Gott ist wie Frankreich

Ein Gastbeitrag von himmelgraublau – vielen Dank!

Gott ist wie Frankreich

Gott ist wie Frankreich. Sehr groß, sehr weit. Und so vielseitig wie die verschiedenen Landstriche. Warm und bunt wie die Cote d‘ Azur. Herb, rauh und unberechenbar wie die Bretagne. Lichtdurchflutet und duftend wie die Provence. Unerklimmbar und abgrundtief wir die französischen Alpen. Voller Leben wie Paris.
Wie französisch ist seine Sprache nicht ganz leicht, aber so wohlklingend und schön, dass man gar nicht alles verstehen muss, um sich aufgehoben und geborgen zu fühlen. Und wenn man dann doch etwas versteht, ist man froh und auch ein bisschen stolz – nur um im nächsten Moment zu merken, wie wenig man verstanden hat.
Gott ist wie Frankreich und seine Franzosen: bunt und wissend, wie man lebt und das Leben genießt.

Nähme ich Flügel der Morgenröte

„Hör mal“, sagst du.
„Ja?“ sagt Gott.
„Ich habe gehört, dass du alles über mich weißt. Stimmt das?“
„Ja“, sagt Gott.
„Oh“, sagst du. „Alles? Wirklich?“
Gott nickt.
„Das ist… ziemlich viel“, sagst du und fühlst dich unbehaglich.
Gott nickt wieder. Er hat seine Hände gefaltet vor sich auf den Tisch gelegt.
„Kann ich mein Veto einlegen?“ fragst du.
Gott schüttelt den Kopf. „Nein“, sagt er.
Du überlegst, an was du heute morgen schon alles gedacht hast. Eieiei. „Das gefällt mir nicht“, sagst du.
„Ich weiß“, sagt Gott und lächelt.
Du bist empört. „Aber ich habe doch wohl ein Recht auf Privatsphäre!“
„Bei mir nicht“, sagt Gott.
„Das geht doch nicht! Du darfst nicht die ganze Zeit in meinen Gedanken rumwühlen!“ rufst du wütend, „ich tue das bei dir doch auch nicht!“ Du lässt großzügig unter den Tisch fallen, dass du das gar nicht kannst. Hier geht es schließlich um Grundsätzliches.
„Ich habe dich gemacht“, sagt Gott und blickt dir in die Augen, „natürlich kenne ich alle deine Gedanken. Was wäre ich für ein Schöpfer, wenn ich nicht an dir interessiert wäre?“
„Aber… aber…“ stammelst du, „… trotzdem!“
„Und glaub mir, meine Gedanken willst du gar nicht kennen. Dein Kopf würde explodieren“, fügt Gott sachlich hinzu. Er lehnt sich zurück und nimmt einen Schluck Kaffee. „Ändert sich für dich was, wenn du weißt, dass ich deine Gedanken kenne?“
Du holst tief Luft. „Natürlich! Was glaubst du denn! Ich kann doch nie wieder in Ruhe denken, wenn ich weiß, dass du mitliest!“
Gott lacht laut los, verschüttet Kaffee und setzt seine Tasse zurück auf den Tisch. „Meinst du, ich würde peinlich berührt erröten? Es gibt absolut nichts, was du denken könntest, was ich nicht schon gedacht habe. Glaub mir!“
Du merkst, dass du rot wirst. „Du hast gut reden! Mir ist das peinlich! Ich will vieles gar nicht denken, aber es passiert einfach, da kann ich überhaupt nichts gegen tun!“
Gott legt kurz seine Hand auf deine und nimmt sie wieder weg. „Mach dir keine Sorgen. Es ist ok, wirklich. Solange wir miteinander reden, ist alles gut.“
Du bist nicht überzeugt. „Ich finde das unfair. Manchmal braucht man doch eine Auszeit! Um ganz bei sich zu sein!“
„Du bist doch ganz bei dir, oder etwa nicht?“ Gott sieht dich an. Dann schüttelt er den Kopf. „Ich kann es nicht ändern. Du bist bei mir und ich bin bei dir. So ist es.“
Du erinnerst dich. „Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer… „
„… so würde ich dich auch dort halten und bei dir sein“, antwortet Gott.
Du überlegst. Auf den Flügeln der Morgenröte reisen klingt verlockend. Das wolltest du schon immer mal tun, aber du hattest Angst. So weit weg, ganz allein. Wenn Gott dabei wäre… vielleicht ist dieses Konzept des alles Wissens und immer da seins doch nicht komplett übel. „Naja…“ sagst du schließlich widerwillig, „aber ich hasse es, wenn man mir ein schlechtes Gewissen macht!“
„Ich weiß“, sagt Gott.
„Ich kann ja versuchen, mir Mühe zu geben mit meinen Gedanken“, sagst du steif.
„Ach, lass das. Mir ist lieber, du bist ehrlich“, sagt Gott. Dann zwinkert er dir zu. „Und es ist viel interessanter, wenn du nicht versuchst, heilig zu sein. Weißt du noch, deine Franziskus-Phase vor ein paar Jahren? Das war anstrengend.“ Er schüttelt den Kopf. „Menschen sind nicht heilig, so habe ich euch nicht gemacht. Fürs Heiligsein habe ich meine Engel, das reicht mir völlig.“
Du atmest tief ein und wieder aus. Na gut. Dann wirst du eben weitermachen wie bisher.
„Genau“, sagt Gott. „Morgen, selber Ort, selbe Uhrzeit?“
Du nickst.
Und Gott ist verschwunden.

