, und damit weniger komplex erzählt werden. Der Anfang des Buches ist ein bisschen zäh, aber wenn man sich da durchgearbeitet hat, belohnt einen die Geschichte mit der Faszination über ein Leben, das jedes Mal gleich beginnt, dann jedes Mal andere Lebenswege beschreitet und dabei das Umfeld immer besser und heller beleuchtet.

Mich hat es nicht gestört, dass dieses Buch fast gar nicht linear erzählt wird. Es hat mir gereicht, dass die Hauptperson, Ursula, immer dieselbe bleibt, und dass ihre Familienmitglieder ebenfalls große Rollen in ihren verschiedenen Leben spielen. Faszinierend war für mich, wie sich die Entscheidungen, die Ursula trifft, auch auf ihre Familie auswirken, und so weiß man nie, was und wer sich wie entwickeln wird. Einzelne Handlungsstränge fand ich sehr gewöhnungsbedürftig, andere überraschend, bei einigen habe ich gelitten, andere haben mich gefreut. Die Art und Weise, wie die Ebenen aufeinander aufgebaut sind, welche öfter auftauchen und vom Leser fast schon freudig begrüßt werden, während andere einfach wegfallen und von einer neuen Ebene überdeckt werden, ist hervorragend geschrieben. Gleichzeitig ist das aber auch ein Schwachpunkt des Buches: Wer gerne geradlinig erzählte Geschichten liest, wird hier Schwierigkeiten haben. Aufgrund der Erzählstruktur des Textes gibt es keine Rückblenden, was ich sehr wohltuend finde, weil sie mir in den meisten Fällen nicht gefallen. Rückblenden sind hier Neuanfänge, und im Gegensatz zu anderen Büchern weiß man nicht, wo die Reise hingeht.

Auch wohltuend und sehr geschickt ist, dass die Hauptfigur, Ursula, sich nicht vollständig bewusst darüber ist, dass sie immer wieder von vorne anfängt. Sie hat lediglich Ahnungen (wobei ich hier ausdrücklich darauf verzichte, das Wort in Anführungszeichen zu setzen) oder Ängste und ändert deswegen ihr Verhalten. Das gesamte Thema Wiedergeburt ist kein Thema, es passiert einfach ohne jede Erklärung, und wenn die Leserin oder der Leser das akzeptiert hat, kann man gut damit leben und lesen. Zum Schluss hin steigert sich das Tempo etwas und die Leserin ahnt, dass Ursula nun vielleicht doch etwas begriffen hat, aber auch hier sind Erklärungen oder klare Worte Mangelware. Das tut dem Buch sehr gut. Eine allgemeine Inhaltsangabe ist schwierig, im Großen und Ganzen könnte man sagen, es ist eine Geschichte über eine Familie in Zeiten großer Umbrüche und zweier Weltkriege, wobei die Geschichte  allerdings immer wieder andere Wege nimmt. Dazu kommt die Zeitschleifen-Thematik. Am Ende fragt man sich, ob es ein Ende gibt, und ob man für sich selbst so etwas wollen würde. In meinem Fall: Danke, nein.

Über die wirklich faszinierenden Zeitschleifen habe ich mich lang und breit ausgelassen, aber auch der Schreibstil verdient eine Erwähnung. Das Buch plaudert, verliert ab und zu seine typisch britische Gelassenheit, um dann wieder dahin zurückzufinden und von vorn zu beginnen. Mir hat der Schreibstil sehr gut gefallen, allerdings muss man sich auch darauf einlassen: Ein lakonischer, leicht ironischer Abstand bleibt zu den Figuren bestehen, aber im Zusammenhang mit den Zeitschleifen entstand für mich aus beidem ein Sog, dem ich mich spätestens nach dem ersten Viertel des Buches nicht mehr entziehen konnte. Man kann es nicht einfach weglesen, ein bisschen Zeit braucht man für Die Unvollendete, aber das ist angemessen. Für mich war es eine unerwartete, faszinierende Überraschung, und wer Zeiträtsel und lange Romane mag, sollte es auf jeden Fall ausprobieren.

Ausgelesen: Der Glanz eines neuen Tages. Von Lucy Dillon.

