aufhören

aufhören

beim letzten Mal
sind alle vorherigen Male dabei
unsichtbar im Gepäck
das Schöne
und das Schwere
alles Ungesagte
viel zu viele Gedanken
nie gezähmte Hoffnung
wilde Wut
in den Lücken
endlos gute Absichten
heute legt sich
auf alles alte Gepäck
Freiheit
und plötzlich
ist es leichter
als Wind

Der Dienstag dichtet!  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch Wortgeflumselkritzelkram, Mutigerleben und Werner Kastens sind mit von der Partie. Wer den Dienstag also mit Gedichten beginnen will: Herzlich willkommen!

Fräulein Honigohr sitzt im Schrank

Fräulein Honigohr sitzt im Schrank. Es ist ein bisschen dunkel da drin, aber das macht nichts. Wenn sie den Kopf dreht, um zu lauschen, streicht das grüne Sommerkleid über ihre Wangen. Langsam wird es draußen ruhiger. Das ist gut. Sie legt den Kopf auf die angezogenen Knie. Wie ärgerlich, dass es schon wieder passiert ist. Dabei hat sie so aufgepasst!
Immerhin hat sie an den Schrank gedacht, und darauf ist sie ein kleines bisschen stolz. Gut, dass sie Herrn Brummeck um Rat gebeten hat. Der Schrank war eine ausgezeichnete Idee, das muss sie ihm später unbedingt sagen. In Gedanken macht sie einen dreifachen, violetten Knoten in ihre Haare, um es ja nicht zu vergessen. Vergesslichkeit. Sie seufzt leise. Warum ist sie nur so schrecklich vergesslich? Damit fängt immer alles an. Abends vergisst sie, den Wecker zu stellen, obwohl sie das nicht wirklich schlimm findet. Trotzdem. Sie sollte es nicht vergessen, das ist ein Prinzip und Prinzipien muß man einhalten. Oder? Und außerdem ist es ja nicht nur der Wecker: Sie vergisst, dass sie den Teebeutel schon in die Tasse getan hat, dann, die zweite Socke anzuziehen, der Regenschirm ist unauffindbar, ihr Geldbeutel ist verschwunden. Sie ist auch schon mit ungekämmten Haaren zur Arbeit gegangen, von vergessenen Taschen ganz zu schweigen. Und so hat sie auch ihre Krone verloren. Ihre schöne, goldene Krone. Die hätte sie heute dringend gebraucht, das Wetter ist übel, der Morgen grau, die Aussichten novembermässig schlecht, und mit Krone wäre einfach alles besser gewesen. Aber sie hat sie nicht gefunden.
Fräulein Honigohr seufzt noch einmal leise und erinnert sich, wie sie gesucht hat: Unter dem Bett. Im Küchenschrank. Zwischen den Kissen im Wohnzimmer. Hinter den Büchern. Sogar in den Büchern hat sie nachgesehen, manchmal versteckt ihre Krone sich überraschend hinterhältig. Aber dieses Mal war sie nirgendwo. Und dann kam die Wut. Fräulein Honigohrs Wut will toben, schreien und rennen, und zwar alles auf einmal. Sie kann ziemlich beängstigend sein. Sie macht sogar Fräulein Honigohr selber Angst. Wenn man gleichzeitig Angst hat und wütend ist, neigt die Wut dazu, sich selbständig zu machen und das ist der Zeitpunkt, an dem der Schrank ins Spiel kam. Herr Brummeck hat Fräulein Honigohr geraten, im Schrank in Deckung zu gehen und ihre Wut sich selbst zu überlassen. Meistens wird der Wut schnell langweilig, wenn Fräulein Honigohr sie ignoriert. Und genau das hat sie heute getan. Sie ist stolz auf sich.
Ein kleiner Lichtstreifen fällt durch das Schlüsselloch zu ihr hinein. Fräulein Honigohr streckt ihre Finger aus und spielt mit ihm. Draussen ist es ruhig. Ihre Wut ist verschwunden. Eigentlich könnte sie jetzt die Tür aufmachen und hinausgehen. Interessanterweise hat sie gerade gar keine Lust dazu. Der Lichtstrahl kitzelt ihre Finger, es ist warm und wenn sie noch ein klein wenig überlegt, fällt ihr vielleicht sogar wieder ein, wo sie ihre Krone hingelegt hat.
Fräulein Honigohr lächelt. Vielleicht sollte sie einen wöchentlichen Schranktag einführen. Der Montag wird sowieso überbewertet.

