Ausgelesen: Odinskind, Fäulnis, Gabe: Die Rabenringe. Von Siri Pettersen.

Hier kommt ein Sommerpausentipp für Fantasysüchtige, die detailreich gestaltete Welten lieben, sich gern Zeit beim Lesen lassen und es  mögen, wenn die Figuren auch Zeit zum Entwickeln haben. Voilà: Die Rabenringe.

Hirka wächst in Ymsland auf, einer Welt, die entfernt an nordische Sagen erinnert. Mit fünfzehn erfährt sie, dass sie ein schwanzloses Wesen aus einer anderen Welt ist, ein Odinskind, das Verderben über ihre Welt bringen wird. Oder?

Die Saga ist voluminös geschrieben, die Sprache spielt mit einen leichten Schlag ins Altertümliche, das gut zur Geschichte passt und ist sehr flüssig lesbar. Dem Weltpersonal wird viel Zeit gegeben, sich zu entfalten und zu wachsen oder sich zu verändern, die Buchwelt (bloß nicht zuviel verraten!) ist bis ins kleinste Detail perfekt ausgestaltet, die Idee hinter allem keine Enttäuschung und sie wird auch nicht zu schnell preisgegeben – kurzum: Wer Fantasyromane wegen all dieser Dinge mag, ist hier sehr gut bedient und kann eine ganz Weile komplett in Ymsland untertauchen.

Das einzige, was mir nicht gefallen hat, sind die Titel und die Umschlagillustrationen. Ich hätte die Bücher nicht gelesen, wenn sie mir nicht förmlich aufgedrängt worden wären mit dem Hinweis: Musst du lesen! Tja. Da hätte ich was verpasst.

 

Ausgelesen: Die vielen Leben des Harry August. Von Claire North.

Was würdest du tun, wenn du dein Leben nicht einmal, sondern viele Male leben würdest? Harry August lebt in einer Zeitschleife, er wird nach seinem Tod erneut geboren, im selben Jahr, im selben Leben, aber mit wachsenden Erinnerungen, denn er vergisst nichts. Dann erreicht ihn ein Hilferuf aus der Zukunft: Die Welt wird untergehen, was unvermeidlich ist, aber es wird viel früher als erwartet geschehen.

Das Buch ist brillant geschrieben, soviel zu Anfang. Es wird (um gleich im Zeitreisemodus zu bleiben) auf jeden Fall am Ende des Jahres zu meinen Lesehöhepunkten gehören. Die Autorin Claire North hat einen Mix aus SciFi und Fantasy geschrieben, bleibt aber wunderbarerweise weitab von allen gängigen Klischees, was eine Wohltat für die Leserin/den Leser ist. Es breitet sich eine intelligente, klug konstruierte Geschichte vor dem staunenden Leser aus. Der Protagonist erzählt uns seine Geschichte im Rückblick, der rote Faden ist erkennbar, wird jedoch in vielen Wirbeln erzählt, die einem anfangs etwas Geduld abverlangen, die sich aber mehr als auszahlt. Außerdem sind die Wirbel auch noch sehr unterhaltsam geschrieben, so dass die Abstecher vom roten Faden mit zunehmenden gelesenen Seiten immer mehr Freude machen. Ich zumindest fand die abnehmende Anzahl der noch zu lesenden Seiten immer beunruhigender, je weiter ich mich dem Ende näherte, in dem es um nichts geringeres als die Rettung der Welt geht. Zumindest vorläufig.

Neben dem vielen Klein-Klein des Alltags, das durchaus auch Erwähnung findet, geht es in vielen Passagen um philosophische, ethische und politische Fragen, die sich unweigerlich stellen, wenn man viele Leben lang Zeit und die Möglichkeiten hat, etwas zu ändern. Darf man wissenschaftliche Entdeckungen anstoßen, bevor ihre Zeit von selbst gekommen ist? Darf man jemanden töten, weil er sonst viele andere töten wird? Kann man Kriege verhindern und wenn ja, darf man? Diese für einen Roman eher unverdaulichen Fragen werden elegant und ohne zu stolpern in der Handlung versteckt. Sie tauchen immer wieder einmal auf, manchmal scheint es Antworten zu geben, manchmal nicht, und der Leser saugt das alles fasziniert in sich auf, berauscht von all diesen Möglichkeiten!

