Beziehungskisten

Du versuchst, dich zu konzentrieren, aber das ist schwierig. Dein Schweinehund liegt hinter dir auf dem Bett und schmollt. Er macht dabei seine typischen Schmollgeräusche: Eine Mischung aus leisem Winseln und tiefen, dramatischen Atemzügen.
Du beendest deinen letzten Satz und nimmst die Hände von der Tastatur. Dann drehst du dich zu ihm um. „Na?“ sagst du.
Dein Schweinehund knurrt leise und dreht sich von dir weg, aber die dramatischen Atemzüge werden lauter. Du wartest. Und richtig: Plötzlich springt dein Schweinehund auf, hüpft vom Bett und baut sich vor dir auf. Er stemmt die Pfoten in die Hüften, schiebt die Unterlippe vor, sieht dir ins Gesicht und ruft: „Und das nach so vielen, gemeinsamen Jahren! Bin ich dir denn gar nichts wert?!“
Du guckst verständnislos, und als du nicht sofort antwortest, wirft dein Schweinehund die Pfoten theatralisch in die Luft und beginnt vor dir auf und ab zu marschieren.
„Ich verlange doch wirklich nicht viel, nur ein klein wenig Beachtung! Ab und zu ein Gespräch, nur ein paar Worte, damit ich weiß, dass ich existiere, ach was, ein ‚Hallo du‘ würde mir ja schon ausreichen, aber du, du siehst mich ja gar nicht mehr! Als ob ich gar nicht da wäre! Kein Wort heute seit über einer Stunde, weisst du, wie ich mich da fühle? Ungeliebt!“ Beim letzten Wort heult er auf und bricht dramatisch vor dir zusammen.
Hm. Ok. Du könntest ihn jetzt darauf hinweisen, dass eine Stunde wirklich nicht lang ist, aber im Moment hat das wohl eher keinen Sinn. Also setzt du dich neben deinen Schweinehund auf den Boden und streichst ihm vorsichtig über das gesträubte Rückenfell. Er schnieft laut, dreht sich aber nicht weg. Ein gutes Zeichen.
„Hör mal“, sagst du, „ich weiß, ich hab in den letzten Tagen nicht viel Zeit mit dir verbracht.“
„Nicht viel? Das ist ja wohl die Untertreibung des Monats!“
„Ok, ok, du hast ja Recht, und es tut mir auch leid.“
„Echt?“ Er setzt sich auf, die Augen noch ganz verheult, und starrt dich an.“Es tut dir leid? Das hast du nicht mehr gesagt, seit… seit… ich glaube, das hast du noch nie gesagt!“
„Siehst du? Du bist mir wohl was wert.“ Du siehst deinem Schweinehund in die Augen. Du meinst es ernst. „Was wäre ich schon ohne dich? Du bist meine innere Stimme, meine Korrektur, mein in-den-Hintern-Treter. Ohne dich würde ich nur auf der Stelle laufen und nicht vom Fleck kommen.“
Dein Schweinehund starrt dich an. „Das meinst du ernst, oder?“
Du nickst. „Heiliges Indianerehrenwort.“
„Ohhhhhh… “ Dein Schweinehund strahlt gerührt, dann verdüstert sich seine Miene wieder. „Warum hast du dann nie Zeit für mich?“
Du lächelst. Jetzt kommt das Beste. „Naja, ich schreibe. Dabei muss ich mich konzentrieren.“
„Aber warum denn so viel? Du sitzt dauernd an diesem Computer, ich fühle mich dann so… so… einsam!“ Die Stimme deines Schweinehundes schwankt schon wieder bedrohlich.
„Du bist halt eine anspruchsvolle Persönlichkeit, die kann ich nicht einfach kurz und knapp beschreiben, da braucht man schon ein bißchen mehr Zeit als üblich.“
„Was?“ Dein Schweinehund starrt dich an. „Du schreibst über mich?“
„Na klar. Über wen denn sonst?“
Dein Schweinehund ist sprachlos. Das kommt selten vor, und du genießt den kleinen Moment der Ruhe und des Triumphs, und dann ist er auch schon wieder vorbei.
„Über mich? Wirklich? Echt jetzt? Was schreibst du denn? Doch hoffentlich nur Gutes? Wie bin ich denn, wenn du mich schreibst? Kann ich das mal lesen? Darf ich mal sehen? Los, los, hilf mir mal auf den Stuhl! Komm schon, jetzt sitz da nicht so rum!“ Er hüpft vor dem Schreibtisch auf und ab und blickt dich erwartungsvoll an.
Du stehst auf und versuchst, streng zu gucken. „Dir ist schon klar, dass niemand meine unfertigen Texte lesen darf, ja?“
„Och, bitteeeee!“ Er bleibt stehen und sieht dich mit großen, glänzenden Kinderaugen an, und du schwankst.
„Na gut. Aber nur einen! Und nur einen kurzen!“
Dein Schweinehund strahlt. „Du liest vor, ok? Und weisst du was? Dann lasse ich dich in Ruhe, mindestens eine Stunde lang. Damit du weiterschreiben kannst!“

