Februarwünsche

Februarwünsche

Mein sind Sonnenschein, Wind und Mohnblumenduft! Und die kleine, grüne Götterspeise am Abend. Ich will über blühende Wiesen laufen und dabei Puderzuckerschneewolken aufwirbeln, mein ist der Blauhimmel mit den Wolkenschiffen, mein sind die Frösche in der Quelle und der erste Tee am Morgen. Dazu sollen Schneeflocken fallen! Mein Atem geht ein und aus und ein, das Brot duftet nach Herbst, solange ich bin. Mein ist der Schneenebel vor der Sonne und der Holunderblütensirup im Winterpunsch. Geh aus, mein Herz, und suche Freud, denn dies ist deine geschenkte Lebenszeit!

6. Februar

„Was trinkst du da?“ fragt Oink.
„Rotwein“, sage ich.
„Rotwein… wie schmeckt das? Und warum ist der in so einem komischen Glas auf einem Ständer?“
Ich überlege. „Der schmeckt wie… strenger Traubensaft mit Wärme. Und warum die Gläser so einen Stiel haben… ich habe keine Ahnung.“
Oink starrt von unten auf das Glas. „Du trinkst doch sonst immer Tee oder Milch oder Wasser.“
„Schon. Aber hier, einmal in der Woche, gibt es Rotwein.“
„Kann ich mal probieren?“
Ich grinse. „Klar. Aber du wirst Flecken auf deinem rosa Bauch bekommen, und ich meine mich zu erinnern, dass du da sehr etepetete bist.“
Oink guckt beleidigt. „Ich bin gar nicht etepetete!“
„Doch.“ Ich überlege. „Ich weiß was: Wir machen das so wie bei den Frühstückseiern.“
Oink strahlt. „Ja!“

Als er auf der Flasche sitzt, atmet er tief ein. „Oh!“
Ich nicke wissend.
„Das fühlt sich interessant an“. Oink wiegt sich hin und her. „Duftet nach Weintrauben. Und Mandali… Margarin… Mandarinen! Und Bitterschoddolade?“ Er hickst. „Bitterschnoddru… Bitterschorolade… egal.“
Ich reibe mir übers Kinn. „Ich glaube, du solltest da runterkommen.“
„Noch´n Momentchen… hicks. HICKS!“ Oink fällt vom Flaschenhals. „Puh! Warum dreeeeht sich alles? Hassu den Tisch auf Rollen gestellt? HICKS!“
Ich glaube, ich habe ein betrunkenes Eierwärmerschwein auf dem Esstisch, das bedrohlich auf den Tischrand zuwankt. Ups. Jetzt ist er vom Tisch gefallen.
Morgen wird er einen fürchterlichen Kater haben. Und das nur vom dran schnuppern! Armer Oink. Ich sollte Eis bereit legen.
Ich kann nicht anders: Während ich ihm über den Teppich hinterher robbe, grinse ich breiter als ein Honigkuchenpferd.

