es gilt

es gilt
im Dorngestrüpp
aus schlechter Laune
Überforderung
dem Viel-zu-viel
die kleinen Dinge
zu suchen
gelungenen Kuchen
kurzes Lachen
sich hinsetzen dürfen
nach einem langen Tag
diese Dinge zählen
alles andere
lass hinter dir
blick nicht zurück
Dornenranken wachsen
bei Beachtung

Ausgelesen: Kommando Abstellgleis. Von Sophie Hénaff.

Lange hat es mir keine solche Freude mehr bereitet, ein Ermittlungsteam kennenzulernen. Niemand in der Truppe um Anne Capestan ist ohne Blessuren oder tragische Elemente, und das macht den Reiz dieses Buches aus: Jeder wird so akzeptiert, wie er ist, mit allen Fehlern und Macken. Diese Fehler und Macken haben das Team überhaupt erst möglich gemacht: Niemand wollte die Trinker, Verlierer, Unangepassten oder Versager im Polizeiapparat, man will sie loswerden, und wie wird man ungeliebte Kollegen los? Man gründet ein Team, das alte, ungelöste Fälle untersuchen soll und geht davon aus, dass diese traurigen Gestalten gar nichts mehr lösen werden, nie wieder. Um ganz sicher zu gehen, stellt man ihnen eine Wohnung ohne Einrichtung, Telefon und PC zur Verfügung, die viel zu klein wäre, wenn wirklich alle vierzig Polizisten dieser Einheit zum Dienst auftauchen würden. Anne Capestan, die vom Dienst suspendiert wurde, weil sie unerlaubt auf jemanden geschossen hat und nun zur Leiterin dieser Geistereinheit wegbefördert wurde, hat anfangs Sorge, ob überhaupt jemand auftauchen wird – und nichts ist ihr so zuwider wie Untätigkeit. Aber dann, nach und nach, tauchen ein paar verlorene Seelen auf, Merlot, der Trinker, Torrez, der Unglücksbringer, Lebreton, der schwule, traurige Witwer, Eva, die steinreiche, aber einsame Schriftstellerin.

Sophie Hénaff lässt sich Zeit, sie führt behutsam in die Abgründe und Gründe der gescheiterten Polizisten ein, lässt sie als Team ganz langsam zusammenwachsen und gerade die widrigen Umstände, die das Team eigentlich vom Arbeiten abhalten sollten, beflügeln sie zur Zusammenarbeit. Dabei gibt es absurde Situationen, bei denen man nicht ganz sicher weiß, ob man nun lachen darf oder lieber nicht, aber wie man es auch damit hält, sie lockern das Buch ganz ungemein auf. Nachdem das Team sich einigermaßen gefunden hat, nimmt auch der Kriminalfall deutlich an Fahrt auf, es wird zum Schluß hin richtig spannend.

Geschrieben ist es in typisch französischer Art, die auch durch die Übersetzung hindurch scheint. Lockere, trockene Sätze, die eine ganz eigene Sprachmelodie haben, manchmal distanziert, manchmal sehr nah dran am jeweiligen Protagonisten. Die Abwechslung zwischen beidem, Distanz und Nähe, reizt zum Weiterlesen, denn man möchte mehr erfahren über die Hauptpersonen, man wünscht ihnen Besserung und die Wendung zum Guten.

Mir hat das Buch zu meiner eigenen Überraschung sehr gefallen, anfangs war ich nämlich etwas skeptisch, aber dann entwickelte es sich zu einem meiner Lieblingskrimis des Jahres 2018. Natürlich ist es schon Anfang 2017 erschienen, ich bin wie immer zu spät, aber wen juckt´s! Das Buch ist einfach gut, da kann man auch später noch schwärmen 🙂 .

Kreislauf

Wenn ich weniger allein wäre,
dann würde ich mir weniger Fragen stellen.

Wenn ich mir weniger Fragen stellen würde,
dann wäre ich unbeschwerter.

Wenn ich unbeschwerter wäre,
dann hätte ich mehr Lebensfreude.

Wenn ich mehr Lebensfreude hätte,
dann würde ich mehr unternehmen.

Wenn ich mehr unternehmen würde,
dann hätte ich mehr Kontakt mit anderen.

Wenn ich noch mehr Kontakt mit anderen hätte,
dann wäre ich vielleicht irgendwann genervt.