Monat 11

Wann?
Seele, Sinne sagt mir wann
Wann ist das Sonnenlicht milder
der Wind brausender
die Wolken bedrohlicher
die Tage dunkler
das Wetter, die Gefühle wechselhafter
der Geruch modriger
das Laub raschelnder
die Luft dunstiger
die Farben der Natur bunter
die Straßen schmutziger
die Pfade aufgeweichter
die Sehnsucht sehnsüchtiger
die Leere leerer
die Traurigkeit bedrückender
der Gedanke an Vergänglichkeit präsenter
Trost und Ermutigung nötiger
die Bettdecke kuscheliger
Zuhause gemütlicher
als im November

herbst

Ein Gastbeitrag von Himmelgraublau aus November 2016 (ja, so lange gibt´s Stachelbeermond schon!).

November

Griesgrämig zupft der Wind die letzten Blätter von den Ästen, zerrt sie lustlos durch die Luft und schubst sie schließlich in die Pfützen auf den Bürgersteigen. Selbst der Wind ist schlecht gelaunt im November. In den Straßenbahnen riecht es nach feuchter Wolle und Kamillentee, und die Menschen stapfen mit eingezogenen Köpfen über regendunkles Pflaster.
Wie ein gräulicher, ausgetretener Teppich hängt der Himmel über den Häusern, Nebel- und Regenschwaden lösen sich aus ihm, und die Drogerieketten steigern ihren Umsatz an Taschentüchern und Ersatzschirmen. Der blaugoldene Oktober verblasst langsam im Gedächtnis, Weihnachten ist noch weit entfernt. Nein, niemand mag den November.

Fast niemand. Angesichts all der miesepetrigen Laune um mich herum habe ich fast ein schlechtes Gewissen, es zuzugeben: Ich kuschele mich in diesen Monat ein wie in eine warme Decke. Niemals ist es so schön, nach Hause zu kommen, sich einen Tee aufzubrühen und überall warmes Licht einzuschalten. Die Zugfahrten wirken wie eine Entspannungskur. Draußen beherrschen Grautöne die Welt, keine einzige Farbe verlangt Beachtung, kein strahlend blauer Himmel fordert mich auf, etwas zu unternehmen. In den Parks ist es still, ein paar Unentwegte führen ihre Hunde aus, ansonsten habe ich die Sandwege für mich. Kein Fahrrad fährt mich von hinten fast um. Unter dem glatten Wasser des Wallgrabens träumen die Karpfen, und ab und zu legt sich ein weiteres, gelbrotes Blatt leise auf die Wasseroberfläche. Die Luft ist feucht, es riecht nach Laub und Erde. Wasserstaub schwebt in der Luft und hängt kleine Gewichte an meine Wimpern. Diese Jahreszeit legt sich dämpfend auf das Gemüt, beruhigt die Nerven und lässt der Vorfreude auf den Dezember großzügigen Spielraum.
Der November ist ein Künstler, er zelebriert die Tristesse mit großer Grandezza, und er genießt seine Auftritte. Egal, ob es dramatische Inszenierungen in Grau sind, sanfte Nebelgesänge oder tränenreiche, schwarze Tage – er gibt alles, und manchmal drückt er sich nach einem dieser Tage vor dem Fenster meines Zuges herum, linst mit einem Auge durch das schlierige Fenster und fragt erwartungsvoll: Na? Wie war ich? Ich lächle dann, lehne mich zurück und betrachte träge die erdigen Felder, die an mir vorbeifliegen.
Wie alles andere hat auch der November seine Zeit, und er nutzt sie mit Hingabe. Ob ich seine Kunst mag oder nicht, ist Geschmackssache, aber man kann ihm nicht vorwerfen, dass er nicht alles geben würde. Im Rahmen seiner Möglichkeiten tut er große Dinge, und es liegt an mir, ob ich sie würdige. Oder eben nicht.

Diesen Text hatte ich im November 2017 veröffentlicht. Aus gegebenem Anlass darf er hier noch einmal alles geben 🙂 .

