Wellenbrink und Gnorm



Teil I

Herr Wellenbrink wachte wie immer mitten in der Nacht auf, weil sein Körper dringend nach der Toilette verlangte. Innerlich seufzend schob er widerwillig die warme Decke zur Seite, setzte sich ächzend auf und angelte mit geschlossenen Augen nach seinen Pantoffeln. Das Licht ließ er aus, denn aus jahrelanger Erfahrung wusste er, dass das Wiedereinschlafen leichter sein würde, wenn er im Dunkeln ins Bad ging. Noch so ein Tribut, den das Älterwerden von einem forderte – die Jahre des seligen Durchschlafens waren wohl für immer vorbei, ganz zu schweigen vom früheren elastischen aus dem Bett springen. Heutzutage war er froh, wenn er ohne Bandscheibenschaden hoch kam.
Schlaftrunken schlurfte er zur Tür, öffnete sie und ging in den dunklen Flur. Früher, ja, da war alles anders gewesen. Da hätte ein kleines Nachtlicht im Flur gestanden, um ihm den Weg zu weisen. Aber seine Frau, Elsi, war nicht mehr da, und er hatte kein neues Licht aufgestellt, als das alte kaputt gegangen war.
Vorsichtig tastete er mit den Händen an der Wand entlang, gleich musste die Ecke nach rechts kommen, hinter der das Bad lag. Er stoppte. Was war das? Ein leises Schlurfen, ein Schleifen, das nicht hierher gehörte. Hier rührte sich normalerweise gar nichts, und nachts war es sowieso totenstill. Ohne das er es verhindern konnte, huschte ein grimmiges Lächeln über sein Gesicht. Totenstill, ja, so war das hier bei ihm. Da! Wieder ein Schleifen, als ob jemand etwas über den Boden zog. Einbrecher? Bei ihm? Jetzt bereute er es, kein Licht eingeschaltet zu haben. Hier hinten gab es keinen Schalter, der Flur war fensterlos und stockfinster. Vorsichtig machte er einen Schritt nach vorne und stieß mit dem Fuß in eine weiche Masse, die erstickt „Aua!“ schrie. Erschrocken riß Herr Wellenbrink den anderen Fuß nach vorne, traf ein zweites Mal die Masse, die dieses Mal „Aaarghh!“ brüllte, ruderte mit den Armen, riß dabei den Garderobenständer um und fiel mit Gepolter schmerzhaft gegen die Wand und dann zu Boden, während die Schals und Mäntel, die an der Garderobe gehangen hatten, sich sanft wie eine Decke über ihn ausbreiteten.
Herr Wellenbrink überlegte kurz, ob er jetzt tot war, aber die Schmerzen in Hüfte und Po sprachen deutlich dagegen. Umständlich versuchte er, sich von den Stoffmassen zu befreien und verwünschte abermals, das Licht nicht eingeschaltet zu haben. Da! Vor ihm bewegte sich etwas in dem Stoffhaufen, sein Mantel wurde ihm von den Knien gezogen, er konnte spüren, wie kühle Luft auf seine Beine traf. Erschrocken ruderte er mit den Füßen, traf noch einmal ins Schwarze und erntete eine ganze Salve von phantasievollen Flüchen.
„Herrgottsakrakruzifixverdammtnochmal! So ein blöder Kackmist! Hab ich´s nicht gesagt, Dunkelheit ist nie gut, aber nein, diese dämlichen Büroasseln wussten es ja wieder besser! Wo ist dieser vermaledeite Lichtstab, wenn man ihn braucht! Au! Tritt mich noch einmal, du grobschlächtiger Mensch, dann vergeß ich mich! Was ist das hier für ein stinkender Stoffberg? Das riecht ja schlimmer als in jedem rattenverseuchten Kanalloch! Dreimal verfluchte regenwurmhäutige Assel! Nimm das von mir runter!“
Herr Wellenbrink atmete tief durch. Was auch immer da gerade passierte, es war besser als sein sonstiges Leben, das sich so langweilig anfühlte wie ein Paar durchgelatschte graue Wollsocken. Vorsichtig tastete er mit beiden Händen in dem Berg herum und hob seinen uralten gelben Regenmantel und eine zerlöcherte Strickjacke hoch, die er längst hatte entsorgen wollen.
„Au! Pass doch auf, du Dämlack! Meine Nase! Mann, immer krieg ich die Alten, nur weil ich einmal, ein-mal was kaputt gemacht habe… ah, mein Leuchtstab!“ Das Gefluche verstummte und mattgelbes Licht flammte auf. Herr Wellenbrink staunte. Halb begraben unter seinem Regenmantel hockte ein dicker kleiner Mann mit Glatze und Blaumann. Er hielt einen Holzstab hoch, von dessen knorrigem Ende das gelbe Licht ausging. Jetzt richtete er sich auf, und Herr Wellenbrink staunte noch mehr. Das waren doch höchstens 40 cm! Was für Menschen waren denn so klein? Und was um alles in der Welt machte er hier bei ihm in der Wohnung?
