Büroalltag

Ich sitze hier
mein Hirn läuft rund
Unlust färbt mein Dasein bunt
werkeln sollt ich eigentlich
doch seht! Faul bin ich ganz fürchterlich!
Fantasie treibt all mein Wollen an
öde Zahlen stellt sie hintenan
und so blick ich sinnend aus dem Haus
zupf dem Himmel bunte Wolken aus
laß sie kugeln, schwirrend fliegen
auf zu ungekannten Siegen
mal mir Ritter, Burgen, Elfen,
die den großen Träumen helfen;
voller großer Tatensprünge
Sieg! verkünden und gewinnen
über trocknen Zahlgebinden,
spinnenschwarzen 1-2-3-Kolonnen
die die Seele trüben und verdorren.
Autsch! ein Schatten über mir
und Elfen, Burgen, Ritter
stürzen fliehend im Gewitter
schneller als du schauen kannst
in ein weithin unbekanntes Land
hinter meinen Monitor
denn der Chef ragt hoch empor
wieder ziehen trüb und grau
1-2-3-Kolonnen aus dem Bau
marschieren spinnenbeinig schwarz
in Endlosreihen geradeaus.
Aber! seht doch, dort am Rande
quillt es bunt hervor
der Chef, er ging, und schon sie kamen
zurück aus dem geheimen Rahmen
des entfernten gläsern Landes
und so siegen letzten Endes doch
Wolkentraum und Ritterjoch!

🙂

Heute!

 

Heute werde ich die Wolken genießen und mich hinaufträumen.

Den Wind spüren und lachen.

Ich werde barfuß laufen und Erdbeeren essen und lesen.

Vielleicht werde ich eine Blume pflanzen und mich beim Gießen mit ihr freuen.

Ich werde ein langes Nickerchen machen und langsam aufwachen. Mir die Schwere meiner Lider gönnen.

Ich werde keine Nachrichten hören.

Wenn ein Marienkäfer vorbeikommt, werde ich Zeit für ihn haben.

Vielleicht schreibe ich ein kleines Gedicht.

Und dankbar werde ich sein.

Was mir am Teencamp gefiel (sehr)

willkommen geheißen zu werden

rasend schnelle Helfer beim Zeltaufbau

bei sintflutartigem Regen im Zelt liegen und sich keinen Deut um das Loch kümmern, durch das es hineinregnet

singende (und Häufchen produzierende) Vögel auf meinem Zeltdach als die Sonne aufgeht

morgens  um sechs die Kaffeemaschine für die Mitarbeiter anstellen

der friedliche und einsame Tee um sieben bevor die Meute einfällt

den schattigen, grünbelaubten, weinbergschneckengesäumten Pfad zur Veranstaltungshalle

Morgenandacht im alten Stall auf Sofas inmitten schläfriger Gesichter

in der Sonne kiloweise Kartoffeln schrabben, zuerst zu zweit, dann zu dritt, dann zu viert

Bruno, der Riesenhund, der problemlos einhundert Leute auf einmal lieben kann

Kakao mit Zimt

knallrote Apfelspalten

die experimentelle Tomaten-Rote-Beete-Suppe

Rock´n Roll

das Kühlmoped

die Familie, auf deren Hof wir Chaos veranstalten durften

das Küchenteam

Dankeschön Ü-Eier

Urlaub, was ist das eigentlich?

Vielleicht so:

morgens aufstehen und keine Aufgaben haben
barfuß laufen, auch wenn es regnet
Ameisen beobachten
lesen – mehr lesen – noch mehr lesen
sich auf einen Fleck setzen und da so lange bleiben, bis einem die Beine einschlafen
neue Sommerkleider ausführen
seltsame Eissorten probieren
Seewasser zwischen den Zehen
Sommergedichte auf Postkarten schreiben
viel lachen
sehr viel schlafen
in fremde Kirchen gehen
dankbar sein
sich auf den vertrauten Alltag freuen

Im Eiscafé

abendliches Stimmengewirr bei Aperol Spritz und Cappuccino

man grüßt sich

vor mir im Becher leuchtet es erdbeerrot und vanillegelb

freundlich flitzt die Bedienung zwischen Wünschen und Tischen hin und her

eine Gruppe hübscher Männer zieht gut gelaunt zur Domweih

an der Hand seiner barfüssigen Besitzerin schwebt ein glitzerndes Rieseneinhorn vorbei

lächeln bitte: Vorm Frisörladen gegenüber springen acht perfekt frisierte Frauen mit Kämmen, Haarspray und Föhn in der Hand auf Kommando in die Luft

