Liebe Unbekannte

Liebe Unbekannte,

lebst du auch in einem Haus, in dem du alle Türen und Fenster kennst? Jeden Eingang und Ausgang? Und eigentlich ist das meiste gut, du kennst dich aus und weisst, wo du hin willst. Und trotzdem, manchmal fehlt dir etwas, andere Ausgänge, ungewohnte Durchgänge, Luken an einen einsamen Ort, der Tunnel zur Schatzhöhle. An solchen Tagen schließt du die Türen etwas lauter als sonst und öffnest die Fenster, obwohl es draußen regnet und windig ist.
Träume sind Schäume, sagt man, aber das stimmt nicht. Träume erzählen, strecken ihre Hände aus und flüstern: „Komm!“ Sie sind ausdauernd, geduldig und flexibel. Sie gehen mit dir Kaffee trinken, wenn du das willst. Willst du?
Wenn in deinem Haus keine Luken sind, bau welche. Die Welt dahinter bestimmst du. Träume, trink Kaffee und baue. Das Leben ist schön.

Deine Stachelbeermond

Als der Teufel Coaching-Seminare anbietet

Als der Teufel Coachingseminare anbietet, ist Herr F. elektrisiert. Auch seine Mutter meint, dass ihm das nur gut tun könne, ein bisschen mehr Rückgrat würde ihn sicher voranbringen.
Nachdem Herr F. sich angemeldet und einen nicht unerheblichen Teil seiner Ersparnisse an die Unterwelt-Vermögenskasse überwiesen hat, ist er am verabredeten Tag in der örtlichen Volkshochschule. Sein Couching findet in Raum 2.17 statt und mit einer Mischung aus Aufregung und Vorfreude klopft er an die Tür.
Niemand antwortet. Er klopft erneut, zaghafter dieses Mal. Ist er hier richtig? Die Nummer stimmt. Sicherheitshalber sieht er noch einmal auf die knappe Zusage, dann schiebt er die Schultern zurück und öffnet die Tür.
Im Raum sitzt ein sehr dünner, blasser Mann im eleganten Businessanzug hinter einem Tisch. Er blickt nicht auf, als er sagt: „Na endlich. Noch fünf Minuten später und ich wäre weg gewesen. Lesen Sie das Kleingedruckte nicht?“
„Äh… ich…“, stammelt Herr F.
„Das sollten Sie aber besser. Immer das Kleingedruckte lesen, alles. Haben Sie auch nur eine entfernte Ahnung, was da alles drinstehen kann? Mein erster Tipp für Sie.“ Der dünne Mann lacht leise und raschelnd. Dann blickt er Herrn F. scharf an. „Klopfen Sie immer an, wenn Sie in ein von Ihnen bezahltes Seminar gehen?“
Herr F. läuft rot an.
„Nie klopfen“, sagt der dünne Mann und es klingt endgültig. „Zweiter Tipp.“
Herr F. nickt eilig und reisst sich zusammen. „Sind Sie der Teufel persönlich?“ fragt er und ist stolz auf seinen Mut.
„Natürlich nicht. Sie lesen das Kleingedruckte ja wirklich nicht.“ Der dünne Mann tippt mit langen Fingern auf einem schmalen Notebook herum. „Kommen wir zu Ihren Angaben. Herr F., 37 Jahre, ledig, kinderlos, Ihre Mutter lebt bei Ihnen. Angestellter bei Sockenparadies Thies und Sohn.“ Seine Miene verzieht sich. „Sockenparadies. Sie haben es weit gebracht.“
Herr F. stellt seine Aktenmappe auf den Boden. „Wissen Sie, das war alles nicht so einfach, eigentlich bin ich ganz gern bei Thies und Sohn, aber ich würde gern vorankommen. Ich möchte mehr, wissen Sie?“
„Soso.“ Der dünne Mann lehnt sich zurück und schlägt die Beine übereinander. „Mehr.“
Herr F. wischt über den Schweißfilm auf seiner Stirn. „Ja!“ stösst er hervor. „Da muss es doch mehr geben! Wie komme ich da ran?“
Der dünne Mann lässt seinen Blick langsam von Herrn F.s Kopf bis hinunter zu seinen Füßen wandern. Er seufzt und tippt mit dem Nagel des langen Zeigefingers an seine Schneidezähne. „Sie wollen viel“, sagt er, „das war so nicht vereinbart.“
„Aber…“ stottert Herr F.
„Ach, was soll´s, Sie bekommen einen Gratis-Tipp von mir.“ Er lächelt dünn. „Schaffen Sie sich einen anständigen Anzug an. In diesem Ding wird das nie was. Gehen Sie zum Frisör. Eine Maniküre könnte auch nicht schaden.“ Er wirft einen Blick auf Herrn F.s Fingernägel. „Und werfen Sie um Himmels Willen Ihre Mutter raus!“ Der Blick des dünnen Mannes ist streng. „Füllen Sie das hier aus und vereinbaren Sie einen neuen Termin mit uns.“ Er schiebt Herrn F. einen sehr dicken Stapel Formulare zu.
„Aber… aber…“ stottert Herr F.
Der dünne Mann wirft ihm einen Blick zu. Herr F. nimmt die Formulare, greift nach seiner Aktenmappe und geht. Seine Knie zittern. Draußen lässt er sich auf eine Bank fallen und starrt auf die kahle Wand gegenüber.
„War es bei Ihnen auch so schlimm?“
Herr F. sieht nach links. Da sitzt eine füllige Frau. Sie hält denselben Formularstapel in den Händen wie er. Er nickt langsam.
Die Frau schnauft, dann legt sie den Stapel auf die Bank neben sich. „Ich unterschreibe das bestimmt nicht. Man braucht eine Lupe, um das Kleingedruckte zu lesen.“
Herr F. befühlt den Papierstapel. Er ist kühl und glatt unter seinen Fingerspitzen.
„Haben Sie Lust, einen Kaffee mit mir zu trinken? Erfahrungswerte austauschen? Im dritten Stock gibt es einen Automaten.“
Herr F. zögert. Dann nickt er. Zusammen gehen sie zur Treppe. Die Formulare hält er fest in der Hand.

