Herr Miesling und Böller-Manni

Herr Miesling und Böller-Manni

Herr Miesling sitzt auf einer Bank und guckt vor sich hin, als Böller-Manni hinter einer Hausecke hervor kommt. Er guckt sich mißtrauisch um und geht mit schlurfenden Schritten auf Herrn Miesling zu. Zahllose Tüten rascheln an seinen fadenscheinigen Jeans. Irgendwo in einer der Tüten klappert etwas, als er sich mit einem Seufzer neben Herrn Miesling niederlässt.
„Na?“, begrüßt ihn Herrn Miesling, „wie isses?“
„Muss ja, muss ja.“
Sie schweigen einvernehmlich. In Böller-Mannis Schultern und Rücken zuckt es. Herr Miesling wartet. Er hat Zeit.
„Du?“
„Ja?“
„Du hast sie auch gesehen, nich?“
Herr Miesling nickt. Er nickt immer, wenn Böller-Manni ihm diese Frage stellt.
„Gut! Gut, gut…“ Über Böller-Mannis Gesicht zuckt Erleichterung. „Wenn jemand fragt, du weisst Bescheid. Du weisst Bescheid… das ist gut, gut…“ Sanft fährt er mit nicht ganz sauberen Händen über seine Tüten. „Sach mal… haste´n paar Euro? Ich brauch neue Böller. Sind nur noch drei da.“
Herr Miesling kramt in seiner Hosentasche und zieht einen zerknitterten Fünfeuroschein hervor. „Hier. Das machste prima, Manni. Wenn du nich wärst…“
Böller-Manni stopft den Schein ganz nach unten in eine der Tüten. „Ich weiß. Sie würden uns alle holen kommen! Aber ich, ich böllere sie weg!“
„Aber immer nur einen, hörste, Manni? Nich, dass die andern was merken.“
Böller-Manni nickt und beugt sich ganz nah zu Herrn Miesling. „Nur einen, immer um Mitternacht, das schlägt sie zurück!“
Herr Miesling nickt. „Wenn wir dich nich hätten…“
Ein Blitzlichtlächeln zuckt über Böller-Mannis Gesicht. Dann flüstert er: „Ich hab noch was entdeckt, weisste?“
Herr Miesling guckt besorgt.
„Hier!“ Böller-Manni kramt in der klappernden Tüte und zieht eine leere Konservenbüchse hervor. „Die mache ich jetzt auf jeden Pfosten! Dann können sie nicht landen! Die brauchen doch die Pfosten zum Landen! Erde ist ja giftig für sie!“
Herr Miesling nickt langsam. Das erklärt die zahllosen leeren Konservendosen, die neuerdings überall im Viertel auf Zaunpfählen stecken.
„Die funktionieren besser als Böller“, flüstert Böller-Manni ihm zu. „Aber erstmal mach ich weiter, sicher is sicher.“ Mit einem leisen Ächzen steht er auf und sammelt seine Tüten zusammen. „Ich muss weiter. Sind noch soviele Pfähle… “ Er nickt Herrn Miesling zu und schlurft klappernd davon.
Herr Miesling sieht ihm hinterher. „Müssen wir was machen?“ fragt er seinen Engel, der neben ihm steht.
Der schüttelt den Kopf.
„Meinst du, die Konservendosen machen es einfacher für ihn?“
Sein Engel nickt.
„Na dann“, sagt Herr Miesling.
Und dann guckt er wieder in die Luft. Er hat Zeit.

beim Spazierengehen

beim Spazierengehen

Die beiden Plastikbagger stehen unternehmungslustig blaugelbrot im Nordseestrand, vor sich das größte Bauprojekt ihres Lebens.

Im Watt und am Strand lösen sich die Kleidervorschriften schneller auf als fadenscheinige Jeans.

Der nackte Bauch des Mannes bläht sich rund wie ein Walfisch. Allerdings ist er nicht grau, sondern glänzend rosarot.

Zwei kleine Mädchen spielen Pferd und Longenführerin im niedrigen Wasser und alles ist schön: Das Laufen. Das Stehenbleiben. Das Wiehern. Das außer-Atem-sein. Das Hinfallen und nass werden.

