Über stachelbeermond

Ich mag Geschichten, die spannend sind und irgendwo hin wollen, sammle seltene Worte und lasse sie wie Drachen steigen... mein Blogzuhause: stachelbeeermond.com

Was schön war. Sonntag, 13.06.21

– Fahrradfahren durch den knusperfrischen Sommermorgen
– mich über den Balkon freuen, eine Biene und ein höchst exotisches Insekt mit sehr langen Gliedmaßen und Flügeln beobachten, eine Tomatenpflanze retten
– mit Freunden im Garten sitzen und Mücken jagen

Mein Balkon im Juni

Sechs Tage war ich weg, und was macht mein Balkon in der Zeit? Er verbündet sich mit meiner Balkonkümmerin und explodiert. Und als ich noch ungläubig gucke ob all des neuen Grüns und der Größe der Tomatenpflanzen, raschelt meine Stachelbeere mit all ihren stacheligen Zweigen und fragt schnippisch, ob denn jetzt eigentlich endlich mal der übliche Balkonauftritt im Blog dran wäre, grüner würde es ja wohl nicht mehr werden.

Die Stachelbeere ist dieses Jahr übermütig, denn ich habe sie nicht beschnitten, und nun nimmt sie die Hälfte des Balkons ein und piekt mich, wenn ich versuche, sie zu gießen. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wie ich die Stachelbeeren pflücken soll, ihre Mama ist besitzergreifend und kann sehr schlecht loslassen. Für den Rosmarin ist das aber ein Glück, wie ich vermute.

Er hat ein dramatisches Jahr hinter sich. Nach hemmungslosem Wachstum bis in den Dezember hinein und schlichtem Ignorieren des Winters mit Hilfe zahlloser kleiner rosa Blüten kam der März, und der März war hart. Er hat dem Rosmarin die Füße abgefroren und so blieb mir nichts anderes übrig, als zur Schere zu greifen. Er muss geahnt haben, dass ich drauf und dran war, ihn ganz in den Pflanzenhimmel zu befördern, denn er hat um eine zweite Chance geduftet, und so durfte er bleiben. Wenn auch geschrumpft. Die Stachelbeere umschmeichelt jetzt seine kahlen Zweige und die beiden flüstern die ganze Zeit miteinander. Er hat sogar schon wieder ein paar grüne Triebe bekommen.

Die Nelke, die frühere Küchenhockerin, hat sich prächtig entwickelt. Sie ist still und genügsam, wächst langsam vor sich hin und strotzt vor Blüten. Der kleine Männertreu muss sich mächtig anstrengen, um auch etwas Platz zu bekommen.

Alle Bewohner dieses Balkonkastens müssen sich ran halten, denn sonst werden sie von dieser Erdbeer-Vanille-Minze hinterrücks überwältigt. Eigentlich wollte ich nur ein paar Mochitos mit ihr mixen, aber dann habe ich kurz nicht hingesehen und zack! ist sie sowas wie der Pate der rosa-lila Balkongesellschaft geworden: O sole mio, her mit dem Wasser und dem Dünger oder ich überwachse dich (was ich sowieso tun werde, aber Höflichkeit ist die Tugend der Minzepflanzen)!

Diese zwei hier haben sich gegen den Minze-Paten verbündet und wachsen einfach so dicht an dicht, dass sie keine Chance hat, ihr Geschäft in diese Richtung zu erweitern. Sehr clever. Im nächsten Kasten wächst auch eine Minzpflanze, aber eine Spearmint-Pflanze. Sie spricht immer ein bisschen nuschelig, vermutlich wegen des Kaugummiaromas, und ist im Gegensatz zum Paten pflegeleicht und verträglich.

Was man von ihrer Nachbarin wirklich nicht sagen kann. Sie hat ein sehr ausartendes Gemüt, und wenn ich ihr nicht massiv Einhalt gebiete, würde sie an der Eroberung der kompletten Balkonwelt arbeiten und hätte auch schon Erfolg gehabt. Dabei ist sie trotzdem ein sensibles Seelchen, sie möchte nicht nur den Balkon, sondern auch den Himmel erobern, knickt dabei aber gern mal zur ein oder anderen Seite ab. Eine absturzgefährdete, penetrante, wuchernde Seele. Aber alle Schwebfliegen lieben sie, deswegen darf sie bleiben.

Hier ist es etwas aus dem Ruder gelaufen. Ich hätte wohl mal energisch durchgreifen müssen, aber man kommt so schlecht ran, und es war das einzige, was im Winter grün geblieben ist, und es sieht ein bisschen aus wie ein wuscheliger Kopf… ach, egal, der Topf ist, was er ist, ein wilder Minigarten. Wenn ich reingucken könnte, würde ich bestimmt ein winziges Dorf entdecken, das sich über die sintflutartigen Regenfälle beschwert, die regelmässig morgens stattfinden, und der Bürgermeister muss endlich etwas dagegen tun, oder er wird abgewählt!

Was das hier ist? Ich habe keine Ahnung, aber es wächst einfach immer weiter und immer höher. Mal sehen, wo es hinwill. Und es schwankt im Wind, als ob es zuviele Mochitos getrunken hätte. Die Minze wäre auf jeden Fall schon mal fast in Reichweite.

Dann gibt es da noch die Tomaten, allesamt Kollegen-Geschenke, die in einem Fall ein Joint-Venture mit einer Waldmeister-Siedlung bilden, im anderen Fall meine etwas kläglichen Versuche einer Vermehrung von Weidenkätzchen begleiten. Den Tomaten geht es prima. Die anderen… naja… wer weiß, da geht bestimmt noch was. Und seht mal, wie liebevoll sich meine Balkonbetreuerin gekümmert hat! Ich habe vor meiner Abreise nämlich nur noch schnell einen Stab in die Erde gesteckt und gedacht, das reicht schon, so schnell werden die ja nicht wachsen! Haha.

