Herr Miesling geht einkaufen

Herr Miesling geht einkaufen

Die letzte Scheibe Brot ist aufgegessen, im Kühlschrank schwimmt nur noch eine einsame Gewürzgurke im Essigglas. Es hilft nichts, Herr Miesling muss einkaufen gehen. Brummig schiebt er seinen Einkaufswagen durch die Schiebetüren, lässt die Obst- und Gemüseabteilung links liegen und biegt zielstrebig in Richtung Konserven ab. Eine Dose Mockturtle, ein Kartoffel-Würstchen-Eintopf und Linsensuppe landen in seinem Wagen. Als er weiterschieben will, zupft sein Engel ihn am Ärmel. Er hält ihm einen grünen Apfel hin.
Herr Miesling verzieht das Gesicht. „Och, nee. Is ja nett, aber du weisst doch, ich bin nich so´n Grünzeugesser.“
Sein Engel guckt ihn auffordernd an. Der Apfel glänzt in seiner Hand.
Herr Miesling schüttelt den Kopf. „Ne, wirklich nich. Du kannst ihn ja nehmen, wenn du willst. Ich kauf ihn für dich. Ich hab elf Euro, da isser noch drin.“
Sein Engel seufzt unhörbar und verschwindet zwischen den Regalen.
Herr Miesling schiebt weiter und sammelt eine Packung Graubrot, eine Tüte Schwarzbrot, Margarine und Leberwurst ein. Vor den Salamiwürsten bleibt er kurz stehen und rechnet, dann geht er weiter. Heute nicht. Nächste Woche fängt der neue Monat an, dann hat er was, auf das er sich freuen kann.
Kurz vor der Kasse zupft sein Engel ihn wieder am Ärmel.
Herr Miesling bleibt stehen. „Na? Haste dich umentschieden?“
Sein Engel hält ihm eine Dose geschälte Pfirsiche hin.
„Pfirsiche?“ Herr Miesling betrachtet die Dose von allen Seiten. „Hm. Für mich?“
Sein Engel nickt.
„Aha. Wie teuer is sie denn? Passt das noch?“
Sein Engel nickt wieder.
„Na dann. Warum nich. Is mal was anderes.“ Er lässt die Dose in den Einkaufswagen fallen. „Bild dir aber nich ein, dass das zur Gewohnheit wird, hörste?“
Sein Engel lächelt.
Herr Miesling bleibt stehen. „Du bist ganz schön gerissen, weisste das?“
Sein Engel zuckt mit den Schultern.
Dann gehen sie zur Kasse.

 

Herr Miesling geht zur Schule

Herr Miesling geht zur Schule

Herr Miesling keucht, der Anstieg war steil und er ist aus der Übung. Zuviele Fernsehnachmittage, der März hat in allen Grautönen herumgewühlt, die er auf Lager hatte. Aber heute! Heute verschleudert die Sonne sich, als ob sie etwas wieder gutzumachen hätte.
„Ich setz mich mal kurz“, sagt Herr Miesling zu seinem Engel und lässt sich auf eine Bank fallen. „Guck“, sagt er, „da is meine alte Schule. Hier war ich lang nich mehr.“ Herr Miesling betrachtet das Gebäude. „Schick, was se draus gemacht ham… ´n Kindergarten isses, oder?“
Sein Engel nickt.
„Früher ham wir da Fußball gespielt. Unser Ball hat fünf Minuten die Luft gehalten, dann warer platt und wir musst´n pumpen.“ Er lacht. „So´n Schiet! Dann hat Günter ´n neuen Ball mitgebracht, aber es war nich mehr so toll, weil er bestimmen wollt, wo´s langgeht… nich mal Klassenkeile hat geholfen, da ham wir halt wieder mit´m alten Ball gespielt und gepumpt.“
Sein Engel hustet.
„Guck nicht so, wir ham ihn nur´n bisschen in die Mangel genommen, nich verprügelt. Eigentlich war´n wir ´ne nette Klasse. Aber wir war´n nie pünktlich, und dann gab´s immer Ärger. Fräulein Trieger hat uns ´n Vortrag gehalten, dass es schlimm enden würde mit unserm Trödeln… die war ´n bisschen schwammig, die Trieger, hat ihren Verlobten im Krieg verlorn und hatte ´ne Vorliebe für Pralinen. Aber sonst war se ganz in Ordnung. Der Meier, der war schlimm, keiner mochte den, und er mochte uns auch nich. Hat sich wohl was andres vorgestellt für sein Leben, und dann stand er hinterm Pult und zu mehr hat´s nich gereicht. Tja.“
Herr Miesling steht ächzend auf. „Weiter geht´s. Schön war´s, aber vorbei isses auch.“
Sein Engel nickt.
Einen Moment lang scheint eine Horde Jungen vor der alten Schule Fußball zu spielen. Herr Miesling lächelt. Dann guckt er nach vorn.

