Ausgelesen: Shadowmarch – Das Herz (Band 4). Von Tad Williams

So. Jetzt sind wir bei Band 4 angekommen, die Reihe nähert sich der Vollendung. Und eine Vollendung ist es wirklich: Fast ein Dutzend Erzählstränge laufen seit Band 1 nebeneinander her, und nun versammeln sich sich alle an der Südmarksburg, treffen aufeinander und steuern auf eine gewaltige Schlacht zu. Es geht um nichts geringeres als die Weltherrschaft, einen größenwahnsinnigen König und lebende Götter. Mehr wird nicht verraten!

Tad Williams hat auf fast dreitausend Seiten eine Welt erschaffen, die in sich logisch ist, eine vielschichtige Religion aufweist, verschiedenste Völker und Länder vereint und so voller Liebe zum Detail ist, dass man es manchmal gar nicht fassen kann. Ob es Hintergrundgeschichten zur Geschichte der Länder sind, die Beschreibung der steinernen Decke in den Funderlingshallen oder das Treffen von Briony mit der Halbgöttin Lisiya im Wald – alles fügt sich ein in ein riesiges, farbenprächtiges Mosaik, vor dem man staunend steht und denkt: Wie hat er das bloß gemacht? Und wie plant man so etwas? Wie viel Zeit hat er damit verbracht, sich nur die Namen aller Personen  auszudenken? Unglaublich.

Ein paar kleine Kritikpunkte von meiner Seite gibt es: Einige der Handlungsstränge sind unvollendet geblieben oder aus meiner Sicht heraus nicht ganz schlüssig beendet worden, da tauchte die ein oder andere Frage auf, nachdem ich das letzte Buch zugeklappt hatte. So schlimm fand ich das angesichts des Umfangs der Reihe allerdings auch wieder nicht. Manchmal war es mir in einem der Stränge zu grausam; ich bin kein Freund von detailliert beschriebenen Folterszenen und ich bin auch nicht der Meinung, dass die eigene Fantasie sowieso immer noch schlimmer ist als das, was beschrieben wird. Klar muss man den Bösewicht besonders hervorheben, aber auf manche Ideen möchte ich einfach nicht gebracht werden. Und als letztes: Ich habe bestimmt ein oder zwei graue Haare mehr bekommen, wenn wieder ein Kapitel zu Ende war, die Handlung zur nächsten Person sprang und ich dastand mit einem Cliffhänger, der erst im über-über-über-übernächsten Kapitel aufgelöst werden würde. Das ist unmenschlich gegenüber dem Leser!!! So. Das musste auch mal gesagt werden.

Ansonsten aber: Wer sagenhafte Fantasywelten mit Elben, Menschen, Zwergen und vielen Gestalten irgendwo dazwischen mag und es liebt, seine Helden über mehrere Bände hinweg zu begleiten, ist hier genau richtig. Die Figuren werden mich wohl noch eine ganze Zeit beschäftigen. Ein tolles Werk, ein toller Autor. Chapeau!

Ausgelesen: Shadowmarch – Die Dämmerung (Band 3). Von Tad Williams

Nachdem ich Teil 1 und Teil 2 dieser Reihe schon bearbeitet habe, folgt nun Teil 3.  Die Geschichte schreitet mit großen Schritten voran, und es wird eine Ahnung des großen Plans sichtbar. Einige der Hauptfiguren sind deutlich erwachsener geworden oder haben sich weiterentwickelt, es gibt interessante Wendungen. Andere bleiben sich treu und man freut sich, wenn man in ihre Kapitel springt. Mehr kann ich leider zur Handlung nicht sagen, ohne zu viel zu verraten, deswegen hier mehr zu einem Dichter und zu einem Volk, das sehr hoch oben lebt.