Und wenn man viele Möglichkeiten hat, sehr viele, erledigt sich die Frage nach der einen, leidenschaftlichen Liebe zumindest für diese Autorin von selbst, außer, sie hätte ein sehr langweiliges Buch schreiben wollen: Was sollte darin passieren, außer, dass der Protagonist in jedem Leben wieder seine eine Liebe sucht, findet, heiratet und alles von vorn beginnt? Das passiert in diesem Buch nicht. Harry verliebt sich und heiratet, ja, durchaus, aber die Beziehung, um die es in diesem Buch wirklich geht, ist die Feindschaft/Freundschaft mit einem anderen Zeitschleifenbewohner, wie uns schon die Einleitung ganz vorn im Buch verrät. Widersprüchlich, ambivalent, nie ist wirklich abschließend sicher, wie die beiden zueinander stehen: Sie lieben und hassen sich, vertrauen einander nie wirklich, können aber auch nicht ohne einander. Die großen Fragen (Ethik, Verantwortung, Schuld) trennen sie voneinander, bringen sie aber auch immer wieder zusammen. Der Schauplatz dieser vielschichtigen Beziehung ist das 20. Jahrhundert von etwa 1920 bis etwa 2000, je nachdem, wann Harry in seinen jeweiligen Leben stirbt. Dazu kommt die Vergangenheit und das Raunen aus der Zukunft, wenn die Zeitschleifenreisenden (denn es gibt mehr von ihnen) Nachrichten von Jung zu Alt zurück in die Zeit schicken.

Das alles ist intelligent zusammengesetzt und in einem angenehmen, eloquenten Schreibstil verfasst, der mich schon auf den ersten Seiten überzeugt hat. Ich wage mich nicht zu fragen, wie lange es wohl gedauert hat, bis die Autorin ihren ersten Entwurf dieser logischen, verschachtelten, hochkomplexen Zeitreisegeschichte fertig hatte. Ich hätte vermutlich graue Haare bekommen nur beim Gedanken daran. Der Roman hat den John W. Campbell Memorial Award 2015 gewonnen und stand auf der Shortlist des Arthur C. Clarke Awards, und das völlig zu Recht. Große Empfehlung!

Ausgelesen: Nevermoor. Fluch und Wunder. Von Jessica Townsend.

Sodele, hier haben wir ein Buch, das mir von einer meiner liebsten Buchvorschlägerinnen wärmstens empfohlen wurde, und zack! hatte ich es auch schon in meinem Regal stehen! Es sieht ein bisschen wie ein sehr aufgemotztes Kinderbuch aus, und die Hauptakteurin ist auch ein Kind, die zehnjährige Morrigan Crow. Aber allein schon der Name dieses Kindes! Hallo! Mit einer solchen Tradition ausgestattet verspricht das einiges, und so ging ich mit großen Erwartungen an das Buch heran.

Die zehnjährige Morrigan Crow ist verflucht, eine Unglücksträgerin und muss an ihrem elften Geburtstag sterben. Die Anfangsstimmung ist also mehr als trübselig. Die Erwachsenen um sie herum denken in erster Linie an sich und in zweiter auch an sich, und so behandeln sie Morrigan, als wäre sie schon tot. Für alles Unglück dieser Welt von Hühneraugen bis hin zu Krankheiten wird sie verantwortlich gemacht und gefürchtet. Als ihr die Stunde ihres Todes schon unangenehm dicht auf den Pelz rückt, taucht in letzter Sekunde ein Mann auf, der sie rettet: Jupiter North. Er nimmt sie mit nach Nevermoor, den geheimen Freistaat, der versteckt vor allen anderen Staaten ein wundersames Dasein führt. Hier gibt es Vampirzwerge, sprechende Katzen (eindeutig eine Reminiszenz als die Grinsekatz), ab und zu ein Einhorn, aber auch eine Menge Menschen, einige davon mit ein paar mehr Fähigkeiten als die anderen. Sie wohnt im Hotel Deucalion, das Jupiter North gehört und auf jeden Fall zu den Hauptcharakteren des Romans gehört. Es verändert seine Räume nach Lust und Laune und ist eine der Attraktionen in Nevermoor – ein Hotspot für abendliche Gesellschaften jeder Art. Und wenn ich jeder Art schreibe, meine ich auch jeder Art!