Es gibt Bücher, die sind nicht tauglich für intellektuelle Streitgespräche. Sie bringen einem keinerlei Punkte auf dem Anerkennungs-Gradmesser für schwierige Literatur. Fantasyfreunden fehlen die Drachen, Krimifans finden sie unfassbar langweilig, die Ich-liebe-dich-mehr-als-mein-Leben-Liebesroman-Leser suchen vergebens nach den atemlossüchtig machenden Szenen. Sachbuch-Leser wollen wir an dieser Stelle lieber nicht erwähnen, vermutlich würden sie nur indigniert eine Augenbraue hochziehen. Und trotzdem: Ich mag die Bücher von Lucy Dillon. Sie treffen irgendeinen Nerv in mir, der behaglich schnurrt, sobald ich eines ihrer Bücher aufschlage. In der Regel passiert dort nichts besonders aufregendes, die Figuren leben ihr Leben, sind meist an einer Umbruchstelle, von der aus es in einer neuen Richtung weitergeht, und es kommen keine Popstars, keine Millionäre und keine Elfen vor. Dafür aber sehr menschliche Menschen mit kleinen Macken und Fehlern, die sich bemühen, zurechtzukommen und sich oft durch Hundebegleiter weiterentwickeln.

Was zieht mich so sehr zu diesen Büchern? Vielleicht ist es die tiefe Liebe zu Tieren, speziell Hunden, die überall durchscheint? Vielleicht auch die pure Nettigkeit ihrer Hauptfiguren? Oder die (ich traue mich fast nicht, es zu schreiben) Güte, die ihre Bücher ausstrahlen, wenn es um schwierige Lebenssituationen geht? Was auch immer es ist, ich fühle mich in der Regel während und nach einem Buch von Lucy Dillon besser als ohne. Und das ist ein ziemlich großes Lob.

In diesem Buch geht es um Lebensträume, die verwirklicht werden wollen, um lebensnahe Kunst weitab von großstädtischen Kunstzentren, um Einsamkeit im Alter, abgebrochene Lebenslinien, Abschiede, viel Menschlichkeit und Mitgefühl und um die Schwierigkeiten, die aus allem entstehen und doch überwunden werden können. Ein kleines bisschen Liebe ist auch im Spiel, aber eine Hauptrolle spielt sie nicht.

Wenn man also einen Eiskaffee mit viel Vanilleeis zuhause hat und dieses Buch, werden die nächsten zwei bis drei Stunden ziemlich angenehm sein. Wenn es nach mir geht, zumindest. 🙂

Ausgelesen: Raum. Von Emma Donoghue.

Junge, Junge. Das war mit weitem Abstand eines der bisher besten Bücher in meinem Leben, und da gab es schon ziemlich viele. Vor einigen Jahren hatte ich mal einen Kalender, in dem jeden Tag ein Buch empfohlen wurde, und dieses war dabei. Es schien interessant zu sein und so habe ich es gekauft. Und dann stand es in meinem Regal der noch zu lesenden Bücher… und stand… und stand… bis neulich abends der Film dazu im TV lief und ich ihn angesehen habe. Ich war ziemlich beeindruckt. Danach war das Buch dran, und jetzt bin ich nachhaltig beeindruckt.

Der Rückseitentext: „Für Jack ist Raum die ganze Welt. Dort essen, spielen und schlafen er und seine Ma. Jack liebt es fernzusehen, denn da sieht er seine „Freunde“, die Cartoonfiguren. Aber er weiß, dass die Dinge hinter der Mattscheibe nicht echt sind – echt sind nur Ma, er und die Dinge in Raum. Bis der Tag kommt, an dem Ma ihm erklärt, dass es doch eine Welt da draußen gibt und dass sie versuchen müssen, aus Raum zu fliehen…“

