Ausgelesen: Darf´s ein bißchen mehr sein? Von Meg Cabot.

Wenn ich eine kleine Aufheiterung brauche, weil das Leben sich gerade nicht nur von der Sonnenscheinseite zeigt, greife ich gern zu bestimmten Büchern, nämlich den sogenannten „Aufheiterungsbüchern“. Sie zeichnen sich durch eine positive Grundstimmung aus, haben eine Heldin oder einen Helden, der die Welt mit einem halb vollen Glas in der Hand betrachtet und nicht aufgibt, auch dann nicht, wenn alles quer läuft.

Zu diesen Büchern gehört auf jeden Fall dieses hier. Heather Wells hätte allen Grund, mies gelaunt zu sein: Ihr Verlobter hat sie betrogen, ihre Karriere als Teeniestar ist definitiv vorbei und ihre Mutter hat Heathers gesamtes Geld gestohlen und ist damit nach Südamerika geflüchtet. Ihr Vater sitzt wegen Steuerhinterziehung im Gefängnis. Insgesamt also keine rosigen Zukunftsaussichten, aber Heather lässt sich nicht unterkriegen: Sie will fast dreißigjährig studieren gehen, aber um das College finanzieren zu können, muss sie nebenher arbeiten und tut das in einem Studentenwohnheim. Dort ist sie in der Verwaltung Mädchen für alles, unter anderem auch Ansprechpartnerin für die dort wohnenden Studenten. Als eines Tages eines der Mädchen dort unter seltsamen Umständen ums Leben kommt, ist ihre Neugier geweckt…

Natürlich wimmelt es im Buch nur so von Klischees: Der abgehalfterte Teeniestar, der umschwärmte Ex-Verlobte, der Sänger einer Boyband war, der attraktive Privatdetektiv-Bruder des Ex-Verlobten, das ganze, komplette Studentenwohnheim: Alles ein einziges Klischee. Aber wissen Sie was? Das macht alles gar nichts. Die Heldin ist so positiv geschrieben, dass man sie einfach gern haben muss, egal, wie viele Klischeeklippen sie auf jeder dritten Seite umschiffen muss, und ihre positive Sicht auf die Dinge hellt die eigene Stimmung ziemlich auf, obwohl das auch ziemlich verrückt ist, denn Heather ist ja nur eine erfundene Buchfigur. Aber wissen Sie was? Auch das macht rein gar nichts.

Meg Cabot hat mit Heather Wells eine grundsympathische Figur geschaffen, die man ungern ziehen lässt, wenn das Buch vorbei ist, nicht nur, weil es da noch ein paar offene Handlungsstränge gibt, sondern weil man einfach gern mehr Zeit mit ihr verbringen möchte. Zum Schluss des Buches ist man überzeugt, so schlimm ist das Leben gar nicht. Man darf nur nie aufgeben und sollte der Einfachheit halber immer davon ausgehen, dass das Glas halbvoll ist und nicht halbleer, und dass es sich nicht lohnt, anderen Dinge nachzutragen. Denn mal ehrlich: Am Ende schleppen wir die Dinge mit uns herum. Nicht die anderen. Heather hat das begriffen und lebt danach. Ein nettes Buch. Warum da übrigens auf dem Cover diesen ganzen Schuhe abgebildet sind: Ich habe keine Ahnung. Im Buch spielen sie absolut keine Rolle, und auch ein Hund kommt nicht vor.

Ausgelesen: Wenn´s einfach wär, würd´s jeder machen. Von Petra Hülsmann.

Was würden Sie tun, wenn Sie aus Ihrer geliebten Hamburger Nobelschule einfach in eine Brennpunktschule versetzt werden würden und Ihr ruhiges, angenehmes Leben mit einem Schlag vorbei wäre? Verzagen? Wüten? Akzeptieren? Oder einen Weg finden, so schnell wie möglich zurückzukehren? Lehrerin Annika passiert genau das, und sie setzt alles daran, einen Weg zu finden, in ihre geliebte Schule zurückversetzt zu werden, und wenn sie dafür bei alten Jugendlieben peinlicherweise um Hilfe bitten muss, sehr viel mehr arbeiten und sich plötzlich um ihre Schüler kümmern muss, dann tut sie das. Vom Theaterspielen und Regie führen mal ganz abgesehen. Hilfreich sind dabei natürlich die zwei netten Männer aus der Nachbarwohnung und ihre beste Freundin, mit der sie in einer WG in Hamburg lebt.

