Himmlischer Käse

Himmlischer Käse

Du bist deprimiert. Ganz und gar deprimiert. Es ist Sonntag, und in deinem Kühlschrank befindet sich eine Ecke Käse. Sonst nichts. In deiner gesamten Küche herrscht gähnende Leere. Du fühlst dich schrecklich ungeliebt und verlassen. Und kalt ist es auch. Naja, vielleicht ist das auch nur das Loch in deinem Magen. Als du dich gerade gemütlich in deinem Elend einrichtest und überlegst, wer alles an dieser Situation schuld ist, tippt dir von hinten jemand auf die Schulter. Du machst erschrocken einen Satz nach vorn und fällst dabei beinahe über einen Stuhl.
„Entschuldigung! Tut mir wirklich entsetzlich leid! Ich hätte anklopfen sollen!“ Dein Besucher ringt die Hände und versucht, zerknirscht auszusehen, aber es gelingt ihm nicht. Der Frohsinn strahlt ihm aus allen Poren. Du bist verwirrt.
„Wer sind Sie?“ fragst du und überlegst, wie er in deine Wohnung gekommen ist.
„Ich bin dein Sonntagsengel!“ ruft dein Besucher voller Enthusiasmus. „Mein Name ist Camembert. Und bitte, können wir uns duzen? Ich kriege das einfach nicht hin mit dem Siezen.“
„Mein Sonntags… “ stotterst du und guckst hilflos.
„Genau! Vor zwei Minuten wurde mir mitgeteilt, dass es hier eine häusliche Krise gibt und ein Eingreifen notwendig ist. Und da bin ich! Du hast also nichts zu essen?“
„N–nein…“
„Na, dann wollen wir mal nachsehen!“ Er dreht sich zweimal um sich selbst und scannt deine Küche, dann hüpft er zum Kühlschrank und reißt die Tür auf. „Ah! Käse! Das ist nicht Nichts!“ ruft er freudig überrascht.
„Naja“, sagst du weit weniger freudig, „an einem Sonntagmorgen kann man doch wohl etwas mehr als eine alte Käseecke erwarten, oder?“
„Meinst du das ernst? Ach Gott. Er meint es wirklich ernst.“ Camembert guckt an die Zimmerdecke und schüttelt den Kopf. Er nimmt den Käse aus dem Kühlschrank und hält ihn dir unter die Nase. „Schau mal. Und wie er duftet!“
Du bist skeptisch. „Wie Käse halt riecht. Nach Käse eben.“
„Neinnein, schau genauer hin. Konzentrier dich. Vor dem Käse gab es eine Wiese, die gemäht wurde. Aus dem frischen Gras wurde Futter für die Kuh, die die Milch für den Käse gegeben hat. Hörst du sie? Ihre sanften Kaugeräusche? Es war eine schwarzbunte, mit kleinen Sommersprossen auf der Nase. Und sie hatte ein Kälbchen bei sich. Die Milch für deinen Käse wurde an einem sonnigen Tag gemolken, sie ist durch viele Hände gegangen, bevor sie zu diesem Stück hier wurde. Jeden Tag wurde der Käselaib gewendet und mit Salzwasser bestrichen, monatelang hat das jemand für dich gemacht, dann hat ihn jemand verladen und zu deinem Händler gebracht, wo du ihn schließlich gekauft hast. Ist das nicht sogar ein Bergkäse? Ich weiß ja nicht, wie es dir geht, aber ich höre die Glocken beim Almauftrieb…“ Camembert lächelt versonnen.
Du guckst erst ihn an, dann das Stück Käse in seiner Hand. „Ok. Meinetwegen. Aber…“
