24. Dezember

Heiligabend! Der erste Schluck Tee am Morgen war wie Manna vom Himmel, und vielleicht war es das ja auch. Heute ist das letzte Päckchen dran, und meine Adventsbegleiter können es kaum abwarten.

Ich muss ganz schön knibbeln bei all den Knoten. Währenddessen singt der Schokoengel unablässig „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ leise vor sich hin.

Und was ist drin? Es ist auf jeden Fall ganz leicht und es gibt eine Schriftrolle.

Rot gepunktete, goldene Walnüsse! Und eine Geschichte! Liest du uns vor? fragt der Schokoengel. Wer ist Fräulein Honigohr? fragt das Schwein. Der geflügelte Adventsbegleiter lächelt wissend, sie scheinen sich zu kennen. Und während sich die Kerze in den Walnüssen spiegelt, lese ich vor: „Fräulein Honigohr läuft über die Wiese…“

Für alle nicht-Adventskalender-Besitzer ist die Geschichte unter diesem Beitrag erschienen. Meine Adventsbegleiter und ich wünschen frohe Weihnachten und versprechen, der Schokoengel wird Weinachten überleben. 😊🎄💫

Fräulein Honigohr und die Walnüsse

Fräulein Honigohr läuft über die Wiese. Das Gras ist nass und färbt ihre Schuhe dunkel, aber das ist nebensächlich. Der Alte hat nach ihr gerufen, und das ist noch nie vorgekommen. Sie macht sich Sorgen. Vielleicht hat er die Nussfäule? Das juckt wie die Pest, aber er hat schon schlimmeres überlebt, und wegen einer solchen Kleinigkeit würde er sie nicht rufen. Ob sie ihn abholzen wollen? Als sie beim Alten ankommt, hört sie fast schon das Gekreische der Sägen. „Da bin ich“, sagt sie, „was ist los?“
Der Alte rauscht mit den Blättern. Seine unzähligen Früchte kichern. „Nüsschen“, raunt er, „gut, dass du gekommen bist. Meine Kinder machen mich wahnsinnig, es ist nicht zum aushalten! Vielleicht kannst du ihnen diese verrückten Ideen ausreden. Mir fällt nichts mehr ein. Ich bin kurz davor, sie alle abzuwerfen!“
Fräulein Honigohr ist erleichtert. Keine Sägen! Sie stemmt die Hände in die Hüften. „Ach komm! Das würdest du doch nie tun!“
„Doch, würde ich!“ Der Alte rauscht grimmig.
Fräulein Honigohr spitzt die Lippen und guckt streng. „Soso. Wer ist die Wortführerin?“ fragt sie in die Runde.
„Ich!“ flüstert eine Stimme unten links. Es ist eine besonders dicke grüne Walnussfrucht. „Wir wollen keine Walnüsse sein! Walnüsse sind langweilig!“
„Und bitter!“ flüstert die Walnuss neben ihr.
„Und braun wollen wir auch nicht sein!“ raunt es aus einem höheren Ast.
„Keiner mag uns, und schwer zu knacken sind wir auch!“ wispert die Wortführerin. „Wir wollen Erdbeeren sein!“
„Erdbeeren, Erdbeeren, Erdbeeren!“ raschelt und flüstert es im Baum.
„Siehst du?“ raunt der Alte. „Ich werde noch verrückt hier!“ Er schüttelt sich und die jungen Früchte schaukeln bedrohlich hin und her.
„Lass das“, sagt Fräulein Honigohr. Der Alte seufzt und hält die Äste still. „Ihr wollt also Erdbeeren sein? Wirklich?“
„Jajajajajajaja! Süß und fruchtig und rot und weich!“ weht es im Baum umher. „Erdbeermarmelade! Erdbeeren mit Sahne! Erdbeerkuchen!“
„Wie kommt ihr denn bloß auf solche Ideen?“ fragt Fräulein Honigohr, aber die jungen Walnüsse hören ihr nicht zu, sie flüstern von Erdbeerträumen und Sommer.
Der Alte lässt die Äste knacken. „In schönen Nächten sitzen oft Menschen mit ihren Handys unter mir. Meine Kinder haben zugehört und zugesehen und jetzt sind sie verrückt geworden.“
