Über stachelbeermond

Ich mag Geschichten, die spannend sind und irgendwo hin wollen, sammle seltene Worte und lasse sie wie Drachen steigen... mein Blogzuhause: stachelbeeermond.com

Novemberfrost

Novemberfrost

der erste Novemberfrost
zermalmt die letzten Sommerkrumen
schneidet den Herbst in Scheiben
streichelt blasse Mondreste
zieht Frostnebel durch starre Wiesen
drückt kalte Finger in jede Kleidungsritze
küsst goldene Blätter weiß
reckt die Eisfäuste:
mein Land!

Der Dienstag dichtet!  
Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch WortgeflumselkritzelkramMutigerlebenWerner KastensFindevogel, die Nachtwandlerin, Lindasxstories, Myriade, Gedankenweberei, 
MynaKaltschnee, Wortverdreher und Lebensbetrunken, die Wortverzauberte, Lyrikfeder und der BerlinAutor sind mit von der Partie.
Schaut doch mal bei ihnen vorbei, der Dienstag fängt besser an mit ein bisschen Wortzauberei!

Das Fischhuhn

Das Fischhuhn

Ich betrachte mit liebevollem Blick das Fischhuhn, das schwer und bedächtig vor mir auf dem Tischozean schaukelt. „Guck mal“, sage ich zu Gott, „ist es nicht hübsch?“
„Doch, ja“, sagt Gott.
„Mich wundert, dass es nicht untergeht“, sage ich, „Ton schwimmt ja eigentlich nicht in Wasser. Oder?“
„Nein“, sagt Gott, „tut er nicht.“
Eine kleine Weile lang betrachten wir nachdenklich das Fischhuhn. Es dümpelt auf dem Tisch herum und betrachtet sein Ebenbild im Wasserspiegel.
„Wieso geht es nicht unter?“ frage ich schließlich hartnäckig.
Gott stützt sein Kinn in die linke Hand. Das Fischhuhn schüttelt seine Flossenfedern. „Du glaubst daran, dass es schwimmen kann. Also kann es schwimmen“, sagt er.
„Ach“, sage ich. Vorsichtig stupse ich das Fischhuhn mit dem Zeigefinger an. Es gackert entrüstet und hackt mit dem Schnabel nach mir, dann paddelt es in die am weitesten entfernte Ecke des Tischozeans und dreht mir den Rücken zu. „Was wäre, wenn ich nicht mehr daran glauben würde, dass es schwimmen kann?“
„Probier´s aus“, sagt Gott.
Ich gebe mir Mühe. Schließe meine Augen und strenge mich sehr an. Dann öffne ich sie wieder. Das Fischhuhn schwimmt auf der Ecke des Tischozeans und versucht, über die Kante nach unten zu gucken. „Es geht nicht“, sage ich. „Ich kann nicht aufhören, daran zu glauben.“
„Tja“, sagt Gott, „manchmal ist das so. Da geht es dir wie mir.“
„Echt?“ frage ich.
Gott nickt. Das Fischhuhn steht mit einer Krallenflosse auf der Tischkante und schwankt bedrohlich.
„Was meinst du“, fragt Gott, „kann es fliegen?“
„Ich weiß noch nicht“, sage ich, „ich bin gespannt.