Fräulein Honigohr und das Orange

Fräulein Honigohr und das Orange

Fräulein Honigohr ist unzufrieden mit der Gesamtsituation. Es regiert der unentschlossene Februar, der nicht weiß, was er sein will, Frühling, Winter oder karnevalsbetrunken, und weil ihm aufgrund der aktuellen Situation der Karneval weggebrochen ist, weint er auch noch andauernd große, runde Tropfen oder kalten Schnee. Fräulein Honigohr mag Schnee und auch Regen, beides kann sie nicht erschüttern, aber was zuviel ist, ist zuviel. Es gibt ein Maximalmaß an Grau, das sie ertragen kann, und das wurde definitiv überschritten.
Entschlossen tunkt sie den Pinsel in das Orange und betrachtet zufrieden, wie apfelsinenfarbene Tropfen zusammen mit dem unvermeidlichen Regen in den Farbeimer fallen. Dann streicht sie die erste Laterne orange. Sie ist sich nicht ganz sicher, wie sie es geschafft hat, oben an den Lampenschirm zu kommen, aber wenn Fräulein Honigohr etwas unbedingt will, bekommt sie es meist auch. Als nächstes kommt die Parkbank dran, dann ein schrecklich verwahrlost aussehender Papierkorb, der schon bessere Zeiten gesehen hat. Fräulein Honigohr findet, er sieht dankbar aus nach der orangenen Überholung. Gerade widmet sie sich mit Hingabe einem grauen Verteilerkasten, als sie von einem Lautsprecher angeschrien wird.
„Was genau machen Sie da? Ja, Sie mit den gepunkteten Gummistiefeln!“
Fräulein Honigohr dreht sich mit dem Farbpinsel in der Hand um. Am Straßenrand steht ein Streifenwagen, aus dem Seitenfenster guckt ein halbjunger Polizist mit Mikrophon in der Hand. Fräulein Honigohr lächelt und schreit zurück: „Ich vertreibe das Grau!“
„Kommen Sie doch bitte mal ans Auto!“ schreit der Lautsprecher.
Fräulein Honigohr seufzt, legt den Pinsel in den Eimer und stapft durch den Regen zum Streifenwagen. Sie beugt sich zum halbjungen Polizisten herunter. Der Regen tropft aus ihrer Kapuze auf seinen Ärmel. „Ich hab heute noch sehr viel zu tun“, sagt sie ungnädig, „was ist denn?“
Der halbjunge Polizist macht eine Handbewegung zu seinem Kollegen am Lenkrad. Der ist grauhaarig und hat einen kleinen Bauchansatz. Er guckt Fräulein Honigohr neugierig an. „Ich wollte nur mal fragen, wo sie dieses unglaubliche Orange her haben. Das strahlt ja wie ein Sonnenuntergang am Meer! Meine Tochter würde es lieben!“
Fräulein Honigohr nickt geschmeichelt. „Es ist toll, nicht? Ist eine Eigenanfertigung. Zufälligerweise habe ich noch einen Eimer… hier, Sie können ihn haben.“ Von irgendwoher aus dem Regen fischt sie einen zweiten Eimer Orange und reicht ihn tropfend über den halbjungen Polizisten hinweg zu dem Grauhaarigen.
„Vielen Dank!“ Er strahlt. „Das ist toll! Was wollen Sie dafür haben?“
Fräulein Honigohr winkt bescheiden ab. „Gar nichts. Viel Freude damit. So, und jetzt muss ich wieder, wie gesagt, ich habe noch viel zu tun heute.“ Sie winkt den beiden Männern kurz zu, die einmal kurz das Blaulicht aufflackern lassen und langsam weiterfahren. Dann widmet sie sich wieder ihrem Orange, das mittlerweile durch zuviel Regen leicht verwässert ist. „Zetermordio“, murmelt sie, „Februar, du bist wirklich zu weichmütig. Reiß dich mal zusammen! Ich tue schon, was ich kann! Du könntest ruhig etwas entgegenkommender sein!“
Der Februar schnieft. Dann reißt er sich zusammen.
Wenn Fräulein Honigohr nämlich etwas wirklich will, sollte man besser zuhören.

Das war ein Beitrag zu den Extra-Etüden, die von Christiane organisiert werden – vielen lieben Dank dafür, Christiane! Die Regel: Fünf Begriffe in maximal 500 Wörtern (die ich dieses Mal bravourös unterschritten habe! Hah!) Wortspender waren Ludwig Zeidler und Ulrike von Blaupause7. Sie lauteten: Zetermordio, weichmütig, backen, Lautsprecher, orange (NICHT die Frucht, die Farbe), erschüttern. Jetzt könnt ihr ja mal gucken, welche ich verwendet habe… 🙂

