Ausgelesen: Halbmast. Von Sandra Lüpkes.

Keine Ahnung, warum, aber in letzter Zeit lese ich wieder mehr Krimis. Und gerne auch mal welche, bei denen ich vorher keinerlei Ahnung habe, worum es geht oder wie der/die Autor/Autorin schreibt. Am liebsten gehe ich in der Stadtbibliothek am Regal entlang, gucke auf die Titelrücken und ziehe einfach eins heraus und nehme es mit. So auch bei diesem Buch, das mich erfreulich überrascht hat. Wenn man schon ein Risiko eingeht, ist es doch immer schön, wenn es kein Totalausfall wird!

In Halbmast geht es um die Überführung eines neugebauten Kreuzfahrtschiffes aus der Werft über die Ems in die Nordsee – hat hier jetzt jemand eventuell eine große, norddeutsche Reederei vor Augen, die riesige Kreuzfahrtschiffe baut und sie dann in millimetergenauen Aktionen in die Nordsee überführt? Tja, ich auch, und zwar das gesamte Buch über. Ich nehme mal an, dass die  Reederei bei Erscheinen des Buches nicht übermässig erfreut war, sie kommt darin nämlich nicht besonders gut weg. Eine Fotografin soll die Überführung zusammen mit einem Journalisten begleiten und eine Reportage darüber machen. Anfangs läuft alles glatt, dann gibt es ein paar seltsame Vorfälle und als der Journalist spurlos verschwindet, beginnt die Fotografin zu ahnen, dass auf dem Schiff und in der Reederei nicht alles so reibungslos läuft, wie man es ihnen gerne weismachen möchte…

Das Buch ist solide Krimikost. Für ausführliche Charakterstudien ist nicht genug Platz auf den 256 Seiten, vor allem auch, weil die Autorin Nebenhandlungen eingebaut hat, auf die ich gerne zugunsten der Haupthandlung verzichtet hätte. Es ist schön norddeutsch kühl gehalten, der Hauptfigur kommt man ein bisschen näher, alle anderen bleiben einem mehr oder weniger fremd. Der Hauptfokus liegt auf dem Vorantreiben der Handlung und auf dem ungewöhnlichen Handlungsort, dem Kreuzfahrtschiff. Politische Interessen, schlechte Arbeitsbedingungen und Schwarzarbeit werden erwähnt, aber nur gestreift. Man hätte mehr aus dem wirklich interessanten Plot machen können, aber mal ehrlich: Aus den meisten Büchern könnte man mehr machen. Wenn der Autor sich dagegen entscheidet, ist das sein gutes Recht, und so ist das Buch wunderbar geeignet für eine lange, langweilige Zugfahrt oder einen Nachmittag auf der Sonnenliege im Garten. Es wird nicht mein einziges gelesenes Buch von Sandra Lüpkes bleiben.

Was man zum Neugierigsein braucht

Vielen Dank an Anja, Claudia und Simone für das gemeinsame neugierige Suchen nach Dingen, die man zum Neugierigsein braucht! 🙂

(für eine kleine Give-Away-Gottesdienstaktion, laminiert und als Rubbelbild gestaltet)

Eigentlich ganz einfach, oder?

Alltagsrückkehr

„Jaaaa, so liebe ich das“, sagt dein Schweinehund zufrieden und wälzt sich behaglich in deinem Alltag hin und her. „Wir brauchen doch gar nicht soviel Neues, das ist so anstrengend, nie weiß man, was auf einen zukommt. Guck mal, da ist dein Lieblingsbäcker, komm, lass uns reingehen und ein Croissant kaufen!“

Deine Füße nehmen automatisch denselben Weg wie vor dem Urlaub, du kannst gar nichts dagegen tun. Und schon kommst du mit einer Tüte wieder aus der Bäckerei heraus und weißt nicht mehr, wie du überhaupt hineingeraten bist. Dein Schweinehund ist außer sich vor Entzücken. „So schön, endlich wieder Alltag! Gleich gibt´s Tee und wir frühstücken zusammen! Lass uns den kurzen Weg nehmen, die Umwege am Fluß entlang brauchen wir heute wirklich nicht. Je früher du am Schreibtisch sitzt, desto eher kannst du nach Hause!“

