Ausgelesen: Es liegt in der Familie. Von Margaret Millar.

Aus der offiziellen Inhaltsangabe (weil ich es einfach nicht besser formulieren könnte, der Text trifft ins Schwarze):

„Priscilla ist elf und träumt davon, eine berühmte Schauspielerin oder Radiomoderatorin zu werden. Aber leider ist sie geschlagen mit Eltern, Geschwistern und zahlreichen Verwandten, die ihren wahren Fähigkeiten im Weg stehen. Zum Glück hat Priscilla jede Menge Ideen, ihr Wochenende trotz allem interessant zu gestalten … Der turbulente Alltag einer Großfamilie, liebevoll und mit augenzwinkernder Ironie erzählt.“

Margaret Millar kannte ich bisher nur als Autorin intelligenter, scharfsinniger und kühler Kriminalromane (Krimi reicht da als Bezeichnung nicht aus), daher war es eine echte Überraschung, hinter diesem Titel ganz und gar keinen Kriminalroman, sondern einen Roman über eine Vorkriegskindheit in den 1930er Jahren zu finden. Und dann so einen! Ironisch, sarkastisch und dabei immer mit liebevollem Blick wird ein Familienwochenende aus der Sicht der elfjähren Priscilla geschildert, mit seinen Aufs und Abs und allen Besonderheiten der „mitspielenden“ Familienangehörigen. Man lernt die Familie durch Priscillas Augen kennen, mit ihren abstrusen Eigenheiten und seltsamen Angewohnheiten, die vermutlich gerade durch Priscillas ganz und gar nicht durchschnittliche Interessen besonders deutlich hervortreten. Von Zeit zu Zeit hat man ein klein wenig Mitleid mit der Familie, aber es verschwindet meist recht schnell wieder, denn durch Priscillas Ideen wird der Haushalt immer wieder durcheinandergewirbelt, und das durchaus nicht zu seinem Nachteil. Ohne ihre zweitjüngste Tochter wäre es vermutlich ein recht konservativer, ruhiger Haushalt, aber da sie nun einmal da ist und das auch niemand übersehen (oder überhören) kann, werden alle vorhandenen Gewohnheiten immer wieder auf die Probe gestellt. Dabei wird das Buch von einem leisen Humor durchweht, der auch über damals vermutlich strenge Ansichten hinüberträgt. Das Buch ist 1948 bei Random House unter dem Titel „It’s All in the Family“ erschienen und wird in den USA als Kinderbuch geführt, was ich überhaupt nicht nachvollziehen kann. Jeder leise, unterschwellige Ton (von denen es viele gibt) und die ironische, augenzwinkernde Schreibweise wären an Kinder völlig verschwendet, genauso wie die hintergründige Kritik an damals herrschenden Sitten und Verhaltensweisen.

Ein schönes, kleines Buch, das Freude macht beim Entdecken und Lesen. Es ist gut kapitelweise zu lesen, also perfekt für die Bahn oder die abendliche Leseeinheit vor dem Einschlafen. 1948 war es in den USA ein Bestseller, vielleicht ist das ja Grund genug für die ein oder andere, es mal zu versuchen!

Ausgelesen: Wir sind doch Schwestern. Von Anne Gesthuysen.

„Dieser Roman ist ein großes Glück.“ So steht es auf dem Cover des Buches (bei mir leider ein bißchen unscharf), und, ja, doch, er ist gar nicht übel. Es geht um drei Schwestern, eine ist vierundachtzig Jahre alt, zwei fast einhundert Jahre, und alle drei blicken auf ein bewegtes, volles, nicht immer einfaches Leben zurück. Wie sich ihre Lebensgeschichten verknüpfen mit der Geschichte Deutschlands während beider Weltkriege und im Nachkriegsdeutschland der Adenauer-Zeit ist ein großes Thema, das andere ist die Art und Weise, wie sich das Leben der drei Schwestern immer wieder berührt und sie trotz großer Verschiedenheiten und Auseinandersetzungen doch nicht voneinander lassen können. Schließlich sind sie doch Schwestern – wenn das nicht verbindet, was dann?

Gefallen haben mir die lockere Schreibweise, das beherzte, unbeschwerte Herangehen auch an schwierige Themen, der Humor, der immer wieder aufblitzt und dass aus dem Blickwinkel aller drei Frauen berichtet wird. Schön ist auch, dass alle drei eine große Lust aufs Leben haben, obwohl ihnen klar ist, dass es nun wohl nicht mehr allzu lange dauern wird bis es vorbei ist und sie trotzdem weder ihren Humor noch ihre Tatkraft verlieren. Ein großer Mutmacher für den Fall, dass man es tatsächlich unglaublicherweise schaffen sollte, achtzig zu werden. Sehr gut fand ich auch, wie einem normalen Leser ganz nebenbei einiges über deutsche Geschichte beigebracht wird und es ganz und gar nicht langweilig ist dabei. Und zum Schluss: Wenn auch nur die Hälfte davon wahr ist – genial. Doch, wenn ich es zusammenfasse, hat mir ziemlich viel an dem Buch gefallen.

Eigentlich und normalerweise tue ich mich nämlich schwer mit Büchern, die Personen ein ganzes Leben lang begleiten. Mehrere Generationen in einem Buch brauche ich nicht, das dürfen gerne andere lesen, es gibt bestimmt gaaaanz tolle Bücher darunter, aber es gibt eben auch noch sehr viele andere, die ich viel lieber lese. Dieses hier bekam ich von einer Kollegin ausgeliehen, und da ist man ja immer ein bißchen in der Pflicht, also habe ich es tapfer angefangen. Für solch ein Buch wie oben beschrieben fand ich es gar nicht mal so übel. Doch-doch, es war ganz ok. Gut, vielleicht mehr als ok (hören Sie das Zähneknirschen?). Ich kann zwar aus eben genannten Gründen nicht in den begeisterten Reigen der Jubelnden einstimmen, die dieses Buch in den Himmel heben, aber es war durchaus lesenswert. Ich nehme mal an, für alle, die von Generationsbüchern (nennen wir sie mal so) begeistert sind, ist das Buch ein Hauptgewinn, ein goldener Treffer! oder eben ein großes Glück. Gerne! Es sei ihnen allen gegönnt! Ich werde nach diesem Buch trotzdem erst mal wieder eine große Pause bis zum nächsten Generationsbuch machen.