der Tag ist noch warm

der Tag ist noch warm
seine Hände glühen rot
vom Aussäen des Frühlings
dem Wässern von
Samen und Worten
winzigsten Punkten und Kommas
später
zwischen Löwenzahn und
‚wir können!‘ Gedanken
ahnen wir:
das war die Wende

Wandel

Was gestern im Abendrot
des erschöpften Tages
unmöglich war
trägt heute im Morgenrot
des unverbrauchten Tages
Verheißungen in sich.

Karfreitag

Tief im Tal der Tränen
schmeckt (selbst)
die Hoffnung salzig.

Fata Morgana

Sah im sonnigen Aprilmorgen
künftige Tannenbäume im Feld
Dezembervision
Weihnachts-Fata Morgana

😁 Tschuldigung. Das musste sein. Wenn ich schon an Weihnachten und rote Kugeln denken muss, nur weil da vor dem Zugfenster plötzlich ein Weihnachtsbaumfeld auftauchte, will ich das wenigstens nicht allein tun!

Die Seele ist wie Wärme

Die Seele ist wie Wärme
die sich über fröstelnde Glieder legt
wie grüne Wiesen zwischen Geröllfeldern
wie ein Schwätzchen inmitten von Sprachlosigkeit.
Desgleichen ströme der Mensch ein Wohlwollen aus auf alle,
die da Sehnsucht tragen.
Wärme sei er für die Frierenden
eine grüne Wiese für die Ermatteten
er sei wie ein Schwätzchen, das die Verlorenen erfrischt
und sie mit Liebe erfüllt wie Hungernde.

nach Hildegard von Bingen, Die Seele ist wie der Wind

Ich nehme am Schreibexperiment von Susanne Niemeyer teil, und letzte Woche war die Aufgabe, das Gedicht von Hildegard von Bingen mit eigenen Worten umzugestalten. Ich fand es herausfordernd, weil das Originalgedicht eigentlich unübertrefflich ist. Nach einer ziemlichen Menge Wortherumgeschubse gefällt mir meine Version jetzt aber auch. 😊

Oink spielt Carcassonne

„Was macht ihr da?“ fragt Oink neugierig.
„Wir spielen Carcassonne“, sage ich.
Oink marschiert aufs Spielfeld. „Wie geht das?“
„Man baut Städte und Wiesen und Straßen, dann setzt man Bewohner in die Städte und Bauern auf die Wiesen und Bauleute auf die Straßen, und wer die größten Städte und Wiesen und die längsten Straßen hat, gewinnt“, erkläre ich.
„Aha“, sagt Oink. Er guckt nachdenklich. „Kann ich mitspielen?“
„Klar. Wir sind aber schon mittendrin“, sage ich.
„Macht nichts“, sagt Oink. „Sag mal, die Bauern, das sind doch die, die ganz viele Schweine haben, oder?“
Ich wiege den Kopf. „Manche“, sage ich.
Oink nickt. „Bin ich dran?“ fragt er.
„Ja.“
Oink spaziert los und schiebt alle Bauern von allen Wiesen auf einen Haufen.
„He!“ rufe ich entrüstet, „was soll das?“ Meine Mitspielerinnen gucken verzweifelt. Ihre Bauern haben besser gelegen als meine.
Oink schnauft angestrengt, als er den letzten Bauern zum Haufen schiebt. „Guck!“ Er lacht begeistert. „Das Schwein -das bin ich- hat ziemlich viele Bauern!“
Ich lege den Kopf in die Hände. Meine Mitspielerinnen lachen. Oink grunzt fröhlich vor sich hin.
Soviel zu Carcassonne mit meinem Mitbewohner. Regeln? Pffff.

Ich bin jetzt in dem Alter

Ich bin jetzt in dem Alter, in dem ich in längeren Veranstaltungen hemmungslos zeichne. Oder stricke. Das hält mich bei guter Laune und ich schlafe nicht ein, falls es langweilig werden sollte.
Meine noch möglichen Jahre sind weniger als die, die hinter mir liegen, und sie werden immer kostbarer. Ich warte nicht mehr ganz so ungeduldig darauf, dass endlich der Frühling oder der Sommer kommen: Jede Zeit ist schön. Trotzdem freue ich mich auf die ersten Krokusse und Narzissen, und darauf, endlich wieder schwimmen zu gehen, und zwar draußen!
In langjährigen Freundschaften habe ich die Seltsamkeiten und komischen Ecken der Anderen liebgewonnen und möchte nicht mehr darauf verzichten. Sie bereichern mich. Sie nerven mich manchmal trotzdem, aber sie sind nicht mehr so groß wie früher.
Dinge, die ich erfahrungsgemäß nicht mag, probiere ich von Zeit zu Zeit erneut. Man kann ja nie wissen. So habe ich Rosenkohl und Walnüsse neu entdeckt. Und Geleebananen. Echte Bananen dagegen: Geh mir weg damit.
Ich habe mich mit bequemen Schuhen angefreundet, allerdings mag ich es immer noch lieber, wenn sie meine Zehen nicht zerquetschen und trotzdem schön sind!
Fliegende Blätter und Rotkehlchen rühren mich, weil sie so vergänglich sind. Wie ich. Meine Gebete werfe ich wie Vögel in den Himmel und hoffe, sie finden ihr Ziel.
Wenn ich junge Menschen sehe, piekst mich das Kind in meinem Inneren und flüstert: Guck! So waren wir auch mal! Schön war´s, oder? Und dann lächeln wir, gehen weiter und finden es jetzt auch ganz schön.
Und alles ist gut für den Moment.

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  • Pakete (nur die mit geheimnisvollem Inhalt)
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