Gottes „Ich bin“ für Diebe

Gottes „Ich bin“ für Diebe

Ich bin das große Ding, das du drehen möchtest.
Ich bin das Niesen, das du unterdrücken musst.
Ich bin der Entschluß am Ende deines Plans.
Ich bin die Nacht, die deinen großen Tag bereitet.
Ich bin die Dusche, die die Nacht von dir abspült.
Ich bin die Möglichkeit, die du nicht bedacht hast.
Ich bin das Badesalz, mit dem du untertauchen kannst.
Und, was du nicht vermutet hättest: Ich bin die Beute.

Nein!

Nein!

„Ich mach das nicht!“ Entschlossen verteilst du Honig auf deinem Brötchen. „Hast du gehört, was die anderen gesagt haben? Auf keinen Fall mache ich das!“ Du kippst das halbe Milchkännchen in deinen Tee und hältst es Gott hin. Er schüttelt den Kopf und nippt an seinem Kaffee. Er trinkt ihn schwarz. War ja klar. Du bist genervt.
„Du guckst schon wieder so! Ich mag es nicht, wenn du so guckst!“
Gott hebt eine Augenbraue.
„Siehst du? Genau das meine ich! Statt mir einfach zu sagen, was ich tun soll, sitzt du hier rum und guckst vorwurfsvoll!“
Gott stellt seine Tasse auf den Tisch. „Du wirst es also nicht tun?“ fragt er.
Du atmest tief ein und wieder aus. Dann beißt du in dein Honigbrötchen. Du kaust eine Spur länger als notwendig, bevor du antwortest. „Keine Ahnung.“
Gott hebt die andere Augenbraue.
„Am Anfang klang alles so toll! Aber die anderen haben gesagt, es wäre schrecklich. Was soll ich denn jetzt glauben?“
Gott beugt sich vor. „Die Anderen sind nicht du. Triff deine eigenen Entscheidungen.“
Du seufzt. „Das ist so schwierig! Kannst du das nicht für mich entscheiden?“
Gott lächelt freundlich, aber unnachgiebig. „Nein.“
Du seufzt noch einmal. Du musst nachdenken.
„Tu das“, sagt Gott, „aber nicht endlos, bitte. Ich habe noch einiges vor mit dir.“
Du starrst ihn an. „Das ist jetzt nicht hilfreich!“
„Aber notwendig.“ Er lächelt dieses geheimnisvolle Lächeln, das du überhaupt nicht leiden kannst. Toll. Schwierige Entscheidungen und unbekannte Zukünfte. Du hast es echt nicht leicht, denkst du, als du den Rest deines Honigbrötchens in den Mund schiebst.
„Noch Tee?“ fragt Gott.
„Mit Milch, bitte“, nuschelst du.

Wie die ersten Lichtstrahlen

Der Herr
streut seine Worte wie die ersten Lichtstrahlen am Morgen
schenkt uns Gegenwart
birgt uns mit seinen Worten
wie unter einem Blätterdach im Regen.
Er erhellt unsere Wünsche mit seinen Blicken.
Wenn wir stolpern und fallen
tief hinab
spannt er ein Netz
setzt uns zurück mit schlagendem Herzen.
Über allem Land scheint hell sein Angesicht.
Wir schlafen tief und friedlich
dem neuen Tag entgegen.
So wird es sein.