Das war ein Herr-Miesling-Beitrag zu den abc-Etüden, maximal 300 Worte mit drei Begriffen (siehe oben). Organisiert wird das ganze (ziemlich umfangreiche) Projekt von Christiane (vielen Dank!), und die Wortspende kam dieses Mal vom berlinautor. Und die war ziemlich herausfordernd – ich meine, Klassenkeile? Im Zusammenhang mit schwammig?? Aber wir sind ja erprobte Wortunterbringer… 😀

Herr Miesling geht spazieren

Herr Miesling geht spazieren. Vor einem Schaufenster bleibt er stehen und guckt auf die Tapete mit orangebraunem Blumenmuster. Davor steht weißes Porzellan.
„Ach ja…“ sagt er leise.
Sein Engel guckt neugierig.
„Orange war ihre Lieblingsfarbe. So´n Geschirr hattn wir auch. Unsers war hübscher als das da.“ Er versenkt die Hände in den Jackentaschen. „Das muss so 1965 gewesen sein. Unsere erste eigene Wohnung. Ich dachte, mich könnt nichts erschüttern, echt jetzt, ist das nich´n Witz? Ich wollte die Welt sehn, sie nich. Ich fand Sachen lustich, über die sie sich geärgert hat. Die Wohnung war mir zu klein, für sie war sie die Welt. Naja. Ich bin dann zur See gefahrn, und irgendwann hat sie mir geschriebn, dass sie´n andern hat. Ich hab die Wohnung nie wieder gesehn. Und sie auch nich.“ Herr Miesling starrt versonnen in das Schaufenster. „Aber es war nich alles schlecht. Als wir tapeziert haben, is uns eine Bahn auf´n Kopp gefalln, bis wir klebrig wie ´ne Honigwabe warn.“ Herr Miesling lächelt. „Und wie sie mir über Kurzwelle ein Lied geschickt hat… der Käpt´n hat es über Lautsprecher auf´m ganzen Schiff abgespielt.“
Sein Engel zupft ihn am Ärmel.
„Welches Lied? La Paloma natürlich, von Freddy Quinn. Er war der Beste!“
Sein Engel hebt skeptisch eine Augenbraue. Herr Miesling übersieht das gnädig. Er wirft noch einen Blick in das orangebraune Schaufenster, dann geht er weiter. „Tja. Es is, wie es is. Ich hab ´ne Menge fremde Städte gesehn, um mit Freddy zu sprechen. Wer weiß, ob ich mit ihr glücklicher gewordn wär. Vielleicht würdn wir jetzt in so´ner kleinen Bude hocken und uns angiften. Es is, wie es is.“ Herr Miesling atmet tief ein. „Wolln´wa zum Blumenmarkt gehn?“
Sein Engel nickt.
„Vielleicht kauf ich´n paar orangene Tulpen, wegen der alten Zeiten. Was hältste davon?“
Sein Engel lächelt.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden! Die Wörter für die Textwochen 03/04 des Schreibjahres 2021 stiftete Ulrike mit ihrem Blog Blaupause7. Sie lauteten Lautsprecher, orange (NICHT die Frucht, die Farbe) und erschüttern, und organisiert wurde das ganze wieder von Christiane und ihrem Blog Irgendwas ist immer. Vielen Dank, liebe Christiane, für die ganze Organisation!