Dieses Buch ist einer der typischen Frauenromane, in der Frau plötzlich in eine schwierige Situation gerät, ein paar Panikschübe und Abstürze hat, um sich dann wie durch ein Wunder zu finden und ganz neue Wege zu gehen. Selbstverständlich wartet auch der passende Mann dazu irgendwo auf dem Weg durch die Geschichte. Soweit also nichts Neues zwischen den Buchseiten, aber ich muss schon sagen, das Ganze ist wirklich gut gemacht, trotz aller Vorhersehbarkeiten. Flüssig geschrieben, spannende Wendungen und aus der anfangs leicht unsympathischen Hauptdarstellerin wird im Laufe des Buches eine fast schon zu engagierte Lehrerin, die man doch ganz gern mal kennenlernen würde. Die Dinge laufen gut, aber nicht zu gut, an ein paar Ecken guckt man überrascht, weil man das jetzt doch nicht erwartet hätte, und am Ende hat man das Buch fast in einem Rutsch durchgelesen, obwohl man das gar nicht vorhatte. Nicht übel. Wirklich nicht übel. Ich glaube, von der Autorin könnte ich tatsächlich mehr lesen.

Ausgelesen: Ein unmoralisches Sonderangebot. Von Kerstin Gier.

Wenn der vermögende, aber geizige Schwiegervater der Meinung ist, seine Söhne und vor allem seine Schwiegertöchter seien einfach nicht in der Lage, ihr Leben so zu leben, wie er es für richtig hält und mit sehr viel Geld lockt, damit sie es so ändern, wie er möchte – wer würde das tun? Oder besser: Wer würde das wohl nicht tun? Olivia und Evelyn, die Schwiegertöchter, sind anfangs empört, aber was tut man nicht alles für eine Entschuldung oder die Erfüllung seiner Träume? Und so tauschen sie für ein halbes Jahr die Ehepartner…

Ein Buch, so luftig wie eine leichte Brise, humorvoll geschrieben, es tanzt mit Wonne über den zahllosen Was-war-das-denn-Momenten, die der Leser unweigerlich bei der Lektüre haben wird, und wer hier dramatischen Ernst, riesige Gefühle oder lückenlose Beweisführungen in der Geschichte erwartet, ist definitiv fehl am Platz. Dafür wird man sehr amüsant unterhalten, es bietet auf jeden Fall bessere Ablenkung als einer der Sonntagsabend-Cornwall–Filme im ZDF und es passt perfekt in den Sommer. Ein hübsches Buch für zwischendurch – und nach dem Lesen sollte es sofort entweder an die beste Freundin verliehen werden oder in eine der zahlreich vorhandenen öffentlichen Regalbibliotheken wandern! Es ist nämlich zu schade, um im Regal zu versauern.

Ausgelesen: Der Club. Von Takis Würger.

Es gibt Bücher, bei denen bin ich skeptisch. Manchmal wegen des Covers, öfter, weil ich sie nicht einordnen kann. Was ist das für ein Genre? Krimi? Roman? Etwa Literatur? Um Himmels willen! Aber wenn das Buch es schon geschafft hat, in mein Regal der noch zu lesenden Bücher zu gelangen, lese ich es in der Regel auch. Und bei diesem Buch wandelte sich meine anfängliche Skepsis nach den ersten Seiten ziemlich schnell in Faszination und dann in ziemlich große Begeisterung.

Hans (was für ein Name für die Hauptfigur eines Buches! Ist das jetzt mutig oder ziemlich übermütig?) ist ein stiller Held. Er ist ein Einzelgänger, nicht, weil er das so will, sondern weil er anders ist als die anderen Kinder. Er schweigt viel, lacht wenig und beobachtet die Welt um sich herum. Und er liebt das Boxen. Als seine Eltern beide kurz nacheinander sterben, gibt er sich die Schuld an ihrem Tod, was seine innere Leichtigkeit nicht fördert. Er ist einsam, und so stimmt er zu, als seine Tante ihm ein Stipendium in Cambridge verschafft, allerdings unter der Voraussetzung, dort ein Verbrechen aufklären zu müssen. Dazu muss er es schaffen, in den legendären Pitt Club aufgenommen zu werden.