Matthias Kettelsmit, auch Matty Kettelsmit genannt, ist ein Dichter – oder möchte gern einer sein. Er hat große Ambitionen, aber leider kein Geld, keinen Erfolg und kein Glück. Er ist kein Held und kommt nur durch Zufall in die Südmarksburg, wo Briony Eddon ihn bemerkt und in einer Mischung aus Verachtung und Belustigung zum Hofdichter macht, ohne je irgendetwas größeres von ihm zu erwarten. Matty gehört nicht zu den Leuten, denen irgendetwas einfach in den Schoß fällt, und gerade das macht ihn so sympathisch. Ihn begleitet eine Serie von Pleiten, Pech und Mitmenschen der unangenehmsten Art, die sich in seiner Gegenwart nicht wie von Zauberhand bessern, sondern es schaffen, immer noch eine Stufe schlimmer zu werden. Er schlängelt sich irgendwie durch, immer voller Furcht vor dem, was als nächstes passieren könnte, und man kann sicher sein, es wird auch passieren. Als Matty sich verliebt, ist es natürlich eine unerwiderte Liebe, und hier wächst er über sich hinaus. Selbstlos kümmert er sich um die Geliebte, verhilft ihr zur Flucht, sorgt für sie und bringt sich dabei selber in Gefahr. Auch hier geht es wieder nicht ohne Pannen und Demütigungen für ihn aus, nichts läuft reibungslos, überall lauern Versagen und Entdeckung. Aber er lernt fürs Leben und für seine Kunst, und wenn er am Anfang noch latent unsympathisch daherkam, wächst er einem über die Zeit ans Herz und man hätte so gern ein gutes Ende für ihn… aber das entscheidet natürlich der Autor allein. Tad Williams schreibt hier einen ganz normalen Menschen in die Geschichte, der uns durch die oberen Gänge der Südmarksburg begleitet, als sie von allen anderen Helden der Geschichte verlassen wird, und er schafft eine Verbindung zum normalen Dorfleben unterhalb der Burg. An Matty ist nichts übermenschlich groß, beeindruckend oder heldenhaft. Er ist zutiefst menschlich und hat schlechte und gute Momente, und wenn er gute hat, fiebert man mit ihm mit und leidet, wenn es wieder schief geht. Eine der schönsten Figuren der Reihe, wie ich finde.

Eines der liebenswertesten Völker in Shadowmarch sind die Dachlinge, daumengroße Wesen, die auf den Dächern der Burg und in ihren Zwischenwänden leben. Sie verstecken sich seit Generationen vor den Menschen und sind deswegen zur Legende geworden. Sie sind klein, aber außerordentlich tapfer und wagemutig, und ihre Größe stellt für sie keinerlei Hindernis dar und gibt auch keinen Anlass zu Selbstzweifeln. Als Reittiere nutzen sie Vögel, Fledermäuse und Ratten, und von allen verehrt wird ihre gütigste Majestät Königin Altania. Giebelgaup, der königliche Bogenschütze, spielt eine kleine, aber außerordentlich wichtige Rolle, und am Ende wissen wir, dass die Größe eines Wesens absolut nichts bedeutet. Mich hätte vieles in Zusammenhang mit diesem Volk sehr interessiert (wo leben sie genau? Wie funktioniert ihre Gesellschaft? Warum und wie sind sie auf Südmarksburg gelandet?), aber ich schätze, es war einfach nicht genug Platz für mehr, und da niemand der Hauptfiguren sich in die Welt der Dachlinge begeben kann (sie sind einfach zu groß dafür!), hätte es hier einen gesonderten Erzählstrang geben müssen. Und dafür sind sie dann wieder nicht wichtig genug. Aber das macht überhaupt nichts, so sind sie wie der Zucker im Kaffee, oder wie der Nachtisch bei einem guten Essen – sie machen es erst rund.

Und rund wird es dann auch bei Band 4, mit dem ich die Reihe hier im Blog demnächst abschließen werde. Ach ja, wieder gelesen auf dem e-book-Reader.

Ausgelesen: Shadowmarch – Das Spiel (Band 2). Von Tad Williams

Und da sind wir schon bei Band 2 der Reihe Shadowmarch (hier geht es zu Band 1). Wer meinen Lobgesang über Aufbau und Handlungsstränge dieser Reihe lesen möchte, kann das bei Band 1 tun, eine Handlungszusammenfassung gibt es hier nicht. Grund dafür ist, dass ich jede Menge Geheimnisse verraten würde, wenn ich die Geschichte nacherzähle, und das wäre doch schade. Stattdessen gibt es eine kleine Einführung in die Welt der Skimmer, und es wird ein Rabe vorgestellt.