Ach so. Fräulein Honigohr überlegt. „Hört mal. Das geht nicht. Ich kann euch nicht in Erdbeeren verwandeln. Für sowas braucht man eine Sondererlaubnis, und die ist wirklich schwer zu bekommen, glaubt mir, unzählige Formulare mit Durchschlag, und alle müssen durch alle Abteilungen, da wären wir im Frühling noch nicht fertig.“
Protestgeflüster weht durch die Äste und lässt die Blätter schwanken. Der Alte wiegt sich hin und her.
„Ich biete euch etwas anderes an. Ihr macht euren Vater sonst völlig verrückt, und ihr wollt doch sicher nicht vor der Zeit abgeworfen werden, oder?“ Sie lässt einen kleinen bedrohlichen Tonfall durch ihre Stimme schimmern und das Protestgeflüster verstummt.
„Was willst du tun?“ raunt die dicke grüne Walnussfrucht.
„Keine Erdbeeren. Aber ihr werdet Weihnachtswalnüsse sein. Golden mit roten Punkten. Das erinnert ein bisschen an Erdbeeren, und wenn die Menschen euch mögen, können sie euch zu Weihnachten in grüne Zweige hängen. Mehr ist nicht drin.“ Fräulein Honigohr klingt bestimmt. Eine Generation von rot gepunkteten Walnüssen ist doch sicher erlaubt, oder? Hoffentlich bleibt das oben unbemerkt, sie hat so gar keine Lust auf Ärger von höherer Stelle, aber sie ist dem Alten verpflichtet, schließlich kennen sie sich schon eine Ewigkeit. Und ein vorzeitiger Fruchtabwurf wäre gar nicht gut. Sie hört schon wieder die Sägen bedrohlich näher kommen.
„Golden, golden mit roten Punkten, roten Punkten“, wispert es im Baum.
„Aber Weihnachten ist doch noch ewig hin“, flüstert die dicke grüne Walnussfrucht protestierend. „Ewig hin, ewig hin“, wiederholen ihre Schwestern wispernd im Chor.
„Tja. Ihr müsst halt ein bisschen länger bei eurem Vater bleiben als geplant. Ihr könnt nicht alles haben.“
Die Walnussfrüchte seufzen, aber vom Erdbeergeraune ist nichts mehr zu hören.
Fräulein Honigohr schnipst mit den Fingern und ein kleines Knacken schwebt durch die grünen Früchte. „Erledigt. Ich hoffe, sie lassen dir jetzt ein bisschen mehr Ruhe“, sagt sie zum Alten.
„Das hoffe ich auch“, raunt er, „du hast was gut bei mir!“
„Ach, Papperlapapp“, sagt Fräulein Honigohr, „das war umsonst.“
Als sie geht, hört sie die Früchte kichern. „Golden und rot, golden und rot“ weht durch die Luft, und Fräulein Honigohr schüttelt den Kopf. Erdbeeren! Handys verändern wirklich alles.

23. Dezember

Ich bin erkältet. Ich möchte ja nicht meckern, aber meine Nase läuft schneller als der gestiefelte Kater. Meine Adventsbegleiter beäugen interessiert den wachsenden Berg Taschentücher, sie haben bemerkenswert wenig Mitgefühl. Das Päckchen! verlangen sie. Richtig, heute ist Nr. 23 dran.

Es ist groß und schwer und blau. Maaaarmelade! singt das Schwein. Und was ist drin?

Winterliches Apfelkompott! Hmmm… meine Adventsbegleiter schwelgen schon im Voraus. Wir brauchen ja höchstens einen Löffel voll, sagt das Schwein, der Rest ist für dich. Das ist bestimmt gesund und seeehr gut für dich! Jede Menge Vitamine, fügt der geflügelte Adventsbegleiter hinzu.

Guck an! Immerhin ein bisschen Mitgefühl! Da geht’s mir doch gleich besser. 😊 Das Apfelkompott wandert jetzt in den Kühlschrank und heute Mittag hat es seinen großen Auftritt.