„Was glotzt du denn so?“ Der kleine Mann stach mit dem Leuchtstab in seine Richtung. „Wohl noch nie einen Wichtel gesehen, was? Ist ja auch kein Wunder, so wie du seit Jahren Weihnachten mit Füßen trittst! Nikolaussinger? Drei-Königs-Tag? Advent? Alles Fremdworte für dich, was?“
Herr Wellenbrink schwankte zwischen Belustigung, Beschämung und Wut. Ja, gut, er hatte Weihnachten in den letzten Jahren etwas schleifen lassen, aber das war doch wohl ganz allein seine Sache, oder? Der kleine Mann sah im schwankenden Licht grotesk aus, wie eine zu groß geratene, seltsame Puppe. Er war zu dick, zu kahl und mit dem Blaumann sah er absolut nicht aus wie ein Wichtel. Die hatte er sich immer ganz anders vorgestellt. Viel … netter.
„Was machst du hier?“ fragte er den Wichtel. Eine dumme Frage, aber etwas besseres fiel ihm nicht ein.
„Gott, wieder diese langweiligen, dämlichen Fragen. Immer dasselbe. Das übliche halt. Dich besuchen, auf den richtigen Weg bringen, blablabla, das, was wir immer tun, zum Schluß Friede, Freude, Eierkuchen und alle sind glücklich. Wer´s braucht…“ Abschätzig wedelte der kleine Mann mit der freien Hand, während er mit der anderen unter dem Regenmantel herumwühlte.
„Mich? Auf den Weg bringen?“ Herr Wellenbrink lachte verwundert. „Wieso das denn?“
„Ja, was weiß ich, ich bin hier nur das letzte Glied in der Kette, der Trottel, der die ganze Drecksarbeit macht, während die Herren Elfen schön Kakao trinken und in der Hängematte liegen. Und du siehst ja, wohin das führt! In die Dunkelheit, zu blauen Flecken, getreten werden und unerquicklichen, unnützen Gesprächen mit dummen Menschen!“ Die letzten Worte stieß der kleine Mann mit großer Verbitterung hervor.
Herr Wellenbrink überlegte. Egal, ob er nun vielleicht doch träumte oder ob ihm das gerade tatsächlich passierte: Das war sein erstes, längeres Gespräch seit Tagen, es mochte sein, dass er Weihnachten in den letzten Jahren erfolgreich ignoriert hatte, aber er hatte bei Gott nicht die Absicht, sich diese Geschichte entgehen zu lassen. Er versuchte zu lächeln, seine Gesichtsmuskeln knarrten bei dieser unerwarteten Anstrengung, aber es gelang ihm halbwegs.
„Weißt du was? Lass uns aufstehen, wir gehen ins Wohnzimmer, trinken einen Likör und du erzählst mir in Ruhe, was du von mir willst.“ Er begann ächzend, sich hochzurappeln. Der kleine Mann seufzte matt, schob die Regenjacke mitsamt der Strickjacke zur Seite und hiefte sich einen schmutzigen Rucksack auf den Rücken, von dem allerlei seltsame Geräte herunterhingen. Herr Wellenbrink erkannte einen Dosenöffner, einen Korkenzieher und Haarklemmen, die anderen Geräte wirkten fremd auf ihn. Der Leuchtstab warf zuckendes Licht an Wände und Decke. Als er es endlich geschafft hatte und sicher auf seinen Beinen stand, starrte er noch einmal staunend auf den Zwerg im Blaumann hinunter, dann stapfte er entschlossen zum Lichtschalter, schaltete die große, trübe Flurleuchte ein und beleuchtete das Durcheinander, das er angerichtet hatte. Die Garderobe hatte nicht nur alle Kleidungsstücke fallengelassen, sondern auch gleich noch den Schirmständer und das Schuhregal mitgerissen. Ein Wunder, dass weder er noch der Zwerg sich schlimmer verletzt hatten. Vermutlich würden sie beide schlimme blaue Flecken bekommen, aber das war jetzt zweitrangig.
„Komm schon, hier geht´s ins Wohnzimmer“, sagte er, drehte sich um und ging voran, ohne zu warten, ob der Zwerg nachkommen würde. Er war sich sicher, dass er ihm folgen würde, ohne sagen zu können, woher er das wusste. Und richtig. Verdrossen vor sich hin murmelnd folgte ihm der Kleine ins Wohnzimmer, sah sich um und steuerte den bequemsten Sessel an – seinen Sessel. Großzügig beschloss Herr Wellenbrink, heute ausnahmsweise das Sofa zu nehmen. Während er zwei Gläser und den Schlehenlikör aus der Vitrine nahm, beobachtete er aus dem Augenwinkel, wie der Zwerg am Bein des Sessels gekonnt hochkletterte.
„Ja, was? Guck nicht so! Was meinst du denn, wie wir überall reinkommen – mit Glitzerstaub etwa? Nene, das ist harte Arbeit, und nie, nie! wird sie gewürdigt, weil ja immer alles geheim bleiben muss!“ Bei dem Wort „geheim“ machte er mit beiden Händen Wackelbewegungen, wohl um die Absurdität des Ganzen zu betonen. Herr Wellenbrink machte zustimmende Geräusche und reichte dem Zwerg ein randvolles Glas Likör. Der nahm es mit beiden Händen entgegen, setzte an und trank mit großen Schlucken, bis das Kristallglas leer war. Er schmatzte behaglich, rülpste heftig und hielt ihm das Glas erneut hin. „Nochmal vollmachen! Der ist gar nicht übel!“