Du schaust ihn an, nicht ganz sicher, was hier gerade vor sich geht. Eigentlich wolltest du doch auf jeden Fall die Umwege nehmen. Und du hattest dir fest vorgenommen, die Bäckerei zu meiden, oder? Deine Füße nehmen den kurzen Weg, während du noch darüber nachdenkst. Dein Schweinehund hüpft neben dir her, sein Fell glänzt wie frisch gewaschen. „Guck mal da, das Kaffeemaschinengeschäft, und die staubigen Ladenfenster, und die Suppenküche, gut, dass wir nicht den Umweg genommen haben, sonst hätten wir das alles ja gar nicht gesehen!“

Du bleibst stehen und starrst ihn an. Hier stimmt doch was nicht. „Spinnst du? Sonst findest du die Straße hier doch stinklangweilig!“

„Ach was“, er wedelt geringschätzig mit der Pfote hin und her, „das war gestern, heute finde ich sie super! Guck mal, die Suppenküche hat eine neue Tomatensuppe im Angebot!“ Er erstarrt, die Pfote noch in der Luft und schielt zu dir rüber. Tomatensuppe. Das war ein Fehler und er weiß es.

„Ich mag keine Tomatensuppe. Und das weißt du.“ Du bohrst deinen Blick in seine Augen.

„Äh… richtig. Ja… äh… aber das Schild für die Suppe ist doch hübsch, oder?“ Er druckst herum und windet sich. Unter deinem forschenden Blick schrumpft er zusammen, bis er in deine Hand passt. Kleinlaut rollt er sich zusammen, und während du ihn in deine Tasche steckst, hörst du ihn undeutlich murmeln: „…wollte doch nicht… nur zu deinem Besten… kleinlich… “ Dann drehst du dich um und gehst zurück, bis dahin, wo der Umweg am Fluß beginnt. Aber auf das Croissant, auf das freust du dich trotzdem.

Kleine Freuden, wenn es besser wird

  • wieder Seitenschläfer sein
  • Socken anziehen in fünf Sekunden
  • überhaupt: Socken anziehen!
  • leichtfüßig aufs Fahrrad hüpfen
  • sich einfach irgendwo hinsetzen
  • und wieder aufstehen
  • normal gehen anstatt schlingern wie ein Dampfer bei Windstärke 8
  • den Einstieg ins Auto nicht wie die Besteigung des Matterhorns angehen müssen
  • durchatmen anstatt fluchen wie ein Bierkutschenfahrer
  • sich nicht stündlich fragen, wann das Bein wohl abfällt
  • viel besser gelaunt sein
  • und sehr, sehr dankbar sein

Im September könnte man …

  • jede Woche einen (Halb-) Tag zweckfreie Zeit einplanen – dem inneren Gleichgewicht zuliebe
  • in Ruhe frühstücken und es genießen
  • Ausschau halten nach den kleinen Wundern des Tages
  • einen Text, der einem gefällt oder etwas bedeutet, in Schönschrift abschreiben – einfach so, für sich selbst oder zum Verschenken
  • jemandem ein Überraschungspäckchen schicken
  • singen – egal, ob allein oder im Chor
  • nach Apfelbäumen am Wegesrand Ausschau halten, Äpfel ernten und einen Apfelkuchen backen, Apfelmus kochen …
  • sich an einen Lieblingsplatz setzen und lesen
  • sich bei jemandem melden, bei dem man sich schon längst melden wollte
  • den Oberkörper ganz langsam, Wirbel für Wirbel, nach unten zur Erde hin abrollen, Arme locker nach unten hängen lassen, und sich vorstellen: alles, was gerade noch belastend auf den Schultern lag, rollt, purzelt über die Arme und Hände zu Boden – fort… dann langsam, Wirbel für Wirbel, wieder aufrichten, Kopf zuletzt
  • mit einem Lieblingsmenschen essen gehen – oder für ihn/mit ihm kochen
  • im Dunkeln nach draußen setzen und in die Luft lauschen und schnuppern
  • am Ende des Tages 10 Minuten aufschreiben, was einen beschäftigt – den Zettel dann zusammenknüllen und wegwerfen – loslassen