„Du denkst viel zu eng“, unterbricht dich Camembert, legt das Käsestück auf einen Teller und greift nach einem Messer. Während er den Käse in Scheiben schneidet, redet er ununterbrochen auf dich ein. „Ich habe doch vorhin Brot gesehen. Ah, da ist es. Ein bißchen trocken, aber du verfügst ja wunderbarerweise über die Segnungen der modernen Technik, wie ich bemerken durfte. Du hast einen Toaster! Nein, noch viel besser – du hast einen Herd! Und Olivenöl ist auch noch da! Steh da nicht so rum, gib mir lieber das Salz. Danke. Olivenöl, Segen der trockenen Ebenen! Hörst du, wie die kleinen grünen Früchte platzen und das Öl freigeben? Dieser Duft dabei, unbeschreiblich! Und dein Brot, ach, ich höre den Wind, der über Getreidefelder streicht, kurz, bevor es reif ist. Hast du schon mal reife Getreidekörner direkt vom Feld probiert? Solltest du mal machen, das ist sensationell! Aber nimm nicht zu viele, wir wollen ja nicht die Bauern ärgern. Du könntest Teewasser aufsetzen, da drüben habe ich Teebeutel gesehen, und im Schrank ist noch ein bißchen Zucker, nein, da nicht, dahinter. Wo ist die Pfanne? Ah!“ Während er redet und redet, lässt er dein Olivenöl in der Pfanne heiß werden und salzt kräftig, danach legt er das in Scheiben geschnittene Brot in die Pfanne und röstet es. Auf einmal duftet es nach frischem Brot und Italien in deiner Küche. Als es von beiden Seiten knusprig braun ist, legt Camembert den Käse auf eine Brotseite und lässt ihn schmelzen. Dir läuft das Wasser im Mund zusammen, und während du den Tee aufgießt, guckst du immer wieder zu ihm hinüber.
„Du mußt Zucker in den Tee tun. Mehr. Noch mehr. Gut so. Das ist Pfefferminze, den muß man süß und sehr heiß trinken, wie in den arabischen Ländern, weißt du? Du kannst schon mal den Tisch decken, Essen ist gleich fertig!“
Du gehorchst ohne Widerworte. Deine Küche duftet so gut wie schon lange nicht mehr.
„So, fertig! Überbackene Bergkäsebrote, in Olivenöl gebraten, und frischen gesüßten Pfefferminztee!“
Ihr eßt schweigend. Kurz wunderst du dich darüber, dass das Essen jetzt für zwei reicht, obwohl du vorhin gedacht hast, noch nicht mal dich allein satt zu bekommen, aber dann ist es dir egal, und du genießt einfach den köstlichen Geschmack von geschmolzenem Käse, knusprigem Brot und als Kontrast dazu den süßen, heißen Tee. Als ihr fertig seid, lehnst du dich zurück. „Danke“, sagst du und meinst es auch so.
„Ach, nichts zu danken, ich bin hier nur der Koch, der mit diesen begnadeten Zutaten zaubern darf! Was ich übrigens noch sagen wollte“, Camembert sieht auf seine Fingernägel, „heute ist Erntedank. Du könntest ja mal wieder zu einem Gottesdienst gehen, oder? Danken schützt vor wanken und loben zieht nach oben, aber das kennst du ja, oder?“
Ein Gottesdienst? Heute? Du bist dir nicht sicher, ob er es ernst meint.
„Ich mein ja nur. Du könntest hinterher essen gehen, vielleicht will ja noch jemand mit? Ich muss dann auch mal wieder, du glaubst ja nicht, wieviele häusliche Krisen es jeden Tag gibt!“ Camembert springt auf, greift nach deiner Hand und schüttelt sie heftig. „Hat mich sehr gefreut! Vielleicht sieht man sich ja mal wieder! Lass nur, ich finde hinaus!“
Und schon ist er weg. Die Eingangstür hat kein Geräusch gemacht. Du bleibst noch einen Moment sitzen. Der Abwasch müsste erledigt werden.
Ein Erntedank-Gottesdienst. Grund zum Danken hättest du ja schon mal. Vielleicht wäre es einen Versuch wert.