Morrigan lernt neue Freunde kennen und ihre neue Welt ebenfalls, und was sich da auftut, ist ein knallbunter Kosmos voller liebenswerter Figuren und Szenen. Ich kam mir beim Lesen vor wie ein Kind im Süßwarenladen, immer gab es noch einen Knallfrosch oder Lakritze in Fischform oder grüne Brausedrops, und wenn man dachte, jetzt kenne ich aber wirklich alles, kamen Colaschnüre und Schokoschaum um die Ecke. Es macht große Freude, sich in diesem Buch aufzuhalten und an Morrigans Seite Nevermoor und alles darin zu erkunden. Das es nebenbei auch noch darum geht, Morrigans besonderes Talent zu entdecken, Prüfungen zu bestehen, um an einer ganz besonderen Schule aufgenommen zu werden und um einen Schurken, der hinter der nächsten Schattenlinie auf seinen Einsatz wartet – geschenkt. Klar, alles zusammen genommen setzt die Geschichte zusammen, aber was sie so besonders macht, ist der detailverliebte Blick auf die Figuren und vor allem auf die Spielorte. Das Hotel Deucalion hat es mir besonders angetan. Hier ein kleiner Auszug aus den Besonderheiten dieses Hotels:

„Alles bestens, Sir“, bestätigte der Portier mit seinem starken schottischen Akzent. „Die Herren des Paranormalen Notdienstes waren am Donnerstag hier und haben sich um unser kleines Geisterproblem im fünften Stock gekümmert. Ich habe die Rechnung an die Buchhaltung weitergeleitet. Außerdem hat die Verkehrsbehörde Nevermoor gestern eine Nachricht geschickt – man benötigt Ihren Rat wegen irgendwelcher Echos an der Fadenschein–Strecke. Ach ja, und jemand hat vier Alpakas im Wintergarten zurückgelassen. Soll ich die Rezeption bitten, eine Durchsage zu machen?“
„Alpakas! Donnerwetter. Sind die Tiere einigermaßen zufrieden?“
„Sie mampfen sich gerade fröhlich durch unsere Orchideensammlung.“
„Dann kann das warten…“

Und so weiter. Und ich habe noch nichts über den Rauchsalon, den wachsenden Kronleuchter oder Zimmer erzählt, die sich der Stimmung ihrer Bewohner anpassen. Wer möchte nicht in so einem Hotel wohnen? Ich schon!

Das Buch war eine Entdeckung, es ist ein All-Age-Buch, und so habe ich auch schon den zweiten Band gelesen und hatte vorher echte Sorge, ob die Autorin das Niveau wohl halten kann. Tja, was soll ich sagen: Sie kann. Wer also in diesen nicht einfachen Zeiten eine Aufmunterung vertragen kann, sich für ein paar Stunden in eine bunte Parallelwelt begeben möchte, dem seien Band 1 und auch Band 2 der Nevermoor-Reihe wärmstens empfohlen. Ach ja: Unterstützen Sie Ihren lokalen Buchhändler! Viele liefern Bestellungen aus oder es gibt andere Möglichkeiten der Übergabe.

Ausgelesen: Wie Eulen in der Nacht. Von Maggie Stiefvater.

