Bahnfahren – Lust und Leid

Es folgt eine extrem subjektive Aufzählung, entstanden nach einer sehr speziellen Bahnfahrt, die mich an Grenzen gebracht hat, von denen ich vorher nicht wusste, dass ich sie habe:

Was das Bahnfahren weniger schön macht

  • überwältigender Haarpomadenduft vor mir
  • sehr interessante Handygespräche, die man leider nur zur Hälfte hört
  • mürrische Reisende, die widerwillig einen der vier von ihnen belegten Plätze freiräumen
  • ruckelnde und schubsende Züge mit Eigenleben
  • brutal ausgeleuchtete IC-Waggons – man sieht mehr, als man jemals wollte
  • seltsame Musik (oder schlimmer: Nur die Bässe der seltsamen Musik)
  • überreife Bananen hinter mir
  • WC-Nutzer ohne Zielgenauigkeit

Was das Bahnfahren schön macht

  • vorüberziehende Kulissen drinnen und draußen
  • freie Hände
  • die Auszeit
  • eigene Musik
  • nette Zugbegleiter
  • nette Mitreisende
  • zufriedene Stille, wenn alle ruhig vor sich hin fahren
  • die Abwesenheit von Autos
  • Schnelligkeit
  • Bücher trocken und sicher aussetzen zu können

Füße auf Fahrrad bei durchrasendem Zug. Es regnet.

Ausgelesen: Der Beobachter. Von Charlotte Link.

Manche Autoren haben bedauerlicherweise wenig Chancen bei mir, und Charlotte Link ist eine davon. Der Grund dafür ist eigentlich ziemlich banal: Vor Jahren habe ich mal ein Buch von ihr gelesen, das mir nicht gefallen hat, und danach habe ich nie wieder eins von ihr versucht, denn es gibt so viele andere Bücher von so vielen anderen Autoren, dass es schlicht nicht notwendig war, es noch einmal auszuprobieren. Nun bekam ich aber vor ein paar Wochen eine große, ziemlich schwere Tüte mit Büchern von einer Frau geschenkt, die ihre ausgelesenen Bücher alle (!) sofort nach dem Lesen weggibt, und da war „Der Beobachter“ dabei. Naja, was soll ich sagen, was einmal in Buchform bei mir landet, wird in jedem Fall ausprobiert, es könnten ja ungehobene Schätze dabei sein! Diese Haltung zieht ein recht vielseitiges Spektrum an Lesestoff nach sich, man könnte sogar sagen, sie bringt eine manchmal dramatisch ausufernde Genrevielfalt ins Haus. Und so kam ich nach langer Zeit wieder an ein Buch von Charlotte Link.

Es fing gar nicht übel an. Und ging auch gar nicht übel weiter. Der Beobachter leidet unter seinem Leben, das in seinen Augen misslungen ist. Als Ersatz beobachtet er das Leben anderer Menschen, das von außen betrachtet gut aussieht, so harmonisch, perfekt und schön. Er träumt sich in das Leben der anderen hinein und schafft sich seine eigene kleine Rolle darin. Vor allem eine Frau hat es ihm angetan. Und gleichzeitig sucht die Polizei einen Mörder, der Frauen auf brutale Weise tötet. Wer ist es? Und wird die Polizei ihn rechtzeitig finden, bevor weitere Frauen sterben?

Das Buch ist ganz und gar nicht übel, es ist spannend, die Protagonisten wachsen einem an Herz und man möchte wissen, wie die Geschichte mit ihnen weitergeht und endet. Der Schreibstil hat trotz des dunklen Themas etwas leichtes, wie locker verstrickte Wolle oder luftig gehäkelte Granny Squares. Die Geschichte selber schlägt an manchen Stellen Haken wie ein Hase auf der Flucht, aber man nimmt dem Hasen seinen Fluchtweg durchaus ab und hetzt ihm mit Vergnügen hinterher. Ich habe „Den Beobachter“ gerne gelesen, und ich denke, ich bin jetzt wieder empfänglich für Bücher von Charlotte Link.

Falls also Ihre Regale zuhause zu voll sind: Man kann anderen Lesern eine Menge Freude machen, wenn man solche Bücher weitergibt. Es muss ja nicht gleich eine ganze Tüte voll sein 🙂 .

Aktueller Zustand

Aktueller Zustand:

toxisch
unausgewogen
zergrübelt
im Ungleichgewicht
übersäuert
unpedikürt
mit zu langen Haaren
unausgeschlafen
über Idealgewicht
disharmonisch
unvollkommen glücklich
aufmüpfig
manchmal zickig
und dabei
vollkommen
bei mir

Der Dienstag dichtet!  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Schaut gerne bei ihr vorbei, das bereichert den Dienstag ganz ungemein. Und mittlerweile sind auch Mutigerleben und Wortgeflumselkritzelkram mit von der Partie!