Lieben Dank an Gertrud fürs Stempeln und Basteln! 🙂

Neulich im Blumenbeet

Neulich fiel mein Fahrradschlüssel ins Blumenbeet. Es war so ein schmaler, kleiner Schlüssel, unauffällig schwarz, und das machte er sich zunutze: Er verschwand. Ich fand ihn nicht wieder, so sehr ich auch suchte. Schließlich gab ich auf, knackte das Fahrradschloß und fuhr trotzdem ins Grüne.
Es regnete ein paar Nächte nacheinander, tagsüber war es warm und schön und ich vergaß das Ganze. Bis gestern Abend. Ich kam nachts nach Hause und wunderte mich. Da hing ein Schwarm winziger Lichter im Garten, und ich meinte, da wäre ein leises Klingeln zu hören. Glühwürmchen? Hier? Vorsichtig ging ich auf die Lichter zu, das zarte Klingeln kam näher und dann sah ich es: In meinem Blumenbeet war ein Draisinenstrauch gewachsen, genau an der Stelle, an der ich meinen Fahrradschlüssel verloren hatte.
Nässe und Wärme hatten zusammengearbeitet, und so hatten sich überall Blüten geöffnet, münzengroße Fahrräder, deren Räder sich im Windhauch leise drehten und zahllose winzige Fahrradlampen zum Leuchten brachten. Ab und zu klingelte eines von ihnen, als ob es rufen würde: „Platz da, jetzt komm ich!“
Ein bisschen enttäuscht ging ich ins Haus. Glühwürmchen wären mir lieber gewesen. Oder richtige Lichter, größere! Nächstes Mal würde ich einfach meine Taschenlampe ins Beet fallen lassen. Das wäre doch gelacht.

Heimat

Heimat

grüne Weiden
blauer Himmel mit Schäfchenwolken
rote Backsteinhäuser mit (meist) gepflegten Vorgärten
mit ausreichend Platz zum nächsten
kleine uralte Dörfer mit grünen Ortsschildern
grasende Schwarzbunte
tuckernde Trecker
freundlich-neugierige Menschen
mit gebührender Distanz
und breitem Akzent
oder gleich auf Platt
Tee auf Stövchen
knisternde Kluntjes im Porzellantässchen
mit aufsteigenden Wulkjes
Wallhecken
Kennzeichen EMD, AUR, LER
würziger Kindheitsgeruch von Kuhfladen
flaches Land
Weite
durchatmen

Nach (ziemlich) langer Zeit mal wieder ein Text von Himmelgraublau – ich freu mich, vielen Dank! 🙂

Das Paradies ist ein Garten

Das Paradies ist ein Garten.
Der Regen dort ist freundlich.
Verbünde dich mit ihm:
Streichle alte Eichen.
Erweiche die Erde.
Sei Wolkentänzerin.
Verwandle dich im Sonnenschein.
Komm wieder.
Das Paradies ist ein Garten.
Der Regen dort ist freundlich.

Der Dienstag dichtet!  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch Wortgeflumselkritzelkram und  Mutigerleben sind mit von der Partie. Wer den Dienstag also mit Gedichten beginnen will: Herzlich willkommen!