(nach 4. Mose, 22-27)

Zum Reformationstag eine kleine Neuinterpretation. 🙂

Rote Wut

Du bist unzufrieden. Deine Wut ist rot. Du wärst lieber blau. Blau ist ausgeglichen. Friedlich. Freundlich. Du überlegst, wer schuld daran ist, dass du rot und wütend bist.
„Du, Gott“, fragst du Gott lauernd, „welche Farbe hat eigentlich Corona?“
Gott sieht dich über seine Lesebrille hinweg an. „Corona hat keine Farbe“, antwortet er, „sie ist ein Brennglas.“
„Ach, wirklich? Bist du sicher?“
„Ja.“
Das war ja klar. Selbstverständlich hat Gott keine Zweifel. „Ich hätte gedacht, sie ist rot“, murmelst du böse.
„Wenn du unbedingt möchtest, dass sie rot ist, kann sie natürlich auch rot sein. Abgesehen davon ist sie aber ein Brennglas.“
So ein Quatsch. Ein Brennglas! Lästig, nervig, tödlich und absolut freudlos, ja, das könntest du unterschreiben. Und rot wie Wut, das auch. Aber ein Brennglas? Quatsch.
„Wie kommst du darauf?“ fragst du Gott. Soll er sich doch mal erklären!
Gott legt die Zeitung beiseite. „Sie macht alles schärfer und spitzer, sie holt Dinge nah ran, auch die unangenehmen, und wenn du nicht aufpasst, brennt sie Löcher in deine Schuhe. Wie ein Brennglas. Oder?“
Du guckst mürrisch.
„Ich erinnere mich: Am Anfang war Corona für dich eine Mischung aus interessant und unheimlich, und du hast genau hingesehen. Wenn du ehrlich bist, hast du es genossen, deinen Alltag in neuem Licht zu sehen, oder?“
„Mh.“ Du verschränkst die Arme.
Gott nickt. „Aber jetzt möchtest du nicht mehr so genau hinsehen. Es dauert zu lang. Da gibt es nämlich ein paar Dinge, die du sonst immer großzügig übersiehst. Du packst deinen Alltag in säuberlichen kleinen Paketen um diese Dinge herum und tust so, als ob sie nicht da wären. Richtig?“
Du schiebst deine Unterlippe vor.
Gott tippt mit dem Bügel der Lesebrille gegen seine Nase und sieht dich an. „Aber weil Corona ein Brennglas ist, holt sie alles sehr nah, sehr scharf und sehr klar heran und hält es dir unter die Nase. Und wenn du wegsehen willst, brennt sie dir ein Loch in den Schuh.“
Deine Wut ist jetzt sehr rot. „So“, zischt du, „und warum bitteschön muss über mein Leben ein Brennglas gehalten werden? Es war doch alles gut!“
„War es das?“ Gott setzt seine Lesebrille wieder auf und blättert die Zeitung eine Seite weiter. „Warum bist du dann jetzt so wütend?“
„Weil… weil… weil das ungerecht ist!“
Gott sieht dich an und eine kleine blaue Welle läuft über deine rote Wut. „Wie wärs: Du guckt nochmal ganz genau hin und machst eine Liste von den Dingen, die du sonst nicht sehen kannst. Und dann überlegst du, was du ändern kannst. Fang mit ein paar kleinen Dingen an. Wenn du Übung hast, mach dich an die großen. Nutz deine Wut. Sie treibt dich an.“
Du grollst. Du fühlst dich unverstanden. „Ich hab wohl keine Wahl, oder?“
Gott liest Zeitung. „Nein“, sagt er geistesabwesend.
Toll.
Dann wirst du wohl nochmal genau hinsehen müssen.

Da tat sich der Himmel auf

Da tat sich der Himmel auf

Lichtverhältnisse ändern sich
alles erscheint plötzlich im anderen Licht
was grad noch im Dunkeln lag
wird erhellt
mein Blick wird angezogen
vom Himmel
und richtet sich dahin auf
erwartungsvolle Gespanntheit
neue Perspektive
Gott lässt von sich sehen
wendet sich mir zu
Fürchte dich nicht

Ein Gastbeitrag von Himmelgraublau – vielen lieben Dank dafür!

Ausgenossen: Kurz und Gott. Von Andreas Noga (Texte) und Eberhard Münch (Zeichnungen).

Manchmal finden einen die Bücher, man muss gar nichts tun, nur einmal völlig uninteressiert an einem ansonsten langweiligen Buchstand vorbeilaufen und zack! da liegt es und sieht einen an. So geschehen mit diesem kleinen, ganz, ganz wunderbaren Gedichtband, der (für mich völlig unverständlich!) auch noch reduziert war. Ich meine – da kann man sich ja gar nicht wehren, in solchen Situationen bin ich meinem Unterbewusstsein völlig ausgeliefert, und ehe ich in irgendeine Richtung hin überlegen konnte, hatte ich es schon gekauft.