Das Buch ist so geschrieben wie die Charaktereigenschaften der Romanfigur: Knapp, sachlich, ehrlich, geradlinig, dabei mit sehr viel mehr Tiefgang als anfangs erwartet. Hans ist auch im elitären Cambridge ein Fremdkörper, aber genau deswegen sind die luxusverwöhnten Sprößlinge der reichen Oberschicht fasziniert von ihm. Er hat etwas, was sie nicht haben, eine Stärke des Charakters, Zielstrebigkeit ohne Ellenbogen, Sanftmütigkeit ohne Unterwerfungsbereitschaft. Dazu genügend innere Härte sich selbst gegenüber, um anstrengendes Training über lange Zeit durchzuhalten und Integrität. Große Worte, gefühlt vielleicht zu viele davon, aber sie treffen hier alle zu.

Boxen ist ein großes Thema im Club. Ich persönlich mag diesen Sport überhaupt nicht, ich würde mir nie freiwillig einen Boxkampf ansehen, aber in diesem Buch habe ich zum ersten Mal ein klein wenig davon verstanden, was Menschen daran faszinieren kann. Mir scheint, es ist ein permanenter Kampf gegen sich selbst, ein sich-Beweisen. Im Ring ist der Boxer auf sich gestellt, es zählen nur er und der Gegner und die Frage, wo liegt die Schwäche des anderen und wie kann ich sie nutzen. Auch nach diesem Buch werde ich mir keine Boxkämpfe ansehen, aber sie sind im Buch notwendige Brüche, in denen die andere Seite von Hans und von Cambridge gezeigt wird – Unerbittlichkeit und Härte. Die scheinbare Leichtigkeit und Ruhe, der schimmernde Luxus, der meist über dem Text liegt, wird immer wieder durchbrochen von Gewalt, schrecklichen Ansichten und üblen Gewohnheitsrechten, und manchmal liest man ein paar Absätze und hat plötzlich Abgründe unter sich. Dann kehrt der Leser sehr gern zu Hans und seiner inneren Ruhe zurück. Ein paar Mal verlässt ihn diese Ruhe und er schwankt ein wenig hin und her, vor allem, wenn er endlich eine Zugehörigkeit zu etwas gefunden hat und diese schnell wieder auf dem Prüfstand steht. Als Leser schwankt man mit und hofft auf die richtige Entscheidung. Ob er sie treffen wird?

Ein sehr, sehr gutes Buch hatte ich da in meinem Noch-zu-Lesen-Regal stehen. Es hat mich ein wenig an die Romane von Dick Francis erinnert, von denen ich großer Fan bin. Gerne mehr von Takis Würger!

Ausgelesen: Es liegt in der Familie. Von Margaret Millar.

Aus der offiziellen Inhaltsangabe (weil ich es einfach nicht besser formulieren könnte, der Text trifft ins Schwarze):

„Priscilla ist elf und träumt davon, eine berühmte Schauspielerin oder Radiomoderatorin zu werden. Aber leider ist sie geschlagen mit Eltern, Geschwistern und zahlreichen Verwandten, die ihren wahren Fähigkeiten im Weg stehen. Zum Glück hat Priscilla jede Menge Ideen, ihr Wochenende trotz allem interessant zu gestalten … Der turbulente Alltag einer Großfamilie, liebevoll und mit augenzwinkernder Ironie erzählt.“

Margaret Millar kannte ich bisher nur als Autorin intelligenter, scharfsinniger und kühler Kriminalromane (Krimi reicht da als Bezeichnung nicht aus), daher war es eine echte Überraschung, hinter diesem Titel ganz und gar keinen Kriminalroman, sondern einen Roman über eine Vorkriegskindheit in den 1930er Jahren zu finden. Und dann so einen! Ironisch, sarkastisch und dabei immer mit liebevollem Blick wird ein Familienwochenende aus der Sicht der elfjähren Priscilla geschildert, mit seinen Aufs und Abs und allen Besonderheiten der „mitspielenden“ Familienangehörigen. Man lernt die Familie durch Priscillas Augen kennen, mit ihren abstrusen Eigenheiten und seltsamen Angewohnheiten, die vermutlich gerade durch Priscillas ganz und gar nicht durchschnittliche Interessen besonders deutlich hervortreten. Von Zeit zu Zeit hat man ein klein wenig Mitleid mit der Familie, aber es verschwindet meist recht schnell wieder, denn durch Priscillas Ideen wird der Haushalt immer wieder durcheinandergewirbelt, und das durchaus nicht zu seinem Nachteil. Ohne ihre zweitjüngste Tochter wäre es vermutlich ein recht konservativer, ruhiger Haushalt, aber da sie nun einmal da ist und das auch niemand übersehen (oder überhören) kann, werden alle vorhandenen Gewohnheiten immer wieder auf die Probe gestellt. Dabei wird das Buch von einem leisen Humor durchweht, der auch über damals vermutlich strenge Ansichten hinüberträgt. Das Buch ist 1948 bei Random House unter dem Titel „It’s All in the Family“ erschienen und wird in den USA als Kinderbuch geführt, was ich überhaupt nicht nachvollziehen kann. Jeder leise, unterschwellige Ton (von denen es viele gibt) und die ironische, augenzwinkernde Schreibweise wären an Kinder völlig verschwendet, genauso wie die hintergründige Kritik an damals herrschenden Sitten und Verhaltensweisen.