Briefe aus dem Paradies II

Liebe Angst,

ich bin tatsächlich hier, obwohl du doch immer soviele Zweifel hattest: Im Paradies. Und es ist ganz anders, als ich gedacht habe! Wenn ich denn überhaupt geglaubt habe, dass es eines gibt (was ja nicht immer der Fall war, wie du sehr wohl weißt).
Das Paradies: Es ist ein Garten. Lach nicht, das ist kein Witz: Es ist ein Garten. Es regnet hier durchaus (siehst du die Tropfen auf dem Papier?), aber es stört niemanden. Der Regen ist freundlich. Es gibt Unkraut und Wühlmäuse, und beides darf sein. Nur nicht im Übermaß. Alles hält hier Maß. Es gibt von allem, Sonne und Regen, Waffeln und Stangensellerie, aber im richtigen Verhältnis. Niemand weicht dem Schmerz aus, aber er nimmt nicht überhand. Knospen und Verblühtes stehen nebeneinander und wir sehen hin und lächeln. So ist es, so wird es sein.
Für mich gibt es Bücher. Und Mittagsschläfchen. Für andere Gesellschaft. Musik. Und Geschichten. Arbeit gibt es auch, nicht zuviel, aber auch nicht zuwenig. Man muss ab und zu müssen, sonst verliert das Dürfen an Freude.
Überhaupt: Freude. Die ist hier sehr wichtig. Große und kleine, schnelle und lange Freude, es gibt viele Arten, und du darfst dir aussuchen, welche du bevorzugst. Auch die minimale, trockene Freude, die mit einem Wimpernschlag vorbei ist, ist hier erwünscht. Alle Tränen, die du noch nicht geweint hast, darfst du hier nachholen, und wenn du damit fertig bist, geht jemand mit dir einen Kaffee trinken. Oder Tee. Es gibt einen kleinen See im Paradies, ein bisschen moosig, aber es gibt einen Steg und Libellen. Das Wasser ist kühl.
Ich sehe nicht alles hier. Manche Dinge sind nicht für mich gedacht. Das ist ok. Ich brauche keine Joggingrunde am Morgen. Für mich ist der langsame Spaziergang zum Fluß, die Liege unter dem Apfelbaum und die Bibliothek. Für dich wäre es vielleicht etwas anderes, wer weiß.
Gott kommt jeden Abend vorbei, und das ist gar nicht angsteinflößend, wie du mir immer gesagt hast. Ich freue mich auf ihn. Er fragt mich nach meinem Tag, manchmal legt er mir auch nur kurz die Hand auf die Schulter. Ich frage ihn auch nach seinem Tag, aber ich glaube, er verschweigt mir vieles. Ich liebe ihn sehr.
Noch bin ich ja nicht endgültig hier, sondern zu Besuch. Gott hat mir ein Geschenk gemacht: Er hat mir gezeigt, wie ich das Paradies mitnehmen kann. In einer Tasse Tee, einem Buch, beim Blick in den Himmel und schon ist es da, ganz nah, im Handgepäck.
Liebe Angst, es war schön, nach langer Zeit mal wieder mit dir zu schreiben. Ich bin wirklich froh, dass du Unrecht hattest. Du auch?

Deine (zuversichtliche) Stachelbeermond

Briefe aus dem Paradies I

Briefe aus dem Paradies I

Potentielle Empfänger:

  • meine Angst
  • der Unglaube
  • der Zweifel
  • mein zukünftiges Ich
  • meine Eltern
  • die Freunde
  • die BILD
  • die ZEIT

mittagsfragment

13.57
Verbotenerweise ist das Fenster geöffnet. Es regnet. Auf der Scheibe liegen verlorene Eichenstückchen. Sie werden durch den Regen nicht abgewaschen. Vielleicht werden sie für den Rest der Zeiten dort kleben.

13.58
Eine Fliege hat mein Zimmer gefunden. Ich scheuche sie weg. Sie fliegt auf mein Bein. Ich scheuche sie weg. Sie fliegt auf meine Schulter. Ich scheuche sie weg. Sie fliegt auf meine Hand. Ich scheuche sie weg.

13.59
Das Bett ist weich. Die Fliege beobachtet mich. Ich schlafe ein.

 

Nein, das hat keinen tieferen Sinn. Ich fand es trotzdem faszinierend. Das Leben ist oft fragmentarisch, ohne Höhen oder Tiefen, es gleitet dahin wie Butter in einer heißen Pfanne. Das ist gleichermaßen beunruhigend und beruhigend, und das alles im selben Moment. Was wäre, wenn diese Momente nicht weniger wichtig sind als andere und wir sie nur nicht bemerken?