Herr Wellenbrink atmete tief durch – sein guter Schlehenlikör hatte gut und gern an die 30% Alkoholgehalt, aber gut, von nichts kam nichts. Er schenkte nach, ließ die Flasche aber dieses Mal auf dem Rand des Glases liegen, bevor der kleine Mann erneut ansetzen konnte.
„Ich dachte, wir könnten uns ja mal vorstellen, nachdem wir uns auf so, äh, ungewöhnliche Weise kennengelernt haben. Mein Name ist Fritz Wellenbrink.“ Er stieß mit seinem Likörglas vorsichtig an das des kleinen Mannes, während er weiterhin den Flaschenhals darauf liegen ließ.
„Namen! Namen! Was interessieren mich Namen! Ihr seht für mich sowieso alle gleich aus! Und du, du bist sowieso ein hoffnungsloser Fall! Ach, egal, was solls. Gnorm.“
„Gnorm?“ fragte Herr Wellenbrink mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Ja was? Ist dir der etwa nicht gut genug? Gnorm! Gnorm! Wie der berühmte Höhlenkundschafter, der 1736 die größte je gefundene Echohöhle unterhalb der Pyrenäen entdeckt hat! Voll mit gläsernen Stalaktiten! Ach, was rede ich hier, Perlen vor die Säue…“ mit einer entschlossenen Handbewegung drückte Gnorm den Flaschenhals von seinem Glas weg und trank es das zweite Mal komplett leer. Herr Wellenbrink nickte nachdenklich, nippte an seinem Likör und schenkte Gnorm ein drittes Mal nach.
„Gnorm. Nein, das ist absolut in Ordnung. Also, Gnorm, was machst du hier in meiner Wohnung, mitten in der Nacht?“
Der Zwerg nahm kleine Schlucke aus seinem Glas, während er antwortete. „Tja, jetzt ist es wohl zu spät für Heimlichkeit und Unsichtbarkeit, was?“ Er starrte Herrn Wellenbrink aus kleinen grauen Augen an. Bei jedem Augenzwinkern verrutschten seine Pupillen ein wenig, so dass er aussah, als ob er schielen würde. Der Schlehenlikör tat seine Wirkung. „Ich sollte dich zurückholen. Weil du Weihnachten seit Jahren komplett ignorierst. Wir haben dir Sternsinger geschickt, dich Eintrittskarten für die Weihnachtsmatinee gewinnen lassen, deine Nachbarn haben Päckchen an deine Tür gehängt – nichts. Wir haben dein Radio manipuliert, damit es hauptsächlich Weihnachtslieder spielt, Kollegen von mir haben dir sogar nachts schöne Gedanken ins Ohr geblasen, alles umsonst. Du bist echt ´ne harte Nuß. Völlig retist-, reschis-, resistent!“ Er hickste laut. „Ich bin deine letzte Chance! Tjahaaa, deine leeeetzte Chance!“ Er hickste noch einmal.
Herr Wellenbrink nickte langsam. „Ok. Und warum hat man ausgerechnet dich zu mir geschickt?“
„Ach!“ Gnorm schloß die Augen und öffnete sie in Zeitlupe wieder. „Ich hab halt gepasst. Passt. Hum. Mir ist da vielleicht ein, zweimal ein kleines Mißgeschick passiert, bei Aufträgen, weisssst du… vielleicht hat mich das ein oder andere Kind gesehen… vielleicht ist das ein oder andere Mal was kaputt gegangen… obwohl ich niiiiichts dafür konnte!“ Tränen traten ihm in die Augen, weinerlich fuhr er fort: „Gaar nichtsss konnte ich dafür, über-haaaupt nix!“ Er nahm noch einen großen Schluck Likör. Das Glas war wieder leer. „Du bissst auch meine leeeetzte Chance, weisssdu?“ Er schwankte dramatisch, sah sich mit glasigen Augen verwundert um, fiel dann im Sessel zur Seite und fing sofort an, laut zu schnarchen. Dabei umklammerte er nach wie vor mit beiden Händen das leere Likörglas.
„Sowas hab ich mir schon gedacht“, murmelte Herr Wellenbrink leise, während er Gnorm betrachtete. „Vielleicht sind wir ja gegenseitig unsere letzte Chance.“ Dann stand er auf und nahm Gnorm vorsichtig das Glas aus den Händen. Er breitete seine Kamelhaardecke über ihm aus und stellte den kleinen Rucksack mit den wunderlichen Gegenständen ordentlich neben das Sesselbein, den Leuchtstab legte er neben ihm auf den Sessel.
Schon im Flur hatte er sich dazu entschlossen, diese neue Entwicklung nicht ungenutzt vorbeiziehen zu lassen. Jetzt würde er schnell ins Bad gehen und es sich dann auf dem Sofa gemütlich machen, damit sein neuer Bekannter am Morgen nicht einfach das Weite suchen konnte.
Während er in den Flur ging, ertappte Herr Wellenbrink sich dabei, dass er den Radetzkymarsch vor sich hin pfiff. Wenn das kein gutes Zeichen war, wusste er auch nicht weiter.

