Ausgelesen: Der Beobachter. Von Charlotte Link.

Manche Autoren haben bedauerlicherweise wenig Chancen bei mir, und Charlotte Link ist eine davon. Der Grund dafür ist eigentlich ziemlich banal: Vor Jahren habe ich mal ein Buch von ihr gelesen, das mir nicht gefallen hat, und danach habe ich nie wieder eins von ihr versucht, denn es gibt so viele andere Bücher von so vielen anderen Autoren, dass es schlicht nicht notwendig war, es noch einmal auszuprobieren. Nun bekam ich aber vor ein paar Wochen eine große, ziemlich schwere Tüte mit Büchern von einer Frau geschenkt, die ihre ausgelesenen Bücher alle (!) sofort nach dem Lesen weggibt, und da war „Der Beobachter“ dabei. Naja, was soll ich sagen, was einmal in Buchform bei mir landet, wird in jedem Fall ausprobiert, es könnten ja ungehobene Schätze dabei sein! Diese Haltung zieht ein recht vielseitiges Spektrum an Lesestoff nach sich, man könnte sogar sagen, sie bringt eine manchmal dramatisch ausufernde Genrevielfalt ins Haus. Und so kam ich nach langer Zeit wieder an ein Buch von Charlotte Link.

Es fing gar nicht übel an. Und ging auch gar nicht übel weiter. Der Beobachter leidet unter seinem Leben, das in seinen Augen misslungen ist. Als Ersatz beobachtet er das Leben anderer Menschen, das von außen betrachtet gut aussieht, so harmonisch, perfekt und schön. Er träumt sich in das Leben der anderen hinein und schafft sich seine eigene kleine Rolle darin. Vor allem eine Frau hat es ihm angetan. Und gleichzeitig sucht die Polizei einen Mörder, der Frauen auf brutale Weise tötet. Wer ist es? Und wird die Polizei ihn rechtzeitig finden, bevor weitere Frauen sterben?

Das Buch ist ganz und gar nicht übel, es ist spannend, die Protagonisten wachsen einem an Herz und man möchte wissen, wie die Geschichte mit ihnen weitergeht und endet. Der Schreibstil hat trotz des dunklen Themas etwas leichtes, wie locker verstrickte Wolle oder luftig gehäkelte Granny Squares. Die Geschichte selber schlägt an manchen Stellen Haken wie ein Hase auf der Flucht, aber man nimmt dem Hasen seinen Fluchtweg durchaus ab und hetzt ihm mit Vergnügen hinterher. Ich habe „Den Beobachter“ gerne gelesen, und ich denke, ich bin jetzt wieder empfänglich für Bücher von Charlotte Link.

Falls also Ihre Regale zuhause zu voll sind: Man kann anderen Lesern eine Menge Freude machen, wenn man solche Bücher weitergibt. Es muss ja nicht gleich eine ganze Tüte voll sein 🙂 .

Ausgelesen: Ich bin kein Serienkiller. Von Dan Wells.

Ja. Also. Solche Bücher lese ich ja eigentlich schon aufgrund des gruseligen Buchcovers schon mal gar nicht. Blut, das irgendwo herunterläuft, verführt zumindest mich nicht zum Lesen, aber in diesem Fall bekam ich es mit einer zaghaften Empfehlung ausgeliehen – ich schätze, mein Ausleiher war sich gar nicht so sicher, ob ich ihn nicht für etwas seltsam halten würde aufgrund seiner Empfehlung. Und dann lag es bei mir im Regal und ich wurde immer neugieriger und fing irgendwann an zu lesen, und schon nach den ersten drei Seiten hatte das Buch mich.

John Cleaver ist ein seltsamer fünfzehnjähriger. Er interessiert sich nicht für dieselben Dinge wie andere Jungs in diesem Alter, sondern in einem abnorm hohen Maße für das Bestattungsunternehmen seiner Mutter, das sie im Geschäft unter den Wohnräumen der Familie führt. Genauer gesagt interessiert John sich vor allem für die Leichen, die im Bestattungsunternehmen einbalsamiert werden. Der Faszination, die sie auf ihn ausüben, kann er sich nur mit allergrößter Mühe entziehen, und auch sonst führt er einen ständigen Kampf mit seinem zweiten Ich, das permanent an die Oberfläche will, um dort für Zerstörung, Blut und Chaos zu sorgen. Damit das nicht passiert, hat er sich selbst einen strengen Verhaltenskodex auferlegt, dessen Einhaltung seine oberste Maxime ist. Dann geschehen seltsame Dinge in Clayton, dem Ort, in dem er wohnt – grausame Morde werden verübt, und John entdeckt Indizien, die auf einen Serienmörder hinweisen. Aber wie soll er diese Indizien weitergeben, ohne sich selber zu verraten? Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als selbst auf die Jagd nach dem Mörder zu gehen, immer in der Gefahr, dass sein blutrünstiges zweites Ich sich befreit, wenn er sich zuviel Gewalt und Tod aussetzt…