Schiffbruch

Schiffbruch

Du hast Schiffbruch erlitten. Gerade war das Wetter noch schön gewesen und die Sonne hatte geschienen, als plötzlich Wolken aufkamen und es anfing zu regnen. Es wurde stürmisch. Die Wellen zerbrachen dein Schiff, du konntest dich gerade noch ins Beiboot retten, und da sitzt du nun. Es ist kalt. Und naß. Dir ist übel, und der Wind hört nicht auf, dir Gischt ins Gesicht zu blasen. Du hältst dich links und rechts an der Bordwand fest, die Ruder sind dir abhanden gekommen. Du schließt die Augen. Ob das Wasser unter dir sehr kalt ist? Obwohl: Viel kälter kann dir nicht mehr werden. Du öffnest die Augen. Vor dir auf der Ruderbank sitzt ein dünner Mann mit gelben Gummistiefeln. Er hält mit beiden Händen einen Regenschirm fest und sitzt sehr aufrecht in deinem schaukelnden Boot.
„Hallo“, sagt er.
Du fantasierst. Das ist vermutlich der Anfang vom Ende. Aber egal, alles ist besser, als allein in deinem Boot zu sitzen, selbst ein dünner Fantasiemann mit Gummistiefeln.
„Hallo“, sagst du also.
„Darf ich mich vorstellen“, sagt der dünne Mann, „ich bin ihr Seenotrettungsengel.“ Energisch klappt er seinen umgestülpten Regenschirm zurück in die richtige Position.
„Oh“, sagst du. „Das ist… schön.“ Eindeutig. Du hast Untergangsvisionen.
„Nein-nein“, sagt der dünne Mann, „ich bin real. Ich kann natürlich auch wieder gehen, wenn Sie das wünschen.“
„Nein!“ sagst du hastig.
„Gut.“ Der dünne Mann sieht in den Regen, seufzt, klappt den Regenschirm zu und legt ihn sorgfältig neben sich auf die Ruderbank. Er kramt in den Innentaschen seines grauen Anzugs und holt eine Thermoskanne hervor, dazu zwei Becher. „Sie sehen aus, als ob Sie etwas Kakao vertragen könnten“, sagt er und hält dir einen vollen Becher hin.
Du müsstest eine Hand von der Reeling lösen, um ihn in die Hand nehmen zu können. Der Kakao dampft. Du spürst, wie kalt dir ist. Sicherheit gegen Wärme. Der dünne Mann wartet geduldig. Es duftet nach Schokolade und plötzlich ist dir nicht mehr übel. Vorsichtig löst du einen Finger nach dem anderen von der Reeling und greifst nach dem Becher. Er ist warm. Du nimmst einen Schluck.
„Gut“, sagt der dünne Mann. Ein Regentropfen hängt an seiner Nase. „Sie sind weit draußen. Der Sturm war heftig, was?“
Du nickst.
„Wollen Sie an Land?“
Du nickst wieder. „Ich hab die Ruder verloren“, sagst du.
„Ich würde eher sagen, Sie haben sie aus den Augen verloren“, sagt der dünne Mann und tippt außen an die Bordwand.
Mit äußerster Vorsicht lehnst du dich erst nach links, dann nach rechts. Du setzt dich aufrecht hin und starrst den dünnen Mann an. Deine Ruder hängen außen an den Bordwänden. Du hast sie nicht gesehen.
„Dafür bin ja ich da“, sagt der Mann und wippt mit den Gummistiefeln. „Wollen Sie dahin oder dorthin?“
Du guckst ratlos. Du siehst überall Wellen und nichts anderes. Aber wenn er es vorschlägt… aufs geradewohl zeigst du nach links.
„Gut“, sagt der Mann. „Dann wollen wir mal.“ Er greift sich das Ruder auf der rechten Seite und sieht dich auffordernd an.
Es dauert einen Moment, bevor du kapierst. Schnell trinkst du den letzten Schluck Kakao und nimmst das linke Ruder.
„Hilfe zur Selbsthilfe nennen wir das“, sagt der dünne Mann. „Sonst wäre es ja zu einfach.“
Ihr legt euch in die Ruder. Der Wind kommt jetzt von hinten.
„Von wo sind Sie denn gestartet?“ fragt der dünne Mann.
Und du fängst an zu erzählen.