Morgengebet

Morgengebet

ein utopischer Traumfänger
ist durch meine Nacht gehüpft
hat Bruchstücke des Tages gesammelt
erste Corona-Impfung in den USA
Karamellkekse, Telefonate und Tränen
gestapelt zu einem großen Kartenhaus
Werken ist in der Wichtelschule das Hauptfach
lass die Lehrer dort Meister sein
im Kleben von Bruchstücken
im Bauen von Kartenhäusern

verheißen

verheißen
wurde mir vieles
Aussicht
Rückblick
Erfüllung
hier stehe ich
mit meinen Erfahrungen
unter wolkigem Himmel
erstaunlichen
kurvigen Wegen
angefüllt
mit Träumen
nicht alles ist gut
aber
vieles

Blauhimmel

ein Blauhimmel leuchtet
dreht sich langsam
färbt mich durchsichtig blau
malt heilige Tags auf die Tapete
das Zimmer ist still
laut strahlt das Sommerblau
ballt sich zusammen in meiner Hand
lässt mich leuchten
sonnenhimmelhell

Der Dienstag dichtet! 🙂  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch Wortgeflumselkritzelkram, Mutigerleben, Werner KastensFindevogel, die Wortverzauberte, Ein Blog von einem Freund, Lyrikfeder und die Nachtwandlerin sind mit von der Partie. Schaut doch mal bei ihnen vorbei, der Dienstag fängt besser an mit ein bisschen Wortzauberei!

Tja, und da ich den gestrigen Dienstag vergessen habe, weil ich den ganzen Tag lang der Ansicht war, am Dienstag wäre es Montag, denn gestern war ja Sonntag, aber tatsächlich war es EIN Sonntag, aber nicht DER Sonntag, sondern eigentlich Ostermontag, und so bin ich heute, am Mittwoch, tatsächlich einen Tag zu spät dran. Puh. Ist mir auch noch nie passiert. Naja, für alles gibt es ein erstes Mal. Hier also mein Dienstagsgedicht ausnahmsweise am Mittwoch.

an einem Tag im Februar

an einem Tag im Februar
schnippst die Phantasie mit den Fingern
Milliarden goldener Tagträume machen sich auf den Weg
es regnet Sterne
Hängematten
rote Ferraris
glitzernde Vampire
Erdbeeren
Fußmassagen
marinierte Rippchen
und weil ihr danach ist
schickt sie
ein paar Herden grüner Drachen
und Schokoschmetterlinge hinterher
Aufschreie und Juchzer
aus Büros und Fabriken
dann wird es still in den Städten
Träume überall
zufrieden nickt die Phantasie
so soll es sein
im Februar

Der Dienstag dichtet! 🙂  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch Wortgeflumselkritzelkram, Mutigerleben, Werner KastensFindevogel, die Wortverzauberte und  Ein Blog von einem Freund sind mit von der Partie. Schaut doch mal bei ihnen vorbei, der Dienstag fängt besser an mit ein bisschen Wortzauberei!

ich will

der Sonnenschein heute
ich kann ihn nicht ertragen
die Luft ist mild
ich möchte um mich schlagen
von allem zuviel
doch viel zu wenig
ich will alles
jetzt oder niemals
ich will
in neuen Straßen atmen
unter fremden Himmeln suchen
ein anderes Leben finden
zwischen endlosen Momenten
zittert mein Herz
schlägt
singt
bricht auf

Der Dienstag dichtet! 🙂  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch Wortgeflumselkritzelkram, Mutigerleben, Werner Kastens, Findevogel und die Wortverzauberte sind mit von der Partie. Schaut doch mal bei ihnen vorbei!

Zu Beginn

Zu Beginn
Teppiche aus weißer Sehnsucht
klebrig unter den Fußsohlen
bewaffnet mit Stift und Papier
und einer Messerspitze Leichtsinn
stürze ich in den Tanz
löse unlösbare Aufgaben
versuche Geduld und verliere
in der großen Explosion
schrumpfe ich zitternd zur Riesin
schwimme in der silbernen Stadt
schön und gewaltig lässt sie mich ziehen
Millionen Momente
im Ausatmen verflogen
ich gleite weiter
über Teppichen aus weißer Sehnsucht