Größe

große, nicht selbstverständliche Selbstverständlichkeiten

ich
bin
so groß
wie ich groß bin
nicht kleiner
nicht größer
genau
richtig

richtig

Fräulein Honigohr im Dunkeln

Fräulein Honigohr im Dunkeln

Die Nacht ist dunkel, nur an größeren Kreuzungen leuchten noch Straßenlaternen. Fräulein Honigohr mag das. Versonnen blickt sie zum nächsten Lichtkegel, der ein gelbliches Dreieck ins Schwarz malt, als sie hinter sich Schritte hört. Es ist eine Frau, die so schnell geht, wie ihre Stöckelschuhe es zulassen. Sie wirft mißtrauische Blicke um sich.
Fräulein Honigohr grüßt freundlich.
Die Frau nickt, wird langsamer und bleibt stehen. „Entschuldigen Sie, das klingt jetzt seltsam, aber müssen Sie auch in diese Richtung?“
Fräulein Honigohr nickt.
„Würden Sie mit mir zusammen gehen? Ich hasse es, hier nachts allein zu sein.“
„Gern.“ Fräulein Honigohr lächelt und gemeinsam gehen sie weiter.
„Danke. Ich habe den letzten Bus verpasst. Zuviel lieblichen Wein getrunken. Dumm, was? Ich hätte mir ein Taxi teilen sollen. Ehrlich gesagt, sterbe ich fast vor Angst.“
„Wirklich?“ Fräulein Honigohr sieht die Frau neugierig an. „Ich mag die Nacht. Man sieht die Sterne.“
„Ich hab echt keinen Sinn für Sterne, wenn in jedem Winkel etwas lauern könnte. Haben Sie wirklich keine Angst?“
„Nein.“
„Dann haben Sie es gut.“ Die Frau stolpert über einen Pflasterstein und zischt erschrocken.
Fräulein Honigohr bleibt stehen. „Hier biege ich ab.“
„Oh, schon? Schade.“ Die Frau sieht enttäuscht aus. „Dann gute Nacht.“ Sie nickt und geht weiter.
Fräulein Honigohr sieht ihr nach. Sie blinzelt. Das Laternenlicht hinter ihr schwankt und springt ihr leuchtend vor die Füße. Fräulein Honigohr deutet auf die Frau. „Sei ein Nachtlicht. Leuchte auch die Ecken aus, bis sie zu Hause ist. Und dann hurtig zurück!“ Das Licht schmiegt sich um ihre Beine, dann breitet es sich elegant und unauffällig wie ein Teppich aus und gleitet um die Frau herum, bis die gesamte Straße schimmert wie mit Mondlicht übergossen.
Fräulein Honigohr seufzt. Schade, dass Menschen Angst haben müssen. Sie blickt nach oben. Die Sterne leuchten und zwinkern ihr zu.

Das war ein Beitrag für die abc.etüden: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Kain Schreiber mit seinem Blog Gedankenflut. Sie lauten: Nachtlicht, lieblich, teilen. Organisiert wie immer von Christiane: Vielen Dank! Und jaaa, lieblicher ist nicht lieblich, aber ich habe mich echt gequält mit dem Wort, nun steht es da mit dem er hinten dran. Et is wie et is. 🙂

ich sehne mich

ich sehne mich
nach
Flügeln
Wohlgeruch
Milch und Honig
Sternenglanz
Gelächter
mit beiden Füßen
stehe ich
auf grünem Gras
es ist feucht
will ich
zuviel?

Der Dienstag dichtet! 🙂  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch WortgeflumselkritzelkramMutigerlebenWerner KastensFindevogel, die WortverzauberteLyrikfederDer BerlinAutorNachtwandlerinLindas x Stories, Myriade, Gedankenweberei, MynaKaltschneeWortverdreher und
Lebensbetrunken sind mit von der Partie. Schaut doch mal bei ihnen vorbei, der Dienstag fängt besser an mit ein bisschen Wortzauberei!

 

Der November zweifelt

Der November zweifelt

Der November war leicht verschnupft. Da hatte er noch nicht mal richtig losgelegt, und schon waren wieder alle von ihm genervt. Dabei gab er sich wirklich Mühe. Wer ausser ihm hatte so viele verschiedene Regenarten im Programm? Von leichten Schauern über wilde Stürme konnte er alles bieten, er hatte lange und ernsthaft dafür gearbeitet und wurde jedes Jahr mit dem Wetteroscar ausgezeichnet, und was war der Dank? Gemecker.
Und dann sein Windtheater! Wie lieblich er die gelben Blätter durch die Luft segeln ließ, die grauen Bürgersteige umfärbte mit Brauntönen, die er dann mit feinem Sprühregen zum Glänzen brachte! Oder wenn er das Laub wie kleine Rennwagen um die Ecken jagte und minütlich Geschwindigkeitsrekorde brach! Bekam er etwa Applaus? Nein. Gemecker. Er war ratlos. Besser ging es doch nicht.
Jedes Jahr feilte er an der perfekten Nacht, tintenschwarz, feucht und windig sollte sie sein, damit man die Dunkelheit auskosten konnte, und was taten seine Zuschauer? Sie zündeten ein Nachtlicht an. Dabei wusste doch jeder, dass schon ein kleines Licht die ganze schöne Dunkelheit ruinierte. Der November zweifelte an sich. Wenn sie schon die Dunkelheit nicht zu schätzen wussten, was war dann mit seinem Grau? Wie lange hatte er an all den Grautönen gefeilt, samtig, matt, silbrig, stumpf, durchsichtig, schwer – wusste das überhaupt jemand zu würdigen? Konnte er seine Schätze mit irgendjemandem teilen, der ihn verstand?
Der November seufzte schwer. Und zu all dem Übel nun auch noch ein Lockdown. Das hatte er wirklich nicht verdient. Vielleicht würde er sich dieses Jahr einfach mal eine Auszeit nehmen. Sollte doch der eitle Oktober übernehmen, der hatte sowieso noch was wiedergutzumachen, seine Leistung war unterirdisch gewesen dieses Jahr.
Genau. Ein schöner, langer Urlaub. Vielleicht würde er auf die Bahamas auswandern. Und vielleicht würden die Leute dort sein Grau zu schätzen wissen.