Unkraut

Der alte Gärtner kratzte weiter mit seinem Rechen hart über den trockenen Boden. Der Junge folgte ihm stumm.
„Merk´s dir: Wenn du mit deiner Arbeit hier angelangt bist, ist noch keine Zeit für´s Nichtstun. Das Unkraut am Zaun wird entfernt, dann gießt du den Gemüsegarten. Verstanden?“ Der Junge nickte.
„Gut. Zum Schluß rechst du den Boden, siehst du? So.“ Zur Bekräftigung fuhr er mit den eisernen Stäben noch ein paarmal durch den Staub. Wieder nickte der Junge gehorsam. Der Gärtner richtete sich auf, nahm den Hut ab und wischte mit seiner rauen Hand den Schweiß von der Stirn.
„Nun gut. Wir werden sehen, wie du dich anstellst. Ich hab schon viele kommen und gehen sehen. Der Garten ist groß, hier ist viel Arbeit für zwei. Deine Mutter hat gesagt, du könntest arbeiten. Stimmt das?“ Der Junge nickte schnell, sah den Alten aber nicht an. Sein Blick verhakte sich in einem kleinen, gelben Unkraut, das im Rechen hängengeblieben war. Der Alte folgt seinem Blick.
„Tut´s dir leid um das Unkraut? Gewöhn dir das ab. Hier bestimmen nicht wir, was in das große Haus kommt und was entfernt wird. Alles, was hier wächst, ist Unkraut, alles was hinter dem Zaun wächst, ist Garten. Komm jetzt. Es ist Essenszeit.“ Er lehnte den staubigen Rechen an den Zaun und ging mit langen Schritten auf ein kleines Häuschen zu. Der Junge warf noch einen Blick auf das gelbe Unkraut, zog die Schultern hoch und folgte dem Alten.
In der spärlich eingerichteten Küche glomm ein kleines Kohlenfeuer im Herd. Auf der Platte stand eine metallene Kaffeekanne. Vorsichtig sah der Junge sich im Halbdunkel um.
„Setz dich. Da ist Brot und Käse. Tassen stehen auf dem Bord.“
Der Junge blickte auf den Tisch. Ein Korb mit dunklem Brot stand da, ein kleiner Laib Käse auf einem Holzbrett und in der Mitte glänzte eine alte Konservendose, prall gefüllt mit den gelben Blumen, von denen er eine gerade noch im Rechen gesehen hatte. Unbewegt betrachtete der Alte ihn.
Der Junge nahm zwei Tassen und die Kaffeekanne vom Herd, blickte den Alten fragend an und füllte ihm die Tasse. Dann goß er sich ein. Zusammen aßen sie schweigend ihr erstes gemeinsames Mahl.

Zweckfreiheit

Es lebe der Grünblick!
der in violetten Pagoden
hüpfende Engel erschafft

Jubel! für die knisternde Stille
die zwischen silbernen Schleiern
spinnwebfeine Symphonien durchsingt

Hurra! auf die Sinnfreiheit
die leise kichernd
unablässig frische Gedanken aussät

Es lebe der Grünblick!
das blaue Glück der Zweckfreiheit
und all das kleine Gewimmel dazwischen

Wer mir sagen kann, was das auf dem Bild da bedeutet, gewinnt drei goldene Sternchen!

Die absurden Gedichte sind die, die am meisten Spaß machen beim Schreiben… 🙂