Das winzig kleine Büchlein beinhaltet extrem kurze Miniaturgedichte zum Thema Gott, Glaube und Mensch. Manchmal vier Zeilen, manchmal sechs, oft sind es noch nicht einmal zehn Worte, aber wie sie gesetzt sind! Da ist alles drin, nichts fehlt, nichts ist zuviel und an allen kann man hängenbleiben, wenn man möchte. Wie gern würde ich hier ein paar Beispiele posten, aber das Urheberrechtsgesetz lässt das verständlicherweise nicht zu (trotzdem – SO schade! Und wie sollen sie dann bekannt werden? Gerade Gedichte haben es ja bekanntlich nicht leicht in der Literaturszene. Aber so ist es halt.) Es muss also das eine auf der Rückseite reichen, das man auf dem Foto gut sehen kann, wenn man will.

Ich bin ganz glücklich mit dem auch innen schön gestalteten Band, es gibt cremefarbene, blaue, orangene und rote Seiten, die Zeichnungen sind genauso klar und reduziert wie die Gedichte und ein Lesebändchen gibt es auch noch. Im Moment liegt es neben meinem Esstisch, und ab und zu blättere ich beim Frühstücken darin herum und lese eins – ein wunderbarer Start in den Tag.

Geschenke

Geschenke

Guck mal, sagt das Kind zu Gott. Ich hab was für dich. Es überreicht ihm feierlich ein Päckchen, das mit mehr Eifer als Sachverstand eingewickelt wurde. Das zerknitterte Geschenkpapier hat schon bessere Zeiten gesehen, es scheint, als hätte es vorgestern an Heiligabend seinen ersten Einsatz gehabt.
Gott sieht angemessen überrascht aus, als er es entgegennimmt. Dankeschön, sagt er, damit habe ich jetzt nicht gerechnet.
Ich weiß, sagt das Kind stolz. Andauernd verschenkst du was, aber du bekommst nie etwas. Und vorgestern war Weihnachten, also musst du auch ein Geschenk haben. Los, mach es auf!
Gott entfernt gehorsam das ramponierte Geschenkpapier. Hervor kommt ein oben offener Karton mit einem Mixer darin, komplett mit Quirlen und allem Drum und Dran. Gott nimmt ihn in die Hand und betrachtet ihn nachdenklich von allen Seiten. Das Kind hüpft gespannt auf und ab. Das ist ein sehr guter Mixer, sagt er dann.
Ich weiß, sagt das Kind stolz und wippt auf seinen Füßen.
Wozu soll ich ihn benutzen? fragt Gott und dreht vorsichtig an einem der Quirle.
Zum Plätzenbacken natürlich! antwortet das Kind mit großer Selbstverständlichkeit. Du kannst damit die Wolken mixen und Himmelsplätzchen backen, und dann haben du und deine Engel eigene Plätzchen! Das Kind sieht Gott strahlend an, beglückt von seiner Idee.
Gott lächelt und streicht sanft über das zerkratzte Gehäuse des Mixers. Eine gute Idee, sagt er anerkennend, die könnte von mir sein. Auf den Plätzchen würde sich ein bißchen Sternenstaub gut machen, oder was meinst du?
Das Kind nickt eifrig. Ja, bestimmt!
Schön, sagt Gott, dann backen wir heute. Mal sehen, was meine Engel dazu sagen. Eine Frage habe ich noch: Könnte es sein, dass ich in der Küche deiner Mutter einen sehr ähnlichen Mixer gesehen habe?
Das Kind zieht den Kopf ein. Vielleicht, sagt es vorsichtig.
M-hm, sagt Gott, und betrachtet den Mixer in seiner Hand. Dann muss ich wohl überlegen, was ich da machen kann, oder?
Das Kind sieht ihn an und das Strahlen kehrt in sein Gesicht zurück. Ja! Du bist Gott! Du kriegst das hin, sagt es überzeugt.
Ja, ich denke auch, sagt Gott und drückt prüfend auf einen Knopf des Mixers, der daraufhin die Quirle klappernd fallen lässt.
Ich danke dir, sagt Gott, während er die Quirle einsammelt. Ich freue mich.
Das wusste ich! sagt das Kind triumphierend, und dann gehen beide ihrer Wege, das Kind hüpfend und pfeifend, vertieft in neue Pläne. Gott dagegen kostet in Gedanken versunken bereits das erste Himmelsplätzchen mit Sternenstaub.

Bedingungen

Was tun

wenn wir Gott einladen
in unsere kleine Welt
und ihn bitten
hereinzukommen
und Platz zu nehmen
und ihm Kuchen und Tee anbieten
um im Gegenzug
Garantien zu erhalten
für
die Erhaltung unserer Welt
sichere Mauern
Geborgenheit für uns
immerwährende Versorgung mit Kuchen und Tee

und er kommt nicht