Anderswelten

Ich mag es, die Welt ein ganz klein wenig nach links oder rechts zu verrücken. Sie wird dann ein bisschen lauter, bunter oder anders. Wer hat festgelegt, dass man als Erwachsene ausschließlich rational sein darf? Wenn die rationalen Eckpfeiler ein wenig schräg stehen, wird das Leben interessant. Muss eine Schwalbe immer nur eine Schwalbe sein, oder darf sie auch aus dem Flug heraus brüllen: „Ey, du Landei, verschwinde da unten, sonst kack ich dir auf den Kopf!“? Ich finde, sie darf das. 😁

Septembergedanken

Septembergedanken

würzige Morgenluft
tunkt Zuckerwolken in den Kaffee
die Schritte hoffnungsfroh
der Kopf
voll leichten Wissens
vielleicht
wird heute alles gut
die Herbstzeitlosen blühen

Der Dienstag dichtet!  
Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht.
Auch Wortgeflumselkritzelkram
Mutigerleben
WernerKastens
die Nachtwandlerin
Myriade
Gedankenweberei
Emma Escamilla
Wortverdreher
Lebensbetrunken
der BerlinAutor
Vienna BliaBlaBlub
Heidimarias kleine Welt
Red Skies over Paradies
Your mind is your only limit
Dein Poet
Geschichten mit Gott
Lindasxstories
Findevogel
und Traumspruch sind mit von der Partie.
Viel Freude bei allen Besuchen!

Was ist des Lebens Ruf an dich?

Ich bin mir nicht sicher, ich konnte ihn noch nie verstehen, er ist schrecklich heiser und hustet die ganze Zeit. Von Zeit zu Zeit mache ich ihm einen Kamillentee und ermahne ihn zu inhalieren, aber er sieht mich immer nur aufgebracht mit rollenden Augen an, klopft mit den Knöcheln auf den Tisch und versucht, etwas zu brüllen, aber es kommt nichts, dann muss er husten, und schließlich geht er mit hängenden Schultern davon. Ich sehe ihm dann mitleidig hinterher. Ein Lebensruf ohne Stimme zu sein, muss schrecklich deprimierend sein.

Der Schweinehund schreibt mit links

Der Schweinehund schreibt mit links

„Guck mal!“, rufst du, „ich kann mit links schreiben!“ Du betrachtest voller Begeisterung die unförmigen Buchstaben, die du mit links vollbracht hast. ‚Mit links schreiben ist toll‘ steht da, und mit etwas Fantasie kann man es auch lesen. Du bewegst die Finger deiner linken Hand hin und her. Erstaunlich, was die alles können. „Du solltest das auch mal probieren!“ rufst du deinem Schweinehund zu.
„Nö“, antwortet er aus der Küche.
„Aber es ist toll! Echt! Das fühlt sich total anders an als sonst, so… so… neu!“
Dein Schweinehund kommt mit einer Tasse Kakao in der Pfote ins Schreibzimmer. „Schön für dich“, murmelt er und balanciert die übervolle Tasse vorsichtig auf den Tisch.
„Voller hättest du´s nicht machen können?“ fragst du spöttisch.
„Doch, aber dann wäre es übergeschwappt.“ Dein Schweinehund pustet auf die sahnige Haube.
Du seufzt innerlich, aber dann kommst du wieder aufs Wesentliche zurück. „Probiers doch mal aus! Ich sag dir, das ist, als ob man wieder neu schreiben lernt! Guck mal, so sieht es bei mir aus.“ Du hältst ihm das Papier unter die Nase.
Dein Schweinehund wirft einen kurzen Blick drauf. „Eine echte Meisterleistung. Wahnsinn.“
„Nicht?“ Du nickst eifrig und betrachtest verliebt deine links geschriebenen Worte.
„Was soll das da heissen?“ Dein Schweinehund tippt auf das Wort ’schreiben‘.
„Schreiben!“ erklärst du eifrig.
Dein Schweinhund grinst.
Du spitzt die Lippen. „Du nimmst mich nicht ernst.“
„Ich nehme dich immer ernst“, erklärt dein Schweinehund ernst, „aber kann es sein, dass du in letzter Zeit zu viel zuhause warst?“
„Wieso?“ fragst du.
„Naja, vorhin hast du den Herd geschrubbt und mir erklärt, dass man mit Zahnbürsten erstaunliche Putzergebnisse hinbekommt. Dann hast du eine gelbe Birne in die Lampe gedreht und irgendwas von ‚am Strand und gleichzeitig zu Hause‘ gerufen. Und jetzt das hier.“ Er hält dein Papier in der Pfote.
Du schniefst beleidigt. „Ach Quatsch“, sagst du herablassend, „du solltest es einfach mal ausprobieren, ehrlich.“
„Gib her“, sagt dein Schweinehund, nimmt deinen Stift und schreibt mit der linken Pfote etwas aufs Papier. „Bitteschön.“
„Geht doch!“ rufst du und greifst nach dem Papier. ‚Wir sollten einen Ausflug machen. Der Metzgerladen ist noch geöffnet.‘ steht da. Die Schrift sieht sauber und flüssig aus, im Gegensatz zu deinen krakeligen Versuchen. Du guckst verdutzt hoch.
„Ich bin Linkspfoter“, sagt dein Schweinehund grinsend. „Wollen wir? Die Würstchen vom Metzger sind die besten.“