Wenn ich genervt wäre,
dann würde ich mehr Zeit für mich haben wollen.

Wenn ich mehr Zeit für mich hätte,
dann wäre ich öfter allein.

Wenn ich öfter allein wäre,
dann würde ich mich vielleicht einsam fühlen.

Wenn ich mich weniger einsam fühlen würde,
dann würde ich mir weniger Fragen stellen.

Wenn ich mir weniger Fragen stellen würde,
dann wäre ich unbeschwerter.

Wenn

(Der Konjunktiv ist selten die Lösung des Problems.)

Ausgelesen: Nur ein Sommer mit dir. Von Kat French.

Das war ein wirklich richtig netter Sommerroman! Alice ist von ihrem untreuen Schauspieler-Ehemann verlassen worden und lebt nun allein in ihrem Traumhaus, Borne Manor, das sie eigentlich für ihre zukünftige Familie liebevoll eingerichtet hatte. Sie ist froh, dass der Presserummel nach der Affaire vorbei ist und ein wenig Ruhe eingekehrt ist. Alice liebt ihr Haus heiß und innig, aber die Unterhaltungskosten sind hoch, ihr Einkommen nicht vorhanden, also muss eine Idee her. Und die, die sie hat, ist völlig verrückt, aber für die Leser von romantischen Liebeskomödien ein Glücksfall: Sie wird das Haus über den Sommer vermieten, die Einnahmen für das Haus verwenden und selber in einen alten Wohnwagen auf dem Grundstück ziehen. Und so findet sie sich bald außerhalb des Hauses vor, in das Robinson eingezogen ist, ein Country-Musik Star aus den USA, der ebenfalls von seiner Ehefrau getrennt lebt, weil sie ihn betrogen hat. Er sucht Ruhe und Abgeschiedenheit und kann sich nicht vorstellen, jemals wieder Musik zu machen. Seine Gitarre hat er allerdings trotzdem dabei… und mit Alice in ihren roten Gummistiefeln hat er ebenfalls nicht gerechnet. Zwei verletzte Seelen, die sich auf nichts Neues einlassen wollen, vereint auf einem Grundstück – das schreit ja geradezu nach einer Romanze…

Das Buch ist frisch, lebendig und humorvoll geschrieben, die Hauptprotagonisten sind nett und sympathisch, die Nebenfiguren voller Witz und Originalität, das Haus ist ein Traum für jede Einrichtungssoapliebhaberin – klar, im wahren Leben läuft das so nicht, aber deswegen liest man solch ein Buch ja auch nicht. Wer braucht schon Realität in einer Sommerromanze? Mir hat das Lesen großen Spaß gemacht, das Buch ist eine echte Perle zwischen all den Liebesromanen auf dem Markt, und ich werde die Autorin auf jeden Fall im Auge behalten.

Was wir alles nie erfahren werden

Was wir alles nie erfahren werden
oder: Das geheime Leben der Nachbarn

Als da wären:

  • die jährliche Anzahl der Schlafanzugtage
  • wie oft es kalte Pizza zum Frühstück gibt
  • wie viele „komm-gut-durch-den-Tag-Küsse“ verteilt werden
  • wer wen füttert und wie viel daneben geht
  • wo das geheime Schmuckversteck ist
  • wie viele belegte Brote gegessen werden, weil niemand Lust zum Kochen hat
  • wer wann die Nachbarn belauscht
  • wie schrecklich zäh das aus dem Fenster sehen und warten sein kann
  • wie laut das Vermissen in Räumen widerhallt
  • die Menge der geweinten nächtlichen Tränen
  • die Lautstärke der zugeschlagenen Türen
  • wie beängstigend dunkel Abhängigkeit sein kann
  • die Anzahl der Tage, die auf dem Sofa oder im Bett verbracht werden
  • wie viel Sport nicht gemacht wird
  • welche Menge an Schokolade spurlos verschwindet
  • wie oft die romantische Szene im Lieblingsfilm wiederholt wird
  • wie langsam stille Zeit vergeht, begleitet nur vom Ticken der alten Uhr
  • wie zärtlich das Foto des Ehemanns vorm Schlafengehen gestreichelt wird
  • dass die Katze doch ins Bett darf
  • wo es überall Platz für zwei gibt, wenn man frisch verliebt ist
  • wie viele Tagträume geträumt werden und was sie bewirken
  • wer wem die Socken anzieht
  • und wer wem beglückt alles andere auszieht

Ausgelesen: Ab in den Süden! Aus der Reihe „Wundervolle Sommer“. Von Zidrou und Lafebre.