Manchmal brauchen Menschen ein Wunder. In der Wüste von Colorado gibt es ein kleines, seltsames Dorf mit seltsamen Bewohnern und einer wirklich eigenartigen Familie: Die Sorias. Einer oder eine von ihnen ist immer ein Heiliger, der für Menschen Wunder wirken kann, allerdings nur den ersten Teil des Wunders. Den zweiten Teil müssen die Hilfe suchenden Menschen selbst vollbringen, und das kann auch durchaus schief gehen, wie man im Dorf sehen kann: Die Frau, über der es immer regnet, der Riese oder der Priester mit dem Koyotenkopf sind nach dem ersten Wunder dort geblieben, weil sie das zweite nicht zustande bringen konnten. Die Heiligen dürfen ihnen nicht helfen, weil sonst etwas schlimmes passiert… und wie man sich denken kann, wird diese Regel im Buch gebrochen.

Ich mag Maggie Stiefvater, ihre Art zu schreiben und ihre eigenwilligen Charaktere, sonst hätte ich wohl Schwierigkeiten mit diesem Buch gehabt. Sie schreibt verrätselt, mal distanziert, mal sehr nah an den Figuren, und ihre Wüstenwelt in Colorado ist staubig, rot, heiß und lebensfeindlich, aber immer lebendig. Hinter den Zeilen spielt sich genauso viel ab wie in ihnen, und das ist manchmal etwas anstrengend zu lesen. Trotzdem: Für mich ein schöner, sehr anderer Fantasyroman, den ich sehr gerne gelesen habe.

Ausgelesen: Nightmares. Die Schrecken der Nacht. Von Jason Segel und Kirsten Miller.

Ja. Hier haben wir ein Kinderbuch, das ich gekauft habe, weil ich irgendwo eine begeisterte Rezension gelesen hatte, mir der Einband gefiel und vor allem der knallorange Seitenschnitt rundherum. Jetzt überlege ich allerdings gerade, woher zum Geier ich eigentlich wusste, dass das Buch einen orangenen Seitenschnitt hat? Das sieht man doch eigentlich gar nicht auf Fotografien (siehe meine eigene)? Hm. Vielleicht habe ich es gar nicht gesehen, und als das Buch kam, fand ich ihn toll? Vielleicht schreibe ich auch so ausführlich über das Orange (es ist wirklich knall-knall-orange, sagenhaft!) weil mir zum Buch nicht viel einfällt?

Ja. Es ist also ein gut gemachtes und gut geschriebenes Kinderbuch mit einer Botschaft, die rüberkommt (du darfst trauern, stell dich deinen Ängsten, Freundschaft ist DAS Ding), der Kinderheld ist ein Junge, den man gern zum Freund hätte (vielleicht nicht unbedingt zu Anfang des Buches, aber zum Ende hin auf jeden Fall), die Geschichte hat einen befriedigenden Anteil an Fantasy und eine für Kinder akzeptable Menge an nicht zu schlimmem Horror (allerdings kennen alle Eltern ihre Kinder und würden es ihnen nicht zu lesen geben, wenn sie empfindsame Seelen zuhause haben – oder? Oder??). Dabei bleibt es trotzdem der Realität verpflichtet, die Geschichte dient vor allem dazu, sich in der realen Welt zurechtzufinden, seine Gefühle zu erkennen und verarbeiten zu können, ist aber nie langweilig oder kommt mit erhobenem Zeigefinger daher. Spannend ist es auch noch und gut geschrieben auch.

Was es nicht ist: Ein Kinderbuch oder Jugendbuch, das auch Erwachsene genauso gut bedient. Nein. Das tut es nicht. Es ist ein Kinder/Jugendbuch, und in diesem Segment ist es super aufgehoben. Lesebegeisterte Jungs so etwa im Alter zwischen 9 und 13 Jahren (und auch Mädchen) werden es vermutlich sehr mögen.

Dafür, dass mir nicht viel einfiel zum Buch, habe ich jetzt doch eine Menge geschrieben. Nur eine Inhaltsangabe, die gibt es hier nicht, aber davon gibt es etwa eintausendzweihundertvierundvierzig im Netz, also muss ich keine mehr schreiben. Viel Freude beim Verschenken an eure Söhne (und Töchter!)