Ausgelesen, nein, ausgeliebt: Fliegen lernen. Von Susanne Niemeyer.

Ich bin ja eigentlich gar nicht so der Engelstyp. Ich stelle mir selten bis nie vor, dass so ein Engel mich beschützt oder besucht oder wasauchimmer tut, ich fürchte, ich bin da eher der pragmatische Typ. Wozu ein Engel, wenn Gott es auch selber tun könnte? Andererseits, mal ernsthaft, möchte man Gott höchstselbst neben sich haben, wenn man gerade einfach mal in Ruhe ein Eis essen will? Das wäre schon ein klein wenig einschüchternd, fürchte ich. So ein Engel ist da eine deutliche Nummer kleiner, zugänglicher irgendwie, ihm kann man auch die Fragen stellen, die man sich beim Chef direkt dann doch nicht trauen würde. Wo war ich? Richtig. Eigentlich bin ich gar nicht der Engelstyp. Trotzdem habe ich dieses Buch geschenkt bekommen, vermutlich, weil die Schenkerin wusste, dass ich Susanne Niemeyers Bücher durch die Bank weg alle mag, und so kam es, wie es kommen musste: Ich mag das Buch. Sehr.

Neunzehn (eigentlich zwanzig, wenn man die erste Seite dazu nimmt) kurze Geschichten enthält das Buch, alle inspiriert durch sehr unterschiedliche Bibeltexte. Und wenn ich anfangs noch dachte, hm, neunzehn mal einen Engel zu Wort kommen lassen, ob das nicht langweilig wird nach ein paar Geschichten, wurde mir spätestens bei der dritten Geschichte klar, hier ist gar nichts vorhersagbar, und langweilig wird das auf gar keinen Fall. Keine Geschichte gleicht der anderen, es gibt Superman-Engel, Wegweiser, aus-der-Bahn-Werfer, erdende Engel, verletzte, Lichtanzünder… und sie agieren im Dialog, als Erzählung, aus verschiedenen Perspektiven, als Ich-Erzähler, es wird über sie spekuliert, es wird gelacht, sie werden geträumt, es nimmt kein Ende mit den Neuigkeiten in diesem Buch und es ist einfach wunderbar.

Und wenn ich anfangs noch dachte, mal sehen, es ist ja gar nicht so dick, das Buch, das habe ich bestimmt schnell durch, wurde sehr schnell entschieden, das ist viel zu gut, um es zack-zack durchzulesen, das wird rationiert, damit es bloß nicht zu schnell zu Ende ist, und das bedeutet, jeden Abend eine Geschichte, mehr nicht. Tja. Und dann war ich jeden Abend gerührt, erfreut, den Tränen nah und hätte am liebsten – aber nein, Finger weg, nur eine pro Abend.

Wer also den Gedanken an Engel mag, sich fragt, ob es sie gibt und wo sie sein könnten, lese bitte dieses Buch. Auch, wer kleine Schönheiten zum Vorlesen sucht, lese es bitte. Im Übrigen kann überhaupt jeder, der sich etwas Gutes tun will, dieses Buch lesen. Und verschenken kann man es selbstverständlich auch. Am besten, man nimmt Glanzpapier beim Einpacken, damit es von außen genauso leuchtet wie von innen.

18. Dezember, 18. Päckchen

Montag. Schon wieder. Uff. Montags scheint es immer viel früher als sonst zu sein, wenn der Wecker klingelt. Naja, was solls, hilft ja nix. Immerhin gibt es ja das 18. Päckchen, das heute in Form eines großen Briefumschlags auftritt.

Wir haben einen neuen Mitbewohner! Ein kleines, türkises Wollknäuel betritt meine Küche, und kann seine Herkunft nicht leugnen: Flügel? Kegelrock? Türkis? Eindeutig ein Bewohner des Planeten Pluto, mit friedlichen, weihnachtlichen Grüßen, ganz klar  🙂 .

13. Dezember, 13. Päckchen

Heute morgen habe ich es immerhin noch geschafft, das Päckchen zu öffnen und mich zu freuen. Ein großes, glitzerndes heute:

Und sehr leicht! Wie eine Feder… oder so ähnlich. Seeehr vorsichtig öffnen… das Papier ist widerspenstig… und:

Ein höchst beeindruckender Flauschengel! Majestätisch guckt er auf meinen kleinen, staunenden Tischengel herunter. Diese beiden sind definitiv nicht von derselben Sorte. Vermutlich ist der vorne noch in Ausbildung, während der flauschige bereits in sehr viel höhere Sphären vorgerückt ist. Fast meine ich Harfenklänge zu hören… und dann bringt er auch noch einen Vers mit:

Ja. So kann man zur Arbeit aufbrechen, auch wenn es draußen seit etwa siebenhundertvierundachtzig Stunden regnet, alles immer durchnässt ist und  mein Fahrrad langsam Grünspan ansetzt. Heute gab´s wieder beeindruckende Windregenböen an unseren Bürofenstern hoch über der Weser. Da kann so ein Engel auf keinen Fall schaden.

1. Dezember, 1. Päckchen

Vorfreude!

Es ist ein Engel! Ein brandneuer, und noch etwas schüchtern…