Mein Balkon im Mai

Jaja, ich weiß, ich weiß, mein Balkon ist ein Balkönchen, gerade mal drei m², schmal wie ein Handtuch, alle Menschen mit Garten oder verschwenderischen Dachterrassen lachen da nur einmal ungläubig auf, aber drei m² sind eine ganze Menge Platz, wie ich jedes Jahr wieder feststelle! Und man muss nur in sehr geringem Umfang im Sommer gießen, das hat auch so seine Vorteile (wenn man natürlich die Straßenbäume und die Rosen mitbewässert, nützt ein kleiner Balkon wenig, aber das ist eine andere Geschichte). Und dieses Jahr habe ich im Gartencenter anstatt wie sonst immer vor den Tomaten dieses Mal vor den Gurken gestanden und gedacht: Warum nicht? Und sehet her, oh ihr Ungläubigen!:

Haha! Ich werde Gurken ernten, und zwar nicht zu knapp, wie man sieht:

Es gibt allerdings auch schon Untermieter. Ich hoffe, sie sind nicht zu gefräßig, vergiftet wird nämlich nicht, allerhöchstens weggeschnitten oder mit irgendeinem abgekochten Kartoffelwasser gespritzt, das hilft zwar nicht, beruhigt aber.
Und dann hat mein jüngster Neffe mich inspiriert. Er hat eine olle Kartoffel in ein Blumenbeet gepflanzt, weil er in einem Tiptoi-Buch gehört hat, dass man das macht, wenn man Kartoffeln ernten will. Was er kann, kann ich jawohl auch, habe ich gedacht, und kurzerhand drei Kartoffeln aus dem Kühlschrank eine neue Chance gegeben. Und siehe da! Ich weiß jetzt eine Menge mehr über Anhäufeln etc, und man beachte bitte das sprunghafte Wachstum innerhalb von zwei Tagen:

Dann haben wir noch einen Rosmarin, der vor sich hin leidet, weil er ein gartencenter-verwöhnter Hardcore-Sonnenanbeter ist und in diesem Frühling in der norddeutschen Tiefebene bislang eher Islandfeeling erfahren hat. Ich persönlich habe nichts gegen Islandfeeling, ich liebe das Wetter, so wie es gerade ist, aber vielleicht hätte ich lieber Petersilie nehmen sollen oder so… obwohl… nein.

Außerdem gibt es diese Schnittlauchdiva. Eigentlich hatte ich mir vorgestellt, wie ich den Schnittlauch auf Frischkäse-Toast esse, mit Pfeffer und Salz bestreut… aber jetzt bringe ich es nicht übers Herz, irgendetwas davon abzuschneiden. Essbare Blüten, jaja, aber sie steht so stolz und lila da, demnächst wird sie vermutlich anfangen, Sommerarien zu singen, wenn die Blüten aufgehen, und die Hummeln und Bienen und Schwebwespen sie umschwirren wie Motten das geliebte Licht – nein, da wird gar nichts abgeschnitten. Man kann ja auch Frischkäsetoast mit Marmelade essen. Oder so.

Und dann gibt es noch die Namensgeberin dieses Blogs, sie begleitet mich schon seit drei Jahren und hat schlimmste Nachtfröste und heißeste Sommernachmittage überstanden, letztes Jahr hatten wir eine kleine Krise aufgrund von feindlichem Mehltaubefall, aber nach einer kahlen Periode brachte sie tatsächlich neue grüne Blätter hervor. Und so wird es auch dieses Jahr genügend Stachelbeeren für ein oder zwei Gläser Stachelbeerchutney geben, hurra!

Heute morgen sind zwei Zwergsonnenblumen eingezogen, die ich liebevoll auf der Fensterbank mit teelöffelgroßen Wassermengen vorgezogen habe. Ich freue mich auf eine gute Wohngemeinschaft. Und obwohl ich ja gar keine Tomaten für dieses Jahr geplant hatte, habe ich ein Pflänzchen geschenkt bekommen, von einem Kollegen, der jedes Jahr mindestens fünfzig Planzen großzieht, selber aber keine Tomaten mag, außer in Ketchupform. Ich bin mir nicht sicher, ob er ein selbstloser Mensch ist oder ob seine Frau ihn zwingt.

Insgesamt also sieht es gut aus auf meinen drei m² Balkon. Der Sommer kann kommen (obwohl ich ja wie gesagt auch isländische Zustände gar nicht so übel finde… wir werden sehen.).

Wer Ohren hat zu hören, der höre!

Wer Ohren hat zu hören, der höre!

nichts ist hier still und lieblich
die Gegenwart fließt nicht friedlich
wild rauscht sie voran
brausendes Tosen ist ihr Gesang
hörst du
Blüten explodieren und schießen
Blätter platzen aus engen Verliesen
Triebe wachsen aus lauten Träumen
das herbe Knirschen in alten Bäumen
hörst du
das Geschrei kleinster Geschöpfe
Atem und Kampf in winzigen Köpfen
sie laufen und schwirren und beben
um ihr kostbares schnelles Leben
hörst du
die Wolken rasend und eilig
weißschäumend gewaltig und heilig
Wasser in tausendundeiner Form
flüstert vom Leben fern aller Norm
hörst du?
ich sage dir hättest du Ohren
du würdest es hören und loben!