Herr Miesling und das Fest

Herr Miesling und das Fest

Herr Miesling hat schlechte Laune. Weihnachten rückt immer näher, und diese Tage sind sind nicht gerade seine Lieblingszeit im Jahr. Waren es noch nie. Außerdem regnet es die ganze Zeit. Oder die Stadt ertrinkt in grauer Nebelsuppe, und wenn die weg ist, regnet es wieder. Ärgerlich kickt Herr Miesling einen kleinen Stein vom Gehweg. Die letzten Heiligabende hat er bei Siggi in der Kneipe verbracht, aber nicht mal das darf man mehr. Die Kneipe ist schon seit Wochen geschlossen. Dieses blöde Corona! Langsam ist er es leid. Mit einem tiefen Seufzer bleibt er auf dem Gehweg stehen, zieht die Schultern hoch und guckt nach oben. Kein einziger Stern schafft es durch den Nebel, nur eine einsame Lichterkette blinkt rot-blau-weiß in einem Fenster vor sich hin. Lichterketten! Sein Engel hat ihn praktisch gezwungen, so ein Ding im Second-Hand-Shop zu kaufen, und nun blinken bei ihm zu Hause zwanzig Plastikrentiere auf dem Küchentisch. Was solls. Da braucht er das Deckenlicht nicht einzuschalten, das spart Strom.
Herr Miesling lässt die Schultern sinken und setzt sich schlurfend wieder in Bewegung, als sein Engel ihn am Arm zieht. „Was is?“ fragt Herr Miesling ungehalten. Auf so einen dämlichen Engelkram hat er jetzt wirklich keine Lust. Sein Engel zeigt auf einen grauen Plastiksack, der neben einer Mülltonne auf der anderen Straßenseite steht. Oben aus dem Sack gucken Tannenzweige heraus. Herr Miesling spitzt den Mund, dreht sich nach links und rechts und überquert die Straße. Prüfend befühlt er die Zweige. Sie sind frisch und sehr pieksig. Blautanne. Weiter unten im Sack erahnt er Efeu, Wacholder könnte auch drin sein. Da hat jemand in seinem Garten aufgeräumt. „Das is dann wohl unsers, was?“ flüstert er seinem Engel zu, hebt den Sack auf seinen Rücken und macht sich davon, so schnell er kann.
Vor der Kneipe setzt er den Sack auf den Boden und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Ganz schön schwer, so´n bisschen Grünzeug! Er setzt seinen Zeigefinger auf die Klingel und läutet. Es ist ein triumphales Läuten.
„Werner! Was machst´n für´n Lärm! Nimm deinen Finger von der Klingel!“ Siggi beugt sich aus seinem Fenster über der Kneipe. „Was haste denn da neben dir? Ne Leiche im Sack?“ Er kichert, dann setzt er seine Brille auf, guckt noch einmal und strahlt plötzlich. „Sach nich, du hast Grünzeug gefunden! Das is ja´n Ding! Die Frau wird Augen machen!“
Herr Miesling guckt stolz auf seinen grauen Tannenzweigsack. „Der stand da einfach so rum. Sollte in den Müll, da dachte ich, ich bring ihn lieber zu dir.“
„Warte, ich komm runter.“ Siggi verschwindet aus dem Fenster und taucht eine Minute später in der Kneipentür auf. „Das is toll. Da kann die Frau doch noch diesen Weihnachtstüdel machen. Willste auch eins? Macht sich nett auf dem Küchentisch. Legste noch ne Lichterkette drüber, fertich.“
Herr Miesling überlegt. Sein Engel stößt ihn in die Seite. „Wennde eins über hast…“
„Klar! Du bist doch der Lieferant! Sach mal, Werner… „, Siggi druckst verlegen herum, „wir ham ja zu, und es is ganz schön einsam ohne euch alle, sach ich dir. Haste nich Lust, Heiligabend zu uns zu kommen? Die Frau macht Kartoffelsalat mit Würstchen, aber nur zu zweit, das is irgendwie komisch. Zwei Haushalte dürfen ja zusammen!“ Er schaut Herrn Miesling fragend an.
In Herrn Mieslings Brust wird es ganz warm. „Och, ja, warum nicht…“ murmelt er und versucht, nicht zu glücklich auszusehen. „Ich, äh, ich hab ja sonst nichts vor.“
„Super!“ Siggi klopft Herrn Miesling auf den Rücken. „Gott, bin ich erleichtert! Nur die Frau und ich, an Weihnachten alleine, das is nix, wir kriegen uns nur in die Haare. Dann sehen wir uns Heiligabend um fünf!“ Er nimmt den Sack und geht zur Tür. „Und morgen kommste vorbei und holst dein Tannendings ab, hörste?“
Herr Miesling nickt. Er sieht zu, wie Siggi hinter der Tür verschwindet. Dann dreht er sich um und macht sich auf den Weg. Sein Engel hakt ihn unter. Gemeinsam schaukeln sie unter den Lichtkegeln der Straßenlaternen nach Haus.