22. Dezember

Weihnachten nähert sich mit großen Schritten, soviel steht fest. Mein Tannenbaum steht! Meine Adventsbegleiter haben tatkräftig geholfen und mir gesagt, was als nächstes aufgehängt werden soll. Aber jetzt ist erstmal Päckchen Nr. 22 fällig.

Es glänzt teddybäriggolden. Sieht nach ’ner Weihnachtskarte aus, kräht das Schwein. Und? Hat es Recht?

Es hatte Recht. Aber da versteckt sich noch was…

Ein weißer, weicher Stern! Kann der auf den Tannenbaum? fragt das Schwein. Ich denke schon, sage ich, du musst sagen, wo er hin soll. Von oben singt der Schokoengel „Schneeflöckchen, Weißröckchen, wann kommst du geschneit…“ Na jetzt! Das Programm für heute: Stern an den Baum, Erkältung pflegen, den Schokoengel nicht essen. Auf geht’s!

21. Dezember

Wir haben Nebelsuppe da draußen, so dick, dass man sie fast mit dem Löffel essen kann. Ich habe eine miese fiese Erkältung und röchle leise vor mich hin, aber für das 21. Päckchen reicht es in jedem Fall. Was haben wir denn heute?

Hübsch verpackt ist es in weiches Geschenkpapier. Und was ist drin?

Oh! Ein Schokoengel! ruft mein Adventsbegleiter. Der Schokoengel sieht sich neugierig um, schlägt die Augen nieder und fängt an zu singen: Von drauß vom Walde komm ich her und ich glaub, es weihnachtet sehr! Das Schwein ist völlig unbeeindruckt von der Singerei. Darf ich den essen? fragt es und schnuppert am runden Bauch des Schokoengels. Nein! rufen mein Adventsbegleiter und ich gleichzeitig aus. Och, sagt das Schwein enttäuscht. Apfel, Nuß und Mandelkern fressen fromme Kinder gern, aber keine Schokoengel nicht! Da üben sie Verzicht, singt der Schokoengel und rückt etwas dichter an meinen Adventsbegleiter heran. Hier wird niemand gefressen, sage ich streng und sehe das Schwein mahnend an. Jaja, mault es. Nichts darf man hier!

Als ich etwas später am Küchentisch vorbeikomme, höre ich, wie Schwein, Adventsbegleiter und Schokoengel gemeinsam Stille Nacht, eilige Nacht singen. Der Text kommt mir verändert vor… der Schokoengel scheint eine interessante Vergangenheit zu haben. Bei Gelegenheit werde ich ihn befragen.

20. Dezember

Fast schon Frühlingstemperaturen heute am dunkelsten Tag des Jahres! Schade um die Eisblumen, aber gut für die Hände. Mein Adventsteam ist heute sehr, sehr müde und außergewöhnlich ruhig. Das heutige Päckchen ist klitzeklein und sehr flach.

Was kann denn das sein, rätselt das Schwein. Mein Adventsbegleiter gähnt. Es sieht ausgesprochen niedlich aus, aber das sage ich ihm lieber nicht. Und was ist nun drin?

Weihnachtskarten mit Motiven aus Stoff! Schlagartig ist mein Adventsbegleiter wach. Kann ich eine haben? Ich würde gern eine schreiben! fragt er. Klar, sage ich. Und ich? mault das Schwein, was soll ich tun? Ich kann nicht schreiben! Du setzt einen Klauenabdruck auf die Karte, sagt der Adventsbegleiter. Ja! ruft das Schwein, in Rot! Ich überlege. Habe ich rote Farbe zuhause? Und wem wollen die beiden die Karte schreiben? Soviele Rätsel. Man merkt, lang dauerts nicht mehr bis zum Fest.

19. Dezember

Montag. Draußen fahren die Streufahrzeuge unablässig, das wird bestimmt eine Herausforderung heute. Wie früh die Streufahrzeugfahrer heute wohl aufgestanden sind? Das neunzehnte Päckchen leuchtet auf jeden Fall in warmem Rot.

Dem Schwein gefällt die Schnur. Und was ist drin?

