Ausgelesen: Die unsichtbare Bibliothek, Die maskierte Stadt, Die flammende Welt. Von Genevieve Cogman.

Im riesigen Kosmos der Fantasy-Literatur (jaha, das IST Literatur!) etwas wirklich Neues zu schaffen, ist schwierig. Die meisten Bücher sind Variationen über dieselben Themen und bedienen sie mehr oder weniger gekonnt. Ich lese all die Variationen sehr gerne und beschwere mich nicht, ich bin ja froh, dass die Fantasy-Sparte aller möglichen Verlage in den letzten Jahren zu völlig neuer Blüte gekommen ist. Ob man Edward und Bella und Twilight nun mag oder nicht, das zumindest haben sie dankenswerterweise verändert.

Aber diese drei Bände hier, die haben etwas Neues geschaffen. Ein wagemutiger Genremix aus Krimi, Fantasy, Science Fiction, Steampunk, Actionthriller – alles zusammen ergibt eine neue Welt, nein, viele neue Welten mit einer Bibliothek als Zentrum, die ebenfalls eine eigene, undurchschaubare Welt ist, bewohnt von sehr besonderen Menschen – den Bibliothekaren. Es ist, als hätte jemand die geheimsten Wünsche von unzähligen Lesern genommen, sie mit beiden Händen durchgeknetet, in die Luft geworfen und das hier daraus gemacht: Eine Welt, in der Bücher so wichtig sind, dass Geheimagenten nach ihnen suchen, sich dafür in Lebensgefahr begeben und ihr ganzes Leben diesem bedruckten oder beschriebenen Papier widmen.

Irene Winters, die Hauptfigur in den Büchern, ist ebenfalls besonders. Stark, mutig, unerschrocken, unabhängig. Sie ist Bibliothekarin mit Leib und Seele, und weder Elfen, Werwölfe, Drachen oder Menschen bringen sie davon ab, das zu tun, was das beste für die Bibliothek ist, und das ist, von dort aus immer wieder in verschiedene Parallelwelten zu reisen, um wichtige Bücher zu sichern. Die Bewohner der Welten und die Welten selbst sind erfrischend kantig, oft ist eine große Prise Steampunk eingestreut, was mich immer sehr erfreut, denn ehrlich, wer kann Zeppelinen und Gaslichtlampen schon widerstehen? Auf jeden Fall gibt es keinerlei Blumenwiesen mit glitzernden jungen Männern in diesen Büchern, es herrscht eher raue Realität mit gelegentlichem Werwolfbefall vor, und ich vermute, die Autorin ist Sherlock Holmes-Fan, denn eine alternative Version des Detektivs spielt eine zunehmend größere Rolle in den Fällen der Irene Winters.

Es spricht auch für die Geschichte, dass mich die nicht besonders gelungene Übersetzung des ersten Bandes nicht abschrecken konnte. Seltsame Satzkonstruktionen, holprige Übergänge, es hat mich überrascht, dass ein Buch so in Druck gehen kann. Ab Band zwei gibt es damit keine Probleme mehr, was seltsam ist, denn es ist derselbe Übersetzer. Vielleicht war Band eins im Original wirklich so schlaglochartig geschrieben – wer weiß.

Ich bin sehr gespannt darauf, wie es weitergeht. Band 4 erscheint am 29. März, und ich werde es wohl sofort erwerben. Und das passiert eher selten, Bücher haben ja normalerweise nicht die Eigenschaft, wegzulaufen – irgendwann findet man sie in einem Regal und liest sie dann. Dieses Mal nicht!

Ausgelesen: Das Auge des Zoltars. Von Jasper Fforde.

Band drei der Drachentöter-Trilogie, und zu meinem allergrößten Bedauern wird es wohl keinen vierten Band geben. Wie kann man als Autor nur so grausam konsequent sein???

Tja. Eventuell kann man meiner Einleitung bereits entnehmen, dass Band drei sehr, sehr gut war, meiner Meinung nach sogar noch ein Tickchen besser als die ersten zwei Bücher der Serie. Der Schauplatz wechselt, Jennifer Strange ist gezwungen, ins benachbarte Königreich einzureisen, das Cambrische Empire, um dort nach dem Auge des Zoltars zu suchen. Der größte Zauberer aller Zeiten, der mächtige Shandar, verlangt von ihr, dort nach dem sagenumwobenen magischen Juwel zu suchen und es ihm auszuliefern. Anderenfalls wird er die letzten zwei lebenden Jungdrachen töten, woraufhin die Zaubereragentur Kazam und alle mit ihr verbundenen Zauberer gegen Shandar antreten, selbstverständlich verlieren und getötet werden würden. Das gilt es zu verhindern, und Jennifer tut, was sie kann. Und das ist eine Menge, angesichts der unbestreitbaren Tatsache, dass sie keine Zauberin ist, über keinerlei Magie verfügt, sondern „nur“ einen festen Willen, Loyalität und einen unbeugsamen Sinn hat für das, was richtig ist.