Ausgelesen: Die Verlobten des Winters. Von Christelle Dabos.

Dieses Buch habe ich geschenkt bekommen und gern gelesen. Es ist ein schöner Fantasyroman um eine junge Frau mit besonderen Fähigkeiten (was auch sonst?), die ihre Heimat aus familiären Gründen verlassen muss: Die Matriarchinnen ihres Clans beschließen, dass sie den Adligen Thorn auf einer anderen Welt heiraten soll – warum, wird ihr nicht gesagt. Soweit, so gut. Die gewiefte Fantasy-Leserin weiß, was nun vermutlich kommen wird: Junge Frau mit besonderen Fähigkeiten muss ihr Zuhause verlassen, gerät in Gefahr, verliebt sich, wird abgewiesen und versagt, beweist ihre Fähigkeiten dann doch und der Geliebte liebt sie, hurra!, Happy End. Tja, Überraschung, so läuft es in diesem Buch nicht. Also zumindest in Band eins noch nicht.

Ophelia, die Heldin, ist ein kleines bisschen komplizierter als die durchschnittliche Fantasy-Heldin und macht es weder sich noch Thorn noch den gut- oder schlechtgesonnenen Menschen um sie herum leicht. Was das Buch aber vor allem sehr, sehr besonders macht, sind die verschiedenen Archen, auf denen die Menschen durch den leeren Raum schweben. Sie sind höchst interessant geschrieben, überraschen einen immer wieder und machen Lust auf mehr Entdeckungen in dieser Welt.

Thorn, der männliche Held in diesem Buch, ist ein ziemlich sonderbarer Held, so ganz und gar nicht romantisch schillernd, sondern eher, äh, speziell, wenn man das so sagen darf. Spleenig ist ein Begriff, der mir spontan einfällt. Gute Eigenschaften und eine geheimnisvolle Geschichte hat er natürlich auch, wie ein Held sie eben haben muss in einem solchen Roman.

Es macht Freude, sich in diesem Universum aufzuhalten und neues zu entdecken, und so ganz nebenbei möchte man natürlich auch wissen, wie es weitergeht! Die Geschichte ist nämlich sowas von nicht abgeschlossen, aber hallo! Damit man weiß, wie es weitergeht, muss man Band 2 und vermutlich auch noch Band 3 und Band 4 kaufen. Oder ausleihen, wie es die kluge Bibliotheksnutzerin macht.

Ein Manko habe ich. Auf dem Einband steht wie auf so vielen Büchern eine dieser schnell geschriebenen Empfehlungen, die mich von Zeit zu Zeit doch sehr wundern: „Auf Anhieb ein Klassiker“, „beschwört den Humor und den Gerechtigkeitssinn von Harry Potter“ und so weiter. Hm. Da bin ich mir nicht so sicher. Das Buch ragt auf jeden Fall aus der Vielzahl der Fantasy-Veröffentlichungen heraus, keine Frage, es ist originell, gut geschrieben und nicht so vorhersehbar wie viele andere. Ob es wirklich ein Klassiker wird? Und zu vergleichen mit Harry Potter ist es auf keinen Fall, dafür sind die Bücher viel zu unterschiedlich in Stimmung, Schreibstil, Geschichte, eigentlich in allem, was mir so einfällt.

Für diese leicht skurrilen Einbandweissagungen kann das Buch aber nichts. Es steht für sich selbst, und das tut es: Ein sehr eigenes, unverwechselbares, abgedrehtes Märchen in einer verwunschenen Welt. Gern mehr davon!

Ausgelesen: Das Labyrinth von London. Von Benedict Jacka.

Tja. Nun ist es passiert. Ich bin verliebt. Dummerweise lebt mein Held zwischen Buchseiten, und so gern wir Buchverrückten das auch hätten: Bisher konnte bis auf Meggie, Mo und Capricorn noch niemand in Bücher hineintauchen. So bleibt mir also nur, diese Rezension zu schreiben.