Ausgelesen: Gute Geister. Von Kathryn Stockett.

Zu diesem Buch brauche ich eigentlich nichts mehr zu schreiben, es ist so oft besprochen worden, begeistert gelobt und verfilmt worden, das spricht für sich. Aber trotzdem: Man kann es gar nicht oft genug empfehlen. Lest es, Leute! Es ist wunderbar geschrieben, spannender als jeder Krimi, der Inhalt verschlägt einem den Atem und nach der Lektüre weiß man ganz genau, warum jede Rassendiskriminierung ausgemerzt gehört. Und warum jeder Mensch jede Toilette auf dieser Welt benutzen müssen darf.
Den Film dazu kann ich ebenfalls sehr empfehlen, die Verfilmung ist großartig, hält sich sehr eng ans Buch (was gäbe es da auch zu verbessern) und die Schauspielerinnen sind einfach nur gut.

Morgengrauen

Morgengrauen

lauwarmes Morgengrauen
streicht komplizenhaft
über die Beine
der Tag gähnt lustlos
übergibt meine Hand dem Alltag
er küsst mich feucht
auf beide Wangen
ich lächle ergeben:
wir sind wieder ein Paar

Der Dienstag dichtet!  
Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht.
Auch Wortgeflumselkritzelkram
Mutigerleben
WernerKastens
die Nachtwandlerin
Myriade
Gedankenweberei
Emma Escamilla
Wortverdreher
Lebensbetrunken
der BerlinAutor
Vienna BliaBlaBlub
Heidimarias kleine Welt
Red Skies over Paradies
Your mind is your only limit
Dein Poet
Geschichten mit Gott
Lindasxstories
Findevogel
und Traumspruch sind mit von der Partie.
Viel Freude bei allen Besuchen!

Beobachtungen

Die Schnellstraße unten im Tal lärmt so gewaltig, als wollte sie ihr Platzrecht bis zum letzten Gummirad verteidigen.