Herr Miesling schmollt

Herr Miesling sitzt unrasiert in seiner Küche und schmollt, als sein Engel vorbei kommt. Er wirft einen Blick in Herrn Mieslings Gesicht und nimmt sich einen Kaffee. Das kann länger dauern. Herr Miesling schaut ihm stumm zu, und als sein Engel sitzt, legt er los.
„So. Ostern also. Auferstehung. Soll ich dir mal sagen, was bei mir aufersteht? Gar nichts! Weisst du, wie lange ich niemanden gesehen habe? Wie du siehst, fange ich schon an, mit mir selbst zu sprechen! Wo bleiben da Glaube, Hoffnung, Liebe? Nicht mal die Kirchen sind offen! Ich sitze hier in diesem Loch und kann nicht raus! Jaja, schon gut, raus kann ich ja, aber wozu? Um dreimal um den Block zu latschen? Da kann ich ja gleich drinnen bleiben! Meine Lieblingskneipe hat auch zu. Du kannst dir nicht vorstellen, wie deprimierend es ist, da vorbeizugehen. Ach. Du kannst? Trinkt ihr Engel auch was Stärkeres als Wasser? Ach.“ Herr Miesling guckt überrascht.
Sein Engel steht auf, öffnet ein Fenster und setzt sich wieder.
Herr Miesling kraust die Nase. Es ist still. Man hört die Vögel singen. „Ihr habt bestimmt gut zu tun dieser Tage, was?“ Sein Engel nickt. „Hm. Willst du Milch in den Kaffee?“ Ohne zu warten steht Herr Miesling auf und geht zum Kühlschrank. „Ich hab auch noch Salami da.“ Er nimmt Milch und Salami, trägt sie zum Küchentisch, holt ein Messer und ein Brett und schneidet dicke Scheiben von der Wurst ab.
„Ich hab die Jungs seit Tagen nicht gesehen, und weisst du was? Ich hätte nicht gedacht, wie sehr sie mir fehlen. Was die jetzt wohl tun? Die sind doch auch alle allein.“
Sein Engel steht auf und verschwindet kurz im Flur. Als er zurückkommt, hat er ein Blatt Papier in der Hand. Er legt es auf den Tisch.
„Was ist das? Ach. Unsere Telefonliste. Aber die ist nur für Notfälle!“ Herr Miesling hört auf, Salami zu schneiden. „Oh.“ Er schaut nachdenklich auf das Messer. „Das IST ein Notfall, oder?“
Sein Engel sieht ihn an und nimmt einen Schluck Kaffee mit Milch. Durch das offene Fenster hört man weit entfernt Kirchenglocken läuten.
„Naja. Ich könnte ja mal den Manni anrufen. Der weiß immer alles.“ Herr Miesling ißt eine Scheibe Salami und wirft einen kritischen Blick auf seine Fingernägel. „Aber vorher muß ich noch duschen… du, ich muss dringend ein paar Dinge erledigen. Nimm dir ruhig noch einen Kaffee, und die Salami ist wirklich gut, probier ruhig mal!“ Herr Miesling guckt seinen Engel aufmunternd an, steht auf und verschwindet im Bad.
Sein Engel lächelt. Auferstehungen sind immer wieder wunderbar.
Im Gehen pustet er noch ein wenig Staub vom Fenster, damit die Sonne herein kann. Dann ist er verschwunden.

 

Gänseblümchenengel

… Dann gibt es die weithin völlig unbekannte Unterengelart der sogenannten Gänseblümchenengel. Sie leben weit verstreut auf Wiesen und Rasenstücken aller Art und bewohnen die Blüten des gemeinen Gänseblümchens, auch bekannt unter den Namen Tausendschön, Maßliebchen etc. (lat.: Bellis Perennis).
Die Gänseblümchenengel leben dauerhaft in den von ihnen gewählten Blüten und bleiben auch in der Nacht oder bei Regen standorttreu, vermutlich weil die Blütenblätter sich ebendann schützend schließen. Eventuell schließen die Blütenblätter sich, weil sie bewohnt sind, dies ist aber lediglich eine unwissenschaftlich begründete Annahme und noch weitgehend unerforscht.
Gänseblümchenengel gehören zu den eher unauffällig tätigen Unterengelgattungen. Ihre Wirksamkeit ist lediglich zu spüren beim direkten Beliegen einer Wiese ohne schützende Decke zwischen Rasenpflanzen und Haut. Wer sich diesem Risiko in heutigen Zeckenzeiten aussetzt, wird belohnt durch anhaltende Glückseligkeit und dem Wiederkehren glücklicher Kindheitserinnerungen. Auf diesem Gebiet liegen die ureigensten Fähigkeiten der Gänseblümchenengel. Sie werden ohne Auffälligkeiten wie Strahlenkranz, Lichterscheinung oder Gesang direkt weitergegeben. Weitere Tätigkeiten des Gänseblümchenengels sind nicht bekannt oder noch nicht hinreichend erforscht. Für sachdienliche Hinweise in dieser Richtung sind die Verfasser dieses Artikels dankbar. …

(für Karin 🙂 )

Schnee-Engel

Schnee-Engel

öfter als wir denken
steigen aus unseren plattgewalzten Schnee-Engeln
echte Engel auf
streifen sich das Eis von den Flügeln
sehen uns still hinterher
ins warme Haus
nicken sich zu
fliegen frostig strahlend ihrer Wege
Nachtschichtbeginn

Der Dienstag dichtet! 🙂  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch Wortgeflumselkritzelkram, Mutigerleben, Werner KastensFindevogel, die Wortverzauberte und  Ein Blog von einem Freund sind mit von der Partie. Schaut doch mal bei ihnen vorbei, der Dienstag fängt besser an mit ein bisschen Wortzauberei!