Was ich großartig an Shadowmarch finde, ist die Vielfalt der Völker und Rassen, die in Eion und Xand leben. Es gibt fast ein Dutzend Hauptfiguren aus unterschiedlichen Völkern, und trotzdem sind es eigentlich noch nicht genug. Neben all diesen Personen gibt es Gruppen, die auftauchen, eine Rolle spielen, aber ohne eigene Erzählfigur auskommen müssen und trotzdem funktionieren. Bestes Beispiel dafür sind die Skimmer. Sie leben unterhalb der Südmarksburg in einer engen Siedlung mit verzweigten Stegen und Holzhäusern direkt am und über dem Wasser. Überhaupt scheinen sie eine enge Verbindung zum Wasser zu haben und leben vom Fischfang. Jeder kennt sie und kauft ihren Fisch, aber niemand weiß genau, wie sie leben, was ihre Traditionen und Werte sind. Sie bilden eine eigene Gesellschaft in der Südmarksfeste, ihre Traditionen sind archaischer und auch hierarchischer als auf den ersten Blick sichtbar ist. Viele Menschen blicken verächtlich auf sie herab und nennen sie Fischköpfe, wagen sich aber nicht in ihre Siedlung hinein, denn sie gehen einem Kampf nicht aus dem Weg und der Zusammenhalt der Skimmer untereinander ist groß. Skimmer sind Menschen sehr ähnlich, aber ihre Arme sind kräftiger und länger, die Haut ist heller und sie besitzen kaum Kälteempfinden. Einige Skimmer werden in den Büchern etwas genauer vorgestellt, sie spielen auch für die Handlung eine Rolle, trotzdem bleiben sie insgesamt eher im Dunkel, was ihren Reiz ausmacht. Unwillkürlich fragt man sich, wo sie herkommen, was aus ihnen werden wird, was sie alles können, von dem wir keine Ahnung haben. Und dass sie Dinge können, von denen wir keine Ahnung haben, steht völlig außer Frage. Tad Williams hat es hier geschafft, ein Volk einzuführen, das im Buch keine eigene Stimme besitzt, nicht erklärt wird, dessen Zukunft ungewiss ist und von dem wir keine tiefergehenden Informationen haben, und trotzdem ist man fasziniert. Großes Kino.

Außerdem möchte ich den Raben Skurn vorstellen. Er hüpft in Kapitel 6 des zweiten Bandes zwischen den Zeilen hervor und ist eine meiner Lieblingsfiguren in den vier Büchern. Er besitzt eine ausgeprägte Persönlichkeit, scheint sehr alt zu sein und beherrscht die menschliche Sprache, auch wenn es die von vor etwa zweihundert Jahren ist. Außerdem hat er immer Hunger und ist ständig auf der Suche nach Fressbarem, wobei er Dinge frisst, an die ich hier noch nicht einmal denken möchte – wirklich, wirklich eklige Dinge. Man kann nicht gerade sagen, dass er eine mächtige, magische Figur ist, nein, eher eine recht armselige, gerupfte und lästige Kreatur, aber dabei nicht kleinzukriegen. Er beugt sich, wenn es notwendig ist, bleibt aber sich und seinen Versprechen treu. Er bringt etwas Leben und Humor in die ansonsten eher düstere Reise einiger Personen in den Zwielichtlanden, und nimmt dabei fast so etwas wie die Rolle eines Hofnarren an, allerdings einem mit räudigem Federkleid und kahlen Stellen. Um ihn selbst sprechen zu lassen: „Unsereins tut auch nie wieder was Unrechtes! Unsereinen hat´s nur so schlimm gehungert!“ Auch hier bleiben Vergangenheit und Herkunft im Dunkeln, der Rabe ist da, spielt seine Rolle, und die Tatsache, dass er sprechen kann, trägt enorm zum Reiz der Bücher bei.

Soviel zu Band 2. Weitere folgen!

Ausgelesen: Shadowmarch – Die Grenze (Band 1). Von Tad Williams

Wer richtige, echte Fantasy mit allem drum und dran liebt, kommt um Tad Williams nicht herum. Menschen, Elfen, Zwerge, groß angelegte Welten mit komplizierten Beziehungsgeflechten, epische Landschaften, magische Wälder – alles ist da und mit großer Könnerschaft geschrieben.