Der Roman hat 410 Seiten und ist konsequent ausschließlich aus Jack´s Sicht geschrieben. Nun ja, könnte man meinen, ein ganzer Roman aus der Sicht eines gerade mal fünfjährigen, wird das nicht irgendwann langweilig? Absolut nicht, denn hinter Jack´s Welt steckt ein Drama, das unerträglich wäre, wenn zum Beispiel die Mutter (Ma) es erzählt hätte, und voyeuristisch, wenn jemand Außenstehendes es beschrieben hätte. So aber sehen wir Raum durch Jack´s Augen, und er ist riesig. Die ganze Welt eben. Es gibt Schrank, Stuhlschaukel, Eierschlange, das Zudeck, ein Fort, Teppich, die schon alles erlebt hat, Tisch, Weichlöffel und jede Menge andere Mitspieler, denn Jack´s Welt ist belebt. Das Raum nur 13 ²m groß ist, spielt keine Rolle, er kann darin rennen, spielen, lesen, er kennt alle Dinge und die Dinge kennen ihn. Ma ist immer da, sie sind keine Sekunde getrennt, nur abends, kurz vor neun, da muss er in Schrank, denn dann kommt Old Nick. Old Nick ist auch echt, so wie Jack und Ma, aber er hat Jack noch nie richtig gesehen, und Jack ihn auch nicht, denn er ist ja immer in Schrank, wenn er kommt. Und spätestens jetzt weiß der Leser, hier ist eine ziemliche Menge ganz und gar nicht normal.

Es gibt im Roman ein „Drinnen“ und ein „Draussen“, und jeder von uns möchte sehnlichst, dass das „Draussen“ bitte bald kommen möge. Jack hat andere Prioritäten. In Raum fühlt er sich sicher. Alles ist da, wo es sein soll, es gibt Regeln und Abläufe, die er kennt, seit er sich erinnern kann. Abends scheint Gott dick und gelb durch Oberlicht, im Draussen ist er dann nicht mehr immer rund, sondern spitz mit zwei Enden. Seltsam, wie vieles andere auch. In Raum sind die Dinge kostbar, nichts wird verschwendet, nichts wird weggeworfen, jedes Ding hat sein Leben. Im Draußen gibt es viel zu viel von allem und es wird einfach so entsorgt, wenn es einem nicht mehr gefällt. Unfassbar für Jack.

„In Raum wussten wir immer, wie alles hieß, aber in der Welt gibt es soviel, dass die Personen noch nicht mal die Namen wissen.

Unfassbar auch, wie unendlich groß der Abstand zwischen Jack und den Erwachsenen ist. Die Erwachsenen gehen davon aus, dass ihre Erfahrungen und Wertvorstellungen die einzigen sind, die gelten. Im ganzen Buch fragt niemand Jack, wie er in Raum gelebt und gespielt hat, wie seine Welt beschaffen war. Niemand will es ganz genau wissen, sie sind gefangen in ihren Welten und unfähig, auch nur für kurze Zeit aus ihr herauszutreten. Darüber hinaus haben sie niemals Zeit, ein Phänomen, dass Jack so beschreibt:

„Ich glaube, in der Welt verteilt sich die Zeit ganz dünn überall hin über die ganzen Straßen und die Häuser und die Spielplätze und die Geschäfte, deshalb gibt es an jedem Ort nur einen kleinen Klecks davon, und alle müssen schnell weiter zum nächsten.“

Dieser Roman ist vieles gleichzeitig. Er ist ein Drama, das ich nicht gelesen hätte, wenn es anders geschrieben worden wäre. Er ist eine geniale Beschreibung einer Parallelwelt aus der Sicht eines Kindes, das nichts anderes kennt. Er zeigt auch die normale Welt, und er zeigt sie so, dass man sich fragt, ob unsere Welt nicht vielmehr eine sehr seltsame Parallelwelt zu Raum ist? Er zeigt, dass Ungeheuer nicht immer unter dem Bett wohnen, sondern manchmal nebenan und oft sehr klein in allen Menschen. Der Roman zeigt die Schönheit von Dingen und die Schönheit der Phantasie und wie groß Liebe werden kann. Er zeigt, dass jeder Mensch seine eigene, unglaubliche Welt ist, in die niemand anderes vollständig Zutritt erhält.

Wie gesagt: Ich bin beeindruckt. Sehr.

Ausgelesen: Britt-Marie war hier. Von Fredrik Backman.