Fräulein Honigohr geht zum Frisör

Fräulein Honigohr geht zum Frisör

Fräulein Honigohr öffnet schwungvoll die Ladentür und sieht sich um. Alle Plätze bis auf einen sind belegt, in der Ecke fegt ein Lehrling Haare zusammen. Eine der Frauen kommt mit Färbepinsel in der Hand auf sie zu.
„Wie kann ich Ihnen helfen?“ fragt sie.
„Ich würde mir gern die Haare schneiden lassen“, sagt Fräulein Honigohr.
„Wir sind leider gerade voll, Sie sehen ja.“ Die Frau macht eine vage Handbewegung nach hinten, wo fünf Damen in Bearbeitung sitzen.
„Aber er da ist doch noch frei?“ Fräulein Honigohr zeigt auf den Lehrling, der immer noch Haare fegt.
„Das ist unser Lehrling, der hat noch nie Haare am lebenden Modell geschnitten. Aber ich könnte Ihnen für morgen einen Termin machen.“
„Och“, sagt Fräulein Honigohr, „ich würde es trotzdem gern mit ihm probieren.“
Der Lehrling blickt zu ihr hinüber. Er sieht beunruhigt aus.
„Sie wollen doch kein Massaker auf Ihrem Kopf haben, oder?“ fragt die Frau und wirft dem Lehrling ein mitleidiges Lächeln ins Gesicht, das rot wie eine vollreife Tomate wird.
„Ich glaube, er würde das gut machen“, beharrt Fräulein Honigohr mit einer Spur Schärfe in der Stimme.
Die Frau kneift die Augen zusammen. „Ich lehne jede Verantwortung ab!“ erklärt sie in gehobener Lautstärke, „die Damen hier sind meine Zeuginnen!“ Die Reihe frisch gewaschener und geschnittener Köpfe nickt eifrig. Das hier ist besser als jede Zeitschrift. Kino im Frisörsalon!
„Gut“, sagt Fräulein Honigohr und marschiert auf den freien Stuhl zu. „Du hast mitgehört, oder?“ fragt sie den Lehrling, der jetzt wie eine Tomate im Sonnenuntergang glüht. Er nickt und kommt mit winzig kleinen Schritten auf sie zu, hinter sich einen Wagen mit Scheren und Bürsten. Er sieht aus, als ob er geradewegs auf dem Weg zum Schafott wäre. Ängstlich betrachtet er Fräulein Honigohrs braunes Haar, das wie üblich wild in alle Richtungen wächst. „Waschen kann ich, aber schneiden… wie wollen Sie es denn haben?“
„Such dir was aus.“ Fräulein Honigohr grinst, als sie das entsetzte Gesicht des Lehrlings sieht.
„Oh Gott“, murmelt der Lehrling, „ich hab das noch nie gemacht, ehrlich. Ich hoffe, Sie sind hinterher nicht sauer.“
Fräulein Honigohr bekommt ein kleines bisschen Mitleid. Sie hat kurz vergessen, dass nicht alle wie sie sind. „Hör mal. Ich mag Anfänger. Du wirst nicht gelangweilt an meinen Haaren herumschnippeln, für dich wird das ein Abenteuer. Und für mich auch. Anfänge duften nach Freiheit, Aufregung und Überwindung!“ Sie strahlt den Lehrling an. „Und keine Sorge, meine Haare überleben das. Du hast ja keine Ahnung, wie schnell die nachwachsen.“
Der Lehrling starrt auf seine Hände. Dann blickt er sich um. Zehn Augenpaare huschen zurück in Zeitschriften und auf Scheren und Kämme. Nur Fräulein Honigohr sieht ihn an. Vorsichtig lächelt er zurück.
Dann stellt er das warme Wasser an.

Eigentlich ganz einfach, oder?

Wie schmeckt dein Leben?

Auf Reisen hat mein Leben manchmal ein Zitronen-Gurken-Aroma, mit einem Hauch Meersalz. Dabei habe ich nie Zitronen oder Gurken dabei, mein Koffer wäre gar nicht groß genug dafür. Trotzdem schwebt dieser Duft um mich herum, und das Meersalz prickelt scharf in der Nase. Die Sehnsucht reist immer mit, und sie träumt davon, auf dem Zitronen-Gurken-Aroma davon zu fliegen wie auf einem Zauberteppich, leicht und grün mit minzigen Flügeln. Sie würde in ein Land fliegen, in dem alles hell und ohne Gewicht ist, die Sonne würde dort über dem Wasser schweben und ihre Strahlen tief eintauchen lassen, bis sie mit abertausend Reflexionen auf dem Grund ankommt und die Welt dort unten aufleuchten lässt.
Wenn ich daher ein Zitronen-Gurken-Aroma schmecke und Meersalz in der Nase prickelt, lehne ich mich zurück und warte. Man kann nie wissen.


Ausgelesen: Erdennah. Von Andreas Noga.

Hier haben wir ein kleines Gedichtbändchen mit ganz, ganz wunderbaren sehr kurzen Gedichten rund um das Thema Gott und Glaube. Es ist sowohl von innen als auch von außen sehr schön gestaltet, mit Lesebändchen und einfarbigen, bunten Innenseiten, Titel und Rückseite sind silbern geprägt. Innen gibt es außer den Gedichten auf das Wesentliche reduzierte Zeichnungen von Eberhard Münch.
Wer sich mit Gott beschäftigt, hat mit Sicherheit viele Fragen (also ich zumindest), und die finden sich in Gedichtform in Erdennah wieder. Kurz, knapp und klug werden Lebensfragen, Hoffnungen und Sehnsüchte zu Satzfragmenten geformt, die voller Inhalt stecken und von denen man jedes als Tagesmotto verwenden könnte.
Ich habe sie sehr gern gelesen und werde sie mit Sicherheit auch noch öfter lesen. Der Autor ist übrigens auch auf instagram aktiv: andreas_noga.