So auch Shadowmarch, eine Reihe aus vier Bänden. Die Menschen beherrschen Eion, den nördlichen Kontinent, nachdem sie in einem mehrere Generationen zurückliegenden Krieg die Qar besiegt haben. Die Qar sind ein Elbenvolk, das aus sehr unterschiedlichen Stämmen besteht, alle verschieden in Aussehen, Verhalten und Konsistenz (ja, das ist kein Schreibfehler). Nach ihrer Niederlage haben sie sich in die Zwielichtlande zurückgezogen, sehr weit oben im Norden, und sich hinter einer undurchdringlichen Wand aus Nebel verborgen. Die Sonne scheint niemals in den Zwielichtlanden.

In Südmark, einem Staat Eions, herrscht die Familie Eddon. Das Königreich liegt direkt neben der Zwielichtgrenze, was den Menschen zwar bewusst ist, sie in ihrem Leben aber wenig beeinflusst. Der Krieg liegt so lange zurück, dass sich Legenden darum gebildet haben, die Realität und Fantasie verschwimmen lassen. Allerdings wird die Grenze respektiert, vor allem, weil Menschen sie nicht übertreten können, ohne entweder zu verschwinden oder mit zerstörtem Verstand zurück zu kommen. Die Zwillinge Briony und Barrick Eddon sind die Kinder von König Olin Eddon, der seit Monaten in Gefangenschaft ist, und das Buch beginnt mit einer Jagd auf einen Lindwurm in der Nähe der Schattengrenze, an der die zwei teilnehmen. Ebenfalls dort unterwegs sind Chert und seine Frau Opalia, zwei Funderlinge aus dem Volk der Kleinwüchsigen (wir würden sie Zwerge nennen). Sie bemerken, dass die Grenze sich verschoben hat, auf Südmark zu, etwas, das es noch nie gegeben hat, und damit beginnt die Geschichte.

Es ist schwierig, die Handlung oder Personen dieser Reihe mit wenigen Worten zusammenzufassen, zum einen, weil man dauern spoilern würde, zum anderen, weil es einfach so unglaublich viele Personen, Orte, Namen und Handlungsstränge gibt. Genau – die Handlung. Das Buch ist unterteilt in verschiedene Handlungsstränge, die mit jedem Kapitel wechseln. Es gibt insgesamt zehn (oder waren es elf?) Hauptfiguren, die sich ständig hin- und herbewegen: Briony und Barrick Eddon, Ferras Vansen, der Hauptmann der königlichen Garde, Chert Blauquarz, der Funderling aus Funderlingsstadt unter der Südmarksburg, Matthias „Matty“ Kettelsmith, Yasammez, eine Adlige der Qar, außerdem Qinnitan aus dem Kontinent Xand, deren Rolle lange ein Geheimnis bleibt, um nur einige davon namentlich zu erwähnen. Auf der einen Seite hat es mich wahnsinnig gemacht, mit jedem Kapitel in einen anderen Handlungsstrang zu wechseln, vor allem dann, wenn es gerade spannend wurde, andererseits hat es großen Reiz, auf diese Weise immer wieder neue Blickrichtungen auf dieselben Ereignisse zu erhalten. Manchmal scheinen sie auch wenig bis gar nichts miteinander zu tun zu haben, aber unter der Oberfläche ahnt man, dass hier alles miteinander zu tun hat.

Eine besondere Erwähnung verdienen die Orte, an denen die Handlung spielt. Selten habe ich so detailliert und liebevoll ausgestattete Welten gelesen. Es stimmt alles, von den Namen über die Religion, von der Sagenwelt bis zu der Beschreibung der Tier- und Pflanzenwelt, und es ist niemals langweilig oder langatmig. Ich habe zum Beispiel kein einziges Mal über irgendetwas hinweg gelesen, um schnell zum nächsten spannenden Punkt zu gelangen – es war einfach nicht notwendig, weil es so, so gut geschrieben ist.

Das war meine Rezension zu Band 1 der Reihe – die weiteren folgen. Ach ja, gelesen auf dem e-book Reader!