Kleine Tannenbäume! Was habt ihr nur immer alle mit den Tannenbäumen? fragt das Schwein. Mein Adventsbegleiter und ich sehen uns an und lächeln wissend. Und was heißt das da auf der einen Tanne? fragt es gleich hinterher. Das heißt Joy, Freude, sage ich.

Das ist nett, sagt das Schwein, aber warum steht es auf einer nachgemachten Tanne? Ich hole tief Luft. Das ist eine längere Geschichte, sage ich. Soll ich sie erzählen? Ja! ruft das Schwein. Mein Adventsbegleiter fliegt in Positur, er macht beim Erzählen dieser Geschichte immer einen Lufttanz dazu. Ich fange an: Es begab sich aber zu der Zeit…

18. Dezember

Vierter Advent! Ich bin zu spät aufgestanden, heute ist ein voller Sonntag. Die Sonne scheint und ich habe zwei Paar Socken an, schaun wir, ob das reicht. Aber vor allem anderen gibt’s da das heutige Päckchen! Es sieht ein bisschen nach Hochprozentigem aus, finde ich. Wenn du weg bist, feiern wir ne Party! kräht das Schwein. Mein Adventsbegleiter schüttelt hinter seinem Ringelschwanz leicht den Kopf und ich bin beruhigt.

Und was ist drin?

„Little Freddie“ ist drin! Ich find’s toll, meine Adventsbegleiter sind eher ratlos. Das ist ein Bio-Walnußöl, kläre ich auf, guckt, sogar Babys dürfen das essen. Walnüsse? Das Schwein strahlt. Ich liebe Walnüsse, sagt es, besonders die Schalen, die knacken so schön! Ähm… sage ich, und dann sage ich nichts mehr. Sie werden es herausfinden.

17. Dezember

Ein pastellfarbener, eisiger Samstagmorgen. Wunderschön. Das heutige Päckchen passt dazu, weißsilber und schwer ist es, außerdem bietet es dem Schwein die perfekte Bühne.

Üch bün das Silberschwein und meine güldenen Locken funkeln! ruft es und kichert.

Sülberne, korrigiere ich und das Schwein seufzt. Jetzt hast du mich rausgebracht, beschwert es sich. Runter da, sage ich, hier geht es um wichtige Fotos. Marmelade, überlegt mein Adventsbegleiter, oder? Maaaaarmemelade!!! singt das Schwein und hüpft auf und ab.

Man beachte die Rosettenfältelung!

Mein Adventsbegleiter seufzt glückselig. Schokocreme! Die machen wir gleich auf, oder? fragt er. Aber sowas von! ruft das Schwein. Ich habe hier nichts hinzuzufügen. 😁

16. Dezember

Freitag. Warum heißt es eigentlich Freitag? fragt das Schwein, du hast doch gar nicht immer frei am Freitag? Äh, sage ich, gute Frage, ich hab keine Ahnung. Da solltest du dich aber drum kümmern, sagt das Schwein, du musst die Tage ernst nehmen! Puh, denke ich. Lasst uns das Freitagspäckchen öffnen, schlage ich dann vor, und das andere Thema ist erstmal vom Tisch.

Wer ist das da vorne drauf? fragt mein Adventsbegleiter. Ein Kollege von euch, nur andere Jahreszeit, sage ich. Können wir den mal kennenlernen? fragt das Schwein, er sei so schön golden. Das wird nicht ganz einfach, sage ich, aber ich gucke, was ich tun kann. Das Päckchen, erinnert der Adventsbegleiter. Richtig, was ist drin? Es fühlt sich… nachgiebig an.

Eine Hülle für Kühlpads! Ganz weich, stellt das Schwein beglückt fest.

Und man könnte reinkriechen, stellt es fest. Mein Adventsbegleiter überlegt irgendetwas, ich sehe es ihm an der Nasenspitze an.

Wenn du es gerade nicht brauchst, kann ich es dann als Schlafdecke haben? fragt er und streichelt über das Herz. Aber klar, sage ich, nimm es, solange du möchtest. Mein Adventsbegleiter lächelt glücklich. Ein guter Freitag! Auch, wenn er nicht frei ist.