Das war ein Beitrag für die abc.etüden: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Kain Schreiber mit seinem Blog Gedankenflut. Sie lauten: Nachtlicht, lieblich, teilen. Organisiert wie immer von Christiane: Vielen Dank! 🙂

Der Schweinehund und der Nöhlbär

Der Schweinehund und der Nöhlbär

Du sitzt gerade friedlich an deinem Esstisch und trinkst Tee, dein Schweinehund schnarcht neben dir, als die Haustür mit einem Knall aufschlägt. Erschrocken prustest du in deine Tasse, dein Schweinehund springt in die Höhe und flüchtet dann hinter deine Beine.
„So! So ist das also! Ihr sitzt hier rum und habt es schön, was? Das könnte euch so passen! Wolltest du heute nicht einkaufen gehen? Und das Bad putzen? Aber nein, stattdessen sitzt ihr wieder einfach nur rum, nichts passiert, das Leben geht an euch vorbei und morgen seid ihr vielleicht schon tot, und dann?“
Du siehst ergeben zur Decke. Es ist der Nöhlbär. Und er hat sehr, sehr schlechte Laune.
„Ja, ich habe schlechte Laune, und das ja wohl zu Recht, oder? Hattest du mir nicht beim letzten Mal in die Tatze versprochen, das von nun an alles besser werden würde? Und? Und? Nichts ist passiert!“ Der Nöhlbär schnauft selbstgerecht, während er mit erhobener Tatze vor dir steht und mit einer Kralle nacheinander auf Dinge in deinem Esszimmer zeigt. „Die Fenster! Wieder nicht geputzt! Was sollen denn bloß die Nachbarn denken? Und hier!“ Er fährt mit der anderen Tatze über einen Regalboden. „Staubig! Immer noch! Willst du, dass hier irgendwann die Wollmäuse einziehen? Und wie du wieder aussiehst, un-mög-lich! Diese Hose, was war das vorher, ein Kartoffelsack? Und ich sehe, du isst immer noch die Schokoladenkekse – hatten wir nicht darüber gesprochen, wie schädlich sie für deine Linie sind? Und was sie mit deinem Stoffwechsel machen, fürchterlich!“ Er stemmt die Tatzen in die zotteligen Hüften und starrt dich vorwurfsvoll an. „Draußen wart ihr heute auch noch nicht, oder? Das ist ja wieder mal typisch. Stubenhocker und Bewegungsmuffel. Du wirst noch eine Sonnenallergie entwickeln, wenn du weiter so selten raus gehst, du wirst sehen, ich habe nämlich immer Recht!“
Du guckst ihn nur an.
„Und du?“ Der Nöhlbär starrt jetzt deinen Schweinehund an, der versucht, sich hinter deinen Beinen so klein wie möglich zu machen. „Hältst wieder alle davon ab, das zu tun, was gut wäre, was? Darin bist du ja besonders gut, hier auf der faulen Haut liegen und nichts tun, was? Ist das lebenserfüllend? Solltest du nicht mal über andere Lebenentwürfe nachdenken? Hm? Draußen Stöckchen fangen oder was immer ihr Schweinehunde sonst so tut?“ Der Nöhlbar kneift die Augen zusammen, sieht sich betont langsam in deiner Wohnung um und schnauft dann verächtlich. „Ach, was rede ich. Hoffnungslos, das seid ihr.“ Er wirft erst dir, dann deinem Schweinehund noch einen Blick zu, der voller Mitleid ist, dann dreht er sich um und verschwindet so schnell, wie er gekommen ist. Die Tür fällt hinter ihm zu.
Du atmest aus. Dein Schweinehund kommt hinter deinen Beinen hervor und schlackert mit den Ohren. „Jungejunge, der war aber miserabel gelaunt heute, oder?“
Du nickst. „Aber das ist er ja immer. Eigentlich kann ER einem leid tun. Weisst du was? Nach so einem Besuch brauche ich die doppelte Ration Schokokekse. Und Kakao. Willst du auch?“
Dein Schweinehund grinst freudig überrascht. „Na klar!“
Während du in die Küche gehst, guckst du kurz an dir herunter. Kartoffelsack. Eigentlich ist das deine Lieblingshose. Vielleicht solltest du über diesen Punkt nachdenken.
Aber nur kurz.