Ausgelesen: Der Galgen von Tyburn. Von Ben Aaronovitch.

Diese Reihe ist einfach so, so gut. Die Geschichte, die Figuren, die Spannung, einfach alles. Es passt alles zusammen, bis in die Nebenfiguren hinein hat jede Figur Charakter (nicht immer guten, aber sie hat einen, soviel ist sicher), die Rahmenhandlung macht regelmäßig Lust auf mehr, die jeweilige neue Geschichte pro Buch ist gut erdacht und gut erzählt. Das hier war jetzt Band sechs, und bisher hat die Reihe keinerlei Ermüdungserscheinungen, auch ein seltenes Phänomen. Kleine Höhen und Tiefen gibt es in solchen Reihen immer, aber bisher waren die Tiefen für mich nie tiefer als Sommerpfützen, also zu vernachlässigen.

Peter Grant, eine meiner literarischen Lieblingsfiguren, muß dieses Mal einen Todesfall aufklären, sich in der Welt der Reichen und Schönen durchmanövrieren, wenig Lernstoff bewältigen, dafür aber viel in London herumfahren, sich mit Lady Ty gut stellen und mehr kann ich nicht sagen, ohne zu spoilern. Aber das macht auch nichts, alle Fans von urbaner Fantasy, Ironie, Coolness und einfach sauguten Geschichten kennen die Reihe sowieso, lesen alles Neue unaufgefordert und warten mit mir sehnsüchtig auf Band sieben, der fast demnächst schon erscheint – juchu!

Gelesen habe ich es auf dem e-book, und, wie fast immer, ein bißchen bedauert, es nicht als „richtiges“ Buch in den Händen gehalten zu haben. Deswegen hier auch nur ein Titelfoto.

Ausgelesen: Die unsichtbare Bibliothek, Die maskierte Stadt, Die flammende Welt. Von Genevieve Cogman.

Im riesigen Kosmos der Fantasy-Literatur (jaha, das IST Literatur!) etwas wirklich Neues zu schaffen, ist schwierig. Die meisten Bücher sind Variationen über dieselben Themen und bedienen sie mehr oder weniger gekonnt. Ich lese all die Variationen sehr gerne und beschwere mich nicht, ich bin ja froh, dass die Fantasy-Sparte aller möglichen Verlage in den letzten Jahren zu völlig neuer Blüte gekommen ist. Ob man Edward und Bella und Twilight nun mag oder nicht, das zumindest haben sie dankenswerterweise verändert.

Aber diese drei Bände hier, die haben etwas Neues geschaffen. Ein wagemutiger Genremix aus Krimi, Fantasy, Science Fiction, Steampunk, Actionthriller – alles zusammen ergibt eine neue Welt, nein, viele neue Welten mit einer Bibliothek als Zentrum, die ebenfalls eine eigene, undurchschaubare Welt ist, bewohnt von sehr besonderen Menschen – den Bibliothekaren. Es ist, als hätte jemand die geheimsten Wünsche von unzähligen Lesern genommen, sie mit beiden Händen durchgeknetet, in die Luft geworfen und das hier daraus gemacht: Eine Welt, in der Bücher so wichtig sind, dass Geheimagenten nach ihnen suchen, sich dafür in Lebensgefahr begeben und ihr ganzes Leben diesem bedruckten oder beschriebenen Papier widmen.

Irene Winters, die Hauptfigur in den Büchern, ist ebenfalls besonders. Stark, mutig, unerschrocken, unabhängig. Sie ist Bibliothekarin mit Leib und Seele, und weder Elfen, Werwölfe, Drachen oder Menschen bringen sie davon ab, das zu tun, was das beste für die Bibliothek ist, und das ist, von dort aus immer wieder in verschiedene Parallelwelten zu reisen, um wichtige Bücher zu sichern. Die Bewohner der Welten und die Welten selbst sind erfrischend kantig, oft ist eine große Prise Steampunk eingestreut, was mich immer sehr erfreut, denn ehrlich, wer kann Zeppelinen und Gaslichtlampen schon widerstehen? Auf jeden Fall gibt es keinerlei Blumenwiesen mit glitzernden jungen Männern in diesen Büchern, es herrscht eher raue Realität mit gelegentlichem Werwolfbefall vor, und ich vermute, die Autorin ist Sherlock Holmes-Fan, denn eine alternative Version des Detektivs spielt eine zunehmend größere Rolle in den Fällen der Irene Winters.