Einzelne, interessante Untermieter haben sich eingefunden, zum Beispiel diese Dame hier mit exorbitantem Haarwuchs:

Und dann gibt es noch den Glasfisch, der stetig seine Runden zieht, völlig unbeeindruckt von Mafia, Bündnissen, zickigen Stachelbeeren und blühendem Schnittlauch aus dem vorletzten Jahr. Er schwimmt in all dem Grün und freut sich seines Lebens. Und ich freue mich mit.

Was schön war. Samstag, 12.6.21

– aufwachen im eigenen, bequemen, weichen, paradiesischen Bett
– der erste Frisörbesuch seit neun Monaten (das fühlt sich SO gut an!)
– so begeistert sein vom ersten Schwimmbadbesuch des Jahres, dass ich mit den falschen Schuhen unter die Dusche gegangen bin. Es hat gequatscht auf dem Heimweg. 😁

Mein Balkon Ende März

Heute besuche ich meinen Balkon. Er war schon den ganzen Winter über allein, ich weiß das, denn ich war auch oft allein. Manchmal auch einsam, aber meistens nur allein.
Meine Socken werden ein bisschen feucht, als ich ihn betrete. Mein Balkon entschuldigt sich, er könne nichts dafür, es hätte in den letzten Tagen viel geregnet, er würde sein Bestes tun, die Nässe loszuwerden, aber mit diesen alten Steinfliesen, es sei nicht einfach…
Ich beruhige ihn. Es ist interessant, die Nässe an den Füßen zu spüren. Ich strenge mich an und lasse ein paar Wurzeln aus meinen Zehen sprießen. Sie graben sich zwischen den Steinplatten ein. Es kitzelt an den Zehen. Oh, sagt mein Balkon überrascht, dann sagt er nichts mehr.
Wir betrachten gemeinsam den Himmel, der heute grauweißblau dahinfliegt, jederzeit bereit, noch mehr Regen fallen zu lassen. Der Rosmarin blüht. Vielleicht hat der Lavendel überlebt. Ich könnte nachsehen, aber ich lasse es. Manche Überraschungen muss man sich für später aufheben.
Der Wind fährt über meine bloßen Unterarme und ich fröstle und betrachte das Moos am Rand der Steinplatten. Hübsch, nicht? fragt mein Balkon stolz und ich nicke. Der grüne Glasfisch schwimmt unverdrossen seine Runden, ihm ist es egal, welches Wetter gerade ist. Er ist unabhängig.
Schön ist es bei dir, sage ich und atme die Luft tief ein. Mein Balkon dehnt sich auf das Doppelte seiner normalen Größe. Alte Schmeichlerin, flüstert der Zwerg mit der blauen Mütze, aber er grinst dabei. Er wohnt immer noch unter der Stachelbeere, die im Moment ziemlich kahl aussieht. Das habe ich gehört! zischt sie, um dann beleidigt weiter zu dösen. Ohje. Das wird ein Gemetzel im Sommer beim Pflücken geben. Selbst schuld, murmelt mein Balkon, du weisst doch, wie empfindlich sie ist. Und immer noch nicht die Hellste, murmele ich fast unhörbar zurück. Dann schweigen wir wieder. Der Himmel rast über uns hinweg. Das Leben könnte schlechter sein.

Ich halt die Luft an

(Engelsmonolog)

„Ich halt die Luft an, bis alles wieder stimmt? Komischer Liedtitel, aber für mich kein Problem: Atmen ist für mich wie essen, man kann, muss aber nicht. Die Frage ist doch eher, wie lange willst du die Luft anhalten? Zu lange dürfte ungesund sein, und bis alles stimmt? Meiner Erfahrung nach stimmt selten alles. Vieles vielleicht, aber alles? Perfekt bin nicht mal ich, und ich muss es wissen. Was suchst du? Eine Vorstellung? Den goldenen Schnitt? Im Leben ist der Schnitt selten golden, eher blau. Oder ein bisschen krumm. Ich rede dir nicht rein, keine Sorge! Such ruhig weiter, das kann ja auch sehr spannend sein, wie Ostereiersuchen. Es muss sie vorher nur jemand verstecken. Was, wenn niemand die Eier versteckt? Und du suchst und suchst? Ich sags ja nur.“

Was schön war. Freitag, 11.6.21

– Frühstück mit Ausblick (Schloß mit Kirche und Stift, oben die Festungsruine, sonnenbeschienen)
– Raststätten-Mittagessen mit Spatzenbegleitung
– ankommen und sich wirklich freuen, wieder da zu sein

Was schön war. Donnerstag, 10.6.21

– in Zeitnot eine Geschichte schreiben und sie mögen
– die Freude der Köchin über das Salatlob
– ein schöner Abend mit zuviel Essen und guten Gesprächen

Was schön war. Mittwoch, 9.6.21

– gemeinsames Singen. Singen! Das erste Mal seit… ich weiß nicht mehr
– in der Sonne sitzen, Gänseblümchen zwischen den Zehen und schreiben
– Akzeptanz des Wortmangels in Gesellschaft

Was schön war. Dienstag, 8.6.21

– neue Schuhe spazierenführen
– beim Bäcker die letzte Puddingbrezel ergattern
– mit Rotwein unter der Linde sitzen
– ein Buch von Roger Willemsen und eins von Susanne Niemeyer gekauft

Was schön war. Montag, 7.6.21

– Frühstück mit Oink und tollem Ausblick, Fenster bodentief und überall
– herumschleimende Weinbergschnecken
– Schreibeinheit Nr. 1, danach Rotwein