Alex Verus versucht, ein unauffälliges Leben in London zu leben. Er hat einen kleinen Zauberladen, in dem er ganz normale Zaubertricks verkauft, unter der Theke allerdings handelt er mit echten magischen Dingen. Außerdem ist er nicht ganz so normal, wie es anfangs aussieht: Er kann in die nahe Zukunft sehen, die sich allerdings nicht wie ein schöner, gerader Weg vor ihm ausstreckt, sondern in unzähligen verschiedenen Varianten, von denen jede wahr werden könnte – es bleibt immer die Frage, welche es sein wird. Viele Kontakte oder Freundschaften scheint er nicht zu pflegen, allerdings gibt es da eine Frau, die ebenfalls anders ist: Luna. Und sie ist es auch, die Alex in bester Absicht in Schwierigkeiten bringt, und schon stecken beide zwischen den Fronten verschiedener magischer Kreise, die vor nichts zurückschrecken, um das zu bekommen, was sie wollen.

Sehr gefallen hat mir, wie dieses magische London nach und nach auf- und ausgebaut wird. Anfangs wirkt alles gar nicht so anders, aber dann! Dann entwickelt es sich, und wie. Natürlich hat man das alles schon mal irgendwie und irgendwo so oder ähnlich gelesen, Ben Aaronovitch fällt mir da ein, vielleicht auch ein klein wenig Jim Butcher mit seiner Harry Dresden-Reihe, aber das ist völlig ok: Alex Verus ist trotzdem ein eigenständiger Held in einer vielversprechenden Stadt. Dass das Buch in der Ich-Form geschrieben ist, muss man mögen, ein alles wissender Erzähler verrät natürlich mehr, aber mir hat es sehr gut gefallen. Das Buch bleibt konsequent aus der Sicht des Helden geschrieben und man muss ein wenig zwischen den Zeilen lesen, um mehr über Alex Verus zu erfahren. Ein geschickter Schachzug des Autors: Gerade so viel Information, dass man unbedingt weiterlesen muss, und so wenig, dass man nicht zu schnell alles erfährt.

Ein kleines Manko gibt es: Alex Verus ist mir manchmal etwas zu heldenhaft angelegt. Ein paar kleine Schwächen wären ganz gut gewesen, ein paar Abstürze hier und da, aber im Großen und Ganzen kann ich mit einem heldenhaften Helden leben. Ich fand ihn sehr sympathisch, vielleicht manchmal etwas wortkarg, aber das steht Helden ja immer gut, zumindest in Büchern und Filmen 🙂 . Band zwei steht schon bei mir im Regal und wartet auf seinen Einsatz, und ich bin sehr gespannt, wie es weitergeht.

Ausgelesen: Das Gold der Krähen. Von Leigh Bardugo.

Den ersten Band dieser zweiteiligen Saga habe ich mit sehr großer Begeisterung gelesen, es hat mich einfach weggefegt und ein bisschen schwach in den Knien zurückgelassen – ich meine, was soll denn nach einem solchen Buch noch kommen? Es kamen dann doch noch ein paar sehr gute Bücher hinterher, aber dieses hier glänzt schon sehr hell zwischen ihnen.

Nun also Band zwei: Das Gold der Krähen. Und darum geht es auch, um Gold, Geld und wie man es bekommt, verliert und zurückgewinnt. Darum herum webt die großartige Autorin Leigh Bardugo ein zweites Mal eine komplexe Welt zwischen holländischem neunzehnten Jahrhundert, Russlands Märchen und Mythen, dazwischen tummeln sich kleine Versatzstücke aus Skandinavien. Wir treffen die Charaktere aus Band eins wieder, Kaz und Inej, Nina und Matthias, Wylan und Jesper. Dieses Mal hat Wylan eine eigene Erzählstimme, es hat mich besonders gefreut, ihn besser kennenzulernen.