Britt-Marie ist eine ungewöhnliche Buchheldin. So ungewöhnlich, dass der Autor sie nicht als Ich-Erzählerin einsetzt, auch nicht aus der Perspektive des allwissenden Erzählers, sondern aus einer sperrigen wir-sprechen-in-der-dritten-Person-von-uns Variante. Sie schafft die notwendige Distanz, die die Geschichte in ihrer Entwicklung benötigt. Ich musste mich erst daran gewöhnen, aber Britt-Marie hat nicht lange gebraucht, bis sie mich von sich überzeugt hatte. Sie ist eine dreiundsechzigjährige Frau, die bisher vor allem durch und für andere gelebt hat, was ja an sich nichts schlechtes ist. Wenn aber die anderen nicht wissen, was sie an Britt-Marie haben und sie benutzen, um sich selbst besser und größer zu fühlen, läuft irgendetwas verkehrt, und Britt-Marie braucht lange, sehr lange, um das zu verstehen. Genauer gesagt braucht sie Borg, um das zu verstehen, ein kleines Dorf außerhalb von allem, längst abgehängt durch die Verstädterung, ohne Läden, Schulen, Ärzte, nur einen kleinen Allzweckladen gibt es noch, der gleichzeitig Post, Kneipe, Werkstatt und Treffpunkt ist. Außerdem gibt es noch ein katastrophales Jugendfußballteam, das in Auflösung begriffen ist. Und dann kommt Britt-Marie. Und vieles ändert sich, auch sie selbst.

Ich mochte die Geschichte und Britt-Marie sehr, nur zum Ende hin, da wird es für meinen Geschmack etwas zu melodramatisch. Irgendwie scheint mir das nicht zum Rest der Geschichte zu passen, obwohl das Ende wiederum sehr gut ist, trotz aller Melodramatik. Es wäre schön, wenn es mehr Dörfer wie Borg gäbe und mehr Menschen wie Britt-Marie. Die Welt wäre vermutlich ein besserer Ort.

 

Ausgelesen: Darf´s ein bißchen mehr sein? Von Meg Cabot.

Wenn ich eine kleine Aufheiterung brauche, weil das Leben sich gerade nicht nur von der Sonnenscheinseite zeigt, greife ich gern zu bestimmten Büchern, nämlich den sogenannten „Aufheiterungsbüchern“. Sie zeichnen sich durch eine positive Grundstimmung aus, haben eine Heldin oder einen Helden, der die Welt mit einem halb vollen Glas in der Hand betrachtet und nicht aufgibt, auch dann nicht, wenn alles quer läuft.

Zu diesen Büchern gehört auf jeden Fall dieses hier. Heather Wells hätte allen Grund, mies gelaunt zu sein: Ihr Verlobter hat sie betrogen, ihre Karriere als Teeniestar ist definitiv vorbei und ihre Mutter hat Heathers gesamtes Geld gestohlen und ist damit nach Südamerika geflüchtet. Ihr Vater sitzt wegen Steuerhinterziehung im Gefängnis. Insgesamt also keine rosigen Zukunftsaussichten, aber Heather lässt sich nicht unterkriegen: Sie will fast dreißigjährig studieren gehen, aber um das College finanzieren zu können, muss sie nebenher arbeiten und tut das in einem Studentenwohnheim. Dort ist sie in der Verwaltung Mädchen für alles, unter anderem auch Ansprechpartnerin für die dort wohnenden Studenten. Als eines Tages eines der Mädchen dort unter seltsamen Umständen ums Leben kommt, ist ihre Neugier geweckt…

Natürlich wimmelt es im Buch nur so von Klischees: Der abgehalfterte Teeniestar, der umschwärmte Ex-Verlobte, der Sänger einer Boyband war, der attraktive Privatdetektiv-Bruder des Ex-Verlobten, das ganze, komplette Studentenwohnheim: Alles ein einziges Klischee. Aber wissen Sie was? Das macht alles gar nichts. Die Heldin ist so positiv geschrieben, dass man sie einfach gern haben muss, egal, wie viele Klischeeklippen sie auf jeder dritten Seite umschiffen muss, und ihre positive Sicht auf die Dinge hellt die eigene Stimmung ziemlich auf, obwohl das auch ziemlich verrückt ist, denn Heather ist ja nur eine erfundene Buchfigur. Aber wissen Sie was? Auch das macht rein gar nichts.