Ach ja: Ich weiß, den Schnee-Engel schreibt man eigentlich Schneeengel. Aber mal ehrlich: Das ganze Gedicht fällt in sich zusammen, wenn da jemand versehentlich Schnengel liest (so wie ich im ersten Versuch). Das wäre zwar sehr lustig, aber so gar nicht meine Intention. Deswegen hier die kreative Lösung für alle Probleme: Der oft unterschätzte, chronisch mißverstandene Bindestrich! Glücklicherweise ist er wenigstens kein Auslaufmodell wie das wunderschöne „ß“ mit seinen weichen Rundungen und dem scharfen Innenleben, das ich verteidige, wo ich kann… 🙂

 

Dialog-Engel

Dialog-Engel

„Entschuldigung, darf ich mich Ihnen vorstellen?“
„Äh… was?“
„Ich bin Nr. 723 und Ihnen heute als Dialog-Engel zugeteilt. Sagen Sie nichts – ich weiß, Ihnen kommt das sicherlich genauso seltsam und überflüssig vor wie mir.“
„Ein… Dialog-Engel?“
„Richtig. Ich weiß nicht, wer da oben gerade die Aufträge verteilt, aber glauben Sie mir, ich falle momentan von einem schwarzen Loch ins andere.“
„Oh. Tut mir leid.“
„Ach, muss es nicht. Obwohl, wenn ich mir meine letzten Aufträge ansehe, sollte ich mir doch leid tun… Ich meine, ein Hühneraugen-Engel? Ernsthaft? Oder ein Autokorrektur-Vermeidungs-Engel? Ich bitte Sie! Und das bei meinen Qualifikationen!“
„Hühneraugen…?“
„So ist es. Sie haben richtig gehört. Und nun also Sie. Gut. Ich bin hier, ich bin Profi, legen wir los. Sie haben Probleme beim Dialog-Schreiben, habe ich gehört?“
„Äh… ja, richtig. Aber Sie müssen mir nicht helfen, Sie haben doch bestimmt wichtigeres zu tun, so als Engel, oder?“
„Nein! Das ist es ja! Ich bin nur für Sie da, auch wenn Ihnen das völlig sinnlos erscheinen mag! Und mir auch. Trotzdem. Dialog also. Wo liegt denn Ihr Problem?“
„Naja, also… mir fällt nichts ein.“
„Ihnen fällt nichts ein. Das ist ja weltbewegend. Herzzerreissend. Und warum fällt Ihnen nichts ein?“
„Wir haben als Hausaufgabe auf, einen Dialog zu schreiben, ohne große Erklärungen im Nebentext, am besten wäre es, gar keinen Nebentext zu schreiben, und mir fällt einfach keine Situation ein! Ich schwimme hier schon seit Ewigkeiten in der Runde, es ist zum Haareraufen!“
„Richtig. Schwimmen. Das hätte ich sowieso noch angesprochen. Wie kommen Sie bloß auf die absurde Idee, dass Ihnen ausgerechnet hier etwas sinnvolles einfallen würde? Warum geht man mit so einem Problem ins Schwimmbad? Dieser Ort hier ist doch nun wirklich das genaue Gegenteil von Würde, Anstand, Zurückhaltung!“
„Äh… echt?“
„Natürlich! Sehen Sie sich doch um! Badehosen und Badeanzüge und drumherum und drunter die raue Wirklichkeit, wie soll einem da überhaupt noch ein kreativer Gedanke kommen! Was haben Sie sich dabei gedacht!“
„Ich find´s eigentlich ganz schön hier…“
„Ach, papperlapapp! Wenn man etwas schreiben will, geht man in die Bibliothek! Aber doch nicht ins Schwimmbad, also wirklich… mein Gott, womit habe ich das verdient!“
„Dürfen Sie das?“
„Was?“
„‚Mein Gott‘ sagen?“
„Oh! Habe ich?“
„Jepp.“
„Ach du liebe Güte… sind Sie sicher? Sowas rutscht mir sonst nie raus, das müssen die Umstände sein, Dialog-Engel, Hühneraugen, Autokorrektur, da kann man schon mal danebengreifen…“
„Naja…“
„Mal ehrlich, sehen Sie mich doch an! Sehe ich aus wie ein einfacher Unterengel? Wissen Sie, wievielen armen Seelen ich schon geholfen habe? Ich bin die personifizierte Erfahrung! Licht, Liebe, Leben! Nichts, was mir nicht gelingt! Gebt mir Überschwemmungen, Ehekrisen oder Blogger mit Identitätskrise, ich werde mit allem fertig, aber das hier? Mein Gott!“
„Sie haben es schon wieder…“
„Jaja, ich weiß. Tut mir leid. Geben Sie mir einen Moment, ich muss mich kurz beruhigen… wo waren wir… Dialog. Gut. Dialog. Also. Sie wollen einen Dialog im Schwimmbad schreiben, warum auch immer, egal. Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, reale Personen aus Ihrem Umfeld zu verwenden?“
„Hmm… “
„Was, hmm? Was kritzeln Sie da eigentlich die ganze Zeit in Ihr Heft?“
„Ach, nichts, ganz unwichtig.“
„Wieso schreiben Sie irgendwas unwichtiges, wenn ich hier all meine Kapazitäten ausschöpfe, um Ihnen zu helfen? Respekt ist doch wohl das mindeste, was ich erwarten kann, oder?“
„Wissen Sie, Sie haben mir schon geholfen. Vielen Dank! Sie waren super, wirklich!“
„Ehrlich?“
„Absolut.“
„Einfach so? Wir haben doch noch gar nicht richtig angefangen!“
„Sehen Sie, das ist eben Ihr Genie!“
„Ach… ja… dann, äh, dann gehe ich wohl mal wieder. Ein schönes Leben noch…“
„Wünsche ich Ihnen auch.“
„Ein seltsamer Mensch, sehr seltsam… aber gut. Was haben wir als nächstes… nein! Tintenklecks-Verhinderungs-Engel? Nein! Womit habe ich das verdient!“