Eine lebendige Krabbe mit allen sechs Beinen löst eine Energieexplosion bei drei Jungs aus.

Die Beine des karierten Shortsträgers sind bis unter die Knie gebräunt. Der Abschnitt zwischen Knie und Shortsbeginn hat die Farbe von Honigmilch.

Die Insel Neuwerk schwimmt zwischen Himmel und Wasser. Der weiße Leuchtturm in der Mitte pinnt sie wie eine Riesenstecknadel am Meeresgrund fest, damit sie nicht davonfliegt.

Das auflaufende Wasser pirscht sich an wie ein Stachelschwein mit aufgestellten, raschelnden Stacheln. Die letzten Senken nimmt es in einem Sprung.

Mit jedem Schritt im Wasser schüttelt die mittelalte Frau mehr Jahre ab. Bevor sie zu jung wird, flüchtet sie zum Strandkorb zurück.

Mit konzentriertem Ernst sammelt der Mann mit Spaten und winzig kleinem Eimerchen Muscheln im Wassergraben.

Die leuchtensten Farben trägt eine Familie mit strahlend dunkelbrauner Haut. Sie schillern im Wasser wie Orchideen.

Die Entfernung des Filme fürs Familienalbum drehenden Vaters zu Frau und Tochter ist größer als die höchste Zoomstufe seiner Kamera.

Weit draußen schwimmen Möwen wie weiße Augen auf dem Wasser. Sie behalten uns im Blick.

Promenadenplatz

Promenadenplatz

Tätowierte mit Adlerflügeln und flauschigen Hunden
rotgesonnte Spitzbäuchige in Gummischlappen
ausgetrocknete sonnenverspiegelte Radfahrer
schwitzende Pudel auf dauergewellten Beinen
abgeschnittene Jeanszwerge mit Eishoffnungen
weißhaarige Bodenständige in vernünftigem Schuhwerk
tiefstausgeschnittene Brustträgerinnen an nichtssagenden T-Shirt-Helden
Schnurrbartgesichter unter blau-weißem Sonnenschirmhimmel
Käppi-Sippen in weiß besockten Sportschuhläufern
fischschuppenpaillettenglitzernde Strohbehütete
schleifchenhaarige Windelträger und ihre Nannys
am Horizont Schlammwanderer hundertfach
und ich auf meinem Aussichtsplatz:
promenadengesättigt

Ein Sonntag an der Nordsee kann ganz schön inspirieren… aber wir haben nicht nur herumgespannert, wir sind bei bestem Seewetter auch noch ein bisschen im Watt herumspaziert! 🙂

Der Dienstag dichtet!  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch Wortgeflumselkritzelkram und  Mutigerleben sind mit von der Partie. Wer den Dienstag also mit Gedichten beginnen will: Herzlich willkommen!

Ausgenossen: Kurz und Gott. Von Andreas Noga (Texte) und Eberhard Münch (Zeichnungen).

Manchmal finden einen die Bücher, man muss gar nichts tun, nur einmal völlig uninteressiert an einem ansonsten langweiligen Buchstand vorbeilaufen und zack! da liegt es und sieht einen an. So geschehen mit diesem kleinen, ganz, ganz wunderbaren Gedichtband, der (für mich völlig unverständlich!) auch noch reduziert war. Ich meine – da kann man sich ja gar nicht wehren, in solchen Situationen bin ich meinem Unterbewusstsein völlig ausgeliefert, und ehe ich in irgendeine Richtung hin überlegen konnte, hatte ich es schon gekauft.

Das winzig kleine Büchlein beinhaltet extrem kurze Miniaturgedichte zum Thema Gott, Glaube und Mensch. Manchmal vier Zeilen, manchmal sechs, oft sind es noch nicht einmal zehn Worte, aber wie sie gesetzt sind! Da ist alles drin, nichts fehlt, nichts ist zuviel und an allen kann man hängenbleiben, wenn man möchte. Wie gern würde ich hier ein paar Beispiele posten, aber das Urheberrechtsgesetz lässt das verständlicherweise nicht zu (trotzdem – SO schade! Und wie sollen sie dann bekannt werden? Gerade Gedichte haben es ja bekanntlich nicht leicht in der Literaturszene. Aber so ist es halt.) Es muss also das eine auf der Rückseite reichen, das man auf dem Foto gut sehen kann, wenn man will.