Kleine Schönheiten

  • der PC mit (fast) unbegrenzten Möglichkeiten
  • freundliche Telefonate
  • kompetente Nothelfer
  • zoom-Treffen
  • Schlittenfahrer beobachten
  • selber Schlitten fahren
  • Puderzuckerschneewolken
  • verschneite Wälder und Felder
  • Schneemänner. Schneemänner! ♥
  • bei -5° draußen die Heizung anstellen können
  • Brot schneiden
  • Tee mit Holunderblütensirup
  • Schneeflocken zusehen
  • die bestellten Masken kommen tatsächlich an
  • das rosa Buch aus dem Schaufenster einfach kaufen
  • die kleine, grüne Götterspeise am Abend

Fäden

leise Gespinste weben dünne Fäden
zwischen mir und anderen
hauchzart
leichter zu zerreißen als Luft
leuchtende Kostbarkeiten
wertvoller als alles
ich hüte sie sanft
Löwenmuttergefühle

Der Dienstag dichtet!  
Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch WortgeflumselkritzelkramMutigerlebenWerner KastensFindevogel, die Nachtwandlerin, Lindasxstories, Myriade, Gedankenweberei, 
Emma Escamilla, Wortverdreher und Lebensbetrunken, der BerlinAutor, Vienna BliaBlaBlub, Heidimarias kleine Welt und Traumspruch sind mit von der Partie. Viel Freude an so viel geballter Kreativität!

lasst uns Wintersonne sein

lasst uns Wintersonne sein
an strengen Frosttagen
uns verströmend aus vollem Herzen
nichts zurückverlangen
die abweisende Landschaft ruft nach uns
gleissend hell verwandeln wir sie
wie der Höchste uns
nichts tragen wir ihr nach
wärmen die kalten Felsblöcke
streicheln die stechenden Dornen
erfrorenes Gras leuchtet auf mit uns
lasst uns die Erde verwandeln
durch den warmen Schein unserer Herzen
der Höchste wird lächeln
und alles wird hell sein

nach Lukas 6, 35-37

30. Januar

Oink schnüffelt. „Das ist also Tee?“ fragt er und sieht verwirrt aus. „Ich dachte immer, Tee wäre schwarz und heiß und ich darf nicht reinspringen, weil ich dann Blasen auf der Nase bekomme?“ „Schnee“, berichtige ich, „es heißt Schnee. Und Tee ist auch nicht immer schwarz, obwohl der beste immer schwarz…“ ich verstumme. Das wird zu kompliziert. „Schnee… Schnee…“ murmelt Oink und dreht seine Ohren hin und her. „Er piekst! Und ist weich. Und leise. Ich dachte von drinnen, er würde rascheln, aber das tut er gar nicht…“ Oink tapst mit den Füßen im Schnee herum und guckt über den Balkonkastenrand. „Und das liegt jetzt überall?“ fragt er. Ich nicke. Mir schwirren Worte wie Wetter, Klima und Regionen im Kopf herum, aber ich spreche sie nicht aus. Stattdessen hauche ich auf meine kalten Finger, betrachte Oink, der vor sich hin staunt und beschließe, heute Nachmittag einen Schneespaziergang zu machen. „Wollen wir wieder rein?“ frage ich. „Geh ruhig schon“, sagt Oink, „ich muss noch ein bisschen den Schnee ansehen… er ist so hell, fast wie eine Kerzenflamme, nur kälter… und er riecht wie… wie etwas sehr Neues, oder?“ Ich nicke. Vielleicht bleibe ich doch noch eine Minute draußen.

Ausgelesen: Als Larson das Glück wiederfand. Von Martin Widmark und Emilia Dziubak

Es gibt Bilderbücher und Bildbände, und dann gibt es noch die ganz, ganz wunderbaren Bilderbücher, bei denen man beim Ansehen denkt, oh meine Güte, wo könnte ich dieses Bild herbekommen, damit ich es rahmen, an meine Wand hängen und es dann jeden Tag etwa hundertmal ansehen kann? Zu diesen Bilderbücher gehört Als Larson das Glück wiederfand. Dieses Buch hat außerdem das große Glück, dass nicht nur die Illustrationen traumhaft schön sind, sondern auch der Text, und beides zusammen ergänzt sich, windet sich umeinander, beflügelt sich zur nächsten poetischen Seite, und so entsteht bei jedem Umblättern etwas Neues.