 

(Ja, ich weiß, das habe ich schon mal veröffentlicht, letztes Jahr im Dezember, um ganz genau zu sein. Aber: Mit Wellenbrink und Gnorm geht es jetzt weiter! Und da muss man Teil I leider noch mal lesen, sonst fehlt einem eine Menge Wissen. Und das geht ja gar nicht!)

Krabben II

Er

Das erste, was ihm an ihr aufgefallen war, waren ihre Hände. Sie konnte zupacken, war sich auch nicht zu schade, direkt ins volle Netz zu greifen, als sie es an Bord hoben, voller zappelnder kleiner Fische, die sie nur für ihre Kamera gefangen hatten und später wieder über Bord werfen würden. Lange, schlanke Finger hatte sie, strich mit ihnen immer wieder einzelne Haarsträhnen zurück hinter die Ohren. Er hatte sofort weggesehen, hatte sich auf das Schiff konzentriert und auf seine Netze, die eigentlich Krabben fangen sollten, aber jetzt im Frühjahr keine fanden. Unbedingt hatte sie an Bord gewollt, um mit ihm über die schlechte letzte Saison zu sprechen und darüber, was das für seine Familie bedeutete, und er, er war genervt gewesen. Diese ewigen Berichte, die sowieso nichts brachten, die seinem Vater Hoffnung machten, die sich nie erfüllte und ihn jedes Mal kleiner und grauer zurück ließ. Sein Bruder hatte so lange auf ihn eingeredet, bis er nachgegeben hatte, und jetzt standen sie hier, an einem kühlen Märzmorgen bei gnädiger See, das Deck voller kleiner Fische, und er konnte nicht aufhören, sie anzustarren. Sie sprach mit seinem Bruder, lachte, wandte das Gesicht zur aufgehenden Sonne, die einen rötlichen Schein über ihre Haut warf. Alida. Wer hieß denn so? Niemand, den er kannte. Sie hatte die Kamera weggelegt, alle Bilder waren geschossen, und er ärgerte sich, weil er vorhin kein Wort herausgebracht und das Reden wie immer seinem Bruder überlassen hatte. Andererseits, wo sollte das schon hinführen, ein Krabbenfischer kurz vor der Pleite und eine Journalistin, das hatte keine Zukunft. Er wandte den Blick ab, trat an die Reeling und blickte ins Wasser. In den Wellen spiegelte sich ihre Silhouette.
Sein Bruder lachte, entließ die Fische aus dem Netz, wandte sich um und ging in die Kabine. „Wir fahren zurück, Mathes, ok?“ rief er ihm zu und warf den Motor an. Der Schiffsdiesel ließ das Deck zittern, dann fuhr das Boot eine lange, gemächliche Kurve und nahm Kurs auf ihren Heimathafen.
Die Journalistin hielt sich immer noch an einem der Seile fest und blickte zurück ins Kielwasser, über dem die Möwen gierig Ausschau nach Fischen hielten und sich dabei die Seele aus dem Leib kreischten. Er machte einen Schritt auf sie zu, rutschte aus, ging zu Boden und riß die Journalistin mit sich. Sie landete auf ihm, ihre Haare fielen auf sein Gesicht und ihr Ellenbogen landete in seinem Magen. Zischend stieß er die Luft aus, dann blickte er in ihr Gesicht, das direkt über seinem hing. Sie sah ihn aus grauen Augen an. „Hej“, sagte sie und lachte.
Er holte tief Luft. „Hej“, sagte er.