Ein schönes, kleines Buch, das Freude macht beim Entdecken und Lesen. Es ist gut kapitelweise zu lesen, also perfekt für die Bahn oder die abendliche Leseeinheit vor dem Einschlafen. 1948 war es in den USA ein Bestseller, vielleicht ist das ja Grund genug für die ein oder andere, es mal zu versuchen!

Ausgelesen: Wir sind doch Schwestern. Von Anne Gesthuysen.

„Dieser Roman ist ein großes Glück.“ So steht es auf dem Cover des Buches (bei mir leider ein bißchen unscharf), und, ja, doch, er ist gar nicht übel. Es geht um drei Schwestern, eine ist vierundachtzig Jahre alt, zwei fast einhundert Jahre, und alle drei blicken auf ein bewegtes, volles, nicht immer einfaches Leben zurück. Wie sich ihre Lebensgeschichten verknüpfen mit der Geschichte Deutschlands während beider Weltkriege und im Nachkriegsdeutschland der Adenauer-Zeit ist ein großes Thema, das andere ist die Art und Weise, wie sich das Leben der drei Schwestern immer wieder berührt und sie trotz großer Verschiedenheiten und Auseinandersetzungen doch nicht voneinander lassen können. Schließlich sind sie doch Schwestern – wenn das nicht verbindet, was dann?

Gefallen haben mir die lockere Schreibweise, das beherzte, unbeschwerte Herangehen auch an schwierige Themen, der Humor, der immer wieder aufblitzt und dass aus dem Blickwinkel aller drei Frauen berichtet wird. Schön ist auch, dass alle drei eine große Lust aufs Leben haben, obwohl ihnen klar ist, dass es nun wohl nicht mehr allzu lange dauern wird bis es vorbei ist und sie trotzdem weder ihren Humor noch ihre Tatkraft verlieren. Ein großer Mutmacher für den Fall, dass man es tatsächlich unglaublicherweise schaffen sollte, achtzig zu werden. Sehr gut fand ich auch, wie einem normalen Leser ganz nebenbei einiges über deutsche Geschichte beigebracht wird und es ganz und gar nicht langweilig ist dabei. Und zum Schluss: Wenn auch nur die Hälfte davon wahr ist – genial. Doch, wenn ich es zusammenfasse, hat mir ziemlich viel an dem Buch gefallen.

Eigentlich und normalerweise tue ich mich nämlich schwer mit Büchern, die Personen ein ganzes Leben lang begleiten. Mehrere Generationen in einem Buch brauche ich nicht, das dürfen gerne andere lesen, es gibt bestimmt gaaaanz tolle Bücher darunter, aber es gibt eben auch noch sehr viele andere, die ich viel lieber lese. Dieses hier bekam ich von einer Kollegin ausgeliehen, und da ist man ja immer ein bißchen in der Pflicht, also habe ich es tapfer angefangen. Für solch ein Buch wie oben beschrieben fand ich es gar nicht mal so übel. Doch-doch, es war ganz ok. Gut, vielleicht mehr als ok (hören Sie das Zähneknirschen?). Ich kann zwar aus eben genannten Gründen nicht in den begeisterten Reigen der Jubelnden einstimmen, die dieses Buch in den Himmel heben, aber es war durchaus lesenswert. Ich nehme mal an, für alle, die von Generationsbüchern (nennen wir sie mal so) begeistert sind, ist das Buch ein Hauptgewinn, ein goldener Treffer! oder eben ein großes Glück. Gerne! Es sei ihnen allen gegönnt! Ich werde nach diesem Buch trotzdem erst mal wieder eine große Pause bis zum nächsten Generationsbuch machen.