Wir lernen Larson kennen, einen grantigen, einsamen alten Herrn, der sich tief in sich zurückgezogen hat. Seine Frau ist gestorben, seine Kinder wohnen woanders und er trauert. Sein Haus trauert mit ihm und träumt von vergangenen, helleren Tagen.

Zeichnungen und Text spielen miteinander, was der Text nicht sagt, zeigen die Bilder, was die Bilder nicht sagen können, erzählt der Text. Ich habe selten etwas schöneres gesehen.

Dann wird Larson gestört. Wer wagt es, ihn in seinem selbstgewählten Exil zu stören? Vor der Tür steht ein kleiner Junge, der ihm einen Blumentopf in die Hand drückt und ihn bittet, sich um ihn zu kümmern, während er im Urlaub ist. Dann verschwindet er und lässt Larson mit dem Topf voller Erde zurück, der jeden Tag gegossen werden muss. Larson ist nicht begeistert, aber gegossen werden muss der Topf ja nun. Der Junge wäre sonst traurig, und das geht nicht, das erklärt sich von selbst.
Während Larson die Erde gießt, ändert sich etwas. Vielleicht gießt er auch sich selbst, auf jeden Fall öffnet er die Fenster und lässt Licht und Luft in sein Haus. Er fängt an, aufzuräumen und die Fenster zu putzen, und während die kleine Blume wächst, kommt sein Kater zurück und Herr Larson vergisst zum ersten Mal, seiner toten Frau Gute Nacht zu sagen.

Als der kleine Junge aus dem Urlaub zurückkommt, blüht nicht nur seine Blume, sondern auch Larson, und eine der schönsten Geschichten über Trauer und das Zurückkommen ins Leben, die ich je gelesen habe, ist zu Ende. Unaufdringlich, leise erzählt, bildgewaltig und gleichzeitig hochemotional – ich bin sogar beim Schreiben dieses Textes wieder gerührt. Sehr große Empfehlung für alle, die schöne und gut gemachte Bücher lieben, und auf gar keinen Fall nur für Kinder.

28. Januar

Oink sieht nachdenklich aus. „Du“, sagt er, „wenn ich meinen Job mache, wird mir ganz warm von innen, aber davor und danach, da ist mir seltsam. Ich fühle mich so… so… leer. Als ob etwas passieren sollte, aber es passiert nichts. Und dann kriege ich schlechte Laune, und alles wird irgendwie farblos. Was ist das?“ Ich überlege. „Dir ist langweilig“, sage ich schließlich.

Oink wackelt mit den Ohren und grunzt leise. „Du brauchst ein bisschen Abwechslung“, sage ich, „da können wir was machen.“ „Echt?“ fragt Oink. „Klar“, sage ich.

gegen die Unbehaustheit

gegen die Unbehaustheit

eine Walnußschale
groß genug für mein Herz
zwei Lieblingsbücher
ein paar neue Geschichten
zarte Wünsche und Tulpen müssen hinein
das Bett
Bleistift und Papier
das schöne, bunte
vielleicht ein Tisch
aus dunklem Holz
mit Stuhl
und Kerze zum Frühstücken
Geräusche
und Gelächter
ein Horizont wär schön
eine Walnußschale für mein Herz
gegen die Unbehaustheit

Der Dienstag dichtet!  
Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch WortgeflumselkritzelkramMutigerlebenWerner KastensFindevogel, die Nachtwandlerin, Lindasxstories, Myriade, Gedankenweberei, 
Emma Escamilla, Wortverdreher und Lebensbetrunken, der BerlinAutor, Vienna BliaBlaBlub, Heidimarias kleine Welt und Traumspruch sind mit von der Partie. Viel Freude an so viel geballter Kreativität!