Ohne in der Handlung herumspoilern zu wollen: Die Geschichte wird einfach wunderbar weitererzählt, dieses Mal gibt es aber definitiv eine siebte Hauptperson: Ketterdam. Wie die Autorin diese Stadt beschreibt und zum Leben erweckt, ist genial, und es tut dem Buch gut, dass die sechs Diebe dieses Mal überwiegend dort bleiben, denn dadurch fängt die Stadt an zu schillern und zu atmen, und es bleibt trotzdem noch genügend Zeit, um jede der Figuren wachsen und sich verändern zu lassen. In dieser Geschichte ist nichts statisch oder langweilig, und gerade, wenn man denkt, aha, jetzt wird es aber doch vorhersehbar, gibt es eine Wendung, mit der man nicht gerechnet hatte. Ganz große Fantasy, schillernde Helden, komplexe Bösewichte, Nebenfiguren, die man unbedingt näher kennenlernen möchte und Bedauern, wenn das Buch vorbei ist – besser geht es kaum. Große Empfehlung für alle, die gute Geschichten aus anderen Welten mögen!

Ausgelesen: Saint Lupin´s Academy – Zutritt nur für echte Abenteurer! Von Wade Albert White.

Dieses Buch hatte ich lange auf meiner Wunschliste stehen, denn die Rezensionen dazu klangen sehr gut, das Cover sah einladend aus, und außerdem bin ich stets und ständig auf der Suche nach eventuellen Harry Potter Nachfolge Büchern!

Kurz zum Buch (die Inhaltsangabe kann ja jeder ohne große Mühe überall im Netz finden): Anne wird endlich, endlich 13 Jahre alt und darf nach einer fast unendlichen Zeit das öde, feindliche Waisenhaus verlassen, in dem sie lebt und damit auch dessen finstere, fiese, unheimliche Leiterin. Endlich bekommt sie das Ticket, mit dem sie das Schiff betreten darf, um auf Abenteurermission zu gehen – oder? Das Undenkbare geschieht, sie bekommt im Gegensatz zu ihrer besten Freundin Penelope kein Ticket, stattdessen muss sie ein weiteres Jahr im Waisenhaus bleiben und hart arbeiten, selbstverständlich ohne Lohn, ein ungemütliches Bett und dünne Suppe sind doch wohl Lohn genug – oder? Ein paar Leseminuten weiter weiß man, so einfach wird es die Leiterin des Waisenhauses nicht mit Anne haben, ein magischer Handschuh, eine Prophezeiung, Drachen, ein Zauberer und das Ultimative Handbuch für Abenteurer finden ihren Weg zu Anne und die Dinge nehmen ihren Lauf…

Das Buch hat mir gefallen, auch wenn es manchmal kleine, seltsame Hüpfer und sehr krasse Wendungen in der Handlung gibt. Diese kleinen Ruckler sind zu verschmerzen, denn die Ideen im Buch sind einfach zu gut. Allein die im Raum schwebenden Ebenen,  auf denen die Abenteuer spielen, sind für sich schon eine geniale Erfindung. Dazu kommt eine Menge Humor und eine größere Geschichte, die ab und an zwischen den Zeilen (manchmal auch in den Zeilen)  aufscheint und Lust auf weitere Abenteuer macht. Schade ist, dass manche Handlungsstränge völlig ins Leere laufen und nicht weiter verfolgt werden, obwohl es sich mit Sicherheit gelohnt hätte, sie weiter zu schreiben und irgendwie wieder ins Ganze einzubinden. Man merkt, dass dieses Buch der Erstling des Autors ist, da ist durchaus noch Luft nach oben.

Mein Fazit: Die Abenteurer-Academy ist definitiv kein Harry Potter Nachfolger. Aber das ist nicht schlimm, sie kann durchaus für sich allein stehen. Es gibt ein paar absurde Wendungen und Brüche, die aber durch die Originalität der Geschichte wieder wett gemacht werden. Das Buch ist sehr gut lesbar, flüssig geschrieben und für Kinder ab zehn gedacht, aber wie man sieht, können auch Erwachsene es ganz gut lesen 🙂 . Wirklich seltsam fand ich nur das Cover, bei dem man fast annehmen könnte, der Gestalter hat das Buch nicht gelesen – es steht die falsche Figur in der Mitte. So gern ich Penelope als Figur im Buch auch hatte, sie ist nicht die Hauptperson! Es hat ein bisschen gedauert, bis ich begriffen hatte, dass die Hauptfigur in diesem Fall rechts neben ihr steht, warum auch immer – dies als kleiner Hinweis für alle zukünftigen Leser.