Krabben I

Sie

Der Wind riß Haarsträhnen aus ihrem Zopf, die sie ohne großen Erfolg immer wieder hinter ihre Ohren strich. Die See verhielt sich verhältnismässig ruhig, und sie war froh darüber. Nichts konnte sie jetzt weniger gebrauchen als seekrank zu werden, nicht nachdem sie die Krabbenfischer endlich davon überzeugt hatte, sie auf eine Ausfahrt mitzunehmen. Die Fänge waren schlecht, und das schon seit Monaten. Was machte das mit Menschen, die in sechster Generation Krabbenfischer waren? Sie schnupperte an ihren nach Fisch riechenden Händen und lächelte stolz. Einen Tag pro Woche hatte sie ihrem Chef abgerungen. Einen Tag lang durfte sie nach ihren eigenen Geschichten suchen und sich von all den Schützenfesten und Schulkonzerten erholen, die endlos durch ihr kleines Provinzblatt wanderten.
Der Kutter schwankte wie ein großes, betrunkenes Tier. Die Brüder zogen zum dritten Mal ihre Netze nach oben und wieder waren keine Krabben darin. Nur winzige silberne Fische hatten sich in den Maschen verfangen, zu klein, um sie verwerten zu können.
Der gesprächigere der beiden stand neben ihr, betrachtete wie sie den Sonnenaufgang und machte eine Bemerkung über Romantik auf See und rote Sonne auf silbernen Fischbäuchen. Sie lachte. Er hatte etwas von einem jungen Welpen an sich. Der ältere Bruder dagegen vermied überflüssige Worte, den ganzen Morgen über hatte er höchstens drei Sätze mit ihr gewechselt. Ob er sauer war, weil sie nicht nachgegeben hatte? Sie fühlte seinen Blick im Rücken, aber immer, wenn sie sich umdrehte, sah er weg.
Das Boot fuhr eine lange Kurve und nahm Kurs zurück zum Hafen. Sie beobachtete das Kielwasser, das schäumend eine lange Spur durch die Wellen zog. Neben ihr stand der ältere Bruder und hielt sich an der Reeling fest. Sie dachte darüber nach, wie sie zuhause den ersten Entwurf ihres Artikels schreiben würde, als der Mann neben ihr ausrutschte, ihr die Beine unter dem Leib wegriß und mit ihr zusammen auf das Deck fiel. Sie landete der Länge nach hart auf seinem Körper, ihr Ellenbogen drückte in seinen Magen, und er stieß zischend die Luft aus. Erschrocken blickte sie in sein Gesicht, ihre Haare fielen auf seine Stirn und seine Wangen. Zum ersten Mal sah er sie direkt an. Er hatte schöne Augen. Sie waren braun wie die polierten Decksplanken seines Schiffes.
„Hej“, sagte sie und lachte.
Er holte tief Luft. Ihr Ellenbogen hob sich sacht unter seinem Atemzug.
„Hej“, sagte er.