Meg Cabot hat mit Heather Wells eine grundsympathische Figur geschaffen, die man ungern ziehen lässt, wenn das Buch vorbei ist, nicht nur, weil es da noch ein paar offene Handlungsstränge gibt, sondern weil man einfach gern mehr Zeit mit ihr verbringen möchte. Zum Schluss des Buches ist man überzeugt, so schlimm ist das Leben gar nicht. Man darf nur nie aufgeben und sollte der Einfachheit halber immer davon ausgehen, dass das Glas halbvoll ist und nicht halbleer, und dass es sich nicht lohnt, anderen Dinge nachzutragen. Denn mal ehrlich: Am Ende schleppen wir die Dinge mit uns herum. Nicht die anderen. Heather hat das begriffen und lebt danach. Ein nettes Buch. Warum da übrigens auf dem Cover diesen ganzen Schuhe abgebildet sind: Ich habe keine Ahnung. Im Buch spielen sie absolut keine Rolle, und auch ein Hund kommt nicht vor.

Ausgelesen: Wenn´s einfach wär, würd´s jeder machen. Von Petra Hülsmann.

Was würden Sie tun, wenn Sie aus Ihrer geliebten Hamburger Nobelschule einfach in eine Brennpunktschule versetzt werden würden und Ihr ruhiges, angenehmes Leben mit einem Schlag vorbei wäre? Verzagen? Wüten? Akzeptieren? Oder einen Weg finden, so schnell wie möglich zurückzukehren? Lehrerin Annika passiert genau das, und sie setzt alles daran, einen Weg zu finden, in ihre geliebte Schule zurückversetzt zu werden, und wenn sie dafür bei alten Jugendlieben peinlicherweise um Hilfe bitten muss, sehr viel mehr arbeiten und sich plötzlich um ihre Schüler kümmern muss, dann tut sie das. Vom Theaterspielen und Regie führen mal ganz abgesehen. Hilfreich sind dabei natürlich die zwei netten Männer aus der Nachbarwohnung und ihre beste Freundin, mit der sie in einer WG in Hamburg lebt.

Dieses Buch ist einer der typischen Frauenromane, in der Frau plötzlich in eine schwierige Situation gerät, ein paar Panikschübe und Abstürze hat, um sich dann wie durch ein Wunder zu finden und ganz neue Wege zu gehen. Selbstverständlich wartet auch der passende Mann dazu irgendwo auf dem Weg durch die Geschichte. Soweit also nichts Neues zwischen den Buchseiten, aber ich muss schon sagen, das Ganze ist wirklich gut gemacht, trotz aller Vorhersehbarkeiten. Flüssig geschrieben, spannende Wendungen und aus der anfangs leicht unsympathischen Hauptdarstellerin wird im Laufe des Buches eine fast schon zu engagierte Lehrerin, die man doch ganz gern mal kennenlernen würde. Die Dinge laufen gut, aber nicht zu gut, an ein paar Ecken guckt man überrascht, weil man das jetzt doch nicht erwartet hätte, und am Ende hat man das Buch fast in einem Rutsch durchgelesen, obwohl man das gar nicht vorhatte. Nicht übel. Wirklich nicht übel. Ich glaube, von der Autorin könnte ich tatsächlich mehr lesen.

Ausgelesen: Ein unmoralisches Sonderangebot. Von Kerstin Gier.

Wenn der vermögende, aber geizige Schwiegervater der Meinung ist, seine Söhne und vor allem seine Schwiegertöchter seien einfach nicht in der Lage, ihr Leben so zu leben, wie er es für richtig hält und mit sehr viel Geld lockt, damit sie es so ändern, wie er möchte – wer würde das tun? Oder besser: Wer würde das wohl nicht tun? Olivia und Evelyn, die Schwiegertöchter, sind anfangs empört, aber was tut man nicht alles für eine Entschuldung oder die Erfüllung seiner Träume? Und so tauschen sie für ein halbes Jahr die Ehepartner…

Ein Buch, so luftig wie eine leichte Brise, humorvoll geschrieben, es tanzt mit Wonne über den zahllosen Was-war-das-denn-Momenten, die der Leser unweigerlich bei der Lektüre haben wird, und wer hier dramatischen Ernst, riesige Gefühle oder lückenlose Beweisführungen in der Geschichte erwartet, ist definitiv fehl am Platz. Dafür wird man sehr amüsant unterhalten, es bietet auf jeden Fall bessere Ablenkung als einer der Sonntagsabend-Cornwall–Filme im ZDF und es passt perfekt in den Sommer. Ein hübsches Buch für zwischendurch – und nach dem Lesen sollte es sofort entweder an die beste Freundin verliehen werden oder in eine der zahlreich vorhandenen öffentlichen Regalbibliotheken wandern! Es ist nämlich zu schade, um im Regal zu versauern.