Ich bin ganz glücklich mit dem auch innen schön gestalteten Band, es gibt cremefarbene, blaue, orangene und rote Seiten, die Zeichnungen sind genauso klar und reduziert wie die Gedichte und ein Lesebändchen gibt es auch noch. Im Moment liegt es neben meinem Esstisch, und ab und zu blättere ich beim Frühstücken darin herum und lese eins – ein wunderbarer Start in den Tag.

Nichts weiß ich

Wenn man erst mal ein fortgeschrittenes Alter erreicht hat (so wie ich), dann meint man ja, man kennt die Menschen. Warum sie Dinge tun. Oder lassen. Vom Standpunkt der weisen Alten herab lächelt man milde und blickt entspannt hinter die Kulissen, denn die eigene Lebenserfahrung erlaubt einem tiefe Einblicke in das Leben anderer Menschen. So weit, so gut.

Heute Abend fuhr ich gemächlich mit dem Fahrrad durch die Stadt, um am Fluss zu verweilen und mich meiner Altersweisheit zu erfreuen, als mich plötzlich von der einen Seite ein Polizist anpfiff, während sich auf der anderen Seite zwei schwitzende, keuchende Jogger vor mein Rad warfen. Zumindest schien es einen Moment lang so, wobei ich das durchaus verstanden hätte, ich meine: Joggen? Wer macht denn so was freiwillig? Aber egal, so war es natürlich nicht, die Jogger verschwanden nach links, nachdem sie mir böse Blicke zugeworfen hatten, und während der Polizist mich aus der Bahn scheuchte, begriff ich endlich, dass ich mitten in der Laufstrecke des Stadtmarathons stehengeblieben war. Interessant! Mögliche Feldstudien! Zwei Minuten (und acht kreuzende Jogger) später saß ich auf einer Bank an der Laufstrecke. Eine halbe Stunde später saß ich immer noch da, fasziniert und mit der Erkenntnis, dass ich überhaupt nichts weiß über andere Menschen.

Joggen ist super, das kann man überall nachlesen, gut für die Gesundheit, die Fitness und so weiter, und bei einigen Läufern sah das tatsächlich auch so aus, federnd und athletisch rannten sie mit raumgreifenden Schritten an mir vorbei, und ich fühlte mich unweigerlich an Gazellen im Sprung erinnert. Die sehr viel größere Mehrheit allerdings keuchte schwitzend unter Schmerzen am Rande der Verzweiflung an mir vorbei, und wenn Blicke töten könnten, wären alle Schlachtenbummler am Rand der Strecke mit ihren aufmunternden Rufen vermutlich geradewegs in der Hölle gelandet. In der Joggerhölle, ohne Wasser und barfuß. Bei einigen hatte ich das dringende Bedürfnis, kühlen Saft und warme Handtücher zu reichen und tröstend über den Rücken zu streichen. Andere hätte ich am liebsten direkt in den Rettungswagen verfrachtet. Eine Frau mittleren Alters rief den Begleitfahrradfahrern verzweifelt zu: „Bin ich die letzte? Ich will nicht die letzte sein!“, während sie von einem der Gazellenläufer graziös überrundet wurde. Einer der Läufer stieß alle zehn Sekunden eine Art Schrei aus, der an alte King Kong-Filme erinnerte, und zwar in der Szene, wenn er auf der Spitze des Wolkenkratzers sitzt und auf seine Brust trommelt.

Um es zusammenzufassen: Es war ein Erlebnis. Und ich weiß jetzt, dass ich nichts weiß. Ich habe absolut keine Ahnung, warum Menschen joggen, wenn sie keine Gazellengene besitzen. Andere Menschen sind unbekanntes Gelände. Aber (und ich hob meinen altersweisen Zeigefinger): Da kann man schöne Ausflüge zusammen machen, in das unbekannte Gelände. Aber nur gehend, und niemals, unter keinen Umständen, joggend!