Erbsensuppe

Erbsensuppe

„Ganz schön heiß heute, was?“ Der Kioskbesitzer zog seine alte Schirmmütze vom Kopf und wischte sich mit einem zerknitterten Stofftuch den Schweiß von der Stirn. „Soll ja heute noch Sturm geben. Vielleicht regnet´s mal. Wär ja schön. Meine Blumen könnten ´n bißchen Feuchtigkeit gut gebrauchen.“ Er nickte in Richtung zweier runder Betonkreise vor seinem Kiosk, die mit roten Geranien bepflanzt waren und ähnlich zerrupft aussahen wie er. Mit einem leisen ‚plopp‘ stülpte er die Schirmmütze zurück auf seine spärlichen Haare.
Jolanka nickte abwesend und nahm einen Löffel Erbsensuppe. Geranien konnte sie nicht ausstehen.
„Machense gerade Feierabend? Ganz schön spät, was?“
„Jeder so, wie er kann.“
„Ja, is schon klar. Ich frag ja auch nur. Is manchmal´n bißchen langweilig hier, wissense?“
„Langweilig? Hier kommen doch ständig Leute vorbei und kaufen was, oder?“
„Schon. Aber die reden nich. Keiner hat Zeit. Und die, die Zeit haben, sind meistens schon ziemlich besoffen, wennse hier auftauchen. Oder werden es dann ziemlich schnell.“ Er seufzte. „Manchmal komm ich mir vor wie so´n Dealer, wissense, ich sollte all das Zeug hier echt nich verkaufen. Aber ohne geht auch nich. Dann ist der Umsatz mies. Ißt ja nicht jeder ´ne Erbsensuppe wie Sie.“
„Die ist übrigens gut.“ Zu ihrer eigenen Überraschung musste Jolanka nicht mal lügen. Die Suppe war wirklich gut.
„Ist´n Rezept von meiner Mama, Gott hab sie selig. Koch ich jeden Morgen frisch. Eigentlich ja nur für meine Stammkunden, aber Sie haben so verhungert ausgesehen…“ Er blickte mißbilligend auf ihre dünnen Beine.
Jolanka lächelte widerstrebend. „Nur für Ihre Stammkunden? Wirklich?“
„Ach, wissense, die Jungs hab´n doch sonst nichts. Nur mich und den Kiosk. Das ist nich viel, selbst wenn man die Geranien dazurechnet. `N bißchen Bier in bezahlter Gesellschaft…“ Er verstummte kurz und betrachtete die Regale, in denen Dosen und Flaschen standen. „Und irgendwann dachte ich, dann können wir´s uns doch auch ´n bißchen nett machen. Erbsensuppe kann ich, meine Gäste haben ´n billiges Mittagessen und ich Gesellschaft.“ Er beugte sich nach vorn über den Tresen, sah nach links und rechts und flüsterte:“ Wissense, ich darf die ja eigentlich gar nicht verkaufen, hab keine Lizenz dafür und so, aber wenn´s keiner verrät, ist es doch gar nicht passiert, oder?“ Er lächelte ihr verschwörerisch zu.
Jolanka ließ den Löffel in die leere Plastikschale fallen. Der heiße Wind drückte die Geranien in die Betonkreise und wirbelte Staub auf. „Stimmt. Schönen Abend noch.“
„Gleichfalls! Machenses gut!“
Sie spürte seinen Blick im Rücken, als sie zum Auto ging. Ihr Entschluß stand. Ihr Auftraggeber würde sich einen anderen Privatdetektiv für seine Beweissuche gegen den Kioskbesitzer suchen müssen. Wenn es nach ihr ging, würde die Erbsensuppe bleiben. Sie war wirklich gut.

Fräulein Honigohr schaukelt

Fräulein Honigohr betritt den Spielplatz und geht zielstrebig auf die Nestschaukel zu. Sie lässt sich nieder und holt ihr Buch heraus, während die Schaukel sanft hin und her schwingt.
„He! Die ist nicht für alte Leute!“
Fräulein Honigohr blickt auf. Zwei Jungs hängen lässig auf den Brettschaukeln neben ihr.
„So?“ sagt Fräulein Honigohr. „Wer behauptet das?“
„Ich!“ Der kleinere grinst auf eine Art, die Fräulein Honigohr überhaupt nicht gefällt. „Sie sind viel zu alt. Gehen Sie lieber zu ihrem Häkelclub!“
Fräulein Honigohr spitzt den Mund. „Du hast interessante Ansichten. Und für diesen Platz bist du auch zu alt.“
„Ist doch egal!“ ruft der größere. „Das ist unser Platz! Verziehen Sie sich!“
Fräulein Honigohr legt einen Finger zwischen die Buchseiten. „Wenn ihr unbedingt einen Spielplatz besitzen wollt, bitte. Aber in dieser Schaukel, da sitze ich. Ihr könnt ja schließlich nicht alle gleichzeitig belegen.“
„Alte! Mach dich vom Acker, aber ein bisschen plötzlich!“ Der größere steht auf und kneift die Augen zusammen, während der kleinere überlegen grinst.
Fräulein Honigohr schüttelt den Kopf. „Wisst ihr was? Ich lese gerade ein Buch über Vogelflug. Und ich brauche Übung. Ihr solltet euch festhalten.“ Sie schließt die Augen. Die Seile der Brettschaukeln lösen sich aus der Verankerung und werden zu Vogelschwingen, die Schaukelbretter schieben sich den Jungs unter die Oberschenkel. Mit kräftigem Schlag heben die Vogelschwingen die Jungs in die Luft und tragen sie davon. Fräulein Honigohr hört sie ängstlich aufschreien, aber sie blickt nicht auf und liest weiter.
Eine Viertelstunde später rauscht es über ihr. Ohne hinzusehen nickt sie. Einen Blick später sitzen zwei Jungs mit verwehten Haaren atemlos im Sandkasten.
„So. Ich bin fertig. Ihr könnt euren Spielplatz zurück haben. Macht was draus.“ Fräulein Honigohr erhebt sich und verstaut das Buch. Es ist Zeit für ihren Vormittagstee. Pfeifend macht sie sich auf den Weg.