Ausgelesen: Ich bin kein Serienkiller. Von Dan Wells.

Ja. Also. Solche Bücher lese ich ja eigentlich schon aufgrund des gruseligen Buchcovers schon mal gar nicht. Blut, das irgendwo herunterläuft, verführt zumindest mich nicht zum Lesen, aber in diesem Fall bekam ich es mit einer zaghaften Empfehlung ausgeliehen – ich schätze, mein Ausleiher war sich gar nicht so sicher, ob ich ihn nicht für etwas seltsam halten würde aufgrund seiner Empfehlung. Und dann lag es bei mir im Regal und ich wurde immer neugieriger und fing irgendwann an zu lesen, und schon nach den ersten drei Seiten hatte das Buch mich.

John Cleaver ist ein seltsamer fünfzehnjähriger. Er interessiert sich nicht für dieselben Dinge wie andere Jungs in diesem Alter, sondern in einem abnorm hohen Maße für das Bestattungsunternehmen seiner Mutter, das sie im Geschäft unter den Wohnräumen der Familie führt. Genauer gesagt interessiert John sich vor allem für die Leichen, die im Bestattungsunternehmen einbalsamiert werden. Der Faszination, die sie auf ihn ausüben, kann er sich nur mit allergrößter Mühe entziehen, und auch sonst führt er einen ständigen Kampf mit seinem zweiten Ich, das permanent an die Oberfläche will, um dort für Zerstörung, Blut und Chaos zu sorgen. Damit das nicht passiert, hat er sich selbst einen strengen Verhaltenskodex auferlegt, dessen Einhaltung seine oberste Maxime ist. Dann geschehen seltsame Dinge in Clayton, dem Ort, in dem er wohnt – grausame Morde werden verübt, und John entdeckt Indizien, die auf einen Serienmörder hinweisen. Aber wie soll er diese Indizien weitergeben, ohne sich selber zu verraten? Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als selbst auf die Jagd nach dem Mörder zu gehen, immer in der Gefahr, dass sein blutrünstiges zweites Ich sich befreit, wenn er sich zuviel Gewalt und Tod aussetzt…

Das Buch ist sehr spannend geschrieben. Durch den Ich-Erzähler verengt sich die Perspektive und man erhält gefühlt immer viel zu wenig Informationen, denn alles was passiert, wird nur aus der Sicht von John geschildert. Während des Lesens war ich hin und her gerissen zwischen Sympathie und Ablehnung der Hauptfigur gegenüber. Genauso erging es mir mit dem potentiellen Mörder, der in Clayton umgeht. Anfangs scheint das Buch ein typischer Thriller mit Serienkiller zu sein, dann entwickelt es sich zu einer Art Fantasy-Thriller, bleibt dabei aber immer eisig kalt. Der innere Kampf, der permanent in John wütet, und sein Anderssein nehmen viel Platz ein, trotzdem fällt der Spannungsbogen selten ab. Die Twists in der Handlung sind gut geschrieben, ab einem bestimmten Punkt weiß man, woran man ist und trotzdem kann man nicht aufhören zu lesen.

Bis zum Schluss war ich mir nicht sicher, ob ich John nun mag oder nicht, und auch nachdem das Buch nun ausgelesen ist, habe ich noch keine endgültige Entscheidung getroffen. Aber: Band zwei würde ich doch schon ganz gern lesen. Obwohl ich ja eigentlich keine Bücher mit Blut auf dem Cover mag. Und auch keine Serienkiller. Tja. Er hat mich, würde ich sagen.