Himmlischer Käse

Himmlischer Käse

Du bist deprimiert. Ganz und gar deprimiert. Es ist Sonntag, und in deinem Kühlschrank befindet sich eine Ecke Käse. Sonst nichts. In deiner gesamten Küche herrscht gähnende Leere. Du fühlst dich schrecklich ungeliebt und verlassen. Und kalt ist es auch. Naja, vielleicht ist das auch nur das Loch in deinem Magen. Als du dich gerade gemütlich in deinem Elend einrichtest und überlegst, wer alles an dieser Situation schuld ist, tippt dir von hinten jemand auf die Schulter. Du machst erschrocken einen Satz nach vorn und fällst dabei beinahe über einen Stuhl.
„Entschuldigung! Tut mir wirklich entsetzlich leid! Ich hätte anklopfen sollen!“ Dein Besucher ringt die Hände und versucht, zerknirscht auszusehen, aber es gelingt ihm nicht. Der Frohsinn strahlt ihm aus allen Poren. Du bist verwirrt.
„Wer sind Sie?“ fragst du und überlegst, wie er in deine Wohnung gekommen ist.
„Ich bin dein Sonntagsengel!“ ruft dein Besucher voller Enthusiasmus. „Mein Name ist Camembert. Und bitte, können wir uns duzen? Ich kriege das einfach nicht hin mit dem Siezen.“
„Mein Sonntags… “ stotterst du und guckst hilflos.
„Genau! Vor zwei Minuten wurde mir mitgeteilt, dass es hier eine häusliche Krise gibt und ein Eingreifen notwendig ist. Und da bin ich! Du hast also nichts zu essen?“
„N–nein…“
„Na, dann wollen wir mal nachsehen!“ Er dreht sich zweimal um sich selbst und scannt deine Küche, dann hüpft er zum Kühlschrank und reißt die Tür auf. „Ah! Käse! Das ist nicht Nichts!“ ruft er freudig überrascht.
„Naja“, sagst du weit weniger freudig, „an einem Sonntagmorgen kann man doch wohl etwas mehr als eine alte Käseecke erwarten, oder?“
„Meinst du das ernst? Ach Gott. Er meint es wirklich ernst.“ Camembert guckt an die Zimmerdecke und schüttelt den Kopf. Er nimmt den Käse aus dem Kühlschrank und hält ihn dir unter die Nase. „Schau mal. Und wie er duftet!“
Du bist skeptisch. „Wie Käse halt riecht. Nach Käse eben.“
„Neinnein, schau genauer hin. Konzentrier dich. Vor dem Käse gab es eine Wiese, die gemäht wurde. Aus dem frischen Gras wurde Futter für die Kuh, die die Milch für den Käse gegeben hat. Hörst du sie? Ihre sanften Kaugeräusche? Es war eine schwarzbunte, mit kleinen Sommersprossen auf der Nase. Und sie hatte ein Kälbchen bei sich. Die Milch für deinen Käse wurde an einem sonnigen Tag gemolken, sie ist durch viele Hände gegangen, bevor sie zu diesem Stück hier wurde. Jeden Tag wurde der Käselaib gewendet und mit Salzwasser bestrichen, monatelang hat das jemand für dich gemacht, dann hat ihn jemand verladen und zu deinem Händler gebracht, wo du ihn schließlich gekauft hast. Ist das nicht sogar ein Bergkäse? Ich weiß ja nicht, wie es dir geht, aber ich höre die Glocken beim Almauftrieb…“ Camembert lächelt versonnen.
Du guckst erst ihn an, dann das Stück Käse in seiner Hand. „Ok. Meinetwegen. Aber…“