Es spricht auch für die Geschichte, dass mich die nicht besonders gelungene Übersetzung des ersten Bandes nicht abschrecken konnte. Seltsame Satzkonstruktionen, holprige Übergänge, es hat mich überrascht, dass ein Buch so in Druck gehen kann. Ab Band zwei gibt es damit keine Probleme mehr, was seltsam ist, denn es ist derselbe Übersetzer. Vielleicht war Band eins im Original wirklich so schlaglochartig geschrieben – wer weiß.

Ich bin sehr gespannt darauf, wie es weitergeht. Band 4 erscheint am 29. März, und ich werde es wohl sofort erwerben. Und das passiert eher selten, Bücher haben ja normalerweise nicht die Eigenschaft, wegzulaufen – irgendwann findet man sie in einem Regal und liest sie dann. Dieses Mal nicht!

Ausgelesen: Das Auge des Zoltars. Von Jasper Fforde.

Band drei der Drachentöter-Trilogie, und zu meinem allergrößten Bedauern wird es wohl keinen vierten Band geben. Wie kann man als Autor nur so grausam konsequent sein???

Tja. Eventuell kann man meiner Einleitung bereits entnehmen, dass Band drei sehr, sehr gut war, meiner Meinung nach sogar noch ein Tickchen besser als die ersten zwei Bücher der Serie. Der Schauplatz wechselt, Jennifer Strange ist gezwungen, ins benachbarte Königreich einzureisen, das Cambrische Empire, um dort nach dem Auge des Zoltars zu suchen. Der größte Zauberer aller Zeiten, der mächtige Shandar, verlangt von ihr, dort nach dem sagenumwobenen magischen Juwel zu suchen und es ihm auszuliefern. Anderenfalls wird er die letzten zwei lebenden Jungdrachen töten, woraufhin die Zaubereragentur Kazam und alle mit ihr verbundenen Zauberer gegen Shandar antreten, selbstverständlich verlieren und getötet werden würden. Das gilt es zu verhindern, und Jennifer tut, was sie kann. Und das ist eine Menge, angesichts der unbestreitbaren Tatsache, dass sie keine Zauberin ist, über keinerlei Magie verfügt, sondern „nur“ einen festen Willen, Loyalität und einen unbeugsamen Sinn hat für das, was richtig ist.

Das Cambrische Empire ist ein sehr besonderes Königreich, das seine Devisen mit Risikotourismus aufbessert und damit eine nie versiegende Einnahmequelle aufgetan hat, denn gelangweilte Bürger auf der Suche nach dem besonderen Kick wird es immer und überall geben. Für alle Aktivitäten gibt es einen Sterblichkeitsindex, selbst für den Shoppingtrip nach Cambrianopolis liegt er bei 1%, steigt allerdings im Winterschlußverkauf auf 2,2 %. Jennifer wählt  einen Index von 86%, engagiert eine abgebrühte 12jährige als Führerin und macht sich mit ein paar Gefährten auf die Suche nach dem Auge des Zoltars…

Der Abschluß der Trilogie ist ein klein wenig ernster und actionlastiger geraten als seine Vorgänger, was ihn erwachsener daherkommen lässt. Das tut ihm sehr gut, die Figuren haben mehr Schärfe und Charakter als vorher (was den ersten beiden Bänden aber nicht gefehlt hat!). Skurriles Personal bevölkert den Roman, und man ist beim Umblättern nie sicher, was einen erwartet, es kann einfach alles passieren, und, meine Güte, das tut es auch. Ob es Prinzessinnen im Körpertauschmodus sind, Helfende Händchen oder Drachen, die fatalerweise in Gummi verwandelt werden – es gibt nichts, das es nicht gibt. Dazu eine wirklich gute, geradlinig erzählte Geschichte mit einer wunderbaren Heldin – das kann doch einfach nicht der letzte Band gewesen sein!! Oder??

Eventuell fange ich eine Unterschriftenpetition an: Es lebe Band 4 der Drachentöterin-Reihe!