Gelächter zwischen Eisbechern, darüber schrillt eine ältere Stimme am Nachbartisch

schüchtern guckt der kleine Pinscher unterm Stuhl hervor, seine riesige Halskrause kratzt auf dem Pflaster

das junge Paar sitzt schweigend bei Kaffee und Zigarette

langsam leeren sich die Stühle

Feierabend um neun

Unterwegs mit der Freiheit

Hamburg, 13. Mai 2017, Reeperbahn, Große Freiheit

Was ist denn, Schatz? Du siehst nicht glücklich aus. Geht´s dir nicht gut?

Ach… du denkst, ICH wäre nicht glücklich, weil wir hier sind, auf der Reeperbahn? Aber warum sollte ich hier unglücklich sein? Es gibt hier nicht mehr und nicht weniger von mir als – ach, sagen wir in Blankenese oder Harburg. Glaub mir, du wüsstest das, wenn du hinter die Fenster sehen könntest.

Die Leute, die hier zum Feiern herkommen, sind freiwillig da. Gut, der ein oder andere wurde vielleicht von seinen Freunden gezwungen, aber die große Masse kommt, weil sie das so will. Beste Bedingungen für mich! Und die, die hier in normalen Geschäften arbeiten, sind auch überwiegend freiwillig da. Niemand zwingt sie zum Bleiben, für viele ist das hier Heimat, und sie lieben ihren Kiez.

Du hast allerdings Recht, hier gibt es auch Fälle, da bin ich wütend und möchte alle Ketten sprengen! Sofort! Da frisst mich die Ungerechtigkeit auf, aber trotzdem: Auf der Reeperbahn ist längst nicht alles unfrei.

Hm. Du siehst immer noch nicht glücklich aus. Habe ich etwas gesagt, das dir nicht gefallen hat? Weißt du, du sprichst hier nicht mit der Gerechtigkeit, oder der Gleichheit, und auch nicht mit der Moral, nein, mit der absolut nicht. Ich bin die Freiheit, mir geht es darum, dass Menschen ihre Entscheidungen, wofür auch immer, selber treffen dürfen.

Manche Menschen sagen, wenn es zu viel von mir gibt, endet alles im Chaos, aber du kannst dir denken, dass ich das anders sehe, oder? Und außerdem: Dafür gibt es ja die anderen, die Gleichheit und die Moral und die Gerechtigkeit und wie sie alle heißen.

Und jetzt komm, lass uns einen Kaffee zusammen trinken gehen, wer weiß, wie lange ich noch bei dir bin! Nimm dir die Freiheit!

(sie fasst mich am Arm und zieht mich kichernd mit sich fort)

Meine Freiheit

Hamburg, 13. Mai 2017, Altonaer Strand, Sand zwischen den Zehen

Meine persönliche, kleine Freiheit setzt sich aus vielen Einzelteilen zusammen. Aufstehen und den Platz wechseln dürfen, weil es zu warm ist, ist so ein Teilchen. Den Arbeitstag selber gestalten – wann mache ich was? Allgemeine Vorschriften sind wichtig, klar, aber innerhalb dieser Regeln möchte ich mich frei bewegen dürfen. Ich mag es nicht, wenn mir jemand unbedingt seine Sicht der Dinge aufdrücken will. Ein Beispiel: Warum darf ausschließlich nach einem System abgelegt werden? Wer sagt das? Gab es da einen Volksentscheid, den ich verpasst habe? Wenn aus einem Papierstapel zweimal im Jahr etwas gebraucht wird und dann nie wieder, warum soll ich dann auch noch innerhalb der einzelnen Buchstaben nach Alphabet ablegen? Eine Kleinigkeit, ja, aber solche Dinge möchte ich selbst entscheiden dürfen.

Freiheit setzt sich zusammen aus der Summe der einzelnen Entscheidungen, die ich selber treffen darf. Je weniger, desto weniger Freiheit. Kompromisse sind nötig, ja. Zusammenleben funktioniert sonst nicht. Aber Kompromisse um jeden Preis? Ich weiß nicht. Den Preis möchte ich eigentlich selbst bestimmen dürfen.