Reformationstag II

es ist Zeit
setz dich hin
sieh ihn an
und dann dich
was
wenn du nicht verhandeln musst
du sein darfst
es weniger Worte bedarf
er dich kennt
dich ansieht
lächelt
es ist Zeit
sieh ihn an
Reformationstag

Reformationstag I

es ist Zeit
nimm deine glasklaren Überzeugungen
liebgewordenen Gewohnheiten
spitzenverzierten Gedankenmuster
sieh sie an
wende sie von oben nach unten
die Angst darf heute bleiben
halte Ausschau
nach blinden Flecken
wenn du mutig bist
frag Menschen
(trag ihnen nichts nach)
es ist Zeit
Reformationstag

Erbsensuppe

Erbsensuppe

„Ganz schön heiß heute, was?“ Der Kioskbesitzer zog seine alte Schirmmütze vom Kopf und wischte sich mit einem zerknitterten Stofftuch den Schweiß von der Stirn. „Soll ja heute noch Sturm geben. Vielleicht regnet´s mal. Wär ja schön. Meine Blumen könnten ´n bißchen Feuchtigkeit gut gebrauchen.“ Er nickte in Richtung zweier runder Betonkreise vor seinem Kiosk, die mit roten Geranien bepflanzt waren und ähnlich zerrupft aussahen wie er. Mit einem leisen ‚plopp‘ stülpte er die Schirmmütze zurück auf seine spärlichen Haare.
Jolanka nickte abwesend und nahm einen Löffel Erbsensuppe. Geranien konnte sie nicht ausstehen.
„Machense gerade Feierabend? Ganz schön spät, was?“
„Jeder so, wie er kann.“
„Ja, is schon klar. Ich frag ja auch nur. Is manchmal´n bißchen langweilig hier, wissense?“
„Langweilig? Hier kommen doch ständig Leute vorbei und kaufen was, oder?“
„Schon. Aber die reden nich. Keiner hat Zeit. Und die, die Zeit haben, sind meistens schon ziemlich besoffen, wennse hier auftauchen. Oder werden es dann ziemlich schnell.“ Er seufzte. „Manchmal komm ich mir vor wie so´n Dealer, wissense, ich sollte all das Zeug hier echt nich verkaufen. Aber ohne geht auch nich. Dann ist der Umsatz mies. Ißt ja nicht jeder ´ne Erbsensuppe wie Sie.“
„Die ist übrigens gut.“ Zu ihrer eigenen Überraschung musste Jolanka nicht mal lügen. Die Suppe war wirklich gut.
„Ist´n Rezept von meiner Mama, Gott hab sie selig. Koch ich jeden Morgen frisch. Eigentlich ja nur für meine Stammkunden, aber Sie haben so verhungert ausgesehen…“ Er blickte mißbilligend auf ihre dünnen Beine.
Jolanka lächelte widerstrebend. „Nur für Ihre Stammkunden? Wirklich?“
„Ach, wissense, die Jungs hab´n doch sonst nichts. Nur mich und den Kiosk. Das ist nich viel, selbst wenn man die Geranien dazurechnet. `N bißchen Bier in bezahlter Gesellschaft…“ Er verstummte kurz und betrachtete die Regale, in denen Dosen und Flaschen standen. „Und irgendwann dachte ich, dann können wir´s uns doch auch ´n bißchen nett machen. Erbsensuppe kann ich, meine Gäste haben ´n billiges Mittagessen und ich Gesellschaft.“ Er beugte sich nach vorn über den Tresen, sah nach links und rechts und flüsterte:“ Wissense, ich darf die ja eigentlich gar nicht verkaufen, hab keine Lizenz dafür und so, aber wenn´s keiner verrät, ist es doch gar nicht passiert, oder?“ Er lächelte ihr verschwörerisch zu.
Jolanka ließ den Löffel in die leere Plastikschale fallen. Der heiße Wind drückte die Geranien in die Betonkreise und wirbelte Staub auf. „Stimmt. Schönen Abend noch.“
„Gleichfalls! Machenses gut!“
Sie spürte seinen Blick im Rücken, als sie zum Auto ging. Ihr Entschluß stand. Ihr Auftraggeber würde sich einen anderen Privatdetektiv für seine Beweissuche gegen den Kioskbesitzer suchen müssen. Wenn es nach ihr ging, würde die Erbsensuppe bleiben. Sie war wirklich gut.