Das war ein Beitrag zu den Etüden, organisiert von Christiane (vielen Dank!). Unterzubringen im Text waren Vogelflug, ängstlich und schwingen, die Wortspende kam von Ulli Gau aus ihrem Café Weltenall. Und wieder habe ich hart gekämpft, um die maximal 300 Wörter einzuhalten!

Ein britisches Frühstück

Sir Robert blätterte in seiner Zeitung und versuchte, sich auf die Cricketergebnisse zu konzentrieren. Das war nicht einfach, denn auf der anderen Seite des Frühstückstisches saß seine schlecht gelaunte Frau und hatte nicht die Absicht, ihn in Ruhe zu lassen. Die Sonne schien durch die hohen Bleiglasfenster des Wintergartens direkt auf sein Frühstücksei, das bereits geköpft in seinem silbernen Halter steckte. Während er die Net-Run-Rate seiner Lieblings-Cricketmannschaft studierte, streckte er geistesabwesend die Hand nach dem Salz aus, wurde aber jäh unterbrochen.
„Robert! Du weißt doch, dass du das jodhaltige Salz nehmen sollst! Dr. Smith hat extra gesagt, wenn du deinen Haarausfall noch irgendwie stoppen willst, sollst du Jod essen! Wann lernst du es endlich!“ Seine Frau starrte ihn gereizt an, ihre Hand drückte seine auf das gestärkte Tischtuch. Unangenehm berührt zog er seine Hand weg und griff nach dem anderen Salzbehälter.
„Siehst du! Es geht doch!“ Seine Frau schnaubte und griff nach einem Toast.
Sir Robert seufzte innerlich. Diese Heirat war der Fehler seines Lebens gewesen. Seine Frau hatte alle Bereiche seines Daseins unter ihre Kontrolle gebracht und sein Konto gleich mit. Es gab nichts, das sie nicht entschied: Was sie aßen, wohin sie in Urlaub fuhren, wie das Herrenhaus geführt wurde, das eigentlich sein Erbe gewesen war. Als letzten Rückzugsort hatte er nur noch sein Gewächshaus, das sich fast unsichtbar hinter einer Hecke verbarg. Seine Frau hatte eine einzige Schwäche: Sie war allergisch gegen Erdnüsse und hatte sie weiträumig aus ihrem Leben verbannt.
Sir Robert nahm einen Schluck Tee und warf einen vorsichtigen Blick über die Zeitung. Seine Frau bestrich ihren Toast mit der Haselnußcreme, die sie jeden Morgen aß. Sie bemerkte nicht, dass er sie gefälscht hatte, mit gemahlenen, selbst angepflanzten Erdnüssen aus seinem geliebten Gewächshaus.
Und so würde letztendlich doch noch alles zu einem guten Ende gelangen.

Das war ein Beitrag zu den Etüden mit dreihundert (hart umkämpften) Worten. Sie werden organisiert von Christiane (vielen Dank, das ist eine ganz schön aufwendige Sache, die du da für uns machst!), die Wortspende kam dieses Mal von fraggle und bestand aus den Wörtern Gewächshaus, jodhaltig, fälschen und hat eine Menge Leute zu höchst kriminellen Texten inspiriert! 🙂