Das Buch ist sehr spannend geschrieben. Durch den Ich-Erzähler verengt sich die Perspektive und man erhält gefühlt immer viel zu wenig Informationen, denn alles was passiert, wird nur aus der Sicht von John geschildert. Während des Lesens war ich hin und her gerissen zwischen Sympathie und Ablehnung der Hauptfigur gegenüber. Genauso erging es mir mit dem potentiellen Mörder, der in Clayton umgeht. Anfangs scheint das Buch ein typischer Thriller mit Serienkiller zu sein, dann entwickelt es sich zu einer Art Fantasy-Thriller, bleibt dabei aber immer eisig kalt. Der innere Kampf, der permanent in John wütet, und sein Anderssein nehmen viel Platz ein, trotzdem fällt der Spannungsbogen selten ab. Die Twists in der Handlung sind gut geschrieben, ab einem bestimmten Punkt weiß man, woran man ist und trotzdem kann man nicht aufhören zu lesen.

Bis zum Schluss war ich mir nicht sicher, ob ich John nun mag oder nicht, und auch nachdem das Buch nun ausgelesen ist, habe ich noch keine endgültige Entscheidung getroffen. Aber: Band zwei würde ich doch schon ganz gern lesen. Obwohl ich ja eigentlich keine Bücher mit Blut auf dem Cover mag. Und auch keine Serienkiller. Tja. Er hat mich, würde ich sagen.

Ausgelesen: Blinde Vögel. Von Ursula Poznanski.

Ich mag die Bücher von Ursula Poznanski. Immer gut geschrieben, spannend, dicht dran an der Geschichte, ohne die Charaktere der Darsteller zu vernachlässigen. Dieses Mal geht es bei den beiden Ermittlern Beatrice Kaspary und Florin Wenninger um zwei Tote in der Nähe eines Campingplatzes, die scheinbar keinerlei Verbindung zueinander hatten. Dann taucht ein hauchfeiner Faden auf – beide waren Mitglied in einem Internetforum für Gedicht-Liebhaber. Beatrice beschließt, sich dort unter Pseudonym anzumelden, um mehr herauszufinden.

Frühstück mit Krimi

Wie die Geschichte sich dann weiterentwickelt, ist extrem spannend zu lesen, lange tappt man als Leser (also ich zumindest) im Dunkeln und fragt sich, was zum Geier da vor sich geht, aber es ist einfach zu spannend, also liest man weiter, bis das Dunkel sich zum höchst überraschenden Ende aufhellt. Wirklich gut. Und für mich ein besonders schönes Geschenk: Die gut verteilten Gedichte, die ab und an in der Geschichte wie kleine strahlende Punkte auftauchen. Das könnte meinetwegen gern noch viel mehr in Mode kommen: Autoren, die Gedichte in ihren Büchern unterbringen.

… und irgendwann wurde der Tee kalt.

Abgesehen davon entwickelt sich in diesem Buch auch das Privatleben der beiden Ermittler weiter. Beide sind mir höchst sympathisch und lebensnah geschrieben. Band drei steht schon in meinem Bücherregal, aber ein bißchen spare ich es mir noch auf. Man weiß ja nie, wann man mal was wirklich gutes zum Lesen braucht.

Die Buchstaben sehen ein bißchen aus wie Blut – oder wie Erdbeermarmelade 🙂 . Interaktives Frühstücken nenne ich das.

Ausgelesen: Das Walmesser. Von C. R. Neilson.

Brrrr. Nach diesem Krimi muss man eigentlich sofort ins nächste Reisebüro gehen und einen Flug auf die Färöer-Inseln buchen. Wenn ich das Buch jetzt, nach dem Lesen, in die Hand nehme, spüre ich Felsen, Gras, drohende Wolken, jähen Sonnenschein und genauso jähen Regen. Und Kälte. Jede Menge davon. Die Menschen sind genauso wie ihre Inseln: Rau. Der Schotte John Callum kommt auf die Färöer, um vor sich und seiner Vergangenheit zu flüchten und erwacht eines Morgens auf einem Steinklotz am Hafen, in seiner Tasche steckt ein blutiges Messer, ein Grindaknívur. Und damit geht es los.

Meiner Meinung nach ist das ein absolut gelungener Thriller, in dem die Natur der Färöer-Inseln das Innenleben seiner Hauptfigur perfekt widerspiegelt. Jähe Abgründe, schroffe Felsen, eisiger Wind, unerwarteter Sonnenschein, endloser Regen. Es war atemberaubend, es zu lesen, sehr spannend, und ich würde es Thriller-Fans wärmstens empfehlen.