In so ein Loch möchte man manchmal kriechen, wenn der Nöhlbär zu Besuch kommt.

(für Katja)

 

Wie die ersten Lichtstrahlen

Der Herr
streut seine Worte wie die ersten Lichtstrahlen am Morgen
schenkt uns Gegenwart
birgt uns mit seinen Worten
wie unter einem Blätterdach im Regen.
Er erhellt unsere Wünsche mit seinen Blicken.
Wenn wir stolpern und fallen
tief hinab
spannt er ein Netz
setzt uns zurück mit schlagendem Herzen.
Über allem Land scheint hell sein Angesicht.
Wir schlafen tief und friedlich
dem neuen Tag entgegen.
So wird es sein.

(nach 4. Mose, 22-27)

Zum Reformationstag eine kleine Neuinterpretation. 🙂

Rosa

Rosa

Die Familie hat Zuwachs bekommen! Seit gestern wohnt ein neugieriges Schaf bei mir, mit einer sehr speziellen Vorliebe – ich meine, nicht jeder hat rosa Fell, oder? Auch der Schafsname – Rosa – spricht für sich. Sie hat sich mir so vorgestellt, und wir waren uns sofort einig, der Name hat Esprit, Charme, Ausstrahlung, selbstverständlich kann sie ausschließlich Rosa heißen. Auch wenn andere meinen, ihr Name wäre Waldemar. Ts-ts. Da sieht sie gnädig drüber hinweg. Obwohl Waldemar natürlich auch so einiges hat, keine Frage. Aber sagt selbst: Dieser Schwung! Diese Eleganz! Diese natürliche Schönheit!

Allerdings gibt es ein kleines Manko, und hier muss ich ganz leise werden: Sie ist nicht die allerhellste Kerze auf dem Kuchen. Wenn ihr versteht, was ich meine. Dafür aber mit sehr viel Überzeugungskraft ausgestattet. Sie wollte zum Beispiel unbedingt vor diesem Hintergrund fotografiert werden. Ich hab noch versucht, zu vermitteln, habe erklärt, dass Orange und Pink in dieser speziellen Rosa-Kombination nicht die allervorteilhafteste Situation ergeben, aber nein, es musste vor dieser Wand sein. Nun gut. Bitteschön. Ich bin ja kompromissfähig.

Und, man fasst es nicht, heute beim Einkaufen hat sie sofort erste zarte Kontakte geknüpft und diesen Herrn hier kennengelernt, und dann hat sie mich gezwungen gebeten, ihn aus dem Gitterkäfig zu befreien, in dem er sich gerade aufhielt. Und bevor er wusste, wie ihm geschah, befand er sich schon in einem Tete-a-Tete mit einem rosa Schaf. Er guckt noch ein bisschen skeptisch, was ja verständlich ist, aber Rosa hat ihm schon die Wohnung gezeigt, die skandalöse Unterschafung hier beklagt, wie man denn da eine Herde bilden solle, dass es keinen vernünftigen Stall gäbe und wo überhaupt die Hütehunde seien, mit denen man sich üblicherweise die Zeit vertreibe, indem man ihnen entwischt und sie einen wieder einfangen. Der Gute hatte noch nicht viel Zeit, etwas zu sagen, aber ich bin ganz froh, dass er da ist, sonst hätte ich ja nie im Leben die Zeit gehabt, all das hier zu schreiben. Glück gehabt!

Und jetzt muss ich in die Küche und mal nachsehen, was die beiden da so machen. Ich habe da so eine Ahnung, dass das hier interessant werden könnte.

 

Zugsegeln

Zugfahrt

die langweiligste Zugfahrt
ist mit den Berliner Philharmonikern
und der schönen blauen Donau in
voller Lautstärke
ein Segeln entlang der Ränder
des Paradieses