Ausgelesen: Der Club. Von Takis Würger.

Es gibt Bücher, bei denen bin ich skeptisch. Manchmal wegen des Covers, öfter, weil ich sie nicht einordnen kann. Was ist das für ein Genre? Krimi? Roman? Etwa Literatur? Um Himmels willen! Aber wenn das Buch es schon geschafft hat, in mein Regal der noch zu lesenden Bücher zu gelangen, lese ich es in der Regel auch. Und bei diesem Buch wandelte sich meine anfängliche Skepsis nach den ersten Seiten ziemlich schnell in Faszination und dann in ziemlich große Begeisterung.

Hans (was für ein Name für die Hauptfigur eines Buches! Ist das jetzt mutig oder ziemlich übermütig?) ist ein stiller Held. Er ist ein Einzelgänger, nicht, weil er das so will, sondern weil er anders ist als die anderen Kinder. Er schweigt viel, lacht wenig und beobachtet die Welt um sich herum. Und er liebt das Boxen. Als seine Eltern beide kurz nacheinander sterben, gibt er sich die Schuld an ihrem Tod, was seine innere Leichtigkeit nicht fördert. Er ist einsam, und so stimmt er zu, als seine Tante ihm ein Stipendium in Cambridge verschafft, allerdings unter der Voraussetzung, dort ein Verbrechen aufklären zu müssen. Dazu muss er es schaffen, in den legendären Pitt Club aufgenommen zu werden.

Das Buch ist so geschrieben wie die Charaktereigenschaften der Romanfigur: Knapp, sachlich, ehrlich, geradlinig, dabei mit sehr viel mehr Tiefgang als anfangs erwartet. Hans ist auch im elitären Cambridge ein Fremdkörper, aber genau deswegen sind die luxusverwöhnten Sprößlinge der reichen Oberschicht fasziniert von ihm. Er hat etwas, was sie nicht haben, eine Stärke des Charakters, Zielstrebigkeit ohne Ellenbogen, Sanftmütigkeit ohne Unterwerfungsbereitschaft. Dazu genügend innere Härte sich selbst gegenüber, um anstrengendes Training über lange Zeit durchzuhalten und Integrität. Große Worte, gefühlt vielleicht zu viele davon, aber sie treffen hier alle zu.

Boxen ist ein großes Thema im Club. Ich persönlich mag diesen Sport überhaupt nicht, ich würde mir nie freiwillig einen Boxkampf ansehen, aber in diesem Buch habe ich zum ersten Mal ein klein wenig davon verstanden, was Menschen daran faszinieren kann. Mir scheint, es ist ein permanenter Kampf gegen sich selbst, ein sich-Beweisen. Im Ring ist der Boxer auf sich gestellt, es zählen nur er und der Gegner und die Frage, wo liegt die Schwäche des anderen und wie kann ich sie nutzen. Auch nach diesem Buch werde ich mir keine Boxkämpfe ansehen, aber sie sind im Buch notwendige Brüche, in denen die andere Seite von Hans und von Cambridge gezeigt wird – Unerbittlichkeit und Härte. Die scheinbare Leichtigkeit und Ruhe, der schimmernde Luxus, der meist über dem Text liegt, wird immer wieder durchbrochen von Gewalt, schrecklichen Ansichten und üblen Gewohnheitsrechten, und manchmal liest man ein paar Absätze und hat plötzlich Abgründe unter sich. Dann kehrt der Leser sehr gern zu Hans und seiner inneren Ruhe zurück. Ein paar Mal verlässt ihn diese Ruhe und er schwankt ein wenig hin und her, vor allem, wenn er endlich eine Zugehörigkeit zu etwas gefunden hat und diese schnell wieder auf dem Prüfstand steht. Als Leser schwankt man mit und hofft auf die richtige Entscheidung. Ob er sie treffen wird?

Ein sehr, sehr gutes Buch hatte ich da in meinem Noch-zu-Lesen-Regal stehen. Es hat mich ein wenig an die Romane von Dick Francis erinnert, von denen ich großer Fan bin. Gerne mehr von Takis Würger!