Fräulein Honigohr am Meer

Fräulein Honigohr am Meer

Fräulein Honigohr schüttelt den Sand von den Stiefeln und streicht sich die Haare aus dem Gesicht. Ihre Manteltaschen sind muschelschwer und auf Herrn Brummecks linker Schulter liegt ein riesiges Stück Treibholz. Zufrieden hakt sie sich bei ihm ein, es ist Zeit nach Hause zu gehen. Kurz vorm Ziel bleiben sie vor einem kleinen, alten Haus stehen, in dessen Vorgarten Dahlien blühen. Ein Mann, der mindestens genauso alt wie das Haus ist, harkt den Sandweg zur Gartenpforte.
„Was für einen wunderschönen Garten Sie haben!“ ruft sie begeistert. „Und diese Dahlien!“
Der Mann blickt auf, stützt sich auf seine Harke und blickt voller Stolz auf die riesigen Blütenköpfe. „Ja, nicht? Ich züchte sie selbst.“
„Wirklich? Toll. Die rotweißen finde ich am schönsten!“
„Ach guck. Meine Frau mag die auch am liebsten.“ Er lächelt. „Sie sind wohl im Urlaub hier, was? Da haben Sie ja gutes Wetter erwischt.“
„Oh ja, die Sonne scheint, und das Meer ist ganz kabbelig, ein bisschen rastlos. Ich glaube, der Wind ärgert es heute zuviel.“
Der alte Mann sieht Fräulein Honigohr überrascht an, dann überzieht ein Grinsen sein Gesicht. „Genau so ist es! Ich hätte das nicht besser sagen können!“
Die beiden sehen sich an, unausgesprochenes Einverständnis im Blick. Herr Brummeck schiebt sein Stück Treibholz geduldig von der einen auf die andere Schulter.
Fräulein Honigohr erwärmt sich für das Thema. „Die Wellen flüstern heute, sie ratschen richtig. Sie müssen unbedingt mit Ihrer Frau an den Strand gehen und zuhören!“
Ein kleiner Schatten zieht über das Gesicht des Mannes. „Ach… wissen Sie, das geht nicht. Meine Frau hat schlimme Beine, Spaziergänge sind da leider nicht drin. Früher, ja, da konnten wir von hier aus das Meer sehen, nur ein Stückchen, aber das hat gereicht. Jetzt… naja, Sie sehen ja selbst.“ Er weist mit der Hand auf die andere Straßenseite.
Fräulein Honigohr blickt hinüber. Da steht ihr Hotel. Ein hübsches Hotel, nicht zu groß, in einem sonnigen Gelb gestrichen und mit Blumen vor den Fenstern. Aber es steht leider auch ziemlich breit drei Stockwerke hoch da und versperrt dem kleinen, alten Haus den Blick aufs Meer.
Der Mann reicht Fräulein Honigohr drei rotweiße Dahlienblüten über den Zaun. „Hier, bitteschön. Für Sie.“
Fräulein Honigohr blickt auf die Dahlien und dann zu Herrn Brummeck. Er hebt die Augenbrauen. Fräulein Honigohr atmet ein, Dinge verschieben sich, der Wind kräuselt seine Schwingen und das Meer hält die Luft an. Dann setzt das Rauschen wieder ein und Fräulein Honigohr nimmt dem Mann die Dahlien aus der Hand. „Das ist ja so lieb von Ihnen! Ich werde sie gleich in die Vase stellen. Vielen Dank!“ Sie blickt zum Hotel. „Ach, übrigens: Ich weiß ja nicht, wo Sie hingucken, aber ich kann das Meer sehen. Da ist es!“
Der alte Mann folgt ihrem Blick und stutzt. Er sieht vom jetzt nicht mehr so breiten Hotel zu Fräulein Honigohr und guckt dann auf den kleinen Streifen blau, der neben dem Hotel leuchtet. Wie Fräulein Honigohr gesagt hat: Das Meer ist heute kabbelig, nervöse weiße Schaumkrönchen hüpfen auf und ab.
Der Mann fährt mit der Hand zum Kopf und streicht über seine Haare, während er das Meer anstarrt. Langsam breitet sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. „Irmgard“! ruft er dann und eilt auf seine Haustür zu. „Irmgard!“
Herr Brummeck hakt sich bei Fräulein Honigohr ein. „Komm“, sagt er, „das Abendessen wartet. Ich bin übrigens sehr gespannt. Ich wollte immer schon mal in einem dreieckigen Hotel wohnen. Mal sehen, wie sich das anfühlt.“

(Liebe Katja, vielen lieben Dank, dass du deine wunderbare Zeichnung online gestellt hast und ich sie nun sogar hier veröffentlichen darf!!! Wer mehr von Katjas Zeichnungen sehen möchte, klicke bitte hier. Oder folge ihr auf Facebook! Ihre Bilder machen gute Laune, garantiert. Ich persönlich möchte andauernd in ihre Häuser und Wohnungen einziehen. Bislang ist es mir noch nicht gelungen, aber ich arbeite dran 🙂 .