Manchmal lese ich ein bißchen in meinen alten Gedichten und bin erstaunt: Sind die wirklich von mir? So wie in diesem hier würde ich heute zum Beispiel eher nicht mehr schreiben. Aber mir gefällt´s trotzdem, und das Foto ist erst ein knappes Jahr alt, also passt da immer noch etwas zusammen. Wer Augen hat zu sehen, der lese es! Drama, Baby, Drama! 🙂

Ausgelesen, nein, ausgeliebt: Fliegen lernen. Von Susanne Niemeyer.

Ich bin ja eigentlich gar nicht so der Engelstyp. Ich stelle mir selten bis nie vor, dass so ein Engel mich beschützt oder besucht oder wasauchimmer tut, ich fürchte, ich bin da eher der pragmatische Typ. Wozu ein Engel, wenn Gott es auch selber tun könnte? Andererseits, mal ernsthaft, möchte man Gott höchstselbst neben sich haben, wenn man gerade einfach mal in Ruhe ein Eis essen will? Das wäre schon ein klein wenig einschüchternd, fürchte ich. So ein Engel ist da eine deutliche Nummer kleiner, zugänglicher irgendwie, ihm kann man auch die Fragen stellen, die man sich beim Chef direkt dann doch nicht trauen würde. Wo war ich? Richtig. Eigentlich bin ich gar nicht der Engelstyp. Trotzdem habe ich dieses Buch geschenkt bekommen, vermutlich, weil die Schenkerin wusste, dass ich Susanne Niemeyers Bücher durch die Bank weg alle mag, und so kam es, wie es kommen musste: Ich mag das Buch. Sehr.

Neunzehn (eigentlich zwanzig, wenn man die erste Seite dazu nimmt) kurze Geschichten enthält das Buch, alle inspiriert durch sehr unterschiedliche Bibeltexte. Und wenn ich anfangs noch dachte, hm, neunzehn mal einen Engel zu Wort kommen lassen, ob das nicht langweilig wird nach ein paar Geschichten, wurde mir spätestens bei der dritten Geschichte klar, hier ist gar nichts vorhersagbar, und langweilig wird das auf gar keinen Fall. Keine Geschichte gleicht der anderen, es gibt Superman-Engel, Wegweiser, aus-der-Bahn-Werfer, erdende Engel, verletzte, Lichtanzünder… und sie agieren im Dialog, als Erzählung, aus verschiedenen Perspektiven, als Ich-Erzähler, es wird über sie spekuliert, es wird gelacht, sie werden geträumt, es nimmt kein Ende mit den Neuigkeiten in diesem Buch und es ist einfach wunderbar.

Und wenn ich anfangs noch dachte, mal sehen, es ist ja gar nicht so dick, das Buch, das habe ich bestimmt schnell durch, wurde sehr schnell entschieden, das ist viel zu gut, um es zack-zack durchzulesen, das wird rationiert, damit es bloß nicht zu schnell zu Ende ist, und das bedeutet, jeden Abend eine Geschichte, mehr nicht. Tja. Und dann war ich jeden Abend gerührt, erfreut, den Tränen nah und hätte am liebsten – aber nein, Finger weg, nur eine pro Abend.

Wer also den Gedanken an Engel mag, sich fragt, ob es sie gibt und wo sie sein könnten, lese bitte dieses Buch. Auch, wer kleine Schönheiten zum Vorlesen sucht, lese es bitte. Im Übrigen kann überhaupt jeder, der sich etwas Gutes tun will, dieses Buch lesen. Und verschenken kann man es selbstverständlich auch. Am besten, man nimmt Glanzpapier beim Einpacken, damit es von außen genauso leuchtet wie von innen.

Wunschgedicht

Was ich gern finden würde

morgens versteckt hinter der Haustür eine Stunde Zeit
rote Glasmurmeln
den perfekten Hängemattenbaum
meinen Zauberstab (mit einem Einhornhaar)
verlassene Bücher
fremde, interessante Einkaufszettel
den Balkon mit Hollywoodschaukel (lang ersehnt)
meinen persönlichen Drachen (wenn es machbar ist, in grün)
kleine Risse in der Normalität
Menschen, die mich begeistern
Seelenverwandte
den Schatz am Ende des Regenbogens
mich im Durcheinander
freundlichen Alltag

Man beachte die kleinen Unterschiede zum endgültigen Text! Ich fürchte, wenn man mich ließe, würde ich meine Texte bis in alle Ewigkeit korrigieren. Und darüber hinaus.

Dienstags ist Gedichte-Tag! Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Schaut gerne bei ihr vorbei, das bereichert den Dienstag ganz ungemein!