Es ist 1973 und die Familie  Faldèrault fährt wie jedes Jahr mit ihrem roten R2 in den Urlaub. Alles scheint wie immer, doch dieses Mal ist etwas anders: Mado, die Mutter, glaubt nicht mehr daran, dass ihrem Mann Pierre als Comiczeichner der Durchbruch gelingt. Sie ist müde von all den Kompromissen, die ein solcher Beruf mit sich bringt und plant, ihren Mann zu verlassen. Ob der Urlaub daran noch etwas ändern kann?

Das Buch ist wunderbar gezeichnet, die Figuren sind gut getroffen, nicht zu idyllisch, aber auch nicht zu realistisch, die Farben passen zum Sommer und man liest die kleine, überschaubare Geschichte mit einem Lächeln im Gesicht. Damals, als es noch möglich war, einfach wild zu campen, als es noch keine Handys gab und man wirklich weg war für ein paar Wochen – ja, das war schön. Aber auch ein klein wenig Wehmut kommt auf, denn vorbei ist vorbei, und auch ernste Töne gibt es in einer guten Mischung im Buch.

Eine schöne Beschäftigung für einen Abend, in Vorfreude auf einen eigenen geplanten Urlaub sicherlich besonders gut geeignet. Ich habe das Gefühl, viele Familien würden sich mit einem Lächeln wiederfinden in dieser warmherzigen, gut gemachten, überraschend realistischen Familiengeschichte.

Ausgelesen: Das grosse Los. Von Meike Winnemuth.

Ich bin mal wieder zu spät. Jeder, den es auch nur halbwegs interessiert, hat dieses Buch vermutlich bereits gelesen. Und sich großartig unterhalten gefühlt. Aber egal: Vielleicht gibt es da draußen ja doch noch die ein oder andere, die noch nie etwas von diesem Buch gehört hat (haha!) und nun von mir auf diese wunderbare Geschichte hingewiesen wird! Also: Man nehme einen 500.000,– Euro Gewinn bei Wer wird Millionär, einen Entschluss und heraus kommt ein fantastisches Jahr voller neuer Erfahrungen, Erlebnisse und Begegnungen, und daraus wird dann dieses Buch!

Meike Winnemuth beschließt nach ihrem Glückstreffer, das nächste Jahr in zwölf verschiedenen Städten zu verbringen, in die sie immer schon mal reisen wollte. Sie packt einen Koffer mit dem nötigsten, ihren Laptop, bucht Wohnungen und fliegt einfach los. Das Buch liest sich wie eine Mischung aus Abenteuer-Roman, Sehnsuchtstraum und Mut-Mach-Rezept, man ist fast geneigt zu glauben, man selber könnte so was ja vielleicht auch…

Die Autorin erzählt aber auch von Städten, mit denen sie nicht warm wurde, von Selbstzweifeln, Einsamkeitsgefühlen und der totalen Unlust, wieder nach Hause zu kommen und von der Gewissheit, es kann danach nicht einfach so weitergehen wie vorher – keine Chance. Das Jahr hat mehr verändert als den Kontostand (wobei der gar nicht so viel leerer wurde), es hat viele Fragen nach der Art zu Leben aufgeworfen, ob es sinnvoll ist, in vorgegebenen Routinen zu leben, das zu tun, was alle tun – oder eben nicht.

Dabei ist sicher zu berücksichtigen, dass Meike Winnemuth ein kontaktfreudiger Mensch ist, es fällt ihr leicht, auf andere zuzugehen und ins Gespräch zu kommen, und es ist sicher auch nicht von Nachteil, dass sie als freie Autorin von überall auf der Welt aus arbeiten kann. Aber selbst, wenn man das alles nicht ist oder kann – trotzdem! Vielleicht nicht für ein ganzes Jahr, aber zwei Monate im Jahr so etwas zu machen – hach. Schön wäre das. Sehr, sehr schön. Und das ist das schönste, was dieses bunte, spannende, ermutigende Buch mit einem anstellt: Es macht Lust auf Veränderung. Die ja vielleicht doch gar nicht so unmöglich ist. Man muss sich eben nur trauen…