„Du denkst viel zu eng“, unterbricht dich Camembert, legt das Käsestück auf einen Teller und greift nach einem Messer. Während er den Käse in Scheiben schneidet, redet er ununterbrochen auf dich ein. „Ich habe doch vorhin Brot gesehen. Ah, da ist es. Ein bißchen trocken, aber du verfügst ja wunderbarerweise über die Segnungen der modernen Technik, wie ich bemerken durfte. Du hast einen Toaster! Nein, noch viel besser – du hast einen Herd! Und Olivenöl ist auch noch da! Steh da nicht so rum, gib mir lieber das Salz. Danke. Olivenöl, Segen der trockenen Ebenen! Hörst du, wie die kleinen grünen Früchte platzen und das Öl freigeben? Dieser Duft dabei, unbeschreiblich! Und dein Brot, ach, ich höre den Wind, der über Getreidefelder streicht, kurz, bevor es reif ist. Hast du schon mal reife Getreidekörner direkt vom Feld probiert? Solltest du mal machen, das ist sensationell! Aber nimm nicht zu viele, wir wollen ja nicht die Bauern ärgern. Du könntest Teewasser aufsetzen, da drüben habe ich Teebeutel gesehen, und im Schrank ist noch ein bißchen Zucker, nein, da nicht, dahinter. Wo ist die Pfanne? Ah!“ Während er redet und redet, lässt er dein Olivenöl in der Pfanne heiß werden und salzt kräftig, danach legt er das in Scheiben geschnittene Brot in die Pfanne und röstet es. Auf einmal duftet es nach frischem Brot und Italien in deiner Küche. Als es von beiden Seiten knusprig braun ist, legt Camembert den Käse auf eine Brotseite und lässt ihn schmelzen. Dir läuft das Wasser im Mund zusammen, und während du den Tee aufgießt, guckst du immer wieder zu ihm hinüber.
„Du mußt Zucker in den Tee tun. Mehr. Noch mehr. Gut so. Das ist Pfefferminze, den muß man süß und sehr heiß trinken, wie in den arabischen Ländern, weißt du? Du kannst schon mal den Tisch decken, Essen ist gleich fertig!“
Du gehorchst ohne Widerworte. Deine Küche duftet so gut wie schon lange nicht mehr.
„So, fertig! Überbackene Bergkäsebrote, in Olivenöl gebraten, und frischen gesüßten Pfefferminztee!“
Ihr eßt schweigend. Kurz wunderst du dich darüber, dass das Essen jetzt für zwei reicht, obwohl du vorhin gedacht hast, noch nicht mal dich allein satt zu bekommen, aber dann ist es dir egal, und du genießt einfach den köstlichen Geschmack von geschmolzenem Käse, knusprigem Brot und als Kontrast dazu den süßen, heißen Tee. Als ihr fertig seid, lehnst du dich zurück. „Danke“, sagst du und meinst es auch so.
„Ach, nichts zu danken, ich bin hier nur der Koch, der mit diesen begnadeten Zutaten zaubern darf! Was ich übrigens noch sagen wollte“, Camembert sieht auf seine Fingernägel, „heute ist Erntedank. Du könntest ja mal wieder zu einem Gottesdienst gehen, oder? Danken schützt vor wanken und loben zieht nach oben, aber das kennst du ja, oder?“
Ein Gottesdienst? Heute? Du bist dir nicht sicher, ob er es ernst meint.
„Ich mein ja nur. Du könntest hinterher essen gehen, vielleicht will ja noch jemand mit? Ich muss dann auch mal wieder, du glaubst ja nicht, wieviele häusliche Krisen es jeden Tag gibt!“ Camembert springt auf, greift nach deiner Hand und schüttelt sie heftig. „Hat mich sehr gefreut! Vielleicht sieht man sich ja mal wieder! Lass nur, ich finde hinaus!“
Und schon ist er weg. Die Eingangstür hat kein Geräusch gemacht. Du bleibst noch einen Moment sitzen. Der Abwasch müsste erledigt werden.
Ein Erntedank-Gottesdienst. Grund zum Danken hättest du ja schon mal. Vielleicht wäre es einen Versuch wert.