Das Cambrische Empire ist ein sehr besonderes Königreich, das seine Devisen mit Risikotourismus aufbessert und damit eine nie versiegende Einnahmequelle aufgetan hat, denn gelangweilte Bürger auf der Suche nach dem besonderen Kick wird es immer und überall geben. Für alle Aktivitäten gibt es einen Sterblichkeitsindex, selbst für den Shoppingtrip nach Cambrianopolis liegt er bei 1%, steigt allerdings im Winterschlußverkauf auf 2,2 %. Jennifer wählt  einen Index von 86%, engagiert eine abgebrühte 12jährige als Führerin und macht sich mit ein paar Gefährten auf die Suche nach dem Auge des Zoltars…

Der Abschluß der Trilogie ist ein klein wenig ernster und actionlastiger geraten als seine Vorgänger, was ihn erwachsener daherkommen lässt. Das tut ihm sehr gut, die Figuren haben mehr Schärfe und Charakter als vorher (was den ersten beiden Bänden aber nicht gefehlt hat!). Skurriles Personal bevölkert den Roman, und man ist beim Umblättern nie sicher, was einen erwartet, es kann einfach alles passieren, und, meine Güte, das tut es auch. Ob es Prinzessinnen im Körpertauschmodus sind, Helfende Händchen oder Drachen, die fatalerweise in Gummi verwandelt werden – es gibt nichts, das es nicht gibt. Dazu eine wirklich gute, geradlinig erzählte Geschichte mit einer wunderbaren Heldin – das kann doch einfach nicht der letzte Band gewesen sein!! Oder??

Eventuell fange ich eine Unterschriftenpetition an: Es lebe Band 4 der Drachentöterin-Reihe!

Ausgelesen: Des Königs Meuchelmörder. Von Robin Hobb.

Des Königs Meuchelmörder – ein echt unglücklicher Titel für Band 2 aus dem Weitseher-Zyklus um Fitz Chivalric, den Ich-Erzähler in dieser Reihe. Glücklicherweise gibt es mittlerweile zwei überarbeitete Neuversionen mit neuem Titel (Version 1: Der Nachtmagier, Version 2: Die Gabe der Könige), die ich beide um viele Längen besser finde und die dem Buch sehr viel gerechter werden. Mein Buch ist aber nun mal die erste Version von 1996, als Fantasy-Lektüre noch etwas spezieller daherkam – man beachte die Coverillustration! Auch recht speziell.

Robin Hobb schreibt epische Geschichten, jeder Charakter wird sehr genau ausgearbeitet und bekommt viel Raum und Zeit. Das kann sensationell sein oder auch zu viel des Guten. Dasselbe gilt für die Welt der sechs Provinzen – das politische Geschehen, Intrigen, Verwicklungen und Interessenskonflikte werden aus allen möglichen Richtungen beleuchtet, man lernt die Provinzen sehr genau kennen, und manchmal möchte man gerne den ein oder anderen intriganten Prinzen gerne einen Felsen hinab stoßen, und zwar nur deshalb, damit es ein oder zwei Erzählstränge weniger gibt.

Fitz Chivalric, die Hauptfigur des Epos (denn von einer normalen Geschichte kann ich hier wirklich nicht schreiben), ist eher ein Antiheld, der zwar magische Fähigkeiten besitzt und sie zum Nutzen anderer einsetzt, sich selbst dabei aber meist schädigt, oft an seinem Schicksal verzweifelt und dennoch immer weitermacht – ein Held eben. Die magischen Anteile in dieser Fantasy-Reihe sind vorhanden, aber nicht übermächtig, es gibt keine Elfen, Trolle oder andere magischen Wesen, und das muss auch nicht sein – diese Welt spricht für sich. Eine besondere Rolle spielt Nachtauge, der Wolf, der in diesen Büchern das sein darf, was er ist: Ein Wolf, der sich mit einem Menschen anfreundet, unerwartet eine tragende Rolle im Stück erhält und sie mit Bravour spielt.

Insgesamt ist diese Reihe ein Meisterwerk, in dem man sich verlieren kann, in der man mitleidet und mitfiebert, und dabei intelligent und mit einer sprachlichen Virtuosität unterhalten wird, die man sehr selten findet. Vielleicht hätte es an einigen Stellen etwas gekürzt werden können und auch etwas weniger politische Irrungen und Wirrungen wären nett gewesen (manchmal sitzt man da, sieht vom Buch auf, atmet tief durch, weil es gerade die siebte ausführliche Beschreibung des kranken Königs gab, aber dann liest man doch weiter). Und letztlich ist es Meckern auf hohen Niveau. Wer epische, lange, sehr lange Geschichten mit extrem detailreichen Beschreibungen mag, ist hier in einer Goldmine gelandet.

Auf zu Band drei!